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Full text of "Zeitschrift für Ethnologie"

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& 


ZEITSCHRIFT 

FÜR 


ETHNOLOGIE. 


Organ der Berliner Gesellschaft 

für 

Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. 



• ••• • • 


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•••• •• 


••' .• •• 


Siebenunddreissigster Jflb^gim^."'- 
1906. :••••: 


Mit IS Tufolti und 1 KartonbpUasfW: 


BERLIN. 

Verlag von A. As her & Co. 
1905. 


Mi^ deu Inhalt der Abhandlaugeii und Yorträge 
'••islnd die Autoren allein Terantwortllch« 


Ua75J2 


Chronologisches Inhaltsyerzeichnis 

der einzelnen Hefte. 


Heft I. 

Seite 
Verzeichnis des Vorstandes, des Ansschasses nnd der Ehrenmitglieder S. 1, — der 
korrespondierenden Mitglieder S. 2, — der ordentlichen Mitglieder (einschliess- 
lich der immerwährenden) 5 

Übersicht der dorch Tausch, Ankauf oder als Geschenk zugehenden periodischen 

Veröffentlichungen 14 

L Abhandlangen ond Vorträge. 

1. ¥• Grftbner: Ealturkreise und Knlturschichten in Ozeanien (6 Teztabb.) .... 28 

2. B. Ankermann: Kulturkreise und Knlturschichten in Afrika (5 Teztabb.) ... 54 

3. H. Schmidt: Die Keramik der makedonischen Tnmuli (90 Teztabb.) 91 

4. E« Bdssler: Bericht über archäologische Ausgrabungen in Transkaukasien 

(119 TezUbb.) 114 

II« Verhandlungen. 

Sitinng Tom 21. Januar 1906. Begrüssung der Mitglieder durch den Vorsitzenden 

5. 152. — Wahl des Ausschusses nnd des Obmanns 8. 152. — Ewald, Wetzstein nnd 
Pyl t S. 152. — Neue Mitglieder 8. 152. — 50jfthrig68 Doktorjubilftnm des Hm. Professor 
Dr. Aschorson S. 153. — Geschenk der Frau Geheimrat Bartels 8. 153. — 25 jähriges 
Jubiläum des Westpreussischen Prorinzialmuseums und des Direktors Hrn. Professor 
Dr. Conwentz in Danzig 8. 153. — Begrüssung der Gäste 8. 153. — Demonstration der 
V. Lu seh an sehen Tafel zur Bestimmung der Hautfarbe 8. 153. — Ta kä-käi-käi Tabu, 
Maasa 8. 153. — Zur Ebtstehung der 8piraldekoration, Wllke 8. 162. — Die fraglichen 
fossilen menschlichen Fussspuren im Sandsteine ron Wamambool, Victoria (2 Teztabb.), 
W. Branee 8. 162. — Datierbare 8ilezgeräte aus den Türkisminen von Maghara in der 
8inaihalbinsel (Tafel I u. II), £• Bracht 8. 173. — Kjsylbasch- und Jürükendörfer m 
der Gegend des Turkmendag (10 Teztabb.), £. Brandenburg 8. 188, t. Lusekan 8. 197, 
Jürüken und Konjaren in Makedonico (11 Teztabb.), F. Traeger 8. 198. 

Augserordentllebe Sitznng Tom 28. Januar 1905. Begrüssung der Gäste 8. 207. 
— 8chädel mit einem Processus asteriacus (Tafel III), Haferland 8. 207. — 8ilez- 
manufakte in der Altmark, Zechlln 8. 209. — Prähistorische Funde unweit 8idon und 
Gebeil (Byblos), r. Landau, Staudinger 8. 209. — Übersicht über den bisherigen 
Verlauf der Reise des Professor Dr. Klaatsch in Australien, Waldeyer 8.211. — Über 
seinen Aufenhalt in 8t. Louis und die Anthropologische Abteilung der Weltausstellung 
daselbst, Waldeyer 8. 213. — Über die Entstehung des Gottesgedankens insonderheit 
bei den amerikanischen Urzeitvölkem, K. Brejsfg 8. 216, Qrlbnery Arehenhold, 
T. d. Steinen, Ehrenreleh, Brejsfg 8. 218. 


— IV — 

IIL Literarische Besprechungen. 

Andree, Richard, Votiye und Weihegabon des katholischen Volkes in Süddeutsch- 
land. Braunschweig 1904. S. 222. — Salin, Bernhard, Die altgermanische Tieromamentik. 
Stockholm 1904. S. 225. — Köhler, Arthur, Verfassung, soziale Gliederung, Recht und 
Wirtschaft der Tuareg. Goth^ 1904. S. 228. — Grierson Hamilton, The silent trade, 
a contribution to the early historj of human intercourse. Edinburgh 1903. S. 229. — 
Prietze, Rudolf, Haussa-Sprichwörter und Haussa-Lieder. Kirchhain N.-L., o. J. 8.229. 

IT. Eingänire für die Bibliothek S. 230. 


Heft n nnd m. 

Seite 
Adolf Bastian, Gedächtnisfeier am 11. März 1905. (Hierzu Tafel IV) 233 

I. Abhaudlnngen und Vorträge« 

1. S* Baglloni: Beitrag zur Vorgeschichte des Picenums, Italien (42 Textabb.) . . 257 

2. E« Förstemann: Zwei Hieroglyphenreihen in der Dresdener Mayahandschrift . . 265 

3. P« Fayrean: Nene Funde aus dem Diluvium in der Umgegend von Neuhaldens- 

leben, insbesondere der Kiesgrube am Schlosspark von Hnndisburg (5 Textabb.) 275 
Diskussion: M. Blanckenhom, Wiegers 284 

4. G. Oppert: Die Gottheiten der Indier 296 

II. Verhandinngen« 

Sitznng vom 18. Febmar 1905. Stolpe, Brecht, v. Brandt f S. 354. — 
80. Geburtstag des Hm. Geheimrat Mob ins und 70. Geburtstag des Hm. Geheimrat 
Baer S. 354. — Nene Mitglieder S. 354. — Vertretung des Vorsitzenden 8.354. — Ein- 
ladung zum I. Internationalen archäologischen Kongress in Athen und zum XV. Deutschen 
Geographentag in Danzig S. 355. — Über primitives Handwerkzeug, Werner -Stolp 
(3 Textabb.) S. 355. — Die linear-geometrische Keramik Südungaras, y. Mfske-Köszeg 
8. 357. — Neolithische Tongefässscherben des Perm-livländischen T^pus und Kieselartefakte 
von Palkino, russ. Gouv. Perm (35 Textabb.), Schoetensack S. 357. — Über einen Gold- 
fnnd in Schweden, Finn S. 364. — Slavische Schläfenringe (2 Textabb.), Lissaner 

5. 366. ^ Eine chinesische Weltkarte, F. W. K. Müller S. 3()6. — Grabfund von Sonne- 
walde im Kreise Luckau (5 Textabb.), Grosse S. 367. — Über verzierte Eisenlanzenspitzen 
als Kennzeichen der Ostgermanen (30 Textabb.), Kossinna S. 369. — Über Jadeit- und 
anderen Schmuck der Mayavölker (12 Textabb.), Dieseldorff, v. d. Steinen S. 408. — 
Über die Ausstellung der von der Turfan-Expcdition mitgebrachten Sammlung, Cordel, 
Lissaner S. 412. — - Über die kultur- und sprachgeschichtliche Bedeutung eines Teiles 
der Turfan-Handschriften, F. W. K. Müller 8. 414. — Über die kultur- und sprach- 
geschichtliche Bedeutung der Brahmitexte in den Turfan-Handschriften, Stönnor S. 415. 
— Die Schädel aus Turfan (11 Textabb.), Lissaner S. 421. — Über die Bedeutung ge- 
wisser Tontecbnikcn der Naturvölker für die technische Darstellung des antiken roten 
Terra sigillata-Glanzes, Dlergart S. 432. 

Sitznng TOm 25. Mftrz 1905. Heise des Hrn. Lissaner nach Athen S. 434. — 
Bastian, Flaschen draeger und Hartmann f S. 434. — Neue Mitglieder S. 434. — 
70. Geburtstag Richard Andrees S. 434. — Begrüssung der Gäste S. 435. — Reise des 
Hm. F. W. K. Müller nach Algier S. 435. — Ernennung des Hm. v. d. Steinen zum 
Ehrenmitglied der New York Aeademy of Sciences und der Anthropological Society of 
Washington S. 435. — Gruss des Hm. Baesslcr aus Neu-Sceland und Brief des Hrn. 
Lissaner aus Triest S. 435. — Nachtrag zur Erklärung der Bregmanarben an alten 
Schädeln von Tenerife, Lehmann - Nltsehe S. 136. — Silbeme Schale aus Buchara, 
Hnbert Schmidt S. 438. — Abklatsche der Inschriften aus der Synagoge von K'ai-fongfu 
und Mitteilung des Hm. Haenisch aus Tscbangscha, F. W. K. Mililer S. 438. — 


— V — 

Peruanisches Zweigorakel (1 Textabb.), K. r. d. Steinen S. 439. — Über das OkaTaago- 
sampfland and seine Bewohner, Passarge S. 440. ~ Über die urindische Grämaderatä 
(Ortsgottheit), Oppert S. 440. 

Sltsnng Tom 15. April 1905. Pritsche, Cohen f S. 441. — Neue Mitglieder 
S. 441. — Gruss des Hm. Lissauer von Athen S. 441. — Begrüssung der Gäste 8. 441. 

— Drei Vorlagen ans Mexiko (3 Textabb.) Seier 8. 441. — Japanische Ansichtskarten, 
H» Vlrchow 8. 444. — Ghinesentmppe, H« Ylrchow S. 445. — Nachricht ron Fro- 
hen ins S. 445. — Fischspeer aus der Gegend von Fürstenberg i. M. (1 Textabb.), Mertens 
8. 445, Krause (6 Textabb.) 8. 446. — Über die Steinzeit und die Feuersteinartefakte in 
Syrien-Palästina (17 Textabb.), Blanekenhom 8. 447, Kranse, t. Lnsehan 8. 4G8. — 
Über die im Kindbett gestorbenen Frauen und die Götter der Lust in der mexikanischen 
Mythologie, Lehmann S. 471. — Zum Goldfunde von Sköfde, Kosslnna 8. 471. 

III. Literarische Bespreehnngen« 

Nuesch, Dr. Jakob, Das Kesslerloch. Mit Beiträgen von Studer und Schoeten- 
sack. Basel 1904 8. 473. — Stratz, C. H., Naturgeschichte des Menschen. Stuttgart 1904 
8. 474. — Fritsch, Gustav, Ägyptische Volkstypen der Jetztzeit Wiesbaden 1904 8. 476. 

— Baessler, A, Altperuanische Metallgeräte. Berlin 1901 8.474. — Baessler, A., 
Peruanische Mumien. Berlin 1904 8. 477. 

IT. Eingänge für die Bibliothek 8. 478 

y. Drnckfehler^Beriehtignng 8.480 


Heft IV. 

I. Abhandinngen nnd Yortrige. g^i^ 

1. Assmj: Eine Reise von Peking durch China und das tibetanische Grenzgebiet 

nach Birma (9 Textabb.)] 481 

2. G» Oppert: Die Gottheiten der Indier (Fortsetzung) 501 

3. B« Pöeh: Über den Hausbau der Jabimleute an der Ostküste von Deutsch-Neu- 

guinea (4 Textabb.) 514 

4. A. Lissaner: Die Doppeläxte der Kupferzeit im westlichen Europa (2 Textabb.) . 519 

IL Yerhandlnngen. 

Sitzung vom 20. Mai 1905. Neue Mitglieder S. 526. — Einladung zum XV. 
Deutschen Geographentag in Danzig, zur gemeinsamen Versammlung der Deutschen und 
Wiener Anthropologischen Gesellschaft in 8alzburg, zur 77. Versammlung Deutscher Natur- 
forscher und Ärzte in Meran und zum II. Deutschen Kolonialkongress in Berlin 8. 526. — 
Korrespondenzblatt des »Verbandes Deutscher Vereine für Volkskunde** 8. 526. — Nach- 
richt von Um. Leo Frobenius aus Mitschalila, Kongostaat 8. 526. — Nachricht von 
Hm. Rudolf PCch aus Friedrich-Wilhelmshafen S. 526. — Bewilligung einer Beihilfe von 
1500 Mk. durch den Hm. Unterrichts-Minister 8. 527. — Begrfissung der Gäste 8. 527. — 
Die Photographie eines hervorragenden 8tückes aus dem mexikanischen Altertume 
(12 Toxtobb.), Seier 8. 527. — Ein silbernes Schmuckstück, Mielke S. 5:^>. — Bericht 
über den ersten Intemationalen Archäologen-Kongress in Athen, Lissaner 8. 5:>7, Mrp- 
feld S. 538. — Weitere Mitteilungen über Füsse von Chinesinnen (Taf. V— VIII und 
2 Textabb.), H. Virchow 8. 54(>, Messing, Yelde 8. 567. — Das Brandgräberfeld bei 
Wilhelmsau, Kr. Niedcrbamim (:W Textabb.), Busse 8. 569, Krause 8. :)91. — Über die 
Bedeutung des Gräberfeldes von Wilhelmsau für die Kenntnis des Handelsverkehrs in der 
Völkerwanderangsperiode c- Textabb.), Lissaner S. 51»!, Kosslnna (5 Textabb.) S. 5%, 
Bnsse 8.599. 

Sitinng vom 27. Jnni 1905. Kroner, Wissroannf 8.600. — 70. Geburtstag 
des Hm. Geheimrat Albert Orth 8. (500. — Reise v. Luschans nach 8üdafrika 8. 600. — 


— VI — 

Begrüssung des Hrn. Dorsey ans Chicago S. 600. — Geschenk Dörpfelds an die Ge- 
sellschaft S. 601. — Congres international d^Expansion economique mondiale in Mons 
vom 24.-29. September S. 601. — Über Rassengehime, Kollmanii S. 601. ~ Weitere 
Mitteilimgen über die Papuas (Jabim) der Gegend des Finschhafens in Nordost-Neuguinea 
(Kaiserwilhelmsland), Schellong S. 602. — über Mord- oder Sühnekreuze, E. Kraase 
S. 618. — Vorstellung eines Mannes mit rachitischer Bildung des Schädels, Velde S. 619. 

— Über eine lappländische Zaubertrommel, W« Lehmanii S. 620. — Über steinzeitliche 
Forschungen in Oberägypton ^1 TexUbb.), Schweinfnrth S. 622. — Über alte Porträt- 
darstellungen ans Sendschirli, T. Lasehan S. 624. — Über ein Os supratympanicnm beim 
Menschen, t. Laschau S. 625. — Ein rachitisches Chimpanse-Skelett, y. Laschan S. 626. 

— Gebräuche der Mittelmesa-Hopi (Moqui) bei Namcngebung, Heirat und Tod, Solberg 
S. 626, Schwelnfarth S. QVj, Solberg, K. t. d. Steinen S. 636. — Über die Troglodyten 
des Matmata in Südtunis, Traeger S. 636. 

III. Literarische Bespreehangen. 

HoUis, A. C, The Masai, their language and folklore, with introduction by Sir 
Charles Eliot. Oxford 1905 S. 637. — Annandale, Nelson and Herbert C. Robin- 
son, Fasciculi Malayenses. London, New- York and Bombay 1908/04 S. 689. — Jonghe, 
E. de, „Hystoire de Mechique". Paris 1905 S. (>41. — Wosinsky, M., Die inkrustierte 
Keramik der Stein- und Bronzezeit. Berlin 1901 S. 642. — Elsenhans, Th., Kants 
Bassentheorie und ihre bleibende Bedeutung. Leipzig 1904 S. 643. — Thomas, Chr. L., 
Die Bingwällc im Quellcngebiet der Bieber im Spessart S. 641. 

IT. Eingänge für die Bibliothek S. 645 


Heft V. 

L Abhandlangen and Vorträge. g^i^^ 

1. S* Passarge: Das Okawangosumpfland und seine Bewohner (46 Textabb.) . . . 649 

2. G« Oppert: Gottheiten der Indier (Schluss) 717 

II. Verhandlungen. 
Sitiang TOm 14. Jnli 1906. Bauer f S. 755. — Neue Mitglieder S. 755. — Wahl 
des Grafen Bobrinskoy zum korrespondierenden Mitgliede S. 755. — Einladung zur 
Versammlung der Amerikanischen Anthropologischen Gesellschaft S. 755. — Ernennung 
des Hm. Martin zum ordentlichen Professor der Anthropologie in Zürich S. 755. — Be- 
grüssung der Herren v. Nordenskjöld, Palliardi und Th. Koch S. 755. — Geschenk 
des Hrn. Weinitz S. 755. — Neue Mitteilungen über die blauen Geburtsflecken, H. ten 
Kate S. 756. — Über Rassengehirne, II. Mitteilung, Kollmann S. 758. — Über Kultur- 
kroise in Australien (2 Textabb.), N. W. Thomas S. 759, F. Gräbner S. 764. — Reise- 
bericht aus Dima, Leo Frobenins S. 767. — Die Doppelaxt aus Kupfer von Pyrmont 
(2 Textabb.), Lissaaer S. 770. — Mumie aus Australien und Reisebericht des Hrn. 
Klaatsch aus Sydney (Taf. IX), Waldejer S. 772. — Demonstration eines Kopfes, der 
zur Hälfte aus dem Schädel, zur Hälfte aus der Gesichtsmaske besteht (2 Textabb.), 
H. Vircliow 8. 781. — Exkursion der Gesellschaft am 28. Juni nach Rüdersdorf (2 Textabb.), 
Ed. Kraase S. 783. — Eine Sammlung altchinesischcr Hieb- und Stichwaffen, Velde 
S. 785, Ed. Kraase, Ehrenreich S. 786. — Über die Bewohner der alten Landschaft 
Michnacan, E. Seier S. 786. 

III. Literarische Bespreehangen. 

Ho er n es, Moriz, Die liallstattperiodc. Braunschweig 1905 S. 787. — Naue, Julius, 
Wandbilder aus vorgeschichtlichen Kulturperioden. Münclien 1905 S. 788. — Lewin- 
st ein, Siegfried, Kinderzeichnungen bis zum 14. J^ebensjahre, mit Parallelen aus der 
Urgeschichte j Kulturgeschichte und Völkerkunde. Leipzi"^ 19()5 S. 788. 

IV. Eingänge für die Bibliothek S. 790 


— vn — 
Heft Tl. 

L Abhaiidlaiigeii und Yorträge. g^j^ 

1. A. Lfssauer: Zweiter Bericht über die Tätigkeit der von der Deutschen anthro- 

pologischen Gesellschaft gewählten Kommission für prähistorische Typenkarten. 

(37 Textfiguren und 1 Kartenbeilage) 793 

2. W« Lehmann : Die fünf im Kindbett gestorbenen Frauen des Westens und die 

fünf Qötter des Südens in der mexikanischen Mythologie (19 Textabb.) .... 848 

3. R« H. Mathews: Some Initiation ceremonies of the Aborigines of Victoria . . . 872 

II. Yerhandlnngen« 

SItznng TOm 21« Oktober 1905. Beisetzung von Bastians Leiche S. 880. — 
▼. Richthofen, Laehr, Wheeler, Brandes, de Brazia f 8. 880. ^ Nene Mitglieder 
S. 881. — Dankschreiben des Grafen Alexis Bobrinskoy S. 881. — Heimkehr Ton 
Fritsch, Baessler und t. Luschan, Ausreise von Grünwedel und Preuss S. 881. — 
Ernennung ron F. W. K. Müller zum Professor und gleichzeitig mit Grünwedel zum 
Mitgliede der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen S. 881. — 70. Geburtstag von 
Lacae und 25 jähriges Jubiläum Cord eis als Berichterstatter für die Vossische Zeitung 
S. 882. — Einladung zum XV. Internationalen Amerikanisten-Kongress in Quebec 8. 882. 

— Die indianische Bevölkerung der alten Jesuitenreduktionen in Südamerika, 0. Cannstatt 
8. 882. — Funde von Iwno, Kr. Schubin, Posen (19 TexUbb.), K. Bmnner S. 899. — 
Pseudoeolithen im nordischen Geschiebemergel, Schweinfurth S. 912. — Die pal&o- 
lithischen Funde von Hundisburg (2 Textabb.), F. Wiegerg S. 915. — ürnenfeld bei 
Wilmersdorf, Kr. Storkow-Beeskow, H. Basse S. 920. — Tahitische Legenden, Baessler 
S. 920. — Fischen auf Tahiti (6 Textabb.), Baessler S. 924. 

Ansserordentliche Sltinng vom 11. November 1905« Begrüssung des Um. Habere r 
S. 940. — Die Menschenrassen des japanischen Reiches, Haberer S. 940. 

SItznng vom 18. November 1905. Förtsch f S. 945. — Neue Mitglieder S. 945. 

— Geschenk der Frau Backe aus dem Nachlasse Bastians S. 945. — Begrüssung der 
Gäste und der Herren G. Fritsch und F. v. Luschan nach ihrer Heimkehr S. 945. — 
Blanckenhorns Ausreise nach Palästina und Ägypten S. 946. — Einladung des Hm. 
Lejeal zum Internationalen Anthropologen-Kongress in Monaco S. 940. — Die Adalbert- 
steine zu Streloo, Kujawien (2 Textabb.), Lehmann-NItsche S. 946. — Anthropologische 
Betrachtungen über die Heikiim und Kungbuschleute, Werner S. 952. — Reste einer 
steinzeitlichen Ansicdlung im ostpreussischcn Oberlande (20 Textabb.) £• Sehnippel S. 952. 

— Verzierte Hirschf^ewcihstange, G. Fritsch S. 969. — Versteinerter Ausguss Ton dem 
Mokassin eines Indianers, (:}• Fritsch S. 970. — Abbildungen von alten beschnitzten Maori- 
Särgen (Taf. X— XII und 1 Textabb.), Baessler S. 971. — Ethnographische Forschungen 
im Grenzgebiete zwischen Peru und Bolivien, E. Nordenskiöld S. 973. — Zapotekische 
Bilderschriften, E, Seier S. 973. 

SItznng Tom 16. Deiember 1906. v. Leuthold, Rabl-Rückhard, Graeven f 
S. 974. — Neue Mitglieder für 1905 S. 974. — Schenkung der Frau Geheimrat Virchow 
S. 974. — Schreiben des Hm. Generaldirektor Dr. Schöne S. 974. — Verwaltungsbericht 
für das Jahr 1905, LIssaner 8. 975. — Reclmungsbericht für das Jahr 1905, Sftkeland 
S. 979. — Wahl des Vorstandes für das Jahr 190G S. 980. — Neue Mitglieder für 1906 
S. 981. — Einladung zum VI. Internationalen Kongress für Kriminal-Anthropologie in 
Turin S. 981. — Begrüssung der Gäste S. 981. — Bericht über den Fortgang der Arbeiten 
zur Rethra- Forschung (7 Textabb.), €^. Gesten S. 981. — Bemerkungen zur Mitteilung 
des Hm. J. Kollmann über Rassengehime, H. ten Kate S. 9^)1. — Bericht über den 
Stand der Rudolf Virchow-Stiftung für das Jahr 1905, U, Virchow S. 991. — Aztekische 
Ortsnamen in Mittelamerika, K. Sapper S. 1002. — Eine Doppelaxt aus Kupfer von 
Ellierode, Kr. Northeim, Hannover (2 Textabb.^, Lissaner S. 1007. — Das ethnische 
Problem des antiken Griechenland, M. Ktessling S. 10u9, Oppert S. 1023. — Über die 
Beziehungen der Kreidemühlen zur Eolithenfrage, Hahne S. 1024. — Berichtigung S. 1035. 


— vm — 

in. Literarische Bespreeliangeii. 

ühle, Max, Pachacamac. Philadelphia Pa. 1903, S. 1036. — Müller, Sophus, Ur- 
geschichte £iiropas. Strassborg 1905, S. 1039. — Hahn, Eduard, Das Alter der wirt- 
schaftlichen Kultur. Heidelberg 1905, 8. 1041. ~ Naue, A. W., Die Denkmäler der vor- 
römischen Metallzeit im Elsass. Strassburg 1905, S. 1042. 

lY. Eingänge für die BibUotliek 8. 104a 

AlpliAbetiselieg InlialtgYeneiclinig 8. 1049 


Verzeichnis der Tafeln und Kartenbeilagen. 


Tafel I u. n. Datierbare 8ilexger&te aus den Türkisminen von Maghara, 8inaihalbinsel 
S. 173. 

^ III. Schftdel mit einem Processus asteriacus S. 207. 

„ IV. Bildnis von Adolf Bastian 8. 233. 

„ V— VIII. Posse von Chinesinnen 8. 567. 

„ IX. Mumie aus Australien S. 772. 

„ X — XII. Abbildungen von alten beschnitzten Maori-Särgen 8. 971. 

Eartenbeilage: Typenkarte der Absatz&xte 8. 793. 


Berliner Gesellschaft 

für 

Anthropologie, Ethnologie nnd Urgeschichte. 

1905. 


Vorstand, 1. Januar 1905. 
Dr. A. Lis8auer, Sanitätsrat, Professor, Vorsitzender. 


Dr. K. von den Steinen, 

Professor, Direktor am 

Rönigl. Mnseam für 

Völkerkunde. 
Dr. W. Waldeyer, Professor, 

Geh. Med.-Rat. 
Dr. Richard Neuhause, Schriftführer. 


Stellvertreter 

des 
Vorsitzenden 


Dr. phil. Paul Traeger, Schriftführer. 

Dr. A. Vo8S, Geh. Regiemngsrat, Direktor 
der vaterländischen Ahteilnng des Kgl. 
Museums für Völkerkunde u.d. Samml. 
f. deutsche Volkskunde, Schriftführer. 

Hermann SSkeland, Fabrikant, Schatz- 
meister. 


Aussohoss, 21. Januar 1905. 

Dr. jur. V. Kanfmann, Geh. Regierungsrat, Professor, Obmann. 

Dr. phil. A. BSseler, Geh. Hofrat, Professor. 
Dr. med. et phil. P. Ehrenreich, Privatdozent. 
E. Friedel, Geh. Regierungsrat, Stadtrat. 
Dr. F. W. K. Mauer, Direktorial -Assistent 
am Königl. Museum für Völkerkunde. 


Dr. med. etphil.F.v.Luschan, Prof, Direktor 
am Königl. Museum für Völkerkunde. 
Dr. jur. G. Minden, Syndikus. 
P. Stalldinger. 
Dr. med. C. Strauch, Privatdoz., Gerichtsarzt. 


Organ der Qesellsoliaft: Zeitsobrift für Ethnologie. 

Redaktions-Rommission: Lisaauer, K. ven den Steinen und Voss. 
Anthropologische Kommission: Litsauer, v. üieohan und C. Stranch. 
Bibliotheks-Kommission: Litsauer, Maass, Traeger. 
Kustos der Photograph ien-Sammlung: Neuhause. 

Ehrenmitglieder, 1. Jannar 1905. 

1. Frau Gräfin Uwarow, Präsident der Kaiserlich Russischen Archäologischen 
Gesellschaft, Moskau, erwählt den 21. Dezember \>^H\). 

2. Fräulein Johanna Mestorf, Professor und Direktor des Museums vaterländischer 
Altertümer in Kiel, erwählt den 18. Juli 1891. 

3. Ministerialrat, Freiherr Ferdinand v. Andrian-Werburg, Ehrenpräsident d. Wiener 
anthropologischen Gesellschaft, Aussee, Steiermark, erwählt den H.Juli 1894. 

4. Prof Dr. Johannes Ranlie, erster Vorsitzender der Münchener Gesellschaft 
für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, General -Sekretär der 
Deutschen anthropolog. Gesellschaft, München, erwählt den 8. März 1895. 


Zeitsehrift ffir EthnoloRie. JahrR. 190&. Heft 1. 


Mitglieder -V eneicbnis. 


Korrespondierende Mitglieder, 

mit Angabe des Jahres der Ernennung. 


20. 
21. 


1874 1 22. 

1894 i 
1890123. 


1871 24. 


1881 

1900 
1899 
1885 i 


1. Anutsohin, D., Dr., Professor, 1889 
Präsident der Raiserl. Gesell- 
schaft der Freunde der Natur- 
wissenschaften, der Anthropo- 
logie und Ethnographie, Moskau. 

2. Aspelin, J. R., Dr., Staatsarchae- 
olog, Helsingfors, Finnland. 

3. Bamabei, Professore, Rom. 

4. Baye, Baron Joseph de, Ghateau 
Baye, D^partMame, Frankreich. 

5. Beddoe, John, M. D., F. R. S. 
The Chantry, Bradford-on-Aron 
(Wüts) England. 

6. Bellucci, Oiuseppe, Prof., Dr., 
Perugia. 

7. BlDmentritt, Ferdinand, Prof., 
Leitmeritz, Böhmen. 

8. Boas, Franz, Dr. phil., Prof., 
New -York. 

9. Benaparte, Roland, Prinz, Paris. 

10. Brlgham, William, T., A. M., 1898 
A. A. S., Director of the Bernice 
Pauahi Bishop Museum of Poly- 
nesian Ethnology and Natural 
History, Honolulu, Hawaiian 
Islands. 

11. Brizio, E., Professor, Director 1891 
des Musco civico, Bologna. 

12. Burgess, J., L. L. D., C. I. E., 1887 
Director Gen. of theArchaeolog. 
Survey of India, Edinburg. 

13. Calvert, Frank, Amer. Konsul, 1875 
Dardanellen, Kleinasien. 

14. Capellini, G., Prof., Senator, 1871 
Bologna. 

15. Caplstrano de Abreu, Dr. Joäo, 1895 
Rio de Janeiro. 

16. Capitan, Prof. Dr., Paris. 1904 

17. Cartailhae, E., Toulouse. 1881 

18. Castelfranco, Pompeo, R. Ispet- 1883 
tore degli Scavi e Monumenti 

di Antichita, Mailand. 

19. Chantre, Ernest, Professor, Sub- 1881 
direkter des Museums für Natur- 
geschichte, Lyon. 


25. 


26. 


27. 

28. 

29. 
30. 

31. 

32. 
33. 


34. 


35. 


36. 


37. 


Costa, Pereira da, Dr., Prof., 1872 
Lissabon. 

Dawkins, W. Boyd, Professor, 1877 
M. A., F. R. S., Woodhurst, 
Jallowfteld, Manchester. 
Delgado, Joaquim Filippe Nery, 1881 
Chef der Geologisch. Landes- 
aufnahme, Lissabon. 
Delorme, D. Ancien Ministre 1897 
d'Haiti, Brüssel. 

Dörpfeld, Wilh., Professor, Dr., 1903 
erster Sekretär des Kaiserlich 
Deutschen Archäologischen In- 
stituts, Athen. 

Dopont, Ed., Direktor des Kgl. 1871 
naturgeschichtlichen Museums, 
Brüssel. 

Evans, Sir John, D. G. L., L. L. 1874 
D., F. R., S., Pres. Num. Society 
London, Nash Mills, Hemel 
Hempsted, England. 
Fewkes, J. Walter, Washington. 1900 
Fiex, Oscar, Missionär, Karls- 1873 
ruhe. 

Garson, J. G., M D., London. 1889 
Gerlach, Dr. mu.., Hong- 1880 
kong. 

Gross, V., Dr. med., Neuveville, 1880 
Schweiz. 

Guimet, Emile, Lyon. 1882 

Haddon, A. C, Sc. D., F. R. S. 1903 
President of the Anthropolog. 
Institute of Great Britain and 
Ireland, Cambridge. 
Hamdy Bey, Direktor d. Grossh. 1894 
Ottomanischen Museums, Ron- 
stantinopel. 

Hampel, Josef, Professor, Dr., 1884 
Kustos am National -Museum, 
Budapest. 

Hamy, Ernest, Dr., Professeur 1882 
d'Anthropologie au Museum 
d*hist. naturelle, Membre de 
rinstitut, Paris. 
Hausmann, Professor, Dorpat. 1896 


Korrespondierende Mitglieder. 


3 


38. Heger, Franz, R. und R. Regie- 1893 60. 
mngsrat, Direktorder Anthropo- 61. 
logisch -Ethnographischen Ab- 
teilang am K. R. Natorhistor. 
Hofraaseum, Wien. 

39. Heierli, J., Dr. hon. c, Privat- 1890 62. 
Docent, Zürich. 

40. HelWg, Wolfgang, Dr., Professor, 1883 
Rom. 63. 

41. Hemnann, Anton, Dr. phil, 1889 
Professor, Budapest. 

42. HildebraiMl, Hans, Dr., Reichs- 1872 64. 
antiquar, Stockholm. 

43. Mlrth, Fr., Dr., Professor, New- 1886 
York. 

44. HoliM8,WilliamH.,HeadGarator 1903 
of the Unit. States National Mu- 65. 
seum, ChiefBureanof American 
Ethnology, Washington. D. C. 

45. HSrmaiui, Ronstantin, Hofrat, 1894 66. 
Direktor des Landes-Museums, 
Sarajevo, Bosnien. 67. 

46. Hömes, Moriz, Dr. phil, Prof., 1894 
Wien. 1 68. 

47. Hoiitum-SehiiMlIer, A., General, 1878 1 69. 
Teheran. 

48. Jacqtte8,Victor,Dr.,Secretairede 1889 
la Sociöte d'Anthrop., Brüssel. j 70. 

49. Jbering, Hermann von, Dr., 1886 
Director do Museo zoologico, 
Säo Paulo, Brasilien. 

50. Kate, H. ten, Dr., Batavia, Java. 1886 1 71. 

51. Kert, H., Prof. Dr. phil., Leiden. 1898 j 

52. KofKUiei, R., Dr. med. Prof. a. d. 1904 
Univ. Tokio. 

53. Kollnanii,J.,Dr.med., Prof., Basel. 1887 

54. Ucerda, Dr., Professor, Direktor 1889 
des National-Mnseums, Rio de 
Janeiro. 72. 

55. Lortet,Louis,Prof. Dr., Direktor 1883 
des naturhist. Museums, Lyon. 7:i. 

56. Lubbock, Sir John, Bart., M. P., 1871 
High Elms, Famhorough, Rent, 
England. 

57. Macallster, Prof. der Anatomie, 1893 74. 
Cambridge, England. 

58. Makowsky, Alexander, Dr. phil., 1897 
Professor, Brunn, Mähren. 75. 

59. Man, Edward Horace, Esq., 1904 

C. F. E. St. Helens, Preston 76. 

Park, Brighton. 


Manoavrier, L., Prof Dr., Paris. 1904 
Mantegazza, Paolo, Prof., Di- 1871 
rector des National -Museums 
für Anthropologie, Senator, 
Florenz. 

Marehesetti, Gario de, Dr., Dir. 1887 
des naturhistorischen Museums, 
Triest. 

Martin, F. R, Dr. phil., Assistent 1898 
am archäologisch - historischen 
Staatsmuseum, Stockholm. 
MaMn, Otis T., A. M., Ph. D., 1895 
Curator of the Department of 
Ethnology in the United States 
Nat. Mus., Smiths. Institution, 
Washington, D. C. 
Me Gee, W. J., Dr, President 1903 
of the American Anthropol. 
Association, Washington. D. C. 
MonteliDS, Oscar, Dr. phil., Prof., 1872 
Stockholm. 

Moreno, Don Francisco, Director 1878 
desNational-Museums, LaPlata. 
Morgan, J. de, z. Z. in Persien. 1897 
Morse, Edw. S., Professor Dr., 1889 
Director der Peabody Academy 
of Science, Salem, Mass. 
Mortolli, Enrico, Dr. med.. Pro- 1881 
fessor, Direttore della Clinica 
Psichiatrica della R. Universitä, 
Genua. 

Muoh, Matthäus, Dr. jur., Re- 1894 
gierungsrat, Mitglied und Kon- 
servator der K. K. Central- 
Rommission zur Erforschung 
und Erhaltung der Kunst- und 
historischen Denkmale, Hietzing 
bei Wien. 

Müller, Sophus, Dr., Direktordes 1882 
National-Museums, Kopenhagen. 
Munro, Robert, M. A., M. D., 1897 
F. R., S. E., Secretary of the 
Society of Antiquaries of Scot- 
land, Edinburg. 

Hoetlinn, Dr. phil., Palaeonto- 1894 
logist of the Geological Survey 
of India, Calcutta. 

Orsl, Paolo, Prof. Dr., Direttore 1888 
del Museo Nazionale, S3rracus. 
Penallel, Antonio, Dr., Prof., 1891 
Mexico. 

1* 


Mitglieder -Verzeichnis. 


77. Petrie, W. M. Plinders, M. C. L., 1 897 i 95. 
L. L. D., Edwards-Professor of 
Egyptology in the University 
College, London. 

78. Ploorlnl, Luigi, Prof., Direktor 1871 
des prähistorisch-ethnographi- 
schen Museums, Kom. 96. 

79. PIsko, Leiter des K. und K. 1895 
österr.-ungar. General-Konsu- 
lates in Shanghai (China). 97. 

80. Prosdooimi, Messandro, Cav., 1889 
Professor, Dr., Este, Italien. 

81. Putnan, F. W., Professor, Cu- 1903 
rator of the Peabody Museum, 98. 
Harvard University , Cam- 
bridge, Mass. 99. 

82. RadlofT, W., Dr., Akademiker, 1884 100. 
St Petersburg. 

83. Reinaoh, Salomon, Dir. des 1904 
Museums v. St. Germain-en- 
Laye. Mitglied des Instituts. 101. 

84. Retzius, Gustaf, Dr., Professor, 1882 
Stockholm. 102. 

85. Rledel,J.GerardPriedr.,Nieder- 1871 
ländischer Resident, Haag. 103. 

86. Risley, H. H., President Asiatic 1895 
Soc. of Bengal, Calcutta. 

87. Rivett-Carnao, J. H., Colonel, 1882 104. 
Aide de Camp of His Majesty 
the King, Schloss Wildeck, 
Aai^u, Schweiz. 

88. Salinas, Antonio, Professor, 1883 105. 
Direktor d.National-Mnseums, 
Palermo. 106. 

89. Sohneltz, J. D. E., Dr. phil., 1894 
Direktor des Ethnographisch 107. 
Kijksmuseum, Leiden. 

90. Schulze, L. F. M., Kapitän a. D., 1 898 
Batavia, Java. 108. 

91. Sergl, Giuseppe, Professor Dr., 1891 
Direktor d. anthrop. Museums, 
Kom. 

92. Stieda, Ludw., Geh. Medizinal- 1883 109. 
rat, Professor Dr., Königs- 
berg i. Pr. 110. 

<>3. Stolpe, Hjalmar, Dr. phil., 1894 

Direktor des ethnographischen 1 1 1 1 . 

Reichsmoseums, Stockholm. |112. 

94. Studer,Theophil, Dr., Prof., Bern. 1885 | 


Stuers, Jonkheer Victor de, 1900 
Meester, Referendaris Chef 
der Afdeeling Künsten en 
Wetenschapen aan het De- 
partement van Binnenlandschc 
Zaken, Haag. 

Szombathy, Josef, Kustos am 1894 
K.K. naturhistor. Hofmuseum, 
Wien. 

Tarenetzky, Dr., Prof., Präsident 1 899 
der Anthropolog. Gesellschaft 
der Kaiserl. Militär-Akademie, 
St. Petersburg. 

Topinard, Paul, Dr., Professor, 1879 
Paris. 

Troll, Joseph, Dr., Wien. 1890 

Tmhelka, Ciro, Kustos am 1894 
Bosnisch - Hercegowinischen 
Landes - Museum, Sarajevo, 
Bosnien. 

Tdubol, S., Dr., Prof. a. d. Univ. 1904 
Tokio. 

Turner, Sir William, Prof. der 1890 
Anatomie, Edinburg. 
Tylor, Edward, B., Professor 1893 
d. Anthropologie, Kurator des 
Museums, Oxford. 

Yedel, E., Amtmann, Vize- 1887 
Präsident der Königl. Ge- 
sellschaft für nordische Alter- 
tumskunde, Sorö, Dänemark. 
Watson, Dr. med., Professor, 1898 
Adelaide, Australien 
Welsbaoh, Augustin, Dr. med., 1871 
General-Stabsarzt, Graz. 
Wheeler, George M., Captain 187e 
Corps of Engineers U.S. Army, 
Washington, D. C. 
Wieser, Ritter von Wiesenhort, 1894 
Franz, Dr. phil., Professor, 
Präsident des Perdinandeums, 
Innsbruck. 

Wilson, Dr. med., Professor, 1898 
Sydney, Australien. 
Zampa, RafTaello, Professor 1891 
Dr., Perugia per Bosco. 
ZIchy, Eugen, Graf, Budapest. 1897 
Zwingmann. Georg, Dr., Med.- 187.^ 
Inspektor, Kursk, Russland. 


Ordentliche Mitglieder. 


Ordentliohe MitgUeder, 1905. 

a) Immerwährende (nach § 14 der ' ^^- ^^^^ ^^^^^^ Dr. med., Geh. Sanitäta- 

Statuten). | "^^ ß®"*^*^- 

, ^ ^ ^ '23. Bässler, Arthur, Dr. phil., Geh. Hof- 

1. Cahnhsta, 0., Dr. med., Dresden. ^at, Professor, Berlin. 

2. Coming, Dr. med., Morillon, Genf 24. Barsohall, Max, Dr. med., Geheimer 

3. Ehremreioh, Paul, Dr. med. et phil.,i Sanitätsrat, Berlin. 

Priratdozent, Berlin. 1 25. Bartels , Anna, tVau Geh. Rat, 

4. Lovbat, Duc de, Exzellenz, Paris. Berlin. 

5. Riegler, C, Direktor, Stuttgart. 26. Bartels, Paul, Dr. med., Berlin. 

I 27. BassenMuin, Reichstags-Abgeordneter, 

b) Jährlich zahlende (nach § 11 der Mannheim. 

Statuten). 28. Bastian, A., Dr. med. et phil., Geh. 

1. Abel, Karl, Dr. med., Berlin. Reg.-Rat, Professor, Direktor des 

2. Adler, E., Dr. med., Sanitätsrat, Berlin. Rönigl. Museums für Völkerkunde, 

3. Adolf Friedrich, Herzog zu Mecklen- Berlin. 

bürg, Hoheit, Berlin. i 29. Bauer, D. Guillermo, Dr., Mexiko. 

4. Alirens, Dr. med., Berlin. 30. Bauer, Fr., Baurat, Magdeburg. 

5. Allireclit, Gustav, Dr. phil., Charlotten- '31. Begemann, Dr. phil., Gymnasial- 
burg. Direktor, Neu-Ruppin. 

6. Albu, Dr. med., Privatdozent, Berlin. 32. Behia, Robert, Dr. med., Geh. Medizinal- 

7. Aisberg, M., Dr. med., Sanitätsrat, rat, Potsdam. 

Rassel. 33. Behlen, Heinr., Oberförster, Haiger, 


8. AHertumsverein, Worms. 

9. Altriohter, Karl, Gerichts - Sekretär, 


Reg.-Bez. Wiesbaden. 
34. Belirend, Adolf, Verlags-Buchhändler, 


Berlin. ; Berlin. 

10. Andree, Rieh., Dr. phil., Professor, 35. Belok, Waldemar, Dr. phil., Frankftirt 
München. a. Main. 

11. Ankermann, Bernhard, Dr. phil., Direkto- 36. Benda, C, Dr. med., Privatdozent, 
rial- Assistent am Königl. Museum für Berlin. 

Völkerkunde, Berlin. 37. Berendt, G., Dr. phil., Prof., Berlin. 

12. AsolieniHHrn, Oscar, Dr. med., Geh. 38. Bergmann, Ernst t., Dr. med, Professor, 
Sanitätsrat, Berlin. Wirkl. Geheimer Rat, Exzellenz, 

13. Asoher, Hugo, Kaufmann, Berlin. Berlin. 

14. Asolierson, P., Dr. phil. et med., Prof., 39. Bernhardt, M., Dr. med., Prof., Geh. 
Geh. Reg.-Rat, Berlin. Medizinalrat, Berlin. 

15. Asehoff, Albert, Dr. med., Berlin. 40. Beuster, Dr. med.. Geh. Sanitätsrat, 

16. AsohefT, L., Dr. med.. Geh. Sanitäts- Beriin. 

rat, Berlin. 41. Bibliotliek, Grossherzogliche, Neu- 

17. Asii, Julius, Fabrikant, Berlin. Strelitz. 

18. Attdonard,A.,Majora.D.,Gharlottenburg. 42. BIbHotbek, Stadt-, Stralsund. 

19. Auerbaoh, Richard, Raufmann, Char- 43. Bibliothek, Universitäts-, Basel, 
lottenburg. 44. BIbllotbek, Universitäts-, Greifswald. 

20. Bob, Hans, prakt. Arzt, Charlottenburg. 45. Bibltothefc, üniversitäte-, Tübingen. 

21. Baelz, £., Dr. med., Geh. Hofrat, 46. Bindemann, Hermann, Dr. med., Berlin. 
Professor an der Kaiserl. Universität 47. Blankenhom, M., Dr. phil., Privatdozent, 
Tokio, Japan. Haiensee. 


Mitglieder-Veneichnis. 


48. Blasius, Wilhelm, Dr. phil., Geheimer 
Hofrat, Professor, ßraunschweig. 

49. Bleyer, Georg, Dr. med., Tijucas, 
Estado de Santa Catharina, Brasilien. 

50. Bloch, Iwan, Dr. med., Berlin. 

51. BlMnenthal, Dr. med.. Geh. SanitäU- 
rat, Berlin. 

52. Bohl«, J., Dr., Lebe. 

53. Bolle, Dr. med., Alt-Moabit*Berlin. 

54. Bong, Verlagsbachhändler, Berlin. 

55. Bemann, Alfred, Dr. med., Oberarzt, 
Engers bei Koblenz. 

56. Born, L., Dr., Prof., Corps -Ross- 
arzt a. D., Berlin. 

57. Bouohal, Leo, Dr. jor., Wien. 

58. Bracht, Eugen, Landschafts -Maler, 
Professor, Dresden. 

59. Branann, v., Dr. med., Professor, 
Halle a. S. 

60. Brand, E. v., Oberstleutnant a. D., Wutzig 
bei Woldenberg in der Neumark. 

61. Brandt, y., K. deutscher Gesandter und 
bevollmächtigter Minister a. D., Wirkl. 
Geheimer Rat, Exz., Weimar. 

62. Braoch, Felix, Dr. med., Berlin. 

63. Brecht, Gustav, Dr., Oberbürgermeister 
a. D., Quedlinburg. 

64. Bredow, v., Rittmeister a. D., Berlin. 

65. Bredow, Ernst v., Retzow b. Buschow. 

66. Breyoig, Kurt, Dr., Professor an der 
Universität Berlin, Schmargendorf. 

67. Brösike, G., Dr. med., Haiensee b. Berlin. 

68. Bniohnann, K., Dr. phil., Berlin. 

69. Brühl, Dr. med., Berlin. 

70. Brunnor, K., Dr. phil., Direktorial- 
Assistent am Rönigl. Museum für 
Völkerkunde, Steglitz b. Berlin. 

71. Brunnhofer, Hermann, Dr. phil., Biblio- 
thekar a. d. Eidgenöss. Gentralbiblio- 
thek, Bern. 

72. Buohholz, Rudolf, Kustos des Märki- 
schen Provinzial-Museums, Berlin. 

73. Busch, Friedr., Dr. med., Prof., Char- 
lottenburg. 

74. Buschan, G., Dr. med. et phil., Kaiserl. 
Marine-Stabsarzt a. D., Stettin. 

75. Buschke, A., Dr. med., Privatdozent, 
Berlin. 

76. Busse, Herrn., Woltersdorfer Schleuse 
bei Erkner. 

77. Caro, Henry, Dr. med., Berlin. 


78. 
79. 
80. 

81. 

82. 

83. 
«4. 
85. 
86. 
87. 
88. 
89. 

90. 

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92. 
93. 

94. 

95. 

96. 

97. 

98. 

I 99. 
;100. 

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|l02. 

|103. 

104. 

1 105. 

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106. 

! 107. 
•108. 

I 
109. 


Cleve, G. L., Pastor, Tandala, Afrika. 
Cohn, William, stud. phil., Berlin. 
Cordel, Oskar, Schriftsteller, Nicolas- 
see, Post Wannsee bei Berlin. 
Croner, Eduard, Dr. med., Geheimer 
Sanitätsrat, Berlin. 
Davidachn, H., Dr. med., Sanitätsrat, 
Berlin. 

Dempwolfr, Dr. med., Stabsarzt, Berlin. 
DIeroks, Gustav, Dr. phil., Steglitz. 
Dieseldorfr,Erw.P., Coban, Guatemala. 
Dieot, V., Gen -Leutn. z. D.,Exz., Stettin. 
DIttmer, Ludwig, Dr. med., Berlin. 
Donnlok, Pfarrer, Pfaffendorf, Mark. 
DönhofT-Friedrichsteln, Graf, Friedrich- 
stein bei Löwenhagen, Ostpreussen. 
Doutt^, Edmond, Professeur d^Arabe, 
Algier. 

Ehlers, Dr. med., Berlin. 
Elkan, Max, Raufmann, Berlin. 
Ende, H., Königl. Baurat, Gebeimer 
Regierungsrat, Professor, Berlin. 
Engel, Hermann, Dr. med., Sanitätsrat, 
Berlin. 

Eperjesy, Albert von, K. K. österr. 
Gesandterund Kammerherr, Lissabon. 
Erdeljanovic, Jovan, Professor, Leipzig- 
Connewitz. 

Erdmann, Max, Gymnasiallehrer, Mün- 
chen. 

Falkenberg, Wilh., Dr. med , Oberarzt 
an der Irrenanstalt Herzberge, Berlin. 
Fasbender, H, Dr. med., Prof., Berlin. 
Favreau, Dr. jur., Rechtsanwalt, Neu- 
haldensleben. 

Felkln, Robert W., Dr. med., London. 
Feyerabend, Dr. phil., Direktor des 
Kaiser Friedrich Museums, Görlitz. 
FInn, W., K. Translator, Berlin. 
Fischer, Adolf, Professor, Shanghai. 
Fläschendräger, Fabrikdirektor und 
Stadtrat a. D., Cassel. 
Fliedner, Karl, Dr. med., Monsheim 
b. Worms. 

Florschiitz, Dr. med., Gotha. 
Förtsch, Major a. D., Dr. phil., 
Museumsdirektor, Halle a. S. 
Foy, Willy, Dr., Direktor am Rauten- 
strauch - Joest- Museum (Städtisches 
Museum für Völkerkunde) , Cöln 
a. Rh. 


Ordentliche Mitglieder. 


1 1 0. Fränkel, Bernhard, Dr. med., Professor, 
Geh. Medizinalrat, Berlin. 

111. Freudentbai, Arnold, Dr. med., Berlin. 

112. Frenml, G. A., Dr. phil., Berün. 

113. Friedel, Ernst, Geh. Regier iingsrat, 
Stadtrat, Berlin. 

114. FriedeBMn, Max, cand. med., Göttingen. 

115. Friedländer , Benedict, Dr. phil., 
Berlin. 

IIG. Friedländer, Immanuel, Dr. phil., 
Neapel. 

117. Friedrich, Woldemar, Maler, Prof., 
Berlin. 

118. Frisch, A., Druckereibesitzer, Berlin. 

1 19. Frittch, Gustav, Dr. med., Professor, 
Geh. Medizinalrat , Gross - Lichter- 
felde b. Berlin. 

120. Frltech, K. E. 0., Professor, Waren, 
Mecklenburg. 

121. Frltsche, Dr. med., Generalarzt a. D., 
Friedenau-Berlin. 

122. Frobenlus, Leo, Berlin. 

123. Fiibner, Hermann, Dr., Strassburg i. E. 

124. Fülleborn, Dr. med., Regierungsarzt, 
Hamburg. 

125. Gaedcke, Karl, Ober-Lehrer, Salz- 
wedel. 

126. Geeellachafl, Anthropologische, Cöln. 

127. Geeellscbafl , Deutsche Kolonial-, 
(Abteilung Berlin - Charlottenburg) 
Berlin. 

128. Geaellacbafl, historische Bromberg. 

129. Gessner, Hans, Baumeister, Berlin. 

130. Giebeler, C, Ingenieur, Gross-Lichter- 
felde 0. 

131. Gliimer, y., Leutnant a. D., Sekretär 
der Zentralstelle für Arbeiter- Wohl- 
fahrts-Einrichtungen, Essen (Ruhr). 

132. 69rke, Franz, Direktor, Berlin. 

133. 69tz, G., Dr. med.. Obermedizinal rat, 
Neu-Strelitz. 

134. G5tze, Alfred, Dr. phil., Direktorial- 
Assistent am Königl. Museum für 
Völkerkunde, Berlin. 

135. Goldscbnldt, Heinr., Bankier, Berlin. 

136. Goldsohmldt, Oskar, Dr. jur., München. 

137. Gdm, Eugen, Verlagsbuchhändler, 
Berlin. 

138. Gottachalk, Sigismund, Dr. med., 
Privatdozent, Berlin. 

139. Graebner, Fritz, Dr., Berlin. 


140. 


141. 
142. 
143. 


144 


145. 


146. 

147. 

148. 

Il49. 

1150. 
;i51. 

152. 

153. 

154. 

155. 

156. 
157. 
158. 

159. 
160. 

161. 


162. 


163. 


164. 

165. 

166. 

167. 
168. 


Grempler, Wilhelm, Dr. phil. hon. c, 
Dr. med., Professor, Geh. Sanitätsrat, 
Breslau. 

Grimm, Theodor, Berlin. 
Grosse, Hermann, Lehrer, Berlin. 
Groesmann, Louis, Rabbiner und 
Professor am Hebrew Union College, 
Cincinnati, Ohio, America. 
Grubert, Dr. med., Falkenberg, Pom- 
mern. 

GrOnwedel, A., Prof. Dr., Uiroklor 
am Kgl. Museum für Völkerkunde, 
Gross- Lichterfelde. 
Gudewill, John Carl, Rentner, Braun- 
schweig. 

Günther, Carl, Phoiograph, Berlin. 
Güterbock, Bruno, Dr. phil., Berlin. 
Guthknecht, Gustav, Maler, Steglitz b. 
Berlin. 

Gotzmann, H., Dr. med., Berlin. 
Haake, Dr. med.. Braunschweig. 
Häniach, Harry, Dr. med., Berlin. 
Hagen, B., Dr., Hofrat, Frankfurt a. M. 
Hagen, Joachim Otto von der, 
Schmiedeberg bei Greifenberg. 
Hagenbeok, Karl, Tierhändler, 
Stellingen bei Hamburg. 
Habn, Eduard, Dr. phil., Berlin. 
Habne, Hans, Dr. med., Magdeburg. 
Hake, Georg v., Ritterguts-Besitzer, 
Rlein-Machnow b. Berlin. 
Hallgarten, Charles L., Frankfurt a. M. 
Handtmann, E., Prediger, Seedorf bei 
Lenzen a. d. Elbe, Westpriegnitz. 
Hanaemann, David v., Dr. med., Prof., 
Prosektor am Krankenhause Fried- 
richshain, Grunewald. 
Hardenberg, Freiherr v., Majoratsherr 
in Schlöben b. Roda, Sachsen-Alten- 
burg. 

Hartmann, Herm., Dr. phil., Prof., 
Landsberg a. W. 

Hartwioh, Karl, Dr. phil, Professor, 
Zürich. 

Hattwich, Emil, Dr. med., Geheimer 
Sanitätsrat, Berlin. 
Heck, Dr. phil., Direktor des Zoo- 
logischen Gartens, Berlin. 
Hecker, Hilmar, Dr., phil., Bonn a.Rh. 
Hellbom, Ad., Dr. med., Ste^rlitz- 
Berlin. 


Mitglieder -Yeneichnis. 


169. Heinaim, Ernst A., Dr. med., Ghar- 
lottenbarg. 

170. Heintzel, C, Dr., Lüneburg. 

171. Heibig, Georg, Maier, Berlin. 

172. Hellmann, Gustav, Dr. phil.. Geh. Re- 
gierungsrat, Professor, Berlin. 

173. Hennig, Paul, Rechtsanwalt, Berlin. 

174. Henning, R., Dr. phil., Prof., Strass- 
bürg im Elsass. 

175. Hermann, R., Berlin. 

176. Herrniann,Wilh.,Eisenbahn-Ingenieur, 
Neuweissensee-Berlin. 

177. Heyl, Erwin, FVhr. v., Gesandtschafts- 
Attache, Worms a. Rh. 

1 78. Hirsohberg, Julius, Dr. med., Professor, 
Geheimer Medizinalrat, Berlin. 

1 79. Hobus, Felix, Provinzialvikar der Neu- 
mark, Dechsel, Kr. Landsbei*g a. W. 

180. Holder, v., Dr. med., Ober-Medizinal- 
rat, Stuttgart. 

181. Höner, F., Zahnkünstler, Berlin. 

182. Hofmeler, J., Dr. med., Sanitätsrat, 
Berlin. 

183. Hörn, 0., Dr. med., Sanitätsrat, Kreis- 
physikus, Tondem. 

184. Honzlk, Ed., Ingenieur, Architekt beim 
Rriegsministerium, Bukarest. 

185. Huguenel, E., Apotheker, Potsdam. 

186. Institut, Kaiserlich Archäologisches, 
Berlin. 

187. Israel, Oskar, Dr. med., Prof., Berlin. 

188. Jaoksohath, E., Tierarzt, Tilsit. 

189. Jacobi, Alfred, Dr., prakt. Zahnarzt, 
Steglitz b. Berlin. 

1 90. Jaoubowski, Apotheker, Borsigwalde b. 
Tegel. 

191. Jaeger, Erwin, Dr. med., Leipzig. 

192. Jänioke, Ernst, Kaufmann, Gross- 
Lichterfelde. 

193. Jaffe, Benno, Dr. phil., Berlin. 

194. Jannasch, R, Dr. jur. et. phil., Prof., 
Vorsitzender des Zentral -Vereins 
für Handels-Geographie, Berlin. 

195. Jentsch, Hugo, Dr. phil., Prof., Guben. 

196. Jumpertz, Dr., Oberlehrer, Gross- 
Lichterfelde b. Berlin. 

197. Kandt, R., Dr. med., prakt. Arzt, Berlin. 

198. Katz, Otto, Dr. med., Charlottenburg. 

199. Kaufmann, Richard v., Dr. phil., Prof., 
Geh. Regierungsrat, Berlin. 

200. Kaufmann, Dr. med., Professor, Rom. 


201. Kay, Charles de, General-Konsul a.D., 
New York. 

202. Keller, Paul, Dr., Berlin. 

203. Kiessling, Max, Dr. phil., Assistent 
am Seminar für historische Geo- 
graphie, Berlin. 

KlrohhofT, Dr. phil., Prof., Mockau 
bei Leipzig. 

Kirohhoir, Xayer,Ingenieur, Friedenau . 
Klaar, W., Kaufmann, Berlin. 
Klaatsoh, Hermann, Dr. med., Prof., 
Heidelberg. 

Koch, Max, Dr. med., Charlotten- 
burg. 

Koch, Robert, Dr. med., Prof., Geh. 
Medizinalrat, Berlin. 
Kooh, Theodor, Dr. phil., Gross- 
Lichterfelde b. Berlin. 
Kofier, Friedrich, Hofrat, Darm- 
stadt. 

Kolle, Wilhelm, Prof. Dr., Berün. 
Kollm, Hauptmann a. D., General- 
Sekretär der Gesellschaft für Erd- 
kunde, Berlin. 

Konioki, Julius, Rentier, Berlin. 
Kossinna, Gustaf, Dr. phil., Professor, 
Gross -Lichterfelde b. Berlin. 
Kraemer, Augustin, Dr. med., Prof., 
Ober-Stabsarzt, Kiel. 
Kraemer, Hans, Berlin. 
Krause, Eduard, Konservator am Kgl. 
Museum für Völkerkunde, Berlin. 
Krause, Hermann, Dr. med., Prof., 
Berlin. 

Krause, Karl, Dr. med., Stabsarzt, 
Berlin. 

Krause, L., Versicherungs-Beamter, 
Rostock. 

Krause, Wilhelm, Dr. med., Prof., 
Geh. Med. Rat, Charlottenburg. 
Kretschmer, Konrad, Dr. phil., Pro- 
fessor, Charlottenburg. 
Kretsohmer, Paul, Dr. phil., Professor, 

' Wien. 

!225. Kriegel, Friedr., Dr. med., Berlin. 
226. Kroneoker, Franz, Dr., Berlin. 
I 227. Kroner, Moritz, Dr. med., Geh. Sani- 
, tätsrat, Berlin. 

228. Kronthal, Karl, Dr. med., Berlin. 

229. Kruse, W., Dr. med., Prof., Bonn. 

230. Kühl, W. H., Buchhändler, Berlin. 


I 

204. 

205. 
206. 
207. 

208. 

209. 

210. 

211. 

212. 
213. 

214. 
215. 

I 216. 

'217. 

'218. 

'219. 

1220. 

221. 

1222. 

1223. 

I 
224. 


Ordentliche Mitglieder. 


231. Kwrtz, F., Dr. phiL, Prof., Cördoba, 
Repüblica Ai*gentina. 

232. Kuttner, Ludwig, Kaufmann, Berlin. 

233. Laohmann, Geoi*g, Kaufmann, Berlin. 

234. Lachmann, Paul, Dr. phU., Fabrik- 


besitzer, Berlin. 
235. Uhr, Dr. med., Prof., Geh. Sanitäts- 


263. Low, E., Dr. phil., Oberlehrer, Berlin. 

264. LobmaiNi, Ernst, Pastor, Freienwalde 
a. d. 0. 

265. Luoae, Dr. med., Prof., Geh. Medizinal- 
rat, Berlin. 


266. Liidemann, R., Landmesser und 
Kulturingenieur, Schöneberg-Berlin, 

rat, Zehlendorf. ; 267. Ludwig, H., Zeichenlehrer, Berlin. 

236. Landau, H., Bankier, Berlin. 268. Luhe, Dr. med., Generalarzt a.D., 

237. Undau, W., Freiherr v., Dr. phil.,' Königsberg i. Pr. 

Berlin. 269. Luechan, F. v., Dr. med. et phil., Prof., 

238. Langay, J., Architekt, Berlin. Direktor am Königl. Museum für 

239. Langen, Königl. Baurat, Berlin. Völkerkunde, Friedenau bei Berlin. 

240. Langenmayr, Paul, Rechtsanwalt, j 270. Maasa, Alfred, Berlin. 

Pinne, Prov. Posen. 271. Maas, Heinrich, Kaufmann, Berlin. 

241. Langerhane, Wilhelm, Landgerichts- 272. Maas, Julius, Kaufmann, Berlin, 
rat, Grunewald-Berlin. 273. Mao Curdy, George Grant, Lecturer 

242. Lasch, Richard, Dr. med., K. K. in Anthropology and Ourator of the 
Bezirksarzt, Hom, Nieder-Österreich. Anthropol. Collection, Yale üniver- 

243. Laaohke, Alexander, Kais. Reichs- sity, New Haven, America. 
bank-Oberbnchhalter, Berlin. I 274. Madaen, Peter, Baumeister, DöUnitz, 

244. Ussar, 0., Dr. med., Professor,! Saalkreis. 

Berlin. i 275. Magnus, P., Dr. phil., Prof., Berlin. 

245. Le Coq, Albert V., Dr., Charlpttenburg. 276. MajewskI, Erasm., Dr. phil., Warschau. 

246. Lehmann, Carl F., Dr. jun et phil., 277. Majewski, Fräul. Xenia, Trapezunt 
Professor, Berlin. 278. Mankiewicz, Otto, Dr. med., Berlin. 

247. Lehmann, Walter, Dr. med., Berlin. \ 279. Manafeld, Dr. med., Stabsarzt, Berlin. 

248. Lehmann -Nitsohe, R., Dr. med. et 280. Mareuse, Louis, Dr. med., Sanitätsrat, 
phil., La Plata, Argentinien. Berlin. 

249. Lehnerdt Dr. med.. Geh. Sanitätsrat, 281. Maren, Dr., Grunewald-Berlin. 
Berlin. 282. Martin, A. E., Dr. med., Professor, 

250. Lemoke, Dr. phil., Prof., Gymnasial- Greifswald. 

Direktor, Stettin. 283. Martin, Rudolf, Dr. med., Professor 

251. Lemke, Elisabeth, Fräulein, Berlin. für Anthropologie, Ztlrich. 

252. Leonhardi, Moritz Freiherr v.. Gross- 284. Martini, Erich, Prof., Dr., Marine- 
Karben, Grossherzogtum Hessen. Oberstabsarzt, Berlin. 

253. Levin, Moritz, Dr. phil., Berlin. 285. Maaka, KarlJ., Oberrealschuldirektor, 

254. Levinetein, Walter, Dr. med., Schöne- Teltsch, Mähren. 

berg b. Berlin. 286. Maschke, Ernst, Dr. med., Arzt, 

255. Lewitt, Dr. med., Arzt, Berlin. Haiensee. 

256. Uebermann, F. v., Dr. med., Berlin. 287. Matsohle, Paul, Prof Dr., Kustos am 

257. Uebermann, F., Dr. phil, Prof, Berlin. Zoolog. Museum, Berlin. 

258. Liebreich, Oskar, Dr. med., Prof, Geh. j 288. Maurer, Herman, Revisor, Berlin. 
Medizinalrat, Berlin. ' 289. Mayet Lucien, Dr. med., Interne des 

259. Undenschmit, Dirigent des Röm.-Ger- Hopitaux, Preparateur a la Faculte, 
manischen Central-Museums, Mainz. Lyon, Frankreich. 

260. Llon, Landgerichtsrat a. D., Berlin. ■ 290. Meiener, Dr. med., Generalarzt a. D , 

261. Uppstreu, Otto, Dr., Privatdozent an Berlin. 

der Technischen Hochschule, Berlin. . 291. Meltzen, August, Dr., Professor. Geh. 

262. Ussauer, A., Dr. med., Professor, Regierungsrat, Berlin. 
Sanitätsrat, Berlin. 292. Mendel, E., Dr. med., Professor, Berlin. 


10 Mitglieder -Verzeichnis. 


293. Merker, Hauptmann in der Kaiserl. 
Schatztruppe, Militärstation Moschi, 
Ostafrika. 

294. Messereohmidt, Dr., Assistent an der 


320. Mueeum, Grossherzogl. Germanisches^ 
Jena. 

321. Museum für Völkerkunde, Leipzig. 

322. Museum für Völkerkunde, Lübeck. 
Vorderasiat. Abteilung des Königl. 323. Museum, Provinzial-, Halle a. S. 
Museums, Berlin. 1 324. Museum, städtisches, Braunschweig. 

295. Meyer, Alfred G., Dr. phil., Prof., ' 325. Museum, städtisches, Gera. 
Direktor des Luisenstädtischen Real- ' 326. Muskat, Gustav, Dr. med., Berlin. 
Gymnasiums, Berlin. 327. Naumann, Prof. Dr., Bautzen. 

296. Meyer, Eduard, Prof. Dr., Gross- 328. Neergaard,Dr., Inspektor am National- 
Lichterfelde. i Museum, Kopenhagen. 

297. Meyer, Ernst, Pastor, Königsmark in , 329. Neuhauss, Richard, Dr. med., Gross- 
der Altmark. Lichterfelde b. Berlin. 

298. Meyer, Ferdinand, Bankier, Frank- 1 330. Neumann, Alfred, Dr. med., Ober- 
furt a. M. arzt am Krankenhaus Friedrichshain, 

299. Meyer, Hans, Dr. phil., Prof., Leipzig. ' Berlin. 

300. Meyer, Hemnann, Dr. phil., Leipzig. ' 331. Neumann, H., Dr. med., Privatdozent 

301. Miohel, Gustav, Dr. med., Hermes- 1 Berlin. 

keil b. Trier. 332. Neumann, Oskar, Beriin. 

302. Mielke, Robert, Zeichenlehrer und i 333. Neumayer, G. v., Dr. phil., Wirkl. Geh. 
Schriftsteller, Charlotten bürg. Rat, Exz. Prof., Neustadt a. Haardt. 

303. Milchner, M., Kaufmann, Berlin. 334. Nopcsa, Baron Franz, Szacsal, Ungarn. 

304. Milchner, R., Dr. med., Berlin. ' 335. Nordhelm, Jakob, Hamburg. 

305. Minden, Frau Franka, Berlin. 336. Obst, Dr. med., Direktor des Museuma 

306. Minden, Georg, Dr. jur., Syndikus des für Völkerkunde, Leipzig. 

städt. Pfandbriefamts, Berlin. 337. Gesten, Gustav, Zivil-Ingenieur, Berlin. 

307. MIske, Kdlman, Freiherr v., Köszeg i 338. Olshausen, Otto, Dr. phil., Berlin. 
(Günz), Ungarn. ! 339. Oppenheim, Max, Freiherr v., Dr. jur., 

308. Möbius, Dr. phil., Prof., Geh. Re- ! Lc^tionsrat, Kairo, 
gierungsrat, Direktor d. zoologischen 340. Oppenheim, Paul, Dr. phil., Charlotten- 
Abteilung des Königl. Museums für' bürg. 

Naturkunde, Berlin. 1341. Oppert, Gustav, Dr. phil., Professor, 

309. Möller, Armin, Kustos am städtischen Berlin. 

Museum, Weimar. 342. Orth, A., Dr. phil., Prof., Geh. Re- 

310. Morwitz, Martin, Rentier, Charlotten- ; gierungsrat, Berlin. 

bürg. 343. Orth, Joh., Dr. med., Professor, Geh. 

311. Miiller-Beeck, Georg, Kais. Deutschen Medizinalrat, Grunewald-Berlin. 
Konsul, Nagasaki, Japan. 344. Osborne, Wilhelm, Rittergutsbesitzer, 

312. Müller, Cari, Privatier, Beriin. München. 

313. Müller,F.W.K.,Dr. phil. Direktorial- '345. Ossowidzki, Dr. med., Sanitätsrat, 
Assistent am Königl. Museum fiir| Oranienburg, Reg.-Bez. Potsdam. 
Völkerkunde, Wilmersdorf bei Berlin, i 346. Paetel, Alfred, Verlags-Buchhändler, 

314. Müller, W., Stud. rer. nat., Berlin. Beriin. 

315. Muller, Wilh., stud. geod. , Salz- i 347. Palllardi, Jaroslav, K. K. Notar, 
wedel. 1 Mährisch-Budwitz, Mähren. 

316. Miinsterberg, Oscar, Dr. phil., Berlin. 348. Palm, Julius, Dr. med., Berlin. 

317. Munk, Hermann, Dr. med., Professor, ' 349. Passow, Dr. med., Professor, Heidel- 
Geh. Regierungsrat, Berlin. berg. 

318. Museum, Gräflich Dzieduszyckisches, ' 350. Paulus, Adolf, Hofrat, Beriin. 
Lemberg, Galizien. '351. Pelser, Felix, Dr. phil., Privatdozent, 

319. Museum, Städtisches, Dortmund. • Königsberg i. Pr. 


Ordentliche Mitglieder H 


352. Pelizaeus, W., Kgl. Spanischer Konsul, 
Kairo, Aegypten. 

353. Peronne, Prediger, Prenzlau. 

354. Pflugmaoher, E., Dr. med., General- 
arzt a. D., Potsdam. 

355. Pftihl, F., Dr. phil., Professor, Posen. 

356. Philip, P., Dr. med., Berlin. 

357. Pindcemelle, H., Dr. med., Breslau. 


383. Rogatz, Hermann, Rektor, Gross- 
Lichterfelde. 

384. R5hl, Baron v., Dr. jur., Landrichter, 
Altona. 

385. Rosenow, Dr. med., Arzt, Ebers- 
walde. 

386. Rösier, E., Staatsrat, Tiflis, Kau- 
kasus, Russland. 


358. Pliiliua, Felix, Dr. med., Berlin. i 387. Rosenbaum, Adolf, Dr. med., Berlin. 

359. Pippow, Dr. med.. Geh. Medizinalrat, j 388. Roaenatein, Siegmund, Direktor, Berlin. 
Grunewald-Berlin. , 389. Rotter, Dr. med., Prof., dirigierender 

360. Pittier de Fabrega, Dir. des Instituto ' Arzt am St. Hedwigs-Krankenhause, 
Fisico-Qeograßco, San Josö, Costa Berlin. 

Rica. 390. Ruci(, D., Cammin in Pommern. 

361. Platen-Venz, v., Rittergutsbesitzer, 391. Rüge, Karl, Dr. med., Geh. Sanitäts- 
Stralsund. rat, Professor, Berlin. 


362. Plötz, Alfr., Dr. med., Schlachtensee 
bei Berlin. 

363. Pöch, Rudolf, Dr. med., Wien. 


392. Rüge, Paul, Dr. med., Medizinalrat, 
Berlin. 

393. Runlcwitz, Dr. med., General-Oberarzt 


364. Poii, Heinrich, Dr. med., Berlin. | der Marine, Kiel. 

365. Pon1loi(, Dr. med., Prof., Geh. Medi- 1 394. Ruprecht, Verlagsbuchhändler, Berlin, 
zinalrat, Breslau. | 395. Salomon, 0., Dr., Berlin. 

366. Poaner, C, Dr. med., Prof., Berlin. 1 396. Samaon, Alb., Brüssel. 

367. Preu88,Theodor, Dr. phil.. Direktorial- I 397. Samter, Dr. med. Berlin. 
Assistent am Kgl. Museum fürVölker- 39S. Sander, W., Dr. med.. Geh. Medizinal- 
kunde, Steglitz b. Berlin. rat, Direktor, Dalldorf b. Berlin. 

368. Proohno, Apotheker, Blankenburga.H. 1 399. Sander, L., Marine - Stabsarzt a. D., 

369. Putjatin, Fürst Paul Arsenie witsch, , Berlin. 

St. Petersburg. : 400. Saratln, Fritz, Dr. phil., Basel. 

370. Rabi-Rüoiihard, H., Dr. med., Prof., 401. Saraain, Paul, Dr. phil., Basel. 
Oberstabsarzt a.D., Meran. 402. Saud^, Emil, stud. phil., Berlin. 

371. Rathgen, F., Prof. Dr., Berlin. 403. Soharrer, Viktor, Nürnberg. 

372. Reich, Max, Dr. med., Ober-Stabsarzt 404. Soheve, Alfred, Prediger, Missions- 
der Marine, Leibarzt, Gross-Lichter- Sekretär a. D., Berlin. 

felde. 405. Schilling, Hermann, Dr. med., Sanitäts- 

373. Reineciie, Paul, Dr. phil., Mainz. | rat, Berlin. 

374. Reineciie, Major a. D., Charlotten- 406. Schlemm, Julie, Fräulein, Berlin, 
bürg. 407. Schliz, Dr.^ Hofrat, Heilbronn a. N. 

375. Reinhardt,Dr. phil., Oberlehrer, Rektor, 1408. Schmidt, Colmar, Landschaftsmaler, 
Berlin. i Berlin. 

376. Reiss, WUhelm, Dr. phil., Geh. Regie- 409. Schmidt, Emil, Dr. med., Prof., Jena, 
rangsrat, Schloss Könitz (Thüringen). : 410. Schmidt, Max, Dr. jur., Direktorial- 

377. Remak, E. J., Dr. med., Prof., Berlin. Assistent am Kgl. Museum fürVölker- 

378. Richter, Berth., Bankier, Berlin. künde, Steglitz. 

379. Richter. 0., Dr. phil., Berlin. 411. Schmidt, Hubert, Dr. phil., Berlin. 

380. Richtbofen, F., Freiherr v., Dr. phil., 412. Schoede, Hermann, Berlin. 

Prof., Geh. Regierungsrat, Berlin. 413. Sch9ne, Richard, Dr. phil., Wirkl. 

381. Riedel, Bemh., Dr. med., Sanitätsrat, i Geh. Rat, General - Direktor -der 
Berlin. Königl. Museen, Exzellenz, Berlin. 

3s2. Roeber, Ernst, Prof., Historienmaler, 414. SchStenaack, O., Dr. phil., Privat- 

Rosenberg bei Kessenich-Bonn. dozent, Heidelberg. 


12 


Mitglieder -Verzeichnis. 


415. Scholl, Arthur, Dr. med., Berlin. 

416. SohrSder, Gustav, Zahnarzt, Cassel. 

417. Schulte im Hofe, Dr. phil., Berlin. 

418. Schütte, Dr. med., Iserlohn. 

419. Schutz, W., Dr. med., Professor, Geh. 
Regierungsrat, Eektor der tierärztl. 
Hochschule, Berlin. 

420. Schütze, Alb., Akademischer Künstler, 
Berhn. 

421. Sohultze, Hauptmann, Bischofsbnrg, 
Ostpreussen. 

422. Schultze, Rentier, Charlottenburg. 

423. Sohulze-Veltrup, Dr. phU., Oberlehrer, 
Berlin. 

424. Schumann, Hugo, prakt. Arzt, Sanitäts- 
rat, Löcknitz, Pommern. 

425. Schuster, G., Dr. phil., Königl. Haus- 
Archivar, Haiensee. 

426. Schwabacher, Adolf, Bankier, Berlm. 

427. Schweinfurth, Georg, Dr. phil., Prof., 
Berlin, z. Z. auf Reisen. 

428. Sohweinitz, Graf Hans Hermann, 
Oberleutnant, Charlottenburg. 

429. Selenka, Frau Prof., München. 

430. Seier, Cäcilie, Frau Professor, Steglitz 
b. Berlin. 

431. Seier, Eduard, Dr. phil., Professor, 
Direktor am Königl. Museum für 
Völkerkunde, Steglitz b. Berlin. 

432. Siebold, Heinr. v., Baron, Schloss 
Freudenstein, Eppan b. Bozen, Süd- 
Tirol. 

433. Sieglin, W., Dr. phil., Professor, 
StegUtz. 

434. Siehe, Dr. med., Sanitätsi-at, Kreis- 
physikus, Züllichau. 

435. Sierakowski, Graf Adam, Dr. jur., 
Waplitz bei Altraark, Westpreussen. 

436. Simons, E. M., Dr., Frauenarzt, 
Berlin. 

437. Sökeland, Hermann, Fabrikant, Berlin. 

438. Sokolowsky, Alexander, Dr. phil., 
Düsseldorf. 

439. Solberg, Ole, Steglitz. 

440. Solger, Friedr., Dr. phil., Jena. 

441. Sonnenburg, Dr. med.. Geh. Medizinal- 
rat, Professor, Direktor am Kranken- 
hause Moabit, Berlin. 

442. Staatssohule, höhere, Cuxhaven. 

443. Stahr, H., Dr. med., Privatdozent,! 
Berlin. 


444. Staudinger, Paul, Mitglied des Kolonial- 
rates, Berlin. 

445. Steohow, Dr. med., General-Oberarzt, 
Divisions-Arzt, Hannover. 

446. Stegemann, Privatier, Charlottenburg. 

447. Steinen, Karl von den, Dr. med. et 
phil., Professor, Direktor am Königl. 
Museum für Völkerkunde, Charlotten- 
burg. 

448. Steinen, Wilhelm von den, Maler, 
Gross-Lichterfelde b. Berlin. 

449. Steinthal, Leop., Bankier, Steglitz. 

450. Steudel, Dr. med., Oberstabsarzt vom 
Oberkommando der Schutztruppen, 
Kolonial abteilung des Auswärtigen 
Amtes, Berlin. 

451. Stephan, Georg, Mühlen - Besitzer, 
Lichterfelder Buschmühle bei Sall- 
gast, Kr. Luckau. 

452. Stephan, J., Buchhändler, Berlin. 

453. Stlmming, Arzt, Gross-Wusterwitz bei 
Brandenburg a. d. H. 

454. St5nner, Dr. phil., Berlin. 

455. Strassmann, Paul, Dr. med., Professor, 
Berlin. 

456. Stratz, Prof., Dr., Haag, Niederlande. 

457. Strauch, Curt, Dr. med., Privatdozent, 
Gerichtsarzt, Berlin. 

458. Strauch, Franz, Kontre-Admiral z. D., 
Friedenau b. Berlin. 

459. Strebel, Hermann, Dr. phil. h. c, 
Hamburg, Eilbeck. 

460. Stubenvoll, Hugo, Ingenieur, Vukovar 
a. d. Donau. 

461. Stucken, Eduard, Berlin. 

462. Stuhlmann, Dr. med., Kaiserl. Re- 
gierungsrat, Dar - es - Salam, Ost- 
Afrika. 

463. Taubner, Dr. med., Haiensee. 

464. Teige, Paul, Hof-Juwelier, Berlin. 

465. Teutsch, Julius, Likör - Fabrikant, 
Kronstadt, Siebenbürgen. 

466. Thilenlus, Dr. med., Prof., Hamburg. 

467. Thorner, Eduard, Dr. med., Geh. 
Sanitätsrat, Berlin. 

468. Thurnwald, Richard, Dr., Friedenau 
bei Berlin. 

469. Tillmanns, Dr. med., Medizinalrat, 
Professor, Leipzig. 

470. Tlmann, F., Dr. med., Generalarzt 
XIV. Armeekorps, Karlsruhe. 


Ordentliche Mitglieder. 


13 


471. Titel, Max, Kaufmann, Berlin. 

472. T5r5k, Aurel v., Dr. med., Prof., Di- 
rektor des anthropologischen Mu- 
seums, Budapest. 

473. Tomow, Max L., Montreux, Schweiz. 

474. Traeger, Paul, Dr. phil., Zehlendorf 
b. Berlin. 

475. Uhle, Max, Dr. phil, Philadelphia. 

476. Unlauir, J. F. O., Naturalienhändler, 
Hamburg. 

477. Uiger, Ernst, Dr. med., Berlin. 

478. Urach, Fürst von, Karl, Graf von 
Württemberg, Stuttgart. 

479. Vasel, Gutsbesitzer, Beyerstedt b. 
Jerxheim. 

480. Velde, Dr. med.. Ober - Stabsarzt, 
Charlottenburg. 

4dl. Verein, anthropologischer, Koburg. 

482. Verein, anthropologischer, Hamburg- 
Altona, Hamburg. 

483. Verein für Heimatskunde, MUncheberg. 

484. Verein, Museums-, Lüneburg. 

485. VIerfcandt, A., Dr., Privatdozent, 
Gross-Lichterfelde. 

486. VIrohow, Hans, Dr. med., Prof., Berlin. 

487. Vokeen, Konsul a. D., Berlin. 

488. Voiborth, Dr. med., Geh. Sanitätsrat, 
Berlin. 

489. Vorilnder, H., Ritterguts -Besitzer, 
Dresden. 

490. Voss, Albert, Dr. med.. Geh. Reg.- 
Rat, Direktor der vaterländ. Abteil. 
d.Kgl. Museums f. Völkerkunde and d. 
Samml.f. deutscheVolkskunde, Berlin. 

491. Voswinkel, Carl, Dr. med., Berlin. 

492. WahlyH., Bergwerksbesitzer, Hamburg. 

493. Waiden, Edgar, Halensee-Berlin. 

494. Waidenburg, Alfr., Dr. med., Berlin. 

495. Waldeyer, W., Dr. med., Prof., Geh. 
Medizinalrat, Berlin. 

496. Weber, W., Maler, Berlin. 

497. Weeren, Julius, Dr. phil., Professor, 
Geh. Regierungsrat, Halensee-Berlin. 

498. Wegner, Fr., Rektor, Berlin. 

499. Weigelt, Dr., Prof., General-Sekretär d. 
Deutschen Fischerei- Vereins, Berlin. 


500. Welnitz, F., Dr., Prof., Berlin. 

501. Welnzlerl, Robert, Ritter von, K. K. 
Konservator undKustos desMuseums, 
Teplitz. 

502. Welssenberg, S., Dr. med., Elisabeth- 
grad, Süd-Russland. 

503. Welssteln, Hermann, Reg.-Baumeister, 
Orteisburg, Ostpr. 

504. Wendeler, Paul, Ökonom u. Brauerei- 
besitzer, Soldin. 

505. Wenslerckl-KwIleokI, Graf, Wroblewo 
bei Wronke, Prov. Posen. 

506. Werner, Georg, Dr. med., Stabsarzt» 
Thorn. 

507. Werner, Job., Schlachthofdirektor, 
Stolp in Pommern. 

508. Wldenann, Wilhelm, Prof., Berlin. 

509. WIechel, Hugo, Ober-Baurat, Dresden. 

510. Wiese, Karl, Berlin. 

511. Wllke, Dr. med., Oberstabsarzt, 
Grimma i. S. 

512. Wlllers, Heinr., Dr. phil., Hannover. 

513. Winkler, Hugo, Dr. phil., Privatdozent» 
Deutsch -Wilmersdorf bei Berlin. 

514. Wittgenstein, Wilhelm v., Gutsbesitzer» 
Berlin. 

515. WolfT, Max, Dr. med., Geh. Medizinal- 
rat, Professor, Berlin. 

5 1 6. Wossidio, Dr. phil., Oberlehrer, Waren » 
Mecklenburg-Schwerin. 

517. Wolter, Carl, Chemulpo, Korea. 

518. Wutzer, H., Dr. med., Geh. Sanitäts- 
rat, Berlin. 

519. Zahn, Robert, Dr. phil., Direktorial- 
Assistent bei den Königl. Museen, 
Berlin. 

520. Zander, K urt, Dr. jur., Geh. Regierungs- 
rat, Generaldirektor der Anatolischen 
Eisenbahn, Konstantinopel. 

521. Zechlln, Konrad, Apothekenbesitzer, 
Salzwedel. 

522. Zenker, Wilhelm, Dr. med.. Geh. 
Sanitätsrat, Kreis - Physikus a. D., 
Bergquell-Frauendorf bei Stettin. 

523. Zsohiescbe, Paul, Dr. med., Sanitäts- 
rat. Erfurt 


(Abgeschlossen am 24. Januar IIKO.) 


Übersicht der unserer Gesellschaft durch Tausch, Ankauf oder 
Geschenk zugegangenen periodischen Veröffentlichungen. 


Dm nachstehende Verzeichhia dient zugleich ah CmpfangsbeBtätigung der uns im letzten Jahre 

zugegangenen Schriften, 

Die mit * vermerkten Qezelhchaften^ deren Schriften wir nicht erhalten haben ^ bitten wir um 

yefalUge Nachlieferung der etwa erfolgten Publikationen auaacMieaalich an die Adresse: 

Anthropologische Gesellschaft Berlin SW„ Königgrätzer Strasse 120. 


Abgeschlossen am 15. Januar 1905. 


•) 


I. Deutschland, 

nach Städten alphabetisch geordnet. 

Berlin. Archiv für Kassen- and Gesellschafts- Biologie einschliesslich Rassen- 
und Gesellschafts - Hygiene. Red. von A, Ploetz. I. Jahrg. 
Heft 1—6. (Angekauft) 
,, Amtliche Berichte aus den Rönigl. Kunstsammlungen. 
•*^ ,, Veröffentlichungen aus dem Königlichen Museum für Völkerkunde. 

(2 u. 3 von der General-Verwaltung der Königlichen Museen.) 
*4. „ Ethnologisches Notizblatt. Herausgegeben von der Direktion des Königl. 
Museums für Völkerkunde. (V. d. D.) 

5. ., Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde. 1904. Nr. 1—10. 

6. ^ Mitteilungen von Forschungsreisenden und Gelehrten aus den deutschen 

Schutzgebieten. Bd. XVII. Heft 1—4. 
(5 u. (•> V. d. G. f. E.) 

7. ,, Jahrbuch der Königl. Geologischen Landesanstalt. Bd. XXII. 1901. 

(V. d. G. L.) 

8. „ Berliner Missions-Berichte. 1904. Nr. 1—12, (Von Frau Bartels.) 

i». „ Die Flamme. Zeitschrift zur Förderung der Feuerbestattung im In- 
und Auslande. (V. d. Red.) XXL Jahrg. 1904. Nr. 285—307. 

10. „ Verwaltungsbericht über das Märkische Provinzial-Museum. 

Jahrg. 1902-1903. 

11. ^ Branden burgia. Monatsblatt der Gesellschaft für Heimatskunde der 

Provinz Brandenburg zu Berlin. XII. Jahrg. 1903. Nr. 7 — 12. 
XIII. Jahrg. 1904. Nr. 1—6. 

12. „ Brandenburgia. Archiv. Bd. X u. XL 

(11 u. 12 V. d. G. f. H.) 


Übersicht der periodischen Ver5ffentlichiiiig«n. 15 

13. Berlin. ZeitBchrüt des Vereins für Yolksknnde. XIV. Jahi^^. 1904. Hell 1^3. 

(V. d. V. f. V.) 
U. , Deatsche Kolonial-Zeitang. XXL Jahrg. Nr. 3—52. XXII. Jahig. 

Nr. 1. (V. d. D. K.^.) 
15. ^ Sitzungsberichte der Gesellschaft natorforschender Freunde. 1903. 
Nr. 10. 1904. Nr. 1—6. (Von Hm. MJ^artels.) 
*16. ^ Zeitschrift ftLr afHkanische und ozeanische Sprachen. (Y. d. Red.) 
*17. ^ Mitteilungen ans dem Museum fOr deutsche Volkstrachten. (V. d. 
Vorstand.) 

18. ^ Die Denkmalpflege: Herausgegeben von der SchrifUeitung des Gentral- 

Blattes der Bau - Verwaltung. VI, Jahig. 1904. Nr. 2—16. 
(V. d. Red.) 

19. ^ „AfHka^. Herausgegeben vom erangelischen Afrika -Verein. XI. Jahig. 

1904. Nr. 1—3. (Von Frau Bartels.) 

20. ^ Korrespondenz-Blatt des Gresamtrereins der deutschen Geschichts- und 

Altertums-Vereine. 52. Jahig. 1904. Nr. 1—12. (Angekau^) 

21. • Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft Jahrg. IX. 1904. 

Nr. 1—5. (Angekauft) 

22. ., HeUos. Bd. XXI. (V. d. V.) 
*23. , Societatum Litterae. (V. d, V.) 

24. Berlin-Charlottenburg. Verhandl. der Deutschen Kolonial -Gesellschaft 

Bd. VII. Heft 1—3. (Von Hm. Minden.) 

25. Berlin-Stuttgart. Mitteilungen des Seminars für orientalische Sprachen. 

Jahrg. VII. 1904. (V. d. O. S.) 

26. Bonn. Jahrbücher des Vereins von Altertumsfreunden. (V. d. V. v. A.) 

27. Brandenburg a.d.H. Jahresberichte des Historischen Vereins. Jahresb. 34. 

bis 35. (V. d. H. V.) 

28. Braunschweig. Archiv für Anthropologie. Bd.XXVUI. Suppl. Neue Folge. 

Bd. I. Heft 4. N. F. Bd. U. Heft 1—4. N. F. Bd. III. Heft 1—2. 
(Von d. Herren Fr. Vieweg db Sohn.) 

30. ^ Globus. Illustrierte Zeitschrift für Länder- u. Völkerkunde. Bd. LXXXV. 

Nr. 4-24. Bd. LXXXVI. Nr. 1— 24a. (Angekauft.) 

29. ., Zentralblatt für Anthropologie. IX. Jahrg. 1904. Heft 1—6. (Von 

Frau Bartels.) 

31. Breslau. Schlesiens Vorzeit in Bild und SchrifL Bd. III. (V. d. Museum 

Schlesischer Altertümer.) 
^32. Colmar (Elsass). Mitteilungen der Naturhistorischen Gesellschaft in Colmar. 

(V. d. G.) 
33. Dan zig. Bericht über die Verwaltung der naturhistorischen, archäologischen 

und ethnologischen Sammlungen. XXIV. Bericht 1903. (V.d.West- 

preussischen Provinzial-Museum.) 
=•34. ., Schriften der Naturforschenden Gesellschaft. (V. d. N. G.) 
35. Darm Stadt Quartal blätter des Historischen Vereins für das Grossherzogtum 

Hessen. Nene Folge. Jahrg. 1903. Bd. III. Nr. 3u. 4. Jahrg. 1904. 

Bd. III. Heft 1 u. -2. (Von Hrn. Lissaner.) 
3G. ., Archiv für Hessische Greschichte und Altertumskunde. Neue Folge. 

Bd. IV. Heft 1. (Von Hm. Lissauer.) 
S7, Dresden. Sitzungsberichte und Abhandlungen der Naturwissenschaftlichen 

Gesellschaft Isis. Jahrg. 1903, Juli-Dezbr. Jahrg. 1904, Jan.-Juni. 

(V. d. G. I.) 


IG Übersicht 

♦38 Dresden. Jahresberichte des Vereins für Erdkunde. (V. d. V. f. E.) 
39. Dürkheim. Mitteilungen der Pollichia. 60. Jahrg. 1903. Nr. 18—19. 
(V. d. V.). 

♦40. Erfurt. Mitteilungen des Vereins für die Geschichte und Altertumskunde 
von Erfurt. (V. d. V.) 

*'41. Plensburg. Bericht über Verwaltung und Ankäufe des Städtischen Kunst- 
gewerbe-Museums. (V. d. Direktor des Museums.) 
42. Giessen. Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins. N. F. Bd. XII. 
(V. d. 0. G.) 

*43. Görlitz. Jahreshefbe der Gesellschaft für Anthropologie und Urgeschichte 
der Oberlausitz. (V. d. G.) 

44. Gotha. Dr. A. Petermanns Mitteilungen aus Justus Perthes' Geogra- 

phischer Anstalt. Bd. 50. 1904. 1—11. (Angekauft.) 

45. Greifs wald. Jahresberichte der Geographischen Gesellschaft. VIII. Jahresbec 

(V. d. G. G.) 
*46. „ Berichte der Gesellschaft für Völker- und Erdkunde zu Stettin. (Von 
der Gesellschaft.) 

47. Guben. Mitteilungen der Niederlausitzer Gesellschaft für Anthropologie und 

Urgeschichte. Bd. VIU. Heft 1-6. (V. d. N. G. f. A. u. ü.) 

48. Halle a. S. Mitteilungen des Vereins für Erdkunde. Jahrg. 1904. (V. d. 

V. f. E.) 

49. ^ Jahrbuch der deutschen historischen Kommissionen. I. Jahrg. 1903. 

(Angekauft.) 

50. y, Jahresschrift für die Vorgeschichte der sächsisch-thüringischen Länder. 

in. Bd. 1904. (V. d. Provinzial-Museum der Prov. Sachsen.) 

51. Hannover. Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen. Jahrg. 1 903. 

Heft 4. Jahrg. 1904. Heft 1—3. (V. d. V.) 

52. Jena. Jahresbericht über die Fortschritte und Leistungen auf dem Gebiete 

der Sozialen Hygiene und Demographie. Bd. I — III. 1900/03. 
Herausg. von A. Grotjahn und F. Kriegel. (V. d. Red.) 

53. Kassel. Mitteilungen an die Mitglieder des Vereins für Hessische Geschichte 

und Landeskunde. Jahrg. 1903/4. 

54. „ Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde. 

Neue Folge. Bd. XXVIII. 

(53 u. 54 V. d. V. f. H. G. u. L.) 

55. Kiel. Mitteilungen des Anthropolog. Vereins in Schleswig-Holstein. (V. d. A. V.) 

56. „ Bericht des Schleswig -Holsteinischen Museums vaterländischer Alter- 

tümer. 43. Bericht. (V. d. M.) 
*57. Königsberg i. Pr. Sitzungsberichte der Altertums - Gesellschaft Prussia. 
(V. d. A.-G. P.) 

58. ^ Schriften der Physikalisch-Ökonomischen Gesellschaft. 44. Jahrg. 1903. 

(V. d. Ph.-Ök. G.) 

59. Leipzig. Archiv für Religionswissenschaft. Bd. VII. Heft 1—4. (Von 

Frau Bartels.) 
*60. „ Bericht für das Museum für Völkerkunde. (V. d. M.) 

61. „ Der Alte Orient, Gemeinverständliche Darstellungen. V. Jahrg. Heft 4. 

VI. Jahrg. Heft 1 u. 2 (Angekauft.) 

62. „ Hessische Blätter für Volkskunde. Bd. II. Heft 3. Bd. III. Heft 1—3. 

(V. d. Hess. Vereinigung für Volkskunde.) 


der periodischen Veröffentlichungen. 17 

62. Leipzig. Mitteilungen betreffend die Weltausstellung in 8t. Loais 1904. Nr. 46 

bis CO. (V. d. Red.) 
64. Lötzen. Mitteilungen der Literarischen Gesellschaft Masovia. IX. Jahrg. 

Heft 9. (V. d. L. G. M.) 
*65. Meiningen. Neue Beiträge zur Geschichte deutschen Altertums. Herausg. 

V. d. Henneb. Altertumsforschenden Verein. (V. d. H. A. V.) 

66. Metz. Jahrbuch der Gesellschaft für Lothringische Geschichte und Alter- 

tumskunde. XV. Jahrg. 1903. (V. d. G.) 

67. München. Beiträge zur Anthropologie und Urgeschichte Bayerns. Bd. XV. 

Heft 1—4. (V. d. Münchener G. f. Anthr., Ethn. u. U. B.) 
ßS. „ Altbayerische Monatsschrift. Jahrg. IV. Heft 4 u. 5. 

69. „ Oberbayerisches Archiv. 52. Bd. Heft 1. 

70. „ Altbayerische Forschungen. Jahrg. I — HL 

(68— 70 von dem Hist. Verein von und für Ober-Bayern.) 

71. „ Prähistorische Blätter. XVL Jahrg. 1904. Nr. 1—6. (Von der 

Redaktion.) 

72. Münster. Jahresberichte des Westfälischen Pro vinzial -Vereins für Wissen- 

schaft und Kunst 1902/1903. (V. d. V.) 

73. „ Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 61 

u. Register zu Bd. 1—50. Liefer. 2 u. 3. (V. d. Red.) 
*74. Neu-Brandenburg. Jahresbericht über das Museum in Neu-Brandenburg. 
(V. d. M.) 
75. Neu-Haldensleben. Aus dem Aller-Verein. 1903. (V. d. V.) 
*76. Nürnberg. Mitteilungen aus dem Germanischen National-Museum. 
77. „ Anzeiger des Germanischen National-Museums. Jahrg. 1903. Heft 4 
Jahrg. 1904. Heft 1—3. 
(76 u. 77 V. d. G. N.-M.) 
*78. ' „ Abhandlungen der Naturhistorischen Gesellschaft. (Von der Ge- 
sellschaft.) 

79. Oldenburg (im Grossherzogtum). Schriften des Oldenburger Vereins für 

Altertumskunde und Landesgeschichte. Teil XXII u.XXV. (V.d.O.V.) 

80. Osnabrück. Mitteilungen des Historischen Vereins. Bd. XXVHL 1903. 

(V. d. H. V.) 

81. Posen. Historische Monatsblätter für die Provinz Posen. IV. Jahrg. 1903. 

(V. d. H. G.) 

82. „ Zeitschrift der Historischen Gesellschaft für die Provinz Posen. 

XVin. Jahrg. 1903. (V. d. H. G.) 
h3. „ Roczniki towarzystwa Przyj. nauk Poznänskiego. (V. d. G.) 
84. Prenzlan. Mitteilungen des Uckermärkischen Museums- und Geschichis- 

Vereins. Bd. 11. Heft 3 u. 4. (V. d. V.) 
•85. Salzwedel. Jahresberichte des Altmärkischen Vereins für vaterländische 

Geschichte. (V. d. a. V. f. v. G.) 
86. Schwerin. Jahrbücher und Jahresberichte des Vereins fiir Mecklenbui^ische 

Geschichte und Altertumskunde. Register Jahrg. 41—50. Jahrg. 69. 

(V. d. V. f. M. G. u. A.) 
*87. Speyer. Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz. (V. d. V.) 

88. Stettin. Baltische Studien. Neue Folge. Bd. VIL 

89. „ Monatsblätter. Herausgegeben von der Gesellschaft für Pommersche 

Geschichte und Altertumskunde. 1903. Nr. 1—12. 
(8^ u. 6H V. d. G. f. P. G. u. A.) 

Zeitschrift fOr Ethnologie. Jahrg. 1905. Heft 1. 2 


18 Obersicht 

♦90. Stuttgart. Württemberg. Vierteljahrshefte für Landesgeschichte. (V. d. V.) 

91. „ Pundberichte aus Schwaben. XL Jahrg. 1903. (V. d. V.) 

92. „ Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie. Bd. VIL Heft 1—3. 

Bd. VIII. Heft 1. (V. d. Red.) 

93. Trier. Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst. XXIL Jahrg. 

Heft 3-4. XXIU. Jahrg. Heft 1—3. 

94. „ Korrespondenzblatt für Geschichte und Kunst. XXII. Jahrg. 1903. 

Nr. 11 u. 12. XXIII. Jahrg. 1904. Nr. 1—10. 
♦95. „ Jahresberichte der Gesellschaft für nützliche Forschungen. 
(93—95 V. d. G. f. n. F.) 

96. Wernigerode. Zeitschrift des Harz- Vereins für Geschichte und Altertums- 

kunde. XXXVL Jahrg. 19(i3. Heft 2. Reg. Jahrg. 25— 30. (1892 
bis 1897) Bd. I. XXXVII. Jahrg. 1904. Heft 1. (V. d. H.-V.) 

97. Wiesbaden. Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und 

Geschichtsforschung. XXXIIL Bd. 1903. Heft 2. 

98. jf Mitteilungen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Ge- 

schichtsforschung. 1903/1904. Nr. 1—4. 
(97 u. 98 V, d. V. f. N. A. u. G.) 

99. Wolfenbüttel. Braunschweigisches Magazin. Bd. VIIL Jahrg. 1903. 
100. „ Jahrbuch des Geschichtsvereins für das Herzogtum Braunschweig. 

Bd. IL 1903. 

(99 u. 100 vom Geschichtsverein.) 


II. Earopäisches Ausland. 

Nach Ländern und Städten alphabetisch geordnet. 

Belgien. 

101. Brüssel. Bulletins de la Classe des Sciences, des Lettres et des Beaux- 

Arts de Belgique. 1903. No. 11—12. 1904. No. 1—11. 

102. „ Annuaire de TAcademie Royale des Sciences, des Lettres et des Beaux- 

Arts de Belgique. 1904. 
(101 u. 102 V. d. Ac. R.) 

10:^. „ Annales de Musee du Congo . . . Ethnographie et Anthropologie. 
Ser. IV. Pasc. 4—5. (V. Musee du Congo.) 

104. „ Bulletin et Memoires de la Societe d'Anthropologie. Tome XX. 

1901—1902. Tome XXI. 1902—1903. Tome XXIL 1903—1904. 
(V. d. S. d'A.) 

105. „ Annales de la Societe d'Archeologie. Tome XVIIL 1904. Liv. 1— 4. 

106. „ Annuaire de la Societe d'Archeologie. Tome XV. 1904. 

(105 u. 106 V. d. S. d'Arch.) 

107. „ Bulletin de la Societe Royale Beige de Geographie. Ann. XXVIII. 

1904. No. 1. 

108. Lütt ich. Bulletin de l'Institut archeologique Liegeois. Tome XXXIIL 

(V. d. I.) 


der periodischen Veröffentiichungeiu 19 

Dänemark. 

109. Kopenhagen. Memoires de la Societe Royale des Antiquaires du Nord* 

N. S. 1903. 

110. y, Aarböger for nordisk Oldkyndighed og Historie. 1903. Bd. XVIII. 
"^111. ^ Nordiske Fortidsminder, udgevne af det Kgl. Nordiske Oldskrift 

Selskab. 

(109—111 V. d. N. 0. S.) 
•112. Reykjavik (Island). Arbök hins Islenzka fomleifafelag. (V. d. I. f.) 

Finnland. 

*113. Helsingfors. Journal de la Societe Finne - Ongricnnc. (Snomalais- 

Ugrilaisen Searan Aikakauskirja.) 
* 1 14. ^ Memoires de la Societe Finno-Oagrienne. (Suomalais-Ugrilaisen Seuran 

Toimituksia.) 
*115. jf Finska Fornminnesföreningens Tidskrift 
^116. ^ Finskt Museum. Finska Fornminnesföreningens Mänadsblad. 

117. ^ Suomen Museo. Suomen Muinaismuisto-Yhdistyksen Kuukauslethi. 

X. Jahrg. 1903. 

(113—117 durch Hrn. Aspelin.) 

Frankreich. 

118. Bordeaux. Actes de la Societe Linneenne de Bordeaux. Vol. 68. Tome VIII. 

(V. d. G.) 

119. Gre noble. Bulletins de la Societe Dauphinoise d^Ethnologie et d^Anthro- 

pologie. TomeX. 1903. No. 3 u. 4. Tome XI. VMH, No. 1 u. 2. 
(V. d. S.) 

120. Lyon. Bulletin de la Societe d'Anthropologie. Tome XXII. 1903. 

(V. d. S. d'A.) 
•121. „ Archives du Museum d'histoire naturelle. (V. d. M.) 

122. Paris. L'Anthropologie. [Materiaux pour Thistoire de Thomme, Revue 

d'Anthropologie, Revue d'Ethnogr.iphie reunis.] 11H)4. Tome XV. 
No. 1—5. (Von d. Verleger Hm. Massen.) 

123. ^ Le Tour du Monde. Jahrg. 1904. No. 3—50. 

124. ^ A Travers le xMonde. Jahrg. 1004. No. 3—50. 

(123 u. 124 von Frau Bartels.) 

125. „ Bulletin de Correspondence Helleniq^ue. Jahrg. 1903. XXVII. Jahrg. 

1904. XXVIII. 1—12. (V. d. Ecole Francjaise d'Athenes.) 
•126. ^ Memoires de la Delegation Fran<jaise en Perse. (V. M. J. de Morgan.) 
•127. „ Memoires de la Societe d'Anthropologie. 
128. „ Bulletins et Memoires de la Societe d'Anthropologie. Tome IV. 1903. 
Fase. 1—6. Tome V. 1904. Fase. 1. 
(127 u. 128 V. d. S. d'A.) 
* 129. „ Revue mensuelle de TEcole d'Anthropologie. Jahrg. XIV. 1904. 

Heft 1 — 12. (V. d. Ecole d'Anthrop.) 
•130. „ Annales du Musee Guimet. 

•131. „ Annales du Musee Guimet. (Bibliothequc d'etudes.) 
132. „ Revue de Thistoire des religions. Tome XLVIII. No. 1—3. Tome XLIX. 
No. 1—2. 

(130—132 V. d. Ministere de Tlnstruction publique.) 


20 Übersicht 

Griechenland. 

•133. Athen. Bißho^rKvi t>i5 ev 'A.B>jmt5 ap')K^(tiokoyLKY,g eTOLipLdg, (V. d. G.) 

134. „ ^eKtiov Tvig i(rT0ptx>]5 xett i^vohoyatviq sTctipicLq Tvit; ^ElXctSog. Tome VI. 

22 — 23. (Von der Historischen und Ethnologischen Gesellschaft 
von Griechenland.) 

135. „ npctxTixot T>i; ev 'AB>;vat5 Apx,**öXo7tx/i5 ^ETatpetctg. 1902. 

136. ^ 'E<|)>iMfpi5 Ä>xoitoXo7«>;. Jahrg. 1903. Heft 3 u. 4. Jahrg. 1904. 

Heft 1 u. 2. EvpsTYipiov T. I. 1883—1887. 
•137. „ ^EnsTvipiq UoLpveto'a'ov, 

(135—137 V. d. archäol. G.) 

138. „ Mitteilungen des Kaiserlich - deutschen Archäologischen Institutes. 

Bd. XXVIII. 1903. Heft 3 u. 4. Bd. XXIX. 1904. Heft 1 u. 2. 
(V. d. Archäolog. Institut.) 

Grossbritannien. 

139. Cambridge. Biometrika. Vol. III. Part. 1—3. 1904. (Angekauft.) 

140. Edinburgh. The ScottishGeographical Magazine. Vol. XX. 1904. Nr. 2— 12. 

(V. d. Sc. G. Society.) 

141. ^ Proceedings of the Society of Antiquaries of Scotland. Vol. XXXVII. 

1902—1903. (V. d. S.) 

142. London. The Journal of the Anthropological Institute of Great Britain and 

Ireland. Vol. XXXIII, July-Dec, 1903. Vol. XXXIV, Jan.-June, 
1904. (V. d. A. I.) 
•143. „ Man. 

144. ^ The Reliquary and illustrated Archaeologist. Vol. X. 1904. Nr. 1 — 4. 

(Angekauft.) 

Italien. 

145. Como. Kivista archeologica della provincia e antica diocesL di Como. 

Fasciculo 48—49. (V. d. Societa Archeologica Comense.) 

146. Florenz. Archivio per TAntropologia e la Etnologia. 1903. Vol. XXXIII. 

Fase. 3. 1904. Vol. XXXIV. Fase. 1-2. (Von Hrn. P. Mante- 
gazza.) 

147. „ Bollettino di Publicazione Italiane. 1904. Nr. 37—48. (V. d. R.) 

148. „ Rivista Geografica Italiana. Vol. XI. Fase. 1 — 9. (V. d. Societa 

di studi geografici e coloniali.) 

149. Neapel. Bollettino della Societa Africana d'Italia. Ann. XXII. Fase. 3 

bis 12. Ann. XXIII. Fase. 1—11. (V. d. S. A.) 

150. „ Rivista mensile di Psichiatria forense, Antropologia criminale e scienze 

affini. Anno VI. Nr. 12. Anno VII. Nr. 1—8. (Von d. Red.) 

151. Parma. Bullettino di Paletnologia Italiana. Serie UI. Tomo IX. Anno 

XXIX. Nr. 10—12. Serie III. Tomo X. Anno XXX. Nr. 1—9. 
(Von Hrn. L. Pigorini in Rom.) 

152. Rom. Atti della Societa Romana di Antropologia. Vol. X. Fase. 1 — 3. 

(V. d. S.) 

153. ^ Bullettino deir Istituto. Mitteilungen des Kaiserlich Deutschen Archäo- 

logischen Instituts. Vol. XVIII. 1903. Fase. 3—4. Vol. XIX. 
1904. Fase. 1—2. (V. d. Arch. Inst.) 


der periodischen YeröffentlichaDgen. 21 

154. Rom. Atti della Reale Accademia dei Lincei. Vol. XIII. P Sem. Pasc. 1—12. 

Vol. XIII. IloSem. Pasc. 1-11. 

155. ^ Rendiconti della Reale Accademia dei Lincei. Vol. XII. Fase. 11— 12. 

Vol. XIII. Fase. 1—8. 

156. „ Notizie degli scavi di antichita. 1903. Fase. 10—12. 1904. N. F. 

Vol. I. Pasc. 1-3. 

(154-156 V. d. R. A. d. L.) 

Luxemburg. 

157. Luxemburg. 0ns Hemecht. Organ des Vereins für Luxembarger Ge- 

schichte, Literatur und Kunst. X. Jahrg. Heft 1—12. (V. d. V.) 


Niederlande. 

*158. Assen. Verslag van de Commissie van bestuar van het Prov. Museum van 
Oudheden in Drenthe aan de gedeputeerde staten. (V. d. Mus.) 

159. 's Gravenhage. Verslag van den Directeur van Rijks Ethnographisch 

Museum te Leiden. 1902/1903. (V. d. R. E. Museum.) 

160. Haag. Bijdragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde van Nederlandsch- 

Indie. 11K)4. 7« volgr. II, 1—4. (V. d. Koninklijk Instituut voor 
de T.., L.. en V. v. N.-I.) 

161. „ Handelingen van de Nederlandsche Anthropologische Vereeniging. 

1904. No. 1—3. (Von dem Verein.) 

162. Leiden. Internationales Archiv für Ethnographie. Bd. XVI. Heft 4—6. 

Suppl. zu Bd. XVI. Bd. XVIL Heft 1—2. (Von dem Kgl. Nieder- 
ländischen Kultus-Ministerium.) 

Norwegen. 

163. Bergen. Bergens Museums Aarsberetning. 1903. Heft 3. 1904. Heft 1—2. 

(V. d. Mus.) 

164. Kristiania. Aarsbcrctning fra Foreningen til Norske Portidsmindesmerkers 

bevaring. 1903. 

165. „ Aarsberetning fra Foreningen for Norsk Folkemuseum. 1903. IX. 
•166. „ Kunst og Handverk fra Norges Portid. 

167. Trondhjem. Skrifter det kongelige Norske Videnskabers Selskabs. 1902 
bis 1903. 

(164 — 167 V. d. üniversitets Sämling af nordiske Oldsager.) 

Österreich - Ungarn. 

16S. Agram. Vjesnik hrvatskoga arkeologickoga drnztva. God. I — VI. 1879 — H4. 
N. S. God. 1— VIL 1895/19(^U. (V. d. G.) 
♦169. Brunn. Museum Prancisceum: Annales. (Von der k. k. Mährischen Ackerbau- 
Gesellschaft.) 
170. Budapest. Archaeologiai Ertesitö. XXIV. Bd. 1904. Nr. 1—4. (V. d. 
Anthropolog.-archäologischen Gesellschaft.) 
*171. „ Sammlungen des Ungarischen National-Museums. (Von dem Museum.) 
♦172. Öaslau. Vestnik ceskoslovanskvch musei a spolkii archaeologickych. (V. 
d. V.) 


22 Übersicht 

173. Hermannstadt Archiv des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde. 

Bd. XXXr. Heft 2. Hd. XXXll. Heft 2. 

174. „ Jahresbericht des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde. Jahrg. 

1903. 

(173 u. 174 V. d. V.) 

175. Innsbruck. Zeitschrift des Ferdinandeums für Tirol und Vorarlberg. 

m. Folge. Heft 48. (V. d. F.) 

176. Krakau. Anzeiger der Akademie der Wissenschaften. Mathem.-naturwiss. 

Klasse. Jahrg. 1903. Nr. 10. Jahrg. 1904. Nr. 1—7. Historisch- 
philosophische Klasse. Jahrg. 1903. Nr. 10. Jahrg. 1904. Nr. 1—7. 

177. „ Materialy antropologiczno-archeologiczne. Tom \IL 1904. 
*178. ^ Rozprawy Akademü umiej^tno^ci. 

179. .„ Katalog literatury naukowej polskiej. Tom. 1 — 3. 1901/4. 
(176-179V. d. A. d. W.) 
♦180. Laibach. Argo, Zeitschrift für krainische Landeskunde. (V. d. Red.) 

181. y, Mitteilungen des Museal-Vereins für Krain. XVL Jahrg. Heft 1—6. 

XVII. Jahi^. Heft 1—2. 

182. ^ (Ljubjani.) Izvestja muzejskega drustva za Kranjsko. Letnik XIIL 

Sesit 1—6. 

(181 u. 182 V. d. M.-V.) 
*183. Lemberg. Kwartalnik historyczny. (Von dem Historischen Verein.) 

184. „ Chronik der Uckrainischen §evcenko-6esellschaft der Wissenschaften. 

Jahrg. 1903. Heft 3 u. 4. Jahrg. 1904. Heft 1. u. 2. 

185. j, Sbimik [ruthenisch]. Ethnographische Sammlung. T. 14. 

186. „ Materiaux [ruthenisch] pourrethnologieukraino-ruthene. 1904.Tom.VIL 

(184—186 V. d. Sevcenko-Gesellschafl.) 

187. Olmtltz. Öasopis vlasteneckeho Musejniho spolku Olomuckeho. Rocnik XXI. 

Öislo 1—4. Rocnik XXH. Cislo 1—2. (V. d. V.) 

188. Prag. Pamätky archaeologicke a mistopisne. Dilu XXL Sesit 1—2. (Von 

dem Museum Regni Bohemiae.) 

189. ^ Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen in Böhmen. 

XLIL Jahrg. (V. d. V.) 

190. ^ Bericht der Lese- und Redehalle deutscher Studenten. 1903. (V. d. 

V. d. L. u. R.) 

191. „ Öesky Lid. Rocnik XIU. 1903. Öislo 4—10. Rocnik XIV. 1904. 

Öislo 1—2. (V. d. Red.) 

192. ^ Öasopis Spolecnosti Pfatel Staroznitnosti Öeskych, Rocnik XL Öislo 4. 

Rocnik XII. Öislo 1-3. (V. d. Sp.) 

193. ^ Narodopisny sbornik Öeskoslovansky. (Von dem Verein.) 
*194. „ Vestnik slovanskych starozitnosti. (Von Hm. L. Niederle.) 

*195. „ Bericht über das Museum des Königreichs Böhmen. Jahrg. 11X)3. 
(Von dem Museum.) 

196. Salzburg. Jahresberichte des städtischen Museum Caroline -Augusteura. 

Jahrg. 1903. (V. d. M.) 

197. Teplitz. Tätigkeits-Bericht der Teplitzer Museums-Gesellschaft. 1903/04. 

(V. d. G.) 
* 198. Triest. Atti del Museo civico di storia naturale. (V. d. M.) 
*199. „ Bollettino della Societa Adriatica di Scienze naturali. (V. d. S.) 
200. Ungarisch-Hradisch, Pravek. Üstredni list pro praehistorii u anthro- 

pologii zemi Öeskych. 1903. Öislo 4— 6. 1904. Öislo 1. (V. d. Red.) 


* 


der periodischen Veröffentlichungen. 23 

'201. Wien. Abhandlangen der k. k. Geographischen Gesellschaft in Wien 
1903/04. Bd. V. Nr. 1. (V. d. M.) 

202. „ Annalen des k. k. Naturhistorischen Hofmuseums. Bd. XVIII. Nr. 4. 

Bd. XIX. Nr. 1. (V. d. M.) 

203. „ Mitteilungen der Wiener Anthropologischen Gesellschaft. Bd. XXXIII. 

Heft 6. Bd. XXXIV. Heft 1-5. (V. d. A. G.) 
*204. „ Mitteilungen der prähistorischen Kommission der Kaiserl. Akademie 
der Wissenschaften. (V. d. Pr. K.) 

205. „ Mitteilungen der k. k. Central-Kommission zur Erforschung und Er- 

haltung der Kunst- und historischen Denkmale. N. F. Bd. IL 
Nr. 11—12. Bd. III. Nr. 1— G. (V. d. k. k. C.-K.) 

206. ^ Mitteilungen der Kais. Königl. Geographen-Gesellschaft. 1904. 8*. 

Bd.XLVII. Nr. 1—10. 
*207. ^ Wissenschaftliche Mitteilungen aus Bosnien und der Herzegowina. 
Herausgegeben von demBosnisch-Herzegowinischen Landes-Museum 
in Sarajevo. (V. d. L.-M.) 

208. ^ Zeitschrift für österreichische Volkskunde. IX. Jahrg. 1903. Heft 5 u. 6. 

X. Jahrg. 1904. Heft 1—5. (V. d. V. f. österr. Volkskunde.) 

Portugal. 

209. Lissabon. Archeologo Portuguez. Vol. VIII. Nr. 10—12. Vol. IX. 

1904. Nr. 1—6. (V. d. Museo Ethnographico Portuguez.) 

210. Porto. Portugalia. Materiaes para o estudo do povo portuguez. (Von der 

Redaktion.) 

Russland. 

211. Dorpat. Sitzungsberichte der gelehrten Estnischen Gesellschaft. Jahrg. 1903. 

212. jf Verhandlungen der gelehrten Estnischen Gesellschaft Bd. XXI. Heft 1. 

(211 u. 212 V. d. G.) 
*213. Kasan. Mitteilungen der Gesellschaft für Archäologie, Geschichte und 
Ethnographie. (V. d. G.) 

214. Moskau. Arbeiten der anthropologischen Abteilung. [Nachrichten der 

Kaiserlichen Gesellschaft der Freunde der Naturwissenschaften.] 
TomXXU. (Von Hm. Anutschin.) 

215. „ [Russisch.] Denkschriften der Russischen geographischen Gesellschaft. 

1904. T. XXX. (V. d. G.) 
*216. ,, „Erdkunde^. [Russisch.] Periodische Zeitschrift der geographischen 

Abteilung der Kaiserl. Gesellschaft der Freunde der Naturkunde, 

Anthropologie und Ethnographie. (V. d. G.) 
*217. „ Kawkas. [Russisch.] Materialien zur Archäologie des Kaukasus und 

der östlichen Gouvernements Russlands. (Von der Moskauer 

k. archäolog. G.) 
*218. „ Journal [russisch], Russisches anthropologisches. (V. d. Anthropol. 

Gesellschaft.) 
*219. St Petersburg. Arbeiten der Anthropol. Gesellschaft der militär-medi- 

zinischen Akademie. (V. d. G.) 
*220. „ Bulletin [russisch] de la Commission Imperiale Archeologique. 

(V. d. k. Archäolog. Kommission.) 
•221. „ Materiaux [russisch] pour servir a Tarcheologie de la Russie. 


24 Übersicht 

*222. St. Petersburg. Compte rendu [russisch] de la Commission Imperiale 
Archeologique. 

(221 u. 222 y. d. k. Archäologischen Kommission.) 

223. „ Bericht [russisch] der k. Russischen Geographischen Gesellschaft. 

Jahrg. 1903. (V. d. G) 

224. Warschau. Wisla. Tome XVIII. 1904. Nr. 1—6. (V. d. Red.) 
♦225. ^ Swiatowit. (V. d. Red.) 

Schweden. 

226. Stockholm. Antiqyarisk Tidskrift for Sverige. Del XVII. Nr. 3. 

227. „ Akademiens Mänadsblad. Jahrg. 1888—1899. 1901 — 1902. 

(226 u. 227 V. d. Kgl. Vitterhets Historie og Antiqvitets Akademien.) 
*228. ^ Samfundet for Nordiske Museet främjande Meddelanden utgifna af 
Artur Hazelius. 
229. y, Meddelanden frän Nordiska Museet 1902. Stockholm: Norstedt et S. 
(Von dem Museum.) 
*230. „ Minnen fra Nordiske Museet. 
*231. ^ Handlingar angäcndc nordiske Museet. 
(230 u. 231 von Hrn. Hazelius.) 
232. „ Svenska Porenminnesförening. Tidskrift. Bd. XII. Heft 2. 
*233. „ Svenska Konatminnen frän Medeltiden och Renässansen. 
(232 u. 233 V. d. G.) 
234. ^ Ymer. 1903. Heft 4. 1904. Heft 1—3. 
•235. „ Svenska Landsmälen. 

(234 u. 235 V. d. Universitäts-Bibl. i. üpsala.) 

Schweiz. 

236. Neuchatel. Bulletin de la Societe Neuchateloise de Geographie. T. XV. 

1904. (V. d. G.) 

237. Zürich. Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde. Neue Folge. Bd. V. 

1903/1904. Nr. 2—4. N. F. Bd. VI. 1904/1905. Nr. 1. 

238. „ Jahresbericht des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich. Jahres- 

bericht 12. 1903. 

(237 u. 238 V. d. Schweizerischen Landes-Museum.) 

239. „ Jahresbericht der Geographisch - Ethnographischen Gesellschaft in 

Zürich. 1903-1904. (Von Hrn. Heierli.) 

240. „ Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft. Bd. XXVI. Heft 2. 

(V. d. A. G.) 
*241. „ Mitteilungen aus dem Verbände der Schweizerischen Altertums- 
Sammlungen usw. (V. d. Red.) 
242. „ Schweizerisches Archiv für Volkskunde. VIII. Jahrg. Heft 1—4. (V. d. 
Schw. Ges. f. V.) 


m. Afrika. 

243. Tunis. Revue Tunisienne, publice par le Comite de Tlnstitut de Carthage. 
Annee XI. 1904. Nr. 43—48. (V. d. Ass. T. d. L. Sc. et Arts.) 


der periodischen VeroffcBtliclnuifrco. 25 

IT. Amerika. 

244. Aastin. Transacüons of tfae Texas Acmderny of Science, for 19<^1 Vol. V- 

(V. d. A.) 
•245. Boston (Mass. ü. S. A). Proceedings of the Boston Society of Natnral 

Histoiy. (V. d. Society.) 
*246. Buenos -Aires (Ai^gentinische Republik). Anales del Museo NacionaU 

(V. d. K) 

247. ^ Boletin de la Acadcmia Nacional. (V. d. A. K.) 

248. Cambridge, Mass. Memoire of the Peabody Museum of AmencanArchaeology 

and Ethnology, Harrard üniversity. Vol. III. Nr. 1. 

249. ^ Archaeological and ethnolo^cal papers of the Peabody Museum. 

Vol. III. Nr. 1-2. 

,24S u. 249 V. d. Peabody Museum.) 

250. Chicago. Publications of the Field Columbian Museum. Report Series. 

Vol. II. Nr. 3. Anthropological Series. Vol. IIL Nr. 4. Vol. IV. 
Vol. V. Vol. VI. Nr. 1. Vol. VII. Nr. I. (V. d. M.) 

251. Cincinati. Annual report of the Cincinati Museum Association. XXIII. 1903. 

(V, d. Mus. Assoc.) 

252. Colorado Spring', Col. Studies of the Colorado College. Vol. XI. XII, 

(V. d. Col. College.) 
•253. Davenport Proceedings of the Academy of Natural Sciences. (V. d. A.) 
•254. La Plata. Revista del Museo de La Plata, 
•255. „ Anales del Museo de La Platu. 
(254 u. 255 T. d. M.) 

•25<». Madison. Collections of the State Historical Society of Wisconsin. (V. d. 

Gesellschaft) 
•257. Milwaukee. Annual Report of the Board of Trustees of the Public Museum 

of the City of Milwaukee. (V. d. B. o. T.) 

258. New York. American Anthropologist. Vol. V. 1903. Nr. 4. Vol. VL 1904. 

Nr. 1—4. (V. d. Red.) 

259. .. The American Museum of Natural History. Annual Report for 1903. 

(V. d. M.) 
2G0. ^ Bulletin of the American Museum of Natural History. Vol. XIX. 1903. 

Vol. XVIII. Part 2. (V. d. M.) 
261. „ Mcmoirs of the American Museum of Natural History. Vol. I. Part VIII. 
Anthropol. (V. d. M.) 
•262. Para (Brazil). Boletim do Museu Paraense. 

•263. ^ Memorias do Museu Paraense de Historia Natural e Ethnographia. 
(262 u. 2G3 V. d. M.) 

•264. Para na (Entre Rios). (Von Hm. H. J. B. Fernandez.) 
•2C5. Philadelphia. Bulletin of the Free Museum of Science and Art, Dep. of Arch. 
a. Pal., Un. of Pennsylvania. (V. d. M.) 

266. ., Proceedings of the American Philosophical Society. Vol. XLII. VMVS. 

Nr. 174. Vol. XLIII. 1904. Nr. 175-176. (V. d. P. S.) 

267. „ Transactions of the Department of Archaeology Free Museum of 

Science. Voll. Parti and IL 1904. (V. d.M.) 
•2G8. Rio de Janeiro. Revista do Museu Nacional. (V. d. M.) 
•269. Säo Paulo. Revista do Museu Paulista. (V. d. Mus.) 


26 Übersicht 

270. Toronto (Canada). Proceedings of the Canadian Institute. Part 6. No. 12. 

271. „ Ti*ansactions of the Canadian Institute. Vol. VII. Part 3. 

(270 u. 271 V. d. C. I.) 

272. Washington (D. C, U. S. A.). Annual Report of the Smithsonian Institution. 

Year ending June 30. 1902. (V. d. S. I.) 
♦273. „ Annual Report of the Geological SuiTey. 
274. „ Annual Report of the Bureau of Ethnology. 20th. 1898/99. 

(V. d. Bureau of Ethnol.) 
♦275. ^ Special Papers of the Anthropological Society. 
♦276. ^ Bulletin of the Bureau of Araerican Ethnology. 
♦277. „ Publications of the Bureau of American Ethnology of the Smithsonian 

Institution. 
♦278. y, Bulletin of the U. S. National Museum. 
279. „ Proceedings of the U. S. National Museum. Vol. 27. 1904. 
(275—279 V. d. Smithsonian Inst.) 


Y. Asien. 

280. B a t a V i a. Tijdschrift voor Indische Taal-, Land- en Volkenkunde. Deel XLV IL 

Afl. 1—5. 

281 . ,, Notulen van de Algemeene en Bestuursvergaderingen van het Bataviaasch 

Genootschap yan Künsten en Wetenschappen. Deel XLI. 1903. 
Afl. 2-4. DeelXLIL 1904. Afl. 1-^-2 

282. ^ Verhandelingen van het Batayiaasch Genootschap van Künsten en 

Wetenschappen. Deel LIII. Deel LI V. 3. Deel LV. Deel LVL 1. 
♦283. „ Nederlandsch-indisch Plakatboek. 

284. „ J. A. van der Chijs, Dagh-Register. Anno 1677. 

(280-284 V. d. G.) 

285. Bombay. The Journal of the Anthropological Society. Vol. VI. Nr. 7 — S. 

Vol. VII. Nr. 1. (V. d. S.) 
♦286. „ Report on the search for Sanskrit Mss. in the Bombay Presidency. 
287. Galcutta. Epigraphia Indica and Record of the Archaeological Survey of 
India. Vol. VIL Part 8— 9. 
♦ 288. y, A descriptive catalogue of Sanskrit Mss. in the Library of the Galcutta 

Sanskrit Gollege. 
♦289. „ Report on the search of Sanskrit Mss. 

♦290. „ Notices of Sanskrit Mss. pbl. under orders of the Government of Bengal. 
(28G-290 V. d. Government of India.) 

291. y, Proceedings of the Asiatic Society of Bengal. 1003. Nr. 6—11. 

1904. Nr. 1—5. 

292. „ Journal of the Asiatic Society of Bengal. Philological Series. Vol. LXXII. 

Part I. Nr. 2. Vol. LXXIIL Part I. Nr. 1—2. Vol. LXXII. Part III. 
Nr. 2. Anthropological Series. Vol. LXXIIL Part III. Nr. 1—2. 

293. Colombo. Journal of the Ceylon brauch of the Royal Asiatic Society. 

1903. Vol. XVIIL Nr. 54. 

(291—293 V. d. Gesellschaft.) 

294. Hanoi. Bulletin de FEcole Frangaise d' Extreme -Orient. ToraellL Nr. 4. 

Tome IV. Nr. 1—3. (V. d. Ecole Fr. d'E.-Orient in Hanoi.) 

295. Kyoto. The Calendar, Imperial University of Japan. 1903—1904. (V. d. 

I. ü. o. J.) 


der periodischen Veröffentlichungen. 27 

296. Madras. Bulletin (of the) Madras Government Maseum. Vol. V. Nr. 1. 

(V. d. M.) 
*297. „ Report on a search for Sanskrit and Tamil Mss. prepared ander the 

Orders of the Government of Madras. (V. d. Government.) 
*298. Shanghai. Journal of the China Branch of the Royal Asiatie Society. 

(V. d. S.) 

299. ^ Der ferne Osten. Bd. IL 1904. Heft 3. (Angekauft.) 

300. Singapore. Journal of the Straits Branch of the Royal Asiatie Society. 

Nr. 40—41. (V. d. S.) 

*301. Tiflis. Bericht über das Kaukasische Museum und die öffentliche Bibliothek 
in Tiflis. 

*302. ^ Mitteilungen des Kaukasischen Museums. 
(301 u. 302 V. d. Museum.) 

♦303. Tokio. Mitteilungen der deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde 
Ost-Asiens. (V. d. G.) 

*304. Wladivostok. Denkschriften der Gesellschaft für Erforschung des Amur- 
Gebietes. (V. d. Gesellsch.) 


TL AustraUen. 

*305. Adelaide. Memoirs of the Royal Society of South Australia. 

306. y, Transactions of the Royal Society of South Australia. Vol. XXVII. 

Part 2. 

(305 u. 306 V. d. R. S.) 

307. Brisbane (Queensland). Bulletin of North -Queensland Ethnography 1904. 

Nr. 7. (Von Hrn. W. Roth). 

308. Sydney. Report of the trustees of the Australian Museum. Year 1902. 

309. „ Records of the Australian Museum. Vol. V. Nr. 2 — 4. 

310. „ Memoirs of the Australian Museum. Mem. IV. Part 7—8. 

(308—310 V. d. M.) 

311. , Science of man. Vol. VI. Nr. 8—12. Vol. VII. Nr. 1-7. (V. d. R.) 


VII. Polynesien. 

*312. Honolulu. Memoirs of the Bernice Pauahi Bishop Museum of Polynesian 
Ethnology and Natural History. 
313. ^ Occasional papers of the Bernice Pauahi Bishop Museum of Polynesian 
Ethnology and Natural History. Vol. II. Nr. 1—2. 
(312 u. 313 V. d. M.) 


I. Abhandlungen und Vorträge/ 


1. Kulturkreise und Kulturschichten in Ozeanien/) 

Von 

P. Qräbner. 

Feststellung und Vergleiehung ähnlicher Erscheinungen in den ver- 
schiedenen Kulturprovinzen der Erde ist stets ein Verdienst. Jeder Ver- 
such hingegen, solche Erscheinungen, ja selbst Komplexe solcher Er- 
scheinungen in näheren Zusammenhang mit einander zu bringen, ist, wenn 
auch hier und da intuitiv richtig, ohne weitere Vorarbeit mehr oder 
weniger spekulativ, die Erklärung der einen durch die andere ein un- 
genügend begründeter Analogieschluss. Denn nicht nur bleibt die Art 
des etwaigen Zusammenhanges dunkel, was für Beurteilung und Inter- 
pretation der Erscheinung immerhin von Bedeutung ist; bei der flächen- 
haften Art, wie uns die Kultur der meisten Völker bisher bekannt ist, 
müsste die Übereinstimmung bis zur Identität gehen, um uns sicher zu 
machen, dass wir es nicht doch etwa mit völlig heterogenen Erscheinimgen 
zu tun haben. Und selbst bei Vergleiehung von Erscheinungsgruppen, wo 
ja an sich die Fehlerquelle geringer ist, bleibt doch die Grundfrage be- 
stehen, ob die einzelnen Elemente, mögen sie auch anscheinend noch so 
eng mit einander verknüpft sein, nicht doch zuletzt verschiedenen Kultur- 
kreisen, Kulturschichten angehören. Wir müssen nur die Wahrscheinlich- 
keit bedenken, dass kaum eine unserer heutigen Kulturen einheitlichen 
Ursprungs ist, und zwar je höher desto weniger. 

Wie weit wir trotzdem in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit 
eindringen können, das wird davon abhängen, bis zu welchem Grade von 
Klarheit wir die Kulturgeschichte der Einzelgebiete auch ohne schriftliches 
Zeugnis, auch ohne prähistorische Schichten herauszuarbeiten vermögen. 
Ergibt sich im engeren Kreise des Gebiets erst eine Gruppe von Dingen 
als zusammengehörig, erlaubt liier die Mannigfaltigkeit verwandter Vor- 
stellungen einen Schluss auf die gemeinsame Grundform, dann werden wir 
auch versuchen können, die Beziehungen nicht von Erscheinung zu Erscheinung, 
sondern von Kultur zu Kultur festzustellen und zu deuten. 

So hohen Flug werde ich heute noch nicht nehmen; dazu bedarf es 
der Jahrzehnte. Was ich geben will, ist kaum mehr als ein Programm, 

1) Diese Abteilung enthält nur Abhandlungen und Vorträge, welche in 
früheren Sitzungen vorgelegt, bezw. gehalten wurden, aus äusseren Gründen 
aber in den Verhandlungen nicht mehr Aufnahme fanden. 

2) Vortrag gebalten in der Sitzung vom 19. November 1901. 


F. Gräbner: Kulturkreise in Ozeanien. 29 

ein Suchen von Spuren, denen künftige Arbeit nachgehen könnte, ein 
Forschen gewissermassen nach Leitfossilien, die geeignet sind, in der 
Folge ethnographischer Schichten zu orientieren. Darin liegt der fundamentale 
Gegensatz meiner Arbeit zu der vor vier Jahren von Frobenius*) ge- 
leisteten: Er suchte und glaubte eine Methode gefunden zu haben, durch 
die sich die Probleme der Völkerkunde exakt lösen, die Kulturzusammen- 
hänge klar und zweifellos erfassen liessen; ich suche tastend nach Spuren 
von Kulturzusammenhängen. Eine wissenschaftliche Tatsache werden diese 
natürlich erst dann sein, wenn es gelingt, jede einzelne der hier geahnten 
Kulturen in allen ihren Äusserungen als lebendiges Ganzes zu erfassen 
und in ihren Wechselwirkungen mit den übrigen darzustellen. Deshalb 
bedurfte ich auch der Vollständigkeit des Materials, die F. nicht entbehren, 
aber auch nicht erreichen konnte, nicht so sehr, als seiner kritischen 
Würdigung.*) Ob ich in dieser Arbeit glücklich war, das wird sich darin 
zeigen, wie weit sie ihren Zweck der Orientierung für weitere Forschung 
erfüllt. Irgendwo muss angefangen werden; es muss sich zeigen, ob nicht 
auch die sogenannten geschichtslosen Völker historischer Darstellung zu- 
gänglich sind. 

Neuere Verschiebungen der heute vorhandenen Kulturen gegen ein- 
ander können wir an vielen Stellen noch sozusagen mit den Händen 
greifen: So zeigen die Frenchinseln ebenso wie das Westende von Neu- 
Britannien völlig unverändert Formen der benachbarten Neu-Guineaküste, 
nur hier und da geringe Abweichungen, die auf längere Dauer des Ver- 
kehrs deuten. Daneben haben beide eine unleugbare Verwandtschaft 
nicht nur miteinander, sondern auch mit dem übrigen Neu-Britannien; 
die Elemente dieser Kultur weisen aber an den verschiedenen Orten bereits 
starke Divergenz auf — ich erinnere an die Schildformen — , was auf 
grösseres Alter dieser Kulturschicht schliessen lässt. Ausser dem Deutsch- 
Neu-Guineabeil findet sich auf den Frenchinseln das Neu-Britannienbeil; 
die gleiche Form ist auf Duke of York nachzuweisen. Aber auch hier 
wie an der Nordküste der Gazellehalbinsel ist die gemeinsame Neu- 
Britannienkultur wenn nicht ganz verschwunden, so doch stark über- 
lagert. •) 

1) „Die Kulturfonnen Ozeaniens" in Petcrm. Mitt. XLVI (1900), p. 2<>4ff., 234ff., 
262 ff. Die Arbeit leidet an dem fast völligen Fehlen der Belege und an übergrossem 
Schematismus, wie er besonders in der Berücksichtigung des Konstruktionsprinzips dazu 
führt, kulturell heterogenes zusammenzuwerfen, Zusammengehöriges wegen geringfügiger 
Unterschiede auseinanderzureissen. 

2)"T*nr einen Vortrag, der nur andeuten, nicht ausführen will, w&re Vollständigkeit 
der Literaturangaben, selbst wenn sie sich ohne Schwierigkeit erreichen Hesse, Ballast. 
Nicht auf zahlreiche, sondern auf zuverlässige Belege für die gegebenen Fakten kam es 
an. Ebenso habe ich als Repräsentanten der verschiedenen Kulturen nicht möglichst viele, 
auch nicht immer für die einzelnen Kreise die entsprechenden, sondern solche Dinge ge- 
wählt, deren Verbreitung besonders charakteristisch ist. So habe ich nicht etwas Ganzes, 
aber einiges Sichere gegeben und darf hoffen, dass das nicht geringe, von mir noch nicht 
verarbeitete Material meine Ergebnisse wohl modifizieren, aber nicht umstossen werde. 

3) Die vorstehenden, wie alle nicht näher belegten Angaben der Arbeit beruhen auf 
dem Material des Kgl. Museums für Völkerkunde zu Berlin. 


30 


F. Gr&bner: 


Derartige Vorgänge lassen sich noch an vielen anderen Stellen be- 
obachten, führen aber doch kaum über die heutigen Kulturen hinaus. 
Dass diese selbst komplex sind, ist kaum zu bezweifeln. Die Aufgabe ist 
also, einen festen Punkt zu finden, eine Kulturerscheinung, die nach Art 
und Verbreitung kaum die Möglichkeit polyphyletischen Ursprungs zulässt. 
Ist diese Erscheinung dann im grossen ganzen ihres Gebietes noch mit 



I. Westpapuanische Kultur. 
Grenze der Stämme mit agnatischer Deszendenz. |^| Stämme ohne Klassen- 
organisation. + Geographisch getrennte Unterstämme. Q Weiberorganisation. 
TS Spuren davon (Weiberhäuser, Weiberboote usw.). ^S Kaldebekel und Verwandtes. 
n Plattformbestattung und Verwandtes. 1 Specrschleuder. •»•••^ Grenze des 
Gebietes ohne Speerschleuder in Australien. 2 Speer mit Steinspitze. 3 Dolche und 
Messer. 4 Steinbeil mit eingelassener Klinge. o Rindengürtel. 6 Penisfutteral. 
7 Muschclbohrer. 8 Rundhütte mit Kegeldach. I Zahlenbildung durch SuMraktion. 

II Genusbildung. 

anderen vergesellschaftet und grenzen sie und ihre Begleiter sich wenigstens 
hier und da in ihrer Verbreitung scharf gegen andersartige Erscheinungen 
ab, so ist der Schluss auf eine jetzt in jenem Gebiete vorhandene oder 
ehemals vorhanden gewesene Kultureinheit wohl nicht zu umgehen. Eine 
solche Erscheinung ist in der Tat vorhanden, und zwar gehört sie nicht 
<lem soviel leichter und weiter verschleppbaren materiellen Kulturbesitz 


Eulturkreise in Oieanien. 


31 


an, sondern betrifft den gesellschaftlichen Zustand, in dem die Adern des 
gesamten Kulturlebens zusammenzulaufen pflegen. 

Im östlichen Melanesien ist ein eigenartiges soziales System weit ver- 
breitet, das exogame Zweiklassensystem mit kognatischer Deszendenz. 
Die Yerbreitungsgrenzen (Karte U) dieses Systems sind sehr ausgeprägt 
sie umfassen die gesamten Neu-Hebrideu, lassen San Cristobal und den be- 



ll. Ostpapuauische Kultur. 
ffTVrryyyi^ Grenze der Stfirome mit Zweiklassensjst^m und kognatischer Desiendeni. 
^ Zweiklassensjstem ausserhalb des Gebietes. ^ Spuren davon. ^J Geheimbünde 
mit Maskentänzen. 1 Schild (in Australien nur die mit Buckel oder eingesetztem Griff). 
^^^^^ Grenze der schildlosen Gebiete in Australien. 2 Kolbenkeule (in Australien 
nnr die morgenstemartigen). :( Schleuder. 4 Panpfeife. 5 Klangbrett. Baumhaus. 

nachbarten Teil von Malaita aus, ziehen aber die übrigen Salomonen, das 
östliche Neu-Guinea bis zur Table-Bai, Neu-Britannien mit Ausnahme der 
Baining sowie den angrenzenden Teil von Neu-Irland in ihren Kreis.*) 
Das Zweiklassensystem findet sich ausserdem nördlich auf Kuschai*), west- 
lich im Mekeodistrikt, Spuren davon bis Finschhafeu und Torresstrasse.*) 

1) Codrington «The Melanesians tbeir Anthropologj and Folklore** p. 'JOff. Ann. 
Kep. of Brit. N. G. 1898 p. 41. Danks in Joum. Anthr. Inst. XVIII p. 281 ff Über die 
Baining Schnee „Bilder aus der Sudsee* p. oS. 

2) Finsch in Ann. K. K. Hofmus. VIII, p. 198: vier „StÄmme". 

3) Report of the Cambr. Anthr. Exp. to Torres-Straits V, p. 191, 172 ff. Hagen, 
Unter den Papuas, S. 224 (nach Vetter). 


32 F. Gräbner: 

Im wesentlichen die gleichen Grenzen weist die Verbreitung der Ge- 
heimbünde mit Maskentänzen auf; auch ihr Zentralgebiet sind die Neu- 
Hebriden und die Salomonen mit Ausnahme von San Cristobal und Nach- 
barschaft, sowie Neu-Britannien und Neu-Irland; auch sie kommen im 
Westen bis zur Astrolabe-Bai, im Mekeodistrikt, am Papua-Golf und bis 
zur Torresstrasse vor'); nur im Süden und Südosten überschreiten sie die 
Grenze, da sie sich über Neu-Caledonien und Fidji ausbreiten.*) Haupt- 
waflFe dieses Kulturkreises ist die Kolbenkeule, eine besondere Form 
davon der Morgenstern. Sie ist östlich bis Samoa verbreitet. Bekannt 
sind die riesigen Fidjikeulen und die kaum minder schweren aus Xeii- 
Caledonien; von den ganzen Neu-Hebriden sind sie in verschiedenen 
Formen bekannt, auf den Salomonen sind sie zwar grossenteils (unter 
polynesischem Einfluss?) durch Flachkoulen verdrängt, aber z. B. auf 
Kubiana, ehemals auch auf Malaita und Guadalcanar') noch vorhanden. 
Auf Neu-Irland begegnen wir Formen, die zum Teil an Neu-Caledonien 
anklingen, während auf Neu-Britannien der echte Morgenstern wieder 
auftritt. Von hier erstreckt sich dann über den Finschhafendistrikt bis 
nach Britisch-Neu-Guinea, wo sie ihre Hauptentwicklung finden, das Ver- 
breitungsgebiet der Keulen mit Steinknauf, unter denen auch wieder 
morgen stemartige Formen hervortreten.*) Sie kommen hier in Masse 
noch am Papua-Golf, mehr vereinzelt am Fly-River und bis zur Torres- 
strasse vor, werden aber wenigstens auf den westlichen Inseln der Torres- 
strassengruppe nicht hergestellt.*) In Deutsch-Neu-Guinea sind sie west- 
lich der Maklayküste nicht mehr in Gebrauch, doch sind auf den Berlin- 
hafen-Inseln alte Keulenknäufe gefunden worden.*) Auf Ruk (Carolinen) 
begegnet eine Flachkeule, die Anklänge an die Morgensternform zeigt. 
Unverkennbar ist die Übereinstimmung, die die Kolbenkeule in ihrer 
Verbreitung mit den Geheimbünden und Maskentänzen zeigt, vermut- 
lich nicht zufällig; die Geheimbünde bilden in dem Zweiklassensystem, 
das keinerlei politische Gliederung zeigt, das politische Element und 
bergen infolgedessen die expansive, kriegerische Kraft. Nicht so weit 
verbreitet, aber doch ausserhalb des Festlandes von Australien allein 
diesem Kulturkreis angehörig, ist der Schild, der auf den mittleren 
Salomonen, in ganz Neu-Britannien und auf den Frenchinseln, auf Karkar 
und der gegenüberliegenden Küste bis Potsdamhafen, bei Finschhafen imd 
Adolfhafen, im ganzen Massimdistrikt und in der Gegend von Port 


1) Codrington p. G9flf. Hagen p. 234flf. Schellon^ in Intern. Arcb. f. Etbnogr. 
11, S. 145. Uaddon, Studies in the Antbropogcography of Brit. N. G. p. 419f. Rep. 
Cambr. Antbr. Exp. V, Taf. XVII l u. XIX. 

2) Codrington p. 69, 72. 

3) ßcflocbtene Steiukeulen zu Mendanas Zeit. Catoira, Hakl. Soc. pubL II. Scr. 
Vol. VIII, p. 343, 349. Vgl. aucb Edge-Part. III, 34, F. 1-3. 

4) Eine Morgenstemkeulc, mit Haizäbncn besetzt, aus dem Massimdistrikt Edge- 
Partington I 322, F. 1. 

5) Vgl. D'Albcrtis, New Guinea II, p. 8() u. 130. Rep. Cambr. Antbr. Exp. V p. 294. 
G) V. Luscban in Z. f. Ethn. XXXII S. (87). 


Kultiirkreise in Ozeftnlei]. 


u 


■ 


Moreaby Tarkonimt*) Die Bogenec bilde vom Papua-Golf und der Ästrolabe- 
bai, sowie von Berliuhafen bis zur Huml)oldbai gehören an eich nicht 
hierher, aber ihre Rundlage zu dem Gebiet des Handschildes }Mnt ver- 
muten, dass ^ie ^ich aus ihm entwickelt haben. Der einzige Handschild 
ausserbalb des Gebietes, der nicht notwendig auf indonesischen Einäute 
Eurilckruführen ist, ist der Schild von R6n. Wahrscheinlich, wenn auch 
nicht sicher, ila in ganz Polynesien sporadisch verbreitet, ist die Btein- 
«chleuder diesem Kulturkreise zuzuschreiben^ Ihre Hauptverbreitung hat 
sie in Neu-Irland, Xeu-Britannien, dem Pinsehhafendi strikt, den Neu- 
Hebriden^) und Neu-Caledonien, doch ist »ie auch aus dem Massimdistrikt 
und von Florida sowie den polynedschen Randinseln der Salomonen nach- 
Eu weisen. In Mikronesien kommt sie von Yap östlich bis zu den Marshai- 
inseln vor und war auch auf den Marianen vorhanden* Von Musik- 
instromenten überschreitet die Panpfeife das Gebiet um ein geringes, 
indem sie auf Taui, allerdings selten^), begegnet. Allgemein ist sie in 
Neu-Britanuien, Neu-Irland, den Salomonen, Neu-Hebriden, Fidji*) und 
Tonga. Das Klangbrett ist aus Neu-Britanuieu wohlbekannt; ausserdem 
ist es auf einer der Neuen Hebriden und den Inseln der BouginviUe- 
strasse in Gebrauch**) Endlich ist die Benutzung von Baumhäusem an- 
acheinend auf diesen Kultur kreis beschränkt; ich kenne sie von Isabel, 
dem Zentraldistrikt in Britisch-Neu-Guinea, von Karkar und Neu-Irland '), 
erdem aber, was vielleicht mit Beziehung auf den Rönschild inter- 
nt ist, von Japen^^J 

Indeseten ist diese ostpapuanische Kultur'), wie ich sie nennen möchte, 
t auf Melanesien und das östliche Mikronesien beschränkt« Das Zwei- 
isensystem durchzieht in verschiedenen Abarten das ganze australische 
Festland und ist auch in Verbindung mit der kognatischen Deszendent 
im Osten dea Erdteils weit verbreitet^ in einem Teil dieses Gebietes 


1) Wenn Frobeaius «, a. 0. S. 263 1 die melmnestacheti Schilde mit Qaei- und 
Doppelgriir für Aamtkch bceinfluast erklärt, jto ut ilMM nichts ilfl ein« scbltgeade Demoii* 

, itraiion dÄför, was bei Bulchem Scliematismab herausiommt* 

2) 1. B. Domont d'L^rville Voj. pitt4jros<|ue p. 108, 120 !L 

3) Tbileiiius, E(:biio|,rr. Erg^bause &qs MclaixesieD 11, B. 14L 
4} WiiUsiai>-CftlYert, ^Fiji ftud the Fijitn«-, p. 111. 
5) CodrtQgton p. 337 ohne genanere OrtsMgAbe. Guppj, ^THe Saloaioo IsImocU* 

» ^ 144. Auch dje Saitettinstromeiite (N. Biit*, X. IrUad, initUer« Salomooes, K. Uebtides) 
§«itören wohl hierher. 

Ül Codringtoa p. 3iXi. Cijley-WebBter, .Throa^b New GuiDea ete.% p. 126, 
Hftddoa a« a. 0. p. 425. Ch&Imers, ^Fiooeerüig in N. Guinea', p, 288. Hageit p. 2«Xt 
lOAch Kunse). Photographie eiae« N, Irland-Baumbausei im Mna. f. ?dlkerk. Berliö. 
T) Wilken, ^.Handleiding eic," p, 5G, 

8) Das Kittd miiss einen Nanien haben, D& es eine Knlturflchiebt gibt, die sieb 

Fiber d^t ganx^ alt Melanetien bekannte Gebiet lagert, m b nachte ich für die beiden 

4«ninter liegenden Schiebten eine andere Beieichiinng, für die sieh der nnbestiroinl« 

Begriff ^apUÄ* ojn besten eignete. Für die aUertlteeten, beeonder^ in Anstrmlien ver* 

Sehich ten^ die zudem mit älteren a(nkani»cben Elementen ge wiese UbereJn- 

anngen teigan, eebien mir der vonFrobeui«« gebranchte Name ,Nigntificb* wohl 



94 


FibneF: 


aogar in seiner reineo Form ohne Unterklaseen und Toteragruppen/*) 
Schilde und Keulen, wie sie fast im ganzen Australien vorkommeD, ge- 
hören allerdings, wie wir sehen werden, znm Teil bereite einer älteren 
Kultur an; nähere BerQhruDg mit den ostpapuaniachen zeigen hingegen 
die Schilde mit eingesetztem irrifif und die mit Buckel versehenen*), 
sowie die Keulen mit morgensternartigem Kolben, Die wenigen Fund- 
stellen, die ich davon f es ts*t eilen konnte, gehören denn auch sämtlich, 
%venn nicht dem Gebiet des Mutterrechts, dessen materielle Knltur meist 
nur schlecht bekannt ist, so doch dem Östlichen Teile des Kontinentes 
an.*^) Ob und wie weit wir hier in Australien Äquivalente der Geheim- 
bünde mit ihren Maskeutänzen besitzen, mössen besondere Studien dartuii; 
vielleicht kann die Verbreitung des Schwirrhokos hierführ eine Art Leit- 
faden bieten/) 

Wie bereite hervorgehoben, hat das Zweiklassensystem seinen reinen 
Charakter, den es im ö^stlichen Melanesien besitzt, nur in einem Teile 
des östlichen Australien bewahrt. In den meisten Gebieten des Kontinents 
zerfallen die Hauptklassen in je zwei oder vier Unterklassen; das Wichtigste 
ist aber, dass neben diesen Klassen fast durchweg eiue grossere Zahl 
kleinerer Gruppen meist totem istischen Charakters auftritt.'^) An einzelnen 
Stellen finden sich diese Gruppen ohne das Klaasensystem und sind an 
diesen Stellen, soweit bekannt, stets geographisch lokaliHiert, stellen also 
ein System exogamer Unterstämme dan Alle so organisierten Stämme 
(Karte I) befinden sich in ausgeprägter Randlage entweder im äusseraten 
Norden oder, wie die Kurnai und die Umwohner von Brisbaue, durch den 
schützenden Wall der australischen Alpen gegen die Stämme mit Zwei- 
klassensystem abgeschlossen.*) Aber selbst bis ins Gebiet des Zweiklassen- 
systems erstreckt sich das Vorhandensein der bodenständigen Unterstämme; 
sie sind sicher belegt von den Warramnnga und ihren Nachbarn nördlich 
bis zum Golf von Caqientaria, sowie im Südwesten in der Nahe von 
Perth.^) Und alle Gebiete, in denen sie vorkommen, haben noch ein 
weiteres gemein: in allen vererbt die Gruppen- und gegebenenfalls die 
Klassenzugehörigkeit durch den Vater im Gegensatz zu der kognatischen 


1) ^owitt im Jonrn^ Änthr, Inst XYIII p. 31 fiF. Roth, Ethnoli>gical Studie? 
araong the North Weit- Central Queensknd Äboriglnes p, 5Bff. Curr, „The AuAtr&lijLti 
Räc©** an ^ahlreicbea terstreuten Stellen* 

"■2) An- oder eingesateten Griff haben alle meUnesis erben Schilde ausser den Neu- 
Britanoischen, die jedoch deutliche Spuren ehemalig^er ZuBammeuÄefczung und den Buckel 
aufweifien. Einer der QneeDsknd-Buckelfiehilde des Berliner Museums zel^^ nbngeu£ 
eine Bemal ung, die in merkwürdiger Art die Dreiteilung bezw. Beflechtung der Neu- 
Britanniensc bilde imitierti 

3) Auiaer den Eiemplaren des Berliner Museums vgl, Ed^e-Partington I, 349 
F. 1(»-13. II, 211 F. 2; 214 F. 2. 111, UjO l\ 1, 13, 14; lü2 F. 14. 

4) Form und Gebrauch iat dabei zu beachten; beides scheint im Gebiete des Vater- 
recbis nicht konstant t\x bleiben. 

5) Vgl Curr a, a, 0. Howitt a. a. 0. Roth p. 57 C Spencer and Gillen 
^The native tribea of Central AustTaÜa, p. 55, 1 12, „The Northern tribes of CA.", pJOff,, 143 ff. 

6) Howitt p. 50. Fison and Howitt ^Kamitaroi and Kurnai*, p. 17Uffl 

7) Spencer and Gillen, „The northeru tribes etc.'*, p. 28f. Uurr I, p, 325. 


r» 


Kulturkreiaa in Oieinien* 


)i!szeDdeDz d£g reinen Zweiklässenöysteins**) Ferner; Bei Warramunga 
|lind Verwandten hat sich das ZweiklaBsensystem den Unterstämmen an- 
lepassi; indem die Klassen, die hier teilweise besonders zahlreich sind, 
Wie Totemgrujjpen in öich aufnehmenj sind i^ie selbst lokal geworden*); 
[im Gebiet dee Mntteirochts itcheinen die Gruppen, wenigstens teilweise, 
lindem sie in tlen Klassen aufgingen, ihre Bodenatändigkeit Terloren zu 
liiaben.') Bei den Arunta, die zn einem Teil agnatische, zum anderen 
kogimtisebe Deszendenz haben, haben die Totems ihren lokalen Charakter 
I bewahrt, dafür aber die Erblichkeit verloren nnd sind rein persönlich 
geworden/) Alles das deutet, wie mir scheint, bereits darauf, dass sich 
jedenfalls nicht hier in Anstralien das eine System kontinuierlich an» dem 
[anderen entwickelt hat, sondern dass sie beim Aufeinandertreffen sich 
iwar in hohem Grade vermischt haben, doch aber in dem einen Gebiet 
[das eine, im anderen das andere die Oberhand behalten hat. Diese 
[Folgerung ergibt sich noch klarer, wenn wir die Grenze der Stämme mit 
Itischer DesEendenz mit der gewieser anderer ethnographischer Er- 
Binnngen vergleichen: 
Mit Ausnahme eines Teiles im äussersten Westen des Kontinents, wo 
[das Zweiklassensjstem mit Mutterrecht in stark verbildeter Form besteht, 
\^ von je drei Unterklassen jeder Haupt k lasse stehen immer zwei im 
Konnubium*) — beherrscht die agnatische Erbfolge den grösseren west- 
! liehen Teil von Australien, ausserdem aber den grössten Teil der Küsten- 
' gebiete mit Ausnahme eines Teiles der Oatküste,*) Dieser Grenze parallel, 
wo aie nicht gar mit ihr zusammenfällt, geht die Verbreitungsgrenze der 
^Spaersehleuder; sie fehlt bestimmt in dem grössten Teile des Gebietes mit 
kerrschendom Mutterrecht/) Nahezu in denselben Grenzen hält sich auf* 
[fallender Weise das Vorkommen einer bestimmten Art der Leichenbehand- 
[lung, nämlich die Plattform bestattung, die bisweilen mit einem Räuchern 
der Leiche verbunden ist, und verwandte Erscheinnngen, während ausser- 
halb dieser Grenze, soweit mir bekannt, überall das Begräbnis üblich ist.*) 
Dazu kommt, dass die einzigen Stellen, an denen in Australien der Schild 
unbekannt ist, im Norden und Süden des Gebietes mit agnatischer Des- 
zendenz liegen* •) 


1) Ho Witt, p, 47 ff. Carr (durch das gaitse Werk xeritreat). Speneer a. Gillttt 
,The nstüve tribes etc.**, p. G8 flf. „Tho northern tr. etc,^, p. 74 W. 
2} Spencer &. üilleiif «The northern tr. ete.*, p- äHf. 

3) Ho Witt p.r>i(r. 

4) Spencer a. Gilleii, /fhe natiTe tribes ©te.', p, U4 ff. 

ö) Brongh-Smytli ^Tbe Aborigines of Victarift", p. 88. Ho Witt, p. G8 f* 

6) Carr (teratrcat). Howitt p. 47 t Sein WanamuDgaBjrstem bat agnatbche De&- 
leDdeni, fgi Speneer a. Oillen ,The northern tr. etc.*» p/74ff, Fison ä. Uowitt,p. :21Kjlt 

7j Daxn aussei Cutr (lerstrent) r. Lascban „Daii Wnrfboli in Ncn-UolUnd und 
Oieanien" (BaÄ(ian-Festschrift), p* UU ff, 

8) Brott^b'Smjth p. IUI ff. Curr ^jcrstreat}. Eotb p. lG3ff. Spencer a^GiUen 
,Tho nati?e tr. etr," p. 497 ff,; pThe northerti tr etc.* p, B<16 ff. Lumholts hinter 
Meü9chenfreMern% p. diälL Fiaon ». Howitt, p. 243t Kach Howitt, „The natiT* tr, 
of South-East^Aostr,** p. 467 kam Plattfonnbestattiini noch bei den Wollaroi (etwa 148"^ L, 
30^ Br,) für 

0) Cörr U P* 251 V ^5ö. 

S- 


36 F. Grftbner: 

Dürfte somit feststehen, dass hier eine von der ostpapuanischeD ver- 
schiedene Kultur Yorliegt, so entsteht die Frage, ob diese Kultur auf den 
Kontinent beschränkt ist. Von der Torresstrasse bis zur Mündung des 
Fly-Hiver begegnen uns Stämme mit agnatischer Erbfolge, und sie alle 
zerfallen in geographisch getrennte Unterstämme mit Totemcharakter; bei 
allen zeigen sich nur schwache Spuren des Zweiklassensystems. ^) Weiter 
nördlich sind die sozialen Verhältnisse so wenig bekannt, dass wir nur den 
Baining bestimmt das Vaterrecht zusprechen können;') dagegen ist dies 
System im Nordwesten von Halmahera und den südlich davon liegenden 
Inseln sicher bezeugt.*) Der einzige australische Stamm ohne Klassen- 
einteilung, dessen Einrichtungen uns näher bekannt sind, sind dieKumai; 
bei ihnen findet sich eine besondere Organisation der Weiber unter 
eigenem Namen; ^) eine solche Organisation ist sonst wohl nur von den 
Pelauinseln bekannt/) Ein Accessorium davon scheint die Initiative des 
Mädchens bei der Werbung zu sein; sie begegnet auf den Torresstrassen- 
inseln und in verbildeter Form ebenfalls auf Pelau.*) Inwieweit etwa 
die Fluchtehe damit zusammenhängt, die ausser bei den Kumai unter an- 
derem im nördlichen Australien verbreitet ist, vermag ich noch nicht zu 
sagen. Gleichfalls die Kurnai und andeutungsweise die am unteren Murray 
wohnenden Narrinjeri besitzen eine den Kaldebekel von Pelau, der Ge- 
meinschaft der zusammen Initiierten, ähnliche Einrichtung.^) Besondere 
Weiberboote, wie auf Pelau, und Weiberhäuser kommen in der Umgebung 
der Humboldbai vor,*) strenge Trennung der Männer von den Weibern, 
sodass sogar der eheliche Verkehr ausserhalb der Häuser stattfindet, ist 
auf Taui und bei den Alfuren westlich der Geelvinkbai in Gbung *) Platt- 
formbestattung begegnet auf den Aruinseln, in der Torresstrasse und am 
Fly - River, sowie im Hinterlande der Astrolabebai, auf Karkar und 
westlich bis Berlinhafen, oberirdisches Verwesenlassen der Leiche auch 
auf Taui.^^) Ich komme zum materiellen Kulturbesitz: Die Speerschleuder 
scheint auf den Inseln der Torresstrasse ehemals in Gebrauch gewesen zu 
sein.") Sie ist es, wenn auch in abweichender Form, noch an der Nord- 
küste von Neu-Guinea, auf Pelau und Yap.") Die Gbereinstimmung ist 
damit nicht erschöpft. Die Warramunga und ihre Nachbarstämme bia 


1) Bep. on the Cambr. Exp. Y. p. 162 iL 

2) Schnee, p. 38. 

3) Wilken, Handleiding v. d. vergelijk. Yolkenk. v. Ned. Ind. p. 266. Encjclopaedie 
van Ned. Indie IV, p. 87. 

4) Fison a. Howitt, p. 295 ff. 

5) Vgl. Kubarj „Die sozialen Einriebtangen der Pelananer'*, p. 34. 

6) Rep. on the Cambr. Exp. V., p. 222 ff. Knbary, p. 51. 

7) Kubary, p. 84 f. Fison a. Howitt, p. 198. Gurr II, p. 254 f. 

8} Kubarj, p. 35, Anm. Koning in Bijdragen tot de Taal-, Land- en Yolkenkonde 
van Nederl. Indie LY (1903) p. 268 ff. 

9) Thilenius II, p. 132. Globus LXXXIII, p. 14. 

10) Rep. on the Cambr. Exp. Y, p. 248 ff. d'Albertis II, p. 101. Cayley -Webster^ 
p. 209 f. Thilenius II, p. 134. Ausserdem Mnseumsmaterial. 

11) Haddon in Joum. Anthr. last. XIX (1890) p. 333 f. 

12) V. Luschan p. 153 f. webt mit Recht darauf hin, dass der Unterschied der männ- 
lichen und weiblichen Form kein fundamentaler ist. 


KoliaTkreiBe in (^SmmT 


I 


cur Nord Westküste Imben Speere mit Steinspitzen, die in jeder Hinsicht 
[den bekanoten Tauispeeren gleichen; auf den Norden von Augtralien be- 
ichroJikt zü sein scheint der Gebrauch des Üolchraessers aus Stein, eben- 
falls von Taui bekannt; aber überhaupt sind Dolche, aus welchem Stoffe 
[immer, auf die eben mehrfach berührten Gegenden beschränkt *) Imwest- 
iliehen Britisch Neu-Guinea und an der Nordküete von Neu-üninea sind 
[•ie aug Knochen, auf Pelau und Yap aus Bambus.*) Ebenfalls von den 
IWarramunga belegt ist die Beilforra, bei der die Klinge in den einfachen, 
licht winkeligen Schaft eingelassen ist; sie gehört ausserdem der Torres- 
[straese und dem Fly-River, Kaniet nnd Taui an.*) Ein Rindengörtel, wie 
[«ie auf Taui, in der Gegend von Berlinhafen und am Pjipua*;oIf getragen 
[»erden, findet sich gar in Südaustralien, anscheinend auf der York-Halb- 
jinsel.*) Endlich seien noch einige Diuge angeführt, die zwar vom Fest- 
ande nicht bekannt sind, aber gleichfalls nur in demselben (tebietj wie 
•^die vorher genannten, vorkommen* Dahin gehört das Penisfutteral, das 
2 wischen llumboldtbai und Berlinhafen, auf Taui und Mussau getragen 
wird*), und der Bambusbohrer, der überhaupt nur von Berlinhafeti und 
Kalmahera belegt ist, von dem aber jedenfalls fessteht, dass er im öst- 
lichen Britiseh-Neu-Guinea und auf den nördlichen Salomonen nicht ver- 
I wendet wird/) Etwas weitere Verbreitung hat die Hundhütte mit Kegel- 
dachj die auf Taui, in der Gegend der Ilumboldtbai und auf den Inseln 
der Torrestrasae vorkommt oder vorkam, während von den Kundhütten 
des Mekeodistrikts nicht feststeht, ob sie nicht vielmehr Bienenkorbhütten 
aind^)^ auf dem Pestlande, dessen primitive Hütten sämtlich wandlos sind, 
Hesse sich höchstens die einfache Kegelhütte tum Vergleiche heranziehen. 
Ich w*ill xum Schluss nicht Übergehen, dass auch einige sprachliche Be- 
sonderheiten auf das Gebiet der westpapnanisehen Kultur, wie ich sie 
nenne, beschränkt sind* Die Bildung höherer Zahlen durch Subtraktion 
wird auf Yap, Taui, Kaniet, Agomes, auf Ceram und bei den Koitapu 
in Britisch Neu-Guinea geübt; Genusbildnng beim Nomen, wie sie auf 
Halmahera-Ternate, bei Berlinhafen und Potsdamhafen vorkommt, findet 
sich merkwürdigerweise nördlich von Sidney, ebenfalls im Gebiete west* 
papuanischer Kultur, wieder.") 

Ergibt ein Blick auf die Karte, dass die westpapuanische Kultur, 
wenn auch ihre einzelnen Elemente nur sporadisch auftreten, doch iin 


1) Spencer a. Gl lUn ,The northem tr, ete.-, p. «>40 ff., G74 ff, R«>tb. p. löL 

2) Amset dem Musaumemateri&l vgL d'Albertis 1, p, 4I<3. 

3) Spencer a. Gillen m. a 0*, p, iiä3. d'Alberti« IL p. 37S, 

4) Exemplare des Berliner Mus.: Sfid-AuBtralien; £dge*Pirt» I 362, F, 3, 4: C«,pe- 
Yark-Distr.f doch wobl ein MissveratlLnduis? 

b) V, Luschftn im Globus L^XIX p. 199. 

6) Mac-Gra^or Despttcb Nr 5it ßnt. N, G, p. L Bibbe, Zwei Jahre unter 
den Kannibalen der SalontonsiiiMn*, p. 292 ff* 

7) Thiknius II, p 15(>: Tat VIIL MejerPirkinsott ^Papnaalbam* IL Tat 1—4 
UaddoD, Studiei etc,, p. 421 1 

H) Moselej in Joarn. Anthr. Inst VL p. 388 ff . TbiK^nius U. p. 324, S.H, Eay 
,A comp»ratiT€ Vücmbulary ctc.% p. 37- Schmidt in l. t Xtnk, n, Oieiiw Spr. VL 
p, 67, 72^ m. Threlkeldf Ab An^traÜan langui^, p. D* 


I 


F. Gfftbner; 

Ganzen auch in Melanesien ein geographisch wohl umschriübenea Gebiet 
^innimmi, dasa dies Gebiet fenier zwar yon den Ausläufern der oatpapua- 
nischen Kultur durchsetzt wird^ aber nirgends deren Kemgebiet berührt, 
60 wird die Nichtidentität beider noch klarer, wenn wir einen Blick auf 
das Ösfeliche Melanesien werfen: San-Cristobal und Neu-Galedonien Hegen 
ausserhalb der Grenzen des Zweiklassensystems; wenigstens fürNeu-Cale- 
donien ist ag^natische Deszendenz sieher- ^^^ beiden findet sich die 
Plattformbestattung oder Verwandtes, auf beiden die Rundhütte mit 
Kegeldach. Auf Santa Anna bei San-Cristobal wurden die Holdaten des 
Mendana mit Speeren beschoaseo, die Steinspitzen trugen.*) Die west- 
papuanißdie Beilform kommt auf Neit-Caledoniea vor, und im Zusammen- 
hang mit diesen Übereinstimmungen kann ich nicht umhin^ auch die Neu- 
Caledonische Speerachleuder, obwohl »ie als Wurfschlinge auftritt, zu der 
westpapuanischen zu stellen.*) Die Bekanntschaft mit der Steinschleuder^ 
die mit anderen ostpapiianischen KuUurelementen ihren Weg nach Neu- 
Caledonion fand, mag die Umwandlung erklären. Ein merkwürdiges 
Zwitterding aus beiden Formen ist dann sogar nach Neu- Seeland gelangt; 
ebenfalls nicht ganz einsam, denn auch die Plattformbestattung war dort 
gebräuchlich,*) 

Ostpapuanische Elemente ziehen sich durch den ganzen australischen 
Kontiuent bis in den äussersten Westen; untermischte Reste westpapua- 
nischer Kultur finden eich nördlich und südlich dieser ostpapuanisch durch- 
setzten Zone. Die Tatsaehe beweist, dasa auf dem Festlande die west- 
papuanisehe Kultur die ältere war, dass sie von der sich ausbreitenden 
ostpapuanischen in die abgelegenen Teile des Landes zur öc kg e drangt 
worden ist Die Ausbreitung erfolgte von Osten her; denn einmal ist nur 
hier die Ostpapuakultur herrschend uud stellenweise ziemlich rein, und 
zweitens gehört ihr nur <lort an der Nordostküste, ihrem melanesi sehen 
Hauptgebiet gegem'lberliegend, eine längere Küstenstrecke an. Doch auch 
in Melanesien scheint sie die jüngere zu sein» Der fragmentarische 
Charakter der westpapuanischen Kultur wird ja freilich wohl grossen 
Teils auf stärkere Zersetzung durch spätere, von Werten kommende Ein- 
flüsse zurückzuführen sein; und auch das Vordringen ostpapuanisch er 
Elemente nach Westen bis Berlinhafen und zur Toirestrasse ist nicht be- 
weisend, da dieses Vordringen, wenigstens so weit Fly -River und Torres* 
Strasse in Betracht kommen, einer yerhältnismässig jungen Periode anzu- 
gehören 8cheint,-vielleicht unter demEinfluss der expansiven polynesischen 

1) Limbert ^Mfleura et coutümes des Neo-Caledoniens'*, p. B2. 

2) Vergaßt in Hjimj, Revue d^Ethnogrftphie IV, p- 201 tS. Codriagton p, 301. Catoira, 
Hall. Bog. publ. II. Ser. vol. ?III f».4(M>. Nach Carters t ebenso auf Malaita* Eawkee- 
worth-Schiller I, p, 365, Doch hielt C* ÄUch die Pfeilspitzen aus Saota Cmz für Stein. 

3) Nach Förster, Reise II p. 22<», und Gray in Intern. Ärch, f, Ethaogr. VII, 
p* 2:U; Tat SXI, 30 wird die Wurfs ctiÜnge auch *uf Tanna gebraucht, wns aber natürlich 
Eranee (Intern. Ärch. XV, S. 147) und Frobenini a. a, 0. S. 2MS. nicht berechtigt^ 
auch nur ihre einstige Verbreitung über die ganzen Neuen Hebriden an^nnehmen ; es 
handelt sich vielniehr um das typische Neu*CaledoniengeFM, Fr. behauptet ausserdem 
mit unrecht, dasa Strauch ee von Taui erw&liae. 

4) HamiltoQj „Maori-Art* FL XXX. Tregear in Journ. Anthr. Inst, XIX, p, ICHf, 



CnlhtTkrelie in Oceanien . 



Kultur erfolgt iet Aber San-Cristobal mit Nachbarscliaft und Neu-Cale- 
(lonion gleiehoD stehengebliebenen Horsten westpapiianiacher Kultur, die in 
Neu^Caledonien durchaus die Grundlage bildet. Zudem sind auch öatlich der 
rein ostpapuaui scheu Zone westpapnanisehe Spuren nicht unwahrscheinlich. 
Auf Fidji und Nachbarschaft kommen Eundhütten vor, die ja allerdings nicht 
notwendig Kegeldschhütten zu sein braucheUj") und in Santa Cruz igt, wie 
mir Herr Prof. Thilenius freundlichst mitteilt, der Rindengürtel in Ge- 
brauch, Als nicht gan55 sicher, aber iinmerhiu möglich möchte ich es ferner 
hiustelleu, dass in Australien die Steingeräte der westpapuanischen Gebiete 
paläolithischeu, die der oatpapuanischen neolithischen Charakter zeigen.*) 
— Ist aber die ostpapuauische Kultur die jüngere, so ist es bei der Ab- 
grenzung der beiden unwahrscheinlieh, dass sie von Westen über Neu- 
guinea eingewandert ist, eher ist anzunehmen, dass sie ihren Weg nördlich 
aber die Karolinen genommen hat. Und da nun auch da» melanesische 
Verbreitungsgebiet und die Basis des australischen um das ostmelanesische 
Becken herumliegen, so müssen wir uns die Träger dieser Kultur wohl 
ali im Besitze einer höher entwickelten Schiffahrt befindlich Torstellen, 
Damit stimmt überein, dasa die Verbreitung aus Planken zusanimengen&hter 
Boote ohne Ausleger und Segel auf das östliche Melauesien, auf Samoa 
und Neu-Seelaud beschränkt ist, deren Bewohner ja doch zum mindesten 
mit ostpapuanischer Kultur in Berührung gekommen sind.*) 

Neben den Erscheinungen der beiden eben besprocheneu Kulturen 
finden sich Elemente, die, beiden Verbreitungsgebieten gemein, auf dem 
ganzen Kontinent, zum Teil in Melanesien, ja hier und da auch in 
Polynesien und Mikronesien vorkommen, ihre grösste Dichtigkeit aber in 
den südlichen Randgebieten Australiens tinden, und, wenigstens einige, 
nach Ta.^manien hinüberreicheu. Auf dieser Insel, wo die Charakteristika 
ost- und westpapuaniseher Kultur Tollständig fehlen^ begegnet zunächst 
die Leichen Verbrennung^ ausserdem die Beerdigung der Leichen in fiachen, 
nur mit Reisig bedeckten Gruben, über denen eine Art Hütte errichtet wird. 
Roh zugeschlagene Steinwerkzeuge, rohe Speere und Wurfkeulen^ der 
Wetterschirm, die Kletterschlinge ond wohl auch der Feuerbohrer bildeten 
den wesentlichsten Kulturbesitz der Tasmanier, die ausserdem die Narben- 
tätowierung öbtem*) All diese Dinge sind auch in Australien, besonders 
die Wurfkeule über den ganzen Kontinent verbreitet; die beiden 
Bestattungsarten sind dagegen wesentlich auf die südöstlichen und west- 
lichen Randländer beschränkt, gehören aber im Südosten nicht sowohl 
dem westpapuaniachen Gebiet, als vielmehr den Gebirgsgegenden an.*) 

1) Williftms-CaUert S, <i9, rgL aber Dauiüat d'ürvilU ,Voj. pittar.-, p. 124 
(Abbild.) 

2) Carr m vielen Orteti; Spencers, Gilleü ,The native tf . uiw,'" |i. r>H8ff, *Th# 
iiortb«ni tr. n^w.* p, 6^14 E Eotb p. l'»K 

3) Etwas über ostpapüttniÄt^he Sprache ansiüsagen, eracheint unmögHch; riellefclit 
geb&rt die Bildung' von höheren ZaJilen durch Multiplikation hierher. Codriugtoa ^Thi> 
Molineiiaii tanguagei p. 222, n. a. Hernsheini, Beitr* ». KeantiL der Blarshall- 
ipFBeht p. 24. 

4) VgL Broagh-Smytb II, p, 387 ff., lOOfll 

5) Brough-Smyth I, p, mJflT. 



40 F. Gräbner: 

Wie bekannt, ist die Scarificierung in Melanesien vielfach in Gebrauch 
— ich erinnere an Taui und Buka — ; die Grubenbestattung ist von den 
Baining bekannt, die Leichenverbrennung in der Bougainville-Strasse 
(Salomonen), auf Neu-Hannover und Nord-Neu-Irland, die Wurfkeule z. B. 
auf Tanna und Fidji, ja sogar in Hawaii*) 

Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, dass die durch die Tas- 
manier repräsentierte Eulturschicht die älteste uns aus Ozeanien bekannte 
ist; schon die Träger der nächsten haben die Bassstrasse nicht über- 
schritten. Ihr gehören die Bienenkorbhfltten au, wie sie in Australien 
vielfach begegnen"), ihr von Waffen vor allem der Bumerang, der nur 
im nördlichsten Australien und in einigen ausgesprochen westpapuanischen 
Gebieten fehlt*), und auf den vielleicht auch in Melanesien manche 
Eeulenformen zurückgehen. Mit einiger Gewissheit lässt sich auch der 
Schild, der den Tasmaniern fehlte, schon dieser Zweitältesten Eultur- 
schicht zuschreiben, und zwar der schmale Schild aus einem Stück Holz 
mit aus dem Vollen geschnitzten Griff, wie er nicht nur der Südküste 
entlang, sondern auch bei den Anwohnern der Roeboek-Bai in Nordwest- 
australien gebraucht wird, die in ihrem übrigen Eulturbesitz ganz und 
gar auf vorpapuanischem Standpunkt stehen.^) Demgegenüber weist der 
ostpapuanische Schild entweder angesetzten Griff auf, ist zusammengesetzt 
oder zeigt doch Spuren, däss er es ehemals war, oder beides. Alle breiten 
Schilde Australiens, besonders die mit vorspringendem Griff, wie sie bis 
in den äussersten Westen des Eontinents im Gefolge des Zweiklassen- 
systems sich ausbreiten, jedenfalls auch die beflochtenen Holzschilde Neu- 
Britanniens und der Frenchinseln mit ausgeschnitztem Griff stellen Zwitter- 
formen vor. 

Der Elangstab als Musikinstrument, die eigentümlichen Eörbe, die 
aus spiralig zusammengeflochtenen Wülsten bestehen, allem Anschein nach 
auch die Fellkleidung gehören der gleichen Eultur an.*) Fast in ganz Australien 
und Melanesien wird das Nasenseptum durchbohrt, über den ganzen 
Eontinent breitet sich die Sitte des Zahnausschlagens, die besonders im 
Südosten einen wichtigen Initiationsritus bildet, sich übrigens z. B. in 
Hawaii wiederfindet.*) Ausser der Anlage von Begräbnisplätzen begegnet 
vereinzelt in Südostaustralien, sowie in Fidji und Tanna das Nischengrab, 


1) Vgl. Meyer- Parkinson Papna-Albom I, Taf. 26; II, 45. Foy in Poblic. Dresden 
XIIIpag.9. Ribbep. 102ff. Schneep.328. Williams-Oalvert p.47. Gray in Intern. 
Arch. f. Ethnographie VII» p. 231; Taf. XXI, 11. 

2) Z. ß. Brough - Smyth I, p. 125ff. Roth p. lOoff. 

3) Er fehlt in Currs Distrikten 1 (Port Darwin), 34 (Eyres Öand-Patch), 67 (Yorkes 
Peninsala) ond 114 (Near the head of tho Walsch-River). Das ist wichtig für den Nach- 
weis, dass die westpapoanische Kultur nicht etwa mit einer der nigritischen zosammenf&llt. 

4) Bassett- Smith in Joum. Anthr. Inst. XXIII, p. 329 ff. Vgl auch Etheridge 
in Joum. Anthr. Inst XXVI, p. 153 ff. 

5) Brough -Smyth I, p. 271ff., 345ff. Curr an verschiedenen Stellen. Etheridge 
in Joum. Anthr. Inst. XXIII, p. 321. Spencer a. Gillen „The native tr."^ p. 6Q4fL 
Der Klangstab kommt z. B. auf den Marshallinseln vor. 

6) Brough -Smyth I, p. ö8ff. Curr (zerstreut). Spencer a. Gillen ,The nadve 
tr. usw.« p. 450ff. „The northem tr. usw.« p. 588ff. Cook, 3. Reise III, p. 460ff. 


41 


bei den die Lekbe «idrt ia de« eUp»t fid K a Sciurirt^ «osdem i« 
aeitlicbeB. dvrdi ene« Sl«i oder Rinde •bjgfeh km e a ^ a Xuriie nler- 
gebniekt wird.*) 

SponididcbeB YockmuBeB in gast deaaieii« im we i ^ it KAeai Be- 
•chri^kvBfr «af dea Koaiiiieiit. beMMiden das «Adl^ediclie Gebirtrskuid «m1 
deB iyatiiiffii Wfütea tiiid beseiclneiid fillr die Elenieiite dieeer beide« 
errtm K«h«reiu die si<^ Toriivfig nrnr durch Yorkomiieii <Nler FeUe« 
ihra' Bettmdtrile «af Tamanieii »dmden lassen. Eiius^end^neB Stediam 
ma» aeigen, ob «e aaeh im übrigen TMsrbiedene Vefbrataag baben. 
Tiri£idi bilden sie jedenfalls in ihrer Versehmelxang eine Oraadsehieht 
fSr alle anderea. die als nigritiseh beieichnef weidm mag.^ 



III. MelaBesische Kiltar. 
Grente des Vobreitinigsi^ietf« tod Pfeil vad BAfr^n. Q Bohren ansseriialb 
des Gebietes, ^^•••i— Grraie des Verbreitmigsirebietes der oielsaesiscb^B Trommel. 
^ FeDtrommel sasMibalb des Gebietes. 1 Bambaskamoi mit geschnititer Platte. 
1 a Bambiiskainm mit Zierstab. 2 Melanesischer LöfTeL 3 M elaoesiscbes Haus. 4 M attea 
osw. aas lusammenjrnilhteii Blattstreifen. o Mnsteniiig ron Fasern nsw. dnirb stellen- 
weise ümwiekelnag während des Firbens. 

Mit den beiden Digritischen, der west- und ostpapuanischen sind die 
Kulturen erschöpft, die dem australischen Kontinent ihren Stempel auf- 
g^edrQckt haben; alle späteren haben höchstens an den nördlichen Küston 
Spuren hinterlassen. In Melanesien (Karte III) macht sich das nigritische 


1) BrouKh-Smith I, p. d9ff., 100. Fison io Joon. Aathr. Inst. X p. 144. Tarner, 
^ineieen jean in Poljnesia'^ p. U.*). 

2) YoB der Feoersige, die in Zeatralanstralien, Ostqueeasland, Britisch-Neu-Guinea 
und der Astrolabebai Torkommt, wage ich nicht sn eatscheiden, ob sie nigritiseh oder ost- 
papoanisdi ist. Ebensowenig Ton der Beilform, deren Schaft um die Klinge hemm- 
gebnndea ist (Nea-HoUaad, BongainTÜle and Nachbarschaft, West-Nea-Britaanien nnd 
Frenchinseln. Vgl. Parkinson-Foj in Abh. u. Ber., Dresden 1899, No. .\ p.5\ 


F. Grlbser: - 

Element nur schwach bemerkbar. Dagegen werden die beiden anderen 
Kreise hier Ton einer weiteren Sehicht überlagert, einer Schicht, die aller- 
dings im Osten weit schwächer ist als im Westen, wo ihrem Einfluss 
wohl hauptsächlich die Zersetzung der westpapuaniächen Kultur zu- 
zuschreiben ist. Sie schlieest sich eng an ein spezifischefi Element der 
Büdostindonesischen Inseln an, ihr Hauptchsrakteristikon ist der Gebrauch 
von Pfeil und Bogen.^) Dabei mag vorläufig dahingestellt bleiben, ob die 
Melanesier selbst nur eine oder mehrere Bogeufornien besassen; für das 
Verbreitungsgebiet der vorliegenden Kultur wesentlich ist der flache, eiu- 
fach gekrümmte Bogen mit übergestreifter Sehne.*^ Er bildet die Haupt- 
waffe in Neu-Guinea östlich biö Eiuschhafen und Kedacarbai; dann folgt 
ein bogenloses Gebiet?) aber die Salomonen, besonders Buka, bilden ein 
neues Verbreitungszentrum, Bis Neu-Hannover nimmt sein Gebrauch 
stark abj nach Südosten erstreckt er sich über Fidji und die Neuen 
Hebriden, wo er mit anderen, zum Teil auch in Neu-Kaledonien 
herrschenden Formen zusammentrifft^ deren Ausstrahlungspunkt Espiintu 
Santo zu &ein scheint.*) Die Lücke zwischen beiden Yerbreitungggebieten 
des Bogens wird durch das Vorkommen der Felltrommel ausgefüllt, die 
meist als Sanduhrtrommel auftritt, und deren Grenzen im westlichen Teile 
entschieden mit denen des Bogens übereinstimmen.*) Doch ist sie auch 
im ganzen östlichen Neu-Guinea und angrenzenden Neu-Britaunien häufig, 
von Neu -Irland ist sie auf den nördHchen Teil der Gazellehalbinsel über- 
gegangen, dagegen fehlt sie in Buka und Bougainville, weiter südöstlich 
lässt nur noch eine zweifelhafte Angabe sie auf Malaita vorkommen,*) 
während Codring ton sie (als Matten trommel) wahrscheinlich auf einer 
der Neuen Hebriden sah.*^) Die bisher genannten Grenzen von Bogen 
und Trommel, zusammengenommen, schliessen also Taui und Neu- 
Britannien in seinen Hauptteilen aus, nach Südosten nimmt die Dichtig- 
keit des Yorkommens der eiuKelnen Elemente stark ab* Da ist es merk- 
würdig, daas eiu Schmuckstück, nämlich der Kamm aus einem Stück 
Bambus, dessen über den Zinken übrig bleibende Platte geschnitzt oder 
wenigstens graviert ist, bis iu die äussersten Ausläufer der Kultur, bis 
nach Neu-Kaledonien und Fidji hin vorkommt, wenn zwar auch er nach 
Südosten zu seltener wird;") eine Abart von ihm ist meist schmaler und 
besitzt am oberen Ende einen winklig ansetzenden^ meist stabförmigen Fort- 


I 


1) Da^u Häufig- ein Handschutz gegeu den Büclcsehhg der Sehne. Vgl. Karper 
in Prod. Linn. Soc. Neü-Sftdwalos IWl, p* 2330. 

2) Zum Theoretischen vgL Frobenius p. 2^15 ET. Die Angabe^ dass dieser Bogan 
aQBser Gebrauch stets abgespannt sei, beruht für die meisten Gegeuden auf Konjektur. 
Die Pfeilfonnen der rerechie denen Gebiete stimmen £um Teil bisanf das Ornament üb erem, 

3) Dazu Haddün Studies p. 427 ff. 

4} Dieser Bogen ist retToilex nicht nur der Form nach, wie Frobenina anzu^ 
nehmen acheint 

5) Auch der Bogen kommt, entgegen der K^is III, auf Ninigo vor, 
B] Von Zembsch gesammelte! Stück des Berliner Museums. 

7) A. a, 0. p. tm. 

8) Ausser dem Material des Berliner Museums ?gL Edge-Partington l^ Üfl 
F. 7, 0, 10; 145, F. U 2; :Xi2, R % 3, 6: MÄ, R 8: 33T, F. :j, 6. 



Knltnrkrei^ in Ozeanien. 


IS 


aaU, d^r entweder mit dem Kümm aus ei Dem Stock oder besonders angefügt, 
häufig Federschmuck trägt (la). Nur Ins zu deu Neuen Hebriden erstreckt 
Äich meiues Wissens der Gebrauch des Löfi'els, der, aus Koko^nUü^sschale 
Dder Muschel geschnitzt, am eiuen Eude ia einen mehr oder weniger 
[Torzierten Griff üusläufL Schwierig zu beantworten ist die Frage nach 
der spezifisch nielanesischen HauBform. Wenn ich nicht irre, besteht sie 
aus einem beiderseits etwas gewölbten^ fast oder ganz auf dem Boden 
aufstehenden Giebeldach; über dem Eingänge springt häufig ein Yordach 
heraus, vor ihm befindet sich oft eine Plattform, die den Hauptaufenthalt 
der Bewohner wahrend des Tages bildet. Innen pflegt zum Schlafen eine 
niedrige^ an der einen Längsseite verlaufende Pritsche angebracht zu sein. 
Da in den bekannten Gebieten meist auch Einflüsse anderer Kulturen 
bemerkbar sind, so ist diese Hausform ziemlich selten belegt; doch treten 
selbst da, wo andere Formen, wie bei Port Moroaby, herrschen, einzelne 
Elemente des melanesischen Hauses^ wie z, B. das Vordach, auf, und 
jedenfallls scheint die Form auf das vorhin eingegrenzte Gebiet beschrankt 
zu seiu.^) Matten und andere Gegenstände aus zusammengenähten Blatt- 
streifeu, wie sie vielfach besonders für die Regenkappen der Weiber 
verwandt werden,') haben sich über das eigentliche Gebiet der Kultur, 
nämlich nach Taui und St. Matthias, verbreitet^ was aber ihrem sonstigen 
Yorkomraen nach wohl auf Übertragung durch Verkehr zurückzuführen ist. 
Die bekannten Ponapeuiatten, obwohl in die gleiche Kategorie gehörig, 
sehen doch so verschieden aus von deu melanesischen, dass sie hier nur 
ganz hypothetisch herangezogen werden können.') Dagegen ist eine 
bestimmte Technik, die Musterung von Fasern, Rotangstreifen und 
anderen Dingen dadurch, dass die nicht zu färbenden Stellen, meist durch 
Umwicklung, gegen den Zutritt der gewöhnlieh roten Farbe geschützt 
werden, auf das in Frage stehende Kulturgebiet beschränkt, kommt 
übrigens, was auf der Karte anzumerken vergessen ist, bei der Verzierung 
der Neu-Hebridenuiatten zur Anwendung/) Kleidung und Schmuck in 
Ozeanien enthalten gewiss noch zahlreiche melanesische Elemente; so ist 
der Faserschurz gewiss dieser Kultur eigen, wenn auch nicht auf sie be» 

1) TgL Hag€n p.2tUff, Parkitasou^ ZurEthnogr. i1. sordwestL Satomamn^elii p. IT ff. 
Baaftet*Smith \n Journ. Anthr* Imt. XXllI p. 137. Dum out, DUnrüIe VoTS|fe pitoresqu© 
p, lliK D'Albertis I 290, H 327, ftusserijiem FhMcgraphien im Berliner Muteum. Ob 
die nicht nur mit frei hüraiisragendeoi Vordäcb, sondern mit fvst^m VorbAii t^eräeheii«tL 
Hitien von der Gwellehalbiiisel und TmI ^TgL Tliiletiiiti U, T»C XI) hierhergebörea» 
nmu ich nicht tn tilgen, 

2) V^l. noch De Clerq en SebmeU», Taf. XI, XXII I. 

H) Man kann vielleicht mit Recht auf die Knäcbaimatten «owie die Form der Poaape- 
nud MarshaUtromine], wohl kanm Auf das Beil von Kaschai, i'onape und Tahiti Yerweiaeo, 
da« Proben in 5i xu den „pTämalaüscben'* Formen rechnet — Die (4) der Eaite bexdchnet 
das Vorlcomnien von E^gen kappen^ die aber ansnahmsweiie geflacht«» find. 

4) Sie kommt häufig bei Rotangfrnrteln und Botangkopfringen inx Anwendong, anch 
diese verbreiten licb im Gebiet bis Sa. Crai nnd den Neuen Hebriden. — Hier hei der 
melanesischen Kultur iat auch die alte Frage lu notieren, ob das H»iteheD <nieht not- 
wendig von Tabak) nberall ausserhalb Amerikaa poaÜEolnmbisch iei. Gehört ea einer der 
S&dseekulturen ursprünglich an, so hl das wahmcheinltcb die melanesiaehe (vgU di« 
ßambuspfeifen des südlicben Neu Qoinea). 


1 
1 


F, Grftbner; 


gchränkt Doch ist wohl keine andere Gruppe von Dingen der Yer- 
breitung durch Handel und Verkehr über ihren eigentlichen Kulturkreie 
hinaus so sehr ausge^etÄt gewesen wie der Sehmuck; deshalb muss da die 
Spezialuntersuchung in jedem Einzelfalle die Zugehörigkeit feststellen. 
Über die sozialen Einrichtungen, die dieser Schicht eigentümlich sind, 
lassen sich wegen mangelnden Materials aus ihrem Hauptverbreitnngs- 
gebiet nur Yermutungen äussern: Von den Bauksinseln erwähnt Codrington 
das Auftreten grösserer Paniilienverbände innerhalb des Zweiklassen- 
Systems*), au der Bougainyillestrasse zeigen die Klassen eine deutliche 
Neigung zum Zersplittern,*) An der Astrolabebai scheint es grössere, 
durch Blutsverwandtschaft iiusaramengehaltene Bippen zu geben, in denen 
das eognatiache Prinzip überwiegt/) Ähnliche Einflüsse haben auf die 
sonst echt westpapuanischen Einrichtungen der Torresstrasse eingewirkt; 
auch hier ein stärkeres Herrortreten des Verwand tschaftaprinzips in den 
Heiratsbeschränkungen und damit verbanden eine grössere Geltung der 
mütterlichen Verwandtschaft.*) 

Die melanesische Kultur erscheint in unserem Gebiet wesentlich als 
Landkultur, ihr Verbreitungsweg war der feste Boden von Neu-Guinea. 
Ihr Abflachen nach Osten lässt es zweifelhaft scheinen, ob ihr Vordringen 
dorthin nicht Tielleicht mehr durch Verkehr der Ostpapuastämme unter 
einander als durch Völkerverschiebungen stattgefunden hat. Allzu fest 
kann sie auch in der Bevölkerung des östlichsten Neu-Guinea nicht ge- 
wurzelt haben^ da sie dort durch eine reine Kiistenkultnr fast völlig yer- 
drängt wurde. Das war die poljnesische, oder Tielleicht besser gesagt^ 
protopoljnesische Kultur (Karte IV). Mit ihr beginnt gewissermassen die 
historische Zeit Ozeaniens; nicht wegen der zahlreichen Cberlieferuugen, 
die doch immerhin nur recht problematischen Wert besitzen, sondern weil 
in ihr zum ersten Male eine ausgeBprochene, einheitliche Kultur mit stark 
ausgebildetem politischen Element auftritt. Die diesem Kulturkreiae an- 
gehörigen Sprachen sind die einzigen in Ozeanien, deren Zusammenhang 
unzweifelhaft feststeht^ nur dessen Art ist nicht bestimmt. Bekanntlich 
haben Codrington*) und P. Schmidt*) die sogenannten melanesischen 
Sprachen den malaiischen und polyiiesiachen als dritte selbständige Gruppe 
gegenübergestellt und Fn Möllers Ansicht, dass sie vielmehr eine 
Mischung von polynesischen und Papuasprachen darstellten, /.urückgewiesen, 
weil ihre Abweichungen von den Malaio-pol]rnesischen Dialekten nicht 
den Erscheinungen der bis jet^t bekannten Papuasprachen entsprächen, 
besonders aber^ weil ihre Elemente fast durchweg ursprünglicheren 



1) A.a.O. p/25. 

2) Hibbe p* lÄ 

3) Hagea p. 224 ff. 

4) Bep. of the Cauibr. Eip. V, p, 23aft, 208E, imS. YgL dam das Vorkommen von 
SippenhauEum und Sippcnjunj^gcflcUmiblugera in verschiedenen Teilen Nen^GuineM. 

5} The Melancsijin languagcs^ besoodera 8. 101 E 

G} Die sprftchUcberi Vi^rbältnis^e OEe^mcns in Mitt, Antbr. Q%s. Wi^n XXIX (1899) 
B. 245 C Die spTacblicheti Yerhytnisse von Deutscb Nen-Quinea in Z> f. Afr. n. Ot. 
Spr, V, S. 354 E; VI. S. E 



KnltarioeUe in Oieanieo. 


45 



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46 F. Grftbner: 

Charakter zeigten, als die der polynesischen Idiome. Was kennen wir 
denn aber von ostpapuanischen Sprachen, die doch hier fast ausschliess- 
lich in Betracht kommen? Den Dialekt von Savo, weniges über die 
Sulkasprache — die Bainingsprache gehört wohl kaum hierher — , ein 
Vokabular von den Domara und Mairu, diese alle unter der Voraussetzung, 
dass sie nicht etwa wesentliche melanesische Elemente im Sinne dieses 
Aufsatzes enthalten. Aber der Existenz der Savo- und Sulkasprache muss, 
da sie sicher nicht auf Kolonisation von Neu-Guinea aus beruht, eine 
frühere, weitere Verbreitung der betreflPenden Sprachgruppe oder -gruppen 
zugrunde liegen. Also — da es wirklich kein Beispiel in der Welt- 
geschichte gibt, dass eine Sprache ausgezogen worden wäre wie ein Rock 
— ist es doch recht wahrscheinlich, dass bis zu einem gewissen Ghrade 
wenigstens ein Teil der „melanesischen^ Sprachen Mischsprachen sind. 
Aber freilich nicht die heutigen polynesischen Dialekte sind daran be- 
teiligt, sondern die polynesischen Sprachen, wie sie zur Zeit ihrer Ein- 
wanderung in Ozeanien waren, die Idiome der Protopolynesier. 

Zu diesem Ergebnis führt meines Erachtens die Betrachtung der 
ethnographischen Beziehungen, von denen ich für die Darstellung wegen 
ihrer Klarheit nur einige wenige herausgegriffen habe. Die poljnesische 
Kultur ist die von Seefahrern, sie wird deshalb durch nichts besser ge- 
kennzeichnet, als durch die Gegenstände, die der Schiffahrt und Fischerei 
dienen. Oberall im Gebiete der Protopolynesischen Kultur begegnen die 
Einauslegerboote, *) mit ihnen das Dreieckssegel oder abgeleitete Formen, 
das Oesfass in seiner bestimmten Gestalt und anderes; überall femer der 
zusammengesetzte Angelhaken,*) aber auch Netze und Reusen verschie- 
dener Art. Als Signalinstrument dient das Tritonshom.*) Dem ganzen 
Gebiete gehört von weiteren Geräten der Drillbohrer;*) in dem grössten 
Teile, in Polynesien überall, ist auch das polynesische Feuerzeug,*) der 
sogenannte Feuerpflug, in Gebrauch, ebenso der Kokosnussschaber, den 
Foy*) von den Marquesas noch nicht angeführt, von wo ihn aber Herr 
Prof. V. d. Steinen erhielt. Hingewiesen sei noch auf das polynesische 
Beil, sowie auf die Tapabereitung, die allerdings wohl nicht dieser Kultur 
allein eigen ist.^) In politisch-sozialer Beziehung kennzeichnet die Poly- 

1) Zahlreiches Sammlungsinaterial. Für Neu-Seeland vgl. Anderson in Cooks 
3. Reise, S. 172. 

2) Ausser dem Moseumsmaterial, das ihn übrigens auch von Fidji belegt, vgl. z. B. 
Spencer a. Gillen ^The northem tr. etc.«, S. 678. Roth, Bull. QueensL Ethnogr. Taf. 
XXVI. Edge Partington I 391, F. 9, II 2, F. 4; 21, F. 1-3, 95, F. 4; 50, F. 7—9. 
III 195, F. 2; 198, F. 1, 5-8. Finsch Ann. k. k. Hofmus. VIII. S. 252 u. a. Der 
Angelhaken an der australischen Nordwestküste dürfte auf malaiischen Einfluss snrück- 
gehen. 

3) Auch in Neu-Seeland. Forst er I, 8. 171 (Abbild.) 

4) Edge-Part. I 201, F. 3. III 179, F. 1, 2. 

5) Nur auf den Karolinen Ton Nukuor an westlich ist der Feuerbohrer in Gebrauch, 
daneben aber auf Ruk und Nukuor das polynesische Feuerzeug. Finsch Ann. k. k. Hof- 
mus. VIII. S. 328. 

6) Mitt Anthr. Ges. Wien 1904, 8. 112 ff. 

7) Sie dürfte jedenfalls im ostpapuanischen Kulturkreis vorhanden gewesen sein, wenn 
nicht auch im westpapuanischen. 


Kulturkraise in Oseaaien. 


if 


nesier das ausgebildete Häuptlingswesen, das Htämlewesen und die la- 
st! ttttion dea Tabu, alles ausser im eigentlichen Polynesien auch in 
Mikronesien wohl ausgeprägt; in Melanesien sind ebenfalls Änsät7.e dazu 
und Spuren davon nicht selten/) doch kann hier in vielen Fällen zweifel- 
haft sein, ob nicht späterer polynesischer Einfluss in engerem Sinne vor- 
liegt, ähnlich wie c>s zum Teil wohl sicher mit den Sitten des Tätowierens, 
der Beschneidung ^) und dos Kawatrinkens steht All diese Fragen müssen, 
wie Bö viele andere, späterer Einzelforsehung überlassen bleiben. 

Die Einheitliclikeit der polynesischen Kultur ist zu bekannt, um 
weiteren Nachweises zu bedürfen. Desto wichtiger ist, dass Polynesien 
doch, trotz aller Einheitlichkeit im ganzen, in zwei nicht unwesentlich 
verechiedene ünterprovinzen zerfltUt, deren Grenzen aUerdings besonders 
im Südosten bedeutend übereinander greifen. Gehen wir wieder von der 
Schiffahrt aus- Während im ganzen übrigen Gebiete der Auslegerbalken 
durch Verbindungsdtäbe an den Querbalken befestigt iat, sitzt er im 
Norden und Nordosten direkt an den bügeiförmig gekrümmten Querbalken, 
so auf den Marianen, den Marshallinseln, Hawaii und Tahiti; auf Ponape 
ist das gleiche Prinzip erkennbar*), doch ist der Ausleger im übrigen 
schon stark zentralkarolinisch beeinflusst Auf Hawaii, Tahiti und den 
Marqueaas ist ausser dem andersartigen Ausleger auch ein andere» Segel 
in Gebrauch, namlieh statt des sweirabigen Segels, dessen eine Rahe 
durch ein Fall in der (iabel der Mastspitze hängt, ein einrahiges, dessen 
eine Seite direkt am Maate befestigt ist.*) Und auf das gleiche Gebiet 
wie diese Eigentümlichkeiten des Schiffsbaues, ist in Polynesien und Hikro- 
neäien (mit Ausnahme der Marianen) die Pelltronimel beschränkt;*) ob 
dabei die Annäherung in der Form an die melanesische Trommel, wie 
sie der Typus von Ponape und den Marshallinseln zeigt, auf melanesischen 
Einiuss deutet, muss dahingestellt bleiben. Ebenso mag ich noch nicht 


1) Vgl ttnter anderen Hagen 8, 224 f, Farkinioo plia BiBioarckardiiper, S. 73; 
104, Schnee p. 32T, Das ^Tamlm* ist hier vielfach zum Elgentuniabegriff geworden. 

2) Die Beschiiei<JiiDgj Yielfach mit der Subincieio Terbaadeii, ist bekaonÜicb eiiietn 
grossen Teil des mittleren Nen-Hollaud eigen, tat aber in ihrer Verhreitniig mit keiner 
anderen der wiehttgeren Knlttirerscheinungen verbanden; du die ßisb der Verbreitung 
au der auflt rauschen Nordknstu liegt, könnte man an Übertragung %a» Indonesien denken^ 
doch spreche ich Heber ein non Hqiiet. 

3J Edge-Parr, I, 29. Ellis II S, 352 (BOd). Knbarj Ethaogr. Beitr, TaL Llt . 

4) Cook in SchiUer^Hawkesworth II, S. 2i'l (Abbild. S. 352). Cook 3. Eeiai 11 
^1 Abb* Dm nenkaledoniscbe Kanoe hat iwei Rahen und ein Fall, entgegen Fr obenin» 
8, 2i:i Nach Cook in Hawkesworth - Schiller II, S. f8r> Hess sich da* Segel der Nen- 
Seelandboote einnehmen und war nach III p.M primitir, aber ton dem nord ostpol vne&iachen 
T5Uig Terachieden. Seheinbar iliniiche ErE^eheiDungen von Sanxoa und den Neuen Hebriden 
sind iweifellose Kömmerfonuen des zweirahlgen Segels, rgh Krimer .Die Samoainseln 
S. 11, ä.Vi, 

5) Für Tokelan F in seh Ann. k. k. Hoftnus, VIII, S* 132 (nach WiULes). Die 
Trommel Yon Ponape und den Marshallinseln gefadrt entschieden in diesen Kreis; hfSehstena 
die Geatalt könnte melanesisch beeinflusst sein. Wichtig tit, daas auf Bobolo und Hnn 
Trommeln gani äbnlicher Fvrm, desselben Namens wie in Ponape, «her mit Schnnrspan- 
BOOf Torkommen, Vgl Dempwotff in Z. f. Eikm>h XXXYl (19(M) S. 408, auaaerdem 
mündliche MitteUung von Hm. He 11 w ig. 



48 


F. Grftbner: 


entscheiden, ob die Plattformbestattung und die ihr verwandten Gebräuche, 
wie sie von Tahiti^) und anderen Orten bekannt sind, auf alte Relikte 
zurückgeht oder ebenfalls der nordostpolynesischen Unterprovinz angehört.*) 
Noch möge es genügen, einen spezifischen Gegenstand der südpolynesischen 
Unterprovinz zu nennen, den aus Stäbchen zusammengesetzten Kamm.*) 
Die Schlitztrommel, die allerdings heute entschieden südpolynesisch ist — 
ihr östlichster Verbreitungspunkt sind die Herveyinseln — lässt sich ihrer 
Herkunft nach noch nicht bestimmt festlegen; es ist nicht völlig ausge- 
schlossen, dass sie bereits ostpapuanisch und von den Südpolynesiem nur 



y. Polynesische Einflüsse in Melanesien. 
Verbreitung der südpolynesischen Schlitstrommel. — ^^ä- Yerbreitimg 
des poljnesiscben Steinbeiles. *•••••••• Verbreitung des zusammengesetiten Angelr 

Iiakens mit Schnurleiste. 

übernommen wäre.^) Dann würde sie allein schon dem Beweise genügen, 
dass die Einwanderung der Südpolynesier über ostpapuanisches Gebiet er- 
folgt ist») 

Denn das ist der springende Punkt: So deutlich die Eigenarten der 
nordostpolynesischen Kultur in ihrer Verbreitung die Annahme einer Ein- 
wanderung über Mikronesien verlangen — wie ja häufig für die ganze 


1) Cook in Hawkesworth-Schiller II, 8. 2dl ff. Ob z. B. die Höhlenbestattnng tob 
Hawaii verwandt ist, lässt sich besweifeln. 

2) Der Poncho scheint ebenfalls nordostpolynesisch zu sein: Rnk, Gilb ert-J^ Tahiti» 
Hervey-J. 

3) Ausser Museumsmaterial vgl. Edge-Partin^on I 118, F. 8; 145, F. 3—6; 302» 
F. 1, 4, 5, 7; 303, F. 2, 3; 390, F. 2; I[ 143, F. 1, 3. 

4) Durch meine Reduktion im Globus LXXXVII S. 299 ff. wird sie in Melanesien 
völlig auf ostpapuanisches Gebiet eingeschränkt; nur ihre ausgeprägte Randlage, ihr Fehlen 
im östlichen Neu-Guinea nnd den inneren Salomonen, sowie ihr Vorkommen in der ma- 
laiischen Kultur macht die Entscheidung sehr unsicher. 

5) Ähnlich ist es mit dem ovalen Firsthause, das aber bis mindestens Tahiti .vor- 
kommt. 


ICii1turk;eise in OieAiiieii« 


49 


polynesigche Wanderung vermutet wordeTi iet — ebeoBO gewißs musa der 
AusbreituDgaweg der südpolynesischen Kultur dem Gebiet© der sogenannten 
„melanesiechen" Sprachen entsprochen haben. Wo die mit Polynesien 
verwandten Kulturelemente dieses Gebietes Tom Gemeinpolynesischen ab- 
weichen, zeigen sie nie nordostpolytiesische, stete südpolyiieaische Anklänge. 
Am deutlichsten ist das wieder bei dem Ausleger, der in Melanesien stet« 
die Stäbchenverbindung aufweist. Dabei ist klar zwischen den protopoly- 
uesjschen Gebieten und denen jüngeren Einflusses zu unterscheiden; in 
Zentralpolynesien besteht die Verbindang aus senkrecht zwischen Quer- 
balken und Autlegerbalken verlaufenden Stäben, und diese Form ist 
Oberall in Melanesien vorhanden^ wo auch sonst neuerer polynesischer 
EinflusB vorliegt Wo das nicht der Fall ist, ist das System der kreuz- 
förmig verlaufenden Stäbchen, die oft zu einem ausserordentlich festen 
Gerüst verbünden sind, in Gebrauch, zweifellos kein Produkt einer lokalen 
Entwicklung, da es im Norden bis Mortlock, im Südosten bis zu den 
Neuen Hebrideu verbreitet ist, ausserdem aber auch, während es im ganzen 
übrigen Indonesien fehlt, auf den Nicobaren vorkommt, wo es nur als 
Relikt einer alten, im übrigen Archipel verschwundenen Schicht zu er- 
klären ist; ich erinnere daran^ dass ebendort das Klappnetz vorkommt, 
das ieh weiter ausser in Samoa noch im Massimdistrikt in Britisch Neu- 
Guinea kenne. Also — die Kultur des Gebietes „melanesi scher" Sprachen 
steht nicht der malaiischen und polynesischen, ja nicht einmal der ge- 
samten polynesischen selbständig gegenüber, sondern bildet mit einer der 
polynesischen Gruppen, der sftdpolynesischen, eine von der anderen ge- 
trennte Gruppe. Die Sprache ist von der übrigen Kultur nicht zu trennen, 
sie ist deren wichtigstes Element Ist daher die eben ansgesprochene 
Ansicht richtig, so beruht die nähere Verwandtschaft der melanesischen 
mit den mikronesischeu Sprachen darauf, dass in beiden eine ältere Ent- 
wicklungsstufe der polynesischen Sprachen sich niedergeschlagen hat. 

Mit der polynesischen ist der Kreis der Ozeanien eigentümlichen 
Kulturen geschlossen. Die wesentlichsten Veränderungen, die danach noch 
erfolgteii, die ich aber nur noch ganz kurz skizzieren will, beruhten einer- 
seits auf westlichen, von Asien und seinen Tributärkulturen ausgehenden 
Einflüssen, andererseits auf der Expansion der umgebildeten gemeinpoly* 
nesisehen Kultur. Dass sich eine solche entwickelt hat, beweist nicht nur 
die Sprache, beweist auch die Mythologie und endlieh die materielle 
Kultur. Auf diesen Verkehr, der natürlich auch zu zahlreichen Um- 
siedelungen Anlass gab, nicht auf die erste Besiedelung dürften sich die 
zahlreichen Wandersagen der Polynesier beziehen. Aus dem Bestände 
der materiellen Kultur will ich nur ein Beispiel herausheben. Der zu* 
sammengesetzte Angelhaken hat in Polynesien eine kleine Waudlung 
durchgemaehtj indem die Bindung beider Teile durch die Angelsehour 
selbst geschieht und die Bindungssteile daher mit dem befestigten Ende 
des Hakens dorcb eine an dessen Schaft entlang laufende Schnurleiste 
Terbnaden ist Diese Form hat »Ich so weit verbreitet^ wie die polyne- 
sische Sprache, sie fehlt überall, wo nur protopolynesische Kultur Torltegt^ 
wie im grössten Teile Melanesiens undMlkronesiens; im änssersten Osten, 

ZuiUchrilil fQr Bthnulosle. Jahrg. 1906. lUft 1. | 



öfter: 

auf den Pamnotninaeln uud im äussersten Bilden, in Neu-Seeland, hat sich 
die alte Form neben der neueren gehalten. Die oeupolynesische Form 
hat aber ihren Weg auch westlich bis Nukuor, Ruk-Mortlock, ja bis zu 
den Südweetkarolinen, nach Tobi und Mafia, gefunden/) nicht unwahr- 
schemlieh wird sie auch hier und da an den Grenzen Melanesiena noch 
angetroffen werden. 

Ist damit eine poljneaische Einflusssphäre in Mikronesieu gegeben 
mit der Basis in dem polynesisch sprechenden Nukuor, eine Einfluss- 
sphäre, die Yielleicht nicht ohne Bedeutung für die Entwicklung de» 
raikronesiachen Auslegerbootes gewesen ist, so ist auch weiter südlich in 
Melanesien ein Gebiet neuerer polyneaiacher Einwirkung deutlich erkenn- 
bar. Es wird bezeichnet durch die Verbreitung der Schlitztronimel und 
des polynesischen Steinbeiles, bei denen die Parallelität ihrer Yerbreitungs- 
greniien sicher auffallend genug ist.") Hinzu kommt, wie oben bereits 
erwähnt, die rezent südpolynesische Auslegerbefestigung und last not least 
die Verbreitung rein polynesischer Sprachelemente, wie sie sich auf einigen 
Inseln der Neuen Hebriden und den südlichen Salomonen, aber auch 
hinüber bis «um Nordende Neu-Britanniens geltend machen.*) Ich mnm 
hier einfügen, dass meiner Ansicht nach der wirklich polyneaische Einfiuss 
sich in der Tat nur bis Neu-Irland, höchstens Neu-Hannoirer erstreckt, 
dass die weitere Verbreitung z. ß. der Schlitztrommel und des Steinbeiles 
auf intensiven Binnenverkehr im Zentralbecken des Bismarck-Archipels 
zurückzuführen ist. 

Während sich im Osten die polynesische Kultur herausbildete, ent- 
wickelte sich auch Mikronesien, zum grossen Teil unter westlichem Ein- 
flusse, iu eigenartiger Richtung. Schon auf den Gilbertinseln treten Dinge 
auf^ wie die Flechttechnik der Körbe und die Form der Schöpf laifel, die 
an heutige malaiische Erscheinungen erinnern. Am bezeichnendsten ist 
jedoch die Verbreitung der Weberei über die ganzen Karolinen bis 
Kuscbai, Und auch diese neu entstandene Kultur, die vielleicht gerade 
unter Einwirkung der vorhin erwähnten polyneaiachen Kolonisation zu 
einer gewissen Einheitlichkeit gelangte, breitete sich gegen Melanesien 
hin aus; auf St, Mattthias und auf den gesamten von Thileniua soge- 
nannten nordwestpolynesischen Inseln bis Santa Cruz ist die Weberei in 
Übung.*) Ebenfallä mikronesisch und wohl auch unter asiatischem Ein* 
fluBse ausgebildet, ist die Anwendung bestimmter Gegenstände, wie %. B. 
Ketten von Muschelachei beben, als fester Wertmesser, also einer Art 
Gehles; die Grenze des Muschelgehles verläuft südlich von Taui, über die 
Gazellehalbinsel und schliesst mindestens Buka, Bougainville, Hubiana und 
Oboiseul ein**) 



1) Karte V. Vgl S, 4fi, Änm. "2. Aasierdem Edffe-Part. 11 29, F. 3, 4. 

2) Kftito y. Eiu ^ölli>? abgoartetes Beil dea gleichen Baues kommt am Papaa- oder 
Haan-Golf vor, wohl «ar als PrunkheU und yielleicht protopüljuesisch, 

R) Codring ton Um Melaoesian lungaa^es, p. 236 f., TjtJö (f. u. a. 

I) Ethno^r* Ergebn. aus Melan. I, S. 37. Auch Aaslegrer- und Beil form entapncht 
meist der oitkaroliMisrhen: m Sikaiaua ht der Poncho in Gebrauch. Ebenda S. ÖT), 

5) Vgl Ribbe S, 135, 29äir., 312. Auch die Geldkettea haben ibien Weg Ton 
Taui usw. bis Earkar and Hook gefandeD. 



bütoriTsaf iL v 


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Omuiea. «nf Tjod md Pelaa is der indaMtsaacbe Sdi^fflMM » 
Gebmck jozf Ptiam umi BMiliwärfif^er ^l'fode n dn^ ^idktai^ Xmk 
BmuMo» das Ekmkr.') Aneli its^ G««» d«^ Betua luihi^ iai Ar 
«K 6tm Westesi impomecL «r Imi aWr toh den JfesdkikMn }(««-0«xbmi 
ans ^rntth isDcffmelaBeaackeB T«ikelir Back Boai^nuiTilk. X«B-Iri«id md 


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TL Malaiisclie nad Xikroa^i^isclie Einflitt« ia MolAa«$i«m. 
1. ^i^^^^^ Vc iUi€itaa |g des riereckigai Sef»«k. v*^*^»«^ VerKrntaa^ d<« Dopp«)- 

± •••■ ■• TertrateBir d« Webcrö. ••«^•••^ T^r^rMtaa^ d*5 Ma$cM|^^klc[|l. 

Xeu-Britannien, den sfidlichen Salomonen and bis Santa Orni hin eine 
Verbreitung weit über die eigentlichen Cremen niaJaii«»ehen Handeln 
hinaus erfahren, eine Verbreitung, deren einzelne VTege nur eine ein- 
gehende Vergleichung der Kalkbfichsen und -spatel nachireisen kann. 

Ich bin bei meinem Ausgangspunkt wieder angelangt. Die dort er- 
wähnten kleineren Verschiebungen der heutigen Kulturen, wie sie sich 
ans der Über- und Nebeneinanderlagerung der im Vorbeigehende« Ter- 
tuchsweise herausgearbeiteten Schichten entwickelt haben, gehören nicht 
mehr eigentlich in den Kreis meiner Betrachtung: sie sind aber natürlich 
nicht auf die jüngste Periode der Sfldseegeschichte beschränkte sondeiti 
haben fort und fort lu jeder Zeit stattgefunden, und so wird die Forschung 
im einzelnen überall mit ihnen zu rechnen haben. So ist als sicher an- 


r Karte TL Ygl Haddon Stodiea etc., p. 4:^ f, 

2) Parkiasoa-Foj in Abb. o. Ber. Dnsdea. 18&ti» Nr. 5, S, 4, 


5f ^ F. Gribnert 

zunehmen, dasa die heutigen Bevölkerungsverhältnieae in einem groaaeB 
Teile Melanesiens aus einer allmählichen Anfgaugung der zur Zeit der 
Wanderungen zweifellos zahlreichen polynesischen Küstenaosiedelungeu 
durch die numerisch stärkere ßinneiilandbevölkeruDg hervorgegangen 
sind. Ähnliche Vorgänge werden sich vermutlich bei jeder Berührung 
der einzelnen Kulturen abgespielt haben. 

Das relative Zeitverhältnia dieser einzelnen Kulturen ist im grossen 
(ranzen klar; ich möchte nun auch die Frage der absoluten Zeit kurz be- 
rühren, eine Frage, die auch nur anzuschneiden bei keiner anderen als 
der polynesischen Kultur möglich ist, P, Schmidt^) hat seinerzeit das 
Wort fana, pana für Bogen und durchbohren in den polynesischen und 
verwandten Sprachen als Lehnwort aus dem Sanskrit erklärt und dadurch 
einen Anhaltspunkt dafür zu gewinnen gesucht, dass die Polynesier ihre 
asiatischen Stammsitze erst nach der Ausbreitung arischer Kultur 
mindestens über Indien verlassen hätten. Doch ist abgesehen von der 
hypothetischen Verwandtschaft der beiden Wörter noch ungewias, ob die 
Malaio-Polynesier überhaupt den Bogen zu ihren ureigentümlichen Kultur- 
gütern zählten, ob das Wort vana nicht am Ende im Sanskrit selbst ein 
Lehnwort ist^ ob nicht demnach beide vielleicht aus gemeinsamer Quelle 
schöpften, wo dann natürlich für die Zeit nichts ausgemacht wäre. Auch 
ich glaube nun in keiner Weise etwas gewisses behaupten zu können; ich 
will nur wieder, wie in der ganzen Arbeit, einen Hinweis geben, der 
möglicherweise bei näherer Untersuchung weiter führt: der schwere 
Stossspeer und die kurze Plachkeule gehören zweifellos zu den eigen- 
tümlichen Waften wenn nicht aller, so doch einiger polynesischer Stämme. 
Die kurzen Flachkeulen zeigen nun, sei es am Griff (Massiuidistrikt), sei 
es am Blatt (Maori, (ülbertinseln, östl. Polynesien) eine gewisse Neigung 
zur Asymmetrie; im letzten Falle tritt dadurch ein Unterschied von 
Kücken und Schneide hervor. Im ganzen protopolynesischen Gebiet 
werden diese und andere Handwaffen, auf den Gilbertinseln und French- 
ioseln bekanntlich auch Speere gern durch Einfügung von Haifischzäbnen 
oder ähnlichen Dingen in die Kanten der flachen Waffe schneidend 
gemacht Speere mit zwei Kanten oder zwei gegenständigen Reihen 
Widerhaken kommen zwar nicht ansschliesBlich (vgl, einzelne Formen 
Neu-HoUands), aber vorwiegend im polynesischen Einfiussgebiet vor* Endlich 
besitzt Tahiti und Nachbarschaft Speere mit grossen Sachen, rhombischen 
oder lanzettlichen Spitssen, deren Ansatz am Schaft durch einen King oder 
anderweitige Schnitzerei scharf bezeichnet ist, und auch die Spitze des 
Hawaitspeeres ist blattförmig. Alle diese Erscheinungen suggerieren den 
Gedanken, dasa die Polynesier bei ihrer Einwanderung in Ozeanien nicht 
ohne Metallkenntnis waren. Ob dies Metall die Bronze oder das Eisen 
war, mag dahingestellt sein* Sie haben in Neu-Seelaud das dort vorhanden© 
Elsen nicht benutzt, und die Form ihrer Beilklingen, sowie deren Be- 
festigung lässt vielleicht eher an die gegossene Bronze als an das Sach 
geschmiedete Eisen denken. Jedenfalls ergibt sich, wenn sie Metalle 



1} Miti Anthr. Ges. Wien XXIX, p. 252fr. 



KTilturtreise iu Oxeanieij. 


53 


kaontoa die natürliche Annahme, dass sie Asien nicht vor Beginii der 
dortigen Metallzeit verliesaen. 

Wie weit sind nun die hier skis^zierteti Kulturen iu Ozeanien heimigeh 
oder darauf beschraukt? Daa& die Polyuesier aus Asien einwanderten^ 
ist 80 gut wie gewiss; aber auch die Melaoesier finden die nächsten An- 
klänge an ihre Kultur nuf den Philippinen, ja vielleicht noch weiterhin in 
den Osthimalajaländern. Sie und die beiden papuanisehen haben sicher 
auch in iDdonesien den Untergrund abgegeben für die heutige malaiiäche 
Kultun Wie da# west|^>apuanische Gebiet nach Indonesien hineinreicht, 
habe ich augedeiitet; Tielleicht iät auf den Nike baren ein anderer Ans- 
lAnfer bemerkbar. Das ostpapuantsche Zweiklassensystem ist mit der 
Mutterfolge noch hier und da in Sumatra herrschend, auch die Schleuder 
findet eich in dieser Gegend; der Schild hat sich in verschiedeoen 
formen, mit nigri tischen und asiatischen Elementen versetzt, über den 
ganzen Archipel ausgebreitet 

Hr, Dr. Änkermann wird am HchUisse seinem Vortrages zeigen, daas 
"wenigstens der oigritischeD und ostpapuaniachen Kultur verwandte Er- 
scheinungen auch in Afrika vorhanden sind, und es ist wohl nicht zu 
leugnen, dass sich ebenso in Amerika gewisse KulturmiBC hangen finden, 
deren einzelne Bestandteile hier und da an gewisse Erscheiuungs- 
komplexe der im vorhergehenden skizzierten Kulturen erinnern. AU da» 
ist natilrlich vorläufig noch viel hypothetischer, als meine KuUurkreise und 
-schichten. Aber es gibt bei dem grauen Alter des Menschengeschlechtes 
die Möglichkeit, dass wir tatsächlich in allen Erdteilen Elemente ver- 
irandter Kulturen vorfinden. 

Und beschränken wir uns wieder auf Ozeanien, so ist gerade bei den 
beiden oder drei (mit der Tualaiischen) jüngsten Schichten der enge 
Zasammenhang mit Asien, dem Lande der Völkermischungen und 
-berührungen klar, ein Zusammenhang, tler hei Malaien und selbst wohl 
Polynesiern einer Zeit hochentwickelter Kultur angehört. Aus all diesen 
Betrachtung»'n folgt zunächst nur das eine: die Unmöglichkeit, irgend eine 
in den versehiedeösten Gebieten der Erde vorkommende Erscheinung als 
ursprüngliches Gemeingut der Menschheit oder als aus einem ihr inne- 
wohnenden Gesetze heraus entstanden einwandfrei zu erweisen- 

Deshalb müssf^ii wir Stdiritt für Schritt in treuer Einzelarbeit in die 
leschichte unseres Geschlechts einzudringen suchen. Hoffentlich hat mein 
Vortrag einige richtige Fingerzeige gegeben, wo und wie in Ozeanien zu 
graben ist. Aber nicht auf Afrika und Südsee darf sith die Tätigkeit 
beschränken. Nur wenn auf den anderen Gebieten, besonders in Süd- 
asien und Amerika in gleichem Sinne gearbeitet wird, kann das Ergebnis 
lückenlos werden. Zumal in Südasien liegt der Schlüssel für die Völker- 
Eusammenhänge zwischen Ozeanien und Afrika. Die Aufgabe ist schwer 
regen der dort dicht auflagernden höheren Kulruren, aber sie ist lohnend 
und für die Ethnologie als Ganzes eine Notwendigkeit, 



2. Kulturkreise und Kulturschichten in Aftika.O 

Von 

B. Ankermann. 

Die Anwendung der geographischen Methode auf die Ethnographie* 
ist seinerzeit von Ratzel mit einer Arbeit über ein Thema der afrikanischen 
Völkerkunde inauguriert worden, und diesem Umstände haben wir es wohl 
zu verdanken, dass wir bereits eine ganze Anzahl Spezialarbeiten gerade- 
auf afrikanischem Gebiete besitzen.') Unterstützt und ermöglicht wurden 
dieselben durch die ungemein reichen Sammlungen, die sich, besonders 
seit der Erwerbung unserer afrikanischen Kolonien, in den deutschen 
Museen angehäuft haben. Diese Vorarbeiten haben denn auch bereits^ 
den Versuch einer zusammenfassenden Darstellung der afrikanischen 
Kulturen und ihrer Entstehung zur Tat werden lassen. Das Buch von 
Leo Frobenius') hat jedenfalls das Verdienst, den ungeheuren StofiF zum 
erstenmal zu einem einheitlichen Bilde geordnet zu haben und zwar zu 
einem Bilde, das man nach Nachprüfung des Materials als ein im ganzen 
richtiges anerkennen muss, über wieviel Einzelheiten man auch abweichender 
Meinung sein mag. 

Alle weitere Forschung muss, kritisierend und verbessernd, auf der 
hier gelegten Grundlage weiterbauen, auch ich habe das in dieser Ab- 
handlung getan. Der Zweck derselben ist, die bisher gewonnenen Er- 
gebnisse k'4rz zusammenzustellen und dann, im Anschluss an Dr. Gräbnera 
Vortrag über die Kulturkreise Ozeaniens, die ethnographischen Beziehungen 
zwischen beiden Erdteilen, deren Vorhandensein im allgemeinen längst 
bekannt ist, etwas bestimmter zu formulieren, als es bisher geschehen ist. 

Es ist schon häufig darauf hingewiesen worden, dass bis zur Um- 
segelung des Kaps der guten Hoffnung Afrika nur im Norden und Osten 
mit der übrigen bewohnten Erde in Berührung stand, während die West- 
küste als Rand der Ökumene durch den unbelebten atlantischen Ozean 

1) Vortrag, gehalten in der Sitzaog vom 19. November 19Q4. 

2) Ratzel, Die geogr. Verbreitang des Bogeos und der Pfeile iu Afrika (Bcr. K. 
8. Ges. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1887). Derselbe, Die afrikanischen Bögen (Abb. K. 8. Ges. 
Wiss. Phil.-hist. Kl. Bd. XIII, Nr. III, 1891). Derselbe, Beitr. «ur Kenntnis d. Verbreitung 
d. Bogens nnd d. Speeres im indo-afrikan. Völkerkreis (Ber. K. 8. Ges. Wiss. 1893). 
H. Schurtz, Das Warfeisen der Neger. Leiden 1889. Derselbe, Die geogr. Verbreitung 
d. Negertrachten (Int. Arch. Ethn. IV, 1891). H. Frobenius, Afrikanische Bantypon. 
1894. K. Weule, Der afrikanische Pfeil. Leipzig 1899. B. Ankermann, Die afri- 
kanischen Musikinstrumente (Ethnol. Notizblatt III). 

3) Der Ursprung der afrikanischen Kulturen. Berlin 1898. 


B. Ankermann: Kaitarkreise in Afrika. 55 

von aller Yerbindung abgeschlossen war. Die gelegentlichen Fahrten 
karthagischer und phönizischer Schiffe, von denen die alten Geschichts- 
schreiber berichten, waren vereinzelte Unternehmungen, die als solche 
einen Einfluss auf die westafrikanischen Eingeborenen nicht gehabt haben 
können. 

Yon Osten und Norden her kamen also die Einwirkungen, die der 
stagnierenden Negerkultur neue Impulse brachten; denn Afrika ist, soweit 
unsere Kenntnis reicht, niemals gebend, sondern immer nur empfangend 
gewesen. Im Norden aber legt sich quer durch die ganze Breite des 
Kontinents die Sahara als ungeheures Yerkehrshindemis — ein Hindernis, 
das noch heute den auf wenige Karawanenstrassen zusammengedrängten 
Handelsverkehr auf ein Minimum beschränkt, das aber vor Einführung 
des Kamels schier unüberwindlich gewesen sein muss. Den einzigen 
natürlichen Weg von Nord nach Süd bildet hier das Niltal, das denn auch 
zweifellos stets die Hauptstrasse der Kultur gebildet hat 

Bedeutend grösser sind aber die Beeinflussungen, die die afrikanische 
Kultur von der Ostküste her empfangen hat; die Verbindungen, die von 
hier aus mit dem südlichen Asien bestanden, reichen in Zeiten zurück, 
die weit vor unseren ältesten Cberliefemugen liegen. Wir wissen nicht 
mit Sicherheit, wer die Träger dieses Verkehrs waren, aber es spricht 
alles dafür, dass Araber und Inder, besonders die ersteren, hierbei die 
Hauptrolle spielten, wie sie es auch heute noch tun. 

Entsprechend der geographischen Konfiguration Afrikas ist die Art 
der Ausbreitung der Völker und der Kultur wesentlich abweichend von 
derjenigen in Ozeanien. Die insulare Natur des letzteren Erdteils und 
die deswegen nur auf dem Wasserwege mögliche Übertragung gestatten 
eine anscheinend sprunghafte Verbreitung, indem sich Kulturen mit völliger 
Umgehung einzelner Inseln oder ganzer Inselgruppen in entfernten 
Gegenden wiederfinden können. Anders in Afrika, wo die Ausbreitung 
nur zu Lande erfolgen kann und wo sich derselben in dem ganzen un- 
geheuren Oebiet südlich der Sahara mit Ausnahme des grossen zentral- 
afrikaniachen Urwaldes kaum ein ernsthaftes Hindernis in den Weg stellt. 
Daher die Erstreckung gleichförmiger Kulturen über weite Ländergebiete 
und ein Fehlen jeder auch nur einigermassen scharfen Grenze zwischen 
den Kulturprovinzea, an deren Stelle breite Grenzstreifen mit Übergangs- 
Charakter treten. Statt Scheidung und Nebeneinanderlagerung Über- 
einanderschichtung und Durchdringung. 

Dessenungeachtet ist es nicht unmöglich, mehrere ursprünglich ver- 
schiedene Kulturen zu unterscheiden, und es ist das Verdienst von Leo 
Frobenius, als erster einen Kulturkreis von ganz besonderer Eigenart 
den er als den westafrikanischen bezeichnet, herausgeschält zu haben. 
Diese Bezeichnung, die nur von der geographischen Lage des Kultur- 
kreises hergenommen ist, werde ich als gänzlich unverfänglich beibehalten, 
den Ausdruck malaio-nigritische Kultur, den derselbe Autor für die Kultur 
dieses Kulturkreises geschaffen hat, auf den er heute vielleicht i»elbst nicht 
mehr allzuviel Gewicht legt, werde ich nicht gebrauchen, sondern sein»* 
Berechtigung vorläufig dahingestellt sein lassen. 


56 


B. Ankennaim: 


Das Gebiet der westafrikanischen Kaltur läset sich, wie aus 
dem Obengesagten hervorgeht, nicht scharf umgrenzen; ungef&hr deckt 
es sich mit der auf Karte I eingetragenen Verbreitung der Giebeldach- 
hütten. Dieselbe beginnt an der Westküste im Süden, südlich des Coanza, 
erfüllt das ganze mittlere Eongobecken bis nahe an den Tanganyika und 
säumt mit einem langen schmalen Streifen die Küste von Oberguinea bis 
nach Liberia. Das Giebeldachhaus kann als das Hauptmerkmal des west- 
afrikanischen Kulturkreises betrachtet werden; es geht fast lückenlos über 
das ganze Gebiet, auf dem diese Kultur gegenwärtig am geschlossensten 



Karte 1 

Giebflidachhatlen, i 

Sienenkorbhütten, 

1?undhünen mit Kog^ldacT^ 

* ♦ + Quadratttche Hütte rv 
--*- Nordgrcn^ß der Bahtu. 


und reinsten auftritt. Ohne Zweifel hat der Kulturkreis früher eine 
grössere Ausdehnung gehabt, denn viele Elemente desselben findet man 
noch heute weit ausserhalb seiner gegenwärtigen Grenzen. 

Gegenüber der westafrikanischen Kultur zeigt die Kultur des 
ganzen übrigen Afrika südlich der Sahara ein so einheitliches Gepräge, 
dass man sie der westafrikanischen als ein Ganzes gegenüberstellen kann. 
Allerdings lassen sich, wie wir später sehen werden, in ihrem Gebiete 
mehrere Provinzen unterscheiden, wie sie auch aus mehreren übereinander 
liegenden Schichten besteht, aber die Unterschiede sind verhältnismässig 
so unbeträchtlich, dass sie gegenüber der grossen Kluft, die diese Kultur 
von der westafrikanischen scheidet, nicht ins Gewicht fallen.*) 


1) Ich habe bei der Schüdemng der Kolturkreise von Literaturnachweisen möglichst 
abgesehen, wenigstens soweit dieselben in den oben angeführten Spezialarbeiten bereits 
gegeben sind. Im übrigen stützt sich meine Darstellung im wesentlichen auf das Material 
des Berliner Mnseums für Völkerkunde. 


Kii1titrkr«lse tu AMki. 


Dass dem westafrikan lachen Kulturkreis rechteckige Hütten mit 
^Giebeldach angehören, ist schon gesagt worden; das ganze übrige Afrika 
mit Ausnahme von Madagaskar, wo ebenfalb das Röchteckhaus herrscht, 
besitzt demgegenüber Rundbanten, die in zwei Formen auftreten: erstens 
Bienenkorbhütten, die in der Weise gebaut werden, daas man biegsame ^ 
Stangen im Krei&e in den Boden steckt und ihre Spitzen zuaammenbtegtv 
so dasB eine Kuppel gebildet wird, und zweitens Zylinderhütten mit 
Kegel dach, bei denen das Dach als besonderer Teil auf die aus Pfählen 
hergestellte Hüttenwand aufgestülpt wird* Die Entstehung beider Haus- 
formen interessiert uns hier nicht, ebeosowenig der konstruktive Unter- 
schied zwischen den Kegelhütten Südafrikas und des Sudans, auf den 
H. Frobenius grosses Gewicht legt*), dagegen ihre Verbreitung. Die 
Bienenkorbhütte finden wir zuuäcbst an der Südspitze bei Kaffern, Hotten- 
totten und Herero und an der Westküste bis hinauf zu den Songo und 
Slinnngo im portugiesischen Gebiet. Von hier erstreckt sich ihr Gebiet 
als schmaler Streifen bis zum Tanganyika und vom Nordende dieses Sees 
hinüber zum Viktoria-, Albert Edward- und Edward-See. Hier gehören zu 
ihrem Gebiete ilie Landschaften Urundi, Ruanda, Ussui, Usindja, Ukerewe, 
Iha, Udjidji, Kisiba, Karagwe, Nkole, Mpororo, Uganda und Unyoro, 
Weiter nordöstlich haben nach Johnston*) die Scbuli (Acholi) und die 
Turkana Bienenkorl»hütten, ebenso die Lur westlich ^les Edward-Sees*) und 
ilie Kredj am oberen Bahr el GliasaL*) Endlich rechne ich hierher die 
Hütte» <ler Somäl, Danäkil und Massai, die freilich nicht immer rund, 
sondern häufiger oblong mit abgerundeten Ecken zu sein scheinen, deren 
Konstruktion aber dieselbe ist w^ie bei de» Bienenkorbhütten. Die Form 
des Grundrifläea, der auch sonst nicht immer kreisförnng, sondern zuweilen 
oval ist, kommt weniger in Betracht als die Bauweise. Spuren diesem 
Bantypu:« finden sich auch weiter westlich im Sudan; so haben die 
Gamergu im südlichen Bornn nach einer unklare» Beschreibung bei 
Rebifs^) solche Behausungen, und auch die kuppeiförmigen Lehmbauten 
der Musgu dürften auf Bienenkorbhütten zurückzuführen sein. Vereinzelt 
kommen sie auch in Dar For vor*)* und von Ast»en erwähnt sie Barth. 
Ausserdem scheinen die Pygmäen überall solche Hütten zu bauen. 

Den ganzen übrigbleibenden Kaum von Afrika von Betschuanaland im 
Süden bis »ach Abessini en und Nubien und von hier westwärts bis Sene- 
gambien nimmt das Haus mit zylindrischer Wand und Kegeldaeh ©in. 

Von den Waffen (Karte H) finden wir Bogen und Speer in ganz Afrika; 
dass dieser oder jener Stamm die eine oder die andere der beiden Waffen 
bivorsugtj ist eine in beiden Kulturkreiseu vorkommende Erscheinung. 


1) 01> der unterschied wirklich so durchgreifend ist, erieheint mir tehr iweifelhftfl; 
jedenfalls gibt es mcb im Sudan Hütten ohne Mirtelpfahl 
'2) The Uganda Frotectorate II 7T5, S4S5, 

3) Bati^l n. SchweiDfnrth, Etnin PaBcba S. 14k 

4) Schweinfurtb, Im Herten von Afrika S. 4:VA44*L 

5) Quer durch Äfnka I!, 24. 

6) Felkin, Note» on Ibe For tnW (Pnie.B. S. Edinburgh, XIII, SHl.} 


I 


68 


B. Ankermann: 


Der Speer zeigt zwar zahlreiche Varianten in Gestaltung der Spitze 
und des Schafts, in Beschwerung des hinteren Schaftendes usw., aber keine^ 
die für eine Klassifizierung im grossen geeignet wäre. Für diesen Zweck 
kommt höchstens die Befestigung der Spitze am Schaft in Betracht, die auf 
zweierlei Art geschieht, indem entweder die Spitze mit einem Dorn in den 
Schaft eingelassen, oder indem sie mittels einer Tülle auf denselben auf- 
gesteckt wird. Die Grenze beider Befestigungsarten (auf der Karte nicht 
eingetragen) beginnt im Westen in Angola (bei den Bangala kommen beide 
Arten Tor) und geht ziemlich genau nach Osten zum südlichen Tanganyika, 
wo XJrua und Ubudschwe ein Obergangsgebiet bilden; östlich vom Tanganyika 
setzt die Grenze sich fort zwischen üdjidji und Fipa, geht durch ügogo 



und erreicht die Küste nördlich von Usaramo. Aber noch die Wapokomo 
am Tana haben die Spitzenbefestigung mittels eines Doms, ebenso sämtliche 
Stämme des sogenannten abflusslosen Gebiets (Wanyaturu, Wataturu, Wam- 
bugwe, Warangi usw.). Dagegen kommt die andere Befestigung südlich der 
angegebenen Grenze kaum vor. 

Im Anschluss hieran möchte ich vorausnehmen, dass auch bei den 
Pfeilen dieselben beiden Befestigungsarten vorhanden sind, aber in ganz 
anderer räumlicher Verbreitung; die Versenkung der Spitze in den Schaft 
herrscht hier bei weitem mehr, die Tülle findet sich nur in einem Teile 
des Kongogebiets.*) 


1) Vgl. Weule, Der afrikanische Pfeil. Leipzig 1899. S. 41, 42. 


Kultiirkreifte in AfHkm. 


Der Bogen weist grdMere Lücken in seiner Vorbreitnug auf fils der 
aUgageiiwärtige Spe©r< In diesen Fällen hat der Bogen einer aadereii 
Waffe, meiatens dem Speer, in einer ethnogi*aphischen Provinz dem Würf- 
eisen, weichen müssen. Solche Lücken bestehen in beiden Kulturkreisen, 
Man klassifiziert die Bogen am besten nach der Art der Anbringung der 
Sehne. Entweder verjüngt sich der Bogen nach den Enden* und die mit 
einer Schlinge aufgestreifte 8ehne kann wegen der nach der Mitte zu 
wacheenden Dicke des Bogenstabes sich nicht Ter&ehieben; diese Porro 
herrscht in Ost* und Südafrika. Oder aber der Bogen bleibt in seiner 
gati3Een Länge etwa gleich stark; dann ist eine besondere Vorrichtung 
nötige um die Sehne festzuhalten. Dieselbe besteht nnn entweder darin, 
dnss auf die Enden aus Rohr geflochtene WüUte oder liök^rue Kugeln 
oder Scheiben aufgesteckt werden, auf denen die Sehne ruht: $ö in einem 
Teil des Kongogebiets; oder statt der Wülste Ringe aus Eisen oder Leder» 
wie in einigen üegenden des mittleren und westlichen Sudan. Oder da» 
Ende des Bogens wird zur Aufnahme der Sehne gtufenförmig geschniti^t 
oder durchbohrt; beides vorwiegend im westlichen und zentralen Sudan, 
im Hinterland von Kamerun bis an den Sanuaga, Doch kommt tlie 
Durchbohrung auch in einem beschränkten Gebiet in Ostafrika vor, 
nämlich westlich des Nyassa und am Südende des Tanganyika. Der Bogen- 
Stab ist im Osten und Siiden vorwiegend drehrund, im Kongogebiet mehr 
oder weniger abgeplattet bis zu flachrechteckigem Querschnitt, im Sudiui 
endlich zeigt er fast durchweg eine Abplattung auf der äusseren (konvext*n) 
Seite. Von Wichtigkeit ist endlich das Material der Sehne: Nord-, Ost- 
und Südafrika habeu eine Sehne aus tierischem Material (Leder. Sohm n- 
fsser), der weistafrikanische Kultiirkreis aus pilanzliohem, entweder iiuj^ 
gedrehter Pflanzenfaser oder aus einem Streifen Rotang- oder Bambus* 
rinde. Letztere findet sich als Rudiment auch an mehreren Stellen dea 
Westaudan und Oberguineas, Das Berliner Museum besitzt ^solche Bogen 
▼on den Moba in Nordtogo; Binger erwähnt Bogen mit Bambussehne bei 
Leuten aus Mossi sowie bei den Gouiug oder Mbouing'), Büttikofer 
solche mit Rotangsebne aus Liberia/) Winterbottoni aus Sierra Leone.*) 

Die afrikanisi^hen Pfeile hat W^eule eingehend behandelt; für uns* 
ist hier uur von Bedeutung die Verbreitung der Plugsichenrng. Uu* 
gefiederte Pfeile finden wir ausschliesslich im Sudan, und zwar m seiner 
ganzen Erstreckung mit Ausnahme der Mandingoländer im äussersten 
Westen und der Sonnil im äussersten Osten. Die Oalla haben »owohl ice- 
fiederte wie ungefiederte Pfeile. Ein zweites uUii kleineres (Jebiet tin- 
^ gefiederter Pfeile liegt zwischen Nyassa und Mangan) ika (Urun^^u, Eipa, 
rnyamwanga), das sich zum Teil mit der Verbreitung des oben erwähnten 
durchbohrten Bogens deckt, dessen O renken aber wie die des letzt*»ren 
unbekannt sind. 

Eine allgemein afrikanische Waffe ist die Keule als Wurf- und 
Bohlagwaffe. Im westafrikanischen Kuiturk reise acheint freilich die Warf- 

1) Du Niger &a Golfe tle Guinee. I 170, 2öT* 

2) EtiftebOder &U8 Liberia. Leiden lS9iJ It jm. 
n) Nachrichten tod der Sierra Leons-Köst«. Weimir lB06» S. :JIL 


^0 B. Ankermann: 

keule völlig zu fehlen und auch die Schlagkeule, die an verschiedenen 
Orten vorkommt, sehr zurückzutreten (vgl. Karte II); sonst aber ist sie 
überall vorhanden und steht sogar in Südafrika und am oberen Nil mit 
in erster Reihe. 

Eine besondere Abart der Wurf keule, das gekrümmte bumerangähnliche 
Wurfholz, ist auf den östlichen Sudan beschränkt und hat sich hier zu 
einer höchst eigenartigen Fernwaffe, dem Wurfeisen oder Wurfmesser, 
entwickelt, das über die Heimat des Wurfholzes hinaus bis tief in die 
westafrikanische Provinz vorgedrungen ist (vgl. Karte II). *) 

Das Schwert kommt nur in der nördlichen Hälfte Afrikas vor; die 
auf Karte H eingezeichnete Südgrenze schliesst das Kongobecken ein, 
macht aber vom Tanganyika an einen ungeheueren Bogen nach Norden, 
um das ganze Gebiet des oberen Nil herum, wendet sich dann wieder 
nach Süden und greift zungenförmig in Deutsch-Ostafrika ein, wo die 
Massai das Schwert eingeführt haben. Im ganzen Sudan erscheint ein 
nnd dieselbe Schwertform mit langer gerader Klinge und kreuzförmigem 
Griff, offenbar von den Arabern stammend und sehr neuer Import; im 
Osten von Abessinien tritt ein krummer Säbel auf, der gleichfalls asiatischen 
Ursprungs sein dürfte. Die Heidenstämme im südlichen, noch nicht 
islamisierten Sudan' führen überhaupt kein Schwert oder das von den 
Mohammedanern entlehnte. Südlich davon aber, im Kongobecken, treten 
Formen auf, die offenbar mit den oben erwähnten nichts zu tun haben, 
sondern ganz anderen Ursprungs sind. L. Frobenius hat dieselben anf 
zwei Urformen zurückgeführt, und ich möchte mich ihm darin anschliessen; 
die eine Gruppe von Schwertern leitet er von der Speerspitze ab, z. B. 
das Fanschwert, die andere aber, die sehr wunderliche Gebilde enthält, 
von alten Keulenformen. Auch Schurtz hat bereits in seiner Arbeit über 
die Wurfmesser verschiedene Kongoschwerter in die von ihm aufgestellten 
Entwicklungsreihen eingeschaltet. In der Tat ist der Vorgang ganz analog 
der Entstehung der Wurfeisen aus dem Wurf holz. Wie hier aus dem 
einfachen gekrümmten Bumerang sich die wunderlichsten Formen ent- 
wickelt haben, so sind auch aus anderen Keulen unter dem Einfluss der 
neuentdeckten Metalltechnik die seltsamsten Gestalten emporgewuchert. 
Diese Annahme erklärt auch das Fehlei der Keule im westafrikanischen 
Kulturgebiet. Flache Keulen oder Seh erter aus Holz, die zum Teil 
allerdings bereits Nachahmungen von Ei onwaffen sein mögen und wohl 
nur noch Spielerei sind, sind mehrfach bekannt und publiziert worden. 

Ein schwertartiges Messer mit gerader oder leicht gekrümmter Klinge 
und einem ringförmigen Griff zum Hindurchstecken der Hand, der anch 
zum Bogenspannen benutzt wird, findet sich in Nordtogo (Eonkomba, 
Bassari, Tschautscho, Kabure, Moba, Tamberma), in Grussi, Mossi, Sogn, 
bei den Heidenstämmen in den Haussaländern, bei den Djikum und 
Mutschi am Benue, bei den Wüte in Ostkamerun. 

Eine seltene Waffe ist die Schleuder; häufig ist sie nur in Abessinien, 
den Galla- und Somälländem; sonst kenne ich sie nur aus dem abfluss- 

Für alles n&here vgl. die Abhandlang von Schartz, Das afrikaiiische Wnrteiesser. 


Koltnrkreise in Afrika. (^X 

losen Oebiet Ostafrikas und Ton den Moba im Norden von Togo. In» 
westafrikanischen Enlturkreis scheint sie ganz zu fehlen. Dagegen ist 
sie in Madagaskar stellenweise noch in Gebrauch.^) Yon sonstigen 
Waffen wären noch zu nennen eiserne, oft mit Stacheln oder einer Schneide 
versehene Schlagringe, die am Arm getragen werden. Dieselben finden 
sich im Sudan vom Osthom an bis zum Niger, besonders am oberen Nil 
und in Adamaua (Durru). 

Die Schilde zerfallen in drei Gruppen: geflochtene Schilde, hölzerne 
mit und ohne Beflechtung und Fell- und Lederschilde. Ihre Verbreitung 
zeigt Karte 11. Nach derselben zu urteilen, dürften die geflochtenen 
Schilde dem westafrikanischen Kulturkreise angehören, die FMlschilde 
Südafrika und die Lederschilde dem Sudan. Die Holzschilde und die be- 
flochtenen Holzschilde finden wir in einem Bezirk, der sich grösstenteils 
mit einem Teile des Verbreitungsgebiets der Bienenkorbhütten deckt. Sie 
scheinen also einer besonderen Kulturschicht anzugehören.*) 

Die Grenze zwischen FelU und Lederschild liegt mitten in Deutsch- 
Ostafrika zwischen Uhehe und Ugogo. Hier treffen die Schilde der Sulu 
und der Massai aufeinander. Auch in Adamaua stossen Fell- und Leder- 
schilde zusammen; die Grenze bildet hier etwa die Wasserscheide zwischen 
Benue und Sannaga.') 

Was die Kleidung (Karte HI) betrifft, so verwendet der west- 
afrikanische Kulturkreis fast ausschliesslich pflanzliche Stoffe. Über das 
ganze Gebiet verbreitet, wenn auch nicht überall im gleichen Masse ge- 
braucht, ist der Rindenstoff. Seine Verbreitung überschreitet die der 
Giebeldachhütten nach allen Richtungen beträchtlich; im Norden findet er 
sich bei den A-Sandeh nördlich des Uölle bis in das Stromgebiet des 
oberen Schari hinein, im Süden bis Lunda und Urua: am weitesten aber 
geht seine Verbreitung nach Osten hin. Hier haben wir sogar an den 
ostafrikanischen Seen zwei Zentren seines Vorkommens, erstens Uganda^ 
wo er bis in die neueste Zeit unumschränkt geherrscht hat, daran an- 
schliessend die übrigen Wahumastaaten, in denen er die Herrschaft mit 
der Fellkleidung teilen musste. Das zweite Zentrum ist das Kondeland 
am Nordende des Nyassa. Ausserdem findet er sich im grössten Teil von 
Deutsch-Ostafrika und in dem südlich angrenzenden portugiesischen Gebiet 
bis zum Sambesi hinab, überall zurückgedrängt durch die zunehmende 
Verwendung einheimischer und europäischer Baumwollstoffe, sowie durch 
das Eindringen felltragender Stämme, wie der Massai und Wangoni. 


1) Sibree, Madagaskar 1881. S. 242. 

2} Man kann sieh die eigentümliche Beflechtnng, die so angebracht ist, als ob sie 
etwas sn halten hätte, wohl am besten unter der Annahme erkllren, dass die Schilde 
orsprünglich in der Tat ans mehreren Stücken bestanden^ wie noch jetst Schilde ans dem 
südlichen Nenbritannien. Es mnsste ja für den mit nnvollkommenen Werkiengen 
arbeitenden PrimitiTen grosse Schwierigkeiten haben, einen breiten Holtschild ans einem 
Stück henastellen; so half er sich, indem er an den schmalen Schild, wie ihn die 
Australier und die Dinka führen, Seitenteile anflickte und sie durch Querbänder in einem 
Oansen Tereinigte. 

3) Aber auch weiter südlich haben die Fan Lederschilde neben Fell- und Rohr- 
schilden. 


«2 


B. Ankennann: 


Rindenstoff besitzt das Berliner Museum auch aus dem mittleren Togo, 
yfo er zuweilen noch von Medizinmännern getragen wird, und er wird von 
Biuger^) auch aus dem Hinterland der Elfenbeinküste erwähnt, von 
Staudinger*) bei den Korro im Haussagebiet. 

Im Zentrum des westafrikanischen Eulturkreises ist der Rindenstoff 
einigermassen in den Hintergrund gedrängt worden durch die Gewebe 
aus Raphiafaser, die von vielen Stämmen in vorzüglicher Qualität her- 
gestellt und zum Teil, wie von den Bakuba, in künstlerischer Weise mit 
Mustern verziert werden. Wir finden diese Stoffe von Kamerun im Norden 
bis Angola im Süden, wo sie, wie am unteren Kongo, früher als G-eld 



dienten, ferner am mittleren Kongo, im Gebiet des Kwango, Kassai, San- 
kurru und Lomami, sowie bei den Balolo am Tschuapa, östlich des Kongo 
bei den Manyema und am Westufer des Tanganyika in Uguha und Marungu. 
Dagegen dürfte die auch von Frobenius übernommene Behauptung von 
Schurtz,') dass auch in Ostafrika nördlich des Pangani Palmfaserstoffe 
fabriziert werden, auf einem Missverständnis beruhen; die von ihm zitierte 
Notiz Burtons scheint Vielmehr auf Geflechte aus den Blättern der 
Fächerpalme zu deuten zu sein. An der Küste von Oberguinea ist der Palm- 
faserstoff früher jedenfalls häufiger gewesen als jetzt; auch heute noch 


1) Du Niger au Golfe de Guinee II, 222. 

2) Im Herzen der Haussal&nder S. 422. 

3) Die geogr. Verbreitung der Negertrachten S. 14(>. 


Kultarkroise in Afrika. 


6$ 


I 


werden aii der äklayenkügte «war nicht mehr Gewebe aus reiner Kap}iia- 
faser, wohl aber anB dieser, gemischt mit Banmwolle, hergestellt Auch 
m Liberia gibt es nach BilttjjLofers Zeugnis Gewebe aus Palm- und aus 
Auanusfaser bei den Bassa und Kru.') Das Berlmer Museum besitzt von 
dort Taschen aus tHesem Stoff, Endlich finden wir Haphiagewehe ebenso 
wie Rindenstoff wieder in Madagaskar. 

Neben Rindenstoff und Palmfaserstoff kommen Schürte aus Pflanzen- 
faser, zerschlissenen Blättern, Raphiabast oder Gras vielfach zur Ver- 
wendung^ besonders bei den Frauen. So, um nur einige Beispiele anzu- 
führen, bei den Yaunde und den übrigen Fanvölkern, den Bangala ani 
mittleren Kongo, den Balolo usw. Hierher gehören auch die Graskleider 
der Wassiba. 

In dem zweiten afrikanischen Kulturkreise herrscht dagegen als 
Material der Kleidung Fell und Leder. Die Formen sind verschieden: 
Pellmäntel wie bei Kaffern und Hottentotten nnd bei den Wahuma in 
Ruanda und Kisiba; Schurze, teils aus Fell, teils aus Leder^ meist vorn 
ein kleines Lederstück, hinten ein grösseres äitzleder, oder Schurze aus 
herabhängendeD Fellstreifen, wie der Rabat der Nilvölker, oft mit Eisenperlen 
oder Schellen behängt oder mit Kafiris besetzt. Daneben freilich auch 
Schurze aus pflanzlichem Stoff, aber nicht aus Fasern, sondern aus 
gedrehten Schnüren. Ferner Fellmttxen, wie bei Massai und Kavirondo, 
und allerlei Fellseh muck, der auch an Waffen^ wie Schilden und Speeren, 
gelegentlich angebracht wird* 

Das Gebiet der Fell- und Lederkleidung ist durch das Vordringen 
der Baum wo Uge webe bereit» beträchtlich eingeengt worden: die Linie auf 
Karte III zeigt die äusserste Grenze des Baumwollbaues und der ein- 
lieimischen Gewebe — denn nur von diesen, nicht von europäischen ist 
hier die Rede. 

Einen analogen Gegensatz zeigen die beiden Kulturkreise auf dem 
Gebiet des Schmuckes: hier vegetabilisches, dort tierischea Material. 
Doch ist der Kontrast hier nicht so gross, da in beiden Kreisen die ur- 
sprünglichen Stoffe in weitem umfange ersetzt worden sind durch die 
Verwendung der Metalle und der Glasperlen. Beide allerdings sind wohl 
im westafrikanischen Kulturkreise weniger zur Gcttung gekommen als im 
übrigen Afrika, denn obwohl man Schmuck aus Eisen, Messing und Kupfer 
überall findet, so ist doch nirgends in Westafrika ein so üppig entwickelter 
Etsenschmuck zu finden wie bei den Herero, den Bari und Djur, den 
Marghi im Bildlichen Bornu oder den Kabure in Nordiogo. Auch die 
Verwendung von geschliffeuon, durchbohrten und auf Schnüre gereihten 
Scheiben von Muschel- oder Stranssenetschale scheint auf diesen Kultur- 
kreis beschränkt zu sein, wenigstens soweit das Material des Berliner 
Museums ein Urteil gestattet; tlasaelbe besitzt solche Schmuckketten nur 
von den Herero und Ovambo, aus Unyamwesi, Usehascbi, Ussukuma, 
Boanda» von den Massai, Bari, Schiüuk, Lur, ferner vom Benue (Danzufa)^ 


1) Bei4«bUder mm Libeni II, 284. 


64 B. ADkermami: 

aus Mangu und Eabure im nördlichen Togo und aus Dume (Dahomey). 
Eaurischmuek ist besonders im Sudan und in Ostafrika beliebt. 

Zum Schmuck kann man auch die Kämme rechnen. Sie kommen in 
zwei Arten vor, entweder in Holz oder Elfenbein aus einem Stück ge- 
schnitzt oder aus Stäbchen bestehend, die durch Geflecht verbunden sind. 
Die erste Sorte ist allgemeiner verbreitet, die zweite ist vielleicht der 
westafrikanischen Kultur fremd; die im Berliner Museum befindlichen 
Exemplare stammen überwiegend aus Ostafrika und den Landschaften am 
Westufer des Tanganyika, einzelne aus dem mittleren und westlichen. 
Sudan; sonst sind nur ein paar aus dem südlichen und östlichen Kamerun 
(Bakoko, Ngumba, Wüte) und aus Loango vorhanden. 

Hier sind auch die Penisfutterale zu erwähnen, die von den 
Männern in einigen Gegenden als seltsamer Schmuck getragen werden; 
geflochtene Kapseln, kleine Kürbisse oder andere Fruchtschalen, auch 
Kokons von Insekten, endlich auch Täschchen aus Leder oder BaumwoU- 
Stoff dienen dazu. Ihr Gebrauch kommt überall mehr und mehr ab; man 
findet sie noch bei den Kaffern, bei den den Sulu verwandten Wangoni 
und weit davon entfernt bei den Mattafall und Dun*u in Adamaua, bei 
den Xtoni imd Bati am mittleren Sannaga und bei den Moba und Tarn- 
berma im Hinterland von Togo. *) (Karte HI.) 

Ich schliesse hieran die Besprechung einiger Körperverstümme- 
lungen (Karte IV), wie Beschneidimg, Zahnentfemung, Zahnfeilung, Lippen- 
durchbohrung, weil sie wenigstens zum Teil heute als Verschönerungen 
aufgefasst werden, wenn es auch nicht wahrscheinlich ist, dass wir schon 
ihren Ursprung in dieser Absicht zu suchen haben. 

Sehr interessant ist die Verteilung der Sitte der Beschneidung. 
Aus den Angaben in der Literatur lässt sich ein ziemlich vollständiges 
Bild derselben gewinnen; denn die immerhin noch recht grossen Lücken 
liegen derartig, dass man meistens mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit 
auf das Fehlen oder Vorhandensein dieser Sitte schliessen kann. Zunächst 
sieht man auf Karte IV, was ja selbstverständlich ist, dass die Beschneidung 
überall geübt wird, wo der Islam herrscht, also im ganzen Sudan, soweit 
er mohammedanisch ist. 

Die zweite auf den ersten Blick ersichtliche Tatsache aber ist die, 
dass die Beschneidung auch in ausgedehnten Gebieten herrscht, in die 
der Islam niemals gedrungen ist. Da sind zunächst alle KAffem- und 
Betschuanenstämme, vermutlich noch weiter nach Norden hinauf, als auf 
der Karte eingetragen. Während die Betschuanen daran noch sehr fest 
halten, ist die Sitte bei den Kaffern im Verschwinden begriffen; bei den 
Sulu soll sie durch König Tschaka abgeschafft worden, bei den Baronga 
nach Junod seit 1820 etwa abgekommen sein.') Ebenfalls im Aussterben 
ist die Sitte bei den Ovambo.") 


1) Exemplare von Peniskapseln aller geuannten Stämme befinden sich im Berliner^ 
Museum. 

1) Les Ba-Ronga. (Bull. Soc. Neufchäteloise Geogr. X, S. 28.) 

2) Schinz, Deutsch-Südwestafrika. S. 308. 


Kultwkreiae in ÄfHka. 


Mmb weitere grosse Heimat hat die Beächoeiduug qub aber im Kougi^ 
gebiet In Kamerun scbeiut sie allgemein verbreitet zu seiiK nach 
Hutters Angabe sowohl im Waldland wie im Gra^and^); Zoll er erwäbnE; 
sie bei den lJiiala*X Schwarz bei den Bakwiri'), SteiDmetE bei den 
Banaka und Bapuku*X Conradt bei den Ngömba*), ZtMiker bei den 
Mabea und Yaunde*); weiter südlich fand Burton sie bei den Mpongwe^}, 
Falkenstein in Loango"), Johngton bei den Bakongo, Bateke und 
Bayansi'), Monteiro im nördlichen Angola^*), weiter im Innern Pogge 


u 


Karte rV, 

B*ichn«idung, 
K«Jiw 8eAchr>«idung. 

Auftbrsch'ert von Zahlen 

Gr^nre zwi^cHef^ ö«f Entfernung der 

Oberen artd unteren Schnttkctailhn«, 
Lippend u r chl»ohrung. 


,++** 


bei den Songo, Kioko und Balnnda'*), Wieamann uod Pogge bei Baluba 
id Baschilange"), Müller bei den Topende, Wolf bei den Bakuba") 


1) Nord^Kamemn. S. 29(\ 427. 

2) Forsctmngsrolien io der doatscbea Kolonie K&maniu IT, 80« 
3^ KÄineniD. 1886, 8. 17(>, 

4) Steinmetz^ Recht« verbältnisie bei ^ingeb, Tfllkera A&Ucas imd Ot^inieöü, 

5) GlöbuB LKXKI, S,350. 

e) Ethaol. KotiEbUU Ell, UefilK S. 13; Mitt, ^ d, DeaUch. Schiitifeb Vltl, S. bh 
T) Two tiips to Gorilla Und. 1875. I, m. 
B) Äfiikaä Westkäste, 1885. S. 170. 
9) Der Kongo. Leipiig 1884 S. 377, 396, 

10) Angola and the River Congo, 1, 27B, 

11) Im Eelcbe des Miiata Jam«ro. 188Ö. S. 30, d^ 

12) Unter deatscber Flagge qaer dur«b Afrika. 1889. 8* d80t 
,13) Im Innern Afrikas. 1888. S. ll^ 2M. 

■thHft rar Ettittoio^i«, lühf^. ido'i. s«n l 5 


66 B. Ankermann: 

Wi 88 mann bei den Bassonge*), d'Hanis bei den Bapoto und Yambinga*), 
LiYing8tone bei den Manyema'), Schweinfurth bei Monbuttu und 
A-Banga*), Stuhlmann bei den Momfu, Wawira, Wambuba, Walegga- 
Lendu, Wahoko und Wa88ongora*), Storm8 in Uguha.*) An der Küste 
von Oberguinea findet die Beschneidung sich bei den Ewe- und Ga- 
Völkern, nicht aber bei den Tschi.^ Schon zu Winterbottoms Zeit 
war sie in Sierra Leone herrschend^), Büttikofer fand sie als allgemeinen 
Brauch in Liberia.*) Im Innern des westlichen Sudan erwähnt sie Binger 
auch bei einigen vom Islam noch wenig berührten Völkern, wie den 
Dokhosie und Nonuma/®) Auch in Senegambien haben einige nicht 
mohammedanische Stämme die Beschneidung, wie die Banyun (Bagnoun), 
Balante und Landuman.^^) In Ostafrika beschneiden die Massai und ihre 
Verwandten, die Kere, Gumba und Reschiat am Rudolfsee"), ferner an- 
scheinend sämtliche Stämme des abflusslosen Gebiets, die Wakikuyu, 
Wakamba, Wadschagga, Waschambä, Wapokomo, Wanika, Wasegua, 
Wakaguru, Wagogo"); weiter im Süden die Wayao und Makua (wenigstens 
die nördlich des Bovuma wohnenden).^*) Endlich haben wir die Be- 
schneidung bei allen Stämmen Madagaskars.^*) 

Fassen wir nun die Völker ohne Beschneidung ins Auge, so finden 
wir ein grosses zusammenhängendes Gebiet am oberen Nil, das im Norden 
mit den Schilluk anfangend, mindestens bis an das Südende des Tanga- 
nyika reicht (Schilluk, Dinka, Schuli, Bari, Bongo, Mittu, Niam-Niam, 
Lur, Latuka, Lange, Bakonjo, Wanyoro, Waganda, Wassoga, alle Wahuma- 
Staaten, in Kavirondo sowohl Bantu wie Niloten, Wanyamwesi, Wassu- 
kuma, Wasagara, Wadoe, Wanguu, Wakami, Wakhutu, Wakawende, 
Wafipa und Wamarungu). *•) Im Süden steht dieses Gebiet wahrscheinlich 
in Verbindung mit dem oberen Sambesi, wo im Marutse-Mambundareich 
die Beschneidung gleichfalls nicht gebräuchlich ist.") Daran schliessen 
sich im Westen die Kimbunda, im Süden die Buschmänner und Hotten- 


1) ÜDter deutscher Flagge. S. 139. 

2) Le District d'üpoto. (Publ. de TEtat Indep. du Coogo. No. 3.) S. 32. 

3) Letzte Reise. II, 34. 

4) Im Herzen von Afrika. 2. Aufl. S. 207, 293. 

5) Mit Emin Pascha. S. 4)3. 

6) Jacques et Storms, Notes sur Tethnogr. de TAfrique equator. (BulL Soc. 
Anthr. Bruxelles V. S. 23.) 

7) Ellis, The Ewe speaking peoples. S. 43. 

8) 1. c. S. 1 15. 

9) 1. c. II, 3(K>. 

10) Du Niger au Golfe de Guinee. I, 356 und 444. 

11) Berenger-Feraud, Les peuplades de la Senegambie. Paris 1879. 8.298,306,340. 

12) Donaldson JSmith, Through ünknown African Countries. 1897. S. 297, 304, 309. 

13) Stuhlmann l. c. S. 433 und die Karte. Baumann, Durch Massailand. 1894. 
S. 171, 178, 182, 189, 197. 

14; V. Behr, Mitt. a. d. Deutsch. Schutzgeb. VI, S. 81, 85. 

15) Sibroe, Madagaskar. Leipzig 1881. S. 243 ff. 

16) Stuhlmann S. 433. Baumann 1. c. S. 204, 216, 228. Johnston, The Uganda 
Protectorate II, 571, 581, 618, 640, 728, 783. Jacques et Storms 1. c. 8.23. 

17) Holub, Eine Kulturskizze d. Marutse-Mambunda-Beiches. S. .56. 


Kaltmkrelae in AiHka. 


01 


totten/) Die Galla üben die BeschDeiduDg nur, soweit sie mobatiime- 
daniäch sind*") Ob die Beächueidtuig bei dea Heidenvölkem dee zentralen 
Budao vorkommt, weiss ich nicbt; westlich des Niger fehlt sie. wie schon 
gesagt, bei den Tschi- Völkern, sowie auch nach Graf Zech*) in folgenden 
Landschaften des Togohinierlandea: Tappä, Ntschnmuru^ Gonyä, Bron, 
Adele, Anjanga, TschautscbOj Tächamba, Bassari, Semere, Sugu, Kabure, 
Logba. Nach Biuger fehlt sie bei den Komono uod Bobo*J, endlieh im 
ätissersteD Westen bei den Felup und Bissagos-Insulanem.*) 

Es scheint also, als ob die Beschneidung zwei verschiedenen Kultm*- 
kreisen angehört, dem weätafrikauischeu und dem islamitischen, während 
zwischen beiden sieh eine Zone hinzieht, in der diese ättte nicht besteht. 

ZahoTerstilmmelungen finden sich in beiden Kulturkreisen and 
gehören daher vielleicht einer älteren Kultiirschicht an. Das Ausbrechen 
und Zuspitzen von Zähnen lässt sieh räumlich nicht trennen, ja es kommt 
zuweilen beides nebeneinander vor, wie bei den Aschango, Ischogo und 
Apono, die zwei obere Schneidezähne entfernen und die unteren, zum 
Teil auch die stehen gebliebenen oberen zuspitzen. Vielleicht ist also 
die Zahnf eilung nur als eine Milderung dm Auäbrechens aufzufassen, wenn, 
wie es den Anschein hat, der ursprüngliche Zweck nur der war, eine 
Lücke herzustellen, aus welchtÄd Grunde, kann hier dahingestellt bleiben. 
Dagegen scheint eine scharfe Grenze zwischen der Entfernung der oVjeren 
und unteren Schneidezähne zu existieren; die ersteren entfernt man im 
Westen, ostlich und südlich der Grenzscheide dagegen die unteren. Mir 
ist nur eine Ausnahme bekannt, nämlich die Hurle am Budolfsee, die 
Uiich Donaldson Smith zwei obere Bchneidezähne aufschlagen. Die 
Gaberi und Somrai am Hchari entfernen je einen oberen und unteren 
Schneidezahn, 

Ich gebe hier eine Liste der mir bekannten Stämme, die das Zaho- 
ausbrechen üben: Untere Sehneidezähne entfernen j und zwar alle 4; 
Schilluk. Dinka, BongOj Bari, Mitm, Madi. Latuka, Ja-Luo (in Kavirondo), 
8cbuli, Lur, Wanjroro, Waasoga, Leute von Kivumbiro, Koki und Nkole, 
VVakinga, Herero (nach Pritsch nur 2); 3 Zähne: Manyema; 2 Zähne: 
Kavirondo- Bantu, Miissai, Warangi, Wanyaturu, Wtitaturu, Wafiomi, 
WararaVja, Wadschagga, Wakaguru, Wagogo, Wafipa, Wanyamwanga 
(auch 4), Warungu, Balunda; 1 Zahn: Lange, Oaberi, Somrai, Obere 
äcbneidezähoe: alle 4: Maschukulumbe und Bonjo(?): 2 Zähne: Bali 
und andere Gr&slandstämme, Aschango, Iscbogo, Apono, Bakongo (manche 


1) leh mht keinen Graml^ an der beätimmten Angabe Kolb« aad Anderer «Iter 
Ajvtoren su «weifeb and mit Fritgoh anzmiehfiiea, aHjfLatt der von thnea berichteten 
Eistbpienuig des linken Hodens mi in Wirklidikeit Beechaeidnng getibt worden, leb 
kann nicht einsehen, wi« eine solche Verwechselnng m^gUeh ift 

■i) Pauli tschke, Beitr, tnr Ethnagr. n. Änthr, tL Samil, Galla n, Haiaru Let^iig 

t^k a 54, 

a) Mitt a. d. Deutielu Sehatzgeb« XI. (VerinLtehte Notiien aber Togo u. d. Tago- 
Biaterknl) 

4} 1. c, I, 338, 4Ö0. 

ä) B^rtrand-Bocand^ (BuiL Soe. O^ogr. Paris. IIL (wir. Kl, ^^S 



i 


d 


B, Ank^Tmann; 


Stömme), Mussurongo, Badinga, Baficbilele, Bakuba, Bassonge, Mamtse, 
Matoiiga, Murle; 1—2 Zahne: Sara; 1 Zahn: Gaberi und Somrai.^) 

Von sonstigen KörperTerstiimmelungen habe ich nur die Verbreitung' 
der Lippendurchbohrung eingetragen. Dieselbe iet im wesentlichen 
auf den Sudan und Ostafrika be&chräukt, im westafrikaniachen Kulturkreia 
acheint sie TöUig zu fehlen, ebengo ia Südafrika. Sie findet sich ini 
Nyassagebiet (Wamwera, Wangindo, Makonde, Makua, Mawia, Wampoto, 
Wasafua, Wayaa, Mangaudja); am oberen Nil und im Zwischeuseengebiet 
(T^u#r, Bongo, Mittu, Moni, Abnkaja, Kalika, Niambara, Latuka, Karamojo, 
Murle; Lendii, Wambuba, Warira, Wahoko, WaambaJ; zwischen übangi 
und Bchari (Languaseij Togbo, Uadda, Mandjia, Ndri, Auaka, Aknngay 
Lakka, Maagu); am Benue (Tengelin); im westlichen Sudan {Barabara, 
Siene-re, Gouing, Bobo); endlich vereinzelt westlich dea Tangaoyika 
(Marnngu, Ubudjwe, am Kongo selbst oberhalb der Mündung des Äru- 
wirai). *) 

Von den Mu&ikinstrutuenten (Karte V) will ich nur einige erwähnen, 
die von grösserer Bedeutung sind, und verweise im übrigen auf meine oben 
zitierte Arbeit über dieselben. Spezifisch westafrikanisch ist zunächst Hie 
Holztrommel, wie ein Blick auf Karte V zeigt. Jedenfalls west- 
afrikanisch ist auch die Sansa oder Negötzither, die allerdings Lni Süd- 
osten weit ilber die Grenzen dieses Kultorkreises hinausgeht. Ebenfalls 
hierher gehört ferner die westafrikanische Guitarre, ein Instrument^ das 
sich dadurch kennzeichnet, dass jede Saite einen eigenen Träger in Gestalt 
eines gebogenen Stabes hat, und das als eine Ziisammenfugung von 
mehreren Musikbogen aufgefasst werden kann> 


I 


I 


Im Zweifel kann man über die Zugehörigkeit der Marimba 


sein; 


denn wenn ihre Verbreitungsgebiete in Senegambien und Nordtrangvaal 
an den änsaersten Grenzen des Vorkommens westafrikanischer Kultur- 
elemente liegen, so ist es noch auffälliger, dass die zwei anderen Bezirke, 
in denen die Marimba vorkommt, das Kongobecken gewissermasseii im 
Norden und Süden umranden und gerade die Mitte desselben, den Kern 
des weatafrikani scheu Kulturkreises, freilassen* Aus diesen Tatsachen 
allein lässt sich also kein Schluss ziehen. Vermutlich westafrikanisch ist 
auch die Panpfeife, die freilich nur sehr vereinzelt vorkommt. 


I 


1) Schweinfurth, Im Hersen ron AMk&, 2. AuiL, S. 41, Haaro&tia, MassailnDd, 
ans, 178. 190. Stulilmanii l c,, 8. im. Johnstou, ügmda Frot^ctorate 11, 581, 
728, im. Hermann io Mitt. D, SchutKgeb. Xtll, 69. Schinz 1. c, 8. 169, Fritgch, 
Eingeb. Südafrikas, S. 2^. Füllebom im Ethnol. NoÜÄblatt II, Heft B, S, 16f. Maistte 
L c, S. 171. Nachtigal If, im. Jacques et Storma !. c, S. tälf. Hutter im 
Globus LXXV, S. 382, du Chaillu, Ashaigoland, 8.234, 285,330. Banmann, Ethn. 
d. Kongo, 8. 2. Wissmann, Unter deutscher Flagge, 8. 119. Im Itmem Aufrikaa, S. 242^ 
Pogge 1. c, S. 237. Holub, Kulturtäkizze, S. ml Donaldson Smith l c, 8, mi 

2} Bekgö bei Stuhl mann U c, S. 4ä3 (und Karte); Fülleborn im Ethn. Notii- 
blatt n, Heft 3, 8, 17 ff,; Schweinfurth 1, c. 8.41, 116, 159, im; Donaldgou Smith 
l c, S. 300; Johns ton, Uganda Protectorate If, 550, 556; Maistre. Ä trayers TÄftiqne 
centrale, 8.30, :15, 55, HO, 120, 218^ Fassarge, Adamaua, 8.92; ßinger I> 184, 21S^ 
268, 400; U, 37; Jacijnes et Stornis 1. c, S. 22; Baumann, Beitr. %. Etlmogr. 
d. Kongo, 8. 21. 


I 


I 


1 
I 



Kulturkreise in Afrika. 


69 


Bie beiden an deren auf der Karte noch verzeichne ten MueikinstrumeDtet 
die Harfe uad die Lyra, sind dagegen spezitisch nordafrikanisch und 
laeeen sich bereits im alten Ägypten nachweiseQ. Dementsprechend ißt 
ihre Verbreitung auch heute noch auf den Sadau und die nördlichsten 
(Jegenden des Kongogebiets beschränk t» die der Lyra als des jüngeren 
lofttrumeots sogar auf die Länder am oberen Nil bis zum Victoria 
N jansa, *) 

Von anderen Geräten erwähne ich zunächst die Kopfbank (Karte V), 
Dieses eigentümliche Kopfkissen finden wir in Ostafrika in zwei aus- 
gedehnten Bezirken. Der eine beginnt im Süden an der Südgronze der 



Karte V 


Grsftivn tfef SaiiM. 

* * * * ftöptbtnli« 

f » T -^ Grenz« der WAU«fpf«il«, 


Kaffem und erstreckt sich bis in die Mitte von Deutsch-Ostafrika, bis etwa 
2um Rufidji, umfasst dag ganze Sambeeigebiet und reicht nach Westen und 
Norden darüber hinaus bis Angola^ Lunda, Urna, Ugoha, übudschwe. Der 
zweite Bezirk umfasst Abessinien, die Länder derSomal und Galla und der 
Stamme um den Rudolfsee, Turkana usw. Am oberen Nil scheinen Kopf- 
bänke nirgend vorhanden z« sein, wohl aber in KaTirondo und Ngoroine, 
Ferner finden sie sich vereinzelt in Nubien*) und in Kordofan*), sowie 


1) Das Gebiet der Harfe habe ich auf der Kvttf grosser dugeslellt, als in meiner 
Aibeit fiber die aMkaauchea Musikiastnmieiit«; ich hibe noch dk Mandjagollader daxti- 
leesogcQ, tiad zwar attf Grund einer Angabe von Tau ta in (Eeme d'EthiiogrmplitelV (1885), 

■ 6, 142* Fig. GO.) 

■ 2) Bnppeüf B«üeii in Kubieo, Kerdofan nnd dem petrüteheii Arsliieiu 1829. S. 40. 

■ 0} PaUme, Beschreibung you Kordofan« 1S13. 8. 4X 


i 


f 


70 B. AnkennaiiTt r 

nach ©ioer Mitteilmig, die ich Hrn. Profesfior Schweinfurth verdanke, 
bei allen Bischarin big %nm 2d. Grad n. Br, Weiter nach Westen hin scheinen 
aie sich Tereinzelt ssu finden; das Berliner Mnseuin besitzt eine Kopfbank 
mit der Angabe Niam-Niam, eingesandt von W, Junker; ich habe aber in 
der Literatur nichts über Kopfbänke ans dieser Uegend finden köonen^ 
weder bei Junker selbetj noch bei Schweinfnrth oder Einin. Kürdich 
hat das Museum aber eine Kopfbank von der genau gleichen Form mit 
der Angabe 8üd-Btighirmi bekommen, so daas ea scheint, als ob dieselbe 
etwa im Quellgehiet des Schari wirklich vorhanden ist. Aus Adamaua hat 
R. Flegel nn paar Kopf batike der Bere und Mbum mitgebracht^ und 
Passarge bestätigt das Vorkommen derselben bei den Mbum ausdrücklich/) 
K. Hartniann hat eine Notiz, dass die Aschanti Kopfbauke gebrauchten*)^ 
aber ohne Quellenangabe. Sichergestellt ist dagegen die Verwendung von 
Kopfbänken durch Büttikofer in Liberia, wenn auch nur bei Vornehmen 
ak Luxusgegenstanfl.*) Nach alledem ist e& sicher^ dass die Kopfbank dem 
westafrikan lachen Knlturkreis fremd ist; auch wenn die Angabe einer 
einzelnen Kopfbank des Berliner Museums, die vom unteren Kwango 
stammen soll, richtig ist, so ändert das nichts daran; denn gerade in dieser 
Gegend ist die Existenz fremder Elemente durch W isamann, der hier 
Eundhütten sah, nachgewiesen. 

Von Korbflechtereien fehlt eine Art dem westafrikanischen Kultur- 
kreiie gänzlich, nämlich die aus spiralig übereinandergelegten Wülsten anf- 
gebauten Körbe, die sich sonst überall finden. 

Von anderen Dingen, die auf meinen Karten nicht dargestellt sind^ 
erwähne ich noch kurz folgende, die für die westafrikanische Kultur 
charakteristisch sind: eine bestimmte Art Tabakspfeifen, deren Urbild 
die Blattstielpfeife der Monbuttu ist;*) die Masken und die damit in 
Verbindung stehenden (ieheini blinde,*) sowie 4m gesamte Fetisch- 
weseu; daa üiftordal, das im Trinken des Absuds einer giftigen Rinde 
besteht und Imuptsächlich zur Entdeckung von Zauberern dient;**) die 
Anthropophagie, die zwar auch ausserhalb des westafrikanischen 
Kulturkreises bei einigen Völkern (z. B. Basuto, Wadoe) vorkommt, inner- 
halb desselben aber fast allgemein ist; die häufige Darstellung von 
Menschenfiguren;') von Haustieren sind nur vorhanden Hund, Ziege 
und Huhn, die Westafrika mit dem übrigen Afrika gemein hat, nnd das 


1) Adamauft S. im, 

2) Abyssiüien u. <L übrigen G^biett^ der Oatküste Afrikas. Leipiig 18H3, 8. 191. 
*d} Reiaebilder sna Liberia, II, %dO. 
4) VkL Kwrte Xll bei Frobenius. Abb. daselbst B. 2m 
i\) Vgl. Frobeniüs, Die Magken und Gcdeimbünde Afrikas, 1898, und AfHk Kultii]-. 

Karte TX. 

6) An der ganzen Westküste von Scnegambien bis Angola und wohl im ganzen Kongo* 
gebiet; bei den Baschilange erst mit Eii^führung d«s Hiambakalts ab^cschotft: iti Ünjort> 
und üg-anda: BÜdJicIi bis tum Sambesi und Nyassa: Miier auch bei den Suhu 

7) VgL Karte Xl bei Proben ins: das Gebiet ist hier m klein dargesteUt; mensch- 
liche Figuren finden sich auch c. B. bei ßetscLuanen, in Ostafrika bei den Makonde und 
Wasaramo, bei HeideDf^tlmmen in Adamaua und am unteren Benne (Tscbamba, DjikumX 
im Hinterland von Togo bei-Moba und Konkomba. 


I 



Kataikreite in Afrika. ;i 

Schwein; das Fehlen des Rindes in diesem Gebiet kann allerdings tum 
Teil auf die Tsetsefliege aurückgefiihrt werden; tou Kulturpflanten 
waren, wenn wir die aus Amerika eingeführten absieben, ursprünglich 
wohl ausser Bohnen und Kürbissen nur Bananen und Tielleicbt Erdnüsse 
Toriianden. 

Die sosiale Organisation der aftikanischen Völker ist leider nur 
so bruchstückweise bekannt, dass sich auch nicht ann&hemd ein klares 
Bild der geographischen Verteilung der Gresellschaftsformen gewinnen lisst; 
ich muss daher davon ToUstindig absehen. 

Die Torhergehende Darstellung dürfte sur Genüge geteigt haben, dass 
man in Afrika zwei Kulturkreise unterscheiden kann, die trotz Jahrhunderte* 
langer Berührung in jedem Zuge erkennen lassen, dass sie getrennter Ab- 
stammung sind. Ks fragt sich nun, woher die Kulturen stammen, ob sie in 
Afrika einheimisch oder ob die eine oder die andere oder beide Ton aussen 
her eingedrungen sind. Dass weite Gebiete von Afrika, besonders der Sudan 
und die ostafrikanische Küste, seit langem unter we'stasiatischem, speziell 
arabischem Einfluss stehen, ist bekannt; der Islam und alles was damit 
zusammenhängt (Beschneidung, Bestattungsweise, Koransprüche als Amulette, 
Kenntnis der Schrift), die Baumwollweberei, Färberei, Lederbearbeitung, 
das Pferd und damit eine völlige Umgestaltung des Kriegswesens, das 
lange Schwert mit Kreuzgriff gehören diesem neusemitischen Kulturkreis 
an. Diese Einwirkungen fallen bereits zum Teil in das Bereich der Ge- 
schichte, für alle früheren aber sind wir auf die Deutung der ethnographischen 
Analyse angewiesen. 

Ratzel hat in seiner Bogenarbeit mit Nachdruck auf die Tatsache der 
kulturellen Abhängigkeit Afrikas von Asien hingewiesen: „Fast ganz 
Afrika erscheint uns zuletzt als ein einziges grosses Gebiet mehr oder 
weniger abgeschwächter asiatischer Anklänge.*' ) Was hier nur in bezug 
auf den Bogen gesagt ist, kann ohne Bedenken ganz allgemein aus- 
gesprochen werden. Aber Ratzel hat in derselben Arbeit auf noch 
weitergehende Beziehungen aufmerksam gemacht indem er die Ähnlichkeit 
zwischen Bogen vom Kongo und aus Neuguinea hervorhob. Dieser An- 
regung folgend hat L. Frobenius im einzelnen die Verwandtschaft der 
westafrikanischen Kultur mit derjenigen Indonesiens und Ozeaniens nach- 
gewiesen. Die Bezeichnung „malaio-nigritisch"', die er für diese Kultur 
erfand, erweckt die Vorstellung, dass es wirklich die heutigen Malaien 
waren, die ihre Kultur nach Westafrika trugen und sie der dort vorgefundenen 
nigritischen aufpfropften. Das ist aber wohl kaum anzunehmen. Es dürfte 
vielmehr eine prämalaiische Kultur gewesen sein, von der die westafri- 
kanische abzuleiten ist. Nachdem nunmehr Dr. Gräbner die ozeanische 
Kultur analysiert hat'), lässt sich die Verwandtschaft der westafrikanischon 
Kultur genauer feststellen. 

Vergleichen wir dieselbe mit den von Gräbner aufgestellten Kultur- 
kreisen, so ergibt sich, dass sie die grössten Übereinstimmungen mit der 

1) Die afrik. Bögen S. 333. 

2) YgL den Torhergehenden Vortrag. 


72 B. AnkenDann: 

ostpapuanischen Kultur besitzt. Ohne weiteres kann man als 
ostpapuanisch bezeichnen: Geheimbünde und Masken, Anthropophagie, 
Bohr- und Holzschilde, das Elangbrett (als Urform der Marimba), Pan- 
pfeife; wahrscheinlich ostpapuanisch, obwohl auch in anderen Eulturkreisen 
vorkommend, sind: Bindenstoff!, Holztrommel, Menschenfiguren. Unter- 
suchen wir umgekehrt, welche Bestandteile der ostpapuanischen Kultur 
sich in Westafrika finden, so vermissen wir ganzlich die Kolbenkenle, 
Schleuder und das Baumhaus; Keule und Schleuder könnten durch eiserne 
Schlagwaffen und den Bogen verdrängt worden sein. Das Zweiklassen- 
system ist mir aus Afrika nicht bekannt, die kognatische Descendenz ist 
häufig, ebenso die Bestattung im Hause, doch lässt sich aus Mangel an 
genügendem Material die Verbreitung beider nicht feststellen. Von dem 
Rest scheidet einiges als in Ozeanien überhaupt nicht vertreten, völlig aus: 
alle Saiteninstrumente, Sansa, Giftordal, Metalltechnik. ZweifelhdTt ist 
die Herkunft der Giebeldachhäuser; da die typische Form des ost- 
papuanischen Hauses noch nicht bekannt ist, so bleibt noch immer die 
Möglichkeit, dass auch das Giebelhaus in diesen Kulturkreis gehört. Un- 
gewiss bleibt femer die Herkunft der Beschneidung im westafrikanisohen 
Kulturkreis. 

Dagegen kann man von einer Reihe von Dingen mit Bestimmtheit 
sagen, dass sie nicht ostpapuanisch sind. Dazu gehört vor allem Bogen 
und Pfeil, deren Verbreitung in Ozeanien die Möglichkeit, sie dem ost^ 
papuanischen Kulturkreise anzugliedern, entschieden ausschliesst. 

Der Bogen ist, wie schon erwähnt, dem westafrikanischen ähnlich, 
der Pfeil aber unterscheidet sich von dem westafirikanischen durch die 
fehlende Fiederung; die Blattfiederung, typisch für den ältesten afrikanischen 
Pfeil, kommt in Ozeanien nicht vor, dagegen in Hinterindien. Demselben 
Kulturkreis wie der Bogen, nämlich dem melanesischen, könnte noch 
entstammen das Giebeldachhaus (hier noch ohne Wände, nur aus dem 
Dach bestehend), das primitive Rauchgerät, die Rohrpfeife (der Baubau 
Neuguineas) und die Felltrommel (in Sanduhrform). Mit dem Rest ist für 
Afrika nichts anzufangen. 

Der Webstuhl und die Herstellung von Geweben aus Pflanzenfaser 
findet sich nur in Mikronesien, die Felltrommel mit Schnurspannung nur 
in einem Teile Polynesiens. Alle übrigen Bestandteile der westafrikanisohen 
Kultur müssen wir weiter westlich, in Indonesien, suchen. 

Als allgemeines Resultat der Vergleichung der westafrikanischen 
Kultur mit den Kulturen Ozeaniens ergibt sich die Erscheinimg, auf die 
ich schon im Anfang meines Vortrages hingewiesen habe: in Afrika 
Durcheinandermengung, in Ozeanien Scheidung der Kulturen. Ich will 
natürlich nicht behaupten, dass die ozeanischen Kulturen einander gar 
nicht beeinflusst und gemischt haben — ein Blick auf Dr. Gräbners 
Karten beweist das Gegenteil — aber die Inselnatur Ozeaniens begünstigt 
und ermöglicht doch wenigstens die Sonderung bis zu einem gewissen 
Grade. Wir finden also in Afrika Kulturelemente, die sich in Ozeanien 
in verschiedene Gruppen ordnen lassen, zu einem Gunzen, dem west- 
afrikanischen Kulturkreise, verschmolzen. Man kann sich das wohl kaum 


KnTtwrfcrebe in Afiik«. 


IS 


anders erUären, als dunsh die Annahine, dasg dieselben KultiirwelJeii, dift 
in Ozeanien nur über einen Teil, über einzelne Inselgruppen hiTigeg«iig«i 
sind, in Afrika stetg dajs ganze Gebiet der westAfrikani«cheu Kultur über- 
Hütet haben: nur in Ozeanien ^ind daher die Niedef&chlÄge der leiilidi 
»nfeinanderfolgenden Kultnrwellen auch noch räumlich tn trennen. Wo- 
her diese Külturwellen gekommen sind. Itsst sich im allgenieineii wohl 
sagten: ans Indonesien; näheres und endgiiltij^es wird man !il>er erst na<jh 
eingehender Zergliederung der älteren südnsiatischen Kulturen «agen 
können. 

Für Afrika setzt diese Lage der Dinge eine sehr lange währende 
Verbindung mit Südasten roraiia; ob dieselbe eine kontinuierliche oder 
eine intermittierende war, \hmt »ich nicht eutseheiden. Auf welchem Wege 
ist nun diese Kultur nach Westafrika gekommen? Da sie &ich gegen- 
wärtig gerade im Westen findete ihre Heimat aber anseh einend irgendwo 
im südlichen Asien gelegen hut, so muss ihr Weg quer durch den 
Kontinent gegangen sein* Betrachten wir nun die Verbreitung tou Merk* 
malen dieser Kultur in Ostafrika (Rindenstoff, 8an@a^ Marimba). so finden 
wir dieselben besonders in dem Gebiet xu beiden Heilen des unleren 
Hambesi, Hier erreicht westafrikauiache Kultur wenigstent; in Fragmenten 
die Ostküste, und hier ktSnnen wir also mit einiger Wahrscheinlichkeit 
dai Tor suchen, durch das diese Kultur in Afrika emsog. Diese Vei^ 
mutnng wird zunächst dureli die Tatsache unterstützt, das» gerade gegen- 
über diesem Küsienstrieh die grosse Insel Madagnskar liegt, auf der indo- 
nesischer EinHuB^ viel intensiver gewirkt und völlig herrschend geworden 
ißt, und die wohl die Hauptstation in dem Verkehr zwischen dem Archipel 
und Afrika gebildet hat. 

Eine weitere Erwägung kommt uns ebenfalls s^u Hülfe. Die west- 
afrikanische wie die indonesische Kultur sind tropische Kulturen, an- 
gewiesen auf ein Land üppigen Pflanzen wuchses, besonders in ihrer Ver- 
wendung Tegetabilischen Materials (Banibue, Raphia) und ihrer fast aus- 
schliesslichen Pflanasennahrung. Daher mussten die nördlichen Küi^tcnlilnder, 
Ton Deutsch'Ostafrika an. mit ihrem Torwiegenden Steppenchanikter ihrem 
Eindringen einen unüberwindlichen Widerstand entgegensetisen. tind der 
einxige Weg ins Innere bleibt das Tal des Sambesi. Von hier aus hat 
die einwandernde Kultur das ganze Kongogebiet und das Küstenlajid bis 
Öenegambien überflutet. Später ist ihr dann die Verbindung mit ihrem 
MutterUmle durch irgend eine uns unbekEinute Umwälzung abgesehnitlei 
worden» sie ist nach Westafrika zurückgedrängt worden und ilort in der 
Isolierung verkümmert. Anslelle des süduäiatischen Einflusses trat in Ost- 
afrika ein westasiatisclier. Vielleicht waren also die Westasialan^ Hemiten^ 
die Urheber der angedeuteten UuiwÄlzung, Jedenfalls blieb die Verbindung 
Indonesiens mit Madagaskar noch viel länger bestehen; die Hova sollen 
erst im IL Jahrh. nach Graudidiei gar erst im 16. eingewundert sein. 

Über die Art und Weise der Einwanderung der westafrikanisehen 
Kultur kdmien wir etwas bestimmtes nicht uussugen; Ton den beiden 
Möglichkeiten: Einwanderung der Träger der Kultur oder Cbertragung der 
Kultur allein, scheint mir die letztere auageschloflsen tu sein« denn e« 



3 


B. Ankonaann^ 


werden auf diese Weise woM einzelne Kultiirelemeatts aber kaum je eine 
Kultur als GanÄeö übortragen. Das ächeiot aber doch hier der Fall zu 
«ein; ist doch die jedenfalls vorhanden gewesene ältere Kultur, die 
freilich sehr arm gewesen »ein mag» m vollständig überdeckt^ dass ihre 
Spuren kaum zu entdecktjn &ind. Viel wahrscheiulicher scheint mir die 
Annahme lange dauernder successiver Einwander ungen* Dass auch in 
Süd- und Zentralafrika die Bevölkerung aus dunkleren negroiden und 
helleren, ihrer Pliyaiognomie nach bald als mont^oloid, bald als semiten- 
ähnlich bezeichneten Elementen gemischt ist, wird von allen Eeiseuden 
bezeugt Es liegt nuh der Gedanke nahe, die Bantu, deren im allgemeineti 
edlere Gesielitabihiung und weniger dunkle Hautfarbe gegenüber den 
Budannegern, den „eigentlichen Negern"^, häutig her?orgehoben wird, für 
das Produkt dieser Rasseu kreuz ung und ako für die Träger der west- 
afrikanischen Kultur zu halten. Dem widerspricht zweierlei: einmal um- 
fasst der westafrikauische Kulturkreis nicht alle Bantu, sondern nur die 
kleinere Hälfte, andererseits geht er im Nordwesten weit über das Bereich 
der Bantu hinaus (vgL Karte 1). Dazu kommt, dass gerade die aUer-- 
tilmlichsteD^ am wenigsten veränderten Bantuspi^chen sich im Osten finden^ 
im Gebiet der grossen Seen.^) Andererseits hat Lepsius^) in den Sprachen 
Oberguineas bis nach Senegambien in der Richtung nach Westen schwächer 
werdende Ähnlichkeiten mit den Bantusprachen nachzuweisen versucht^ 
also gerade in dem von Xicht-Bantu bewohnten Teile der westafrikauischeii 
Kulturprovinz, Man braucht die Ansicht von Lepsius, daes die Sudan- 
und Dantusprachen urverwandt und die letzteren die eigentlichen ur- 
afrikanischen Sprachen seien, nicht zu teilen; eiuo Invasion von Bantti 
würde die Tatsache, falls sie sich bewahrheitet, zur Genüge erklären. Um 
aber die Bantu mit einiger Wahrscheinlichkeit in Konnex mit der west- 
afrikanischen Kultui* zu bringen, dazu reichen diese Dinge nicht aus. 
Diese Andeutungen sollen nur den Linguisten^ bei denen die Entscheidung 
zunächst liegtj eine Anregung geben, der Frage näher z\x treten. Ver- 
gleiche der Bantusprachen mit dem Malaiischen haben zu keinem Er- 
gebnis geführt; vielleicht würde ein Vergleich mit melanesischen oder 
Papuasprachen ein besseres Resultat ergeben. 

Bevor wir den westafrikani sehen Kulturkreis verlassen, mnss ich noch 
auf zwei Punkte kmt eingehen. 

Ich habe oben unter den Merkmalen des genannten Kulturkreises 


Bogen 


und Pfeil aufgeführt. Daraus würde folgen, dass diese Waffe 
vorher in Afrika unbekannt gewesen ist. Das ist deswegen sehr auffällig, 
weil heute der Bogen gerade die Waffe der untersten Kulturschicbt, der 
Buschniänner und Pygmäen,ist, die man doch allgemein als die Urbe wohner 
Afrikas betrachtet Diese Jägervölker siind so mit Bogen und Pfeil ver- 
wachsen und haben zum Teil, wie z. B. die Buschmänner, diese Waffe in 
ganz eigenartiger Weise ausgebildet, dass mau sich kaum von der Vor- 



11 Jobntton h^t da^ Kiemba, südwestlich dei Tanganjika^ fOj die aUertümlichate 
Bantusprache, British Central-Africap WJl. S, 48L 

2] In der Einleiluxig zu seiner nubischeii ÖramiDatik. 


I 


Ealtoitrefse in AfHkft. 


75 


stallung frei machen kann, sie hättea sie tod jeher besessen und selbfit 
erfunden. 

Wenn man aber bedenkt daes m Ozeanien der Bogen dem went- 
und ofitpapnani^cben Kulturkreise fehlt und erst im melanesischen auftritt, 
go wird man kaum annehmen können, dasa derselbe in Afrika bereits von 
den ersten indones^^iächen Einwanderern als Erfindung; Her antochthonen 
Pygmäen vorgefunden wurde. leb i^Iaube vielmehn dass damals der Bogen 
die dberlegene Waffe iler Eindringlinge war, von denen ihn die ein* 
geborenen Jägerstämme tibernahmeD; bei jenen allmählich durch deö 
Speer mehr und mehr Terdrängt, blieb er in den Händen der Pygmäen^ 
ähnlich wie die freien Somäl den Speer führen, die Pariaatilmme »ben 
die Midgan usw.. den Bogen. 

Der zweite Punkt betrifft die Präge nach der Herkunft der 
afrikanischen Eisentecbnik, Afrika iat der einzige von Naturvolkern 
bewolinte Erdteil, in dem man die Eingeborenen durchweg mit der Ge- 
winnung und Verarbeitung de« Eisens vertraut fand* Man weiss heute, 
dase auch in Afrika der „Eiseazeit** eine „Steinzeit* vorausgegangen i»t^ 
aber die Exi&tenäf einer solchen ist ebenao radikal aus der Erinnerung 
der Eingeborenen verschwunden wie ans der unserigen. Mehr ak dies*e 
Talsaehe. die bei der kurzlebigen Tradition der Neger nicht viel 
besagen will, bedeutet dm Zeugnis altägypti scher Wandgemälde, die unter 
den traben tributbringender Neger auch Eisenbarren darstellen. Es ist 
daher schon häufig die Meinung geäussert worden, dass die Eisen- 
ge winnuug von den Negern erfunden worden sei. noch neuerdings von 
Prof V. Luschan in einem Vortrage auf dem Kolonialkongress in Berlin.^) 
Es läÄst sieh keine direkte Widerlegung dieser Ansieht geben, ebenso wie 
ein direkter Beweis für dieselbe nicht möglich ist, ich möchte aber auf 
eine Tatsache aufmerksam machen, die vielleicht geeignet ist^ die Frage 
in anderem Liebte erscheinen zu lassen. Von allen Geräten des Kisen* 
Schmelzers undSchmiedes ist nurderBlasebalgwegeu seiner charakteristischen 
Form für unsere Untersuchung brauchbar. Derselbe erseheint nun in Afrika 
in zwei Formen« wälirend man doch meinen sollte, dassi wenn die Neger die 
Entdecker der Eisentechnik waren, $ie sich mit der Erfindung eines 
Blasebalgs begnügt hätten. Einer muss also mindestens fremden Ur- 
aprnngs sein> 

Der eine Blasebalg besteht aus zwei Tongefassen oder Holzschalen, 
von denen zwei Röhren ausgehen und die oben mit einem Fell oder einem 
Bauanenblatt lose überspannt sind* Dieüe Membran wird entweder direkt 
mit der Hand oder mittels eines in ihrer Mitte angebrachten Stabes auf 
und ab bewegt. Ich möchte diesen Blasebalg der Körze wegen als Uefäs*- 
b Lasebalg bezeichnen. 

Der andere Blasebalg besteht aus zwei Fellstehläuehen von dreieckiger 
Ciestalt. die an der Spitze in ©ine Röhre auslaufen, während die Basis de* 
Dreiecks einen von zwei Holzleisten eingerahmten Schlilz zeigte der mit 
den Händen geöffnet und geschlossen wird. Diesen Blasebalg nenne ich 


I) TfrkAndlniigea des Üeotscbea Kotaaiftlloxig:T€si#s lUCS la Berit», ä. 10& 


i 


^ ^JfA 

7tf ^^^^H B, ADlrermann: 

ScMauchblasebalg. Die Doppelutig bezweckt bei beitleo Blasobalgen die 
Ermögliehung eines kontinuierlichen Luftstroms. 

Betrachten wir nun die Verbreitung der beiden Formen, so zeigt Bich, 
dass der westafrikanische Kulturkreia im engeren Sinne — wenigstens so- 
weit mein Material reicht — nur den üefässblasebalg kennt. Im übrigen 
Afrika dagegen finden wir beide Formen.*) Das läset eich wohl nur durch 
die Annahme erklären, das» der Gefässblasebalg auf demselben Wege wie 
die weatafrikaniBche Kultur und mit der gelben nach Afrika gekommen ist. 
Es ist aber ganz auegeschlossen, daas schon die ersten Ankömmlinge aus 
Indonesien das Eisen mitgebracht hätten; vielmehr kann das nur durch 
ainen weit späteren I^achschub geschehen sein, nachdem sich bereits die 
west- und ostpapuanische und die melanesiache Kultur, die sämtlich kein 
Metall kennen, abgezweigt hatten. Die ersten Einwanderer haben also 
noch kein Eisen gehabt Sie hätten aber in Afrika nicht festen Fuae 
fassen und %q weite Gebiete überschwemmen können, wenn ihnen die Ur- 
einwohner bereite im Besitz eiserner Waffen entgegengetreten wären. 
Ich glaube, diese Erwägungen sprechen dafür, dass beide Blasebälge und 
mit ihnen die ganze EisentechnLk Ton zwei verschiedenen Seiten nach 
Afrika importiert worden sind, Es ist das kein Beweis, sondern nur eine 
Hypothese, über deren Wahrscheinlichkeit die Meinungen geteilt sein 
werden; vielleicht ist aber auf dem hier eingeschlagenen Wege der Lösung 
des Probleme näherzukommen. 

Im Anschluss hieran könnte man die Frage auf werfen, welchem 
Kulturkreise die in einigen Gegenden gefundenen geschliffenen Stein- 
werkzeuge zuzurechnen sind, aber das dürftige Material gestattet keinen 
Hchluss. Geschliffene Steinwerkzeuge scheinen nur auf einem Streifen 
Landes vorzukommen, der sich von der Goldküste bis zu den Quellen des 
üelle erstreckt;') dass im Kongogebiet bisher solche nirgends gefunden 
sind, sondern nur geschlagene Werkzeuge, spricht dafür, dass sie der west- 
afrikanischen Kultur überhaupt gefehlt haben; aber bei unseren geringen 
Kenntnissen erscheint jede Vermutung verfrüht 

Ich wende mich nun zu dem zweiten grossen Kulturkreise. 
Er kann als eine Einheit anfgefasst werden, solange man ihn dem west- 
afrikanischen Knlturkreis gegenüberstellt Sobald man ihn aber für 
sich betrachtet, zeigen sich beträchtliche Verschiedenheiten in den ein- 
zelnen Regionen dieses ungeheueren Gebiets, die zur Aufstellung von 
Unterprovinzen auffordern. Die grosse Ausdehnung und die mannigfaltigen, 
nach Dauer, Art und Intensität yerschieden artig abgestuften Einflösse, die 
auf die weitgestreckte Peripherie einwirken konnten, erklären die 


1) Die Karte bei Frobenius (Geographische Kulturkaoile. Leiprig 1904. 8,865) 
isibt die VerbreitüDg' nicht richtig wieder. Der Schlaachblasebalg (Frobeniue^jangerer 
Blasebalg") ht viel weiter verbreitat, als daselbst angegehoD. £r findet sich in ganz Ost- 
afrika neben der anderen Fotm^ ebenso im Sudan^ ja bis fast an die Westküste; das 
Berliner Bduenm besitzt z. ß. ein Exemplar aus Ätakpame im mittleren Togo. 

2) Da£ Berliner Museum besitzt äteiawerkzenge von der Gold* nnd Sklavenküäte, 
besonders ans dem nördlichen Togo« am dem zentralen Sudan (Mandira) und vom 
oberen üelle* 



i 


Kttltafkretse tu kftiH. 


77 


Difterenzen %m Oeoöge, Trotzdem ist di© Schwitrigkeit die ProrioRen 
gegeneinander abzugrenzen und zu charakterisieren, keine geringe, lianpt- 
säüblieh weil unser Wissen allzu oft Tersagt Nur zur Orientierung 9*»i 
daher die naehfolgende kurze Übersieht gegeben. 

Als eine besondere Provinz kann niun Südafrika bis zum Sambesi 
und Kunene betrachten, das einen einheitliehen ethnographischen Charakter 
allerdings wohl erst in Terlmltnismässig ueucr Zeit dnreh die Expansion 
der kriegerischen Eaffern erhalten hat. Dann folgt im Norden vom Sam- 
besi bis zum Tana die ostafrikanisehe Provinz, ein Übergangsgebiet, 
in dem Bestandteile aller Kulturen bunt gemiaclit sind; zu unterst vielleicht 
Kdste der allerältesten Kulturschicht, dann manche westafrikanischeii 
Kulturelemente, von Norden her hami tischer Einfluss durch Wahuma. 
Wakuafi, M^sai, von Süden südafrikanischer durch erobernde Kaffern- 
borden, an der Küste intaBsive arabische Einwirkung. Die dritte Provinz 
wäre das Osthorii samt ÄbessiDien, die wohl von allen Provinzen am 
wenigsten afrikanische, am meisten haniitische und semitische Elemente 
enthält. Daran schliesst sich als vierte Provinz das Obernilgebiet, das 
sich im Oegensatz zu der iVstlichen Nachbarprovinz eine sehr merkwürdige 
Abgeschlossenheit bewahrt und z. B. von westafrikanischer Kultur, ab- 
gesehen von der Eisentechnik, die, nach der Form des Blasebalgs zu 
urteilen, von Süden hierher gekommen ist, kaum etwas aufgenommen hat 

Der übrigbleibende .Teil des Sudans hat das Eigentümliche, dass 
]iwei getrennte Knltnrschiehten hier neben- und übereinander liegen: eine 
jüngere, durch die mohammedanischen Mandingo, Haussa, Kanuri usw, 
repräsentierte, deren Kultur ganz unter dem Bann der modernen berberisch- 
arabischen Kultur Nordafrikas steht, und eine ältere^ der die teils zerstreut 
unter den Mohammedanern, teils in breitem Gtlrtel südlich von ihnen 
wohnenden Heidenvölker angehören. Berücksichtigt man nur die letztere 
Schicht, so kann man das ganze Gebiet in zwei Provinzen teilen, deren 
Grenze etwa mit der zwischen Bornu und den Haussalftndern zusammen- 
fällt. Die O^tprovinz hat das Wurfhok, das Wurfeisen und die Harfe, die 
Westprovinz dafür den Bogen und das Dolch messer mit ringfönnigem 
Griif, durch den die Hand gesteckt wird. 

Immerhin sind die letztgenannten Provinzen nur sekundiirer Natur, 
da die Verschiedenheiten durch die Übereinstimmungen weit überwogen 
werden. Der ganze Sudan vom oberen Nil bis zu den Quellen des 
Niger scheint einmal eine einheitliche Kultur besessen zu haben. Ich will 
nur wenige der hauptsächlichsten gemeinsamen Züge anführen. 

Als Wohnung dient überall die runde Kegeldachhütte.^) üi der 
Kleidung Fell und Leder (vgl oben 9. 68), sehr reiche Verwendung von 
Eisensehmuck. Die Kleidung ist aber fast stets dürftig; Völker, die gan^ 


l) Von den Lehrogebtadea, die in fiemlrch weiter Verbreituoif Tom oberen Niger 
bia lam Scbari vorkommen, sehe ich hier ab, da. ich nie nicht mit H, Frobenint Cl'i^ 
Erdgebände ini Sadan. Hamburg 189T) als latoehtbon, sonders, wenigsteni soweit m 
einen viereckigen Grundriss haben, ak -^ TieUeicht liemlich alten — nordafrikiiiiichen 
Import betrachte. Andere Fonneo, wie die Kuppelg^b&ndc der Mtiagn, mtichte ich, wie 
oben erwihnt, ali Nsthbitdungen der Bienenkorbbötte in Lehm aofraasen« 


j 


TB 


B. Ankermannr 


oder fast völlig nackt gebeo, finden wir in dii^sem Gebiet überall: am 
oberen Nil (Schilluk, Djur, Dinka, Bari usw;}, am Benue (Tengelin), in 
Nord -Togo (Kabiire). GetlochteDe lielmförmige Kappen mit Hörnerschmuck 
finden sich ebenso im nördlichen Togo (Kabure, Tamberma), wie im 
zentralen Sudan bei den Musgu, wie bei den Obernilatämmea (Sehuli). 
Den Unterarm bedeckt^nde Manschetten aus zusammengeschmiedeten Eisea- 
ringen haben Dinkn, Djur und Bongo, wie die Falii am oberen Benue 
und die Kabure im nördlichsten Togo. Die hölzernen Grabfiguren der 
Bongo, die Öchweinfurtb abbildet,^) haben eine anffälHge Ähnlichkeit 
mit einigen roh geechnitzten Figuren der Tachamba im Al&ntikagebirge 
und der Moba und Konkomba in Nord-Togo, die das Berliner Museum 
begitSEt, Die Speerspitzen hüllt man in Futterale au§ Leder im westlichon 
Sudan (Gui*ma, Mangu) sowohl wie im mittleren und in Ädamaua, wie 
auch am oberen Nil (Uuyoro, Magungo). Eiserne Schlagringe mit Stacheln 
sind von Obernilvölkern und von den Durru in Ädamaua bekaunt Die 
übrigen Waffen, wie Keuln, Wurfeisen, Ringgrifi^tnesser, sind bereits an- 
geführt (vgl. 8. 50 f.), ebenso die typische Form des Bogena. Uinzuzufiigeii 
wäre noch eine eigeotümliche Beilform mit einer Klinge in Form eines 
Halbmondes, der mit beiden Hörnern iu den Stiel eingelassen ist. Sie 
findet sich im Wostsudan (Kaimre, Tamberma, Gurma, Mosai) und am 
ßenne (Tschamba), Wie dieses Beil, mui für die Westprovinz charakteriatisch 
einige Vorrichtungen zum Spannen der Bogeru^ehne, Spaunmesser und 
Spannringe aus Holz, Leder und Eisen^ letztere teils auf der Hand, teil» 
auf dem Üaunieu getragen* Ebenfalls der Westprovinz des Sudan eigen- 
tümlich ist auiichcinend der Erzguss* Nicht nur an der Goldkuste, wo er 
Äur Herstellung von Werken der Kleinkunst, besonders der Gewichte zum 
Abwägen des Goldstaubes und von Schmuckgegenständen dient, und in 
Benin, wo er zur höchsten Vollendung gediehen ist, sondern auch im 
Innern vom oberen Niger bis Ädamaua blüht er überall Uegosseue 
Armringe und anderer Schmuck, Schellen und Glocken, Pfeifenköpfe, auch 
Gefässe sind in ahnlicher Form und sogar vielfach mit gleicher 
Ornamentieruug (hauptsächlich Spiralen) im ganzen Gebiet verbreitet. 
Dazu kommt das Fehlen der Beschneidung, die Häufigkeit der Lippen-, 
Nasen- und Ohrdurchbohrung und das Vorkommen der Penisfutterale, 
Die letztgenannten Merkmale greifen allerdings auch nach Ost- und Süd- 
afrika hinüber. Zu erwähnen ist endlieh das sporadische Vorkommen der 
Kopfbank. 

Was die Kutstehuug und Herkunft dieser altsudanischeo 
Kultur anlangt, so ist hier ein urteil bedeutend schwieriger als bei dem 
westafrikanischen Kulturkreis, schon deswegen, weil die Heidenvölker, auf 
die es hier besonders ankommt, ausserordentlich wenig bekannt sind. 
Zweifellos wird sich aus der Kultur der herrschenden Völker, der Mande, 
Sonrhay, Haussa, Kanuri, bei genauerer Untersuchung manches entnehmen 
lassen, was Eückschlusse auf die ursprünglichen Zustände der Bewohner 
des Sudan gestattet, sobahl es einmal gelungen ist, die alles überdeckende 


I 


V 


1} Ärte=i Aüicanae Tat Vlll, 


Knltm-kretse in Afrika. 79 

niohanimedaiüsehe Oberacliicht abiulösen. Das ist heute noch nicht 
möglich- Prüfen wir den Kulturbestand, wie ich ihn oben aüfgefilhrt 
habe, auf seine vermutliche Herkunft, so scheint ^ieh zu ergeben, dass 
dieselbe keine einheitliche ist. Es zeigen sich Elemente, die nach Nord- 
afrika (Ägypten), und solche, die nach Indien deuten. 

Die letzteren scheinen die jüngeren zu sein, da sie sich meist auf 
Erzeugniese der Metalltechnik beziehen, Sieht man sich z. B. die 
Sammlungen an> die das Berliner Museum von den zu den Dravida ge- 
hörenden Kondh besitzt, so findet man: schwere Messingringe von eigen- 
tümlicher Form, die aus zwei in einander greifenden Teilen bestehen. 
^- ganz ähnlich im westlichen Sudan, besonders in Gurma; dreikantige 
Fus^ringe aus Messing — ebenfalls im ganzen Westsudan vorhanden; 
andere Mewsingfussringe für Frauen von charakteristischer Krümmung — 
in (jurma, Grussi usw.; eiserne vierkantige Halsringe, an beiden Enden 
zu Haken gebogen, die ineinander gehakt werden — ebenso von Kordtogo 
bis Adamaua; StreitJlxte, an Gestalt den sudanesischen ähnlich; Dolch- 
mosser mit ringförmigem Griff; die Schalmei (algaita); Ohrpflöcke von 
Pilzform usw*') Wenn ich auf indische Analogien hingewiesen habe, so 
denke ich natürlich nicht an direkte Beziehungen zwischen Indien und 
dem Sudan. Dass diese Kultur aus Indien unmittelbar nach Gorma and 
Adamaua gewandert sein sollte» erscheint ausgeschlossen; ob man eine in- 
direkte Übertragung oder einen gemeinsamen dritten Ursprungsort annimmt, 
das ist eine vorläufig unbeant wortbare Frage. Es kam hier nur darauf 
an, die Yerwandtschaft festzustellen. Ebensowenig* lässt sieh das Alter 
dieser Beziehungen feststellen, doch dürften sie, wie schon erwähnt, relativ 
nicht allzu weit zurückliegen. 

Wir kommen zu den nordafrikauischen bezw. westasiatischen 
Elementen, Hierzu rechne ich vor allem die Saiteninstrumente, besonder» 
Harfe und Lyra,*) ferner das Wurf eisen. Schon die geographische Ver- 
breitung des letzteren, die sich fast genau mit der der Harfe deckt, 
spricht für die nordafrikanische Herkunft, auch wenn wir nicht durch 
Schur tz' Untersuchungen wüssten, das» sich das Wurfeisen aus dem in 
der östlichen Sahara und dem östlichen Sudan heimischen bumerangähnlich 
gekrümmten Wurfholz entwickelt hat.*) Hierher dürften auch die freilich 
nur vereinzelt vorkommenden Kopfbänke (vgl S. 70) zu rechnen sein. 
Wir wissen, dass dieses Gerät bei den alten Ägyptern in Gebrauch war, 
und wir gehen wohl kaum fehl, wenn wir annehmen, dasa es dem Kultur- 
kreise, dem die ägyptische Kultur angehörte oder auf den sie einen be- 
stimmenden Einäuss übte, gemeinsam war. Allerdings ist es uns un- 
bekannt, wie weit sieh dieser Kultur kreis erstreckte, ob %. B. auch das 
alte Arabien, wie ich glauben möchte, dazugehörte. Jedenfalls haben wir 

1) Dt« Kultur der Koadh enthalt, wie beiluu£g bemerkt ieiß m^ge, aueb älter« 
Elemente: ßambtiibogen mit KotAngsehne, Saitcniöstruineiitö aas Rohr, das in Oätafnl» 
unter dem Namen Sese bekannte Saiteninstrument, TrommekpanBang darcb Keile. 

% NHberes darüber in meiner Arbeit über die afrikaniaehen Musikinstrumente 

3) Schürt z. Das Wurfmeaser der Neger, Leiden V^. 




80 B. Ankermann: 

in der Eopfbank althamitisches Kulturgut, womit sich auch ihr Yorkommeu 
in Nubien, Abessinien, bei den Galla und Somäl erklärt. Unerklärlich 
bleibt dagegen noch die Existenz von Eopfbänken in dem weit abgelegenen 
Liberia; unsere Unkenntnis der dortigen Formen verbietet jede Ver- 
mutung. 

. Aus der Verbreitung dieser Gegenstände können wir auch die Wege 
erschliessen, die die Kultur gewandelt ist. Dieselben sind im allgemeinen 
von der Natur vorgezeichnet; das Nilgebiet erhält seine Kultur, soweit sie 
westasiatischer Provenienz ist, nilaufwärts und von Osten über das rote 
Meer; der ganze westliche Sudan teils von Norden durch die Sahara, teils 
von Osten von Nubien über Kordofan und Dar For. 

Die Länder am oberen Nil haben verhältnismässig wenig an den 
Gaben nördlicher Kultur partizipiert; die ungeheuren ungastlichen Sümpfe, 
die den Lauf des Nils und seiner Zuflüsse begleiten, haben ihre Bewohner 
wirksam vor den Einfällen fremder Völker geschützt und es ihnen er- 
möglicht, ihren alten Sitten und Gewohnheiten treu zu bleiben. Die süd- 
liche Bichtung des den Nil aufwärts fliessenden Kulturstromes hat an 
diesem natürlichen Hemmnis eine Ablenkung nach Westen erfahren. So 
sehen wir denn die Harfe, das Wurfmesser und die Kopfbank ihren Weg 
mit Umgehung des Bahr el Ghasal-Gebiets nach Westen und Süden 
nehmen. Die Bewohner von Sennär wie die Tibbu haben das Wurfmesser; 
ausser der ost-westlichen Kulturstrasse haben wir hier eine nord-südliche 
von Tibesti nach dem Tsadsee und Schari, auf denen diese Waffe ins 
Innere von Afrika vorgedrungen ist. Vom Schari aus hat sie sich dann 
nach dem Uelle und südwestlich über den Sanga bis zum Ogowe ausge- 
breitet. Und mit ihr die Harfe. 

Die Nigerländer dürften ihre Kultur auf anderen Wegen erhalten 
haben, nämlich auf Wegen, die von der Mittelmeerküste ausgehend, am 
Scheitelpunkt des Nigerbogens zusammenliefen. Das entspricht der kul- 
turellen Zweiteilung durch die oben erwähnte Grenze zwischen Borna 
und den Haussastaaten, und damit stimmt auch ungefähr das, was wir 
von der ältesten Geschichte des Sudan wissen. Die ersten Staaten scheinen 
sich nämlich am Nigerbogen und am Tsadsee gebildet zu haben, also an 
den Endpunkten der oben erwähnten Handels- und Kulturstrassen. Dort 
als ältestes das Beich von Ghana oder Ghanata, das schon um 300 n. Chr. 
entstanden sein soll und bei Beginn der islamitischen Zeitrechnung bereits 
eine Königsliste von 22 Namen aufweisen konnte; später Melle und das 
etwa gleichaltrige Reich der Sonrhay (angeblich im Anfang des 7. Jahr- 
hunderts). Am Tsadsee ist die Staatenbildung jünger; Bornu tritt erst am 
Ende des 9. Jahrhunderts in das Licht der Geschichte. Die Entstehung 
der Haussastaaten fällt frühestens in das 9. oder 10. Jahrhundert, vielleicht 
erst in das 12. Sie standen dann aber noch lange in Abhängigkeit teils 
von Sonrhay, teils von Bornu. Ebenso haben sie die Keime ihrer Kultur 
von Osten und Westen erhalten. Alle anderen Staaten sind viel jünger: 
Bagirmi ist erst im 16. Jahrhundert durch Einwanderer aus Osten be- 
gründet, Wadai noch etwas später, während Dar For wieder etwas älter 


EnllmiTcsse Dl AfiT^M^ 


sem Bübemt.') Audi die Etnführaii^ dm klam in den eittialveii 
[Btaat^Q erfolge ongeßhr m derselben Reihenfolge. 

Wie sehr diese Länder iu ihrer Kultur toq den ilteren Staaten lib* 
Ui^g wareiL, zeigt das Beispiel tod Baginni; die Gewerbe d^ Baum- 
Wollweberei, Färberei und Sattlerei kamen hierher ron Bomi], oad noob 
EU Kachtigals Zeit worden sie baupUieiüicb toq Kanim und Makari aita^ 
geübt Kdiug Ali Ton Wadai führte semeraeitg wieder Handwerker anA 
Bagirmi fort^ um diese InduatmiB in seinem Lande faeimisich eu machen.^ 
Wie man siehtr stimmen die btstorischeii Voi^^^e #ebr gnt zu den ethno- 
graphischen Tatsachen; offenbar sind die Knltnrwege in der Nordhalfte 
Afrikae seit undenklichen Zeiten dieselben gebUeben, 

Die Bädafrikanische Provini nnterücheidet sich vom Sudan diireh 
Tiel grössere ÄrmnC, ein Zeichen, dass ihre Beziehungen nach aussen weit 
schwicher geweaan tiod. Bb fehlen Ton Waffen Wurfeiaen und Sehlender, 
die Vdrrichtnngen mm Spannen der Bogensehne, die sudatie^^ischen Balten- 
instrimiente und der Erzgnss, Trotzdem finden sieh auch hier Anzeichen 
hamitischen oder altsemitischen Einflusses, Tor allem die Kopfbinke nnd 
der Schlauchblasebalg. Der Weg der Kultur ist hier, wie die Darstellung 
der Yerbreitant: der Kopfbänke auf Karte V lehrte den Sambesi aufwärts 
gegangen, ebenso wie früher der Weg der westafrikanisefaen Kultur, Auf 
demselben Wege ist die Wasserpfeife bis Loango TOTgedrungen, eine be- 
atimmte Beilform mit rückwärts gebogenem Stielende^ in dem <lie Klinge 
•teckt,*) biB Angola* Am unteren Sambesi wie in Angola findet sich eine 
Bpeerform, die am hinteren Ende eine Eisenspirale zur Beschwerung und 
ein eingelassenes meisselfonniges Ei^en trägt, ebenso an beiden Seiten 
'des Kontinents Speere, zum Teil ganz aus Eisen^ mit einem üaarbaseh 
in derMitte, dieselbe Art der Kerbschöitt*Ornamentierang von Beilschäften, 
, Keulen, Holtschalen usw. 

Die Quelle dieses Kulturstroms haben wir meines Erachtens mit 

[grosser Wahrscheinlichkeit in dem alten Goldlande zwischen Sambesi nn»l 

[Limpopo zu suchen. Ich kann hier nicht die Frage erörtern, wer die 

I Erbauer der dortigen alten Burgen waren, und welcher Zeit dieselben 

entstammen. Aber nach Abzug all der Phantasien^ die über dies Thema 

[beraita zutage gefordert sind, seheint mir als tatsächlicher Kern doch die 

f Gewisahett bestehen zu bleiben, dass die Erbauer Fremde, nicht Afrikaner, 

iund die Wahrscheinlichkeit, dass sie Sfidaraber waren, also Leote, die 

mit westasiatiscber und altägyptischer Kultur enge Fühlung hatten. Daaa 

wir hier nicht alle diejenigen Kulturelemente finden, die wir im Sudan 

antreffen^ erklärt sich, abgesehen von dem Tielleicht sehr verschiedeneu 

I Alter, aus der verschiedenen Art der Cbertragung Während im Sudan 

offenbar ein sehr langer Handelsverkehr, verbunden mit Einwanderungen, 

bestand, haben wir un*i hier einen Betrieb der Goldminen mit Sklaven 

Torzustellen^ die vielleicht zum grossen Teil aus anderen Landern einge- 


t) Ygt 8ehiirt£ in Uelmolts Weltgcsdiicht^. Bd* UL 

2) Njichtigal U miX 

3) Abb. b«i Probe niu^, Aink. Kaltiir, S. 114 iFig. W}, 

ZeltMlirin fOr Etbuologle« Jahrg. WQ&. Uett L 



führt waren t die sooBtigea Bezieh ungeo zu den Eingeborenen, «lie jeden- 
falls damals nocli auf sehr tiefer Kulturshife standeD, waren wohl Tor- 
nehmlich feindlicher Natur, 

Ausser den bisher besprochenen Kulturelementen bleiben nun noch 
einige, die vielleicht auch au&serafrikanisehen Ursprungs sind. Da ist 
zunächst die Kegeldachhütte, ferner das Beil mit eingelassener Klinge, der 
Panzer und die Peniskapsel loh fasse diese hier zusammen, weil sie 
auch in einem der ozeanischen Kultnrkreise vereint vorkommen, nämlich 
im westpapuauischeTi* (Vgk deo Vortrag Dr. Grabtiers S, 37). Man 
kann also wohl die Vermutung hegen, dass auch dieser Kulturkreis einen 
Ausläufer bis Afrika geschickt habe. Das Beil mit eingelassener Klinge 
ist übrigens gemeinafrikanisch'), während die drei anderen Gegenstände 
der westafrikaniechen Kultur fremd sind. Das würde aber kein Hindernis 
für meine Hypothese sein. Indes kann man aus so wenig zahlreiebeu 
Gemeinsamkeiten keinen begründeten Schluss auf gemeinsame Abstam- 
mung ziehen, zumal sie sich zum Teil auch anders ableiten lassen. Die 
Kegeldachhütte kann man aus der Bienenkorbhütte hervorgehen lassen. 
der Panzer, der nur im Sudan und westlich der grossen Seen vorkommt, 
könnte vorderasiatischen Ursprungs sein, und was das Penisfutteral betriftt, 
so hat Prof. v, Luscban nachzuweisen versucht, dass auch im ältesten 
Ägypten solche in Gebrauch gewesen sind.*) Ich möchte das Gesagte also 
nur als einen hypothetischen Hinweis und als Anregung zu weiteren Er- 
wägungen aufgefasst wissen. Zu bedenken ist auch, dass andere wichtige 
Merkmale der westpapuani sehen Kultur, wie das Wm-fbrett, dat? Verwesen- 
lassen der Toten, iu dem entsprechenden afrikanischen Kulturkreise nicht 
nachzuweisen sind,*) 

Damit hätten wir diejenigen Kulturbestandteile, deren ausserafrika- 
nische Herkunft sieh nachweisen oder wahrscheinlich machen lässt, be- 
handelt. Ziehen wir diese alle zusammen nun von der Gesamtkultur der 
heutigen Afrikaner ab, so bleibt immer noch ein Kest, der aus Dingen 
besteht, die sich infolge ihrer Verbreitung keiner der besprochenen Kul- 
turen angliedern lassen, Sie sind zum Teil gemeinafrikanisch, zum Teil 
auf kleine Gebiete beschränkt, vielfach auf abgelegene, von den Kultur- 
und Völkerbewegungen unberührt gebliebene WinkeL 

Als solche Dinge nenne ich : Bienenkorbhütten, Wurfkeule» Parier- 
sEücke, schmale hölzerne Porierschilde, Stockachilde, Klangbölzer, Körb© 
aus Spiralwülsten, Orabstöcke, das Ausschlagen und Zuspitzen der Zähne, 

1) Eiue zweite Beilforra hit einen kaiefönnigea Stiel, au dem die Klinge iü ver- 
schiedener Weise befestigt istr entweder ebenfalls eiogelaMen, oder mit Tülle aiifgeateclt, 
oder aufgebunden (wie bei oze&niscben Steinbeilen). Diese Form scheint auch in beiden 
Kulturkreisen vorsukommen. 

2\ Zar authropologiaehen Stellting der alten Ägypter. Globut LXXIX, S. 197—200. 
Allerdings haben die Peniib eh älter der Moba, auf die v. Lnaahan hier Beaug nimniti 
eine Ton den sonst fi blieben völlig abweichende Beachaffenbeit; es sind Taschen aus Leder, 
oder Zeug. Aus« erde m weiss man nicht, wen die als einzige Stütze der Hjpotlitse 
dienende alte Steinfigur eigentlich darstellt 

3j Dagegen ist es nicht unmöglicb, dass die agnatische Descondens sich als herrschend 
beranaatellen wird. Auch die Häufigkeit des Dolchs könnteman anfiihrcn. 


i 


SS 

^f XMiiMiiwimiiiL« Tidkaebr jnr^ £e liffN«- «»d XjnMidiirob- 
boiami^ T«B HflwMKs den Hx»d. 

E^ ä»d 4k am «raMoi T«iL ^w mm «hT des wM Bfiok mIk. 
Zek^n sekr meinger Kular, fundft» ibbi woU n 3er AsBaia»e V«raelK 
USX isi. luenn rbcrUaliM] eiser £SBx jJum, xieUeickt 3er ihiMMn afiikjK 
Bwckea Knlnir xn Tennmen. Und sbi wii^ dazia Wnfffatt. 
olM9Las(ti^ nit 3«nBinniiiJ 3er twaoscbeii md ilsMttii 
Kahn- Tez^Aeidit (GrUiner S. Si^{.>') I>cmn 3ftbei süfJh «di «dse vm- 
«:^pke»3e rW^eSnaaMTing Wim»: da» oe nidit vftTVftlTwRg ist. kua Vcd 
3er liKueD Zeit. £e Mt 3er Traonoig Teotruiwii mb ib«»« nkte WvB3fr 
niliMin Wir haben Uer T-frmmäiA Baste 3er iiyatogB cbe« E&ttsr 
3er «dmases Rane Ter m&. md die toi Fretiemim» en^riAkne Be^ 
yargriiwAe Kvltnr- kann maD 3alier voU sehca laaMgL 

Wir kabeD ako in Afiika l<dg«aide Kahsreducliteia: 

1. die Bxgxitaadie. die aeh in der Haspisaclie mit 3er IheMeai aKO»- 
Bm^ms Knltiir deckt: 

± £e wMiafiikamsdie. die 3er «istpifUBiiidMai emiiindit. aber andi 
jtepeiY Eteneiisie enddik und hSektvrakrfidieiiiBeii 


S. esse Sdiiefait di^ rielleichi mit dem w ertpato tt miirii en EnharkreBiie 
zBssmmeDliiBgt: stammt rermsdid glttddalk ai» Ind e aegie a : 

4. eine S^icte. die Asakpea in T<ii3esiBdieB bat: b aapmi diBdi im 
west£dM3i Sudan reftreten: Heimat imbekannt: 

5. eine bamitiaclie oder ahsemitiscibe. im Sadan, Osi- und Südafrika; 
f. eine neetsiemitiiicbe (aralnaebe), in deat^elben &ebietim wie die 

Torige. 
Verta>ntDn& Anfunanderfolge und Herkunft dieser Enltnrai sind, 
f)c»weit es beste mSgüdi ist in den T<»ba;?ebeDden AnsfUunngen dar- 
gealeDt vordem: dem Itekenbaften Stande unsere« Wisfiens «it6|M>p«beaid 
in bypotbedadier Form: denn nicbt ak sidiere^ nnnmstSasiicbe Ergebnisse, 
sondon nnr als Hjpotbesen ron mehr oder minder grosser Wabrsebein- 
liebkeit soDen diese Anfrte&imgen ^reiten. Hochvmbrsrbeinlidu ja das 
Einzige, was man acber nennen kdnnt^». ist der genetiscbe Zosammen- 
bang xweier EnhareiL die so viel Gemeinsames baben, wie die west- 
afnkaniscbe imd die ostpapnaniscbe^ xweifelbafter sebon die An des Zu- 
sammenbanges, die Axt der Ubeitragnng nnd die Wege der Ausbreitung, 
nur ganz nngefabr zu ermitteln oder ganz in Dunkel gebullt der Ans- 
gang^»onkt und EntstebnngsorL Für die afnkaniscb-ozeaniseben Knltorm 
wird man ja diircb die gecigrapbiscbe Lage der Kontinente genötigt, den 
Ansgangqinnkt in Asien nnd zwar znnicbst im südlicben Asien zu soeben: 
aber eine genanere Bestimmung der Lage dieser Ansstrahlnngszentren sowie 


1^ Mab koaate auch die in Sö4siistz«lieii übbche Beisetsasg d«r Leicbca in Gml*oii 
mit Bccdicha' Kisdie bennziehai, die sack in Afrika ai^t Beh«n ist und in d«n ▼«ir- 
sduedenstea Gfipeaden roikommL leb kenae sie tob den Binle sn der Eifeabnaktute« 
Toa 4eB Lenda, den OiBs, Bo^^ ans Sid-IUfinni. bbs Malaagtk tob des Bb^uVs 
«ad lamrbrw KidfecaitiBUDea. 


Ükkussion: 


eine Eot&cheiduiig der Frage, ob wir hier den Ort dee Ursprungs dieser 

Kulturen oder nur ein Durchgangslaiid vor uiie haben, k^inn erst eine ein- 
gehen d*^ zusammenfassende Analyse der älteren siidaeiatiachen Kulturen 
bringen, 

DUkuBsiou. 

Hr* Oppert: Ich wollte Hrn. Gräbner nur fragen, ob es ihm bekannt 
ist, dass in Australien in gewissen Kegionen die Frauen und Männer ver- 
schiedene Sprachen sprechen, da von der Abgeacbiedenheit der Männer 
von den Frauen die Rede war. Es ist nämlich in einzelnen Berichteo 
auf diesen Punkt hingewiesen. 

Hr. tfräbner: Allerdings sind mir diese Fälle, wenn auch nur kur- 
Boriseh, bekannt. Aber ich kann im Augenblick nicht kritisch prüfen, 
inwiefern diese Nachrichten auf Zuverlässigkeit Anspruch machen können* 

Hr. Oppert 1 In den Veröffentlichungen der englischen Behörden 
wird darauf Gewicht gelegt. 

Hr. Schweinfurth: Ich möchte auf das Entschiedenste Verwahrung 
einlegen gegen die Bemängelung der Verdienste, die sieb die afrikanischen 
Völker dadurch erworben haben j dass sie die Herstellung deä Eisens 
erfunden und bei uns eingeführt haben. Es ist dies ein bleibendes Ver- 
dienst; denn unser Zeitalter gipfelt eigentlich in dem Eisen, wir leben im 
Eisenzeitalter* Sehr belehrend hierfür Bind dio Sammlungen in italie- 
nischen Museen, z. B. im Museum Kirchnerianum, die aus der älteren 
Eisenzeit stammen; bei diesen deuten alle Anzeichen auf Afrika bin. 
Dagegen sind bei den ältesten Bronzegegenständen viel weniger un- 
mittelbar afrikanische Anklänge zn finden. Das scheint allein schon über- 
zeugend. Ferner ist sehr wichtig hierfür die ägyptische Geschichte in 
ihren so ausserordentlich verspäteten Beziehungen zum inneren Afrika. 
Bis tief in die geachicbtlichen Zeiten hinein hat man so gut wie gar kein 
Eisen in Ägypten benutzt* Prof. Spiegelberg hat noch vor einigen Tagen 
hier oglypbi sehe Texte publiziert, in denen das Eisen behandelt wird, für 
Ägyptologeu immer etwas sehr seltenes, eine Art rara avis* Es erregte eben 
die Bewunderung der Völker, die mit den Eisen erzeugenden Afrikanern in 
Berührung kamen, dass diese aus Erde eiu Metall herzustellen verstanden; 
diese Kenntnisse gingen den Völkern, die ursprünglich nur regniinische 
Metalle zu verarbeiten gewohnt waren, ab. Daher mag auch die eigen- 
tümliche Auffassung sich verbreitet haben, daas die Schmiede gleichsam 
als Schwarzkünstler hingestellt werden; in so vielen Ländern, z. B, im 
südliehen Arabien, gelten sie als unrein und werden von allen gemieden* 
Aber vor allen Dingen ist die Geschichte Ägj^ptens beweisend. Hier tritt 
der Neger, wenn er Tribut bringt, selteu anders auf, als mit dem Eisen in 
der Hand. Das ist immer das wunderbare Volk, welches das Eisen bringt. 
In Ägypten wäre wenig Gelegenheit dazu gewesen^ Eisen zu gewinnen. Es 
gibt da nicht reiche eisenhaltige Erden wie in den Lateritregionen von 
Zentralafrika; es gibt wohl bei Assuan Magneteisen, das ist aber für das 
gewöhnliche Äuge nicht so leicht erkennbar* Von selbst wären die 
Ägj'pter nie auf die Erfindung gekommen. Ferner waren die Verbin* 


I 
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k* 


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KttltiDrlcreJse io OseAnkD und Afrika. g| 

wie erwähnt, auch sehr lange unbedeutend* Und ei liegt attefa 
der wegen tlichste Beweis für die AbgeBchlossenheit Ägypten» von Zentral* 
Afrika darin, dass es solange ohne Eisen gewesen ist, während §ich daa 
£ieen von hier über die westlichen Oebiete von Afrika minor früher nach 
Europa verbreitet hat. Im alten Ägypten iat immer nur Kupfer und 
Bronze masiagebend gewesen. Es ist aber trotzdam möglich, dass dia 
Kunst, ans Erde oder aus Erzen Kisen darzustellen, in verschiedenen 
Gebieten zugleich, in Kleinaeien, will ich mal sagen, aufgekommen ist« 

Hr, Olshuusen: Hr. Schweinfurth tritt für die Selbständigkeit der 
innerafrikanisehen Eisenindustrie ein, bestreitet insbesondere, wenn ich 
ihn recht verstehe^ daas die Kenntnis der Eisengewinnung über Ägypten 
nach Innerafrika gelangt sein könne, weil Eitien im alten Ägypten so selten 
sei, selbst noch in griechischer Zeit Er stellt sieh hier in Gegensatz zn 
der früher allgemein geltenden Auffassung, wonach Eisen schon aus dem 
alten Heich, nämlich hinauf bis in die 4> Dynastie durcli Funde nach- 
gewiesen sei, aber auch noch zu der neueren Anschauungj dass Eisen 
zuerst im neuen Keich auftrete, welches mit der IB. Dynastie beginn t> 

Meines Erachtens kann die Gewinnung metallischen Eisens aus seinen 
Erzen an manchen Orten der Erde selbständig und also vielleicht auch 
gleichzeitig erfunden sein. Der Annnhnie, dass Stämme des inneren 
Afrika diese Entdeckung unabhängig von auswärtigen Einwirkungen ge* 
macht haben mögen, steht technisch sicher nichts im Wege. Ob aber auch 
tatsächlich in dieser Beziehung keine Beeinflussung von Asien oder 
Kuropa her stattgefunden hat, oder ob sogar vielleicht umgekehrt Afrika 
jenen anderen Kontinenten die Kunstfertigkeit übermittelte, wie mehrfach 
angenommen worden*), isr eine andere Frage. Jener ältereTi Ansicht über 
ib*n äusserst frühen Gebrauch des Eisens in Agj^pten trat I^lontelius ent- 
gegen^ der die schon vor längerer Zeit gemachten Funde, auf welche sie 
sich stützte^ wohl mit Recht als wissenschaftlieh nicht verwertbar be- 
traehtete und gleichzeitii:, auf Gnmd der umfassenden linibuagen von 
FMnders Petrie und seinen Mitarbeiteni, zu dem Ergebnis gelangte. 
Eisen habe in Ägypten erst im 2. vorchristlichen Jahrtausend, und zwar 
wohl in der zweiten Hälfte desselben, solche Bedf*utung erlangt, dass 
tnan von einer Eisenzeit sprechen könne,*) Nach einem Briefe Petriet 
an Montelius vom IG, Januar 1892 hatte ersterer noch keine Spur von 
Eisen oder auch nur Eisenrost gefunden, selbst nicht in seinen Grabungen 
auf Boden der 18* — 19* Dynastie znGurob, und in »einem kleinen popu- 


1) Skhe E. B. V. Luschan, l^kfaden luia Kursta« äbor VdUtefkaade der deatscben 
8clitttsgebJ6te, S. *i. Oktober bis iJeEember Hf^t KiErstm Nr. U des Verdau« ioi volka- 

liimliebe Kurse tob Berhner Uochichullehreni . j,eigeiitJicbe Neger» m der Qegead d«r 
^•j^rossen Seen zu Hauae, w&lirscheinlich die EdiodAr der Eifi^ntafiluuL'* 

2) Korreap.-ßUtt der Dentsehen anthr. Gecellich, 18 (1887) B. 111; ZmtiMshr, Xmw^ 
Stockholm laSS, S, ?^-li (BrousAldem i EgjpteoK Archir l Äuthr. 21 (lHfrj-9S) S. I 
feil Iti {Die Broateieit im Orieot und mGrieebenlvnd); Arebit L Aothr. 25 und 2tJ (Chro- 
iiolopa« der IlteBten Brotneteit id Norddeatieblaiid und SkandünTies; Sooderabdruek 
1900, S. 151); Korre«p.Bl der Dcatichea anthr. GeedlidK Um, 8. llt— W (Diw tmU 
Aoftrsttn des Ebenft). 



86 Diskussion: 

l&ren Werke: Tt?n years' diggiog in Egypt 1881 — 91, aecond edit^ 
London 1893, äusserte Petrie sich p. 151 — 52, wie folgt: die grosse Periode 
der 18*^19. Dynastie iet gekennzeichnet durch den Gebrauch von Bronze 
und das Verschwinden von Flint- Werkzeugen .... Die nächste bedeti- 
tende Änderung war die Einführung von Eiaen^ für welche kein sicherer 
Nachweis besteht bis ungefähr 800 vor Chr. Eisen mag vielleicht bekannt 
gewesen dein als eine Merkwürdigkeit, aber es hatte keinen Einfluss auf 
die KOnate.^J 

Nach neueren Teröffentlichungeii Petries und seiner Mitarbeiter kann 
man nun das Eisen über 800 vor Chr. hinauf etwas genauer verfolgen, 
in einem Falle sogar bis in die 6. Dynastie. 

Eine eiserne Hellebarde, gefunden zu Abydoa. ^etzt Petrie etwa 
in die Zeit Ramessu IIL (20. Dynastie), und er hält sie demnach für die 
älteste eiserne Waffe aus Ägypten (Äbydos, Part II, 1903, London 19Ü3, 
p- 33 u. Tat 22, 10). — J. E. Quibell fand einige eiserne Armbänder 
und Messer aus der 22. Dynastie und dergleichen Messer aus der 19- 
(Egyptian research 1896, The Ramesseum, London li^98, p. 13) und John 
Garstang berichtet über einen Fund in einem sicher bestimmten Grabe 
der 18. Dynastie, als ein Beispiel vom Beginn des Eisengobrauchs (am 
Anfang des neuen Reichs) [Epyptian research account 1900, El Aräbah, 
London 1901, p, 30]. Es handelt sich da um einen eisernen Stift, der 
Kur Befestigung des Deckels an einem Elfenbein- Schminkbüchschen 
diente;*) — Ein kleines Stück Schmiedeeisen (wrought iron) von 
Hierakonpolis ist dem Alter nach nicht genau bestimmbnr [Qnibell 
and Green, Hierakonpolis II, p. 11 (Epyptian research account, Fifth 
memolr, London 1902)], 

Flinders Petrie selbst machte noch eine sehr merkwürdige Beob- 
achtung. Zu Abydos war, an mehrere kupferne Werkzeuge an»,^erosteL 
„sicher dazu gehörend eine Eisenmasse, welche ein Keil (wedge) gewesen 
sein mag*" ,jDiese ist über 2000 Jahre älter als irgend ein Stück Eisen, 
das bisher aus Ägypten bekauntj und deshalb von grosser Bedeutung, weil 
sie zeigt, dass gelegentlich Eisen bekannt war sehr lange vor seinem 
gewöhnlichen Gebrauch.'^ Jene kupfernen Werkzeuge gehören nämlich 
dem alten Reich, und zwar etwa Mer 0. Dynastie au [Abydos 11^ p. 33 J, 
Das wäre mithin der älteste sichere Fund von Eisen in Ägjpten, 


1) Energisch vertritt Petrie aucli die Mehmng, das^s die eiirop&isclie Kultur der 
ägyptischen in mancher Hinaicht hedeutend üh erlegen gewesen sei. Bei Bespreehong' der 
Funde, dem letzten Jahrtausend Tor Chr an gehöriger, eiserner Werkzeugo, faesoDders 
Meissel, nnserer modernen Formen, in Naukratiä, heisat es p. 45-47: Wir selien» wus 
wir europäischer Erfindung verdanken, wenn wir diese Werkzeuge vergleichen mit den 
ägyptischen bronienen, welche ihnen vorhergehen. Und p. 152—53 lesen wir: Eisen er- 
scheint in Europa ebenso früh in Gebrauch wie in Agjpten. Die besten Formen der 
Werkzeuge waren in Italien Rwei oder drei Jahrhunderte tiraher bekannt, &k Ägypten sie 
hesass. 

%) Diea ist wohl der im Archäol. Anzeiger 1901, S. 164 erwähnte^ im Äshmolean» 
Museum lu Oxford befindliche Gegenstand, auf den mich Hr. Dr. Hubert Schmidt 
schon vor xwei Jahren freundUelmt aufmerksam machte. Ich kann das im Augenbliel 
nicht vergleichen. 


J 


Knltufkreifie in Ozeanien und Afrika. 


87 


£kdlt man von 800 vor Chr. ebwärta, so smd Petries Funde zu 
Naukratis und Tanis xu erwäliueu, die viel Eisen aus dem ersten vor- 
christljcbeu Jahrtauäeud lieferten [NaukratU^ Parti, London 18H6, Taf. XI, 
S. 39; Tal 2b, S. 28; Tanie U, S, 25 u. 27, Taf. 7 (Nebesheli), Tal 37 und 38 
(Defenneh; aus dem 7. Jahrb. vor Chr*); S* 40, Tal 19 (Nebesheli)].*) 

Der Zeit Äahmes II (Aniasifi), also der 26. Dyuastie, dem Ende des 
neuen Reich«, gehören auch Bogeuannte ^foundation deposits" an (etwa 
entsprechend dem, was wir in die Grundsteine zu legen pflegen), die Eigen 
in Verbindung mit verschiedenen Steinen als Material rectangülärer Blöcke 
enthielteu [Abydos I, 1902, London 1902, p. 32]. — Nicht sicher bestimmbar, 
aber der Form nach vielleicht etwas älter als die 26. Dynastie, soll ein 
eisernes Schwert sein [Abydos 11, Tal 22, 12], xn dem Petrie bemerkt: 
„es scheint keinerlei griechischen Einfluss bezüglich der Form zu zeigen,** 

Das ist, was ich an Funden in den mir zugänglichen Werken habe 
feststellen können, abgesehen von einigen ganz späten, zum Teil römischen 
Sachen.*) Das Material, namentlich aus älterer Zeit, ist also recht spärlich, 
und die Bemerkungen Petries, betreffend Überlegenheit der europäischen 
Technik über die ägyptische, stützen scheinbar Schweinfurths Auffassung^ 
dass Ägypten in der Eieenfrage nicht vermitteln konnte zwischen Inner* 
afrika einerseits und Asien und Europa andererseits. Aber, auch wenn 
man dessen Angabe als richtig annimmt^ dass ägyptisches Eisen sogar aus 
griechischer Zeit nur selten vorkomme, kann man doch unmöglich glauben, 
es sei selbst damals noch niclit allgemein in jBebrauch gewesen. Weshalb 
tnan es nicht findet, mag dahingestellt bleiben; ich halte jedenfalls die 
Frage, woher das Eisen oder die Kunst, es zu gewinnen, nach Ägypten 
kam, noch nicht für spruchreil Besonders Innerafrika anlangend^ fehlt 
es doch wohl an zeitbestimmenden Tatsachen, welche das Alter der Eisen- 
Industrie daselbst genauer darzutun vermöchten» Aus dem Umstände, dass 
jetzt Eisen dort überall gewonnen wird und die Hchmiedekunst, trotz 
mangelhafter Werkzeuge, Bedeutendes leistet, kann man doch nicht ohne 
weiteres schliessen, dass die Eisenindustrie auch schon vor fast 3^, «lahr- 
tansenden (^ur Zeit der 18. Dynastie) iu Innerafrika bekannt gewesen sei. 
Es handelt sich auch nur um Gewinnung und Bearbeitung von Hchmiede- 
eisen, und die dafür erforderlichen technischen Fertigkeiten zu entwickeln, 
würde wohl ein erheblich kürzerer Zeitraum haben genügen können. 

Zum Schluss sei mir gestattet, einen Punkt zu berilliren^ der immer 
noch zu wenig Beachtung findet. Ägyptologen gründen die Behauptung, 
Eisen sei schon in den ältesten Zeiten, der 6. oder 5. Dynastie und dar- 
über hinaus, bekannt gewesen, auf das in den hieroglyphischen Pyramiden- 
texten häufig vorkommende Wort Bi-Di*pi, d. h. Wunder des Himmels, 
indem sie dieses^ im Zusammenhang mit dem sonstigen Inhalt der Texte, 
als Eisen, nämlich als Meteor eisen deuten. Sie glauben offenbar, dass 


Cl 1) Üiese Zitftte tiftdi Monte Hua; ich kotiota aw nicht Tcrgleicheu. 
2) Sieliti Fliiiders Petrie: Havara, BiAhma^ md Arsinoe, Landon 1681^ rhapt^rU: 
The cemetery of Ilawara, \k H und TaC 13 a. 28. — Kahun^ Gorob, and Hawara, 
London 181MJ, p, 20, Chapter II: Tombs of Hawara. f ÜI. — 


u 


88 DiskoBsioii: 

die Kenntnis des Bieteoreisens folgerichtig zur Gewinnung yon Eisen aus 
seinen Erzen führen müsse, und nehmen dann an, dass der Name des 
himmlischen Eisens auf das künstlich gewonnene übertragen sei.^) Aber 
der erste Teil dieser Voraussetzung triflft durchaus nicht zu. Ohne jede 
chemischen Vorstellungen könnte man kaum darauf kommen, in den 
Eisenerzen eine dem Meteoreisen gleiche oder ähnliche Substanz zu ver- 
muten und deren Darstellung aus denselben zu yersuchen. ') War Meteor- 
eisen gerostet und hatte es so ein manchen Eisenerzen ähnliches Äussere 
erlangt, so wird man dies nur als eine Schädigung des geschätzten Materials 
ansehen und sich bemüht haben können, den Rost zu entfernen, zunächst 
auf rein mechanischem Wege, durch Beiben oder dergleichen. Auch der 
Versuch, das gerostete Stück nach Behandlung im Feuer zu schmieden, 
würde zu einem Substanzverlust geführt und nicht den Gedanken angeregt 
haben, aus rostfarbenen Eisenerzen Metall zu gewinnen. Nur ein Zufall 
konnte zur Eisendarstellung führen; das so gewonnene Material war dann 
allerdings dem Meteoreisen mehr oder minder yergleichbar. — Immerhin 
wäre es sehr wünschenswert, dass die von Flinders Petrie zu 
Abydos gefundene Eisenmasse aus der 6. Dynastie chemisch und 
mineralogisch untersucht würde, um festzustellen, ob hier Tielleicht 
Meteoreisen vorliegt. 

Hr. Schweinfurth: In Ägypten ist ja in der griechischen Zeit noch 
Bronze bezw. Kupfer das massgebende Metall. Mau gehe nur die grossen 
Sammlungen des ägyptischen Museums in Kairo durch und man wird 
staunen, wie wenig eiserne Gegenstände im Verlauf eines halben Jahr- 
hunderts ununterbrochener Nachgrabungen aus den alten Fundstätten ans 
Tageslicht gelaugt sind. 

Hr. Frobonius: Ich <|;laube, bei diesen Arbeiten handelt es sich 
mehr um die Methode als um die Einzelheiten. Diese Methode geht 
mich aber persönlich an, denn sie wurde in den hier zitierten Werken 
ins Leben gerufen. Nun muss ich gestehen, dass diese Arbeiten mir teil- 
weise heut recht leid tun. Wenn man nach der Publikation einer Arbeit 
erkennt, dass sie zahlreiche Fehler enthält, so wird es am besten sein, 
wenn man den Mut findet, selbst zu bekennen: pater peccavi. Dies muss 
ich um so mehr, als ich unter meinen damaligen Bezensenten leider nicht 
einen gefunden habe, der die darin enthaltenen Fehler erkannt hätte und 
weil ich überzeugt bin, dass, wenn wir so fortfahren, diese Irrtümer 
niemals ausgemerzt werden. 

1) So auch Heinrich Brugsch, Eisen contra Kupfer; Berliner Yossische Zeitmig 
vom 21. 4. lÄU. 

2) Siehe Beck, im Archiv f. Anihrop. 12, ol3; Olshausen, Berliner anthrop. Yerh. 
181)3, S. 117 ff. — Unter den Eisenerzen hat allerdings der H&matit, welcher den 
Ägyptern auch bekannt war, manche metallische Eigenschafton: Schwere, H&rte, Festig- 
keit, Glanz. Beim Versuch, ihn wie Meteoreisen zu schmieden, würde er, wenn man ihn 
dazu erst erhitzte, im Feuer metallisches Eisen haben liefern können. Hier spielte dann 
aber der Znfall eine grosse Rolle insofern, als man ein Metall vor sich zu haben glaubte, 
w&hrend es sich um ein Erz handelte. 


Kn\i 


m Ontnieii tind AfHtft. 


Der hier Terw endete statistische Teil der Methode geht darauf hinauit, 
auf einem bestiminten Fleck der Erde finde Ich das, dann das, ferner da«* 
Die eituelnen Formen stimmen überein und haben die (gleiche Verbreitung. 
Auf einem anderen Fleck Erde finde ich gleiche oder ähnliche Formen 
mit gleicher Verbreitung. Nun werden die verschiedenen geop:rtiph]Schen 
Provinjen der Erde erforscht und m kann heute schon gesagt werden, 
dass m Immer mehrere Flecke auf der Erde gibt, die die gleichen 
Formen, die über ganz bestimmte Provinzen verbreitet sind, aufzuweisen 
vermögen. Aber über die Frage, ob diese Gleichheiten der Formen auf 
Verwandtschaft beruhen, vermag dieser statiistischo Teil der Methode keiut? 
Antwort za geben. Wir können hier nicht so vorgehen, wie bei dtr 
Prüfung der Frage etwa nach der Verbreitung einer Affenart Eine 
solche Affenart ist ein ganzes Lebewesen; aber ein Bogen, den wir 
irgendwo finden, ein Pfeil, eine Hütte ist nur ein einziges Knöchel chen 
eines lebendigen OrganismuB. Wir müssen alsdann danach trachten, 
Gruppen von gleicher Verbreitung beizubringen* die inneren^ orga* 
ui sehen, lebendigen Zusammenhang besitzen. Was wir aber heut© 
hier besprochen haben, das ht lediglicli statistisches Material, welches für 
die Frage der eigeutüchon Verwarn l tschaft und Entwicklung — und di^ 
Beantwortung derselben muss das Ziel solcher Untersuchungen sein — 
keine Beweiskraft liat 

Die grössere Frage ist die; Lassen sich wirklich biologische Beweise 
für den organischen Zusammenhang der Kulturformen, für die Entwicklung 
der Formen aufbringen? Ich glaube, es gibt solche Beweise, Wenn wir 
sie jedoch finden wollen, so müssen wir die bisherige Methode etwas um- 
gestalten. Wir dürfen uns dann aber nicht damit be^nügen^ zu sageii: 
hier haben wir die Form des Schildes und hier haben wir die Form des 
Schildes, sondern wir müssen uns nach der Entwicklung der Schildformen^ 
nach den Umbilduugsformen umsehen. Ich glaube, dieser zweite Teil 
meiner Methode, die entwicklungsgeschi cht liehe Methode hat die grössere 
Bedeutung.*) So können z. B. die Rundhütten von aussen an mehreren 
Stellen der Erde ganz gleich sein. Erst die innere Struktur, die Kon- 
struktion, die Umbildung der Konstruktion auf einem Verbreitungswege, auf 
einer Verbreitungsfläche müssen wir erkannt haben, ehe wir auf den 
urganiseheu Zusammeuhaug schliessen können. 

Ich glaube, auf diese biologische Seite der Methode müssen wir haupt- 
sächlich Rücksicht nehmen. 

Im übrigen wollte ich imr allgemein hierauf hinweisen, und zwar 
eigentlich auch nur deswegen, weil ich selbst seinerzeit in der energischen 
Verfolgung der ss tatist ischen Arbeit zu weitgehende Schlüsse gezogtai habe- 
Nur wenn wir grosszügig und ohue Berücksichtigung der nie ganz aus- 
zumerzenden kleinen Fehler in ilen Ergebnissen der statistischen .Vrbeits- 
form der Entwicklungsgeschichte unser Hauptaugenmerk widmen^ 
dürfen wir hoffen, die grösseren Fragen einmal beantworten zu können. 

Ich habe natürlich ganz persönlich allen Grund, den beiden Herren 
für ihre Arbeit zn danken, 

1) YgL übrigexu L. F,: ^Probltma dft Kiillur 1* (l^AtiirwtsseiiachÄftL KöltorJohr^Ju 



90 Diskussion: 

Hr. Ankermann: Hr. Frobenius hat vollkommen recht, wenn er 
jbetont, dass man sich nicht auf die oberflächliche Betrachtung der Oegen- 
stftnde beschränken, dass man also, um bei seinem Beispiel zu bleiben, 
unter „Bundhütten^ nicht alle runden Bauwerke zusammenfassen dürfe, 
sondern dass man nach dem Bauprinzip klassifizieren müsse. Daas ich 
ebenso verfahren bin, zeigt z. B. meine Einreihung der Massai- und Somäl- 
hütten unter die Bienenkorbhütten, obwohl sie gar keinen kreisrunden 
Grundriss haben. Abgesehen von diesem selbstverständlichen Einwände 
weiss ich nicht, was sich gegen die Methode sagen Hesse, noch sehe ich 
ein, welchen anderen Weg man einschlagen soll als den, auf welchem 
Hr. Frobenius und dann auch wir gegangen sind. Ich kann nicht zu- 
geben, dass ich in meinem Versuch der Identifizierung afrikanischer und 
ozeanischer Kulturen zu weit gegangen bin. Ich habe mich im Gegenteil 
stets sehr vorsichtig ausgedrückt. Wenn sich in zwei verschiedenen Welt- 
gegenden z. B. Maskentänze vorfinden, so dürfen aus dieser vereinzelten 
Übereinstimmung natürlich keine Schlüsse auf einen genetischen Zusammen- 
hang beider Kulturen gezogen werden. Gesellen sich aber in beiden 
Kulturkreisen zu den Maskentänzen noch eine Reihe gleicher Kultur- 
elemente, so ist doch ohne Zweifel die Wahrscheinlichkeit einer Ver- 
wandtschaft sehr gross. Es ist nun damit nicht gesagt, wie ich nochmals 
hervorheben will, dass die westafrikanische Kultur direkt aus Melanesien 
oder umgekehrt die ostpapuanische Kultur aus Afrika eingewandert ist; 
vielmehr ist es möglich und in diesem speziellen Fall sogar höchst wahr- 
scheinlich, dass ein gemeinsamer Ausgangspunkt für beide Kulturen existiert, 
dessen Lage wir wohl erfahren werden, wenn einmal die Kulturschichten 
Südasiens in ähnlicher Weise untersucht sein werden, wie diejenigen Afrikas 
und Ozeaniens es jetzt sind. 

Hr. Frobenius: Ich führte die Eundhütten nur als Beispiel an und 
ich meinte nur, bei den Feuerländem gibt es auch eine Rundhütte. 

Hr. Gräbner: Ich freue mich, dass Hr. Frobenius in wenigen 
Worten ziemlich dasselbe gesagt hat, was ich in meiner Einleitung gesagt 
habe. Ich sagte, diese Arbeiten können nur als Wegweiser dienen, um 
dann durch sorgsame Einzelarbeit zu einer wirklich lebensvollen und 
innerlich-organischen Darstellung der einzelnen Kulturen zu gelangen. 


3. Die Keramik der makedonischen Tumuli/) 


Von 
Hubert Sohimdt. 

Die vorliegeDtleu Scherbeumassen sind von Paul Traeger auf zwei 
Eeigen in Makedonien in den Jahren 1900 mn} 1901 geaammelt und dem 
königL Museum zmn Geschenke gemacht worden. Ober die Herkunft 
derselben entnehme ich den Keiaeberichten Traegers, denen auch eine 
vorläufige Besprechung der Keramik angefügt worden war (Zeitschr, f. 
EthnoL 1901, Yerhdl S. 54f.; 1902, VerhdL 8. 62ff0, im ganzen folgendes: 

Schon im Jahre 1900 wurde Traeger bei der Besichtigung und 
Untersuchung der makedonischen Tumuli in der grossen Ebene von 
Saloniki, die er gegen Osten bis zum Langazasee, gegen Norden bis 2um 
Amatovosee und gegen Westen bis Jenidsche-Vardar und Verria bereiste, 
auf ihre bisher zu wenig beachteten Unterschiede nach Form, Anlag© und 
Grösse aufmerksam und stellte im folgenden Jahre nach äusseren Merk- 
malen zwei verschiedene Gruppen fest: 

L Kegelförmige Tumuli mit kreisrunder Basis und teilweise 
reclit steiler Böschung, unmittelbar aus der Ebene aufsteigend 
Ca. a. 0. 1902 Fig. 1-3). 

Dieaer Typus ist weit verbreitet, findet sich auch sonst zahlreich auf 
der Balkanhalbinsel, in Südrussland und in Kleinasien und wird in der 
Regel als Wahrzeichen der Thraker angesehen, die so ihr© Toten nach 
Herodota Bericht (V, 8) bestattet und geehrt haben sollen. Die voü 
Traeger in Albanien, also auf illyrischem Gebiete, angetroffenen HO gel* 
gräber, die mehr die Gestalt von Öachen Kugelealotten haben, wird man 
Yon den boben^ kegelfönnigen zu unterscheiden haben. 

Von diesen einzelstehenden, konischen sind nun nach Gestalt und 
Anbige zahlreiche Bodenerhebungen verschieden, die gleichfalls in der 
makedoniacben Ebene liegen. Im Gegensatz zu den hoben, kegelförmigen 
Tumuli sind sie tu bezeichnen als; 

FL Flache Tumuli mit unrogelmässiger, meist läugHcher 
Basis von grosser Ausdehnung und mit ebener, weiter Oberfläche 
(a. a. 0. 1902 Fig. 5). 

Ihre Hauptcharaktereigenschaft besteht darin, dass sie eine weite Aus- 
dehnung haben und auf der Oberseite eine mehr oder weniger ebene 
Fläche für ihre Bestimmung darbieten. Die einfachste und regelmäasigste 



1) Yortrmg, gehalteo In dei- Sitxmtg vom 15. Februar ltN}2. 


1^ 


92 H. Sclifmdt: 

Formj die als eine um ca* 10— 12 m erhöhte Fläche sich darstellt, haben 
der Tiimulus bei Platanaki Nr. 4, für desaen BeBtimmung auch die auf 
ihm befindliche, naeh ilirem Alter freilich uoch nicht gesicherte Zisterne 
zu berücksichtigen wäre, und der bei TopSin. 

In ihrem jetzigen Erhaltungszustande iät die Form nicht immer so 
regelmässig, wie bei diesen beiden. Traeger hebt solche hervor, die 
scheinbar zweiteilig sind^ wie neben- oder übereinander geschoben, in 
ihren Teilen von ungleicher Höhe, so daas sie auf verschiedenen Seiten 
verschiedene Ansichten bieten. Vgl a. a. 0, 1902 Fig, 6, Solche Unregel- 
mässigkeiten könnten auf sekundäre Ursachen zurückzuführen sein, sei es 
dass BW nachträglich durch Menschenhand entstanden, also beabsichtigt 
sind, sei es dass sie auf Naturereignissen, im besonderen auf liegengüssen, 
beruhen. Dieser Art ist der Tnmulus am linken Ufer des Oaliko, unweit 
Tom Blockhaus ^i 14 an der Bahnstrecke nach Zibeftsche, bezelclinet 
Nr. 17. 

In diesem Zusammenhange lassen sich auch andere Abarten beurteilen, 
die wir als Kombinationen der flachen und konischen Form be- 
zeichnen können* Bei ihnen ist gleichsam auf einem grossen, Sachen^ 
terrassenartigen Unterbau ein Kegel aufgehetzt (a* a, 0. 1901 S. 55 Fig. 41)* 
Biese Verbindung der beiden Grundformen kann aber eine unregelmässige 
und sehr verschiedene sein. Wir begegnen ihr bei den beiden Tumuli 
am rechten Ufer des Galiko, bezeichnet Nr. 8, 9 und 10; letztere Nummer 
gilt für das neben Nr. 9 befindliche, also wohl dazugehörige Terrain (vgl. 
a. a- O. 1902 Fig* 8 und 9, 9a, 9b}; ferner bei dem grossen Tnmulus von 
Amatovo (ebenda Fig. lOj lOa^ 10b) und namentlich beim Hagio Elia in 
grösserer Nahe von Saloniki, der die meisten Scherben geliefert und auch 
in der Literatur bereits das grösste Interesse erregt hat (a, a. 0. I9(^2 
Fig. 7). 

Diese und die oben angeführten, unregelmässigen Tumuli sind wahr- 
scheinlich als zusammengehörige Gruppe unter einheitlichem Gesichts- 
punkte znsammenäufaseeu und den flachen Tumuli im Unterschiede von 
den konischen anzugliedern. Dazu nötigt uns ihre mutmassliche Ent- 
stehung und die ihnen charakteristischen Scherbenmassen. 

Traeger hat nämlich beobachtet (a, a. 0, 8. Ö5f.), dass die flachen 
sowohl wie die unregelmässigen und kombinierten Tumuli, immer wie 
übersät mit Topfscherben sehr verschiedener Art sind, während solche 
j^auf allen konischen, freistehenden Hügeln fast ebenso ohne 
Ausnahme so gut wie vollständig fehlen." 

Genauere Angaben über Scherbenfnnde auf konischen Tumuli 
macht Traeger a. a. O. 1902 8. 68; ich will sie hier wörtlich wiederholen: 
„Dagegen habe ich schon im Jahre vorher (d. i. 1900) von den zahlreichem 
durchweg sehr hohen, konischeu Hügeln in der Nachbarschaft von Pella 
jeden einzelnen bestiegen imd habe kaum ein paar einsame Scherben ge- 
sehen. Auf den G Tumuli zwischen Pydua und Korino, von denen der 
eine an 20 m hoch ist, habe ich trotz eifrigen Suchens nicht mehr als 
4 oder 5 kleine Stückchen entdeckt, deren Alter überdies nicht ganx 
fraglos war. Den grossen, konischen Hügel bei Saloniki (Fig. 1) beaucbte 



Keramik der makedonischen Tumnli. 93 

ich nach einem heftigen, wolkenbrachartigen Gewitterregen; er hatte in 
der Böschnng ziemlich yiele Spalten ausgespült: ich fand 3 kleine 
Scherben." 

Oanz anders die flachen Tumnli. Hier haben sich ohne Mühe und, 
ohne den Boden mit dem Grabscheit aufzuwühlen, ganze Säcke voll 
Scherben sammeln lassen, so zahlreich, dass nur eine Auswahl mif- 
genommen zu werden brauchte, und diese darf als beträchtlich bezeichnet 
werden und reicht völlig aus, um ein Bild von der allgemeinen 
kulturhistorischen Entwicklung des Bodens zu geben. Dazu 
kommen allerlei Geräte aus Stein und Ton, wie sie sonst auf alten Wohn- 
stätten sich finden. Von diesen letzteren will ich das in das kgl. Museum 
gelangte Material zunächst aufzählen. 

1. Tongerilte. 

Doppelkonische Tonwirtel: IVb 20 Uagio Elia = Traeger a. a. O. 

1901 S. 57 Fig. 57; IVb 147-150 Hagio Elia. 

Kleine, höchst eigenartige, brot förmige Tongeräte mit mittlerer 
Kille und flacher Unterseite, die bisher nur auf dem Hagio Elia vorkamen : 
IVb 21. 138-141.= Traeger a. a. O. 1901 S. 57 Fig. 58. 

Tongeräte in Form der „Garnwickel", flach mit Kerben in der 
Mitte: IVb 142. 143 Hagio Elia. 

Rund bearbeitete Gefässscherben mit zentralem Loch: lYb 144. 

145 Hagio Elia; 376. 377 Platanaki 3; 424. 425 Piatanaki 4; 453. 454 
Topsin. 

Pyramidenförmige Webe gewichte: IVb 188 Galiko 17; 455. 45G 
Topäin. 

Ünregelmässiges Tongewicht mit Durchbohrung, seitlichen Ein- 
drücken und oberen Tupfen: IVb 189 (laliko 17 = Traeger a. a. O. 1902 
S. 75 Fig. 15. 

Eingekehltes, walzenförmiges Tongerät, wie die aus Troja in der 
Schliemann-Sammlung, Kat-Nr. 8416 flf.: IVb 283, Galiko 8. 

Bruchstück einer rostartig durchlochten Tonplatte: IVb 324 Galiko 9. 
Vgl. aus Troja in der Schliemann-Sammlung Kat.-Nr. 8853. 

2. Steingeräte. 

Drei Pfeilspitzen aus blutrotem Hornstein: IVb 135—137 Hagio 
Elia = Traeger a. a. O. 1902 S. 76 Fig. 21, 22. 

Kleines Steinmesserchen: IVb 379 Platanaki 3. 

Bruchstück einer Steinhacke: IVb 325 Galiko 9 = Traeger a. a. O. 

1902 8. 76 Fig. 17. 

Flaches, rhombenförmiges Gerät aus rötlichem Sandstein: IVb 

146 Hagio Elia. 

Bruchstück eines viereckigen Gerätes aus Speckstein, mit Rand- 
leiste auf der Breitseite und einem Loch (Deckel?): IVb 151. 152 Hagio 
Elia = Traeger a. a. O. 1902 S. 76 Fig. 23. 


94 H. Schmidt: 

Demgegenüber würde es andererseits gewiss beachtenswert erscheinen 
müssen, dass auf den konischen Tumuli niemals ein Erzeugnis des Haus- 
gewerbes oder ein Hausgerät überhaupt sich gefunden hat. 

Angesichts der obigen Liste darf man also nicht mehr sagen, dass es 
«ich bei diesen Funden um vereinzelte Erscheinungen handelt, die keiner 
Erklärung bedürfen, sondern es liegen Merkmale vor uns, die der ganzen 
Gruppe von flachen Tumuli gemeinsam sind und zu einer einzigen Er- 
klärung drängen. 

Eine scheinbare Ausnahme unter den erwähnten Tumuli ist «der 
verhältnismässig kleine Hügel, der etwa 300 m von dem flachen bei 
Platanaki Nr. 4 entfernt liegt^, oben bezeichnet Platanaki 3. Er ist 
nicht zu den konischen schlechthin zu rechnen, sondern gehört in die 
Gruppe der kombinierten; denn die zahlreichen Scherben breiten sich auch 
auf dem umliegenden Ackerland aus, und da dieses höher als das Strassen- 
niveau liegt, so ist die Annahme berechtigt, dass hier der „terrassen- 
förmige Unterbau*^ des Hügels oder eine gleichbedeutende natürliche Er- 
höhung des Bodens liegt. 

Also die auffallenden, gegensätzlichen Erscheinungen — geringe und 
wenige Scherben auf den konischen Tumuli, grosse Scherbenmassen aller 
Epochen, sowie Hausgeräte aus Stein und Ton auf den flachen — erklärt 
Traeger in durchaus plausibler Weise aus den verschiedenen Zwecken, 
denen sie dienen sollten: die konischen Tumuli sind Grabanlagen, die 
flachen, wie sie in der makedonischen Ebene beobachtet werden, An- 
siedelungsplätze oder vielmehr künstliche Aufschüttungen für solche 
zum Schutze gegen die in der Ebene ursprünglich vorhanden gewesenen 
Wassermassen, wie Traeger wahrscheinlich macht. 

Die Verbindung von flachen und konischen Tumuli ist nach Traeger 
(a. a. O. 1902 S. 74f.) eine sekundäre: die konischen sollen aufgeschüttet 
worden sein, nachdem die Plätze von den Ansiedlem verlassen worden 
waren. Die Richtigkeit dieser Annahme mag noch dahingestellt bleiben; 
regelrechte Grabungen können hier erst Licht bringen. 

Die konischen sind bisher allgemein als Grabdenkmäler angesehen 
worden. Auch in Phrygien haben sie sich durch die Untersuchungen 
A. Körtes im Tumulus von Bos-Öjük (Athen. Mitteil. d. arch. Inst. 1896 
S. 1 ff.) als solche erwiesen. In Makedonien enthalten einige sogar Grab- 
kammern. Im Tumulus von Alaklisi ist eine solche schon von früheren 
Reisenden bemerkt und beschrieben worden; Traeger (a. a. O. 1901 
S. 54; 1902 S. 69 Fig. 4) hat an der Basis eine Öffnung festgestellt, die 
in mehrere Grabkammern führt. Im Tumulus von Eorino (a. a. O. Fig. 2 
und 2 a) kann man durch einen mit regelmässigen Blöcken gearbeiteten 
gewölbten Gang in drei gewölbte Grabkammem mit reich verzierten 
Portalen gelangen (a. a. O. S. 69). 

Demgegenüber wird man mit Traeger die Untersuchung des Hagio 
Elia, den Befund und die darauf basierende Deutung desselben als eine 
Stätte des Heroenkultus, die viele Jahrhunderte hindurch im Gebrauche 
war, nicht für unbedenklich und über alle Zweifel erhaben halten können. 
Es wäre nur zu wünschen, dass einmal an einer grösseren Reihe ver- 


KftTwl^ der makedonischen Tnmnli. 95 

schiedenartiger Tmnnli der Spaten angesetzt würde, damit die daran sich 
knüpfenden Streitfragen auf einer sicheren Orandlage entschieden werden 
könnten. ^) 

Bis dahin begnügen wir nns mit dem Torliegenden Scherbenvorrat 
and suchen an ihm soTiel als möglich zu lernen. 

Ehe ich im einzelnen darauf eingehe, gebe ich eine katalogmftssige 
Cbersicht über die in das königliche Hosemn gelangten Scherben nach 
zwei Gruppen: 

a) Von flachen Tumuli. 

Hagio Elia: IVb 20—24; 30—152. 

GaUko 17: IVb 154—231. 

Galiko 8: IVb 232—283. 

GaUko 9, 10: IVb 284—325, 326-342. 

Platanaki 3: IVb 343—386. 

PUtanaki 4: IVb 387-426. 

TopSin: IVb 427-456. 

Amatovo: IVb 467—486. 

An der Strasse nach Pella: IVb 488. 

Galiko, „mit Terrassenunterbau^ : IVb 25 (nach Traeger nicht 
mit den oben genannten zu yerwechseln). 

b) Von konischen Tumuli. 

Sarakli: IVb 457-466. 

Alaklisi: IVb 487. 

Korino: IVb 490, 491. 
Vom Tumulus Sarakli haben wir verhältnismässig zahlreiche Scherben, 
teib in älterer monochromer Technik, Hand- und Scheibenarbeit und mit 
eingeritzten Ornamenten, teils jüngere, bemalte und solche von gröberer 
Art; vom Tumulus Alaklisi die untere Spitze eines auf der Scheibe ge- 
drehten, hellenistischen Pithos und von Korino zwei Scherben von dick- 
wandigen rohen Gefässen. Die Scherben von den Tumuli der Gruppe a 
gehören den verschiedensten Epochen an und reichen von der primitivsten 
Technik bis zur Eunstkeramik der hellenistischen Zeit 

Durch diese GegenüberstcUuDg soll nun keineswegs der Beweis geliefert 
werden für die Geringwertigkeit der Scherben von den konischen Tumuli 
gegenüber den flachen. Aber in beiden Fällen haben wir eine 
Auswahl vor uns, die das Verhältnis der beiden Fundgruppen 
charakterisieren soll und in eine richtige Beleuchtung stellen 
kann. Dabei besagt es gamichts, wenn auf konischen Tumuli gute, alte 
Scherben neben jüngeren vorkommen; das hängt von der Zeit der flnt- 
stehung eines jeden Tumulus ab. Beweisend ist, wenn es sich um die Funde 


1) IMe von Traeger dnrchgef&hrte priniipielle Scheidung Ton Fliehen- nnd Kegel- 
Tnmnli befnrwortet A. Körte bei G. und A. Körte, Oordion 1904 S. 8 (Jahrb. d. Kaiserl. 
deutseh. archftoL iDstitnts. Erginiungsheft Y), besweifelt aber die Erkl&mng der ersteren 
als Wohnpl&tie und möchte in den flachen Hügeln (Hagio Elia, Platanaki u. a.) ,durch 
viele Jahrhunderte benutzte Massenbegrftbnisst&tten'', in den konischen dagegen «Einzel- 
und Familiengriber der Vornehmen'' seh^n. 



handelt^ nur daa iSahleiiverhältnis und der Oharakter der ganzen Fuod- 

itiRsse. 

Für die folgende Bearbeitung werden die Fundgruppec a und b uu- 
beröck&icliügt gelassen, dagegen die Fundatelle mit der entep rechenden 
Katalogiminnier erwähnt, so daas jede beliebige Kontrolle über Art und 
Zahl der Funde und eine Übersicht über die Verbreituiig gleichartiger 
Funde auf verschiedenen Fundstellen ermöglicht wird. 

Die im Folgenden durchgeführte Gruppierung der Hcherben beruht 
auf technischen und ornamentalen Merkmalen; die Formen haben natürlich 
für die Entwicklung sehr wenig ergeben; in einzelnen Fällen sind aber 
nach Technik uud Ornamentik wichtige Folgerungen auf die Formen und 
ihre Parallelen möglich gewesen. 

Besonderen Wert habe ich darauf gelegt, möglichst viel von den 
charakteristischen Stücken auch durch Abbildungen anschaulich machen tu 
können > Gehiugen ist mir dies mit Unterstützung der Frau Dr. Traeger^ 
die bereitwilligst mit mühevoller Hingebung und anerkennenswertem Erfolge 
die beigegebenen Zeichnungen hergestellt hat. Ihr auch an dieser Stelle 
meinen besten Dank auszusprechen, möchte ich nicht vereäumen* 

A* Die einheimische monochrome Keramik. 
L Die primitive, älteste Gruppe, 

Unter der grossen Masse monochromer Seherben fallen solche in alter- 
tiinilicher Technik auf und werden als die älteste Gattung zu betrachten 
sein. Der Ton ist erdfarben, grob geschlemmt und mit Steinchen oder 
Grus durchsetzt? wo die Farbe ins Bräunlich-rote übergeht, hat das Feuer 
stärker eingewirkt* Bei dem noch unvollkommenen Brande ist die Ober- 
fläche verschiedenfiu^big; grau oder bräunlieh, z. T. auch geschwärzt. In 
den wenigen vorkommenden Fällen liisst sich ein Cberzug beobachten, 
der nach dem Brande meist gnt geglättet ist. Ini allgemeinen entspricht 
also die Technik der aus der ältesten Ansiedlung von Troja bekannten 
Topfware* 

Was die Formen betrifft, ao lassen sich nach den Randprofilen zwei 
Typen einer Schale unterscheiden, die eine mit sich zusammenziehender 
Öffnung, aber ohne wesentliche Profilierung des Randes (a), die andere 
mit energisch einwärts gerichtetem Kande (b): Fig. 1, 2. 

Das letztere Stück hat am äusseren Rande, gerade da, wo er nach 
innen umbiegt, einen 3,3 cm langen, leistenförraigen Ausatz, vermutlich 
eine verkümmerte, horizontale Öse. In Technik und Form erinnert gerade 
dieses Stück auffallend an sehr charakteristische Fragmente des ältesten 
Schalentypus b von Troja, bei dem die buckel- und röhrenförmigen Ösen 
ohne Durchbohrung in ornamentaler Bedeutung stehen gelassen werden 
(vgh Heinrich Schliemanns Sammluu^ trojanischer Altertümer, Kat. 
Nr. 69-7G> 

Nach . derselben Richtung weist das Randstück einer dickwandigen 
Schüssel mit umlaufender, starker horizontaler Rippe (Fig. 3). Das voraus* 
zusetzende Gefäss muss eine bauchige, nach oben wie eine Kugel siöh 



Ecnaik der nakedmittclMi TonÜ <I7 

einziehende Fonn gehabt haben. Als ParaUelen ron Tioja m^kgen gellen 
die Randsttleke der Sehliemannsammlnng Kat. Nr. 112 ond 409L 

Zur Form könnte man an ein kngelbauchigeft Schnniteengefis« aas 
der ältesten Koiunik von Troja erinnern (Tgl. Kat. Xr. 163). 

In dieselbe frühe Gattung ia auch ein ausladendes Randsidck xu 
zihlen mit dem Ansatz xu einem am Rande vertikal aufsteigenden Henkel 
(Figur 4). Die Form des augehdrigen Gefässes lisst sich hier nicht be- 
stimmen. 

Eine Ornamentik liegt auf den vorhandenen Fragmenten nicht vor, 
wenn man nicht einfache^ mit dem Finger oder einem Griffel gemachte 
Eindrücke als solche betrachten will. 

Die Fundorte, an denen die charakterisierte Gattung vorkommt, sind: 
Hagio Elia (Fig. 1 = lYb, 3L Fig, 2 = IVb, 30. Fig. 4= FTb, 32). Fla- 
tanaki 3 (F^. 3 = IV b, 343; dahin gehörig auch lVbr344. 345), 

Fig. 1-4. 


^ 



II. Die mittlere Gruppe. 

Eine zweite, in grösserer Scherbenzahl vorhandene Gattung sondert 
sich von der ersten durch eine, im allgemeinen als vollkommener zu 
bezeichnende Technik ab. Der Ton hat verschiedene Qualität; teils ist 
er grusartig, wie in der vorigen Gruppe, an die sich möglicherweise die 
zweite direkt anschliesst, teils feiner geschlemmt, aber, soweit zu übersehen, 
einheitlich gebrannt Die Färbung der Oberfläche ist daher durch den 
Brand auch nicht beeinträchtigt und die Farbunterschieile klar erkennbar; 
es finden sich gelbe, braune, rötliche und feine graue Scherben. Gerade 
die feinen Sorten lassen an der Oberfläche häufig kleine Glimmerstückchen 
durchschimmern, über die Handarbeit ist aber die Technik noch nicht 
hinausgekommen. 

Soweit es bei dem Scherbenmaterial angeht, lässt sich nach den Uand- 
stflcken auch eine Formenskala aufstellen. Die Schüssel bietet wiederum 
die meisten Varietäten. Ihre Typen können nach der Rand- und Henkel- 
bildung unterschieden werden. Für die Entwicklung derselben bildet das 
Prinzip der Randerweiterung die Grundlage. Sie findet sich ebenso 
bei dem schräg ausladenden wie bei dem geraden, nicht profilierten Rande. 
Dementsprechend ist bei dem ersteren die Erweiterung schräg, wie Fig. 5 
(lYb, 39. Hagia Elia) zeigt, bei dem letzteren grade, horizontal. Die 

Z«itsebrift für EthnoloKie. Jahne 1905. Heft 1. 7 


98 


H. Schmidt: 


horizontalen Randerweiterangen sind entweder dreieckig in der Ober- 
ansicht, plump mit stark verdickter Unterseite (Figur 6 = IVb, 38 Hagio 
Elia), oder trapezförmig, mit mehr oder weniger stark sich einziehenden 
Seitenrändern, mehr plattenartig elegant (Fig. 7 = IVb 153 Galiko), auch 
als Plattenhenkel zu bezeichnen, oder bogenförmig abgerundet. Die 
obere Seite der Henkelplatten ladet zur Verzierung ein. In der weiteren 
Entwicklung können die Ilenkelplatten auch durchlocht werden (Loch- 

Fig:. G— 9. 




Fig. 12. 


Fig. 14. 


Fig. 15. Aus Troja. 



henkel) und bilden sich zu eigentlichen Bügelhonkeln um, wie Fig. 8 
(= IVb 327 Gal. 10), Fig. 9 (=IVb 154 Gal.), Fig. 10 (=IVb 467 Amatovo) 
und Fig. 11 (=IVb49 Hagio Elia), Fig. 12 (aus IVb 23 Hag. El), Fig. 13 
(= IVb 2^5 Gal. 9) vor Augen führen. 

Von der Art, wie Fig. 6, liegen zahlreiche Beispiele vom Hagio Elia 
vor (IVb 35—37. 43); ebensolche vom Platanaki 3 (IVb 346). Die trapez- 
förmigen Plattenhenkel, wie Fig. 7, finden sich auch auf den Tamuli 
Galiko 9 und Amatovo (IVb 297. 468). Die trapezförmigen Bügelhenkel, 


lk«nMik der HMkedMosdieB TuislL 9^ 

wie Fig. 11, könneii auch «ckri^ «ehen und laden cu manaigCidier Ao$- 
geslaltnn«: der Eeken ein; Tgl. Fig. 1:1 

Zu eigentlichen Henkeln werden die Randerweiterungen auch bei ^ner 
Schale mit steilem, am ittsä^ersten Rande T^rdickten Pn>fiL deren Tjpus 
achon in der Torigen Gruppe (Fig. 1) voigebildet ist. Da das Lnveh in 
der R^el gerade do gross ist, dass man dea Daumen durchstecken kann, 
padst anch für diese Abart tlie Bexeichnung Lochhenkel (Fig. 14 = IT b 44 
Hi^o Elia). Diese mit den Bögelhenkeln sich berührenden Tvpen stehen 
etwas schrig od^r sitKen fast vertikal am Rande auf. Sie würden abo 
auch zur Schale passen. Ausser dem abgebildeten Exemplare finden sich 
noch Tier Ton demselben Fundorte in der Sammlung (IV b 45—48). 

Es Totiient besondere Beachtung, dass das Prinup der Randerweiterung 
ohne und mit Durchlochung auch in der troischen Keramik sich 
durchbricht Ein recht lehrreiches Beispiel dafür ist die Schale der 
Schliemannsammlung Kat,-Nr. 396. Dem Fundorte nach gehört sie zwar 
tier ersten Bauperiode der zweiten Ansiedlung aa> ist aber in ihrer Technik 
durchaus im Charakter der ältesten Keramik von Troja gehalten; zudem 

Fig. IG. Aas Troja. Rg. 17. Ans Troja. Fijr. 18. Aus dsr Troas, 





lagen neben ihr Scherben von Schalen mit rOhrenfSrmigeu llenkelöson 
wie sie für die älteste Keramik charakteristisch sind. (Zum Fundort: 
Einleitung zum Kataloge der Seh liemann Sammlung S. XIII). Für die 
Lochhenkel am erweiterten Rande finden sich ebenfalls passende Analogien 
aus der ältesten troischen Entwicklungsstufe: (Schi. Sammig. Kat Nr. 91—93 
= Fig. 15. 16. 17): Fig. 16 und 17 sind Fragmente von Schalen des 
troischen Typus a (Kat Nr. 13 u. a m.); bei Fig. 15 ist die Randerweiterung 
oben gabelförmig geteilt. Beispiele ohne Durchlochung sind in der ältesten 
Keramik von Troja die Randstücke Kat. Nr. U— 16. 20. 22. Gerade die 
Randerweiterungen laden auch in Troja zur Ornamentik ein und bieten in 
einigen Fällen sogar den Raum für Darstellungen des menschlichen Gesichtes 
(Kat Nr. 151. 153). Immer aber liegt der älteste Typus der troischen Schale 
vor, der in der weiteren Entwicklung verschwindet Daraus lassen sich 
Rückschlüsse auf Alter und Bedeutung der behandelten Bnichstücke aus 
den makedonischen Tumuli ziehen. Zu den eigenartigen, trapezförmigen 
Horizontalhenkeln, wie sie Fig. 10—12 zeigen, mag auch ein Fragment 
aus dem Hanai-Tepeh (Fig. 18) als Parallele angeführt werden; in diesem 
Hügel hat sich manche keramische Form gefunden, die zu einer Parallel- 
gruppe der ältesten, troischen Keramik gehört. 


H, Sclmiidt: 


i 


Während die bisher behandelten Henkel typen horizontal am Oefäst»- 
körper ansitzen mid zu Schalen und Schüsaelu gehören, lassen sich dto 
Vertikalhenkel auf Terachiedene Üefäasformen verteilen. Auffallend 
sind unter ihnen solchej bei denen das Prinzip der Kanderweiterung^ in 
ahnlicher Weise wie bei den horizontal ansitzenden sich geltend niaebt 
und zu höchst eigenartigen Bildungen führt. Das zeigen zwei Bruchstücke, 
die zu dem älteren, gleichfalls Hrn, Dr, Träger zu vordankenden Bestände 
aus dem Tumulus Hagio Elia gehören (unter IYb23). Der eine Henkel 
(Fig. 10) setzt am Gef^&e mit einer dünnen, 5,3 bezw. 3,3 cm breiten 
Platte an; ihre Standriohtung im Verhältnis zum Gefässrande lässt sieh 
nicht mit Sicherheit feststellen, da von dem letzteren zu wenig oder gar- 
nichts erhalten ist; doch nehme ich nach den Ansatz^puren der Bruchstelle 
an, dass der Henkel ungefähr unter einem Winkel von 45'' zur Horizontalen 
geneigt war. Die Henkelplatte hat eine Länge von 5,2 cm; an ihrem Ende 
setzt sich der Henkel in anderer Form fort, als Bügel henkel mit tiefer 
Hohlkehle au der Aussenseitej und zwar senkt er sich fast rechtwinklig 


Fig, lt»"2!>. 




mit leichter Ausbiegung des Aussenrandes nach unten. Nahe dem Ansät" 
befindet sich in der Mitte der Platte eine Vertiefung, die an die Durch- 
loch ung der horizontalen Plattenhenkel lebhaft erinnert und vermutlich 
auch daraus sieh erklärt. 

Der andere Henkel ist vollständiger erhalten (Fig. 20) und zeigt seinen 
Zusammenhang mit der Gefässwandung; doch ist seine Bildung nicht so 
klar, wie die des vorigen. Auch er setzt breit am oberen Kande an und 
verjüngt eich etwas nach oben zu; der hohlkehlenartige Bügel des Henkels 
greift aber auf der Höhe über den Ausätzte il über, während auf der 
Innenseite der Übergang abgerundet ist; der gan^e untere Teil wird wieder 
breiter und läuft ohne Hohlkehle in die Gefäj^swandung üben Das zu- 
gehörige Gefäss war nach den Resten der am Henkel sitzenden Wandung 
eine Schale oder ein üapf. Zu derselben Gefässgattung passt auch der 
zuerst erwähnte Henkel. Beide sind in der Technik gleich und bemalt^ 
worüber weiter unten zu reden sein wird* 

Bezeichnet man diese Henkel nach ihrer Zusammensetzung ans zwei 
verschiedenen Teilen als Umbruchhenkel, so gliedern sich einige andere 
Vertikalhenkel an sie an, die am Kand© von Kannen ansitzen; Fig, 21 
(=lYb427 Tum. Topsin) und Fig. 22 (-=rVb469 Tum. Amatovo). Diese 
Art von Ümbruchhenkeln findet sich auch am Bauche von Krügen wie 
Fig. 23 C=IVb372 Tum. Platanaki 3). 


j 


101 


Die I JiMrigm iddiwhca ScWtiMa im Ckirakicr 4<r siiderM Gnqip^ 
I üdit gtifigawl. £e FhmimI ili mm beraekem. X«r «ta^ lUftdtticke 
regca ikrer Fi^Sliammg moA trwikmt wcfd«: Fig. ä4«rrrb6i 
Hi«MEIim: F«<2S^ iS = IVbi8&2«« Gafiko 9: Fif.äi ^IVbSiS CUik« 
10; Fis.^ = IVbS49 Pktaunki 3: Fig. :» = rrb4t» SumklL 

m. Die eatwickeli monochrome G«tt««;. 

Dsrtk ose entvickeltne Tedmik leiekn«! sick nur wenige mono* 
chrome Sckob» tot der gnttsen Masse der Uhrigefi an». IKe n^^ek^kigen 
G^bme sind anf der Sekeibe gedreht und leigen andi in ben^ anf 
Tonb^reitni^ nnd B^andfaing da- Oberflicke einen entackiedenen Foit« 
aekritt Tarvicgend ist eine fune. gran-monockrome Gattn^: g«rii^r 
an ZaU sind Sckeiben Ton gelber nnd gelblick-roter Faibe. IKe^e Gastmg 
kommt ^eiekartig aowokl anf dem Hagio Efia. wie anf mekreren Tnrnnli 
am Galiko. sowie bei SarÜLÜ nnd Amatovo vor. 



Fdr die Formen ist sehr wenig aus dem Scherbenmateria] zn ge- 
winnen. Schalen nnd Kannen sind anch hier am sichersten in erkennen. 
Einige Randprofile mdgen das eriintem: Fig. 90 von einer Schale (= lYb 
155 Galiko 17) mit oben eingetiefrer. einzelner Wellenlinie), Fig. 31 (GaL d 
= IVb 307) Ton einem Xapfe, Fig. 32 (= lYb 160 Galiko 17) Ton einer 
Kanne, Fig. 33 von einer Kanne {= IVb 461 Sarakli). 

Nach Formen and Technik linft diese Gattung darchans parallel der 
entwickelten monochromen von Troja. So gering die Zahl der zageh^gen 
Scherben ist. lässt sich der Geilanke. es k(>nnte aus Troja importierte 
Ware sein, doch nicht festhalten. Einige weiter unten zu erwUmendo 
Stücke sprechen sogar gegen eine solche Annahme. 

IT. Die Ornamentik der einheimischen Keramik. 
a) Die geradlinige Ornamentik: Tieftecknik nnd Malerei. 

Die oben behandelten Fragmente einer älteren Gefässgattung ^Gnippe h 
haben keine Anhaltspunkte för eine Linien- Ornamentik ergaben. 

In genügender Anzahl liegen sie für die mittlere Gattung (Gruppe 11) 
vor. Sowohl Tiefornamentik als Bemalung ist üblich. 


102 


H. Schmidt: 


Die geradlinigen, eingetieften Master lassen sich in den alteuropäischen 
Mostersehatz einordnen, ohne dass das massgebende, ornamentale System 
ersichtlich wäre. Es sind hängende Dreiecke, durch Parallelstriche gefflUt^ 
Fig. 34—36 (=IVb 241 Gal. 8; 458 Sarakli; 352 Platanaki 3) oder von 
Bändern begrenzt und im Innern mit einer Tupfenreihe versehen, Fig. 37 
(= IVb 23 Hagio Elia). 

Bei Kandstücken findet man Horizontal- und Zickzackbänder mit und 
ohne Füllung: Fig. 38 (= FV^b 326 Gal. 10), Fig. 39 (= IVb 79 Hag. EL), 
Fig. 40 (= IVb 76 Hag. El.). 

Beachtenswert sind einige Beispiele von Kerb Schnittmustern in 
Verbindung mit einfacher Furchen Verzierung: Fig. 41 — 43 (= IVb 69. 74 
Hag. El.; 351 Fiat. 3; 23 Hag. EL). Von diesen durch Kerbschnitt 
herausgehobenen Dreiecken sind die eingedrückten Tupfen zu unter- 
scheiden: Fig. 44. 45 (= IVb 290. 292 Gal. 9). Ein einzelnes ausge- 

Fig. ai-.^. 



schnittenes Dreieck befindet sich auch auf einem oben abgebildeten Platten- 
henkel (Fig. 9 = 154 Gal. 17). Im übrigen sind diese nur ganz einfach mit 
kurzen Furchen oder kleinen einzelnen Winkelmustern u. dergl. verziert; 
der Rand ist fein gekerbt. Vgl. Fig. 7. 8. 

Auch die Ansätze zu einer mit einem mehrzinkigen Instrumente aus- 
geführten Wellenornamentik liegen vor: Fig. 46 (IVb 457 Sarakli). 
Die einfache Wellenlinie zeigt das oben unter Fig. 30 abgebildete Rand- 
stück: Fig. 47. 

Besonders wichtig ist es, dass auch weiss inkrustierte Bruchstücke 
nicht fehlen: Fig. 48 (= IVb 240 Gal. 8). 

Vereinzelt steht der ungeschickte Versuch, konzentrische Kreise in 
Tieftechnik darzustellen: Fig. 49 (=IVb 23 Hag. EL). Auf dem Bruch- 
stück eines sehr fein geglätteten, hellbraunen Gefasses (Fig. 50) findet 
sich ein sparrenartiges Muster, das mit einer grösseren Flächendekoration 
im Zusammenhange zu sein scheint (= IVb 77 Hag. EL). 

Geometrische, geradlinige Muster werden auch mittels des Pinsels 
mit einer matten, dunkel-violettbraunen oder dunkel-violettroten Farbe 


Ktfamik der makedonischen TonmlL 103 

auf die Gefasse aufgemalt. Diese Mattmalerei spielt keine geringe Rolle 
und ist, wie die ganze mittlere Gefässgattung überhaupt, durchaus ein- 
heimischen Ursprungs. Brauchbar sind für diese aufgemalte Dekoration 
natürlich nur die Gefässe mit heller Oberfläche, d. h. die gelbmono- 
chrome Gattung. Auch hier ist Tonqualität und technische Ausführung 
eine verschiedene. Der Ton ist im Bruche gräulich oder bräunlich, viel- 
fach mit rötlicher .Tönung, zum Teil einheitlich grau und sehr fest, je 
nach der Zubereitung und dem Brande; auch die Oberfläche ist ver- 
schieden behandelt, überzogen, gamicht oder mehr oder weniger gut ge- 
glättet 

Yen der Art der Dekoration lässt sich bei der Beschaffenheit des 
Scherbenmaterials keine genügende Vorstellung gewinnen. Am Rande 
von Gefässen mit weiter und enger Öffnung beobachtet man breitere, 
horizontale Streifen, mit denen eine schmalstreifige Vertikalmusterung im 

Fig. 44-49. 



Fig. o^)—üö. 



Zusammenhange ist (IV b 100. 101 Hag. EL; 356 Piatau. 3). Vgl. Fig. 56. Mit 
solchen breiten, längs- oder querlaufenden Farbstreifen werden auch die hori- 
zontalen und vertikalen Henkel versehen (IVb 91—98 Hag. EL). Vgl. Fig.Gl. 
Auch die Aussenflächen von (befassen, deren Innenseiten rauh, also 
nicht sichtbar waren, zeigen ebensolche breite Streifen (IVb 106 — 108 
Hag. EL; 300 Gal. 9; 357 Plat. 3), mitunter im Zusammenhange mit 
feineren Vertikalstreifen (IVb 299 Gal. 9); selbst die Böden der GefÄsse 
werden aussen und innen farbig umzogen (IVb 109 Hag. EL; 333 Gal. 10). 
In einem Falle findet sich eine Wellenlinie Fig. 51 (= IVb 105 Hag. EL). 
Eine Vorstellung von einer reicheren Musterung geben vier Scherben: 
die eine mit unter einander laufenden Zickzackbändern Fig. 52 (= IV b 
387 Plat. 4), die zweite mit Gittermustern Fig. 53 (=IVb 243 Gal. 8), 
die dritte von dem oberen Schulteransatz eines innen rauhen Gefässes 
mit breiten Horizontalstreifen und ebenso breiten Vertikalstroifeu, an die 
in feineren Streifen ineinandergeschachtelte Dreiecke augefügt sind Fig. 54 
(=IVb 103 Hag. EL). Dazu Fig. 55 (= IVb 102 Hag. EL): das Kand- 
stück einer Schale mit Randlippe und den Ansatzspuren von einem auf- 
recht stehenden Henkel; am äusseren Rande läuft ein breiter Farbstreifen, 


104 


H. Schniidt: 


an dem ineinandergeschachtelte Winkel hängen; der ober© ßand, auf den 
der Farbstreifen von der hielte übergreift, ist mit ineinandergeschachtelten 
Bogenmustern verziert. 

Die bisher genannten Stöcke gehören alle dera Bereiche der Hand- 
arbeit an. Dieselbe Matt maierei findet eich aber auch auf scheiben- 
gemachten Oefflssen. Als Belege dienen dafür das Randstöck eines 
weitgeöffneten Itefäeses, dessen Profil und Dekoration Fig. 56 (= IVb 471 
Amatovo) zeigt, und ein Bruchstück von Hals und Schulter eines krug- 
artigen Gefäsaes Fig* 57 (= IVb 329 Gal. 10); auf letzterem ist sogar die 
Tiefornamentik mit der Malerei verbunden: rings um den Hak- 
an ^^atz länft eine Hohlkehle; in den unteren Eaud^iulst derselben sind 
lanzettförmige Vertiefungen eingeschnitten, an <He schräge Ponktreihen 
herantreten; auf dern oberen Halse sowohl wie auf dem oberen Eandwulst 
der Hohlkehle und über die eingetieften Ornamente hinweg laufen 
schmälere und breitere horizontale dunkelviolette Farbstreifen, die freilich 
fast gan^ abgerieben sind. 

Fig. 56^^. 


5.;^^ 




t 


Scheibengemaehte, mattbemalte Gefässe von der gelbmono- 
chromen Art beweisen, dass die Scheibentechnik an Ort und Stelle bekannt 
und geübt gewesen sein muss, also auch kein Grund vorliegen kann, die 
entwickelt monochrome Gefassgattung als importiert zu betrachten- Im 
Gegenteil ist die Annahme berechtigt, dase in den drei behandelten Ge- 
fässgattungen eine kontinuierliche^ einheimische Entwicklung sich offenbart. 
Mehrfach hat sich im liaufe der Untersuclmng ergeben, da«s diese Ent- 
wicklung der troiaclien parallel läuft. Gerade die Mattmalerei ist eine 
neue ötatze für dieses Ergebnis. 

In Troja haben wir eine Eeihe von Anhaitapunkten für das all- 
mähliche Aufkommen einer Bunt maier ei innerhalb der monochromen 
Gefässtcchnik. Hie ist zu unterscheiden von den ältesten 31alver&uchen 
mit weisser Farbe auf schwarzmonochromen Gefassen, die wahrscheinlich 
im Zusanmieuhange mit der weissen Inkrustation stehen (Schb-Bammlg. 
Kat-Nr. 154. ^229- 230; bei Dörpfeld, Troja und Ilion S. 252> Die 
Bimtmalerei innerhalb der monochromen Technik dagegen beruht auf der 
ornamentalen Verwendung des sonst auf der ganzen Oefässfläche sich aus- 
dehnenden Färb Überzuges. In Troja ist ea iler Kreis der rotflberzogenen 
Gefässe, wo sich diese Beobachtung machen Ifisst. Die Schalen mit innen 
aufgemalten Kreuzen und aussen aufgemalten Radisistreifen Terdanken 
ihre Dekoration diesem Wechsel von Farbüberzug und farbiger Ornamentik 
(Schh-Sammlg. Kat,-Kr. 11)02 ff.). Dass beides gleichbedeutend ist, geht 
aus der Politur der farbigen Streifon hervor, die auf den nichtpolierten 


Tongrund gesetzt werden. 


M 


E^ramik äet tnaltedoiii sehen Tumuli. 105 

Btee lelbBtätidige und eigeuarlige Ornamentik eutwiekelt Btcb auf 
dtf troischen Deekelbilchse (Schi- Sammig* Kat.-Nr* 1739. 1740): auf der 
ObcTaeite des Deckels eine Kompos^itian von aufgemaUen Hakönspiralen 
um [einen Eentraleu Kreis mit xwischengesetzten Punkten nnd au den 
Seiten abwechselnd Vertikalstreifen und Pnnktreihen; auch hier wird 
dorL'h Politiirj die bei der Schmalbeit der Streifen freilich auch auf den 
Tongrund übergreift, ein (Uanz tler Muster herTorgerufen. In Troja erhält 
sich diese primitive Maltecbnik bis in die entwickelt-monochrome Gef&ss- 
gattuog (SchL-Sammlg. Kat.-Nr. 3554. 3555. 3560); doch werden die Farb- 
streifen jetzt nicht mehr tODgmndig aufgesetzt, sondern auf die liber- 
zogeoe Gefäagfläche, dagegen wird die Politur derselben nicht unterlassen. 

Diese Mal versuche sind wohl zu unterscheiden von der troischen 
Mattmalerei der YL Ansiedelung, die unter dem EinSusse der eingeführten 
mykenischen Technik auf dem Höhepunkte der einheimischen Entwicklung 
Jierrschend wird, mögen aber die Aufnahme der mykenischen Vorbilder 
in Troja begünstigt haben. 

lu Makedonien scheinen ganz ähnliche Vorgänge wie in Troja zu 
einer Malerei geführt zu haben. Denn ©a finden sieh in der Sammlung 
zwei Fragmente eines grossen, handgemacliten (iefässes, das ganz über- 
siogeu war mit einer dunkel violetten Farbe derselben Art^ wie sie aucli 
für die aufgemalte Dekoration verwendet worden ist (IVb 169. 170 Galiko IT)* 
Also auch hier ein Wechsel von Farbüberzug und gleichfarbigen, auf- 
gemalten Streifen. Allerdings fehlen nach Belege für polierte Farbstreifon 
nach Art der troischen Technik; die makedonische beschränkt sicli auf 
blosse Mattmalerei ohne Politur. 

b) Bie Hpiralornameutik. 
L eingiUeft, aufgemalt und ptattitch. 

Zu den geradlinigen Slustern kommt die Spirale; sie ist sowohl ein- 
getieft wie aufgemalt und plastisch dargestellt; und zwar in allen Fällen 
auf Scherben der Gruppe IL 

Die eingetiefte Spirale findet sich auf einem Henkelstück aus 
grauem Ton: Fig* 58 (= IVb 354 Platanaki 3). Über einom querlaufendeu 
zweigartigen Muster gehen wir eine einzelne Volute, nicht in einer fort- 
laufenden Furche gezogen, sondern so, dnss der spitze <iriiTel iibwechselad 
liolier und tiefer in den weichen Ton eimticht, ohne abzusetzen* Diese 
Volute scheint aber im Zusammenhange mit einem anderen eckigen 
Mnster %i\ sein, denn es ündet sich an der Bruchstelle eine in einem 
spitzen Winkel abgehende Furche. Man wird sich also das Muster zu 
ergänzen haben als Winkel mit angehängter einzelner Spirale* 

Als Anhängsel erscheint sie am Ende einer Horizontalfurche aach 
auf dem oben abgebildeten Randstück mit Tiefomamentik (Fig. 39); auch 
an die Art der intermittierenden Fnrchenverzierung des eben genannten 
Henkelfragmentes erinnert dieses spiralige AnhängseL 

Diese wenigen Beispiele einer eingetieften, einzelnen Spirale pasi^en 
vortrefflich zu ihrem Auftreten im Bereiche der Mattmaleroü So er- 
scheint sie am Ende von hängenden Dreiecken und einfachen Hori«ontnl- 


w 


loe 


H. Sclmidt: 


r 


I 


► 


streifen auf einom Bnichstacke Fig. 59 (= IV b 104 Hag. El.)* Dieselbe 
imtergeordnete Bedeutung hat sie auf dem schon oben 8. 100 genannten 
Umbruchhenkel» dessen aufgemalte Mustor Fig, 60 zeigt Solche Beispiele 
beweiaeu, wie nach Form und Inhalt die Mattmaterei der Tiefornamentik 
parallel läuft. Einzelne Spiralen als Anhängsel, in einer Reihe angeordnet, 
finden wir auch auf einem mattbemalten, horizontalen Bügelhenkel, von 
dem ein Brutdistuck erhalten ist (Fig. 61 = IVb 91 Hag. EK)- 

Die plastische Spirale ist auf zwei Bruchstöcken von dickwandigen 
Pithoi yertreten: Fig, 62. Ü3 Q^ IV b 110. 111 Ha- EL); ob sie dabei 
mehr als Eiuzelvolute bedeutet, lässt sich nicht sagen. 

Jedenfalls kann man in den erwähnten Fällen nicht Ton einet ent- 
wicklungsfähigen Spiralornamentik reden. Die Spirale ist vielmehr als 
Einzelmotiv von untergeordneter Bedeutung, als nebensächliches Beiwerk 
zur geradlinigen Ornamentik anzusehen. 

Auch sie erinnert uns an die Art der vor my kenischen Spirale in 
der troischen Keramik. Diese spielt sogar eine noch geringere Rolle. 


Fig. 59-62. 




Als eigeutlich troisches Motiv ist sie gebuudeu an eiii plastisches Orna- 
ment, das seinen Ursprung aller Wahrscheinlichkeit nach bogeuförmigeu, 
als Handhaben dienenden Vorsprflngen zu vordanken hat und daher in 
der Regel auf Deckelamphoren sich vorfindet (z. B. SchUemaun-Sammlung 
Kat.-Nr- 433—435. 528. 530, 639. 2ti25. 222Ö, 23011. 1369. 137L 1949; 
solche Handhaben ohne die plastischen Anhängsel haben die Deckel- 
ampharen KaL-^"r. 529. 638. 829. 830). Zu grossen Voluten entwickeln 
sich diese Aiibäugsel auf den Bruchstücken Kat.-Nr. 832. 1717—1720). 
Diese plastische Doppelspirale in der troischen Keramik hat meines Erachtens 
keinen ursächlichen Zusammenhang mit der Doppelspirale aus (ioldflraht, 
wie sie auf den Schmucksachen der Schatzfunde aufgelötet ist (Kat-Kr. 
6003. 6133), wenigstens nicht iu dem Sinne, dass sie auf die Metallspirale 
ihren Ursprung zurückzuführen hätte; eher köunte das Umgekehrte der 
Fall sein. 

Wo iu Trojü die Spirale eingetieft vorkommt, mag sie aus den 
Einflüssen der Inselkultur zu erklären sein (Kat.-Nr. 2469. 2470; vgl. bei 
Dörpfeld, Troja und Iliou S. 279 f)* Dem alttroischen Ornameutsjateme 
ist jedenfalls die Spirale als Grundlage für eine der geradlinigen entgegen- 
gesetzte Spiral dekoration fremd; gerade iles wegen müssen wir uns hüten 


j 


Kuramik (ler mikedonkeheti Turuuli. 


107 


di*? alttroische Üniamentik mit aolcheii Dekorationsstile n in einen Zu- 
samnienhang zu bringen^ in deuen die Spirale als dekorativem Motir ihre 
eigentliclie Bedeutung hat und das den Stil beetimmende Element ist 

2. Die Bandspirale. 

Ganz anders sind einige Scherben von *leii makedonisdieii Turauli zu 
beurteilen^ die uns die Bandspirule zeigeu* Sie wit'd gebildet von 
mehFeren Parallelfurchen oder von ftüchtiger behiiudelteu, durch unregel- 
mäsgige Furchen gefüllten Bändern; auch mit Sticlipunkten können der- 
artige Bänder gefüllt geio. Die hierliergehürigeii Bruelistücke sondern sieh 
in zwei Gruppen, die sich beide durch eine gut geglättete Oberfiäche auis- 
zeichnen: die braune: Fig. t>4— 67 (= IVb 7(1 80. 83. U Ilag. KI.) und 
die schwarze: Fig. 6H-72 {^ IV b 67. 8h 85. m Hag. El ; 353 IMataih 3> 


Fig. U7— 70. 


# Sfk 


Fig. 71-T^. 



Di© schwarze Gruppe weist Spuren von weisser Inkrustation auf und* 
was besonders zu lieachten ist, zeichnet sich dureh einen graphitartigen 
(ilanr an». Diese Merkmale finden sich auoh auf einem Bruchs tilck, dm 
uns noch mehr von tler Dekoration derartiger (reflUgi^ bietet: Fig. 7^1 
(==ITb 82 Hag, Eli. Es «ind frei Terwendete rhomhenarttge Muster in 
Bändern, die mit Stichpunkten gefüllt sind« 

Diese wenigen Scherben können also als Beispiele einer eigentlichen 
Spiraloruanientik angesehen werden, und auch die Art dtr Anordnung 
und Verteilung der i^eradlioigen Muster auf Fig, 73 erinnert an die Merkmale 
iler sogen. Bandkeramik und dröckt den Seherhen den Stempel besouderer 
Altertümlichkeit aut Sie scheinen einem anderen Ereit^e anzugehören, 
als die grosse Masse der anderen Bruchstücke in monochromer Technik, 
sind wahrscheinlich älter als diese oder den ältesten von ihnen gleich* 
zeitig und steigern natürlich das Ansehen und die Bi^dentung der TOn 
Dr. Traeger besuchten Fandatellen. ^ 



lOS 


H, Schmitltr 


V, Vorratsgefässe und PithoL 

AnnMer der gut gearbeitet 011, raoüochromeii Keramik kommen aocli 
gröbere Sorten ohne eorgfältige Behaiidlutig der Oberfläche, meist grössere 
Vorratsgefässe und in der Erde feststehende, dickwandige Pithoi vor. Wie 
immer eind sie am Rands und auch auf der Schulter- oder Bauch fläche 
mit plastischen Omamentstreifeii versehen, die durch Fingereindrücke 
und auch mittels des Griffels durch schräge Furchen gegliedert sind. Als 
Beispiele mögen dienen Randstücke Fig. 74—79 (= IVb 114, 115. 118 
Hag. El.; 359. 360. HVd Platanaki 3) und Pithoifragniente Fig, 80. 81 
(- IVb lU Hag. EL; 366 Platanaki 3), 

Fip, 74-78. 


^^tfH 


jfxyr^j 


Fig. 7^^-82. 


Fig, sa. 


^^^ 


I 


B, Die importierte bemalte Keramik. 

Der einheimischen Keramik steht nun eine grosse Menge importierter 
Ware gegenüber und illustriert in augenfälliger Weise den in jenen 
Gegenden immer mehr zur Geltung kommenden älteren ägäischeti oder 
späteren griechischen Einflusä, 

Der Import fremder Ton waren mit ^Firnisnialerei'' beginnt schon mit 
den mykeuischen Vasen* Bruchstücke von soleheu haben der Hagio 
Elia und der Tumulus ara (ialiko (17) geliefert: k. B. Fig. 82 (aus IVb 23) 
und Fig. 83 (—IVb 185), Mehrfach kommen dicke Henkel mit weisslich- 
gelbem Überzüge luul breit aufgemaltem Längsstreifen vor (IVb 176. 
177 GaL 17; 428 Topsiu). Unter die älteren, an niykenische Traditionen 
anknüpfenden Gattungen gehört auch Fig. 84 (= IVb 121 Hagio Elia) 
von einem Napf mykenischer Form mit Ilorizontalstreifen* 

Sehr zahlreich yertreten sind auf den meisten der Tuniuli die geo- 
metrisch bemalten (»attungeu, teils in grober und mangelhafter Technik, 
teils auch Proben Ton besserer Ware* Mit dem Zirkel gezogene, kon* 
zentrische Kreise finden sich auf Stücken vom Galiko 17 (IVb 190 — 192), 



Keramik tier tnakedoftisohen Turnttli. 


109 


Galiko 9 (IVb 302*^304), von Amato?o (IVb 475), von Platanaki Np, 4 
(IVb 393. 397). Ein Raudatück einer fernen Schale (Fig. 85) i«t mit 
(Truppen von hängenden Halbkreisen verziert (IVb 429 Topöin). 

Der Import erhält eich weiter bis um die Zeit des schwarz- und 
rotftgurigen Stils der griechischen Vasenmalerei. Stöcke mit gutem 
schwarten Firnis sind vorhanden. Das Bruehstöck von der Henkelplatte 
einer Colonettenvase mit aufgemalter schwarzer Palmette stammt vom 
Tumulns Galiko 17 (IVb 206). 

Auch ans der hellenistischen Epoche haben sich charakteristische 
Frohen gefunden: Becher mit hohem profiliertem Fussund zwei horizontalen 
Plattenhenkeln, mit Firnis überzogene Pischteller, gefirnisste grautouige 
Ware^ schwarsEe und rote, sogen, megarische Gefässe. Auch rohe Vorrats* 
gefäise in Form der doppelheukligen Spitzaraphoren kommen vor. 

Proben von roher, seheibtmgemachter Keramik jüngerer Epochen 
mögen auf die gleichzeitige, einheimische Fabrikation hinweisen 
(vgLGahS; IVb ^74-277; GaL 17: IVb 2*21-230; Platanaki 4: IVb 426). 

Ich bemerke noch, dass unter dem im KgL Museum beßndlicheu 
Hoher benmaterial von den Tumuli die rote, glasierte Keramik (Terra 

Fig. 84 and Ki. 




sigillata) fehlt, mochte aber diesem Umstände keine besondere Bedeutung 
beilegen. Denn m. E. muss man sich hüten ^ in Rleinasien und iu den 
Grenzgebieten der kleinasiatischen Industrie das Auftreten und Fehlen 
von Terra sigillata für Datierun^^en zu verwerten. 

In Kleinasieu hat zwar der Übergang der Pimistechnik der „roten" 
Keramik in die Olasnrtechnik stattgefunden, wie uns Drageudorff (Bonn. 
Jahrb» Heft % S. 25flF0 gelehrt hat; aber der Zeitpunkt dieses Umschwunges 
ist noch durchaus unbestimmt. Also kann auch die in Troja gefundene 
„Terra sigillata'' (zwei Bruehstöck e Kat.-Nr. 4003: vgl Einleitung Eum 
Kataloge der Hchlieniann-Sammlung S. IX und Sachregister S* 349) bereits 
vor der römischen Kaiserzeit dahin gekommen sein. 

Andererseits ist m doch auffallend, dass unter dem Scherben material 
von den Tumuli gerade solche Keramik, wie sie in Troja gewiss der 
römischen Kaiserzeit zuzuweisen ist (n. bei Dörpfeld, Troja und Ilion 
S. 313f. Beilage 42, VII), gänzlich zu fehlen scheint. 

Es kann nicht von Interesse sein, die importierte Keramik aus ver- 
schiedenen Epochen ausföhrlicher zu behandeln; sie findet sich an anderen 
Punkten der Küsten des Mittelmeeres ebenso zahlreich und ist nur ein 
Beweis, dass Altmacedonien eingezogen wurde in die grossen EinHuss- 
spbären, die sich wie konzentrische Hinge um die grossen Koltnr- und 



110 H. Schmidt: 

IndastriezeDtren der mykenischen und griechischen Welt beramlegen. 
Neues und Wichtiges haben uns die älteren Geßissgmppen mit ihren drei 
Entwicklungsphasen gezeigt. Hier ist die Frage am Platze, welchem 
Volke oder Stanmie diese Keramik zuzuschreiben ist. 

C. Zur Ethnologie. 

Zweierlei worden wir bei dieser Frage zu beachten haben. In tech- 
nischer Hinsicht sehen wir in bezug auf Formengebung und Tonbereitong 
eine Entwicklung in drei Perioden vor uns, die uns von einer primitiTen 
Stufe der Handarbeit bis zur vollendeten Drehscheibentechnik fülurt. Diese 
Entwicklung scheint einheimisch zu sein. Der älteste Import aus dem 
ägäischen Kreise hebt sich mit den mykenischen Gefässen von ein- 
heimischen Produkten tleutlich ab. unter den monochromen Gruppen 
fallen die Stücke mit einer Spiralbandomamentik aus dem Rahmen dieser 
Entwicklung heraus, teils wegen des graphitartigen Glanzes, der sich bei 
den anderen Gruppen nicht vorfindet, teils wegen der Ornamentik, da die 
eingetiefte und aufgemalte Spirale sonst nur die Bedeutung eines Bei- 
werkes hat. 

Man wird also die Möglichkeit ins Auge fassen müssen« dass diese 
(iruppe mit Spiralbandornamenten fremden Ursprungs ist. Vermutungen 
darüber zu äussern, wäre gewagt. Man erinnert sich zwar der Nähe 
Butniirs mit seiner entwickelten Spiralomanientik in rein steinzeitlicher 
Umgebung. Aber selbst wenn mau sich gegenwärtig hält, dass auch nnter 
dem makedonischen Scherbenvorrat das Bruchstück eines Tonsiebes, wie 
von Butmir (Bd. II 34 Fig. 40), vorkommt (IV b 3ti9 vom Platanaki 3), 
femer dass auch der Graphitglanz der Keramik seine steinzeitlichen 
Parallelen in Mähren und Niederösterreich hat (vgl. Palliardi, Mitteil, 
d. prähist. Komniiss. d. k. k. Akad. d. Wiss. Wien I, 4 S. 247, 253), 
wird man doch zögern, auf gruml der wenigen vorliegenden Scherben 
Verbindungslinien mit bestimmten Kulturzentren des nördlichen Hinter- 
landes zu ziehen. 

Anders treten uns die aufgefundenen Parallelen unter der troisehen 
Keramik entgegen. Hier bestimmt unser Urteil nicht nur die Gleichheit 
der technischen Entwicklung, sondern auffallender ist noch das gleichartige 
Formen- und Stilgefühl, das in Troja und am Axios zu ähnlichen Formen- 
eigentümlichkeiten und zu einer gleichartig sich entwickelnden Ornamentik 
führt. Diese legen uns den Schluss auf verwandtschaftliche Be- 
ziehungen zwischen den Troern imd den Verfertigem unserer Eeraniik 
nahe. 

Am unteren Axios und im Gebiete zwischen diesem und dem Strjmon 
haben die thrakisohen Edonen und Mygdonen gesessen (vgl. Toma- 
schek, Thraker I 33 ff. Kiepert, Lehrbuch d. alten Geographie §282, 
283). Allerdings lässt sich nicht ausmachen, wieweit in derselben Gegend 
auch illyrische Elemente mit den Thrakern sich vermischt haben. Denn 
nach Tomaschek (a.a.O. S. 13 ff.) sind die den Illyriem zugehörigep 
Paionier im Axiostale vorgedrungen und seheinen die dort wohnenden 
thrakischen Stämme unterworfen zu haben. Aber schon von Körte (Athen. 


Kentntk 3er mikcdtmisdien Tnömli. 


111 


Mitteil. 1899 S. 41) uBd KreUcbmer (Einleitiing ssur Geschichte der 
griech. Sprachig S. 178) wurde ohne Bedenken der Tumulus von Saloniki 
herangozogeo, um die EiDheitlichkelt der phrygiscb-traiBch-tlirakischeti 
KultuiTPiite 2u beweisea* Diefses Bowei»materiaI hi durch die Traeger- 
sehen Funde um ein Bedeutendes vermehrt worden. Dadurch konnten 
^lie Beziehungen i wischen Troja und dem europäischeo üebiete der Thraker 
in ein neues Licht gesetzt und für die ältesten Epochen gesichert werden. 
Je älter sie aber datiert werden können, um so leichter lassen sie sich 
mit den Wanderungen der tbrakisehen Stämme in einen Zusammenhang 
bringen. Man wird also schwerlich an der Kicbtigkeit der ethnologischen 
Kombinationen zweifeln konneti. 

Für die Thraker sprechen noch weitere keramische Vergleiche. Bei 
der Betrachtung der Vertikalhenkel der mittleren (iefassgruppe der Tunuili- 
funde hat sich ein Bildungsprinzip herausgestellt, das auf der Yereiniguug 
zweier Torscbiedenen Formen, der Henkelphitte und der Henkelstötze, 
beruht und an die Bildung der ak Randerweiteruug geltenden Horizontal- 
henkel sieh anschliesst» Dasselbe Bildungsprinzip finden wir einerseits in 
Troja in einer viel jüngeren Gefässgattun^ wieder, in der nachmy kenischen 
Bucketkeramik, die wir jetzt mit Sicherheit einem der in die Troas 
eindringenden Thrakerstämme zuweisen dürfen. Vgl. zur Form der 
Henkel die Gefösse der Sehliemann-Sammlung Kat.-Nr. 'J:>B5— 3569. 3578 
bis 3585, 36CK); dazu die Ausführungen bei Dörpfeld, Troja und Hion 
8. 300 ff. 594 ff. 

Die troische Buekelkeramik lenkt unsere Blicke andererseits nach 
der europäischen Heimat der Thraker. In der Tat habe ich im 
Jahre 1902 auf meiner Studienreise in Ungarn im Kreise der dortigen 
Buckelkeramik zahlreiche Beispiele von ähnlichen Henkelfornien feststellen 
können. So im Museum zu Werächetz (Südnngarn) aus einer Ani^iedlungs- 
.stelle bei Vattina mit i?— 3 Schielitfolgen übereinander zahlreiche doppel- 
henklige Becher, deren vertikale Henkel aus zwei Teilen einer mit dem 
Rand des Gefässes zusammengehenden sehrägen Henkelplatte um! einer 
scharf davon abgesetzten Henkelstütze bestehen (Skizze Fig. Hfi). Fein 
ornamentierte Becher mit ähnlichen Henkeln sind ebenda au^ einer Nekro- 
pole von Lud OS bei Werschetz vorhanden. 

In Szeged notierte ich zwei einhenklige Becher (4e/896) mit Buckel u 
und abgeschrägtem Rande, die auob in ihrer Form grosse Ähnlichkeit 
mit den troischen Buckelbechern haben; die Henkelplatte »tobt schräg, 
die Stötze sitxt unterhalb der Henkelplatte an, bringt also ihre eigen tliobe 
Bedeutung gut zum Ausdruck (Skizze Fig. 87). 

Im Museum von Temesvar befindet sich aus Tolvadia (lU 123) ein 
einhenkliger Buckelbecher mit abgeschrägtem Rande, veraiert mit hängenden 
Vertikalstrichgruppen; beiju Henkel ist die obere Platte beneförmig g»- 
staltet {Skizze Fig. 88: a im Profil, b von vom, c von hinten gesoheu.) 

Es ist nun sehr interessant ^u beobachten, das^ diesellien keramischen 
Formeneigentümliehkeiten, im besonderen die Vereinigung der l^uckeln 
mit den abgesetzten Henkeln, auch im eigentlich illyrischen (Gebiete in 
der alteren Eisen- und Hallstattzeit sich finden. Im Museum von Sarajevo 



112 


U. Schmidt: 


(Bosnien) konnte ich zahlreiche derartige Beispiele aus den Grftberfeldem 
von Dolnja Dolina, Bez. Bosn. Gradiska, an die sich die Pfahlbaufande 
ebendaher reihen (Skizze Fig. 89 mit der Bezeichnung „Matina greda 40"), 
von Sanskimost (Skizze Fig. IK) mit der Nr. 12 809) und vom Glasinac 
vermerken. 

Während zu diesen ungarischeu und bosnischen Formen die troischen 
Buckelbecher auch der Zeit nach schlagende Analogien sind, reichen die 
gleichartigen Henkel aus Makedonien (Fig. 19, 20) in eine ältere, vor- 

Fig. 86 und 87. 


Fig. 88»-c. 



Aus Yattina. 
Mus. Werschetz. 



Mus. Szoged. 


Fiff. 89 und IK). 




Aus Tolvadia. 
Mus. Tcmesvar. 


Aus Doluja Dolina. 
Mus. Sarajevo. 


Aus Sanskimost. 
Mus. Sarajevo. 


mykenische Periode hinauf. Besonders der kleinere mit der dfinnen, 
plattenförmigen Randerweiterung wird in seiner Form durch die jüngeren 
Parallelen aus Bosnien und Ungarn verständlich. 

Wir sehen also, wie beständig man durch lange Zeiträume hindurch 
keramische Formen beizubehalten pflegt. Für die abgeschrägten Becher 
erinnere ich nochmals an die Exemplare mit kreideeingelegten Yerziemngen 
aus Tordos (Zeitschr. f. Ethnol. 1903 S. 442 Fig. 15), die dem steinzeitliohen 
Formenkreise Ungarns zuzuweisen sind. Dass die Buckelkeramik über- 
haupt mit ihren Ursprüngen in ebenso alte Zeit zurückreicht, ist an dem- 
selben Orte mit guten Gründen wahrscheinlich gemacht worden. 

Dieses starre Festhalten an Formen und Ornamenten wird man sich 
gewiss am einfachsten aus nationaler Eigenart erklären dürfen. Dbb- 
wegen stehe ich nicht an, die drei älteren Gruppen der behandelten 


Kenunik der nkkedtmtsclieti Tnmtili. 


113 


» 


iiiakodoDiflcheD Keramik thrakischeD Stämmen zu^udchreiben. So ge- 
winoeii unsere Funde an Bedeutung. 8i« weichen doch von den troischen 
Formen so weit ab, daes wir in ihnen eine Sondergruppe von lokaler 
f Eigentümlichkeit zu sehen haben. 

Im Tuniuluä des Protedilaog auf dem thrakischen Chersonnes hatte 
Schliemanu (Troja S* 286 ff) eine Keramik gefunden, die mit der ältesten 
von Troja geradezu ideotisch ist; bei der geringen Entfernimg der Pund- 
etelle von dem g^enüberliegenden Troja waren aber Schlüsse ethno- 
graphischer Art nicht gestattet Die makedoniacbeu Funde deuten nun- 
mehr Bchon bestimmter auf den Kreis, aus dem wir die Ursprünge der 
troischen Keramik abzuleiten habeü, d. b. auf die Gegend» aus der die 
Troer selbst nach Kleiuasien gewandert sind. Nach Kretachmera» a. O, 
8* 181 hat die Wanderung europäischer Stämme nach Kleinasißu bereits 
im 3. vorchristlichen Jahrtausend ihren Anfang genommen, hat sich aber 
in der Folge^seit durch weitere Zuzüge fortgesetzt und ihren Abschluss 
erst durch die kimmerische Invasioti erhalten. Die vorstehenden Aus- 
führnngen bieten uns die arehäologiachen Belege für KretschnierB lin- 
guistisch-ethnographische Folgerungen, 

Fügen wir dem noch hinzu, was sich jüngst tius den Vergleichen 
zwischen Troja, Mykene und Ungarn in beaug auf die Weissmalerei 
iu Siebenbürgen und im ägrüscheu Kreise ergeben hat (Zeitschr- f, Ethnol. 
IMi S. 647 fiF.)? *ö dürfen wir auch bei einer Untersuchung der makedonigchen 
Tumuli mit dem Spaten analoge Funde erwarten. 

ümsomehr muss es aber auffallen, dass die Spiral dekorationssysteme 
in der einheimiscben Gefässfabrikation weder in Troja noch auf den 
makedonischen Tumuli eine wesentlich bemerkbare oder charakteristische 
Bedeutung haben, nachdem wir gelernt haben, wie in Siebenbürgen und 
in den angrenzenden Kulturzentren der Balkan- und Donau linder im 
Bereiche der jungneolithiachen Gefässmalerei aus der einfachen Weiss* 
maierei auf monochromem Grande ein ganz raffinierter Spiraldekorations- 
stil sich entwickelt und neben analogen dekorativen Leistungen im ägftischen 
Kulturkreise ebenbürtig bestehen kann* Also müssen wir entweder Lücken 
im Deukmälervorrat von Troja und den makedonischen Tumuli vermuten 
oder das Fohlen derartiger Dinge aus der Geschichte der Wanderungen 
thrakischer Stämme erklären. Die Troer konnten nach Kleiuasien ge* 
kommen sein, bevor im Heimatlande die Entwicklung der anfgemalten 
und eingeritzten Spirale zu ganzen Dekorationssysteman angesetzt hatt€* 



Z^ltKchnn mr Etbtiola^e. JutifS' t^CHi Heft L 



\.'^\>, 


4. Bericht über archäologische Ausgrabungen 
in Transkaukateien. 

Von 

Emil Rössler-Tiflis. 

üntiernommen im Jahre 19(31 im Auftrage der Kaiserlich 
russischen Archäologischen Kommission.^) 

I. 

Zweimaliger Ausflug nach dem Dorfe Bajan^ Kreis und GouTemement 

EUsabethpol, und Ausgrabungen daselbst 

Zeit: 24.-26. Februar und 1.— 8. April 1901. 

In meinem letzten Bericht^ aus dem Jahre 1900 über Ausgrabungen 
bei Helenendorf ist bereits des tJmstandes Erwähnung getan worden, dasa 
Landleute aus den Gebirgsdörfern südwestlich von Elisabethpol mir in 
der Kolonie mehrfach ganze Mengen metallischer und keramischer Ali- 
sachen zum Kauf angeboten hatten. Es o£Fenbarten sich in jenen eigen- 
artigen Gegenständen Ausflüsse einer Kultur, die wesentlich verdchieden 
ist von der, auf welche die Artefakte hinweisen, die in den von mir 
untersuchten Gräbern am Südrande der Kuraebene gefanden sind. 

Begierig, durch eigene Anschauung die Plätze solch reicher Gräber- 
ausbeute kennen zu lernen, forschte ich nach der Herkunft dieser von 
unberufener Seite auf den Markt gebrachten Prähistorika und erhielt 
immer den gleichen Bescheid, dass dieselben aus Gräbern in der Um- 
gegend des Ortes Bajan stammen sollten. Von diesem Dorfe, als von 
einer anerkannt sehr alten Ansiedlung mit Spuren einst rege betriebenen 
Bergbaues, hatte ich schon viel gehört. Reiche Erzlager umgeben den 
Ort. Seit undenklichen Zeiten war die edle Schmiedehandwerkskunst 
der Haupterwerbszweig seiner Bewohner. Es lag mithin die Möglichkeit 
nahe, in jener Gegend vielleicht noch Anzeichen der einstigen Existenz 
einer Art von Zentrum jener so kunstvollen prähistorischen Metalltechnik 
aufspüren zu können, die wir an transkaukasischen Bronzen wahrnehmen. 
Zudem bildete bei der seit langem von mir beabsichtigten Erforschung 
der vorgeschichtlichen Verhältnisse des Berglandes, in der Richtung nach 
dem Göktschaisee zu, Bajan auf diesem Wege gewissermassen die erste 
Etappe. Mein auf Ausgrabungen in jenem Gebiet hinzielender Operations- 


1) Vorgelegt in der Sitzung vom 21. November 1903. 

2) Yeriundl. der Anthropoiog. Gesellschaft 1902 S. 187 ff. 


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4er «Msk kier keicr ■yntewitiigh pnktisieiMi Gnbfiltedkrai« Eiftbah 
so tu. Dadmrdi sidMite kk ^p^ea^eteiis den kl^nem Reet der n^oli wik 
berihit «^etroieMB Grilier Ar BMOie Zweek«. 

Nack SrledigwBg dieser Torberatndea AvfklimigearbeitMi b e w Mtf t » 
ick in dar Zwieekeueit das XMige n der ftr die OsteriMen geplniea 


Am OsteraoBSteg, don 1, ApriL Mkr ick nadi dw Kokmiew ivoeefttt 
«icb BMI SUD Besnck ^-eUeader Bnider^ sowie Hr« 6, Roeendorf ia 
frenndlicker Wette mir ansdüosMiL, um bei dea Ao^ntbaagea bebilf Sek 
SU sein. 

La der Frfibe des folgend^i Tages brachen wir mittels Foai^s<ms na<^ 
Bigan auf. in Karakesckisch, ein^n 900 m ü. d. X. belegenen armenii«ken 
Bergdorfs, betraekteten wir eine reicke llagneteisenertftindsteUe. unser 
Fnkrwa*k entliessen wir anf der Passböke und legten den dnrck beir- 
licken Lanbwald ins Tal des Kotscbkar hinabführenden Weg tn Fnss 
snrflck. um 3 Uhr nachmittags erreicKCen wir das Dorf Bigan und be* 
sogen daselbst lant Torher getroffener Tereinbarong beim DorfUtesten 
Abraham Agadshanjant Quartier. Das Wort «Bigan* i^t tatarischen 
Ursprongs und unbekannter Bedeutung. Die Armenier haben daraus 
^Bananz* gemacht, d. h. Platt der Arbeit Der Ort hat eine gesunde 
Lage in dem engen Tale des in der Richtung SW«— XO* über sahllose 
Felsstnfen munter daherrauschenden Flüsschens, Dieses hat seinen Namen 
Ton dem über 1 1 000 Fuss hohen Bergk^el Kotscbkar, der — ungefUir 
<ien Mittelpunkt einer von Elisabethpol nach Sagalu (am Ostrande des 
Göktschaisees) gezogenen Linie einnehmend — mit seinem den gr^Vssten 
Teil des Jahres schneebedeckten Gipfel wie eine gewaltige Pyramide aus 
der Alpenlandsckaft aufiragt Während die meistens mit Erdd&chern ver- 
sehenen Häuser des umfangreichen D<Mfes auf einer Berglehne des linken 
Flussufers sich in staffeiförmiger Anordnung ausbreiten, ist das rechte 
steile Ufer mit tenassierten Gärten bedeckt Dort standen Apfel*, Bim-, 
Maulbeer-, Pfiruch-, Aprikosen-, Alntscha-, Kirsch- und Pflaumenbäume 
gerade in herrlichstem Flor, auch Weingärten bemerkte ich später am 
Flusse unterhalb des Dorfes. Neben dem Schmiedehandwerk blühen 
nämlich noch Obstzucht und Weinbau. An eisernen Geräten liefert Bigan 
hauptsächlich Nägel, Hacken, Hämmer, Schaufeln und Brechstangen. Das 
Eisen, welches man früher nebst Zink und anderen Metallen an Ort und 
Stelle ge¥rann (wie ich mich bei Besichtigung der alten Erzstollen über- 
zeugen konnte) oder aus dem benachbarten Daschkessan einführte, wird 
jetzt aus Elisabethpol bezogen. Der Menschenschlag ist hier kräftig, 
Männer und Frauen sind von auffallend hohem Wüchse, namentlich unter 
den letzteren gab es wahrhaft junonische Gestalten, die ihre an der Quelle 


116 


E. Bösskrt 


am FlusB imten geföUten schweren Wasserkruge leiüht uod mit Oraeie 
auf der Schulter za Berg tragen. 

In den Wohn un gen, die fast durchweg in die Erde hineingebant aiod, 
sah es leider nur sehr unrein aus, aber anch im ZLegelgedeckten Stein- 
hause des Dorfäl testen war die Bauberkek sehr zweifelhafter Natur, and 
wir musateu von Ungeziefer aller Art Schweres erdulden. 

Am Dienstag, den 3. April, wurden die Grahearbeiten bei guustigster 
Witterung begonnen. 

Gelegentlich der im Februar stattgehabten Absuchung der Gegend 
hatte ich an drei verschiedenen Stellen in der Nähe des Dorfes alte Grab- 
felder entdeckt: zwei daTon befanden sich auf der linken Seite des FlusBes^ 
und eins auf der rechten* Mit der Erforschung der ersteren machte ich 
den Anfang. Es sind dort im ganisen 14 Gräber geoffhet und untersucht 
worden. Tätig waren hierbei 19 armenisehe Arbeiter in der Zeit vom 
8. bis 7. April 

A. 

Qräber auf dem linken Uftr des Kotschkar, ndrdlich von Bajan.^) 

a) Kistengr&ber und Steinsetznngen nuter ErdschiTttnugen am 

Wege nach Hesanapert. 

Zeitalter: Bronsse-Elseuzeit. 

Ungefähr eine Werst in Luftlinie in nordöstlicher Kichtung Tom Dorfe^ 
aieht sich ein etwa 300 Fuss hoher Felarücken hin, der das erste Glied in 
einer Flucht terrassenförmig zur Hauptkette ansteigender Berggrate bildet, 
Der Weg nach dem hoch im Gebirge belegenen beriShmten Wallfahrtsort 
und Kloster ,^Messnapert" führt darüber hin. Auf diesem Felsrücken hatte 
ich drei in einer Reihe unfern Yoneinander belegene kurganarüge Auf» 
echüttungen bemerkt (Fig, 1.) 


I 



Eine der in der Richtung Nordwest bis Südost auf elliptischer Basis 
aufgeführten Erdschüttungen (auf der beigefügten Planskizze mit a be- 
zeichnet) war von dem Besitzer des Platzes, Keworkjanz, der dort einen 
Kartoffelacker angelegt hatte, schon vollständig ausgegraben worden, 
angebHchf um seine Pflanzungen mit den aus den Gräbern gewonnenen 
Steinen umwallen zu können. Bei näherer Nachforschung fand ich in der 
Zerstörung Teile von Steinkisten auf, die über den Charakter der geplün- 
derten Gräber Aufschluss gaben. Bezaglieh des Inhalts der aufgegrabenen 
Kisten war nicht positives zu erfahren* 

Ich begann die Untersuchung der beiden weniger beschädigten Auf- 


1) Vergl. hientö Fig. ^26 S. im 





fc 3 T«: ; 

Hfitfc Ih^ Lou^ Ott (i^aÜM» Mfnip ( FiMt- Ci^ Iireii* <- Fhk. dir Ticr 

i>j^ }*«ciiiiixir Ott* romi»» mar 


T«r 


118 tfev E. Eaisler: 

Yon meDBchlichen Überresten landen sich in der Mitte der Kiste an 
der Westseite nur schwache Knochenspuren. An Bei^ben barg das Grab 
auBser zwei bei den Knochen aufgehobenen Karneolperlen noch 5 Urnen; 
davon war nur ein kleinerer Topf erhalten, die vier anderen groseeu Ge- 
^se zerfielen. Eins der letzteren habe ich später notdürftig znsamm en- 
gesetzt, geklebt und daranf abgezeichnetp Es war eine wahrscbeinlirh 
mit der Hand gearbeitete Prach turne aus bräualichem Material in Bomben- 
form mit kurzem Halsansatz, vier kleinen Henkeln in der Sehultergegend 
und kleiner, flacher Stehfläche. Der Mündungsdurchmesser betrug 11 mi. 
Die tiefgeschnittenen Killen des die ^anze Oberfläche des Gefässee um- 
ziehenden Ornaments^) waren noch teilweise mit weisser Inkrustatioiis- 
masse gefüllt (Fig. 4 und 5.) 

Weitere Funde aus G'rab Nr* h (Fig. t.) 

Nr. L Zwei rote Oarneolperlen von mittlerer Grösse und runder 
Form* 

Nr. 2* Honkelloser Topf aus grauKchwärzlicheni MateriaL Unter 
dem geraden weiten kurzen Ualse tritt der 01»erbaueh in einer Kante 
stark hervor. Von da geht das Gefäss zieniliih schnell in die eV>t*ne 
Btehfläche über. An der Kante sitzen um den Topf herum in ungleiehi*n 
Abständen von einander drei ösenartige kleine Henkel und drei Paar 
Buckel in Warzenform, je ein Henkel unrl t^tn Buckelpaar mit einander 



1) Zn dem nau auch auf den Urnen von Bajaii aaftauchemleu Hakenkrtiusoroameiit 
möchte ich folgendes bemerken ; Das hAuiige Vorkomme ei dieses Zeichen« auf äei\ trann- 
kaukasisclt«n Tongeffi^flen ist seit langem Qeg^ODstaDd meiner be.sonderen Erwägung. Wa» 
nun die Abstammung, Eubtebung nnd Bedeutung des HakenkreuieB anbetrifft, so wird «s 
mit einigen ^ndereu Zeichen ja gewÖhnlicJi &h Emblem der buddhistbchen Dfibaina-Sükt« 
aufgefaiät und m&sste demnach alao wohl von Indien nach Transkanka^jen gekommen 
sein. Diese Annahme will mir jedoch mit dem gwixen Befund der hiesigen GrAber nicht 
stimmen, deren Milieu eher auf westllch-europäiache Kultureinflnssi^ als auf solche 7on 
Oateo her schlicssen ISsfit, Namentlich auch in der Metalltcchnik und den auf transkauka* 
sischeu ToDgefEasen eingeschnitteneu figürlichen Uaretenungen finden sich keine Anklänge 
au die typischen Motive der diesen Distrikten (östlich benachbarten, lonangchendeUf alten 
Kulturreiche, wie e, B. des assyriechen. Es scheint viohnebr eine tou westlichen Völkern 
ausgehende Kultur in diesen Gegenden üböm#nimcn lu sein, <lenn die Analogie Kwi^'-b^^n 
gawisieD Irauskaukasischeci Funden und solchen ans dem südöstlichen Europa ist in 
mancher Beziehung UDverkenobar (ich erionere nur an die Ahulichkeit der Gravüren auf 
den Gürielblecben von Ohodshali und Kal&keut mit der Tätowier -OrDameutik auf den thra^ 
kischen, flgürlichen Terrakotten ans RuraUuien und an die ÜhereiuBtimmuug iu der Form 
nud den Dekorationsmustem — darunter auch der Hakenkreuze — zwischen trauskauka^ 
sischeii Urnen und solcbeu aus den Doniiu- und Balkan! ändern). Hierbei mag dean in den 
vou weltlicher Kultur heeinÜQSBten Gebieten nach und nach eine gewisise ielbständtg«^ 
lokale Kunstrichtung sich angebahnt haben^ die, ihio Yorbilder aus der nächsten Umgebung 
schöpfend, iich schlieaalich von primitiven zu jenen hervorrügcuden Leistungen in Keranuk 
nud Metallteclmik infachwang, die heute nuch Bewunderung erregen. Der Drang nach 
Origlnalit&t und stilvoller Ausgestaltung ist nun auch in den Darstellungen der Hakeu- 
kreuie zu bemerken. Wir sehen dies Xeicbeu auf den transkaukasischen Gelassen nicht 
nur in der ursprüngüchen, vermutlich einfachen Form, t^ondern in den maunichfaltigstei] 
Variationen zur Darstellung gelangt, wobei der Eindruck hervorgerufen wird, als o^ der 
Künstler eine laugst bekannte GewohuheitaJigur immer wieder in neuer, verJlnderter Gi:* 
staltung hätte zum Ausdruck bringen wollen- 


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ibMiüii^iiiiB. 


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Xr. 1. Sude eiver ^i9«r«em LmmE^BSfiitm^k XimAi Ja 


120 


E, B&99l«r: 


BBtzen der Fragmente kotuite die urgprüngliehe Fomi der Waffe annähernd 
festgeetellt werden. Die auf hohler Tülle siteonde Klinge hat ©iöe Ripfi€ 
m der Mitte. (Fig. 10.) 

Nr, 4* Urne aus rötlichem Material mit engem Halse, weitem 
Banche und gerader Standfläche. Der Henkel ist abgebrochen, auch der 
obere Teil des Halaes mit der Münduug fehlt. (Fig. IL) 

Die Höhe des erhaltenen Torsos betragt 20 mi^ der Halsdurchmeader 
2^ cm^ der grösste Umfang in der Mittet bauchgegend 59 fm^ der Dureh- 
measer der Standfläche 9 cm, die Wandstärke 1 <jw. 

Der obere Teil des Greiasses ist mit seDkreoht verlaiifeodeii kleitieü 
Rillen verziert. 

Gmh Nr. 3 (Pig. 12) 
war 6 Pnea in nordwestlicher Richtung von Nr. 1 entfernt gelegen. Die 
Kiste war mit 3 Platten gedeckt, 2 kleinen und einer grossen (letztere 
Tou 2 Fus8 Länge, 3 Fuss Breite und V* Fusa Stärke). An der Nordoet- 
Sdimalaeit(5 der aus 4 meterhohen Platten gefugten Kammer ra^;te ein 


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Spitz sculanfender Merkstein über das mit zähem Sande gefüllte Gral> 
hini\:eg. Die Grube mass io der Länge 6 Fnss und in der Breite 3'/* Fu»b. 
Die Tiefe vom Kurgan runde bis zum Felagrunde war 1,8 m. Die Richtung 
des Grabes war SW.— KO. (50°), 

Nach der Lage der fast gänzlich vermoderten menschlichen Überreste 
zu schliessen, muss das drab an der Südostseite einen Hoeker beherbergt 
haben. Die Ausstattung bestand aus einer Nadel, wonigen Perlen und 
Obsidianaplittara neben den Knochen. Tongefässe oder Scherben fehlten. 

Funde aus Grab Nr. 3, 

Nr. L Starke Nadel, unten zu einem Öhr umgelegt Länge 8,4 ö»; 
Stärke 0,4 ^m; Durchmeaser am Öhr 0,8 an. (Fig. 13.) 

Nr. 2. Anhänger aus einer harten, weissen, ruudeu Muachel. Das 
oben gewölbte Stück hat in der Mittte einen runden Ausschnitt und ist 
der Quere nach gelocht zum Aufziehen auf eine Schnur. Das hohle 
[tinere läuft in Spiralwinduugen* Durchmesser 27s ^^^ Höhe 0,8 an. (Fig. 14.) 

Nr. 3. Längliche Bronzeperle, spiralförmig gerippt, und drei 
zuaammenoxydierto kleine Bronzeperlen in Ringform. (Fig. 15.) 


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Aufigrabutig'an in Traaskankaaieii. 


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Grali Nr. 4 (Fig. 16) 
war von Nr 'I m i^üdöstlicheT 16 Fnm und von Nr. 3 in nordwestlicher 
Richtang 6 Fuss entfernt gelegen. Drei groese Platten bedeckten eine 
aus gchöoeo gi*ünen Steinquadern iriorgföltig gefügte Kiste* Sie war mit 
weichem Sande angefüllt. Ihre LSnge betrug 8 Fnss, die Breite 47i Fuss 
und die Höhe der Wände 1,15 m. 

An der Siidwedtseite dtand auf dem harten Lehmmuttergrunde im 
Grabe aufrecht ein 165 cm hoher (Phallus-) Stein, Die Eicbtung deg 
Grabee war BW.^NO. (SO*^). Ein ganz verwittertem Skelett, auscheinend 
(las einee Hockers^ sase in der nordöstlichen Kcke, den stark vorgeneigten 
Kopf nach Südwest gewandt. Hinter dem Kücken des Beigeeetzten, hart 
in der norddstlichen Ecke, fand nich die Hälfte einer auf die Seite ge- 
stellten Urne, lo der Kopfgegend lagen Hok- und Kohlenatückchen und 
zu den Fil»«en ileß Bestatteten war eine Pfeilspitze niedergelegt. 



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Funde ans Grab Nr. 4. 

Nr. 1. PfiMUpit5£c aus grauschwarzem Obaidian. Die Waffe ist 
«ehr gut geöchkgeii und in der Mitte auf beiden Seiten mit einer Rippe 
vere hen, Dii* Linge beträgt 3,7 em^ die grösßte Breite 1,5 cwi, die grösste 
StArk© 0,5cm, (Fig. 17) 

SteülsetiuMgsgrab Nr, 5. (Fig 18). 

Beim Abgraben der oberen Schichten dos Hügels sti essen wir in dem 
Baum zwischen den Gräbern Nr. 4 und 2 auf eine kleine Steiupackung. 
Sie bestand auÄ zwei in der Richtung SW* — NO. parallel zu einander und 
aufrecht gestellten, ungefähr 2 Puss im Durchmesser haltendt^u Stein- 
platten, über die 2 Felsbidcke gelegt waren. Die Wäude hatten der Last 
der Deck steine nachgegeben, wodurch zwei beigesetzte Urnen zerdrückt 
worden waren. Knochen enthielt der Bestattungsraum nicht. Die Urnen 
hatten, wie an den Scherben wahrzunphmen, in der Oberbauchgegend ein 
Rillenornament getragen. (Fig, 19.) * 


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15 


ISailör: 


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► 


Aufschüttung y. 

Der wie ^ kouBtruierte Grabhügel hatte Durchmesser TOn 22 m 
12 Schritt, bei 5 Puss Höhe. Er eDtlüelt in der Mitte zwei Kigtengriber 
(Nr, 6 und 7). 

Grab Nr, 6, (Fig. lill) 

Die aUK Felsblocken roh gefügte, durch eine Deckplatte unvollständig 
geschlossene Kiste war mit vielen grossen Feidatei neu und zifaeni Lehm- 
sand gefüllt. Auf dem Grunde fand ich ein brüchiges Skelett mit etwa^ 
gegen den Leib gezogenen Füssen , auf der linken Seite ruhend. Das 
Gesieht war nach Osten gewendet, die Arme waren nni Rumpfe aus- 
gestreckt. Der Unterkiefer nahm einen besonderen Platz dicht an der 
Grabwand auf der Westseite der Kiste hinter der Schalter des Verstorbenen 
ein. In der Leibgegend standen 2 Tdpfe, und eine Urne ruhte auf dem 


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F19.W 


Uflftkuochen de» Toten, Die Gefösse waren durcli die Steim* zerdrück L 
Die omamentlosen Scherben weisen auf roh mit der Hand geformte Töjrft*, 
Das Material ist von schwärzlicher Farbe. Metall beigaben fehlten* 

Die Länge des Grabes betrug 7 Fuss, die Breite 5 Fuss, die Tiefe 
vom Knrganrande bis zum Gründe 1,0 m. Die Richtung des Grabes war 
XW,— 80. (130°). 

Grab Nr, 7 (Fig. %\) 
war Fuss in nordwestlicher Richtung von Nr. 6 entfernt gelegen. E.* 
glich in der Konstruktion, den Grössen Verhältnissen und der Richtunj^ 
der Anlage genau dem vorbeschriebenen. Es enthielt einen Haufen 
morscher Menschenkjiochen, Die Lage der Leiche wird wohl dieselbe 
gewesen sein wie bei Nr, 6. 

An der Nordwestschmalseite fand ich unter vielen Steinen neben 
wenigen ürnenscherbeu einige Bronzesachen: Schläfenringe, eine Kadel 
Perlen und (in ein Mäusenest verschlepp t) Broiizebleche. 

Funde aus Grab Nr, 7, 
Nr. 1- Dünne lauge spitze Nadel mit durchgeschlagenem Öhr- 
Länge llVa f^? grösste Stärke 2 mm, (Fig. 22,) 



Ansgrabnngoi in Traaskankasieii. 


12» 


Nr. 2. Ein Schläfenring mit Spiraleinsatz in der Lftngenachse. 
Grösste Weite 5 ctn. (Fig. 28.) 

Nr. 3. Zwei dünne offene Armreifen mit nach aussen um- 
gerollten Enden. Die Reifen sind im Querschnitt rund. Die grOsste 
Weite beWgt 47, cm. (Pig. 24.) 

Nr. 4. Vier kleine Buckelbleche, zum Teil mit NietlOchem, 
und Teile grösserer solcher Bleche mit geripptem Rande. (Fig. 25.) 



Planskiiie der Grabhfigel nordöstlich Yom Dorfe Bigan. 


Nr. 5. 7 Perlen, davon: 1 mittlere, 4 kleinere und 1 kleine flaoh- 
rande aus rotem Canieol sowie 1 kleine weisse Röhrenperle. 

Die Richtung der hier untersuchten Gräber zusammen- 
gestellt, war folgende: 

Grabhügel ß: 

Nr. 1. SW.— NO. (60^). Nr. 3. SW.-NO. (50°). 

Nr. 2. WNW.— OSO.(110°). Nr. 4. SW.— NO. (30^). 

Nr. 5. SW.— NO. 

Grabhügel y: 
Nr. 6. NW.— SO. (1300- Nr. 7. NW.-SO. (130^j. 


m 


B. RSmIer: 


I 


b) Ktstenfriödfaof am Wege xum aogetiantiteti grossen ViehatalK 

Zeit: Bronze-EiseDzeit 
Etwa 37» Werat nördlich von Bajan zur linken des zam sageDannten 
^gruBsen Viehstall" führend bd Landweges ist ein buschbestandener Berg- 
abhang, der sich ganft Ton Westen nach Osten in eine beackerte Tal- 
niederung von 250 Schritt Breite hinabsenkt. Aus der mit Rasen beklei- 
deten Oberfläche ragten an einigen Btellen decksteiaartige Felsklötze 
hervor, welcher Umstand beim Vorbeiritt in mir die Vermutung von dem 
Vorhandensein eines vorhistorischen Friedhofs wachgerafen hatte. Eine 
Probeauflgrabnng bestätigte meine Erwartung. Grosse^ längliche Felsblöcke 
bedeckten Kistengräber ohne Grundplatten — aus kantigen Steinen melir 
^der minder sorgfaltig geformt. Es wurden hier im ganzen 7 Gräber 
untersucht (Nr. b — 14). Wegen der Lage zueinander gibt der augefügte 
Bituationsplan eine Ül*ersicht, 

Grab Nr. 8. 

Zwei Decksteine von je 6 Puss Länge, 2 Vi Fuss Breite und 2 Fuse 
Stärke lagen quer über dem Grabe. Dieses war aus aufrechtstehenden, 
geglätteten, 30 an starken und Hb cm hohen Platten gebildet, derart, da«s 
je Tier eine Längsseiten wand und je zwei eine Schmalseiten wand vor- 
stellten. Die Länge der in der Richtung SW.— NO. (W*) angelegten, 
mit weichem, grauem Sande auegefüllten, an der Südseite etwas abgerun- 
deten Kiste betrug 8 Fusö, die Breite 4 Fuss; die Tiefe, vom Rande der 
Erdoberfläche bis zum natürlichen Kiesboden 2 m. An der Westseite fand 
ich ein Skelett in gekrümmter Seitenlage mit an den Leib gezogenen 
Füssen, die Arme am Rumpfe abwärts gestreckt und das Gesicht nach 
Osten gewendet. Das den Boden überwuchernde Strauchwurzelwerk hatte, 
das Skelett durchdringend, dessen Verfall beschleunigt An Beigaben 
waren in der Rückengegend des Bestatteten niedergelegt: ein Dolch, ein 
Messer und ein Pfriemen. Die keramischen Fnnde bestanden aus (5 Urnen; 
davon befanden sich 3 ssu Füssen des Toten in der Mitte und 3 an der 
Nordost-Schmalseite der Grube. (Fig. 27.) 

Funde aus Grab Nr. 8< 
(Die BronEe ist hellblau patiniert.) 

Nr, L Ein Dolch mit Knauf; letzterer ist mit noch erhaltenem 
Hoke eingelegt. Die scharfe Klinge hat eine schwache Wölbung. Ihre 
Länge beträgt 207» '^- (Fig* 28.) 

Nr. 2. Kurzes, breites, dünnes Messer. Länge 9 cm^ Breite 2,2 em. 
An der Klinge haften noch Holzteile, wie Ton einer Scheide. (Fig. 22.) 

Nr. 3. Tierkantiger Pfriemen. Länge 10,7 cm, grösste Breite 4 mm* 
(Fig. 300 

Nr. 4, Kleiner Topf aus schwärdicher M^sse. Der Rand ist leicht 
zurückgebogen^ die Mündung weit, der Bauch hat eine mediane Kante. 
Die Standfläche ist etwas nach aussen gewölbt. Das Ornament besteht aus 
leichten Rillen am Oberteil des Topfes. Höhe 8,7 cm^ Mündungsdurch- 
messer 14Vt ^™i gröaater Umfang 50 cm, Durchmesser der Stehfläche 6Vt ^fn^ 
Wandstärke 0,3 cm. (Fig. 31.) 


J 


Anefrmbiiiigeii m TrftDskankAsieD. 


13& 


Kr. 5. Äbnlicbe» Gefäss aas demselbeD Material, doch oboe Vor* 
sieniDgen. Höhe San, Mündungsdizrohöiefieer 15*/, cm^ Ehirchm esaer der 
Stehäiche 6 cm, Wajid^i&rke 8 mm. 

Die vier grossen Urnen — Bämtlich voti Warzelwerk diirehKogeu — 
zerfielen ac der Luft Das siettilich harte Material hatte eine r5tlicbe 
oder auch blaograue Färbung. Die Form der Töpfe nfiherte sich der 
der Bomben. Der Rand war schmal, der Hals ganz kurz, der Bauch weit, 
die Btehfläi^he rundlich. Henkel fanden sich nicht vQr, doch begaai eine 
Urne einen glatten Knauf, Oniametit konnte ich keins wahrnehmpii* 
(Fig. 320 

Grab Nr* 9. 

Die Kiste war rnif zwei Deckfiteinen aus grüner Felamasse von 7 Fusg 
Länge, 4 Fuas Breite and 17, Fuss Stärke geschlossen. Zu ihrer Kon- 


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F^33 


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struktion waren im ganzen 10 Platten von l7i?«Höhe verwendet worden. 
Jede Längsseiten wand bestand aus 4 Platten. Füllung und (irundbeschaffen- 
heit waren die gleichen wie bei Nr. 8. 

Die Länge de» Grabes betrug 8 Fuss, die Breite 4 Fu»s, die Tiefe von 
der Erdoberfläche bis zum Grunde 2,10 wi. 

Ich fand in der Mitte des Grabet^ morsche Skelettreste, wahrscheinlich 
von einem Hocker stammend, daneben ein Töpfchen und einige zum Teil 
omameutierte Scherben aus grauschwarzeni Material Die Richtung der 
Kiste war W.^0. (IWy 

Fund aus Grab Nr* 9. 

Nr» L Kleines Gefäss, ähnlich Nr. 4 des vorbeschriebeneu Grabes. 
Höhe 9,4 cm, Mündungsdurchmesser ÖV, *?wi, Durchmesser der Standfläche 
A^l^cm^ Gr, Umfang SU cni, Wandstärke 0,4 rm. (Fig. 33,) 

Grab Nr« 10. 

Auf dem Grabe lagen kleinere Felssteine. Die L&ngseettenwänd« 
hatten je 4 Steine von 1 m Höhe. Die Schmalseitenwände waren aus 


126 


E. B6i9ler: 


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tn^brerea kleinen^ dünnen Platten gebildet. An der Westseite war Abb 
Grab etwas abgerundet. Füllung me bei Grab Nr, 9, Die Länge des 
Bestattnngsraunies betrug 5 Fuas, die Breite 27« Fufis, und die Tief© Ton 
der Erdoberfläche bis zum Kieegrunde 1V|*5^- Die Riehtimg des Grabe« 
war WO, (90''). Von menschlichen Oberresten fanden sich nur noch 
geringe Spuren, ungefähr in der Mitte des Grabes, vor. An der Nordaeite 
standen vier kleine Gefässe beisammen, und in der Nordostecke war noch 
eine winzige Urne plaziert. Neben den Knochen hob ich eine Muschel- 
perle und einen Ring auf. 

Funde aus Grab Nr. 10. 
Nr- 1. Ring mit übereinandergelegten Enden. 
Nr, 2. Gelochtes Muschelhänge stück von gelber Farbe- (Fig. M.) 

Urnen. 
Die Ge^ge sind, mit Ausnahme einer zierlichen Miniaturnme, roh 
mit der Hand geformt, Schalt?nform herrscht vor. Das Material ist ein© 
schmutzig-gelbliche oder graue Masse. 


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Nr, 3- Kleine Urne, in ihrer Form der unter Nr, 1 in Grab Nn 9 
beschriebenen ähnlich. Das Ornament besteht aas einer schwachen 
Horizontalrille in der Oberbaucbgegend. Höhe 6 Vi cm^ Mündungsdurch- 
messer 4V, cm^ grösster Umfang 30 em^ Durchmesser der Stehfläche 4Vi cm, 
Wandstärke 3 mm. (Fig. 35,) 

Nr. 4. Schale mit ebener Standfläche. Höhe 6 Jon, Mündungsdurch- 
messer 1 1 cm^ Durchmesser der Stehfläche 7 cm. (Fig. 36.) 

Nr. 5. Grössere Schale, in der Form Nr. 4 gleichend. 

Grab Nr. 11 

war mit zwei Decksteinen versehen und aus je drei Längs- und je zweT 
Schmalseitenplatten in Höhe von 1,17 m errichtet Die Füllung war grauer 
Sand, Der Boden bestand aus Kies. An der Ostseite des Grabes war 
ein Merkstein angebracht. (Fig. 37.) 

Die Länge der Kiste betrug 5*/^ Fuss, die Breite 37^ Fuss^ die Tiefe 
von der Erdoberfläche bis zum Grunde 1,59 m, 

Das Grab enthielt an der Südostseite wenige vermoderte Skelettreste 
und an der Westseite Scherben von grobgefertigten Töpfen aus grau- 
schwarzem Material ohne Ornament Die Richtung der Kiste war 
NW.^SO. (130°), 


I 


► 



Ätisgr&bungen tu Transkaukaden. |^2t 

r|pr Grali Nr. 12 

wkv durch zwei echwere Deckplatten von je 5 Pubs Läng«, 2*/» Vnm 
Brette untl l*/* Fuss Starke geschlossen. An der Südseite ragte ein spitzer 
Merkatein aus der Erde. Die Kiste war aus je drei Längsseiten- und zwei 
äehmalseitenplatteD in Höbe ron 1,8 m gefügt. Die Füllung war wi© 
b^i Grab Nr. 10. 

Die Länge des Grabes betrug 6*/^ Fuss, die Breite 3 Vi Fuss, die 
Tiefe von der Erdoberfläche bis zum Eies^unde 1,73 m. Die Richtung 
des Grabes war K— 8. (170^), 

An der Südseite lagen Skelettreste, anscheinend von einem weib- 
lichen Hocker herrührend. Auf der einen Seite der Leiche waren als 
Beigaben niedergelegt: drei Spinn wirtel, ein Ring, Urnenscherben und 
Perlen. Auf der anderen Seite stand ein schräg gestellter Topf mit einem 
Beinknochen darunter. 


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Funde aus Grab Nr. 12, 

Nf, 1. Offener Fingerring, im Querschnitt kreisförmig, und 
Teile eines solchen. 

Nr, 2, Drei spinn wirtelartige Artefakte von verschiedener 
Grösse aus grauem, alabasterähnlieheni Stein, (Fig. 38,) 

Nr, 3. 14 Perlen, davon: 13 kleine rote aus Carneol und eine 
kleine weisse. 

Nr. 4. Kleine Schale mit nach aussen gew&lbter Standfläehe, Das 
Material ist von grauer Farbe. Das Stück ist gut gebrannt und hat eine 
platte Oberfläche. Unter dem zurückgelegten Rande sitzt eine bis zur 
Uediankante reichende Zone von Horizontalrillen, Höhe 8,8 cm»; Mündungs- 
durchmesser l^ cm; gröaster umfang 51 cm; Durchmesser der Standfläche 
6 cm\ Wandstärke 0,4 cm. (Fig. 39 u. 40 ) 

HügeLAussticfagrab Nr. 18. 
Auf demselben Abhang, unterwärts von den aufgedeckten Kisten- 
gräbem belegen, befand sich ein kleiner, auf elliptischer Basis errichteter 
flacher Hügel, Zwei aus der Erhöhung aufragende Merkklötze kenn- 
zeichne ten den Ort als Bestattungsplats. (Fig. 4L) 



1 


15 

Ich fand ein Ausitiahgrab ohne Platten* Mit gelbem Bande und wenig 
Steinen angofüIU, hatte es eine Länge Ton 7 Fuas und eine Breite von 
4 Fu88, Die Tiefe von der Spitze der Totensteine bia zum Felsgrund 
betrug l*/i iw- Gerade in der Mitte zwischen den Steinen in Meterliefe 
grub ich einige Röhrenknochen ausj ferner 3 Töpfe, einen Bronzegurtel» 
einen Dolch, ein Armband, Ringfragmente und Steinperlen. Der Ausstich 
war genau in der Richtung W.— O. (90^) angelegt. 

Funde ans Grab Nr, 13. 
(Die Bronze ist stark kömig oxydiert.) 

Nr. L Kleiner Dolch mit Rippe. Länge \S cm. (Fig. iJ.) 
Nr. 2» Offener Armreif, sich nach den Enden verjüngend. Im 
Querschnitt quadratisch* Grösste Weite 6 cm. 

Nr. 3. Gürtel aus Bronzeblech (in zerbrochenem Zuntand ge- 
funden), an den abgerundeten Enden mit je einem Schnurloch versehen^ 
Breite 4,4 cm; Stärke fast 1 mm. (Fig. 43.) 


fl^W 



Nr. 4. Flaches Biech, in seiner Form einem menschlichen Rumpfe 
ähnelnd. Länge 6,4 cm; Stärke 1 mm* (Fig. 44.) 

Nr. 5. Fragmente kleiner Buckelbleche. 

Nr. 6- 30 mittlere und kleine rote flachmnde Oarneol perlen. 

Nr. 7 — 9. Mit der Hand geformte Urnen aus gelblichem Material 
mit rauher Oberfläche ohne Ornament, 

Nr, 7, Weitmundiger Topf in Becherform mit grosser nach innen 
gewölbter Stehfläche. Unter dem Rande sitzt ein kleiner knubben artiger 
Vorsprang. Hdhe llV^ cm; Mündungsdurchmesser 19e?/r, Durchmesser der 
Stehfläche 11 an; Wandstärke 0,4 cm. Das OefäsB ist an seinen unteren 
Teilen von Rauch geschwärzt (Fig. 45.) 

Nr. 8, Topf mit weiter Mündung, zurückgelegtem Rande, ge* 
schwiingenem Bauch und kleiner gerader Btehfläche. Höhe 10,5 cm; Man- 
duDgsdurchmesser 13 cm; grösater Umfang 46 cm; Durchmesser der Steh- 
fläche 6 €7n; Wandstärke fast 1 cm. (Fig* 40-) 


J 


Ans^rmbnngmi in IVansk&nkasieii. 


129 


Nr. l*. Topf lein, dem vorigen ähnlich. Höhe 6 Vi cvi\ Möndungs- 
'cliirchmesBer 9 cm; grftsster umfang 32 eni; Durchmesser der Stehfläche^ 
4 cm-, Wandstärke 0,6 cm. (Fig. 47,) 

Anastichgrab Nr. 14. 

Nach weiter unten auf dem Abhänge, schon nahe der Talsenk uog, 
entdeckte ich noch ein Grab mit einigen Feleateineu darauf. Es war 
ilem TorbeBchriebenen ähnlich und auch in njloieher Richtung wie jene^ 
angelegt* Die Länge des Ausstichs betrug 7 Fuss» die Breite H Fusa, dio 
Tief© von der Erdoberfläche bis zum Grunde IVi^«» 

Das Grab enthielt neben einigen morschen Röhrenknochen in der 
Mitte eine einzige Urne, 

Fund aus Grab Nr. 14. 
Nr. L Zierliche^ä kleines Gefäss mit Doppelhenkel und leicht 
nach innen gewölbter Stehfläche, aus gut gebranntem Material von schwarz- 
brauner Farbe und glatter, glänzender Oberfläche. Höhe 9Vt <^; Mün- 
dongsdurchmesser 9 crn; grösater Umfang 33 em\ Durchmesser der Steh- 
fläche 4,8 a?i; Wandstärke 0,9 cm. (Fig. 48.) 

Richtung der 7 untersuchten Gräber lusamniengeatellt: 

Nr. 8. SW.— NO (40^), Nn IL NW.-ÖO. (130^). 

Kr- 9, W,-0, (115^). Nr, 12. N.-S. (170^). 

Nr. 10. W.-O. (90°) Nr.ia W.^0. (90^> 

Nr. 14. W.-^O. (90^). • 

Die untersuchten 14 Gräber auf der linken Flnssseite zerfallen ihrer 
Konstruktion nach in Platten-Kistengräber (10), Steinklotzarrangements (2) 
und Ausstichgruben (2)* 

Die Lage der Leichen war in den Füllen, wo sich dieselbe noch 
genau oder annähernd feststellen liees; je viermal Seitenlage und Hocker. 
Die Platten-Kistengräber ergaben spärliche Bronzeausstattung, sporadisch 
erscheinen auch noch steinerne Wafi^en und Geräte. Die Beigaben, 
namentlich die Tongefässe — zum Teil wahre Musterexemplare mit 
reichem ornamentalen Schmuck — weisen noch auf die wohl spätbronze- 
zeitliche Blütezeit des Örtlichen keramischen Kunstgew^erbes hin. 

Die neben den Plattengräberu vorkommenden, weniger sorgfältig an- 
gelegten Steinsetzungeu mit ihren Eisen waffenfunden und kunstlosen 
Töpfen dagegen gehören schon einer spateren Epoche an, der in hiesiger 
Gegend im allgemeinen nur schwach vertreteuen älteren Eisenzeit 

Was endlich die beiden Hügelausstichgräber anbelangt, so repräsen- 
tieren sie den Typus der grossen Heleneudorfer Gräbergruppe aus der 
Bronzezeit und sind wohl mit jenen Gräbern synchron. 

B. Gräber auf dem rechten Ufer des Kotschkar, sUdlicIi von Bajan. 

Die auf dem Fluesufer in der Umgebung von mir aufgefundeneu 
Gräber waren damit sämtlich iinterBiicht. Ich wandte mich nun dem 
rechten Ufer des Kotschkar zu* Dort hatte ich nur einen einzigen, gut 
markierten» vorhistorischen Bestattungsplatz wahrgenommen, einen grösderen 

JUfiCachHft mr Elbnologi©. Jmhi^. lÄÄ. Heft t f| 



130 


E. RUssler: 


Kurgan* Derselbe befand sich gerade dem Dorfe gegenüber, oberhalb der 

Prtichtgärten, am Rande des Laiibwaldea, welcher die höheren Regionen 
des westlichen Steihifers bedeckt, auf einem plateauartigen Vorsprang der 
Bergkette, Dieses Plateau, dessen Entfernung Yom Dorfe in Luftlinie 
etwa 15 Minuten beträgt, ist beim Yolk unter dem Namen „Parssegahoch'* 
bekannt, und auch der Grabhügel darauf hatte Ton ihm den gleichen 
Namen. (Fig. 4t),) 

Kurgan Parsaegahocb. 

Massen- oder Sippengrab, enthaltend IS Grabstätten^ davon 15 Kisten- 
gräber, 2 Brandgräber und eine (mit Nn bezeichnete) Steinsetzung in 
den obersten Schichten der Aufschüttung* — Zeit: Ausgang der Bronze- 
periode. 

Der Grabhügel ist hart am westlichen Rande der mehrere hundert 
Schritt im Durchmesser haltenden^ saatbestandenen Plattform gelegen, 
welche dort Ton einer tiefen Schlucht begrenzt wird. Unten strömt ein 
klares Gewässer, der sogenannte Klosterbach, an den Ruinen einer alten 
Kirche vorbei, dem Kotachkar zu, — Es ist ein prächtiger Platz dort oben, 
mit wunderbarer Aussicht Tief unten liegt am jenseitigen Ufer das Dorf 



mit dem regen Pulssehlag seines lebensfrohen, erwerbhastenden Orga- 
nismus. Nach Süden hin, das enge Felstal des Flusses aufwärts, labt sich 
das Auge an dem herrlichen Hochwald, der die umliegenden Bei^e in 
grünender Üppigkeit bedeckt. Darüber türmen sich schön konstruierte 
Kuppen und Grate mit ihren saftigen Almen, und im Hintergrunde reckt 
der Riese Kotsehkar sein weisses Haupt aus den Wolken heraus. — 
Wendet man den Blick gen Norden, dem Lauf des Flusses folgend, so 
grüasen freundliche Obst- und Weingärten herauf, die seine Ufer ein- 
rahmen, bis er in das weite, sonnenüberflutete Kuratal eintritt. Aus dem 
grauen Dunst der Ebene steigen in der Feme die Schneealpen von 
Daghestan zu schwindelnder Höhe empor, die ganze Breite des Himmels- 
gewölbes einnehmend. — Besonders schön ist^s aber hier am frühen 
Morgen, wenn das aufsteigende Tagesgestim die Spitzen der Alpenketten 
in Purpur taucht, wenn der Fluss so ßtimraungsvoll rauscht und aus dem 
taufrischen, bläulich schimmemdon Forst der Schrei des znr Tränke 
ziehenden Hirsches sich in den lockenden Ruf der Steinhühner mischt. 

In der Tat, ein gut gewählter Fleck, dieses stolze, luftige Parssegahochj 
wie man dessen Bestimmung sich auch denken mag; als geräuschvollen 
Herrensitz daseinsfreudiger Menschen oder als letztes, von der Poesie de» 
Waldes nmwobenes Stillbeim lebensmüder Erdenpilger! — 



1 


ÄHRgrabirogoii m TrauskankisieD. 


131 


-:. Z 


FiSJO 


Auf eiförmiger Baaig — an der Kordseite etwas scliniäler als eq der 
Südseite — erhub sich die Aufschüttung ca. 8V, Fiis« hoch, in der Rich- 
mng NS. ' Ihr UmfaE^: mass 60 Schritt. Die Durchmesser betrugen 24 uod 
19 Schritt Die Oberfläche war gewölbt Ad verschiedenen Stellen fand 
ich den aas Sand und TieleQ Kalls teiuen errichteten Hügel schon an- 
geschnitten. Die Spitzen von Merks taineu blickten aus der Erdoberfläche 
hervor. Da es sich bald herausstellte, dass der Grabhügel nicht ein oder 
xwei, sondern eine ganze Masse von Grabern beherbergte, so trag ich die 
ganxe Aufschüttung bis auf das Niveau sauber ab. Nach Beendigung 
dieser Arbeit, während welcher auch ein in den obersten Schichten des 
Kurgans befindliches Stein- 
set^iing^grab zum Vorschein 
kam, bot sich das in der 

Skizze wjedergegebene 
originelle Bild von 17 mit 
Platten und Blöcken gedeck- 
ten Gräbern dar. (Fig. 50.) 
In fünf Reihen waren 
in einem Niveau 17 Gräber 
angeordnet. 5 Gräber hatten 
einen Deck stein, 8 deren 2 
und 4 hatten 3 Deckplatten. 
Die Stärke der Steine vari- 
ierte zwischen Vi und 1 Fuss- 
Einige vo« ihnen hatten 
einen bedeutenden Umfang. 
Fast durchweg waren sie 
aus sehr hartem Gestein: 
Kiesel oder Gneis. Bei 
8 Gräbern fanden sich Merk- 
steine und zwar stets an 
der Westseite der Kisten. 
3 Gräber hatten je einen 
und 5 je zwei solcher Merk- 
flteine. Das Material der 


tf ff "* 


^'^L^ 


"^^v-^W 


äK 


Di« blosagelegteii Grftber der 4ufi?chüniiiig. 


Metallsachen ist, wo nicht anders angegeben, Bronze, Wegen der Lage 
der Gräber zueinander wird auf den zum Bchluss angefügten Situations- 
plan Bezug genommen. 


b 


Steiosetxitiigsi^ab Nr. 0. 
Zeit: Brouze*Eisen»eit- 
Beim Abgraben der oberen Teile der Aufschüttung wurde ca. t Fuss 
unter der Oberfläche, gerade im Mittelpunkte des Hügels, eine Steinsetsung 
aufgedeckt Zwischen zwei in der Richtung SO.^NW. (300°) parallel 
laufenden, aufrecht gestellten Platten befand sich ein Bestattungsraum von 
3 Fuss Lunge und 2 Fuss Breite, der Skelettreste eines jugendlichen Indi- 
viihiunis barg und an Beigaben einige Bronzeaachen» Perlen, Eisen* 

9- 



132 


E, EöSBler: 


Im 


fragmente, den Haiuahu eines Wildach wein und ein Tooechälchen. Aus 
der Lage der Knochen ergab sich die Beisetzung des Toten in hockender 
Stellung. 

Funde auB Grab Nr. 0. 
(Die Bronze hat eine starke grüne Osydationsschicht, 

Nr, L Glatter Armring mit übereinanderfassendeu Enden. 
Qnerschoitt kreisförmig. Weite öcwt, Stärke 4 mm. 

Nr. 2. Fragment eines Ohrrings. (Fig. 51.) 

Nr, S. Perlen a) aus gelbem Stein: 52 kleines ><i Form eines 
DoppelkoDUS mit abgeschnittenen Spitzen und durch Horizontaleinschnitte 
verziert, 3 runde; b) aus Bronze: 6 Röhrenperlen. (Fig, 52.) 

Nr. 4, Kleine, flache Schale ohne Stehfläche mit rauher Oberfläche 
ans grauachwärzlichem, bröckligem Material, Mündungsdurchmesser 10 on^ 
Wandstärke 0^4 cni. (Fig, 53,) 


FkSS 


%sr 


^*$SZ 


/JtiJ 


Aiff 


hqS? 


1^ 


ß,SS 


Nr. 5. Stücke eines eisernen Messers (?). 

Nr. 6. Eberzahn. (Fig. 54.) 

Nr. 7. Rand teile eines ornamentierten Gürtelblechs. Die 
Stärke beträgt 1 mm. Die Bronze hat eine zarte Edelrostschicht von grau- 
grüner Färbung. Das Ornament bilden konzentrische Kreise und vierfach 
kontourierte Flechtwellen, — Die äusserst feine Ausführung der wie hin- 
gehauchten Grarierlinien weist auf die Gräber von Kalakent und Chodshali. 
Das Ornament der konzentrischen Kreise scheint von den Unten der 
Bronzezeit auf die Gürtelbleche der Bronzeeisenzeit übernommen zu sein. 
(Fig. 55.) 

Kisten^ab Nr. 1, 
das äUBserste Grab an der Nordwestseite des Hügels, war mit 5 schönen 
Platten aus bläulichem FGlsstein gedeckt Die Füllung bestand aus grauem 
Lehmsand^ der Grund aus weissem Ton. Zur Konstruktion der Kisten- 
wände waren 6 Platten von 1 m Höhe verwandt worden. 



j 


Awgntvmijreii in Traisfatttkasini. 


ISS 


I 


Dia Lüge des Grabes betrug 5 Fuss, die Breite 3 Fnss, die Tiefe 
Tom Ktirganrande bis zum Grunde der Kiste \^2 m, 

Den Veretorbeiieii hatte man in ganz besonderer Stellung beigeM^tst: 
die Kniee nihten auf dem Bodeo^ die Hände waren aufgestützt^ und der 
Kopf neigte sich zur Erde m der Richtung nach Osten. Die Ausstattung 
beatand nur aus drei Töpfen, einem susanuuenged rückten, gröüseren und 
iwei defekten, kleinereu, die an der Nordseite neben dem Toten in einer 
Beihe aufgestellt waren. Die Richtung des Grabes war WO, (73'*)» 

Funde aus Grab Nr. 1. 
Nr. 1, Topf mit sehwarzer, rauher Oberfl&che. Das Material ist im 
Bruch TOß rötlicher Färbung, Vom sehwach zurückgelegten Mündunga- 
rande spannt sich bis zur Bauchgegend ein breiter, platter Henkel, der in 
der Mitte eine rillenartige Vertiefung trägt. Höhe 10 cm, Hündnngsdurcb- 
messer 1 1 ct», Durchmesser der Stehfigehe 7 cm^ Wandstärke 1 cm. (Fig< 56.) 

Ansatich'Brandgrah Nr* 2 
befand §ich östlich neben Grab Nr. 1 und bestand ans einem mit gelbem 
Sande gefüllten Ausstich von 3 Puss Dnrchmesser in der seltenen Form 
eines Kreises, der durch einen gleichfalls rundlichen Decksteiu überwölbt 
war. Beigesetzt waren in dem Bestattungeraum nur eine zerfallene, kleine 
ht-nkellose Urne Ton schwärzlicher Farbe ohne Ornament, Sie enthielt 
augebrannte Knochen, Aschenerde un»l Holzkohlenstücke. (Fig. 5T,) 

Ausstieh-ßestattnngigrah Nr> 3 
war als äudserstes in der Nordostecke des Hügels östlich neben Grab Nr. 2 
gelegen* Der Grabstein war wie beim Torigen Grabe von rundlicher 
(festalt Er deckte einen Ausstich aus der harten, weissen Muttererde in 
Form eines gestreckten Vierecks* 

Die Masse des Grabes waren folgende: Länge 4*/^ Fuss; Breite 2 Fuss, 
Tiefe vom Kurganraode bis zum Grunde 1,4 m. Di© Richtung war NW. 
bin SO, (140^). 

Auf dem Grunde des Ausstichs lag ein anscheinend weibliches Skelett 
auf der rechten Seite, ilie Beine gegen den Leib gezogen, mit dem Gesicht 
nach Osten blickend. Vor dem Schädel, dessen Kiefern gesunde, starke 
Zähne mit eigentümlich gestalteter Käufliche (wie Ton anhaltendem 
Nagen und Beissen harter Gegenstände) aufwiesen, stand eine zerfallene, 
kleine Urne. Ein erhaltenes Schälchen mit einem Obsidianmesser darin 
war schräg aufgestellt in der Südwestecke des Grabes. An der Nordseite 
fanden »ich noch vor: einige Tonscherben und das Hom einer jungen 
Ziege; verschiedene Metallbeigaben wie: Röhren, Anhänger, Armreifen, 
Ringe, auch Perleu lagen in nächster Nähe der Leiche. 

Funde aus Grab Nr. 3. 
Die Bronze ist mit dicker körniger, hellgrüner Oxydschicht bedeckt. 
Nr. L Massiver^ sich nach den Enden zu etwas verjüngender Arm- 
reif, offen, glatt und im Querschnitt D-förmig* Grosste Weite üV|t*»»; 
harke 0,7 m, (Fig. 58.) 

Nr. ± De Sgl, etwas zusammengedrückt Grdsste Weite 6cmi St&rke 1 cm. 




K Böisler; 


d 


Nr. 3, ZweiBleehröhren mit übereinandergelegten Bändern, Teile 
eitles Franenschmucks. Lange d^/^em^ Weitendurchmesser 7 bezw, 11 mm, 
(Fig. 59.) 

Nr. 4 Gelochtes, cylindrisches Häogeetüek mit kleinen, ruod- 
Ucshen Ansätacen, Länge 3 an, gTÖaate Breite '2,3 cm. (Flg. 60-) 

Nr. 5, Fingerring, im Querschnitt D-förmig, Weite l^Scni, 

Nr 6. ObereHälfte eines Messers aus schwärzlichem Obsidian, 
Länge 3,4 cm, Breite 2,2 cm, grösste Stärke 4 mm, 

Nr* 7. Perlen. 17 mittlere Bronzeröbrenperlen, 17 mittlere flach- 
runde aus Karneol und eine längliche, gerippte aus weissem Stein. 

Nr* 8p Schale mit RilleDomament, aus grauichwärzHchem Material 
mit flacher Stehfläche. Höhe 7 c^, MüBdungsdurchmessor l'2%cf}i^ Durch- 
messer der Stebfläche l^l^cm^ Wandstärke O^Öcnu (Fig* BL) 

Kistengrab Nr. 4 
war südlich von Nr. 3 gelegen. Drei gross© Deckplatten schlössen eine 
geräumige Kiste, Nach HerauaschaflFen des das Grab füllenden Lehm- 
saudes zeigte sich, dasa zur Konstruktion der Kiste im ganzen 11 mäch- 
tige, lAOem hohe Platten benutzt worden waren. Davon entfielen auf die 


1^61 




u 


Läiigswände je 4, auf die Querwand an der Nordseite eine und auf die 
abgerundete Wand der Südseite 2, Die Grössen Verhältnisse des Grabes 
waren folgende: die Länge 8*, Fnss, die Breite 4 Fuas, die Tiefe vom 
Kurganrande bis zu dem harten Lehmgruade 1,52 m. Die Richtung war 
NW,— 80. (158"), Die Ausstattung bestand aus einem Einglein, einem 
Spinnwirtel und 5 defekten Urnen, von deneu 3 grosse vor und eine 
kleinere hinter einem verfallenen Skelett standen. Der Tote war in 
hockender Stellung beigesetzt, den Kopf nach NO, gerichtet. 

Funde aus Grab Nr, 4, 
Nr. L Zusammengedrücktes offenes Ringlein. 
Nr. 2, Spinnwirtel aus glattem, granblauem Stein. 
Nr. 3» Drei kleine Karneolperlen. 

Urnen, 

Die grösseren Gefässe haben eine schwärzliche Farbe. Die Oberfläche 
ist glatt Die Masse ist gut gebrannter, im Bruch grauer Ton. 

Nr. 4 ist das grösste der gefunden Gefäase und 27 cm hoch, der 
Banchumfaug beträgt 91 cm^ der Durchmesser der leicht nach unten sich 


Amgrabungrcn in TranskuukasieD* 


135 


wölbenden Stebfläche 11 cm, die Wandstärks 1 an, Dör Topf hat 2 Schnur- 
henkel und 2 Killen^onen: eine zwischen den Henkeln am HahaiiBalz und 
eine in der Bauchgeg^nd. (Fig. fi2.) 

KIsteiiip'ab Nr, 5, 
westlieh neben Kr, 4 belegen, hatte 3 Deeksteine, Die Ki&te war aui 
7 Platten von 90 cm Höhe gefügt, die sich wir folgt verteilteo. Die 
Längswand an der Ostseite hatte 2, die gegenüberliygßnde 3 Platten, 
die Querwände bestanden ans je einer Platte. Das auf der Südseite etwas 
abgerundete Grab war mit weichem^ grauem Kiessande gefüllt. Die Länge 
betrug 6V4 Fuss, die Breite 3 Fuss, die Tiefe vom Kurganrande bis 
zum harten Tongrunde 1,65 wi. Die Kichtung des Grabes war NW,- SO. 
(160"), Die Kiste enthielt das Skelett eines Etarkgewaehsenen Weibes. 
Es rahte mit angezogenen Füssen auf der linken Seite. Die Hände waren 
wie betend emporgehoben und das Gesicht blickte nach Osten, Die Farbe 
der Knochen war von den aufliegenden Bronzen vielfach eine grasgrüne. 
Die Ausstattung erwies sieh als besonders reichhaltig-, denn die Verstorbene 
hatte man im ganzen typischen Bronzeschmuck ihrer Zeit beigesetzt. Um 
den Hai» trug sie einen Reifen, 8 grössere Blechröhren waren paarweise 
nebeneinander oder kreuzweise übereinander zu Häapten der Leiche 
niedergelegt. Schläfen ringe lagen in der Hals- und Brustgegend. In der 
Bauchregion fand ich ein grosses Blech mit einer quer darüber gelegten 
NadeL Der rechte Arm trug Reifen, und die Finger waren mit Ringen 
geschmückt Hinter der Leiche, in der Taillengegendj lag ein Blechgürteh 
Perlen der verschiedensten Art, kleine Buckelbleche und Knöpfe waren in 
grosser Zahl um die Tote herum veratreut Zwei schöne, leider aber 
geborstene Tongefässe, eines davon Ferien enthaltend, nahmen den Plati 
in der Nordostecke des Grabes neben den Röhren ein. Zwei andere, 
ebenfalls verfallene Töpfe, deren einer gleichfalls Perlen barg^ waren vor 
dem Gesicht der Verstorbenen aufgestellt worden. 

Funde aus Grab Nr. 5. 

Die Bronze ist, wo nicht anders bemerkt, mit starker, grobkörnigaf 
Oxydflchicht bedeckt. 

Nr* 1. 8 Blech röhren mit übereinander gelegten Rändern. Länge 
Itjon, Weite lern. Wahrscheinlich Teile eines Kopfschmucks^ wie solcher 
in ähnlicher Form noch heutigen Tages in jenen Gegenden von Frauen 
getragen wird. 

Nr. 2. Verbogener flacher Halsreifen aus Blech, an den sicJi 
verjüngenden abgerundeten Enden mit je einem Schnurloch veraehan. 
Ordsate Breite (Höhe) 4c7ii, Enferoung der Schnurlöcher vom Rande %mm. 
Der Reifen diente wahrscheinlich xum Festhalten des Kopftuches. (Fig, 63,) 

Nn 3, Taillenreifen, in der Form dem vorbeschriebenen ähnlich. 
Die Bronze ist an manchen Stellen ohne Patina und von goldigschönem 
Glänze. Gröast© Breite 4*/, cm, Entfernung der Schnurlöcher vom 
Rande 1,7 cm, 

Nr. 4, Grosses, gewölbtes Blech mit flachem Rande und Buckel 
in der Mitte» unten mit geschwuiigener Öde sum Durchziehen einer Schnur 



E. Röss e : 

oder eines Bchinaleii Lederriemeua. Durchmesser des Bleches 97i ^^^ 
(Fig. 640 

Nr. 5, Starke lange Nadel, unten zu einem Öhr umgelegt. Länge 
12,2 a?i. (Fig, 640 

Nr, 6. Vier ovalgeformte offene Sehläfenringe und Teile 
eines solchen aus Draht. Das eine Ende ist bei allen umgebogen und 
verläuft verplattet und sich verjüngend in achlangeuartigen Windungen in 
der Richtung der Längenachse des Reifens. Sämtliche 4 Stücke sind von 
verschiedener Grösse und teilweise auch Starke, (Fig. 65,) 

Die Längen durchmesser betragen bei Nr. 1 = 10 cm^ bei Nr. 2 = 9 tftw, 
bei Nr. 3 = 6 ctHj bei Nr, 4 = 4 cm. Die Drahtstärke beträgt bei Nr. 3 = 2 mm, 
bei den übrigen 1 mm. 

Nr. 7. Kleiner Reifen aus dünnem Blech mit sich verjüngenden, 
nach aussen umgeroTlten Enden. Durchmesser 5 cm. (Fig. 66.) 


/;J^6i^ 


f.,66 







Fi^n 





Mn 


f'$.€$ 


Nr* 8. Massiver offener Ring, an jedem Ende mit drei Kerb- 
schnitten versehen; im Querschnitt D- förmig. GrÖsste Weite 7Vi <^, 
Stärke 8 mm. (Fig, 67.) 

Nr. 9. Zwei Spiralfingerringe, sechsfach gewunden. Weite 2 cw*^ 
Breite 1,3 <rm. (Fig. 68.) 

Nr* 10. Einfacher Ringj offen, im Querschnitt kreisrund. Weite 

Nr. 11. Viele Hunderte kleiner Blechbuckel in Hutform, 
Oewandknöpfe und gerippte Röhrlein. (Fig. 69.) 

Nr. VI, Zahllose kleine, mittlere und grosse Stein- und 
Glasperlen von blauer, gelber, weisser, brauner, schwarzer und roter 
Farbe. (Fig. 70.) 

Nr. It3, Anhänger in Form einer langen, platten, sanftgewölbten 
Perle aus schwarzem, achatähnlichem Stein. (Fig, 71.) 

Yier zerborstene Urnen, 

Drei der (ief&sse waren von stattlicher Grösse, weitbauchig und gut 

gearbeitet. Die Masse war hart gebrannt, von schwarzlichem Aussehen 

und mit glattem Überzug. Eins derselben hatte drei Zierknaufe unter 

dem Halse, ein anderes einen dachartigen Knaufvorsprung an derselben 



A 


Anägrabiitijmi in Trauskauk&sien. 


137 


Htelle Eid kleinerer grauer Topf war von schlechterer Arbeit Ornament 
zeigte keine der üroen- (Fig. 72 ü. 73.) 

Kistengrab Nr, 6 
war westlich neben Nr, 5, aödlich von Nr. 1 gelegen und mit zwei Platten 
gedeckt. Die mit braunem Lehmaande gefüllte Kiste war ans vier Platten 
in Höhe von 97 cm gefügt. 

Die Länge des Grabes betrug iy Fuse, die Breite 3 Fuss, die Tiefe 
vom Kurganrande bis zu dem aus Kalksinter bestehenden Grunde 2 m. 
Dia Richtung war W,— 0. (95°). 

Den Mittelplatz des Grabes, etwas nach der Südseite zu, nahm ein 
brüehiges Frauenskelett ein, welches mit angezogenen Füssen und nach 
unten gestreckten Armen auf der linken Seite lag, das Gesicht nach 
Süden gewendet In der Sfldwestecke fand ich Reste eines Kinderskeletts, 
mit den Fösslein gegen die unteren Extremitäten der Frau gerichtet. In 
der Kopfgegend des grossen Skeletts grub ich Ringe, eine Muschel, einen 
Schläfenring, Perlen und Bnckelbleche aus. An keramischer Ausstattung 
enthielt das Grab zwei grosse und vier mittelgrosse Urnen» die in ge- 


/^PÄT. 



f^s-l'J 



FffTr 


wissen Abständen von einander an der West- und Nordaeite aufgestellt 
waren. Ein Schälchen — mit der Standfläche nach oben gerichtet — 
haue man vor das Gesicht der Verstorben plaziert 

Funde aus Grab Nr, 6. 

Die Bronze ist von dunkelgoldigem Glanxe und nur schwach patiniert 
Das Metall hat seine volle Elastizität bewahrt und gibt beim Ansehlagen 
einen klangvollen Ton von sich, 

Nr* L Offener King, im Querschnitt D-förmig* Weite 4,3 €m\ 
Stärke 4 mm. 

Nr. 2. Desgleichen, verbogen, an einem Ende sich etwas ver- 
jüngend, im Querschnitt elliptisch. 

Nr* 3. Schläfenring der vorbeschriebenen Form. (Fig. 74)*) 

Nr- 4. Kleiner verbogener Reifen, wohl von einem Schläfenring 
stammend, im Querschnitt nmd. 

Nr. 5* Zusammengedrücktes Bnckelbleeh mit zwei Rand- 
Idchem* (Fig. 75.) 

Nr* ti. Zwei Ohrgehänge aus Blech» (Fig. 76.) 

Nr. T, Grosse Perle in Kuppelform aus dunkelgrünem Stein mit 
Quarzeinsprengungen. (Fig* 77.) 


^ 


1) VgL ancb FiR. lö* 


\l 


»isler: 


r 


Ur, 8. Perlen^ mittlere und kleine länglichrunde aus weissem und 
gelbem Stein, auch röhrenartige aus Bronze* 

Urnen. 

Die Gefäsäe hatten, mit Ausnahme von zweien, starke Bisse und 
konntoTi nicht gerettet werden, Ihre Farbe war ein dunkles, ins Schwärz- 
liche übergehendes Braun. Zwei Töpfe waren henkeilos, zwei trugen je 
einen Henkel, ein anderer deren zwei und einer einen Zierknauf. 
(Fig, 78 u. 79,) 

Nr* 9, Urne aus gut gebrannter Masse^ mit Henkel und Wulstriug 
nm den Halsansatz. Die Hauptdekoration besteht aus eioer Flucht kon- 
zentrischer, durch Heraussclmeiden des Grundes erhaben gestalteter Krels- 
figuren mit markiertem Mittelpunkt. (Fig. 80.) 


f^i^ 


f^rsM 



^;W 




UpS/ 



NrriO* Schalenähnlicher Topf mit halb Terwischter Rillen- 
iukrustationB-Ornameütierung. Zwei parallele Zickzacklinien umgeben den 
Kaum unter dem Rande, Darunter folgen Darstellungen geometrischen 
Charakters und solche phantastischer Tierfiguren der Helenendorfer Art. 
(Fig, 810 

Ausstach -Braudgrab Nr. 7 
war an der westlichen Seite des Hügels, südwestlich von Nr. 6 gelegen. 
Der in rundlicher Form angelegte Ausstich war mit einer runden Platte 
gedeckt. Unter dem Steine fand ich vermodertes Zedernholz. Gefüllt 
war das Loch mit Steinen, Enochenteilehen, Asche und Scherben roh ge- 
formter schwarzer Gefässe. 

Der Durchmesser des Grabes betrug 5 Fuse, die Tiefe vom Kurgan- 
rande bis zum harten Grunde 1,48 eni, 

Kistengrab Nr. 8 

lag an der Ostseite des Hügels, sildöstlich von Nr. 4. Zwei Merksteine 
ragten weit über den Rand der Kiste heraus. Das Grab war schon etwa^ 


aDgeschnitt^o, Nach Etitfernen der zwei Deckplatteü erwies aicli der 

Inhalt jedoch noch unberührt In den oberen Schichten des harten, lehoiigee 

Fdlleandes wurde eine Kameolperle gefunden* Die an einer Seite ein 

wenig ausgebochtete Kiste war aus 2 x 4 und 2 X '^ Platten von 1 vi Höhe 

konstruiert Die Länge des ausgeräumten Grabes betrug 7V, Fnss, die 

Breite 4 Fuss, die Tiefe vom Kurganrande bis zum Grabe 1,1 m. Die 

PJlichtuüg war K — S. (195*"). Dag hier beigesetzte Skelett — anscheinend van 

einem kräftigen Mauni' stammend — lag auf der rechten Seite, mit dem 

plattgedrückten Kopf nach Süden und den angebogenen Füssen nach 

Norden gerichtet. Die Arme waren etwas vorne weggestreekL In der 

Bruötgegend der Leiche fand ich einig© Perlen und am rechten Arm einen 

iBeifen. In der Nordwestecke des Grabes stand eine ganze Serie von 

KTöpfen, teils neben^ teila übereinander. Leider war der Zustand der Urnen 

[©in jammervoller. Ein einstiges kleines Gefass konnte heil gehoben werden. 

H© Töpfe waren henkellos und von brauner oder schwarzer Farbe, Das 

'Ornanieot bestand aus Killen. 

Funde aus Grab Nr. 8. 
Nn L Offener glatter Reifen mit übereinanderfassenden Enden; 
Im Querschnitt rund. Weite 37<<^»- 
Nr. 2- i Perlen aus Karneol. 
Nr. 3. Topf mit lullen Verzierung. (Pig< 82.) 

Kistengrab Nr. Ü 

Twar westlieh neben Nr. 8 gelegen und mit 2 Platten gedeckt. Zwei Mark- 
nteine standen dabei. In den oberen Schichten der Filllung waren viele 
iSteine, dann folgte weicher Sand. Bei dem Anfbau der Kiste waren 
[2x3 und 2 V ] Platten von 95 cfn Höhe zur Verwendung gekommen. 
)ie Masse des Grabes waren: Länge 5 Puss. Breite 3 Fnsa, Tiefe vom 
[Knrganrande bis zum Grunde 2J m» 

Auf dem harten Lehmboden lag in der Mitte der Kiste ein Hiuflein 
morscher Knochen, An der Kordseite fand ich Trümmer von schwarzen, 
mit geometrischem Inkrustationsomament versehenen Gefässen> Die Rich- 
tung des Grabes war N.-S, (18t>°), 

Kistengrab Nr* 10 
befand sich östlich neben Nr, 7 und war durch zwei hohe Marksteine 
bezeichnet. Es trug eine doppelte Schicht von Deckplatten, unten grosse 
und darüber etwas kleinere. Die an den Schmalseiten abgerundete Kiste 
war aufgebaut aus je zwei Hauptwandplatten und je einer Qnerwaudplatte, 
kderen Höhe SS cm betrug. Die mit weichem Sande gefüllte Grabkammer 
maas ausgeräumt in der Länge G Fuas und in der Breite 3 Fuss. Die 
Tiefe vom Kurganrande bis zum harten Kiesgrunde betrug "2^12 m. Dm 
Richtung des Grabes war NO.— SW, ('240*'), Von menschlichen Über- 
resten wurden nur ganz schw^ache Anzeichen in der Mitte des Grabes kon- 
statiert Daneben lag ein Dolch und in der Nordwestecke ein Armreif. 
He keramische Ausbeute bestand aus S Gefässen: 7 an der Südsei tti 
und eine neben dem Reifen. Die Töpfe hatte man grösstenteils so hin- 


140 


E. B^SBler: 


gefltellt, dass sie mit der Mündung gegen das Zentrum des Grabes — den 
Ruheplatz de» Toten — * gerichtet waren. 

Funde aus Grab Nr. 10. 

Nr. L Dolch Yon schöner Arbeit mit starker Rippe und feinen Blat- 
laufriUen. Der dazu gehörige Knauf ist sorgfaltig mit Zedernholz aue- 
gelegt. Lange 22 €7n, (Fig. 83,) 

Nr. 2, Armring mit übereinandergreifenden, sich verjüngenden 
Enden« Die schön blau patinierte Bronze hat an manchen Stellen eine 
körnige Oxydationsschicht. Im Querschnitt D-förmig. Weite 6 ctn, Stärke 

Vi <^ffi' 

Nr. 3, Zusammengedrückter, breiter Fingerreif. 

Urnen. 
Die, mit Ausnahme von zweien, sämtlich in unhaltbarem Zustande 
befindlichen Gefässe waren denen in Grab Nr. 6 ihnlich. Ein grosser Topf 


fi^SS 


fh» 


Fg^ 


F## 


iW/ '> 




hatte tief eingeschnittenes, sauber mit weisser Inkrustationsmasse aus- 
gefälltes Ornament Die Motive waren in der Helenendorfer Axt und 
bestanden aus Winkelbändern, sanduhrartigen Figuren usw. 

Nr. 4 u. b. Zwei heile Topfe mittlerer Grösse. Einer davoa, mit 
Knubben in der Schultergegend, trägt als Dekoration eine Reihe sprin- 
gender Tiergestalten, Der zweitCj unten feuergeschwärzte Topf hat ein 
Halsband horiEontal geführter, keilartiger Furchen und eine Rille darunter. 
(Fig, 84 u. 850 

Kiatengrab Nr. 11 
lag südwestlich von Nr. 10 und südöstlich von Nr. 7, au der Westseite des 
ilügela. Die kleine Kammer war aus 4 Platten zusammen gesetzt. Ihre 
Länge betrug 4 Fuss, ihre Breite 2Vi Fuss, die Tiefe vom Eurganrande 
bis zum harten Grunde 1^12 m. Die Richtung des Grabes war W, — 0. (W). 


Ausgrabungen in Transkankaflien. 


141 


Halsreifen aus dünnem Blech mit nach ausien utngerollteü 

Gewandküöpfe, ßölireu- und kleine Steinperlen« 
Kleine gelbe Hefaale mit Tierfigur-Ornament (Pig. 86.) 
Kleine Schale mit schwärzlicher Oberfläche ohne Ornament, 


Anf dem Eieagmode des mit weichem Sande gefüllten Orabes lagen 
grün angelaufene Reste eines zerfallenen Skeletts, das anscheinend einem 
in Jugend lithen Alter abgeschiedenen weiblichen Individuum angehört 
hatte. Die Verstorbene war auf der linken Seite bestattet worden, mit 
angezogenen Füssen, daß Gesicht nach Xorden gewandt. Die Ausstattung 
an Metall bestand aus a^wei Armbändern, einem in der Brust und — einem 
in der Kniegegend, und iius einem Blechreifen am Halse. Kleine Knöpfe 
lagen rings nm den Oberteil der Leiche- In der Nordostecke hob ich 
Tiele Perlen auf Dort standen auch 5 geborstene Tongefässe: eine grosse 
Schale und 4 kleine j unter letzteren eine gehenkelte und eine mit Kreis- 
omament. 

Funde aus Grab Nr. IL 
Die Bronze ist mit starker, blaugrüner Oxydschicht bedeckt* 

Nr. 1 u. 2. Armringe, offen» mit übergreifenden Enden. Weite 
5 und 4 Vi cfH^ Stärke 0,3 und 0,5 cm. Nr. 1 ist im Querschnitt D-förmig, 
Nr. 2 rund. 

Nr. 3. 
Enden. 

Nr. 4. 

Nr. 5. 

Nr, 6. 
(Pig^ 87.) 

Kifiteiigrab Nr. le 
befand sich südöstlich you Nr. 8, am Ostrande der Aufschüttung. Zwei 
grosse Steine bedeckten eine aus 2x3 und 2 X 2 Platten in Höhe von 
Ijll m errichtete, mit zähem Lehm gefüllte Grabkammer, Letztere war 
etwas boschädigt und die Merks teLno waren verschleppt Die Länge 
betrug 7Vj Fuss, die Breite 37* Fuss, die Tiefe vom Kurganrande bis 
zum harten Lehmgrunde 1,4S m. Die Richtung des Grabes war N. — S, 
(180°). 

An der Nordseite kauerte ein männliches Skelett, den Kopf anf den 
Boden nach Süden geneigt» die Hiinde nach vom auf die Erde gestützt 
Das Grab war ausgestattet mit einer Speerklinge in der Südwestecke, 
einem Dolch und einem Pfriemen in der Nordostecke und mit Perlen 
neben dem Toten. Von fünf zerfallenen Töpfen standen drei an der Ost- 
seite^ nahe der Leiche, der vierte ungefähr in der Mitte des Grabes und 
der fünfte am Westrande bei dem Speer. 

Funde aus Grab Nr. 12. 

Die Bronze trägt einen kömigen Rostüberzug, an manchen Stellen 
tritt das Metall goldig schimmernd zu Tage. 

Nr L Langer Dolch mit schön eingelegtem Knauf. Länge 26 cm. 
(Fig. 880 

Nr, 2. Speer in Weiden blattform mit starker Wulstrippe und 
gftfichlitzter Tülle. Länge 25V, cm, (Fig. 89) 

Nr. 3. Kleiner Pfriemen. Länge 47« rw. 

Nr. 4. Zwei grosse Perlen: eine xylindrische ans gelblichem 
Stein, der Länge nach durchbohrt^ und eine aus weiasem Stein, 



142 


E. E68s1€t: 


homotital und vertikal gelocht Die Form ist flachnmd mit sanfter 
Wölbung. (Fig, m) 

Nr 5. 20 mittelgrosBe flachrunde Perlen aus rotem CarneoL 

Urnen. 
Die Gefäsee waren von bräunlicher Färbung und nicht hart gebrannt. 
Sie boten ausser einer hübsch geformten einhenkligen Urne mit Eillen- 
verzierung nichts Besonderes. (Fig, 91 u, 92.) 

KiBtengrab Nr- 13 

war aüdöstlich von Nr, 9 gelegenj hatte einen Merkstein und zwei Deck- 
platten nnd war aus 2 X 2 und 2 :< 1 Platten von 60 cm Höhe auf- 
gefahrt. Das Oblong des Grabes war kein ganz regelmässiges, wohl wegen 
der Kürze eines als Querwand dienenden Steines. Di© Länge des Grabes 
betrug 4 Fuss, die Breite 2*/, Fuss, die Tiefe vom Kurganraude bis zum 
harten Grunde 2 m. Die Richtung war NO,— SW. (245°), 

In der Mitte fanden sich auf dem Grunde Beste eines Kinderskeletts, 
dessen Lage nicht mehr festzustellen war. Dabei lag als einziger Metall- 
fundgegenstand ein Stück Bronzeblech. In der Nordostecke und an der 


1^^^ 





L 


> 


Südostseite stand übereinand ergetürmt ein ganzer Haufe trümmerhafter 
kleiner Töpfe in Urnen- nnd Sohalenform» Nur eine einzige Schale war 
erhalten geblieben. 

Funde aus Grab Nr. 13- 

Nr, I* Blechstück, wohl von einem Gürtel stammend. 

Nn 2. Schäl eben mit etwas zurückgelegtem Möndungsrande nnd 
ebener Stehfläche. Das Stück ist mit der Hand geformt. Die OberBäehe 
ist rauh, die Farbe eine gelbliche. Höhe l^/^cm; Mündungsdurchmesser 
16 cfti; Durchmesser der Staudfläche 8 cm; Wandstärke 0,7 cm. (Fig. 93.) 

Interesse erweckt das Manufakt durch sein reiches Ornament, welches 
tief und breit gefurcht ist Unter dem Bande trägt eine Hälfte der Schale 
ein grosses Zickzackband, dessen Winkel mit ansgestichelten derben 
Punkten ausgefüllt sind. Darunter folgt eine nuegal geführte Horizontal- 
rille. Die entgegengesetzte Gef&sshälfte hat die Zickzackverzierung unter 
dem Bande in verkleinertem Massstabe. Die Hauptdekoration dieser Seite 
bildet eine Gruppe von Figuren geometrischen oder symbolischen Charakters, 
die sich auf gerade oder schräg gelegten Stäben in sanduhren-j kreuz- 
oder hakenkreuzähnlicher Form aufbauen. 


J 


Ansgrabnn^cii in Transkaukiäien, 


143 


Kistengrab Nr. 14 

Img südlich von Nr, 10. Beinen Yerschluss bildete ©in einziger Deckblock 
mit einem Merkstein dabei. Die Konstruktion der Kiste war der des vor- 
beschriebenen Grabes ftist gleich, auch in Bezug auf die Unregelmäasigkeit 
der Form, denn an einer Seite (hier der westlichen) war die Kiste etwas 
schmäler. Die Höhe der Wandplatten betrug ein wenig mehr als bei 
Nr. 13, näniHcli 70 cm. Die Kiste war 5 Fuss lang und 27^ resp. aV^ Fuss 
breit Die Tiefe rom Kurganrande bis zum Grunde betrug 1,52 m. Die 
Richtung des Grabes war NO,— SW* 0235^). Nach Ausheben des weichen 
Füllöaufles fand ich auf dem Grunde die vermoderten (tebeine eines jugend- 
lichen Individuums. Die Lage des Skeletts f ostzustellen, war nicht mehr 
möglich. Metallbeigaben fehlten. In der Nordostecke standen drei kleine 
Tongefäfise, Zwei von ihnen — ein defektes in Schalenform und ein 
becherartiges — waren schräg gestellt, die Mündungen nach der Mitte 
des Grabes zum Toten geneigt. Ein birnenförmiges Topf lein stand auf- 
recht daneben. 


Kgf^ 




BgX 


Nr. 1. Beeherartiges Gefäss aus Lehm, roh gefertigt. Der 
Mandungsrand ist leicht nach innen umgelegt Das Stack hat einen 
kleinen StanduntersBtz mit gerader Bodeufläche. Höhe 6.8 efn\ Mündungs- 
durchmesser %;2 rm; grösster Umfang 28 cm% Durchmesser der StohOäehe 
5,2 <7m; Wandstärke 0^5 cm. (Fig. 94-) 

Nr. 2. Topf lein in Birnen- oder Vasen form. Der Mflndunga* 
rand ist zurückgelegt Der mit kehlartiger Ausbuchtung veraehtMie Hals 
trägt ein Band verwischter Rillen. Die Stehfläche ist klein und eben- 
Der Ton ist gut gebrannt, von schwarzbrauner Färbung und an der Ober- 
fläche rauh. Höhe 14 cwi; Mündungsdurchmesser 6,5 €m\ grösster Umfang 
30 not; Durchmesser der Stehfläche 5,5 cfn\ Wandstärke 0,ß cm. (Fig. i^5.) 

Nr. 3. Defekter Topf mit Mäander-Oruameut (Fig. 96) 

Kifltengrab Nr. 1& 
war am Westrande des Hügels, südlich von Nr. U gelegen und durch 
einen Merkstein bezeichnet. Die kleine, aus vier Platten von 70 cm Höhe 
regelmässig in der Form einet gestreckten Vierecks gefertigte Kiste hatte 
eine Länge von 3'/* Fuss und eine Breite von 2V4 Fus». Die Tiefe vom 


1 


144 


E. Basaler: 


KurganraDde bis zum Eiesgrunde betrug I587 01* Gefüllt war sie mit 
grauem Sande. Die Richtung war W.-O* (86^*)* 

Auch hier fauden aich nur schwache Knochenreste Tor, daneben lagen 
einige Carneolperlen. In der Nordostecke waren fünf kleine Töpfe auf- 
gefltellt, Ton denen zwei sieh relativ gut erhalten hatten. 

Funde aus Grab Nr. la* 

Nr. L Topf aus festem Material von echwärxlicher Farbe, mit 
weiter Mündung und stark 7.urückg©legtera Rande, Um das ganze, unten 
russgeschwärzte Gefäss läuft feines Rillenornamc^nt herum. Dieses ist in 
der Oberbauchgegend durch einen Ring derber, innen schraffierter Keulen- 
schnitto unterbrochen. Die leicht nach aussen sich wölbende Sti?hfläche 
hat ein Streifenornaraent in Gestalt einer Spirale, die am Rande der 
Standfläche durch einen Kranz blätterartiger Ausschnitte abgeschlossen 
wird. Auch der innere Mündungsrand des Gefässes ist mit Rillen verliert. 
Die Ornamentierung verrät besonders sorgfältige Ausführung, Höhe 12,5 e'wi; 
Mündungsdurchmesser 14 cm; grösater Umfang 50 cm; Durchmesser der 
Stehfläche 7 cm; Wandstärke 0,4 cm. (Fig. 97 u. 98.) 

Nr. 2. Urne mit Rillen Verzierung an der oberen Hälfte, (Pig- 99,) 
Nr. 3, Vier flachrunde Carneolperlen verschiedener Grösse. 


FüSr 




fgSS 



Kietengrab Nr. 16 

war das äusserste Grab von der Südostseite des Hügels und südöstlich 
von Nr, 13 gelegen* Zwei gewaltige Gneisblöcke von 3 Puss Stärke 
schlössen es. Einer von ihnen konnte trotz aller Anstrengungen nicht 
beseitigt werden. Die Kiste war aus vier Platten in Höhe von 1 m kon- 
struiert. Ihre Masse waren folgende; Länge 5Vi Fuss, Breite 3 Fnss, 
Tiefe vom Kurganrande bis zum Grunde 1,85 m. Die Richtung war 
NO. — SW. (220^). Knochen eines Skeletts lagen im ganzen Grabe ver- 
streut Ein Schädel ohne Unterkiefer stand an der Nordostschmalseite* 
Der Kiefer fand sich weiter nach der Mitte zu. Zwei Kückenwirbel lagen 
an der Westseite mit Röhrenknochen zusammen. Sichere Schlüsse auf 
die Bestattungslage der Leiche li essen die Reste nicht zu. An Beigaben fand 
ich in der Mitte des Grabes: zwei Ringe, eine Nadel einen Anhänger, 
einen Spinnwirtel und viele Perlen. An der Westseite lagen zwei Arm- 
bänder. Dort standen in der Ecke auch drei grössere Tongefässe. Femer 
hob ich noch eine Urne an der Ost- und eine an der Nordseite, letztere 
zusammen mit einer kleinen perlengefullten Steinschale, 



j 


AosgrabaBgcs in Trukskaukm^^en. 


145 


Funde ans Grab Xr. lt>. 

Nr. 1. Massives Armband mit sich etwas verjüngenden Enden^ 
offen, im Querschnitt nmd. Auf dem Anssenrande laufen drei horiiontal 
geführte Rillen. Die so gebildeten Felder sind mit feinen Schrficrstrichen 
verziert. GrOsste Weite 7*/, rm; Stärke 1 cm. 

Nr. 2. Dünner Armring, offen, im Querschnitt rund. Grösste 
Weite 7 rm: Stärke 4 mm. 

Nr. 3. Nadel. Länge 10,4 cm, (Fig. 100.) 

Nr. 4. Zwei Fingerringe mit übergelegten Enden, im Querschnitt 
rund. Weite 2,1 cm: Stärke 3 fiiifi. 

Nr. 5. Dünner offener Reif mit umgerollteu Enden. 

Nr. 6. Kleiner Anhänger in Beilform. H5he l^/^cm; gröaste 
Breite 1,8 cm. (Fig. 101.) 



9 S 




9 o 


/^si/i: 



Nr. 7. Spinnwirtel aus Stein von lila Farbe. Durchmesser 2,6 cm; 
Höhe 1 cm. 

Nr. 8. Kleine gehenkelte Schale ohne Standfläche, aus marmor- 
ähnlichem, gelbweissem Stein (Alabaster?) sauber gefertigt. Höhe .4 cm ; 
Mündimgsdnrchmesser 8 cm: Wandstärke 0,4 cm. (Fig. 102.) 

Nr. 9. Perlen 

a) aus weissem Stein: zwei grössere flachrunde, doppelt gelochte 
(Fig. 103); 

b) aus gräulichem Stein: zwei zylinderförmige, eine in Gestalt 
eines Doppelkonus; 

c) aus gelbem Stein: viele zylindrische, mit Buckeln besetzte, viele 
in Kugelform; 

d) aus schwärzlich glänzender glasähnlicher Masse (Lignit?): 
viele in Kugelform; 

e) aus Carneol: viele hundert gewölbte flache und zylindrische; 

f) aus Bronze: viele röhrenförmige. 

Fragmente von Bronzeblechen und Bronzeröhrchen. 

Z«itichiift fQr Ethnologie. Jahrg. 1905. Hvft 1. 10 


146 


E* Rdesler: 


Urnen. 

Unter den zerfallenen Gefässen waren: eine grosse Bomben urne 
(Fig. 104) aus sch^arziglänzendem Ton, kleinere T5}3fe mit Rlllen- 

ornametit, ftlinlich den in Nr. 15 beschriebenen, ferner 

Nr. 10. Eine grössere braune glatte Schale mit leicht nach 
innen gewölbter Stehfläche. Höhe 10,5 <-m; Mündungsdurchmesser 2A *m; 
Durchmesser der Stehfläche 8 cm; Wimdfläche 0^5 cnL (Fig. 105.) 

Kistengrab Nr. 17 
war das äusserste an der Öüdwestecke der Aufschüttung und südlich von 
Nr. 14 und Nr. 15 gelegen. Ea hatte 2 Merkateine und 3 mächtige Deck- 
platten. Die aus 2x3 und 2 x 3 Platten gefügte Kiste war 9'/^ Fuss lang 
und 3Vt Fuss breit, die Tiefe vom Kurganraude bis zum harten Kiesgrunde 
betrug 2,5 m. Die Richtung des Grabes war O.— W* (265"). Die Füllung 


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Bi^m ^m 


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bestand aus schneeweissem Sande. Ein grosses Mannsskelett lag an der 
Ostseite des Grabes in gekrümmter Seitenlage mit angezogenen unteren 
Extremitäten, das Gesicht nach S. gewendet. An Metallsachen grub ich 
in der Südosteeke des Grabes aus: einen Dolch und zwei Messer. Ein 
Pfriemen und ein Knopf lagen mehr nach der Mitte zu, alles direkt auf 
dem Kiesboden. An keramischen Artefakten lieferte das Grab 7 Tor die 
Leiche hingestellte Urnen (3 grosse, 3 mittlere und eine kleine), die dank 
dem Umstände, dass der Füllsand hier ausnahmsweise ganz trocken war, 
sich fast sämtlich vorzüglich erhalten hatten. Es waren prächtige Exem- 
plare darunter. 

Funde aus Grab Nr. 17, 

Nr. 1. Enaufdolch. Die Länge der mit schwacher Rippe versehenen, 
noch scharfen Klinge beträgt 21 cm. In einem der Nietlöcher des Z^l^cnt 
hohen Knaufs sitzt noch ein Holzstift, (Fig. 106.) 

Niv 2* Messer mit rückwärts gebogener, abgerundeter Spitze. Länge 
167» c?n, Rückenstärke Zmm, (Fig. 107,) 


J 


AusgribuDgeii iq TranskatikftsieD, 


147 


Jfr. 3. Desgl. kleineres. In der Klinge sind au zwei Steilen runde 
Löcher angebracht Länge IVIarm, RückeaBtärke Vk'mm. (Fig. 108.) 

Nr, 4 Schwach gewölbter hohler Knopf mit ruBd<>fn Bügel, 
Parallel der Peripherie befindet sich nahe dem Hände ein Kran^ kleinert 
rundlicher Löcher* (Fig. 109.) 

Nr. 5* Pfriemen Ton 8 cm Lange. (Fig. HO.) 

Nr. 6, Perlen a) aus weissgelbem Btein: eine grosse cylindrieche, 
eine grosse plattrunde und 2 doppelkonische (Fig. 111); und b) aus rotem 
Karneol: 3 der gewöhnlichen Art, 

Nr, 7^13. Urnen, 

Nr. 7- Amphoraähnlicher Topf mit 2 HenkelOsen auf der Schulter, 
aus faetem Material Ton braunschwarzer Farbe mit glänzendem, lack- 
ähnlichem Überzug, Das Oefäss ruht auf kurzem, innen ausgehöhltem 
Staudaufsatz und tragt um den Hak ein Paar horizontal geführte Wulst- 
bänder. Zwei weitere Wulstringe sitzen in der Unterbauchgegend. Das 
freie Feld zwischen den beiden Wulstpaaren ist durch Terfeikallaufendp 
Hippen ausgetollt. Das tadellose, äusserst exakt gearbeitete Stück gleicht 



^^fi^ri 


ff9.m 



ganx den Artschadsorer Urnen. Höhe 24 ^W; Mündungsdurchmesser llV^t^«, 
grösiter Umfang 1)4 em, Durchmesser der Stehfläche d^Uctn, Wandstärke 
8 mm. Gewicht ca. 4 kg. (Fig. 112.) 

Nr- H, Grosser, bombenähnlicher Topf mit plattem, breitem 
Mündungsrande und dachartigem, oben mit Winkelhaken verziertem Vor- 
ftprung. Der kurze Steh Untersatz iit leicht nach aussen gewölbt Das 
Material ist wie bei Nr. 6. Als Dekoration trägt das Gefäss in der Schulter* 
gegend ein Horizontalband feiner Wellenlinien. Dasselbe wird von zwei 
breiteren, tieferen Furchen begrenzt Auch der Mündungsrand ist mit 
solchen Linien verziert Höhe 19 cm, MOndungsdorchmesser über den 
Rand gemessen MVicm, grösster Umfang 90 ^/i, Durchmesser der Steh* 
fläühe d%em, Wandstärke 8 mwi, (Fig. 113) 

Nr. 9. Hohe, doppeltgehenkelte Urne mit leicht nach aussen ge- 
wulbter Stehfläche. Die Masse ist von echwärzlichgrauer Farbe, die Ober- 
fläche rauh und stark verwaschen. Verziert ist das Oefiisa mit einem aus 
fünf breiten, flachen Furchen bestehenden Rillenband in der Schulter- 
gegend, Höhe 29 cm, Mündungsdurchmesser 11 Vi cm, grösster Umfang 
86 r»i, Durehmesaer der Stehfläche 9Vi an, Wandstärke 1 cm. (Fig. 114,) 

10* 


1 


E. Kassier: 

Nr. 10, Weitbauchiger Topf ohne Henkel aus dem gleichen Ma- 
terial wie der vorij^e und mit ebenso geformter Standfläche. Das Gefnss 
hat als Ornament am Halse eine breite Kille* Darunter sitzen parallel 
laufende Horizontalbänder, die eich aus Ketten von auagestichelten (oder 
mit Stempel eingedrückten) Zeichen in Form etwa eines griechischen e 
zusammensetzen. Vier ebenso gebildete Parallel-Zickzackkettenbänder sinil 
in der Oberbauchgegend angebracht Höhe 17 cm^ Mündungadurchmesser 
IVltCMj grösster Umfang 59 cwi, Durchmeaaor der Stehfläche Se?», Wand- 
starke l mu (Fig. 115.) 


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Nn 11. Mittelgrosser Topf mit tief ausgefurchtem Wellenrilleu- 
und Winkelhakenband unter dem kurzen Mündunprsrand, Neben geo- 
metrischem Ornament trägt das Gefäse als Hanptdekoration eine Haken- 
kreuz-Yariaute. (Flg. 116,) 

Nr. 12. Topf Ton mittlerer Gröise mit Schrägfnrchen unter dem 
aufladenden Kande und Zickzacklinien darunter. Das Gefäss igt unten 
feuergeschwärzt (Fig. 117.) 

Nr* 13- Kleine Schale mit Stand Untersatz, Unter dem Rande läuft 
scwischen zwei schmalen Horizontalfurchen eine Wellenlinie. (Fig. 118*) 

Mit dem interessanten Hügel Parssegahoch habe ich das erste grosse 
Sippengrab erforscht. Eh handelte sich hier höchstwahrscheinlich um eine 
Familienbegräbnisstatte. Der ganze Befund derselben machte nämlich 
den Eindruck, als ob die Glieder eines Geschlechts anf dem für die Be- 


► 



Ausgrabungen in Triinskaukasien. 


149 


ittiing ausgewäblteti (iruEdstück nach und nach beigesetzt worden eeien 
uud nach dem ÄiiSBterben der Familie die durch die Deckplatten bezeich- 
nete Btigrabnis Stätte mit einem Erdhügel überwölbt worden sei* Nament- 
lich aucli die Prüfung der Aufschüttung gelbst, welche im ganzen Kurgiin 
stets dieselbe Beschaffenheit dee Erdreichs ergab, wie wenn der Hügel 
sozusagen in einem Zuge geformt worden sei, spricht für eine solche An- 
oabme. (Fig. 1190 

Was die Art der Gräber konstiuktion in diesem Kurgan anbelauj^t, 
«o ieben wir, mit Ausnahine zweier Brandgräber und einer spätzeitlichen 


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GrAbsU^tte P&rssagahoch iBit den geö ff aeben Kisteti, 


teisetzung in den oberen Hügelschichten, gedeckte Stein kiaten verwendet, 
die, zum Teil durch Merk-(Phallus)steine markiert, Ln gleichem NiYeau 
angelegt waren, die Gräber für Erwachsene, wie üblich, etwas tiefer aus- 
gehoben, als die für Kinder bestimmten. Bezüglich der Merksteine will 

ich folgendes hervorbeben. 

Es hat sich mir im Laufe meiner Untersuchungen immer mehr die 
Cberzeugung aufgedrängt, dass das Aufstellen derselben bei den Gräbern 
den Zweck gehabt hat, die Ruhestätten von Individuen männlichen Üe* 
schlechte als solche zu bezeichnen. Ferner scheint es — wenigstens hin- 
iichÜich dieser Grabstatte — daas bezüglich der Anzahl der Merksteine 
zwischen erwachseneu Personen und solchen jugendlichen Alters noch ein 


H 


150 


E. Böafllerr 


Unterschied gemacht worden ist, derart, daas ereteren zwei und letztere!* 
nur ein Stein ans Grab gestellt wurde. So würde es sich auch erklären^ 
warum in diesem Falle bei den (iräbern Nr, 13, 14 u, 15^ welche dem 
Anschein nach Reste von Jünglingen oder Knaben umschlossen, sich 
nur je ein Merkstein vorfand^ während die Gräber Nr. 8, 9, 10, 12 u* 17 
mit den Resten erwachsener männlicher Personen durch je "2 Merkateiue 
gekennzeichnet waren. Die Kißtengraber ohne Merksteine müssten, falls 
meine Vermutung richtig sein sollte, wohl als Gräber weiblicher Wesen 
angesehen werden* Dies wurde ja auch mit dem Inhaltsbefund derselben 
nicht im WiderBpruch stehen. 

Die Kisten grab er xeigen als Norm Einzelbeatattung. Die Beisetzung 
erfolgte vorwiegend in Seitenlage oder Hockerstellung. 

Die Richtung der 16 bestimmbaren Gräber in Parssegahoch war 
folgende : 


Nr.O. NO,— HW. (300^. 

Nr. L W— 0. (75^). 

Nr. 3. NW. ^ SO. (140^). 

Nr 4. NW,— SO. (158**). 

Nr. 5. NW.^SO, (160^), 

Nr. 6, W.-O. (i)50, 

Nr, 8. N,-S. (1857 

Nr,9. N,— S. (1867. 


Nr. 10. NO.-SW. (240^), 

Nr. 11. 0.— W. (270'=^). 

Nr, 12. N,— S, (180=) 

Nr. 13. NO,-SW\ (245-^). 

Nr. 14. NO.— SW. (235^), 

Nr. 15. O.— W. (274^). 

Nr, 16. NO.— SW, (220 und 

Nr. 17. 0.--W. (265 ^> 



Es entfallen mithin auf die Richtung W.— 0, oder 0. — W, 5 Gräber^ 
NW.— SO. oder SO.- NW. 4 Gräber, N.— 3. 3 Gräber und NO.^SW. 
4 Gräber. 

Eine bestimmte Richtung scheint also bei Anlag© der Gräber nicht 
geplant gewesen zu sein. 

Die Sippengräber von Parseegahoch, wie auch die anderen Bajaner 
Gräber mit Bronzeauastattung, bieten — mit den Gräbern von Helenendorf 
verglichen — in ihrer Ausstattung viel verwandtes mit jenen. Die 
gleichen Stein- und Metallsachen; Waffen, i-Jeräte, SchTnuckgegenstände 
(darunter die grossen, typischen Rundbleche) findan sich hier wie dort, 
durchweg in beschränkter Menge. Auch die Tongefässe von Bajan und 
Helenendorf deuten auf ein und dieselbe Erzeugnisqnelle; desgleichen sind 
die Inkrustationsomamente auf den keramischen Produkten denen von 
Helenendorf analog. Ein merkliches Unteracheidungsmoment besteht 
zwischen den Gräbern von Helenendorf und Bajan allerdings in der Art 
der Konstruktion derselben; dort sind es einfache Erdausstiche ohne Stein- 
umkleidung und nur ausnahmsweise mit Deckplatten versehen; hier — 
festgefugte und wohlverschloseene, steinerne Grabkanimern. Letzterer 
Brauch dürfte sich übrigens erklären durch die örtlichen geologischen Ver- 
hältnisse. Bei Bajan stand, im Gegensatz zu Helenendorf, das beste Steiö- 
material der dortigen Bevölkerung zu allen Zeiten reichlich und daEu 
in unmittelbarster Nähe zu Gebote. Man kann nach dem Gesagten die 
Bajaner Bronzegräber für ziemlich synchron mit der wohl etwas 


U> 1?i? (4^ b^ 1 J \AAV I 

etwas älteren I 


Ausgrabungen in Transkankasien. 151 

Hauptgnippe der Helenendorfer Oräber halten und ihre Entstehung in die 
Aasgangszeit der jüngeren kaukasischen Bronzeperiode setzen. Damit 
würde ihnen ein Alter von annähernd 2500 Jahren zuzuschreiben sein. 
Diese Gräber scheinen einem arischen Volke angehört zu haben. Manche 
Umstände, z. B. die Form der Schädel, der eigenartige Kopfschmuck u. a., 
könnten für die Vermutung sprechen, dass wir in den Bestatteten — 
namentlich von Parssegahoch — vielleicht Vorfahren der jetzigen Bajaner 
haikschen Bevölkerung zu erblicken hätten. — 

Meine an die Untersuchungen geknüpften Erwartungen, in den Gräbern 
von Bajan den Beweit fOr die Existenz eines einstmaligen Zentrums 
ergiebiger vorhistorischer Metall technik zu finden, haben sich nicht erfüllt; 
denn es zeigte sich im allgemeinen so gut wie nichts von dem voraus- 
gesetzten Überfluss an den, jener Gegend zugeschriebenen soliden Bronzen, 
obschon in einigen massiven Artefakten, z.B. den Armbändern in den 
Gräbern Nr. 5 u. 16 ein gewisser Geschmack am Massigen bereits zu 
Tage tritt. 

Wie ich in der Folge erfuhr, soll der gesuchte Reichtum an Metall- 
sachen sich in der Gegend von Saglik befinden, welcher Ort mit seinen 
reichen Nephritlagem ungefähr 12 Werst weiter westlich nach der duroh 
Belcks Ausgrabungen bekannten archäologischen Fundstätte Kedabeg zu 
gelegen ist. Es war mir leider noch nicht möglich, Saglik zu besuchen 
und die Wahrheit jener Anu;aben prüfen zu können. Hoffentlich bietet 
sich dazu bald eine passende Gelegenheit. — 


II. Verhandlungen. 


Sitzung Yom 21. Januar 1905. 
Vorsitzender: Hr. Lissauer. 

(1) Der Vorsitzende begrüsst die Versammelten in der ersten Sitzung 
des Jahres mit dem Wunsche, dass das neue Jahr für alle Mitglieder und 
für die Gesellschaft einen glücklichen erfolgreichen Verlauf nehmen 
möge. — 

(2) Den Statuten gemäss fand die Neuwahl des Ausschusses für das 
Jahr 1905 statt. Die Majorität der eingesammelten Stimmzettel entfällt 
auf die bisherigen Mitglieder. 

Nach der Konstituierung des Ausschusses wird Hr. von Kaufmann 
wieder zum Obmann gewählt. — 

(3) Von unseren Mitgliedern haben wir Hrn. Professor Ewald, den 
hochverdienten Schöpfer und Leiter der Unterrichtsanstalt im Kunst- 
gewerbemuseum, und Hm. Konsul Wetzstein, der uns oft interessante 
Beiträge zur Ethnologie der syrischen Beduinenstämme geliefert hatte, 
durch den Tod verloren. Wir beklagen femer den Tod des Hrn. Professor 
Pyl in Greifswald, der zwar nicht unserer Gesellschaft angehörte, aber 
um die Altertumskunde sich sehr verdient gemacht hat. Allen drei Männern 
werden wir ein ehrendes Andenken bewahren. — 

(4) Als neue Mitglieder werden gemeldet: 

1. Frau Geheimrat Bartels in Berlin. 

2. Hr. Ole Solberg in Steglitz. 

3. „ W. H. Kühl, Buchh. in Berlin. 

4. „ Erwin P. Dieseldorff in Guatemala. 

5. „ Dr. med. Erwin Jaeger in Leipzig. 

6. „ Professor Dr. F. Rathgen in Berlin. 

7. „ Professor Naumann in Bautzen. 

8. Die Anthropologische Gesellschaft in Cölu. 


l&S 

(ßj Hr. Oab. Regifinrngsnit ProfesMir Paul Ascherson bat in diesem 
Monat sau 50 jibriges Doktorjiibiliiim gefeiert. Wir wiederkolen auch an 
4i6aer SieDe dem Terdienten FoTBcher unsere berzlicben GlAckwAndche. — 

(6) Fran Gebeimrat Bartels hat der Gesellschaft die Summe Ton 
30üO Xk. geschenkt. Der Vorstand hat der edlen Geschenkgeberin den 
wirmaten Dank der Geseüachaft dafür ausgesprochen. Da unser Schatz- 
meiater die Summe nun Kapital geschlagen hat, so kommen uns för die 
grossen laufenden Ausgaben nur die Zinsen zu Hilfe, — 

(7) Das Westpreusnache ProTinziahnuseum in Danzig und sein hoch- 
Tcsdienter Sebdpf«' und Direktor Hr. Professor Dr. Conwentz begingen 
in aller SüHe ihr 25jihriges Jubillum, überraschten aber alle Freunde 
durch rine praehtroUe Festschrift, welche Toigelegt wurde. Wer den 
reidien Inhalt des Museums zu bewundem Gelegenheit hatte, wird die 
grossen Terdienate des Hm. Conwentz freudig anerkennen. Wir be- 
glflekwfinschen das Museum zu dem Besitz dieses ausgezeichneten Direktors 
und wttnaehen ihm selbst dass er bald ein neues würdiges Gteb&ude 
für sein Museum erhalten mi^! — 

(8) Ais Glste wttden begrüsst: die Herren Geh. Rat Branco und 
Wmhnschaffe., Prof. Jäkel aus Berlin und Dr. Haferland aus Dresden. — 

(9) Hr. Ton Luschan hatte in der Aprilsiuung des vorigen Jahres 
eine Tafel zur Bestinunung der Hautfarbe aus opakem Glas für Forschungs- 
reiaende vorgelegt. Dieselbe kommt jetzt in den Handel und besitzt 
alle Vorzüge, die Hr. tou Luschan schon betont hatte. — ^ 

(10) Herr Maass überreicht die folgende Abhandlung: 

Ta ki-kU-kU Tabu. 
Ein Beitrag zur vergleichenden Kenntnis der Malaio-Polynesier. 

Als ich im Jahre 1897 die Mentawaiinseln besuchte, fiel mir bei 
ihren Bewohnern die eigentümliche Handhabung des Ta k&-käi-käi und 
PunAns auf. Zurückgekehrt in die Heimat, suchte ich bei andern Natur- 
Tölkem nach analogen Eigentümlichkeiten in ihren Sitten und Gebräuchen. 
Zu meiner Freude fand ich viele Anknüpfungspunkte, ganz abgesehen von 
dem benachbarten Sumatra oder bei den Midaien, namentlich aber bei 
den Polynesiera im Tabu. 

Mein Begleiter, Herr Dr. Morris, hatte auf Grund seiner sehr ein- 
gehenden linguistischen Studien bei den Mentawaiinsulaneru bekundet, dass 
diese dem Wesen ihrer Sprache nach, welche zu der von Miste li uIh 
atammisolierende Sprache des Malaie - Dajakeschen Typus bezeichneten 
Familie gehört, zur grossen Familie der Malaio-Polynesior gerechnet 
werden müssen. Hierdurch wurde mir der Weg gewiesen, auf dorn ich 
hoffen durfte, verwandte Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten zu iiudoii. 
Im folgenden werde ich auf Grund vergleichender Analogien darzutun ver- 
suchen, dass auch den Sitten und Gewohnheiten nach, ein verwandten 



54 ^< Ifassft; 

Verhältnis zwiachen den Eitigeboreneo der Hentawai- und Naasaugruppp 
einergeita und ^len Polynesieni andererseits beateht. 

In dem Ta kä-käi-käi haben die Mentawai- mit Einschluäs der 
NaagfliuDsulaDer, den Fremden gegenüber eine furchtbare moraliacb^ 
Waffe, die nmt^o einschneidender auf den Eeiaenden wirkt, je mehr die 
Eingeborenen das Ta kä-käi-käi von ihrer Willkür abhängig machen. 
Das Ta kä-käi-kät ist das erste und vornehmste Gebot dieser Insel- 
bewohner, dem nur bei ilinen der Punän gleichkommt; mit ihm aber 
haben sie auch für sich selbst ein Causalgeaetz getichaffen, das fflr sie 
gewisBermassen ein moralisches Internat bildet, Ta kä-käi-käi heisst: 
„Ei^ ist verboten''. — An der Hand einiger Beispiele wird es leichter 
ersichtlich sein, welche Verbote den Eingeborenen und Fremden mit dem 
Ta kä-käi-käi treffen resp, der letztere zu beachten hat \Vird ein Ein- 
geborener auf der Reise in einem fremden Dorf vom Tode überrajscht, 
äo wird er auch daselbst bestattet. Seinen Freunden nnd Bekannten ist 
m Ta kä-käi-käi (verboten)^ ihm bei seinem Begräbnis das letzte Geleit 
zu geben. Ein anderer Fall, in dem das Ta kä-käi-käi von besonderer 
Wirkung ist, ist folgender: Ein Yater darf sich tiieht am Ergreifen eines 
seiner Kinder beteiligen, wenn dies im Verdacht der Giftmischerei sieht 
Ich selbst kam mit dem Ta kä-käi-käi in Berührung, als ich eines Tages 
einen Eingeborenen bat, mir den Inhalt einer Totenklage mitzuteilen; 
sogar das Berühren weiblicher Wesen war Fremden verboten. Zweideutige 
Redensarten oder Verletzung des Anstandsgefühls in Gegenwart weib- 
licher Personen sind gleichfalls Ta kä-käi-käi. Neben diesem erziehe- 
rischen Wert kann das Ta kä-käi-käi noch als ein Bestandteil der 
Religiösen Anachauungeo der Eingeborenen der Mentawai- und Kassau- 
inseln in Frage kommen, sie sogar in diesem Sinne stark beeinSussen, 
z, B, ist es Ta kä-käi-käi, wenn die Eingeborenen während des Punäns 
Fremden, d. h. vornehmlich Weissen gestatten würden, dem Tanz^ der 
sieh nach den Klängen der grossen Katäuba im Hause des Häuptlings 
vollzieht, beizuwohnen* 

Wie ich schon anfangs bemerkte, haben die Mentawaiinsnlaner ver- 
möge ihrer Rassenabstammung auch Anknöpfungspnnkte mit den Malaien. 
dementsprechend finden wir für Ta kä-käi-käi bei den benachbarten 
Malaien Sumatras adäquat die Gebräuche des Pantang Cj^)* Pantang 
heisst, sich einer Sache enthalten, ebenso etwas, das als schädlicli ver- 
boten ist, endlich noch sich schonen. So findet es weiter häufig An- 
wendung in Pantang dan barangan^ das Feilhalten verbotener Sachen, 
oder tijda berpantang lagi: frei und ungehindert, Pantang pemali: ver- 
boten und nicht erlaubt, orang pantang: jemand, der unter einem Verbot 
steht, besonders durch Unreinheit; Pantang baik baik, was soviel heisst, 
wie schonen Sie sich sehr, Vor allem sparen, strenge Diät halten. Im 
gleichen Sinne kennen wir bei anderen, zur malaiischen Rasse gehörigen 
Eingeborenen das Pomali auf Timor und den Molnkken, das Pali, Padi, 
Posso oder Sassie^ welches ich dem Mngul der Mikronesier als verwandt 
bezeichnen möchte. 



Ta tä-¥ii-Hi Tabu 155 

Von den Alfm-en auf flalmahera wissen wir^ cla&s ibnen sogar der 
Anblick des Meeres nicht gestattet wurde, ebenso hören wir, dasg eine 
Anzahl Hpeiseverbote, die das Fleisch von Hirschen, Schweinen und 
Fi scharten Ter bieten, ein Poniali zur Bekräftigung verlangen* Bei Todes- 
fällen werden ganse Dorfachaften dem Pomali unterstellt, und Yer- 
letxungen desselben streng bestraft. 

Selbst bei dem interessanten Volk der Madagassen finden wir neben 
negroiden Einflüssen auch malaiische Elemente in Sitten und Gewohn- 
heiten vertreten; sie haben das Fadi, dessen Bedeutung soviel wie ver- 
boten, unglüekbringend, unantastbar, heilig heissen soll. Aus all den hier 
angeführten Beispielen geht hervor, das« wir in dem Pomali nicht dm 
reine Tabu der Polynesier haben, das von so tief einsehneidender Wirkung 
ist, wie wir noch sehen werden. An der Südküste von Madagaskar, im 
Bezirk Behare, sind sogar Hühner fadi, die Folge davon ist, dass nach 
diesem Bezirk kein Huhn kommen darf; auch das Schiessen von Vdgeln 
ist verboten. An einigen anderen Orten dieser Insel wird der Hund oder 
ain anderes Tier mit dem Fadi belegt. Hierbei drängt sich unwillkürlich 
ehi Anklang au Kobong oder Totem auf. Von besonderer Wichtigkeit 
bei den Madagassen sind die monatlichen Faditage, jeder Neugeborene 
verfällt dem Tode des Lebendig-Begrabenwerdens an einem solchen Tage- 
Mrandidier berichtet uns darüber von den Antanossen. Zärtliche Eltern 
bringen es mit öeld und guten Worten fertig, dass durch das Opfer eines 
Fingergliedes als Sühne der Ankunft an einem Ungtückstage nichts im 
Wege steht 

Betrachten wir weiter die Macht der Fürsten, so finden wir, dass ein 
nicht unweKontlicher Teil ihrer Maehtsphäre in der Annahme ?«eine Be- 
gründung tindet, dass man denselben die Kraft zutraute, dass sie die 
Glücks- und Unglückstage wüssten, man ging sogar noch weiter in der 
Meinung, indem man glaubte, dais in dieser Kenntnis astrologische Be- 
ziehungen vorkämen. Es gab femer eine Zeit, in der d^ Fadi selbst auf 
Oötzen sich erstrecken konnte. In Imerina kam es vor, daws jeder Oötze 
seinen Failitag hatte. Diejenigen, die ihn verehrten^ verrichteten an 
solchem Tage keine Arbeit Belbst heute noch finden wir vereinzelte 
Fälle in ilenen jeder hochgestellte Hova an seinem Faditage sich gewisser 
Speisen enthält; es zu gleicher Zeit vorzieht, ihn in der Stille der Ab- 
geschiedenheit zu verbringen. Auch in der Ehe ßnden wir die Wirkungen 
des Fadi; so verbietet es die Ehe unter Kindern von Öeschwistem bis 
zum fünften Graile. 

Begeben wir uns jetzt zu den Dajaken Borneoa, so finden wir im ühnm 
und Pamali wieder einen neuen Anknüpfungspunkt, der uns zu den Malaio*^ 
Polynesiem hinüberleitet Das ühum wird zunächst bei allgemeinerem 
(tebrauch da angewandt, wenn es etwas^ das recht res*p. sittig ist, zeigen 
soll; tritt es aber in politischer oder in religiöser BeEiehung in Kraft, 
dann erlangt es den strengen Charakter des Tabu^ auf da^ ich noch 
Tipäter einzugehen habe. 

Hit Punän nun bezeichnen die Eingeborenen der Mentawai- und 
Xas?<au-Gruppe eine Anzahl von heiligen tlebrÄuchen, die gewissermassen 


j 


156 


A. Maatts: 



mit ObservaDzeD Yerknüpft äiud. Sie untersclieiden deu gro^een und 
klein on Panan. Der erster© tritt iu Kraft, weiio eis sich natu entlieh um 
das Wohl oder Wehe einer Dorf«chaft handelt, aber auch Naturereignisse 
können für ihn von Einfluös sein, wenn z, B, ein Häuptling sich ein Haus 
«rriehtetj weiter bei Epidemien, die ein Dorf heimsuchen können^ oder wenn 
eine Kokosnusapalme durch eine Fgree majeure vernichtet wird; auch die 
Erhebung ku einem Dorfoberhaupt bedingt ihn, desgleichen findet er bei 
der Wahl eines Priesters statt Wird ein Eingeborener durch eiu Krokodil 
getötet, ebenfalls grosser Punän. Selbst das Einfangen eines Giftniörder» 
oder bei Streitfällen in einem Dorf erschlagene Eingeborene bedingen 
einen grossen Punän zur Sühne. Endlich noch wird der grosse Punäo 
ak ein Fest der Freude begangen, wenn ein Eingeborener die dem 
Punän geweihten Tiere, wie Hirsch, Affe, Meerschildkröte, erlegt hat 

Der kleine Punän erstreckt sich mehr auf das Persönliche. Schon 
sein Name Punän unia besagt, dass seine religiöse Kraft zunächst dem 
Hause, dem häuslichen Leben und was mit ihm ssusammenhaugt, geweiht 
ist. Mannigfach sind nun die Gelegenheiten, bei denen er zur Ausübung 
gelangt Zunächst wird der Eingeborene ihn feierlich bei dem Bau seines 
eiganen kleinen Hauses (Laläp) begehen, ebenso wird er ihn bei der 
Anlage eines Gartens, beim Bootsbau, der Sagobereitung halten; des- 
gleichen, wenn er sein Dorf verlässt, um sich anderswo anzusiedeln, Tor 
allem aber ist ein Punän bei Schwangerschaft, Crehurt und acht Monate 
nach derselben zu halten* Eine willkommene freudige Gelegenheit %u 
kleinem Punän bietet die Hochzeit. Endlich befindet sich dar Ein- 
geborene im Punän bei Krankheit in seiner Familie und beim Tod eines 
Familienmitgliedes; auch wouti der Priester kommt, um den bösen Geist 
aus dem Hause des V^erstorbenen zu treiben. Ausserdem machen noch 
diejenigen Eingeborenen, die auf die Jagd ausziehen, um eines der ge- 
heiligten Punänentiere, wie Hirsch, Affe, Schildkröte zu erlegen oder zu 
fangen j den Punän uma. Ein besonderes Verbot besagt noch, dass 
während eines Punäns die Kaira (mah sisik tJK*^i-'), d. h. Karattschild- 
kröte, nicht gefangen werden darf, dagegen sind die si malina oder iba 
laut (malaiisch katoeng ^^ ) und elato (malaiisch bauing bijang ^h? 5*^) 
willkommene Jagdbeute für einen Pimän. 

Der Verlauf dieser Darstellung hat nns den Weg vom Ta kä-käi-käi zum 
Pantang der Malayen mit seinen ähnlichen Einrichtungen, wie dem 
Pomali, Pali, Padi, Fosso und Sassie bei anderen der malaiischen Rasse 
angehörenden Völker gezeigt. Weiter fanden wir das Ubum der Dajaken 
und das ügul der Mikronesier, Endlich den Punän der Mentawai- und 
Nassauinsulaner, dieser leitet uns zunächst zum Tabu der SUdseeinsulaner 
im allgemeinen hinüber. 

Das Tabu, auch Tapu von einzelnen Stämmen gesprochen, bei den 
Melanesiern Tambn, bedeutet soviel wie unverletzlich. Fo man der er- 
wähnt in seinem Werke „An acoount of the polynasian race its origin 
und migratiouB . . , London 1878. 8**, Yol l, p. 114 das Kapu, welches 
die gleiche Bedeutung wie das Tabu hat. Er sagt darüber: 


^ 




»Die Allg^meiubeit des Kapu inuerhalb im potyDesf sehen Gebietes, 
oline sich auf positive Erklärungen besonderer Legenden xu beliehen, stellt 
es ausser alleiD Zweifei dass die Polyiiesier es aus ihrer froheren Heimat 
im Werten mitbrachten, und dort werden noch jetzt Spuren gefunden . . . 
Auch bei den Singhalesen xmd südlichen Hindus ist das Wort Kapu der 
Käme für eine seharlaehrote Schnur, die nm den Arm oder das Hand- 
gelenk gebunden wird, um anzuzeigen, dass sich der Träger zu einer heiligen 
Handlung verpflichtet hat und nicht in dieser gestört werden darf* Sonderbar 
genüge obechon mit Terändertem Sinn erinnert an den Namen die Absicht 
des polynesischen Verbots wieder. Wenn wir erwägen, dass der Ceylonese 
niemals den Brahmanismus angenommen hatte, und dass ihre früheste ZiTili- 
ion und religiösen Begriffe von den cnschiHschen Anibern gestaltet, wenn 

t geschaffen worden sind, deren Verkehr mit den dravidischen und anderen 
Völkern des siidUehon Fndiens und der Inseln und deren Einfluss auf die- 
selben lang und innig war. so ist man berechtigt, in Verbindung mit anderen 
Tatsachen, einen gemeinsamen Ursprung för das polynesische und singha- 
lesische Wort in einem cusehi tischen Ausdruck religiösen Imports zu 
suchen, der jetzt augenblicklich vergessen und bisher un entdeckt war.** 

Tabu sind bei den Südseeinsulaneni die Person des Häuptlings, Be- 
grfibnisplatze und Kultstätten: aber auch jede beliebige andere Ürtlichkeit, 
wie ein Baum, verlassene Wohnungen, ja sogar ein einzelnes Besitzstflck 
wissen diese Eingeborenen vor Annäherung, Berührung oder Wegnahme zu 
schätzen, Sie bedienen sich dabei eines sehr ciufachf'U Mittels, nämlich 
eines Fadens, in den unter bestimmten Zeremonien einige Knoten mit 
Oller ohne Fetische eingeknilpft werden. Das die Eingeborenen hierbei 
bewegende Motiv wurde durch den Glauben be^j^tärkt, dass vor einem 
Verletzen dieses Fadens alle Übel, die der Knotenschürzer hin eingeknilpft 
hatte, unfehlbar auf sie fallen werden. Dieser Aberglaube gereichte den 
Eingeborenen insofern zum Vorteil, als er die noch unansgebildete Sicher- 
faeitspolizei bei den verschiedensten Naturvölkern schut 

Gleichzeitig möchte ich hier nicht unerwälmt lassen und darauf hin- 
weisen, dass die Melanesier auch das bei ihnen übliche Musehelgeld mit 
Tabu bezeichnen* Das Material dieser Muscheln kommt aus der Land- 
schaft Nakanai auf der Nordküate des Hauptteils von Neu-Pommern. Nach 
Angabc des kaiserlichen Gouvenieurs Dr. Hahl ist es vor allem die 
ClfaardinseK welche besser gesagt wohl eine Halbinsel bildet, Ton der sich 
die Kanaker der Nordkftste der Oazellahalbinsel die für sie so kostbaren 
Muscheln holen. Hier werden sie im 8rhlamm gefunden und geg<^n l^ele, 
das Muschelgeld der Hüd - Neumecklenburger, das aus ganz winzigen 
Huscheln besteht, eingetauscht 

Dieses so neu erworbene Muschelgeld der Kanaker besteht ebenfalls 
aus kleinen weissen, einen Pfennig grossen Muscheln, Hie werden an- 
einandergereiht und auf Schnflre gezogen. Di© Eingeborenen der Neu- 
brandenbnrg-Gruppe nennen es Diwara, Dieses m zum Tabu erhobene 
Moachelgeld bildet filr den Kanaker tbu Inbegriff hilchster (Uilckseligkeit, 
denn mit diesem Tabu kann er alles im guten nnd schlechten Sinne er- 
lügen. Von Jugend auf schon umstrickt den Mebinesier der y*auberbann 


p 


r 


158 ^^^^^^^^^^ Ä- Maäiij 

iieö Tabu, all seiu SiBnen und Trachten kouzeutriert öich daraufj Tabu 
in grösBtem Maaggtabe anzuhäufen* Je mehr, deito gröaaer Bein Ansehen, 
desto geförch teter seine Macht. Ja ^ogar nach seinem Tode noch hat der 
im Leben allmächtig gewesene Besitzer NutEeu vom BesitE seines Reich- 
tums, besonders für seine Seele, Dank seiner Tabuschatze ist es dieser 
vergönnt, ein angenehmes Dasein zu führen, während die Seele des Armen 
es sich versagen muss, nach den Vergnügungsplät^en der Geißter der Ter- 1 
storbenen zu kommen; nur dem reichen Manne, dem üivana, ist es vor- 
behalten, nach seinem Tode in Gestalt einer Sterugchnuppe dorthin zu 
fliegen, wie uns Hr. Dr- Schnee erzählt 

Als Zahlungsmittel kommt das Tabu entweder in ganzen Fäden, deren 
Länge durch das seitliche Ausstrecken beider Arme bestimmt wird, Tor 
oder in kleinen abgetrennten Stück en^ die je nachdem eme mehr oder 
minder beliebige Zahl Muscheln enthalten. Auch werden solche Fäden 
35 ü mehreren in Ringforra vereint und heissen dann Loloi. 

Zu der Zeit, als ein aus dem Westen kommender^ sich nach dem 
O^ten hinziehender Wauderstrom entstand, der i^einen Lauf nach dem 
Stillen Ozean nahm, war es selbstverständlich, daas auch kleine zerstreute 
Ri Dnsale auf dem australischen Festlaude haften blieben. So kommt es, 
dass wir auch dort einig© wenige Spuren des Tabu finden j wenn auch 
nicht in jener prägnanten Form, wie bei den Polynesiern, 

Gehen wir jetait näher auf das Tabu bei den Polynesieru, wo et* 
eigentlich seine Urheimat hat, ein. Das Tabu gliedert uunäclist die 
VolksklasiJsen bei ihnen in streng ausgeprägter Weise, Wir haben zwei 
grosse Kasten zu berücksichtigen: solche, die Anteil am Üöttlicheu (Moa) 
haben, andererseib% wieder solche, die völlig davon ausgeschlossen 
sind (Noa). 

Dem Tabu werden sogar ganze Ortschaften, wie wir noch später sehen 
werdeUj unterstellt Das Aufhängen eines Büschels von Palmenblätteni 
macht sie kenntlich. Entweder sind sie seit alten Zeiten oder durch alte, 
auf Grund ihrer Erfahrungen als Tabu erklärt. Das Tabu und seine anet 
ihm abgeleiteten Gesetze finden wir vor allem bei den PoljTiesiern in einer 
solchen Einseitigkeit vor, dass sie weit aus dem Rahmen des religidaen 
Bannes heraustreten und die persönliche Freiheit der Eingeborenen derart 
bi^schränkeu, wie es beim Kastenwesen indischer Völker nur möglich sein 
kann. Durch die Tabugesetze werden die Menschen nicht allein durch 
nnubers teigliche Klüfte getrennt, nein, vielmehr noch, ihre AVirkung war 
zur Zeit, wo sich das Tabu seiner höchsten Machtentfaltung noch erfreuen 
konnte, von so tiefgehender Bedeutung, dass es imstande war, die poly- 
nesische Welt zu halbieren, so scharf, dass die vom Banne des Tabu 
Oetroffenen in beständiger Furcht lebten, die heilige Grenze zu verfehlen. 
Weiter belehrt uns das Causalgeset^: des Tabu^ dass alle Dinge, mit Aua- 
nalune des Menschen, in diese oder jene Klasse hier auf Erden rangieren. 
Wir haben also zwei groase Phasen zu unterscheiden: zuerst die, „worauf 
die Kraft des Tabu als von selbst ruhend gedacht wird, weil es Eigentum 
der Götter und der bevorrechtigten Menschen oder diesen jederzeit vor- 
behalten ist." In die zweite Gruppe fällt alles das, was vom Tabu frei. 


also Jedermann für fiich in Anspruch nehmen darf; aber auch durch blosse 
Berührung kmin das Tabii übertragen wenion. Es ist jedoch möglich, 
durch gewii^e Zeremonien Tabu Gewordenes und so auch die Menschen 
davon s&u befreien . Eö kommt sehr häufig vor, dass die politische und 
soziale Bedeutung des Tabubegriffs ihren religiösen Kern verschleiert, 
obwohl er nichtsdestoweniger vorhanden ist Wir haben hier eine aus 
religiösor Sphäre herausgewachsene Vorstellung vor uns, deren Nutzen für 
die Begierungskunst ihr auf politischem Gebiet früh eine ebenso spitz- 
findige wie rücksichtslose Ausdehnung gesichert hat. Die Kraft des Tabu 
kommt ausser den Güttern auch den Menschen zu, die göttlichen Geistes 
sind, obwohl^ wie es scheint, nicht in gleichem Orade* Alle übrigen, auch 
fast alle Frauen, waren davon ausgeschlossen. 

Aus all den hier angeführten Motiven springt besonders in die Augen, 
dass das rein Göttliche mit dem Htimauen derartig verbunden ist, dass 
die ursprüngliche göttliche Kraft des Tabu mit allen irdischen Verhältnissen 
aufs innigste verquickt war, so intensiv, das» sieh bei oberflächlichen 
Oeistem der Gedanke aufdrfingen konnte, die Machtsphäre des Tabu sei 
nur zu politischen und sozialen Zwecken erfunden* Diese Versuchung ist 
zwar sehr naheliegeud, aber wir müssen sie von der Iland weisen. 

Die Wirkung des persönlichen Schutzes beim Tabu erstreckt sich 
auch auf das im Besitz eines Edlen, also Tabuierten, befindliche Eigentum. 
Dies zu benutzen ist Anderen untersagt. Der Tabutrager besitzt aber 
auch die Kraft, dass Eigentum Anderer mit Tabu zu belegen. Von 
grossem Segen ist das Tabu hei einer bevorstehenden Missernte. Diese 
wird tabuiert, um so die Gefahr der Hungersnot abwenden zu können. 
Wird das Tabu über ein Feld verhängt, so haftet es auf diesem solaage, 
lUppyg^rr Häuptling geruht, es zu beseitigeni Von den Tonganern und Ein- 
geborenen von Hawai wissen wir, dass, wenn es bei grossen Festlichkeiten 
hoch herging, die mtisslose Verschwendungssucht sich breit zu machen 
suchte, dann auf gewisse Erzeugnisse ein Tabu gelegt wurde. Jeder Ein- 
geborene Polynesiens kann vermöge der Kraft des Tabu seine Grund- 
stücke auch die als Privateigentum geltenden Fischplätze vor den niedriger 
stehenden schützen. Eine eigentümliche Erscheinung ist es, der wir beim 
Tabu noch begegnen, dass auch häufig Lebensmittel von seiner Wirkung 
betroffen werden* Forscheu wir nach der Ursache, so begegnen w^ir der 
auf religiöses Gebiet hinüberspringenden Ansicht, dass alles, was mit dem 
Schut^gotte in Tiergestalt (Atua) eines Stammes zusammenhängt, nicht 
von dessen Angehörigen berührt werden darf. — Das Seelenessen der 
Ciötter, ein heiliges Anstaunen des rätselhaften Verdauungsprozesses, spielt 
ebenfalls hier hinein. — Endlich ist der Eigennutz nicht unwirksam; so 
gab es auf den westlichen Inseln Wälder, Wege, Strände« die Tanibu 
waren. Dass das Tabu auch in schamloser Weise durch die Macht der 
Häuptlinge und Priester in den Zeiten, wo sich die religiösen Bande bereits 
*lurch Verkehr und Vordringen der Weissen gelockert hatten, ausgenutzt 
wurde, davon hören wir in einem Beispiel, das uns der König Kamehameha L 
gibt. Diesem war zu Ohren gekommen, dass sich auf einem Berge in der 
Nähe von Honululu Diamanten fänden, wofür er die dort Utsächlich ge- 



160 


A. Msass: 


L 


fiindonon QuarKkristalle hiolt. Sofort belegte er ihn mit Tabu. Im Jahre 
1850 musste sogar das alte heilige Tabu als Polizeiverorduuntj^ dienen. 
Es wurden damals alle Rinderherden Hawais mit einem fünfjährigen Tabu 
belegt, damit sie nicht weiter dezimiert werden konnten- Selbst der 
Willkür ist das Tabu unterworfen, so z. B. können Traume etwas als Ter* 
boten hinstellen* 

Wenden wir uns jetzt den Strafen, die der Bruch desi Tabu nach sich 
zieht^ tu. Hierbei muas betont werden, dass der Charakter des Religiösen 
immer wieder in den Vordergrund tritt^ selbst dort, wo wir ein weniger 
festes Band zur Religion finden, diesem sich bereits gelockert hat. Je 
mehr wir in die Geheimniese des Tabu eindringen, desto klarer empfinden 
wir, dap^ die gross ten Verstösse gegen das Tabu in der Religion zum 
Ausdruck kamen, z. B. war „Entheiligung der Tempel die grösate 
Hunde**; andererseits aber wiederum ist es eine höchst bedenkliche Er- 
scheinung, dass vor allem rlic^ niederen Stände und Frauen der Strafe ver- 
fielen, während die Vornehmen und Reichen sich durch Mittel frei Ton 
Schuld und Fehle waschen konnten. Aus diesem bedenklichem Symptoni 
erklärt sich auch der beginnende Verfall der altgeheiligten Tradition des 
Tabu, Dort aber, wo der polynesisehe Glaube in seiner unverfälschten 
Reinheit anzutreffen war, forderte er einfach Unmögliches. Es wini erzählt, 
dasB es den Fjingeborenen yon Tahiti als Tabubrueh angerechnet wurde^ 
wenn sie es gewagt hätten, mit den Füssen gegen den Marai hin zu 
sclilafen* von den Neuseeländern wissen wir, dass sie durch den Anblick 
einer Leiche tabuiert waren. Kranke waren gleichfalls tabu, da ein Atua 
die Krankheit verursacht hatte; Neugeborene, da sie ah den Göttern gehörig 
betraclitet wurden, Wöchnerinnen durch die Neugeborenen und Leichen, weil 
fite von der Seele umschwebt sind, Leute, die dnrch Berührung mit einem 
Taten in einen gewissen Connex gekommen waren, durften Speisen nicht 
anfassen, allein nur durch die Rezitation des Schöpf ungsgesanges ver» 
mochten die Priester sie zu entsühnen. Bei den weitverzweigten Be- 
obachtungen, die das Tabu auferlegt war es nati'irlich selbstverständlich 
für den Fremden, der mit den religiösen Gebräuchen nicht vertraut war. 
dass durch die Unkenntnis der Sitten und Gebräuche dabei zwischen 
Weissen und Schwarzen ernste Konflikte ausbrechen mussten. 

Weiter kann mau leicht ermessen, in welch bedrohlicher Weise sich 
das Tabu von den geistlichen und weltlichen Zentren dieser Völker %u 
einem lästigen Ilbel auswachseu niusste. Aus Neuseeland hören wir, dags^ 
das Tabu schon eintrat, wenn ein Gegenstand als Eigentum eim^s Vor- 
nehmen angesprochen wurde. War eben daselbst in irgend einer Ortschaft 
schon ein starkes Tabu vorhanden, z. B, durch das Tätowieren einiger 
junger Leute, so wurde einfach der ganze Ort als Tabu erklärt, Fn Tahiti 
ging 68 sogar so weit, dass ganze Bezirke in den Bann des Tabu getan 
wurden, wenn ein Vornehmer erkrankte, dem diese Bezirke unterstellt 
waren. Um sich aber von dieser tief in das Menschenleben einschneidenden 
Macht einen rechten Begriff machen zu können, lesen wir weiter, das& 
allgemeine Stille hernseheu musste, kein Boot fahren, keine Speise gekocht* 
kein Feuer angezündet werden durfte. 


I 


I 



T» ki-kÜ-kli l'abn. 


161 


Aus all dißäeD Beispielen ersehen wir wiederum, wie das Tabu sich 
Im pulsierenden Lebens zu bemächtigen vi?rstand, wie es uamentHch in 
geradezu nlcksichUloser Weise den grossen Haufen des Volkes terrori- 
öieren mnsste, wie Yor allem aber Häupilioge, Richter seine politische 
Verwertung geschickt zu bandhaben vermochten, um für «ich Kutssen zu 
ziehen. 

Wo auch immer Gesetze Regelten werden, da werden auch Mittel ge- 
funden, ihre Strenge zu milder u, sie im Notfalle zu umgehen^ aus einer 
conditio eine Tugend ssu machen. So fand man denn auch durch still- 
schweigende Ubereiukunft W'ege. dort Milde für Strenge einzutauschen, 
wo es geboten schieQj nach Anhebten von Mäuptlingon, Vornehmen und 
Priester. 

Dm Tabuierte zu erhalten, mit Nahrnng zu versehen, wurden kriegs* 
gefangene Sklaven ausgewählt ^ da diese aus dem Banne des Schutz- 
geiste^ ihres eigenen Stamm es* herausgetreten, in den neuen nicht auf- 
genonmicD sind. Sie wurden einer TabuverletEung nicht für fähig erachtet 

Ein noch wesentlicherer Punkt für das Studium des Tabu ist der, durch 
Mittel dasselbe wieder aufzulieben. Diese sind insofern von besonderer 
Bedeutung, als sie die Initiative bilden, gewissermassen den freien 
WUien, das unbefangene Tun eines ganzen Volksstamnies vor Vernichtung 
zu schütxen. L m das Tabu von Jemand oder einer Üorfschaft zu nehmen, 
bedarf es besouderer Zeremonien. 

Wer sich noch ferner von den tief einschneidenden Wirkungen des 
Tabu die richtige Bedeutung machen will, wird am besten einen Wert- 
messer darin finden, daas einige seiner Wirkungen überhaupt nicht mehr 
beseitigt werden können. Sie vereinigen sich mit den kommenden 
Geschlechtem wie eine heilige, alte Tradition, die aber von ihnen nicht 
mehr verstanden wird. Besonders gehören dahin die Namen gestorbener 
Häuptlinge, die Orte, wo diese gestorben sind, und grössere ßegräbnis- 
plätze. Der Bann des Tabu bleibt an Jenen haften und er bildet gewisser- 
niasaen für den Forscher den Schlüssel dafür, dass wir auf selbst dichter 
bevfdkerten Inseln viele unbewohnte Strecken finden. 

Kndlich will ich noch erwähnen, dass auch das Christentum »ich das 
Tabu nutzbringend machte, in dem Bedürfnis nach demütigen und ge- 
horsamen Herzen, 

Je mehr wir uns aber mit der Psyche des Tabu beschäftigen, kommen 
wir zu dem Schluss, dass unter verschiedenen Formen das Tabu in allen 
Erdteilen sinzutretten ist. 

Das Resultat dieser kleinen Studie möchte ich in folgende Worte 
zusammenfassen: 

„Eine weise Gesetzgebung wird stets bestrebt sein, alles nach bestem 
Wissen und mit bestem Willen auszuführen." Dieses Leitmotiv finden wir mich 
bei Naturvölkern in mehr oder minder prägnanter Art zur Geltung kommen, 
Ton dem Wunsche beseelt, ihr Eigentum zu schützen, der Verschwendungssucht^ 
dem Leichtsinn zu steueni. Das Bedürfnis nach völkerrechtlichem Vor- 
kehr ist bei den Malaio-Polynesiern im gleichen Masse wie bei uns vor- 
handen. Das in diesem Volksstammo liegende Kechtsbewusstsidn ist dadurch 

ZeiUcbrift für EtlLtioloiCle, iahrf^ IW^. UvU 1* 1 1 


\Bi 


W. Bmneoi 


zum Ausdruck gelangt, daas man Mittel gefunden hat, m zu befriedigen. 
Betracliteii wir diese Mittel näherj so finden wir, dass sie, ihrer Katur 
entsprechend andere sein miissen, als wir sie zur Anwendung gebracht 
hätteti. Der Grund hierfür liegt in dem anders gearteten Denkvermögen 
der Malaio-Poljuesier, in dem oigentilmllchen psychologischen Bewuset- 
§ein dieser Mensühenkiuder Wir haben es bei ihnen mehr mit Rechtfi- 
forderongen zu tun, die eine Erfüllung erheischen, als mit realen Recht^- 
formen. Solche finden bei ihnen keine Anwendung Die Kraft ihrer 
lieaetKe allein vermag diese Leute mit einem gewissen Zauberbann zn 
umstricken, dem sie sich nicht entziehen können. Weder sittlicher Beweg- 
gründe, noch eines Rechtsgeföhlti bedarf es, diesen Bann zu stärken. 

(11) llr, Wilke-Cirimnia übersendet eine Abhandlung; 

Zur Entsteh QUg der Hplraldekoratlon. 
Dieselbe wird später erscheinen. — 


(12) Hr. W, Brau CO spricht über 

die fragliclieti fossilen nieaächliehen Fasispnren 

Im Sandsteine von Warnambool, Vietoriaj und andere angebliche Spnr^n 

des fossilen Mensclien in Australien. 

Bereits an anderer Stelle*) habe ich mich knrz über diese fraglichen 

rtnenschlichen Fussspuren von Warnambool geäusaert; nur kurz, weil es nicht 

statthaft war, Hrn. Sanitätsrat Dr* Alsberg vorzugreifen, welcher über dieses 

Thema, zu dem er Material bereits gesammelt hatte, einen Vortrag hallen 

wollte. Da Hr, Dr. Alsberg diese Absicht nun nicht ausgeführt hat» ich 

fim Gegenteil aufgefordert bin, diese tlipsabgüsse und Photographien zu 

[t)osehreiben, die er in dankenswertester Weise dem geologisch-paläontolo- 

Igischen Museum geschenkt hat, so möchte ich erstens die Spuren selbst, 

[dann deren geologisches Alter besprechen. 

Zunächst muss hervorgehoben werden, dass die Erwartung, einmal 
feffiiile Spuren menschlicher Filase zu finden, keineswegs eine phantastische 
genannt werden darf. Wir finden so vielfach auf der Oberfläche von 
Schichtgesteinen Kriechspuren niederer und Gehspnren höherer Tiere, und 
das in so verschiedenaltrigon Formationen, dass wir den Ausblick mit 
Toller Berechtigung auch auf menschliche Fuasspuren in quartäreu oder 
juugtertiären Schichten richten dürfen. Nur werden wir natürlich, da es sich 
hier um das vornehmste der Lebewesen, um die Frage nach unseren eignen 
Ahnen handelt, in noch höherem Masse als sonst die Phantasie unter 
Schloss und Riegel setzen und „kühl bis ans Herz hinan" die Diuge zu 
prüfen haben. 

Die erste Frage, die wir uns stellen müssen ist die, ob die fraglichen 
Spuren überhaupt echt sind und nicht etwa, w'w andere in meiner nnten 
zitterten Arbeit namhaft gemachte Funde menschlicher Fassspuren, k^nst- 


« 



1) W. Braoco. FrftgUcba Reste und Passsparen des tertiären Menscheü. Zeitsdinlt 
d, Deutschen gcolog, Gea. 1904. Nr. ^7— l.Si>. *i Teitfig. 


Spuren des fossilen Menseben in AastnUeD. 


163 


licttf vüti MenschenhaQd in das Gesteiu gemeisselt sind. Mir erseheineii 
rnie entichieden echt. Nicht nur die Aussagen des Besitzerjs von Kellas 
Bteinbruch, in dam diese Spuren gefunden wurden, und die Fund berichte 
Archibalds sprechen entschieden dafür t sondern auch der Augenachein tut 
das. Ein Jeder wird diesen selben Kindruck erleiden, der diese Gips- 
abgüsse und Photographien betrachtet (a. Fig. 1), 

Echt also, d. h. von irgend einem lebenden Wesen oder sonstigen 
Gegenstande und zu einer Zeit, in der die Geste insmasse noch weich war. 


mg, 1 


Fig. ± 


VermeiDtHdh^r Fusä- md üesässab druck 10 dem 

^Dünenkalk'" von WarnaiEbool. 
M YoripHngetido Partie des Fus.^abdnickfl ent- 
sprechend der Höhlung^ dt?» reelilen Fusses. 
bede Ansgeiackto Y ertief ongeDr dte vielleicht 
aJs Abdrücke von Zehen lu deaten aind. 


Neuerdings im der Hockeittellung 

hergestellter Fuss- nnd GeiJUa- 

abdruck eineB 14 jährigen Knaben 

K Yorspringendö Partie des Fnas- 

ibdruükÄ ©ntäpreebend der 

Hohl nag de« Fnssea. 


in diete eingedrückt sind sie, wie mir scheinen will^ durchaus. K» kann 
daher nur die Frage sein, welßher Art Wesen oder Gegent^tand es war, 
die diese Eindnlcke auf natiirUchem Wege hervorriefen, 

E» sind xwei ganx Terschiedene Arten von Eindröcken vorhanden: 
Die einen sind von Archibald als Abdrücke des Gesäsi^tes zweier sitzenden 
Menschen gedeutet worden; die anderen als dit> Fusespuren eben dieser 
Mlb^n Menschen; und es muss hinzugefügt werden, dass man in derselben 
SandäteiuBchicht desselben Steinbruches noch weitere derartige Fnssspuren, 
eiBea grösseren ond eines kleineren Mensoben gefunden haben will^ die 
¥on dieser SitBstelle fortführten und von den Spuren eines Dingohundec» 



164 ^^^^B W. Br&nco: 

begleitet waren. Auch muss des weiteren liiuzugefügt werdeE, dass mau 
an anderer Stelle in Yictoriaj bei der Hie-Hie-Station, ähnliche Fussspuren 
zusamrneü mit denen d©Ä Dingo und des Känguruh gefunden hat; utid an 
wieder anderer Stelle, im Sandstein eines Flusabettes, zusammen mit deneu 
des Diit^o, Känguruh und Eran. 

Über alle diese anderen australischen Fussspnren des vermeintlichen 
Menschen können wir aber hier uns absolut kein Urteil bilden, da sie un» 
weder in Photograpliie noch in Abdruck Torliegeu, Wir müsaon also gao^ 
Ton ihrer Deutung absehen. Höchstens könneu wir vielleicht sagen: 

Menschenähnliche Fussspuren scheinen in den betreffenden Öchichteu 
von Yictoria keineswegs gan^ vereinzelt dazustehen. Das Wesen also, 
dass seine FüMse o<\ev der fus^ühnliche Oegenstand, der ßich dort in den 
Sand drückte, scheinen nicht etwa nur an einem Orte und in einem 
ExempWe das getan zu haben. Gleichzeitig mit diesem Wesen sind auch 
der Hund, das Känguruh, der Kmu über den Sand *;;elaufen. 

Sehen wir also von allen diesen anderen fraglichen Spuren in Australien 
ganz ab, so Hegen unserer Beurteilung nur die beiden verseil iedenarti gen 
Spuren aus Kellas Steinbruch vor. 

Im Vorstehenden sind die beiden Photographien wiedergegeben, welche 
wir der Liebenswürdigkeit des Hm, Sanitätarates Dn Älsberg verdankeD. 
Die auf denselben angebrachten Buchstaben und ihre Erläuterung rühren 
von ihm her, sind daher beibehalten worden* Ich bemerke aber^ dass ich 
gelbst Abdrücke der Zehen, die ja auch nur als „vielleicht*' söhr bedingt 
von Hm. Aisberg hingestellt werdeUj nicht zu erkeonen vermag. 

Bezüglich der vermeintlichou beiden Abdrücke zweier men^chlicheti 
OesäBse kann nüchternes Urteil wohl nur zu dem einen Ergebnisse kommen, 
daes keinerlei Beweis für die Dichtigkeit einer solchen Deutung zw er- 
bringen ist. 

Einmal nämlich ist in keinem dieser beiden Abdrücke eine Spur der 
Kerbe für uns sichtbar. Doch muss ich allerdings das wieder abschwächen 
durch eine Angabe des Hrn. Sanitätsrat es Dr. Aisberg: 

Aus einem Brief© nämlich, den Hr. James M, Dowell, Direktor de» 
Public Museum zu Warnambool, an ihn gerichtet hat, scheint hervorzugehen^ 
dass eine der Kerbe entsprechende Rippe, obgleich sie dem Abgusee fehlt, 
an der einen „Geaä.ssapur'' im Originalblocke dennoch vorbanden ist; 
denn er schreibt: „one of wich with the light on it from the right diree- 
tion distinctly shows the division of the Buttocks." Inwieweit diese 
sehwache Kippe wirklich überzeugend sein kann, darüber können wir uns 
hier natürlich kein Urteil bilden, denn es handelt sich um ein sub- 
tiles Ding. 

Es ßUlt weiter noch auf^ dass die fraglichen Fussspuren nicht genau 
gerade vor den vermeintlichen Gesaasabd rücken liegen, wie das bei 
uormaleni^ geradem Sitzen der Fall sein würde, sondern etwas seitwärts 
vor ihnen. Das wäre indessen keineswegs etwas Unnatürliches; denn wenn 
wir sitzen, so können wir sehr wohl die Unterschenkel und Füsse, anstatt 
geradeaus, seitwärts, also entweder nach rechts oder nach links stellen. 
Hierbei werden jedoch die Füsse nicht mehr mit ihrer Bohle gerade auf 



d 


Spuren des fouilen Menscllen in Auttralieti. 


165 


► 


<ieii Boden ^eatelll werden können. Sondern je weiter sw nach der 8eite 
¥6f8Ghoben werden, desto mehr werden sie „auf die hohe Kante" gestellt 
irerden, und zwar bei Verschiebuna: nach rech ig der rechte Fuss auf die 
Ian«n% der linke auf die Anssenkante; bei Verschiebung nach links aber 
«imgekehrti der linke Fu^s auf die Iimen-, der rechte auf die Au^aenkante. 
Das mtlsste sich oun bei gnter Erhaltung von Fussabdrücken insofern be* 
merkbar machen, dass bei Verschiebung nach rechts die linke Seite der 
beiden Spur an tiefer aU die rechte eingedrückt wäre, bei Verschiebung 
nach links die rechte tiefer als die linke. 

Prüfen wir daraufhin die Lage der allein vorhandenen einen Fues- 
apur^ 80 zeigt sich, dase die rechte Seite ganz ebenso tief eingedrückt ist, 
wie die linke. Es kann also eine solche aeiiiefe Lage der Fasse nicht 
angenomnicn oder doch nicht bewiesen werden« 

Nun hat freilich Hr. Dr. Aisberg auch noch eine andere Deutung 
dieser Verhältnisse als möglich ins Auge gefasst. Er hat sich die Frage 
vorgelegt^ ob die beiden Wesen nicht in ^Hocker** Stellung sich befunden 
haben könnten, wie solche bei den Eingeborenen im Gebrauche ist Zu 
diesem Zwecke hat efj wie Sie aus dieser Photographie ersehen, einen 
Knaben veranlasst, sich hinzuhocken (s. Fig. 2). Aber dieser Knabe bat sich 
natarlich so hingehockt, w\e wir das tun würden. Die Eingeborenen dagegen 
Hollen — ich weiss augenblicklich nicht, wer diesen Einwurf zuerst gemacht 
Bat — sich in anderer Weise niederhocken, dergestalt nämlich, dass das 

I Oesäss hinten fast mehr auf der Ferse als auf dem Boden aufliegt. 

L Prüfen wir nun auch auf diese Möglichkeit hin die fraglichen Spuren, 

^& ergibt sich» dassä hier idne j, Hockerstell nng'' wohl nicht vorliegt, Ein- 

^^Kal ist der vernieintücho Oesässabdruck zu weit von der zugehörigen 
Fussspur entfernt* Zweiteus abei^ stehen die beiden Füsse ja, wie oben 
gesagt^ etwas verschoben, und das ist überhaupt nur bei Hitzstellung 
möglich, nicht aber bei Hockeratenung, da bei letzterer dann ein sofortiges 
Umfallen desü BetrefFenden erfolgen würde. 

I Aui dieser Auseinandersetzung scheint mir also folgendes sich zu er- 

kateeben: 

r Die Gestalt der TermeintUchen beiden Qesissabdrücke lässt 

^iue irgendwie sichere Deutung nicht zu. 

Die gegenseitige Stellung von Fussspur und vermeint* 
lichem Gesässabdrneke Hesse sich nicht durch Hocker- sondern 
höchstens durch Bitzstellung erklären. 

Für Bitzstellnng aber möchte man, da die Füsse nach rechts 
Terschoben sind, eine Vertiefung der linken Grenzlinie der 
Füsse erwarten, und das ist nicht der Fall. 

Wenn wir daher nicht die Phantasie schalten lassen, scndem nüchtern 
urteilen wollen, so müssen wir sagen, dass die vermeintlichen Oesä&s- 
^indrflcke sich nicht als solche erweisen lassen. Auf der anderen Heite 
aber vermag ich auch keine andere, einlenchtende Erklärung derselben 
zu geben. 



m 



166 W. Btäbco: 

Nun die FuöaspuröD. Leider steht tine im Abgasen hier nur die Spur 
dee einen Wesens zu Gebote, während Archibald von den Spuren zweier 
Menschen, eines gröaseren nnd eines kleineren, spricht* 

Dasö diese Spur im allgemeinen menschenähnlichen ümrißs besitzt^ 
ist zweifellos. Es fallt aber auf, dass sie recht schmal sind. Ihre Langa 
misst bei beiden Eindrücken etwa 28,2 bezw, 26,7 cm, ihre gröaste Breite 
am Ballen etwa 8,2 bezw, 7,3 cm, Ihre nicht unbedeutende absolute Länge 
will nichts besagen; sie könnte einen grossen Menschen andeuten, aber 
auch einen kleineu, dessen Füsse etwas ausgerutscht wären. Das würe^ 
nichts Auffallendes* Warum sollte nicht ein junger Mensch, warum sollte 
nicht auch ein Pygmäe dort gewesen sein. 

Bedenklicher erscheint mir die geringe Breite der Spuren, weil ich 
unwillkürlich mit der Vorstellung eines Wilden die andere Vorstellung 
verbinde, daas er breite Hände und ausgetretene, breite Fflsse haben 
müsse. Das müsste, Bcheint mir, auch von Pygmäen gelten. Ich habe 
indessen keinerlei Erfahrung dai^über; es ist ja auch zn bedenken, das» 
die Dimensionen dieser fraglichen FuBsspur auch auf ein 12j ähriges Kind 
sich deuten lassen würden, dessen Füsse noch nicht so breit ausgetreten 
zu sein brauchten* Immerhin machte mich die geringe Breite stutzig, 

Bodann fäUt an der Fussspur auf, dass man keine Zehen unter- 
scheiden kann. Angesichts dieser Tatsache stehen wir Tor drei Möglich- 
keiten: Entweder waren die Füsse bekleidet, als sie diese Eindrücke 
machten; und dann ist ihre menschliche Herkunft zweifellos. Oder die- 
Fasse waren nackend. Wind und Wetter aber, vielleicht auch allzu lose 
Beschaffenheit des Sandes, habeti die Eindrücke der Zehen wieder ver- 
wischt, bevor neue Gesteinsmasse die Form liedeckt und ausgegosseit 
hatte; dann könnte die Spur vom Mensehen oder vom Menschenaffen 
herrühren, während andere, vierfüasige Tiere wohl ausgeschlossen wären, 
Oder endlich, es liegt gar keine Fusspur vor, sondern nur ein durch 
irgend einen Gegenstand geraachter Eindruck, 

Prüfen wir zunächst das letztere. W^elclier Gegenstand sollte e* 
gewesen sein, der diese fussähnlichen Eindrücke gemacht hätte? Läge 
nur ein einziger fussähnlicher Eindruck vor, dann könnte man noch eher 
an irgend etwas Zuftklliges, Lebloses, als Ursache desselben denken. Wir 
haben aber vor uns ein offenbar zusammengehöriges Paar von Eindrücken^ 
die gleich gross, gleich gestaltet nnd symmetrisch sind! Ein Paar, das in 
gleicher Weise an einem Ende tiefer, am anderen flacher ist. Welche 
Zufälligkeit, welches leblose Ding sollte das sein, die paarweise solche 
Eindrücke gemacht hätten? 

Dazu kommt, dass die Gegend zu damaliger Zeit eine belebte 
gewesen ist, denn es wird ja auch über Fussspuren von Himd, Känguruh 
und Emu berichtet. Wenn man diese nicht aul' Zufölligkeiten zurück- 
führt — vorausgesetzt, dass sie wirklich unbezweifelbar sind, was ich 
nicht entscheiden kann — warum dann jene bezweifeln. Es wird ja auch 
weiter noch von anderen ebensolchen Menschen-ähnlichen Fussspuren, aus 
demselben Steinbruche und von anderen Öiilichkeiten, berichtet. Sollte 
da überall dasselbe zufällige Ding vorhanden gewesen sein^ das die Ein* 


4raeke niaelit#? — wiederum TOfaougeaetet, 4am dii 

lieben* Fii8&gptir«ii wirklich dw ▼ürUi^Mideii gleichen, was ich allenfalls 

nicht enUcbeidc^Q kano. 

Mab sieht, es wire s^hr »ehwer m Temsteheii und gar nicht ku 
beweise«^ dacs ein lebloses Ding die fr^Ueben beiden Eindrücke gi.«mii€*ht 
biben ioUle. 

PrOfeii wir daher Jetet die andere Deutung, da;ss wirkliche Fuäaspiiren 
Torltegen. 

Dm» ea die Spur eines Menechenaffea geiii konnte, ist, sofern wir 
unfi nur auf unsere Kenntnis def beut lebenden Formen stiitzen, schwer 
sn glaaben. Dieee gehen meist ^auf allen Vieren*'* Zudem sind die 
Eindrücke ihrer Hand m» abweichend von denen ihres Fo«des^ da«« das 
Vorhaudenseiu ron Handspuren den Beobachtern doch Tielleichi aufgefallen 
•»ein würde, I>er, Australien benachliarte, Hjlobates geht indessen doch 
des öfteren einmal ohne Hilfe seinor Hände aufrecht Auch haben dieee 
Affen sehr schmsle Hände und Füss^, wie wir solches als ^aristokratische** 
beim Menschen äu bezeichnen pflegen; und jene Fue^spur ist, wie oben 
henrorgehoben, in der Tat auffallend schmal. 

Die heutigen Hjlobatesarten freilich sind meist ziemlich klciu. In- 
dessen liegt der Gedanke nahe, dass, wenn überhaupt ein AflTe, dann viel- 
leicht der vieluniBtrittene Pithekanthropus erectus E. Dnbois toii JavB 
diese Spur erzeugt haben könnte. Der i^t bekanntlich sehr verschieden 
gedeutet worden; mir hat geschienen*), als wenn in ihm doch nur ein 
sehr grosser Hjlobates vorliege. Sollte die*?er wirklich ein erectus 
gewesen, aufrecht gegangen sein, und vielleicht auch in Australien gelebt 
haben? 

Reste fossiler Affen kennt man indessen bisher aus Australien nicht. 
E« kommt auch ein Weiteres hinzu: Soweit mir bekannt ist, treten (alle?) 
diese Menschenaffeu viel starker mit der Aussenseite des Fusses luif. als 
die Menschen; so dass eine Fährte an der Aussenseite tiefer eingednlekt 
fietn müsste, ab an der Innenseite und derartiges ist hier niclit sii 
erkennen. 

Vor allem jedoch ist bei den Menschenaffen die grosse Zehe opjH*mer* 
bar und wird beim Gehen daher vom Fusse w^ohl meist entfernt geluihen. 
Davon int bei den in Rede stehenden Bpuren nicht das Mindeste lu sehen* 

Endlich scheint mir auch ganz unäffisch zu sein die Auswartsstelluii;^ 
der beiden Füsse. wie sie die Spur zeigt. Solches habe ich nie bei einem 
Menschenaffen beobachtet 

Aus verschiedenen üründen scheint also auch die twoite MügliclLkeit 
ganz ausgeschlossen zu sein, dass etwa ein Anthruponiorpher die fraglichen 
Fufsspuren in den Boden eingedrückt haben känne. 

Dann bliebe der Mensch als dritte Möglichkeit allein übri^. Freilioht 
nach meinen allerdings ganz unmassgeblichen Vorstellungen von den 


1) W. Braneo: Die uenseh^nJÜiDlieliisa Z&kne lui dorn Bahnen di^r subw^UiHcbi^ö 
Alb. Teil I, 8. 107 -lUb». Jshreiheftd d. Yereiaft 1 vat^rlindiaclie KMurkundo in WUrtUm^ 
bcrg mM. 




i 


16Ä 


W. 6rMl«o: 


c 


Wilden und besouders voo dem fosdilen Menachen pflegen und pflegten 
auch diese nicht auswärtg zu gehen. Ob dagegen etwa bei Hockerstellnn*: 
die FusaspiUeii uach auswärts gedreht werden? Fig. 2 läsBt derartiges 
erkennen. 

Ich sagte, es bliebe der Mensch aHein übrig als dritte der Möglich- 
keiten. Aber mit Recht muss sich nüchternes Urteil sträuben, auf Gmnd 
so unzulänglicher Beweise, zweier undeutlichen Eindrücke, welche un- 
gefähr eu menschlichen Uniriss haben, das Dasein des Menschen nun wirk- 
lich ab sicher zu folgern. 

Dankenswerteste Aufgabe der betreffenden Kreise in Victoria wäre 
es, alle dieae Spuren zu sammeln unti, wenn mögiicb, das Licht ober 
dieselben auszubreiten, das hier bei uns, allein auf Grund des Torliegenden 
Materiales unmöglich erlaugt werden kann. 

Das Ergebnis meiner Überlegung betreffs der Fussapur lässt sich also 
dahin zusammenfassen: 

Die Pussspur ist recht ähnlich einer mensclilichen, aber 
auffallend schmal. 

Da» Symmetrische, Paarige derselben ist sehr auffallig und 
bemerkenswert, ja, dieser Umstand erscheint mir als der 
wichtigste^ positivste; denn er spricht ebensosehr gegen die 
Annahme einer zufälligen Bildung wie für die, dass es sich hier 
um Pusseindrücko handelt. 

Die mangelhafte Ausbildung bexw. Erhaltung dieser an- 
scheinenden Fusseindrücke lä»st jedoch keinerlei Ent- 
scheidung zu. 

Nun das geologische Alter des Sandsteines, in dem die fraglichen 
äpurei) bei Waruamlioul gefunden wurden. 

Archibald gibt das folgende Profil von oben nach unten: 
L Waldboden, 
± Ton. 

3. Vulkanisches Gestein. 

4. Kalkstein, siuoberst mit marineu Muscheln, TerebratulH, Nautilus, 
Pecten, Echinus. 

5. Kalkhaltiger Sandstein mit Fnsaspuren des Menschen, Emu, 
Dingo, Känguruh. Bei Tower Hill in 60 Fuss Tiefe ein Dingo- 
skelett. 

Die Angaben über das Alter lauten sehr Terschieden. Nach dem 
einen Miocän, nach dem andern Pleistocan, ohne dass jedoch diese 
Angaben durch Beweise gestützt würden. 

Nach Untersuchung des „Sandsteines*', welche Hr, Prof. Bücking 
auf Bitte des Hrn. Dr* Aisberg unternahm, ergab sich, dass er 
Tuariner Herkunft ist und Poraminiferen enthält Er ist also als 
Foraniiniferensand vom Meere ausgeworfen worden und hat dort entweder 
eine Düne oder feuchten Strand gebildet, in welche die Eindrücke gemacht 
wurden. 


I 



Spuren des fossilen McnsclieQ in Inslt^iait. 


169 


Hindesteiis ÖO Fuss Mächtigkeit hat er erlangt d. h, liemtich lange 
Zek war so «einer Abl^eruog ndiig* Dann ist er wieder unter den 
H0@f€i80pi6g€l geaankeo und m hat sich darüber der Kalk mit den 
iiutrineu Tierresten abgesetzt. Dazu gehörte wohl wiederuro längere Zeit, 

Daranf ist dm gunze wieder gehoben, zum Festland geworden und 
das Tnlkaui^cbe Crestein wurde darüber ansgebreitet, darauf di*r Ton< 
Endlich ist der Waldbodeu entstanden. 

Da» alles sind also Vorgange, die wohl nur im Verlaufe längerer 
Zei^ämme sich Tolkogen haben konneQ, Weiteres abejr über das Alter 
des Sandsteines läast sich tou hier aus nicht sagen^ denn ohne Kenntnis 
der VersteiDeruRgen und der weiteren geologischen Verhältnisse der 
gmnxen Gegend ist auch diese Frage nicht lösbar. Nur ^oTiel scheint 
doch am obigem Profile mit Sicherheit hervorzugehen, dass der Sandstein 
keineswegs ganz jugendlich sein kann, dass also Wilsers Ansieht^ er habe 
^Tielleicht nur einige Jahrhunderte**, ganz unhaltbar ist. 

Es dürfte von Interesse sein, die Ansicht eines ileologen Über diese 
Dinge la h^ren, welcher bisher in Melboume Professor an der CniTersität 
war (jet«t in Edinbnrg) und vor seiner Abreise nach Enropft die frag- 
lichen Stücke in Warnainbool noch in Augenschein genommen hat. 

In seiner ganz neuerdings erschienenen Arbeit: „The Antiquitj of 
Man in Victoria** behandelt Gregory unter anderem auch diese frag- 
lichen Eindrücke von Warnainbool.") Er weist darauf hin, dass das Ver- 
bälbiis der Breite der Sitzspur zu der Breite der Fusseindrücke (3 Zoll) 
^in abnorm grosses sei. Man habe daher angenommen, dass die Oesäss- 
eindrücke ron zwei Personen herstammen könnten, die nebeneinander 
gMessen hätten. Das aber könne, meint Gregory, nicht der Fall 
gewesen sein, denn dazu sei der Zwischearanm zwischen den beiden 
Oeeissein drücken^ welcher nur Vi Zoll beträgt, viel zu gering. 

Es sei daher fem er angenommen worden, das^ vielleicht der Mann 
apch £Qerat erhoben und daas das Weib sich darauf sanft nach links 
geneigt habe, wodurch die geringe Breite des Zwischenraumes entstanden 
fei. Man mösste jedoch, sagt Gregory, erwarteu. dass durch eine solche 
Bewegung die Kegelmässigkeit der Kurve des männlichen Qeaisaetndrucksi 
aerstort worden wärei und das «ei eben nicht der FalL 

Nach einer mündlichen Mitteilung McDowells sei allerdings früher 
üU dem grösseren Gesässeindruck ein sanfter Rücken zu erkennen gewesen, 
welcher der Kerbe entsprochen habe. Mit der Zeit sei er jedoch weg- 
gebröckelt. 

Gregory ist der Ansicht, dass die venneintlichen Geaisaeiudrücke 
zwar als solche gedeutet werden könnten, sie könnten aber ebenso gut 
auch lediglich dnrch Wiudwirbel erzeugte Hohlformen sein- Pör die 
Entatehungsweise der Fusseindrücke weiss Gregory keine Erklärung* 
Sie machen mehr den Eindruck von beschuhten als Ton nackten Füssen; 
denn die Breite der Fusseindrücke ist allzu gleichförmige um durch nackti' 


1^ Proeeediögt of tlie Bo/il Social j of Victim». Voi XV) I Qitm Series)* P*rt L 
Melbourne 19m. Pag. 13o- I3ii. 


174 


E. Braclit; 



Seltlicli am Fusse der Schutthalden waren die Ruitten des Hauses, 
das der eDglische Major Macdonald ip den siebstiger Jahren erbaute^ um 
die Ausbeutung der Türkise wieder aufzunehmen — ein verfehltee Unter- 
nehmen, denn diese Steine sind hier von sehr geringwertiger Qualität, 
und mag auch die Mine erschöpft sein. 

Als ich mich am 10, Februar 1881 vom Wady Mokhatteb her dem 
Minental näherte, und wir einen roten Sand^teinberg passierten, erdröhnte 
ein Bprengschuss aus seiner Flanke, und wir sahen in zweidrittel seiner 
Höhe eine Gmbenöffnung rauchen; Beduinen kamen einer nach dem 
anderen hervorgekrochen, kletterten, als sie unserer ansichtig wurden, 
rasch bergab und sehloBsea sich uns an. 

Auf Befragen bestätigten sie, dass sie nach Türkisen gruben, hatten 
aber nur ganz geringe Stficke anzubieten; es sollen deren am Serbal 
bessere gebrochen werden, jedenfalls kann man sich wundem, dass die 
Ägypter ein so minderwertiges Mineral des staatlichen Abbaues für wert 
hielten^ und mag dies damit zusammenhängen, dass die Arbeiter ans Sträf- 
lingen bestanden, denen keine Löhne ausgezahlt zu werden brauchten und 
die ohnehin beschäftigt werden mussten. Lepsius hat zwar, bevor er 
Maghara besuchte, das Wort „Mafkat", welches das ausgebeutete Mineral 
bedeutet, mit „Kupfererz" übersetzt, und Ebers hat sich bemüht, diese 
Fiktion aufrecht zu erlmlteu — in Wirklichkeit aber liegen Türkisminen 
vor, wie dies auch von Brugsch-Pascha dargelegt worden ist, und der 
Augenschein lehrt. 

über Schutt und Steinblöcke kletternd gelangt man an die beiden 
Orubeneingänge, in deren Nähe die ägyptischen Königstafeln auf geglätteten 
Felswänden zu sehen sind. Die interessanteste ist diejenige des Unter- 
werfers der sinaitischen Ureinwohner, derMentu, König Snefru, der über 
den beim Schopf gefassten Besiegten seine Waffe schwingt, in bewegter 
aber rundlicher Formen gebung, 

Snefru soll die IIL zur IV. Dynastie überleiten, und seine Regierungs- 
zeit wird mit 3122—3091 angegeben; der zweite verewigte Pharao ist 
Chufu (Cheops); aus der W Dynastie sind die Namen vertreten von 
Sahura, Kaka, Raenuser, Menkauhor, Tatkara, aus der VI. Pepi 
Merira, Neferkara, aus der XIL Usortesen II. und Amenhemha Hl*, 
nach der Vertreibung der Hyksos die Schwester und Mitregeutin Tutmes HL 
Königin Machaftra, und schliesslich ans der XIX. Dynastie Ramses II., 
der letztverzeiehnete Pharao an dieser Stelle, während bei den weiter 
nördlich gelegenen Türkisminen von Sarbut-el-Chadem noch ein späterer 
Ramses vorkommen soll Voia dem Sohne und Nachfolger Ramses IL, 
dem Könige Memephtali, findet sich keine Inschrift im Sinai, und falls die 
Gruben unter seiner Regierung überhaupt noch ausgebeutet wurden^ kam 
er nicht mehr dazu, sich felsbildlich zu verewigen. Die hieraus sich er- 
gebenden Folgerungen werden an späterer Stelle zu ziehen sein. 

Die Grubeueiugänge sind anfänglich weit, die Stollen werden aber 
im Innern des Berges enger und niedriger; viereckige Pfeiler sind ausgespart 
und tragen die horis^ontal ausgemetsselte Decke; der weiche Sandstein ist 
mit einem scharfenj 1 cni breiten Meissel mittels langfortgeführter Rinnen 


I 


U«llti%fli« Säfii^fTile US ltifiar&. 


in 


Tou Handbr^tte wcijjgoifiniiigt; üImrII die gbidit Breito, gleiclie Geuaui^ 
keit der Arbeit und zwetfellose Wirkttng eines MettllfQlilOi. An dbß 
WäadeD ist bi«r mid dm eia Stflckoht^ii Ttlrkiä frei^elegk das iQau mit 
dem Tasch^iiietoeir iiisl58€ii kann. Der Bodt^ti isi mit lieft^iii, loekt^rt^m 
Staub bedeckt, die Hitze furditerlicb, and da dm Decke imineir niedriger 
rird, kriecht mao mühselig atmend laogsam voran. 

kb hatte gehofft, das hiDten»ce Ende des 8t0Uen8 xu errtioheti, 
wo ein Reisender, wie ieb geleseo hatte, die Uinengerfttis Bronse- 
istaiaiel und Steinhännner mitsamt ihrer Fa^smig, wie ^te am IttsMl 
Arbrntstage aus der Hand gelegt waren, aufgefunden hatte; wir aberaeitglM 
uns aber, daas bei der Langsamkeit unserem Voraukommens unser Lieht- 
Vorrat uns Yorieitig ausgehen mns^te und kehrten unverrichteter i^iieh** 
•wieder uru. Leider bin ich seither nicht i anstände gewesen die betreffende 
stelle in der Reiseliteratur wieder atifzutiiiden und ^ebe die Ssclie somit 
utir ans dem Oedäehtnii wieder. 

Den Betrieb der Grubenarbeit haben wir uns nach dem Augenseheiti 

der Verbältnisse m %u denken, dass die türkisführende Ader ausgebroche» 

und das Gestein nach der Grubenmündung gebracht wnrde; dort wurde 

lasielbe in den noch erkennbaren muldenförmigen Vertiefungen im FeW- 

»oden mittelst Steinhänimer zerkleinert, um die Törkiee freixulegen. 

Von den Steinhämmern liegen jetzt noch viele in der Halde, de sind 
ins hartem Porphyr und waren mit ächnüren an den Stielon befestigt, eu 
reichem Behufe ih& eine Exemplar eine ringsum vertiefte seichte Kinne 
lufweist; ein anderes Stück Ist an zwei Längsseiten flach angeschliffen •» 
andere einfach eiförmig gestaltet worden, mittels kleiner Schläge* 

Ein einziger iSteiniiammer ist ganz erhalten, die übrigen von mir 
sammelten liegen nur in Bruchstücken vor. 

Nun galt es, die gewonnenen Türkiso von dem anhaftenden Mutter- 
gestein zu befreien, und so wie wir dies mit unserem Tasdienmesser tateUi 
geschah es vor 3300 Jahren offenbar mit den hierzu an Ort und Siolle 
[sugeschlageBen Silex geraten. Der feiue Sandstein ist weich und mit den 
«cbarfen Öteinspitzen leicht zu beseitigen, immerhin aber wirkte die Tätig- 
keit polierend auf das Werkzeug, die scharfen Kanten verschlissen rauch, 
[ und die Spitze der herumliegenden Geräte zeigt die eigontümliche Rundung 
und Poliernng, die dieselben von anderen steinzeitlichen Relikten unter- 
acbetdet und die den älteren Reisenden schon aufgefallen war. 

Die Mehrzahl der Geräte zeigt Merkmale der Nachsehärfung» indem 
der Arbeiter die stumpfge wordene Spitze wt^gschlug und durch soitUeheü 
Abarbeiten zweier Buchten eine neue Spitze erzeugte uiul «o fort, bis nur 
ein kurzer Stummel übrig blieb« 

Andere Stücke verraten, dass nach dem Verschleiss der Spitie der 
Span umgedreht und das (iriffende £U einem neuen Bohrer umgewandelt 
wurde. 

Zwei Grundformen lassen sich in der Menge der Geräte untorwcheiden 
— eine Weidenblattform, lang und schmal, die sich mit dem Hegriff der 
Heaaerklinge deckte und eine breite Blattform, wie sie durch die ganze 
Steinzeit hindurch vorkommt und vielleicht die selbstverständliehste Span- 



176 


E. Br«lst: 


VHldiuig beim Abspalten vom Bteinkern oiler nucleus darstellt. Die iehmale 
Mes^rform war weDiger widerstandsfähig bei Anwendung von öewaltj 
denn von diesen zähle ich in meiner Zusammenstellung 87 ganze gegen 
ir>3 durch*jebroeheno, zusammen 240 Stück; von den breiten blattförmigen 
fanden sich 14i gBSite gegen 92 halbe, zasammen 234 Stftck. E« konuiien 
von beiden Hauptty]>en Exemplare vor, die mit besonderer Son^falt be- 
arbeitet sind, imlem die Hcharfeu Seitenkaiiten teils an einer, teils an 
beiden Seiten weggesprengt sind in sauberer Retoncheiiarbeit, 

Eine andere Variante wird dargestellt durch solche Stücke, deren 
Arbeitsspitze statt spitzig zu sein eine Querechneide darstellt, die m 
gleicher Weise wie die anderen abgewetzt erseheint; dass dies beabsichtigt 
war, geht aus dem Vorhandensein von sechs Stück mit quer beschlai^enen 
Spitzen hervor. Ferner sind zwei breite schaberförmige Platten da, deren 
»charfe längste Kante gänzlich verschlissen ist von einer sägeförmigen 
Gebrauchabewegung. 

Einige Fragmente grötgerer (leräte sind ferner in eine schaberförniige 
ileBtalt gebracht, ohne dass man sagen könnte, wozu sie alsdann benutzt 
werden sollten* 

Ileeht befremdlich för diese metall zeitliche Silexindnstrie muten uns 
schliesslich einige Objekte an^ deren Grundform an das man/lelforraige 
Chelfesbeil anklingt; wenn nicht unter den sieben Stück dieser Gruppe 
das Eine eine stark abgewetzte Spitze zeigte, wie sämmtliche anderen 
Oeräte, so könnte man versucht sein, eine andere Vei*wendmig für sie 
anzunehmen; sechs davon sind auf beiden Seiten bearbeitet, bei einer 
flacheren einfachen und einer gewölbten, sorgfältig ringsum bearbeiteten 
Seite, das siebente Stück ist unterseits völlig eben und nur oben her fein 
zugeschlagen, offenbar als gerundetes Griffende für die Hand. 

Diese interessanten tiebilde verdanken niöglicherweise nur dem Um- 
stände ihre Entstehung, dass sich damit die beste Verwendung eine» 
grofiAan Sprengstückes ergab, das zu flach war, um eine Abspaltung zur 
Erzeugung mehrerer Späne zu erlauben. 

Nicht unerwähnt lassen möchte ich noch ein Stück, das im ganzen zu 
den breiten Blattformen gehört, aber durch rundliche 'Wegarbeitung einer 
Seitenkunte eine bequeme Fingerauflage für den Zeigefinger abgibt, welcher 
an der anderen Seite der Spitze eine künstliche Ausbuchtung oder Scharte 
gegenübersteht; diesen T^^ius der für den Fingergriff zugerichteten Schneide- 
platte treffe ich jetzt wiederholt an — sowohl unter den Funden aus dem 
Interglacial von Hundisburg bei Althaldensleben wie auch unter den im 
Herbst 185B von mir am Tro«ky in Böhmen gesammelten altertümlichen 
Geräten aus Melaphyrgestein, deren Publikation noch erfolgen soll, 

Dass natürlich die geschilderten Ty|)en mehr oder weniger ineinander 
übergehen, ist selbstverständlich, auch dass formlose Späne zur Verwendung 
gekommen sind» oder dass, wie z. B. bei zwei langen und spitzigen Geräten 
von dreiseitigem Querschnitt, die völlig frühneolithisehen Bohrern oder 
Pfriemen Norddeutschlauds gleichen, eine Zurichtung zufällig entstandener 
Spaltformen stattgefunden hat 


I 



ITT 


Das Material der öei^e isl kern Fenerstem im landliufigteii Sinn«, 
jiideni nadi der gü%en Be^timmmng des Hro* Prof* Dr. KAlkowskT, 
>irektor dm MiDerdf^sehen Ma^^uiii hier, ein Terkktelter Kalkstein; die 

le der Stueke bat eine hell rotgelbe Farbe^ die auweilen bis ins rot^ 
braniL, ledergelb oder wolkig gdbgraae g«lit^ bei pmu aehmiekeiii Glmiie 
and TdUigem Fehlea de^ dordiaeheiDenden Cbarakt«rs ii]is«ff«r FduanlaiBe^ 
FEine Atimabme hleiron inacbeii ein Xueleiia ans dtirolieoheiliudMli blimiB 
Feuerätein und eine Anzahl kleiner Messer ans hellgrauem dnrebseheilteildM 
Material; die grösseren Sttteke sind sämtlich ans dem nndurohsebemenden 
'Silex bergesteUt, der offenbar weniger selttm und kostbar war^ wii> der 
dnrchacheinende mit hohem Glanxe. 

Beim frischen Bruch an den Geräten ist man gani eratannl unter der 
gelbroten Farbe ein fast weisses Gestein zu ündeu. 

Es ^eigt sich alsdann eine OberHäehenTerStiderung nach zwei Richtungen 
hin, iodem die gelbr^te Farbe sich als gaoE oberflächlich herausstellt und 
sich darunter eine weiss entfärbte Zone Ton 1 mm biuEiehlt diese Aus^ 
bleicbung mag der PatinieruDg unserer Feuersteiuger&te entsprecbeu« wenn 
dieselben ober6äcblich gelagert haben. 

Da die iunere Au&bleichuug und äussere Koif&rbung sich berühren 
und begleiten, glaubte ich froher, sie seien Äusserungen ein und desselben 
Prozesses nud hielt den braunen Cberzug för die Ablagerung der aus der 
entfärbten Zone ausgelaugten miueraliächen Bestandteile. 

Die Sache liegt aber, ohne an und fdr sich sehr wichtig xn aetn, doch 
nicht so einfach- 

Prof. Sohwoinfurth stellte zunächst bei seinem Besuche fest, dasa 
der Vorgang, der den ägyptischen Feuerflteinartefakten den bis ina duDkel- 
Qfaokokdebraun gehenden Ton verleiht und der am einem durch den Wind 
angeführten Mangaoaoflug besteht, auch hier erkennbar sei* 

In der Tat erweisen sich die dunkelsten Stellen an deu Geräten als 
mehr oder minder dichte Anhäufung von scharf begrenzten oder dendriten- 
artigen MangauBeckchen; der ursächliche Zusammenhang mit dem Winde 
ergibt sich daraus, dass an rauhen Stellen »ich die Maugannblagerung 
biBter jedem kleinen Vorsprung und stets nach derselben Richtung 
orientiert vorfindet. 

Bei den hellereu Geräten entdeckt man mit der Lupe nur vereintelte 
schwärzliche Manganfleckchen, oder die Punkte treten zu kleinen Gruppftu 
^u^ammen. 

Etwas anderes ist es mit dem durchgehenden rosigen oder rotgelben 
timndton der Geräte, der ganz unabhängig von den Mangnnfiocken auf- 
^tt und als eine Erscheinung für sich anzusehen ist. 

Da derselbe sich einer rÖtUeben Lasur gleich Über alle Flächen und 
Krusten hinwegzieht, bring© ich ihn jetzt in Zusammenhang mit der roteu 
Farbe der übergelagerten Sandeteinformation^ deren Verwitterung und 
AuswEschung die Färbung aller unterhalb befindlichen Objekte bewirkt 
hat; an der Unterseite mancher blattförmigen Stücke haftet noch von 
einem Regenguss feiner rötlicher Schlamm, der uns steigt^ wie dieselbe 
Eustande gekommen ist 

Zttltoetirlft rar £thaülugii», Jahrg. 1905. Heft t 12 


m 

An racenten Verletzaugea sieht maö, dass die Färbung sich als In- 
filtration bis iD das Inuere der entfärbten Zone hinem erstreckt. 

Wir habeE so Dil t drei gesODderte Krscbeinungeti vor ting, erstens: 
Patinierung oder Aiisbleichung der OberHäehe bis zu Imm Tiefe, zweitens: 
oberflächliche Kotfärbung und drittens: Anflug mit Manganfleckchen« 

Die Bruohfläche des inDeren unveränderten GeeteiDs hat entweder gar 
keinen oder nur matten Glanz, so dass mau zunäehst nicht den Eindruck 
eines besonders harten Materials gewinnt; unter der Lupe erinnert der 
Bruch au den von trübem Porzellan, und in Wirklichkeit ist dieser sinaitische 
Silex ebenso Iiart wie unser FeuerBtein der Kreide, denn mit den schärfsten 
Hplittem von solchem vermochte ich auch nicht die leiseste Ritzung darauf 
hervorzubringen. 

Die Oberfläche mancher Geräte zeigt auch noch andere Bpuren der 
Zeit, indem durch äusserliche Einwirkung Attssplitterungen oder Ab- 
sprengungen stattgefunden haben; einige sonst wertvolle Stöcke sind 
dadurch völlig entstellt; die Aussprengung ist von der Art der in Frank- 
reich flCupules" genannten schal enförmigenj die nicht durch Schlag oder 
Druck hervorgebracht ist, sondern einer Spannung zwifichen Oberfläche 
und Innenmasse ihre Entstehung verdankt. 

Dass die Herstellung der Geräte an Ort und Stelle stattfand, geht aus 
den übriggebliebenen Nuclei hervor, deren ich mehrere fand, sowie aus 
abgeschlagenen Krusten und Spänen, wobei man den Eindruck gewinnt, 
als sei das Material möglichst weitgehend aufgearbeitet worden. 

Aus den Resten tler ursprünglichen Kruste an den Nuclei und vieler 
Geräte lässt sich die Natur des Bohmaterials einigermassen erkennen. 

Es kommen zwar gerundete Oberflächen vor, die an Geröll- oder 
nierenförmige Einschlussformen denken lassen, aber die Mehrzahl der er- 
halten gebliebenen Krustenabschnitte erscheint tafelförmig eben oder doch 
nur wenig gewölbt oder gewellt, so dass hieraus auf ein bankartig ge- 
sclüehtetes Lager des verkieselten Kalkes gesolilossen werden kann, und 
da bei einem Nucleus von den beiden Flächen, die einst das Hangende 
und Liegende desselben berührten, Reste vorhanden sind, läset sich die 
Btärke der Bank auf nur t> cm abmessen, wonach verständlich wird, weshalb 
bei so vielen Geräten ein Stück Naturkruste erhalten geblieben ist. 

Hiernach komme ich aul* tiie chronologische Seite der Silexe von 
Maghara« 

Da ich bei nur oberflächlichem Absuchen der Halde, und trotzdem 
von früheren Besuchern gewiss schon zahllose Geräte mitgenommen worden 
waren, in wenigen Stunden 644 Stück Silexgeräte, Fragmente von solchen 
und Überreste der Fabrikation zu sammeln imstande war, ergibt sieh 
hieraus nicht nur, dass deren sehr viele auf der Halde verbrancht worden 
seiu müssen, sondern auch dass der aus der Mine herausbeförderte türkis- 
führende, zu Schutt zerstampfte Bandstein der letzten Arbeitszeit zu 
gleicher Zeit mit den Geräten auf die Oberfläche der Halden gelangt 
sein muss. 

Es ergibt sich hieraus, dass die Verwendung der Silexgeräte bis zum 
letzten Betriebstage gedauert bat und der unabweisUche Schluss, dass die 


I 



lUikn. 


m 


St1ng«tif^ tifHit iher «eim kdasra mU Aef ÜtmAm^mMgH^ med nieht tiA 
jünger nb «1er letztanrttiite König« d. h. mtht ilUr all Siiefm mtt 
6000 Jfwbrtn. uad niebt jiasw ils Ram«^« Ü. Ali S:^00 JiOnmt. 

ffin« "ne^rftbimg i» 4tt Imieim der HMe alli^ia kdnali^ dariWr 
Aafdchhi« feb«ii, wie sieh das Vörkonmieii vom StkxgfrätHt in d^n 
Ol, tftevn Sdiieliteii TerMIt: i<*h ghabta wlbmt bMliüMiM in k<5ttO«fit 

Maas da. «o am Fnaa^ der Hahlc das Flosabalt ak tradtanaa Rinnail yw^ 

{^IbertJelii, wobei toq deia twar seltenen aWr daiA girwaltig<>ii Wass^riltttt^H 

nach GewiftCTTeg^n aueh ältere ^hichten der Halde aii|r«i«»f1iiiiNen i^arMii 

^ie Geräte ebensowohl Torkoinmeii wie auf der Oberfläche, ja «'S iii?Vg«ii 

«leren sebon Tiel© mitsaiot dem HaUleittehiitt wefgescbweniml wofden eeiii, 

Ei kann somit ohne i?e wagte Spekulation «U wnhivclieinlieh äuge- 

[nommen wertlen^ das^ die Silexsacheu die ganxe Tiefe der Hahkni dureU* 
ten; es wird s^gm? die Anwesenheit der Gerftte in der lUme«tii)i»ehen 

►Xeit verstaindlk'her, wenn wir annehmen, dR«9 deren Wrwendnng inr Zeil 
der Könige de*^ alten Keii-hes als teit^m^a« beg^>nnen und Iradiltenelt 
18(K) Jahre sptiter noch weiter betrieben wunle. Jefleiifaltt koaleten die 

rSiltxgenlte weniger als metallene Werkzeuge, die man Tielleieht aindi aunt 
anderen Oröndeii den Arbeitern oder Ktrjlfliniren nicht iti liefern beliebte 

^oder doch nur soweit sie unentbehrlich waren. 

Die heutigen Beduinen sehreiben die von ihnen angetrofTenen 8ilex^ 
gerate so wenig dem Menschen ui bI« der niärkitche Bauer, kennen sie 
abi*r und stellen ?«ich durch Querteilung derselben Kr^atsetteiite für ilire 
(tewehrschlöager oder zum Feuerschlagen her. 

Bereits an Ort und 8telle kam mir die ErwUgung, es kannte etwa 
von »idclien, die (Ue?ien Bericht lesen, iler Einwand erhoben werdt^n, die 
Silexgerilte befiludeu sich nur zufiillig im Haldendchult der Minen und 
»eiou et^a inj Laufe der Zeiten von einer oberhalb uiif dem Iterge he- 
linrilieheu Silexwerk- oder Wohnatättt.» herabgeschwemint worden. 

Ich hat daher meine beiden Heisebegleiter, die Maler 0* C* Hebirni 
und Adolf v; Meckel zur KlJIruug der Frage den Berggipfel oberhalb 
der Mtneneing£lnge i:u untersuchen; dieselben unterzogen sieh dieser Auf- 

^gabe und stellten fest, dass sich auf dem Berge selbst auch nicht der 

^geringste Sileicsplitter findet; sie beobachteten int Aniichluss hieran, <!«»« 
«war die ganxe Häkle deren enthält, die gri>«i*te Dichtigkeit fies Vor- 
kommens aber sich genau unterhalb der Mineneiiigj&n^ fi^t«tellen lAsst, 
woraus heri^orgeht, das« die Benutrjiug der (lerAte anf der sehnmlen 
Terrasse stattfaucl, die sich vor den Eingängen entlangriehi* Diese TerrawÄe 

^ acheint nach erhaltenen Kesteu eine Art Brustwehr gehabt isu liabuu, untl 
«leneeit dort beobachtete Mühlsteine an, das« das Leben der Arbeiter sich 
Tornehmlich hier abspielte. 

Wir hnhen un« nuaniehr noch mit den KreignisMen au boMohäftigi'n, 
welrhe aller Wahrscheinlichkeit nach die Einstellung der Grubenarbeit 
Äur Folge gehabt haben. 

Wie bereits erwähnt, ist Hamsoni 11. der letsfite untör döfli dreivefan 
dureh Inschrifttafelu verewigten Kernigen, und von ttduem Sohne und 


1 



1( 

geaeblagGDe Pfeilspitze eiofaehster Blattforn] mit deutlicher Bchlagflüclie 
und Bulb sowie abgenutzter Spitze, 

Was aber die Geräte von den steinzeitltehen Rumlbütteti hetrüft, Hr> 
sind sie insofern etwas TerscMeden von den MagharngeriUen, al« neben 
den selbstverständUchen und daher stet« und überall wiedork ehrenden 
Formen eine auagepriigte Vorliebe für ausgiebige Kandbearbeitung besteht. 
Aos paralltiläirhigen Krustenstüeken giud dnreh sorgfultrgt^ und »ehr gleicli- 
massige Handarbeit Messer von länglich ovaler und allseits rundlich ver- 
laufender Form, symmetrisch gestaltete Schaber und Schneid eplatten Iier- 
gestellt; viele derselben trageu noch die ranlie Naturkrnste in gleicher 
Weite wie die beiden Schaber von ErweiB-el-Ebeirig und die Geräte von 
Maghara, nnd das Material dürfte ans der gleichen oder wenigstens einer 
gleichtirtigen Fundstelle hergeholt sein. 

Nach Palm er finden sich bei den Türkisminen von 8arbut-el-Chadeni 
die gleichen Silexgernte in groas^er Anzahl wie zu Maghara, während er 
sie bei anderen ägyptischen Bergwerken nicht angetroffen hat; statt die- 
selben aber an beiden Orten auf die Türkisgewinnnng xnröckznführ**n, 
bringt er sie mit der Herstellung der Hieroglyphentafeln in Beziehung^ 
wofür aus xigypteu selbst keine Bestätigung vorliegt. 

Znm Schlüsse seien die Ergebnisse der Beobachtungen in folgenden 
Sätzen zusammeegefasst: 

1, Bei den ägyptischen Turkisminen von Maghara in der Sinaihalb- 
insel wurden Silexgeräte an Ort und Stelle erzeugt und bis zu 
TöUiger Rnndnng der Spitzen und S€hneiden verbraucht. 

2. Die Auslösung der Türkise aus dem Muttergestein ist eine Ver- 
wendung, die dem abgeschlisseneu Zustande der Geräte ent- 
spricht 

3. Das Vorkommen der Geräte in dem zuletzt ans den Stollen auf 
die Halde gelaugten Saudsteinsohutte lässt darauf schliessen^ dass 
der Verbranch von SileEgeriiteu bis zur Einstellung des Mineu- 
betriebes gedauert hat. 

4, Das Vorkommen eines ftir die einfache Verwendung erstanulich 
reichen Formenkreises legt die Annalime nahe, dass hier eine alte 
steinKeitliche Industrie ohne Unterbrechung bis in die Metallzeit 
hinein weiter betrieben worden ist, 

5* Da die Törkisgruben unter dem durch eine Stele verewigten 
Ramses H.^ als letztgenanntem Pharao, noch in Betrieb waren, 
können die Silexgeräte ausnahmsweise datiert werden nnd zwar 
diejenigen der oberen Schichten etwa mit seinem Todesjahre 132H 
oder einem Jahrzehnt früher oder apflter. 

6* Da von seinem Sohn und Naclifolger Mernephtah keine [nschrift 
emgemeisselt word©^ und der Exodus in dessen zwölftem* Regiensngs- 
jahr angesetzt wird, hat die Annahme manches für sich, wonach 
der Minenbetrieb zu Maghara bei Gelegenheit des Auszuges de» 
jüdischen Volkes aus Ägypten seinen jähen Abbruch gefunden hat* 


Dtttierbare Sileigerite aus Maghan. lg} 

Liste der einschlägigen Literatur, die zum Teil benutzt wurde. 

Eben, Dr. Oeoig, „Dareh Gossb snm Sinai**. Leipdg 1872. 

Palmer, £. H. M. A., ,,Der Schaaplati der Tiersigjihrigeo Wüsienwandenmg laraeU.^ 

Gotha, Perthes, 187G. 
Baedeker, K., Ägypten. Leipzig, Karl Baedeker, 1877. 
BanermaBD. Mitteilang an die Manchester Literaiy and Philesoph. Societj. 
Brngich, H. Wanderung nach den Tflrkisminen und der SinaihalbinseL Leipiig 1SG(>. 
Fraai, Oskar. Aus dem Orient, Geologische Beobachtungen usw. Stuttgart 1867. 
Lepsius, R. DenkmiÜer aus Ägypten und Äthiopien. Berlin 185(». 
De Laborde, Yoyage de TArabie potrce par L. de Laborde et Linant 1830. 
Lottin de Laral, Yoyage dans la Peninsule arabique du Sinai 18ä5— 18ri9. 
Gensler, Das Kupferland der SinaihalbinseL Zeitschr. f. Agypt Sprache 1870. 
Lepsius, B., Die Metalle in den ägyptischen Inschrifton. YerhandL der Berl. Akademie 

der Wissensch. 1871/72. Berlin, Dflmmler. 
Birch, S., Progress of biblical arch&ology. London 1S73. 

Cbersicht des Gesaintfundes. 

MesserfSrmige G2 

„ mit bearbeiteter Spitze 15 

„ beide Lingneiten bearbeitet 2 

„ an einer Lftngsseite bearbeitet .... 2 

„ mit Quersnhneide (> 

„ H&Uten-Griffenden r>3 

„ Hilften-Spitzen 100 

„ Fragmente . . 22 2<;2 

Blattförmige 90 

„ mit nachgeschärfter Spitze 3G 

„ abgebrochen und weiter benutst .... 1(> 

„ an beiden Seiten bearbeitet 2 

„ HZlften-Griffenden bl 

Hilften-SpiUen . . :V5 JtUj 

Besondere Formen. 

OTales Stück ringsum bearbeitet 1 

Gerite an beiden Enden Torschlissen 18 

Geräte mit breiter Querschneide 8 

Stücke Ton Geräten mit bearbeiteten Längsseiten . . r> 

Ringsum beschlagen ohne erkennbare YcrWendungsart 4 

Platten mit abgenuttter Spitze •( 

Breite schaberartige Geräte mit abgenuttter Schneide 2 

Pfeilspitsenförmige 2 

Amygdaloide Form, beiderseits beschlagen ti 

„ „ einseitig beschlagen .... . . . 1 5<) 

Nudei l'J 

DiTerse indifferente Stücke und Späne 8?) 

Summa . . <MI Stfick 

Erklärnng der Abbildonsen. 
Taf. L Ausgesucht schöne Exemplare <ler Messer- und lilattfonii. 
Fig. 1, S; a, 4^ 6, 6. Messerartige Formen, daTon Fig. 1, 5. i\ an beiden Enden abgenutzt. 

„ 7, 8, 9. Blattform. 

^ 10^ 11. Bruchstficke, an beiden Enden nachgeschärft und abgcnutst. 

^ IS; 13. Messerform mit wiederholter Nachschärfüng. 

„ 14. BlittlbiiD mit wiederholter Naehschärfhng. 

„ 16. Blattfbnn mit abgenuttter Querschneide. 



184 ^^^^^^^^^ E, Bricht r 

Tat H- Gewöhnliche Exemplare der Messer- und Blattforin 

sowie seltenere Typeo. 

Fig. 1, 2, 3, 5, Gefr5hiiHclie MefiserformcB. 
^ 4, Messer mit randbearbeitetem Rücken ala Fingajraiiflage. 
„ 6» Dreiseitiges bohrerartiges Ger&t mit veniuUter Spitze. 
„ 7, 8, 9» 10. Gewöhnliche BlattforiD, wiederholt nach geschärft. 
„ IL Anjy^flaloides Gerftt« ans einem groa&en Span heideraeitig mgeschlagan, mit Ter- 

autaster Spitte. 
„ 12* Dickes amjgdaloidejs Gerfit, Spitic abgebrochen und weiter benatit 
,, 13. Blattfarm mit rondbearbeitetem Röcken als Fingeranflage. 
„ 14. Kleines, unterseits llachea, otjerseits sehr sorgfBltig behauenes ovalea Gertt» 

Spitze abgenutzt 
^, 15. An den Eandem zugeschlagener, ursprünglich viel grösserer Spaa. 
„ 16* Schab er fiirmiges Gerät, dessen gauje Bogenscb neide rundlich abgewetzt i^ 
Die Geräte sind in Vi OriginalgrCsae abgebildet 

Nachwort. 

Während des Dnickes dieaer Abhandlung geht mir aus Lukaor durch 
die Güte des Hm. Professor Schweinfurth die Nummer vom 4. Februar 
der ^Egjrptian Gaxette" mit einem Bericht aus Maghara vom 9. Januar 
de» Hrn. ProfeÄSor Fiinders Petrie zu. 

Da der Aufsatz sowohl über die seither dort Torgekommenen Yer- 
änderungen wie über die ägyptologischen Ergebnisse der Expedition vieles 
Hochinteressante enthält und auch die Silexfrage darin kurz erledigt wird, 
scheint es mir gebotenj denselben im Wortlaut hier anzufügen: 

The Sinai Expedition« 
By Professor Flindera Petrie. 

considering tbe available sources for the early history of Egypt, 
Sinai seemed to be the most promising of them. Abydos had already 
yielded the story of the first dynasty, and some reigna before and after 
that Saggara, which contains the second and third dytmsties, is closed to 
seien tiflc research at present. And the only other site for such early 
monuments was Sinai. The Eg) pt Exploration Committee therefore agreed 
to ray proposal to completely reeord the remains there< A great aid to 
such work was that Captain Weill had just issued a corpus of all that 
was yet known, 80 that the Hat of sculpturos and the existing copies were 
all before os* Half-a-dozen serious workers had all been in the field, 
but none of them had made fascimile full-sized copies. There were 
Sketches, sraall-scale photographs, and paper impressions which were often 
defective; but there was no adequate representation of the artj no com- 
plete publication, and no plan of the monuments. Fortuna tely, Captain 
Weill hos joined our party, and brought his knowledge of all the knowu 
materiaL 

To our dismay we fonnd that the mining Company which tried in 
1901 to work for turquoises at Maghara, without commercial eucceas, had 
destroyed the larger part of the aucient eculptures, and the destruction is 
still contiuued by the uatives. No restrictions aeem to have been made 
by the Government; yet the wrecked sculpturea are what no one would 


k been allowed to r&niOTe in saf^^lr to Eunip^ m^ untiquitie^ Omt «if 
l a ari piioii» dqIj 11 reioam in good eondilioiL, s\% nion« ^irc* injurfMl, 
24 kaTe entlretT Taiiished. The sale Take to ifiiij^ums of wbftl tli« 
miDers bare destroyed is worth niore tbaa probablT all tlie tnfqiioiita tlifj^ 
g€»t It is eamestlr to be faope«! that if tke Sgyptiaii GoTeniBieiit doM 
not remoT« tbe remaioiEg sculptiirea at one« from the preMiil mttittif, 
there will at ieast be do obj^etifia iMd« to «otne ntuseum aaTing what h 
#tiU left here. Finaneial greed has ilestrojed a large {>art of tfao moou- 
meots of Egrpt in the p&st centonr, ani) is yet going lo deatroy tfaoiil 
rapiillj, 

The greateit gnp in our kaowledjj;« of Üie bistory of dTlliaation in 
Egjpt was in the period of the seeond nnd third djnastte«, ETeii in the 
dark time» of the 10 th or 16 th drtinsties we at lt*mi koüw the general 
cotme; bat what came between the two great perioda of tlu» fint and 
foorth dtnasties was yet unknown. Was there mert*Iy a ^laoki>tütig uf 
art linder the sarae people, or waa ther© a {»olitical aud artistic fall, aiid 
a oew deyelopmeDt by the Pyramid builders? This point, wbich wo mont 
Deeded to clear up, has been happily illtistrated by a sculpture wbieh I 
foiiod, represeoting King Sani^kht, the first of the thiixi dynagtj. U had 
been twice seen by travellcrs* but iierer understood, deseribed, or copiiul 
Tbis figure shows Sanekht m a complete Sudani, of the dark yollow 
brown type of modern tinies; with a fleshy, long, hooked nose, and ver)^ 
thick Ups. Hie expression b truculeiu and brutal, aud is much tuore 
nmrkedly Ethiopian than even tbe Ethiopiau king» of the 25 th djiiaaty. 
The work ia excellent; but the 8eul|iture of his successor Zeser is the 
nideat of all known bere. We are thus led to see au Ethiopiau iuvaaion 
aä the cauie of tbe overthrow of the aecond dynasity: and a fall of art m 
the reault of that^ out of which a new style arose by the cloae of the 
third dyuasty, which brought iu the glorioua agc» of the Pyramid builders. 
One more great wavo is shown to have occarred in the civiliaatioii of 
the land. 

It has beeil iu doubt whether turquoiae or copper was tb© objeet of 
the Eg^ptian minera at Maghara. From the ruina of their houaü» it ia 
clear that copper was amelted bere in the fourth aud 12th dynantie«; bat 
we cannot find any traces of it in the miuea, which — iu the few that 
remaizi uospoiled — aeem certainly to follow tho yeiu« t^f turi[Uoifti\ The 
aucient rubbiah heaps of the mines also yield a large quautity of turquoiae 
ehips. So it seems that both materiala were aought at Maghara. 

There are thrt*e methods ia the ancieut mitiing. The third und 12th 
Uynaatj miuej» were worked ©utirely by the düsel. In uuother perio^l 
(whieh we cannot date owiug to the deatruotion of iuscriptioui*) hob*» 
were picked in the rock, about Hve inchea acroas und a foot doep, aud 
blocka were thua brocken away* Iu uouo of thi^ rubbii*li of tljeae miue»« 
are auy flinta foand. But another cla«s of ht^apa eontaiu» niauy tliiiti*, 
which were uaed for working iu the saudatone; and theae probabjy weru 
the Bedawi waate of all perioda, perhap» eveu prehiatoric. 




186 ^^^^^^^^ B, Braeht; 

We haye now copied in full-eize faeeimile and photographed all the 
inscriptions and scalpture» which remain at Maghara. But our paper 
muulds hav© been delayed tming to the theft of a half-hundredweis^ht roll 
of paper by the natiTos» and long delaya iu getting niore froin Cairo. 
The higtorieal resiilt is onö of the most Taluahle that could be obtained, 
and well repaya a month spent at Maghara. Our party h already in 
CO Urse of nioTing over to the other mining centre of Sarabit el Khadeiii. 

Uagbara, Binai^ Jan* U- 

Was nun die Frage der HilexgerÄte betrifFt, so scheint Fl Inders 
Petriej wenn ich ihn recht verstehe, drei Abbaumethoden anzunehmen, 
von denen zwei inetallzeitlich sein .^ollen^ während er die dritte als 
pei^iodisch zwischendurch betriebenen und dabei steinzeitlicheu Beduinen- 
raub hau auffasst. 

Vom Standpunkt des Ägyptologen, die Silesgeräte mit den Beduinen 
In Beziehung zu bringen, ist «war sonderbar, wenn auch Teratiindlich; 
nur steht diese Erklärung mit gewissen Tatsachen im Widerspruch. 

Zunächst hat Fliuders Petrie die von mir und meinen Begleitern 
gesammelten 700 Stück Gerate dort nicht mehr in ihrer Beziehung zu 
den Hauptstolleneingängen sehen können, wodurch das Gesamtbild Ter* 
ändert ist; ferner hat er, wie er sagt, grosse Verwüstung an der Berg- 
wand und somit auch der Halde angetroffen, während im Jahre 1881 die 
letztere einen völlig unberührten Eindruck machte und weder von 
Beduinenarbeit noch von den Macdonaldschen Versuchen grössere 
Spuren zu bemerken waren, was nach Ebers den Keisenden Oensler zu 
iler Annahme veranlasste, der Major habe iu Maghara überhaupt nicht 
ernstlich graben lassen^ sondern die Türkise von Serbal-Beduinen bezogen. 

Was die von mir geschilderten Geräte betrifft, so steht von ihnen 
fest, dms me der oberen Schuttschicht beigemengt waren und aouiit der 
letzten regelrechten Ahbauperiode der Minen augehören müssen, gleichviel 
von wem er betrieben wurde, wobei der Mangananflug auf ihnen die 
ganze Oberfläche der Halde als uralt und ungestört bezeugt. 

Aus der Flinders Fe tri eschen Annahme, die wohl mehr einem 
oberflächlichen Eindruck entspricht, als auf eine Durchgrabnng der 
Halden begründet ist, müssten wir, um konsequent zu »ein, ausser dem 
ägyptischen Minenbetrieb noch einen prühistorisehen und einen nach- 
ägyptischen Beduinenraubbau deduzieren j beide steinzeitlich, womit die 
obersten Silexgoräte noch weiter in die Metallzeit berabgedrückt 
würden. 

Solche steinzeiHicheü Beduinen halte ich aber für eine gezwungenere 
Hypotheae als meine, aus dem Zustand der Gruben im Jahre 1881 sich 
gauE natürlich ergebende gleichzeitige Verwendung von Metall- und Silex* 
geraten, wie sie doch vorübergehend an allen Orten der Welt vor- 
gekommen sein muss. Sollten die von Flinders Petrie geschilderten 
fünf Zoll tiefen Bohrlöcher zum Heraugbrecheu des Mittelktotzes wirklich 
ohne Metallmeisael, mit «len kurzen Steingerüten gemacht sein? Diese 
sehen wirklich mcht danach aus. 


tl«sgfrtte «09 Mii^Hr«. 


^ 


Kidi dem Lesen dt?r Bchitderuog der dritten Abbauiuetboile eutslime 
ieh mich jetxt auch» derartiges gesehen zu haben, uml zwar uni Anfting 
der StoUen, wobei ich an uine ältere nml primitivi* Abbaunietliode tlaehte 
mid mir die St Pelersgruben bei Maentrlcht einfielen, wo auch ^or der 
im Innern geübten Sägetechnik am Beginn der Stollen ein älterer Abbau 
mitteli der llacke, der aus der Gömersett; stanniieu soll, zu beob- 
aehten ist 

Nach Fl Inders Petrie» Erklärung s^t&ndeu wir, abgegeben vou allen 
Eintel hei teil, vor der bedenklichen Annahme eiot^r gewissermassen nach- 
metallisGben steini^eitlichen Bevölkerung iui Sinai und die letztgokomnieiien 
Beduinen »olUeu dies steiuzeitliehe Volk sein? 

Hätte der englische Forächer zufällig vor seinem Besuche Ton Maghara 
Oelegenheit gehabt, steinzeitliche Wohaplätze und Werkstütieu im Sinai 
und in SjTien kennen zu lernen, m würde er schwerlich leichter Hand 
solche Theorie aufgestellt haben. Wenigstens hat die »orgflaltige Beob- 
achtung zahlreicher Plätze di€*«er Art und die Prüfung der Uniständi^ 
unter denen »ich Silexgeräte vorfinden, bei mir die Überzeugung Ijefestigt, 
dase, abgesehen von Kinzolfuuden, dieselben nur in steinzeitlichen An- 
siedelaugen vorkommen, wahrend Beduinenlagerplätze bekanntlich so gut 
wie keine Spnr zu hinterlassen pflegen. 

Die Bewohner dieser Ansiedelungen waren, im schärfsten Oegensutz 
zu den später einge wanderten ZeltnomadL^u oder Beduinen, ein ansäaeiges 
Volk, das sich steinerne Wohnhiltten erbaute nud allerlei Acker- oder 
Gartenbau betrieb. 

Es kann zwar kein direkter Nachweis geführt werden, dass die 
Beduinen bei ihrem Vordringen nach Westen keine Steingerate mehr 
benut£len, obschon sie weder für diesen BegriU' noch auch fiir das Material 
ein besonderes Wort haben, sondern alles für wie „Btein" ist; aber es 
nmas bedenklich erscheinen, den zuletzt Nachgeschobenen und dazu neeb 
in ToUer Metallzeit einen steinzeitlichen Kulturzusiand zuzuiüprechen. 
Aufiserdeni sseugen andere Tatsachen durchaus dagegen. 

Es sind nämlich die Niederlassungen der alten steinzeittiL-hen Be- 
Tölkeruag stets an ehemaligen Wasserlänfen errichtet, deren Existenz an 
eine weit zurückliegende bewaldete Periode des Gebirges gebunden war. 
Die Entwaldung und der damit bewirkte Rückgaug der Waaserläufe, die 
einat mächtig genug waren, sieb tiefe Rinnsale in das Qeitein ein* 
zuschneiden, scheinen schon sehr früh begonnen zu haben und bereits zu 
Beginn der Türkisgewinnung weit vorgeschritten gewesen zu «ein; denn 
damals schon hatte die Knappschaft der Minen unter dem WaHstrman^^el 
tu leiden, wie an« iler Inschrift aui der Regiernugtzeit dei Küiiiga 
Raenuser der V. Dynastie hervorgeht, wo er als Unterwerfer ^de« llerg- 
volkee^ und „als Waaser^pender^ be^ichnet wird, (Ebers, Durch (Joten.) 

Das Alte Testament bestätigt ebenfalls auf seine Art die bereitn ein« 
getretene Dtirre des Landes und die Schwierigkeit der Wasserbesehaffung 
beim Exodas« 

Oie#e Zeugnisse zusainmengenooimen, rücken die Zeit der Bewohimiig 
der sieinzeitlichen Dorf er an fiies^enden Baohläufen weit in lüg Jf 


188 


E. Brainäenbti!^: 


gangenheit zurück und damit die Steinzeit jeuBeits der Beduinen- 
einwanderung; deDH mit jener and ihren Menseben sind ausschliesslich 
dia Silexgeräte in Beziehung zu denken und nicht mit den erst nach dem 
Eingehen der Bodenkultur in da» Land gekommen4?n Hirten und Nomaden^ 
die wir unter dem Namen Beduinen zuBammenfaaBen^ und im Anschlnss 
an jene alte Bevölkerung habe ich die Anwesenheit der Silexgeräte in 
Maghara als Überdauer aufgefasst. 

Um nur ein Beispiel unter vielen anzuKhren, sei hier auf eine Silex- 
werkstltte hingewiesen, die ich im Büdlichen Syrien im Wady Faja unter- 
sucht habe, da dieselbe nicht allein ähnliche Formen wie in Maghara ergab, 
d. h> lange Bchmale Messer^ sowie breite Blattformen, mitsamt den Nuklei 
und Behauspänen, sondern tlasolbat auch verwandtes Material zur Ver- 
wendung kam. 

Diese Werkstatt bildete einen Teil der „Tareibeh** oder die „Wein- 
berge" genannten Niederlassung mit terrassenförmig geebnetem Garten- 
land und Wohnungaresten, das Ganze offenbar eine Anlage für Olbaum- 
oder Weinkultur. Die Gegend ist jetzt eine völlig wasserlose Wüste und 
die Bewohnungsmöglichkeit weit zurückgedrängt; auch schreiben die 
Beduinen solche Anlagen nicht ihren eigenen Vorfahren» sondern einem 
älteren fremden Volke zu. 

In ebenfalls entlegene, wenn auch vielleicht etwas spätere Zeit mögen 
die zahlreichen Geräte meiner Sammlung zu rechnen sein, die aus der 
südpaUstinenBjschen Stadtanlage von Teil Müh, d. i» Salzhügel (Teil = 
künstlich aufgeworfener Schul thügel), dem alten Malatha, stammen, wo 
die Steingeräte und Abfälle in und zwischen den viereckigen, an einer 
trockenen Bachrinne entlang gereihten Wohnungen anzutreffen waren; 
darunter das einzige beilartig geformte und ganz schwach angeschliffene 
Gerätj das mir in Syrien vorgekommen ist. 

Jedenfalls treten nach meinen Beobachtungen die syrischen Silex- 
geräte, soweit nicht vereinzeltes PaläolithiBche vorliegt, im Zusammhang 
mit den Mauerzügen und baulichen Resten auf, als Relikte einer an- 
sässigen ackerbautreibenden Bevölkerung, vermutlich des „Bergvolkes" 
oder der „Mentu" der ägyptischen Texte, wonach die Zuweisung der 
Silexgeräte von Maghara an Beduinenvölker solange von der Hand zu 
weisen ist, bis sie durch begründeten Nachweis glaubhaft gemacht wird. 
Die Datierung derselben aber wird davon kaum berührt, sondern kann so 
wie so bestehen bleiben. 

(14) Hr* E. Brandenburg hält einen Vortrag über 
Kysylbaseli* und JQrftkendOrfer ia der äegend des Tarkmebdag. 

Mit Lichtbildern* 
Iß den Jahren 1901 — 1904 unternahm ich wegen archäologischer Nach- 
forschungen mehrere Reisen im Gebiet des Turkmendag und hatte dabei 
vielfach Gelegenheit, in Kysylbasch- und Jürükendörfem zu weilem Einige 
Beobachtungen^ die ich dabei machte, möchte ich im folgenden kurz an 
der Hand der v, Luscbanschen ,, Anleitung für ethnographische Beob- 
achtungen U9w. Berlin 1899^ darlegen. 



Kjsylbuch- und Jfirükendörfer. 


189 


Als aUgemeine Einleitang des Folgenden könnte ich fast wörtlich 
T. Lnschan, „Über die Tachtadjis"" (Reisen in Lykien 1889) S. 198, 199 
anffihren. Der Türkmendag erstreckt sich in der Hanptrichtung von 
Nord nach Sfidsfidost und geht als Earabojükdag unmerklich in den 
Gebirgszug nördlich Ton A6on Karahissar über. Er ist bis jetzt noch nicht 
wissenschafUich Tollständig durchforscht Auf der am wenigsten mangel- 
haften Karte dieser Gegend, der t. Di est sehen, ist er nur Schema tisch 
gezeichnet und sein grösster Teil noch weiss gelassen. 


Flg. 1. Kartenskisie. 



Die obige Kartenskizze im Massstabe von 1 : 50000 gibt schematisch 
die Lage der Hanptzflge des Türkmendag, die Flussläufe und die Jürükcn- 
und Kysylbaschdörfer wieder. 

In den hauptsächlich von Nordnordwest nach Sildsüdost yerlaufonden 
Quertftlem sah ich keine Dörfer (wohl wegen der im Durchschnitt 1200 


19Ö 


' . E. Brandenburg: 


bis 1500 m betrögendeii Höhe), wohl abor zahlreiche Jürükenzeltlager und 
auch Jailai. 

Die Anzahl der HäuBer in den Dörfern variiert zwischen etwa M und 
10, Die Bewohnerzahl jedes Hauses bezw. Gehöftes Ist b — 10, je nach 
Anzahl der Kinder bezw* alter Eltern usw. 

Die Häuser oder besser gesagt Gehöfte der Kysylbasch s^ind meistens 
Ton aussen durch einen Zaun abgeschloasen, bezw. sind Ställe und Wohn- 
gebäude so um einen Hof geordnet, dass sie von aussen her möglichst vor 
unberufenen Blicken gehütet sind. Ein durch grosse Flügeltüren ¥er- 
schliessbarer Torgang führt auf den Hof, In Beykenj sah ich über einem 
derartigen Tor noch kleine quadratische ÜfTnungen, die absolut antiken 
Metopen entsprachen* Auch bemerkte ich, dass bei einigen Jürüken- 
gehöften die Anordnung der Bäume der eines antiken Hauses in der Art 

der Häuser von Pompei etwa ent- 


Fig. % 


>< 


u 



m 



sprach, mit dem Unterschied natürlicli, 
dass kein Im- und Conpluvium vor- 
handen sindj der Garten als Hof und die 
hinteren Gemächer als Ställe dienten. 
Die Häuser sind meist (mehrere 
gemeinsam) mit Abtritten versehen, 
die jedoch entfernt davon liegen, 

Tore und Türen woisen oft 
reichen Schmuck durch Holzschnitzerei 
auf In den Innenräumen ist dieselbe 
noch durch untergenageltes rotes Tuch 
in der Wirkung gehoben. 

Besonders möchte ich noch auf 

eine Zeichnung aufmerksam machen, 

y^ die an den in semitiöclien Religionen 

vorkommenden Phallus zwischen zwei 

Hörnern erinnert (vgL auch Goldblech 

aus Mjkenae n. 423), 

Das folgende Bild zeigt die Gesamtwirkung solcher Schniteererien, 

und sind diese wohl in ihrer Grundzeichnung anch auf antike Qnadrat- 

muster (ähnlich den phrygischen Fassaden) zurückzuführen, hesonders die 

auf die Spitze gestellten Quadrate des Rahmens. 

Im Anschluss hieran sind noch die eigenartigen^ ganz aus Holz 
hergestellten Krüge, deren Form Anklänge an alte cypriotische Exemplare 
zeigt, zu erwähnen. 

Während die Kysylbasch fest in Dörfern leben und selten Jailas haben, 
da ihre Ansiedlungen selbst schon in Waldtälern liegen, ist das Verhältnis 
bei den Jürüken ein anderes. In den von mir bereisten Gegenden uutl 
Dörfern habe ich deutlich drei Stufen unter den Jürüken unterscheiden 
können: 

L Nomaden, 

2. Halbnomaden, 

3. Ansässige, die sich den Türken fast gan^ assimiUert haben. 


HohacbnitsQrden aa Järükephäasem. 



Tut mit Schnitiereien im K^BylbMch*Dürr Ktinibel, 


beicbrlebenon Weise durch Matten usw, (woraus 
sicli auch Schlüsse auf i\w Dekoratloiistiiütivf 
der phrjgiecben Fassoflen fol^reni lassen) her* 
geitellt 

Itiren Unterhalt verdienen sie teils durch 
Anfertigung tou Schmuck, auf den wir noch 
weiter unieQ eingehen werden, teils führen »ie 
j£iichtti6r0f d. h. Bullen usw. mit dich. Die 
Frauen weben Kclinis. 

2, Die Halbuouiaden A^er bringen in leichten 
Zelten, meist ohne Wagen, in der eben ange- 
gebenen Weijge den Sommer und beschäftigen 
tiob Tielfach mit Kohlenbrennen. Im Winter 
«ucheti sie ihre primitiven Wohnsitiee auf und 


Flg. 4. fCmg ftuft Holt. 


1 


192 


E. BrflndenbuTg: 


weben Teppiche und Kelim^. Ich möchte besonders betonen, dass ihr 
Öommerlebeo nicht mit dem Jailaauf enthalt der Türken vergleichbar 
ist Lef-zterer ist ein fester ÖommerwohnaitZj den diese Halbnomadeu 
nicht haben, aondem sie verbringen die Sommerzeit wandernd. Einige 
ihrer Winterresidenzeo sind z, B. Demirli, Bakschisch, Jürflkkenj, s. 
von Dürer usw. Ihre leichten Sommerzelte gleichen in der Form manchmal 
den Dächern der bekannten lykischen Sarkophage* Ihre geriDge Herden 
führen sie mit sich. 

3* Die ansässigen Jürüken unterscheiden sich auf den ersten Blick 
kaum von den Türken; ihre Dörfer gehören zu den reinlichsten und 
freundlichsten, die ich dort sah. Die Stellung der Frauen ist bei ihnen 

Fig. 5. 


Sommerz^lte der Halbaomaden. 

eine wesentlich andere als bei 1 und 2: sie gehen verschleiert wie Tür- 
kinnen^ sprechen nicht mit den Männern und nehmen auch nicht an Mahl- 
zelten teil, was bei den beiden anderen Klassen oft geschieht. 

Sie haben wohlunterhaltene Moscheen, und in zwei Dörfern, in Sirka 
und Kunduslu, sah Ich auch einen Hodja. Allerdings muas ich sagen, 
dass ich, obgleich ich tagelang bei ihnen war, sie nie das grosse Abend- 
gebet, das die Bauern, weil sie an den anderen durch Feldarbeit ver- 
hindert sind, besonders streng einzuhalten pflegen, habe verrichten sehen. 
Desto eifriger widmet sich der Hodja der Kindererziehung, und ihn mit 
seinen aufgeweckten Bchölern in Kirka zu sehen, war wirklich ein Ver- 
gnügen. 

Sie werden von den Türken nicht gerade misaachtet, wie die Kysylbasch, 
aber trotz scheinbarer äusserlicher Ähnlichkeit halten sie sich gesondert. 
Connubium mit ihnen findet nie statt 



Kjnjlbmb* und JirGkcnddifer 


Die Kleidung unterscheidet sich nicht Ti^esentlich von der der andereu 
Bauern, die Frauen Heben grelle Farben und besonders rote Kopftücher, 
oft mit anechten Münzen benäht* Dazu eilbeme Ketten und Armspangen, 
Haare and Brauen oft rot gefärbt. Barte der Männer über der Lippe 
kurz geschnitten. Fus&bekleidnng Sandalen ans nngegerbtem Ziegenleder, 
Sie lieben, wie auch die Kysjlbasch, Wettlaufen und Ringen, und habe 
ich einigemale gesehen, dasa sie vorher etwas Erde verschluckenj „weil 
das Kraft gibt**. Masse und Gewichte sind in den Jünlkdörfem die tür- 
kischen. So viel ich weiss, kennen sie keine Sklaverei. 

Fi-, a 


.V^/.^ 




i"w 


Bei den Klassen 1 und 2 ist die Stellung der Frau eine wesentlich 
freiere. Polygamie in zwei Fällen sicher beobachtet Beschneidun ^ 
findet statt. 

Zur Bestattung möchte ich bemerken, dass ich in einigen Kysylbasch- 
und Jürükendörfern übereinstimmend eine ron der der Türken abweichende 
Beätattangsart beobachtet habe. Der Körper wird in eine etwa 1 — l,20fln 
tiefe und etwa BOcin breite Grube in ein Tuch gehüllt auf den Boden 
gelegt Dann kommt über ihn, in die Seiten wände der Grube getrieben, 
ein Dach von Knüppeln, so dass er etwa 20 ein freien Kaum über sicli 
hat. Auf dies Knüppeldach wird dann Erde und ein kleiner Hügel auf- 
geworfen. Zu Häupten und Füssen des Urabes errichtet man etwa 1 m 
hohe Steine, in die merkwürdige Muster eingeritzt oder auch nur mit 
roter Farbe aufgemalt sind. 

2«tt*cbrm für EtliDüloKk. iabr^. 19C& Hofl L 13 


( 



Heustä[iei üiif Pi'iihleii. 


Von der Religion der Jürüken kann ich nach Abzug des unkontrollier- 
baren — bei LuBchan a. a. 0. S. 199 so gut geschilderten — Geschwätzes 
nichts^ Positirei sagen. Nur dass sie kein Gebet halten und auch dea 
Koranvorschriften in bezug auf Waschungen, Weintrinkon nicht nach- 
kommen, Sie sind weniger furchtsam vor Gespenstern als Türken, brauchen 
aber wie diese blaue Perlen gegen malocchio usw. Ebenso fehlte mir 
leider die Zeit» in ihre, von der türkischen ganz verschieden lautende 
Sprache irgendwie einzudringen. Hoffentlich wird uns darClber bald die 


r 


1H5 


Arbeil tod Dr. Giese, KonstaxitiiiopeV der sieh mt linderer Zeit damit 
«neb an Ort cmd SteDe batcMtigt hal^ A&f^ckla^ g^ben. 

leh nmai nock ein Wart über di^ eigentQmliebe Art dis H^ Äufiii- 
stapeln bimtfllgaii, aaf PftUeii cxier aber Torweg«»^ wodtireh luati Ton 
ferne Knppdbaiiteii rm sich in baben glaubt, (el L. de Laborde: 
Tgyage en Abi« IGtienre.) 

Über die KTiTlbuschddrfer Hast sieh im allgemeinen sagen, dass die 
sieh dnreh grossere Unsanberkett nnd Unordnung naehleiligs^t von denen 
der ilörüki^n unleraebeidetL AU nene Tatsache m&chte ich erwthnent ila.^^ 
e» anck Kjiyibaachanitiadjtre gibt, die aus denselben iirilnden wie die 
mohammedaniacb - bnlgarisehen ans Rumänien besooders naeb AnaioUen 
eingewandert iind. Derartige Lente bewohnen z. B. das kleine «Hnhadjir^ 
keDJ" nördlich Ton BaksebJack Durch Terschiedene glaubwürdige Bulgaren 
wurde mir Tersichert, dass es Lu Bulgarien, beaondeis aber in Rumftiiit^n 
und auch im Tale der Maritza noch viele E|^sTlbaschddrfer gHhe. Eine 
^nane ÜDtersuchntig dieser Ao^räben w&re erwünscht, weil dadurch eTent* 
nene Oedichtspunkte tut Beurteilung der Ej^Tlbadch und ihres möglichen 
StaniniTolkes der Hatiter^ besw, der Anadehnun^ letalerer bia Ktiropa sich 
ergeben könnten . 

Sie sind Ton den Türken Terachtet» und habe ich tnaurhmul gehört 
^ aussehweifend wie ein Kysylbasch. was wohl auf ihren angeblichi*u üe- 
beimkuU anspielt. Grössere Gebäude^ d- h. Moscheen, in Kumbet sogar 
mit Hinaret existieren in den Dörfern, mei^t jedoch in erbUrmHch Ter- 
fallanem Zustande. In Ueladja hatte in der dortigen ^djanii* eine Uüuditi 
ihr Wochenbett auf geschlagen^ ein bei Mohamniodauem undenkbarer Vor- 
fall. Die einzig wirklich gut gebaute und innen mit Teppichen aus- 
gelegte Djami sah ich in Kumbet Als ich die Alten fragte, wozu sie sie 
«leun brauchten, da kein Hodja da sei nnd sie ja auch nicht beteten, 
aehwiegen sie verlegen^ mir ein junger Mensch platzte rau« ^bjsim ka- 
wehane**, was ihm ein ärgerliches »süss, heidi git** eintrug. 

Der Schech des mohammedanischen 
Sudja - Vedi - Eddin - Tekke (westlieh 
Ton Seidi-Gazi) machte mich darauf 
aufmerksam, dass in einem Seiten- 
tal© des 3e1di-Su der ^Schech*" der 
Kysylbasch hause* Ich gelangte nach 
anstrengendem Ritt nach dem Ort 
Serdjek imd fand dort auch Tvirklich 
den Wohnsitz des Schech, Er selber 
entfernte sich bald Dach meiner An- 
kunft, denn mein Besuch war ihm 
augenscheinlich recht ungelegen. Da- 
für machte seine Frau die Honnenrs; 
sie war mit Goldschmuck behängt, 

von dem ich eine Skizze machen konnte und der an den benlhniteii 
Schi lern an nschen aus Troja erinnert 

1^« 


Fif. U. 



fl 




^Ufu^Hcltmuck iler Frau, 



E, BrmndenD^i 


Das Kostam der KyeylbaBcb weicht etwas von dem landesüblicheti 
ab, ein kurzes Jäckchen, ein riesiger Gürtel, der toh den Äcbsehi bis zu 
den Hüften reicht und eine ganz kurze Hose, gewirkte Strümpfe, flache 
Schuhe aus nngegerbtem Leder, mit einer Naht auf dem Spann, wodurch 
eine Spitze entsteht, die an hetitiache Schuhe erinnoii. Auffällig ist ferner ■ 
der rote Fes mit grünem Saryk, den eigentlich nur Uadjis tragen dürfen» 
Der Bart wird oft rot gefärbt, wie auch das Kopfhaar der Frauen und 
die Fiugemägel. In den grösseren Dörfern habe ich beobachtet, daas die 
Alten den Bart der türkischen Sitte gemäss über der Lippe kurz schneiden, 

Fi'', 10. 


111 


M 


y 


rti 


Kysjlbjiiäch-Dorfalteste la Kuinbt^t 



Eine ßeschneidung findet, soviel ich hörte, nicht statt. Ich hatte- 
Gelegenheit einer Hochzeit bei^suwohnen. Die jungen Leute führten zuerst 
einen Tanz unter Musik mit Schüssen auf, marschierten dann nach dem 
Nachbardorf, um von dort aus, nach einem Scheinkampf mit der dortigen 
Jugend^ die Braut heimzuholen. 

Die Kysylbasch leben hauptsäihlich vom Opiumbau und KohleU" 
brennerei; sie stehen ea jedoch vor, wenn armenische Händler zu ihnen 
kommen und ihre Produkte eiDhandeln. Sie lieben es nicht selbst in die 
Städte zu gehen. Ich habe mehrfach gesehen, dass sie Abwiegen bei 
ihren Tanachgeschäften gern vermeiden und lieber zählen. 

Von ihrer Sprache weiss ich so gut wie nichts und habe auch nichts 
sicheres darüber in Erfahrung bringen können, Nur soviel kann ich 
bestimmt sageo, dass sie ihre eigene Sprache haben, die mit der tiirkischen 
keine Ähnlichkeit hat^ was Klang anbelangt. Derartige Nachforschnngeu 
und Fragen i^erden ungern beantwortet^ und ist man überhaupt froh, wenn 


KfiOr^bue^* Hfid JGrBkoDdSrfer. 


197 


jlnaii die Gastfreundschaft ihrer Dörfer nicht in Anspruch nehmen musg, 
[ganz das Gegenteil der Jürüken iu dieser Beziehung, 

Was endlich ihre Religion anbelangt, so kann ich nur auf das Gesagte 
: surückkommen, dass sie entschieden nicht Mohammedaner sind, und hinzu- 
I fügen, dasB ich bei ihnen keinerlei Äusserungeu, Gebräuche usw, bemerkt 
[labe, denen man religiösen Charakter hatte beilegen können. Dagegen 
[Iiabe ich oft grosse Fureht vor dunklen Höhlen und den sie bewohnenden 
sktern usw. bemerkt. 

Schliesslich muss ich noch erwähnen (vgl. Luschan), dass ich auch 
bei ihnen bemerkt habe, dass sie selbst kleine, leicht handliche Gefässe 
mit beiden Händen anfassen und mit Vorliebe in hockender Stellung 
trinken* 

Diskussion. 

Hn V, Luschan: Zu den Mitteilungen des Herrn Vorredners machte 
ich bemerken, dass mir die Jürükeu und Kysyl hasch schon seit nahezu 
*2b Jahren aufä dem südwestlichen Kleinasien sehr wohl bekannt sind. Ich 
iahe mehrfach Notizen über sie veröffentlicht*) und habe eine sehr grosse 
Anzahl von erwachsenen Individuen aus beiden Btämmen gemessen. Hier 
möchte ich nur daran erinnerUj dass nach meinen Erfahrungen zwischen 
Jitrüken und Kysylbasch sehr grosse Unterschiede bestehen, und dassVer- 

I wachslungen zwischen ihnen ausgeschlossen sind. Diejenigen Kysylbasch 
renigstens, die ich näher untersucht habe, sind alle ganz extrem kurz- 
köpfig und scheinen mir einwandfrei zu der Urbevölkerung von Vorder- 
asien zu gehören, die man als hethitisch oder als armenoid oder als ala- 
rodisch usw. bezeichnet hat Ganz im Gegensatz hierzu sind die wirk- 
lichen Jürüken, die ich l>esonders in Lykien näher studiert habe, alle 
ausgesprochen langköpfig und scheinen, wie ich schOB 188(3 in diesen 
Verhandlungen ausgeführt habe, ähnlich wie die Zigeuner, in Nordindien 
zu Haus zu sein. Allerdings kann man in ganz Kleiuasien auch allerhand 
andere Leute als JQrüken bemchnet finden^ die mit diesen eigentlichen 
Jilrdken gar nichts 7a\ tun haben. Wie ich auch schon damals näher 
ausgeführt habe, bedeutet das Wort Junik en einfach Wanderer; es wird 
deshalb sehr vielfach für allerhand halb und ganz nomadisierende Leute 
angewandt, und ich bin erst vor wenigen Jahren einmal einer kleinen 
Truppe echter Turkmenen mit wirklichen Trampeltieren, also mit zwei- 
hdckrigeu Kamelen begegnet, die mir von einem eingeborenen Polizei- 

lOffizier auch als Jürüken gezeigt wurden. Ich hatte damals alle Mühe 
diesem sonst ganz intelligenten Manne klar zu machen, daas zwischen 
Jürüken und Turkmenen ein grosser Unterschied sei. Auf der anderen 
äeite erscheint es mir sehr wahrscheinlich, dass man an verschiedenen 
Orten Kleinasiens auch das Wort Kysylbasch auf ganz verschiedene Gruppen 
von Menschen anwendet äo habe ich einmal im Mäaudertal ein paar 
Dutzend Leute gesehen^ die mir wegen ihrer hellen Augen und ihrer 
Monden Haare sehr anf&elen. Mein eingeborener Begleiter von damals 

1) Z. f. E. XYIII, 188ti, Yerh. 8. 167ff., ämn Pet^rien n, v, L. Eeison in Ljkion, 
ViLju und Kibjratia^ Wien^ Gerold, 1S81) utid Arch. t Anthropologie und «p«»ieU aber 
die TmchUdachy: Arch, f, Anthropologie XIX, 1891 S. Olff. 




198 ^^^^^^"^ P^ TtmgQTi 

bezeieliBete sie auch als Kysylbaach und meinte, sie hätten ihren Namen 
TOD ihrem roten Haar. Ich hatte damals keine Möglichkeit, mich mit 
diesen Menschen selbst in Verbindung zu setzen und konnte nicht einmal 
feitatellen, ob sie kur^e oder lange Kopfe hatten. Es würde natürlich 
nicht ausgeschlossen sein, dass diese Kysjlbasch mit irgend einer alten 
oder neuen Einwanderung aus Thrakien zusammenhangen, aber das scheint 
mir ganz fest zu stehen^ dass sie nicht das allergeringste mit den Kyayl- 
baseh zu tun haben, die ich seinerzeit im südwestlichen Kleinasien näher 
kennen gelernt habe. Unter diesen hat sich nicht ein einziges Individuum 
mit heller Haut und hellen Haaren befunden. 

Hr. P* Traeger berichtet hierzu über 

die JurEiken und Konjareo ia Makedonien. 

Der Herr Vortragende sprach seine Verwunderung aus, das» matt 
hisher Ton den Jürüken so wenig wisae^ obwohl von der kleinasiatischeii 
Küste aus nur drei oder vier Tagereisen nötig seien, um zu dieaeui inter- 
essanten Völkehen zu gelangen. Ich möchte demgegenüber doch noch 
trotz der vorgeschrittenen Stunde darauf hinweisen, dass man gar nicht 
nötig hat, nach Asien zu gehen, um Jürüken kennen eu lernen, dass wir 
solche und zwar in gar nicht so unbedeutender Zahl auch in Europa haben. 
Und es ist eigentlich verwunderlicher, daas diese Tatsache so unbekannt 
ist, während wir ja über die asiatischen Jürüken durch die verschiedenen 
Arbeiten v, Luschans recht gut unterrichtet sind, 

Sie wohnen in Europa dort, wo die Karte überhaupt das bunteste 
ethnographische Bild unseres Erdteils gibt, in Makedonien. Man kann 
vielleicht sogar sagen, dass sie in diesem Lande unter ihren Nachbani, 
den Bulgaren, Griechen, Türken und Vlachen, einen der wenigen festen 
ethnologischen Punkte bilden, indem sie auch der Abstammung und dem 
Blute nach das sind, was ihr Name besagt. Das Gebiet, in dem sie 
ziemlich geschlossen und, soweit ich es verfolgen konnte, immer für sich 
in eigenen Niederlassungen wohnen, beginnt etwa eine Tagereise dstlich 
Ton Saloniki, Eine Reihe von Jüxükendörfern befindet sich am Nordufer 
des Langazasee^. Von dort dehnen sie sich weit nach Osten aus, bis in 
die Gegend von Seres und Drama, und nach Norden bis zum Tal der 
Strumiea- Die Karte verzeichnet in diesen Gebieten eine ganze Reihe 
von Ortschaften, deren Namen schon auf die jnrükische Einwohnerschaft 
hindeutet Wir finden ein Jürük Pinarli Mahale südlich von Köküc, ein 
Jürük Mahalesi bei Soho, Jürükleri und Junik Mahale bei Petric, Jürüklar 
am Kursa Balkan. Ausserdem zeigt an verschiedenen anderen Stellen die 
Eintragung »Jürük" oder „Jürükkiöj**, dass dort dauernd oder vorüber- 
gehend Wohnsitze sind. Natürlich ist dies nicht überall schon durch den 
Ortsnamen angedeutet. Ich besuchte, angeregt durch die Forschungen 
V, Luschans in Asien, auf meiner Reise 1901 die Jürüken nördlich vom 
Langazasee, besondere das grosse Dorf Kurfali. Es vFurde mir dort ver- 
sichertj dass alle Dörfer auf den Hügeln nördlich vom See, wie Balavce, 
äaraja n, a* von Jürüken bewohnt seien. 



SdiOQ di^e gmnt luiToIlkomjiieiie AtiftÜifaiQg tm Aiisieillaii|:«<i lisst 
Eiur Genflge erkean^iL, dsi» die ZaU der Jürüken iB Hftkedoni«Mi mno 
Terhüta iiminig fmme bt Ir^eD«! eine Statistik dutb^r ribi «& natürlich 
nidit; da öe Bieh lar Lelire Mohammeds ^«kmicii« ao feltra sie als 
Osmaoen und sind in den ofBxielleii Angaben and Zlbluiigea dea Türken 
ragerechaet 

Auch die neuere Lileraliir über Makedonien hat ton ihnen so gut 
wie keiae Ketiz geaooimen. So siad wir aber die europSiseJien JürJIken 
in der Tai wenig^er unterrichtet als über ihre asiatischen Verwandten. 
Wir würden nelleicht gar nichU von ihnen wissen, wenn nicht einer der 
groeaen älteren Balkanreisenden «ich eingehender mit ihnen beschftfti||t 
hätte. Consinery, der »ie bereits Torher in Phrygien kennen gelernt hatte« 
widmet ihnen ein eigenes Kapiiel seines Werkes,*) Von den neuere« 
Reiaeaden werden sie^ soweit ich die Literatur übersehe, nur kun von 
Gopcevic*) mit einigen allgemeineren Bemerkungen und von Tuma 
T. Waldkampf*) erwähnt. Auf dessen Angaben werde ich nachher noch 
znrflckkommen. 

Wie Terhalten sich nun die makedonischen JQrflken im allgemeinen 
and' besonderen zu ihren kleinasiatischen Vettern? In erster Linie sei 
herrorgehoben, daes sie sieh selbst als Sonderheit fühlen* Mit ihren 
niehsten Nachbarn^ den Bulgaren und Griechen sowohl wie mit ihren 
f^laubensgenossen, den Türken, stehen sie in keiner näheren V erbindun jr* 
Wie sehon gesagt, wohnen sie abgesondert für sich, und sie heiniten aneli 
nur unter sich. Noch 2u Consinerya Zeit war ihre Sonderheit auch Yon 
der Regienmg anerkannt Wie die Jürükeu Asiens einen besonderen, 
Ton der Pforte ernannten Vertreter in Koustantiuopel, so hatten die 
makedonischen den ihrigen in Saloniki. Beide führten den Titel eines 
Jürök-Bey, 

J^och nicht ganx geklärt ist die Frage, ob sie ein© eigene Sprache 
besitzen, die sie Tielleicht vor Fremden zu verbergen suchen, t. Luschan 
nimmt es an und Cousine ry spricht davon wie von einer nie bezweifelten 
Tatsache. Bei meinen Nachforschungen wurde die Existenz einer solchen 
von allen Jürükeu ontschieden in Abrede gestellt, und auch ihre Nuchbarn 
hatten nie etwas davon gehört; 

riire Lebensweise und Gesittung seheint heute noch in allen Punkt**n 
Eiemlieh dieselbe zu sein, wie sie Cousinery schilderte. Und sie scheint 
im allgemeinen durchaus derjenigen der kleinasiatischen Jürüken zu Abneln. 
Bei beiden scheint das Verhältnis zu ihrem Religionsbekeuutnis iuUt 
wenigstens zu den religiösen Übimgen und Vorschriften ein ziemlich 
kühles ZQ sein* Sie sollen nicht viel vom Besuch der Moscheen halten, 
und sie lassen ihre Frauen und Mädchen unverschleiert. Haas sie weni^ 
von der gewöhn liehen Art strenggläubiger Türken haben, bewies mir aitch 
ihr Benehmen bei meinem Besuche, von dem ich angenehm überrawclii 


1) Vojage dam Is Maccdoioe. Paris 1831. S. t$4E 

2) Makedonien und Altserbkii. Wiea 1889. S. IGL 

3) UriochenUnd, Makedonien und Sadslbanlen. 2. Aail. IMptlg Wl. 8. S1&. 



aeger: 


war. Durch die Sümpft» des Langazaseea gescIiüUt und abseits der grossen 
Strasse wohuoacl, war ihnen das Erscheinen eines Frauken sicher ein un- 
gewohntes Ereignis. Und die türkischen Behörden in Langaza hatten 
auch entachieden gegen diesen Ausflug protestierL Die Jürüken zeigten 
sich jedoch von einer gewissen selbstverständlichen Freundlichkeit, die 
ebenso fem von miaatrauischer Zurückhaltung wie von neugieriger oder 
gewinnsüchtiger Aufdringlicbkeit war. Bereitwillig gaben sie alle Aus- 
künfte, ohne langes Zögern liessen sie sich photographieren und die 
körperliche Untersuchung vornehmen. Auch die Gegenwart meiner Frau 
schien sie nicht sonderlich zu kümmern. 

Ihre Hauptbeschäftigung ist Viehzucht* Ihre Jaila, wohin sie während 
der günstigen Jahreszeit mit ihren Herden ziehen, ist die Bhodope. Acker- 

Flg. L 


f 


bau wird wenig getrieben. Darauf weist auch der primitive, elsenlose 
Pflug hin, den ich bei einem am Langazasee ein Htückchen Feld be- 
stellenden Jürüken noch in Verwendung fand (Fig, 1), 

Yon geschnitzten Ilolzgeräten, wie sie v» latschan als beaondeit^ 
charakteristisch abbildet, sali ich bei ihnen nur einige kleine, in Gestalt 
eines Fisches gearbeitete Zigarettenspitzen. Doch gerade diese sind ohn^, 
besonderes ethnographisches Interesse, da sie eine im Orient weitverbreitete 
Form darstellen. Ich erhielt solche von vollkommen gleicher Art auch 
in Janinaj die von den Gefängnissträflingen angefertigt waren. Meine 
Jürüken nannten mir aber eins ihrer Dörfer, wo man vornehmlich derartige 
Schnitzereien und Holzsrbeiteu herstelle. Es ist also möglich, dass sie 
diese Kuuftübung doch bewahrt haben. 

Auch über ilire Webereien und die häuslichen Frauenarbeiten kann 
ich aus eigener Kenntnis nichts sagen. Nach einem älteren Handelsbericht 


J^filteii ntid Koojireti in MiißdoniPii. 


201 


hatteu ihre ErzeugDisse selbtt auf dem feineren europäiseheti Markt eine 
Iwisge BedeutuDg erlangt* Felix Beaujour, der g^eg**n Ende des 18* Jahr^ 
'Imderts franiösischer KodsuI in Saloniki war, gibt darüber einige inter- 
M9ante Mitteilungen, die eine Ausgrabung wohl verdienen-*) Er widmet 
eineti Abachnitt den Abats, groben, von den Jürükenfrauen verfertigten 
Tüchorih Gewöhnlich sechfl Ellen lang ond eine halbe breit, sind sie 
in erster Linie zur Kleidung für die Armen bestimmt, wie dch auch die 
Jürüken selbst damit kleiden. Man verwendet sie aber auch zum Ein- 
packen der besseren Sorten von Tabak, Beaujour nennt die Jörüken 
die arbeitaamste Menschen klasse in Makedonien. Er schätzt die Zahl der 
von ihnen jährlich verfertigten Tücher auf 70—80 000 Stfick. Im »lahro 
1788 wurden davon allein nach Marseille 30000 ätüek exportiert, um von 


i^ 


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iß 


dort weiter nach den Antillen zur Bekleitlung für die Keger versandt zn 
werden, Beaujour niaclii auch sonst noch einige bemerkenswerte Mit- 
teilungen über die Jürüken. Er erzählt, wie es scheint, nach eigener 
Beobachtung, dass sie im Kriege bei den Armeen als Schanzgräber dienten* 
■ und er macht auch eine Angabe, die einzige mir bekannte, über die Zeit 
ihrer; ('Einwanderung- Er bezeichnet sie nh „Abkömmlinge der alten 
Koloniitten, die zur Zeit der Eroberung von Makedonien aus Turkomannien 
•"lahin ^verpflanzt worden sind, um die besiegten aber nicht unterjochten 
Griechen im Zaum tu halten." 

Wie steht es nun mit ihrer physischen Erscheinung im Vergleich zu 
den asiatischen Jürüken? Es ist auch hierbei entschieden bezeichnend» 
daai Cousinery, der beide kannte, sie in seinem Werke ohne weiteres 


1) Bcbildtriuig d^ Handels von Griechcnlrnnd. bescindi^n der 8tidt TbesialoBfcli, 
f, TOR M. 0. Sprengel, Weimar 18i>L. 


Lj 



p 


kehren so regelmäseig vereint bei fast allen wieder, tlasg ich sie als 
besonders eharakteristisch ansehen musg. Das Gruppenbild (Fig. 2) von 
19 ganz zufällig zusammenliegenden Jürtiken ist die beste Bestätigntig 
meiner Behauptung. Wenn diese Formen auch nicht überall go scharf 
ausgeprägt sind wie bei dem Profilbild (Fig, 3), so sind sie doch bei den 
meisten vorhanden. Man vergleiche daraufhin auch die Aufnahme des- 
aelben Jurüken en face (auf Abb. 4} und den Lenker des Pfluges (Fig. 1), 
bei dem es am auffallendsten war. Ebenso die Typen 5 und H, Denselben 
grossen Mund, nur mit etwas weniger kleinem zurückweichenden Kinn, 
zeigen auch die Aufnahm eo 7 und 8, Bei einigen habe ich mir auch die 


JürÜkea und Konjaren in Mrircdonien. 


208 


Ordese und anregelmässige Htellung der Zähne besonders notiert, ein paar 
Mal fand ich sio direkt in einem »tnmpfen Winkel aufeinanderatosseod. 
Zu dieser charaktenstischen Mund- und Kinnform gesell t sich eine 

^«bensa eigenartige Gestalt der Nase. Im ganzen gross» die Rücken linie 
immer gerade oder leicht konkav, ziemlich sehmal und hoch angesetzt» 
die Flügel gespannt, nicht wulgtig, so dass sie sich von der Wnr^el nach 
unten ganz geradlinig verbreitert und in der Draufsicht etwas keilförmiges 

^«rhalt. Ich verweise als Beispiel besonders auf die Figur 6. 


F»p.i;. 


Kijr, 8» 


Dass sich diese Eigentümlichkeiten im Gesiohtstjpusder makedonischen 
Jurüken in so auffallender Weise ausgebildet haben, dafür bietet wohl der 
tichon erwähnte Umstand, dass sie nur unter sich heiraten^ eine genügende 
Erkliirung. Ihre Fortpflanzung hat dadurch seit dem Verlassen der Heinmt 
nüturgem&ss immer mehr den Charakter von Inzucht in weiterem Sinne 
angenommen. 

Von acht Männern konnte ich genauere Körperbeschreibungen auf- 
nehnieti. Ihre Grösse schwankte zwischen lß2— Indern; sie sind also klein 
bift mittelgross. Den Schädel fand ich durchweg sehr hoch, meist breit 
bbad kurz. Bei dreien i&eigte er eine interessante Abweichung, eine merk- 
würdige Ausdehnung des Hinterhauptes nach oben. Unter den AufnahmoJi 


1 


204 


P. IVteirer; 


itt BIS am beeteu em Profilbild des jungen Burachen (Fig, 9) zu sehen. 
Ea war diese Form bei keinora so stark ausgeprägt wie bei einigen der 
schönen Jflrökenbilder auf den Tafeln 35—38 der grossen Pahlikation 
V. Luschans*), aber es war die gleiche Art, v. Luschan führt sie dort auf 
künstliche Deformation durch straffea Einschnüren des Kopfes wahrend 
der ersten Lebenemonate zurtick. Ob dies auch hier die Ursache war, 
kann ich nicht entscheiden. Unter allen Balkanvölkern und Btämmen ist 
mir diese Schädel form nur noch einmal begegnet bei einer Zigeunergruppe 
in der Umgegend von Sarajevo. Sie war da noch stärker ausgeprägt und 
fand sich bei der Mehrzahl der Männer (vgl. Fig. 10). 

Die Gesichtsform der Jünlken, durch mehr oder minder hervorstehende 
Backenknochen bestimmt, war meist dreieckig, nur zweimal notierte ich 
oval und viereckig* Das Haar bei allen dunkelbraun bis schwarss. Nicht 
so einheitlich zeigte sieh die Farbe des Auges; dreimal hellblau, zweimal 


y\g. B. 


Fig. 10. 


hellbraun y einmal grünlich, so dass die dunklere, braune Färbung in der 
Minderheit war. In bezug auf die Form jedoch fand ich überall das 
gleiche Auge: klein, tiefliegend^ schmal, ' 

Über die Herkunft und Abstammung der Jürüken habeo wir heute 
eine neue Ansicht gehört» Der Vortragende brachte sie mit den Seld- 
flchuken in Zusammenhang- Cousinery hielt sie für die Verwandten der 
TurkmeneUj mit denen sie die Sprache gemeinsam hätten. Dieser Meinung 
scheint^ wie erwähnt, schon vor ihm auch Beaujour gewesen zu sein. 

Ich kann zu diesen Theorien nicht viel sagen, ich möchte mich jedoch 
zu der dritten äussern, die v. Luschan ausgesprochen hat. Er sieht die 
JilrÜken, wenn auch vielleicht in ferner Vorzeit, mit den Zigeunern in 
Verbindung. Gegen diese Ansicht haben sich in mir nach dem Besuch 
der makedonischen entschieden Bedenken geregt. Auf das mehr psychische 
Moment, dass ich noch nie Zigeuner getroffen habe, mochten sie nun 
preussische Staatsbürger in Adlershof sein oder unter Türken und Tartaren 



1} E. Petersen and F. t, LiiBchftn, Reiflea In Ljtien, IÜIjas und Kibjmth. 
Wien 1889. 


J^rftkra and Konjsnn in MakedoBi«n. 


30& 


I 


I 


leben, die dich so gesittet und so wenig aafdringUch benotumfiii ^ff**tirt 
wie meine Jürüken, will ich keiaeo Wert legen. Schwerwiegend aber 
ächeinen mir die körperUehen Untersebiede zu sein. Jene Jürüken, durch- 
weg gtarkknocbig, breit imd grob im Typus, hatten nichts von den gracileu 
Formen und Knochen, die bei den Zigeuneni vorwiegen. 

Ferner üodet man bei dieaeu eine nicht einheitliche Komplexion von 
Haar- und Äugenfarbe und gar noch hellblaue und grünliche Augen sicher 
nur in ganz seltenen vereinzelten Fällen. Und wichtiger noch ist mir 
die weitere Beobachtung^ dass alle Jürükeu, bei denen ich bedeckte 
Körperstellen, den Bauch und unter dem Ami untersuchen konnte, weisse 
oder rosigweisse Hautfarbe hatten, was ich bei Zigeunern nur gefunden 
habe, wo auch der ganze sonstige Typus eine fremde Abstammung verriet, 
Dass sich auf dem Balkan die oben erwflhnte Schädelform gerade noch 
bei solchen vorfand, würde ja durch die Annahme von Deformierung er- 
klärt werden. 

Ein gemeinsamer Ursprung mit den Zigeunern erscheint mir also aus 
diesen Gründen ziemlich unwahrscheinlich. Dagegen glaube ich eher an 
einen mongoloiden Einschlag bei den Jürüken, den auch v, Lusch»n fflv 
möglich hält. 

Tuma T. Waldkampf macht in seiner kurzen Notiz in ganz be- 
stimmter Form die Mitteilung: die Jürüken zerfallen im Fatichaue und 
Konjaren. Aus eigener Anschauung scheint er sie nicht s^u kennen» und 
er gibt auch nicht au, wie er zu seiner Behauptung kommt. 

Jedenfalls konnte ich bei der Nachprüfung nicht den geringsten Halt 
für ihre Berechtigung ermitteln. Allen Jürüken, mit denen ich in Be- 
rührung kam, war die Frage gänzlich unverständlich; sie wuasten nichts 
von Fatichanen und kannten für sieh nur den Namen Jürük. Es sind 
offenbar zwei getrennte Dinge ganz willkürlich in Zusammenhang gebracht 

Konjaren gibt es allerdings in Makedonien, und sie haben mit den 
Jürüken das gemein« dass auch sie ein kleiner, aus Asien nach Europa 
versprengter Volksteil sind, Sie bewohnen eine geringe Anzahl Dörfer 
in dem hohen Oebirge im südwestlichen Makedonien, hauptsächlich in der 
Gegend von Koziani und Selfidze. Boue zählt hier fünf Ortschaften auf. 
Doch haben sie sich von hier, wo wahrscheinlich ihre ersten Kolonien 
errichtet wurden, auch weiter nach Norden ausgedehnt. So stammte einer 
der von mir untersuchten vom 8ari-6dl, ein anderer aus Kailar. 

Ihre Zahl dürfte bedeutend geringer sein als die der Jürüken. Von diesen 
sind sie also räumlich ziemlich weit entfernt, und die Trennung wird noch 
dadurch verstärkt, dass sie, abgesehen von den kleineren Städten in der 
Nachbarschaft, ihr Hauptverkehrszentrum^ wo sie ihre Waren absetzen und 
für ihre Bedürfnisse einkanfen, nicht Saloniki, sondern Janina ist. Auf 
dem Gebirgswege dahin über Metzovo begegnete ich verschiedentlich 
Konjaren, und auf dem Bazar von Janina fand ich auch ihre eigenartigen 
Teppiche, von denen mir in Saloniki niemals ein Exemplar scu Gesicht 
gekommen ist Ich hatte für diese Gebirgsreise einen Konjaren eine 
Pferdetreiber gemietet, einen lebhaften, intelligenteu 
ich manches Über das Leben seines Stammes erfiihroii 


Woche lang als 
Mann, yon dem 


H üiann, : 



206 


P. Traoger: Konjatoii in Malredoiileii. 


Fig. n- 


konnte. ÄuBserdem bot sich mir zu ihrer Beobachtung auf dem Bazar 
von Grevena Gelegenheit, den sie ziemlich zahlreich zu besuchen pflegen. 
Von den Jürüken war ihnen nichts, auch nicht der Name bekannt. 
Sie gaben aelbst an, daas ihre Voreltern aus Kenia gekommen wären, aber 
niemand wisse, wann das geschehen. Boue*) yersetzt ohne Angabe seiner 
Quelle die Einwanderung in das Jahr 1390, Sie sprechen türkisch, während 
ihre Nachbarn fast ausschliesslich GriecheUj Vlachen und Slawen sind. 
Sie fallen unter diesen sofort durch ihre Tracht auf, besonders durch eine 
grellrote Weste über einem weitärmligen Hemde, ohne die ich keinen 
Konjaren sah. Mit den Jürüken haben sie nach meinen Beobachtungen 

in keiner Beziehung etwas gemein. Im Gegen- 
satz zu ihnen leben sie sesshaft; neben der 
Teppichweberei ist ihre Hauptbeschäftigung Ge- 
treidebau. Es sind hagere, kräftige Gestalten 
^^^^^ von guter Mittel grosse. Die wenigen, welche 

^^^^^^ ich näher untersuchen konnte, hatten gleich* 

^^^^^H massig einen sehr hohen, ganz kurzen Eopf 

l^^^^M^ mit steilem Hinterhaupt, langoTale Gesichter 

^I^^H mit klugem, lebhaftem Ausdruck. Doa Haar 

^^^p^ sehr dunkel, doch mehr blond als braun, helle 

^Mr graugrüne Augen, grosse Adlernase und kleine 

jj^f ^ Ohren (Fig. 11). Weit bekannt in Südmakedonien 

und Öfidalbanien sind dieschon erwähnten, eigen- 
artigen Teppiche. Wie mir mein Pf er de treibet 
mitteilte, gelten vornehralich die Konjaren am Sari-Göl als geschickt in 
deren Herstellung* Die Erzeugnisse einzelner Familien, iu denen seit alter 
Zeit immer nur dieses Gewerbe betrieben wurde, werden besonders hoch 
geschätzt Es sind Teppiche kleineren Formats von sehr bunter aber 
geschmackvoller Farben Zusammenstellung, Rot, grün, lila und gelb sind 
in der Regel die Hauptfarben* Das Charakteristische des Konjaren- 
teppichs, von dem vier verschiedene Sorten unterschieden werden, sind 
jedoch seine langen Fädeo. 


1) Die €uropfiiache Tirkei, I* Wien 1889. S. 351, 


to 


Ausaerordentliche Sitzung vom 28. Januar 1905. 
Toriitzeiider; Hr. Lissaaer. 

(1) Als Gäste werden begrüsst die Herren Direktor Archenhold, 
Dr. Benjamin und Professor SchraoUer. 

(2) Hr* R* Haferland aus Dresden demonatriert 

eiiiea Schädel mit einem ProeessQS ftsteriaciis. 

(Eiertn Tafel III,) 

Durch daa freundliche Entgegenkommen des Hm. YorBitzenden ist 
jpir Gelegenheit gegeben, Ihnen ein Objekt zu demonstrieren, welches 
*ir bei der Neuordnung der Zusammenstellung anatomischer Varietäten 
und pathologischer Veränderungeo am menachlicheu Schädel in der Anthro- 
pologischen Abteilung des Dresdner Museums in die Hände gekommen 
ist. Der Schädel war daselbst nicht wegen der Varietät, welche die Ver- 
BBlasäung zu der heutigen Demoostration ist^ sondern im Hinblick auf 
-eine andere Anomalie etikettiert und aufgestellt Die Varietät, wegen 
<ler ich diesen Schädel hier vorzeige, ist, soweit mir bekannt, noch nicht 
besebrieben worden. Es dürfte ja den Herren Fachgelehrten bekannt 
«ein, dass leider ein grosser Teil anatomischer VarietMen in Dissertationen 
Tereinzelt beschrieben worden ißt und dasa es z. B, in der neueren Zeit 
kein Werk in deutscher Sprache gibt, welches die Varietäten des mensch- 
lieben Schädels und Skeletts zusammenfassend behandelt Das einzige 
Werk aus modernster Zeit, welches eine solche Zusammenfassung wenigstens 
in bezug auf die Knochen des eigentlichen Hirnschädels gibt, ist das be- 
kannte Werk Yon Ledouble; in diesem ist aber von der in Rede 
stehenden Varietät nichts zu finden, ebensowenig in den Archiven för 
Anthropologie und Anatomie, soweit ich in der Lage war^ sie durch- 
zusehen. 

Der Schädel ist in dem Katalog des genannten Huseums unter 
^r. 3693 verzeichnet und es ist daselbst bemerkt, dass er nach den An- 
gaben des Händlers Gerrard aus Fidschi stammt Soweit man nach den 
äusseren Kennzeiche» urteilen kann, rührt er von einem Individuum 
männlichen Geschlechts her* Sie sehen beiderseits an ilemselben und 
zwar genau an der Stelle des Asterion eine wulstige Hervorragung, welche 
in der Hauptsache dem unteren hinteren AVinkel des Scheitelbeins an- 
gehört und sich zum Teil über die anliegenden Partien der Pars mastoidea 



i 


*208 R^ Hftfedand: Pfocefitiis astariacüi, 

des Schläfenbeins und des Hinterhauptbeiiis herübergesehoben hat Die 
Erhabetihoit, welch© links ausgeprägter als rechts ist, erhebt sich links 
etwa 11 mm nnd rechts etwa 8 mm über das Niveau der umliegenden 
Schädelpartien* Die Breite an der Basis beträgt links in senkreühter 
Richtung etwa 13, in wagerechtar etwa 24 mm, rechts entsprechend 9 und 
19 mm. Die Oberfläche der Vorsprünge ist ziemlich glatt; Anzeichen 
daför, dass sie einem krankhaften Prozesa ihre Entstehung verdanken, 
sind nicht vorhanden, auch zeigt der Schädel im allgemeinen keine Merk* 
male pathologischer Veränderungen. 

Was die Ätiologie dieser eigenartigen Bildung anbelangt^ so kam 
mir, namentlich wegen ihrer Doppelaeitigkeitj bei ihrer Betrachtung zuerst 
der Gedanke, daas es sich dabei um die Reproduktion eines früheren 
Entwicklungsstustandes, einen sogenannten Atavismus, handelt Dieser 
Gedanke wurde in mir bestärkt durch eine Unterredung, die ich mit 
Hm* Prof Dr, v. Luschan über diesen Gegenstand hatte; dieser Herr 
wies mich speziell auf ähnliche Bitdungen beim Schimpansen hin. Ich 
habe späterhin Schimpanäcnschädel sowohl in Berlin als auch im Dresdner 
Musenm daraufhin betrachtet und gefunden, dass man sehr wohl den vor- 
liegenden Schädel in bezug auf diese Bildung mit Bchimpansensehädeln 
vergleichen kann* Während nämlich die Temporalleiaten der erwachsenen 
männlichen Gorillas und Orang Utans sich zu hohen Kämmen entwiekel% 
die in der Mittellinie sich vereinigen, ist das beim Schimpansen nicht der 
Fall; wohl aber habe ich bei allen beobachteten Schimpausenschädelo 
einen starken Wulst gefunden, welcher etwa von der Gegend des Asterion I 
ausgehend nach dem Jochbogen zu verläuft und offenbar den letzten 
nach unten umgebogenen Teil der Temporalleiste darstellt, deren obere 
Partien sich nicht zu so hohen Kämmen wie bei Gorilla und Orang Utan 
entwickeln* Die Ansicht, dass es sich hierbei um eine einfache Ver- 
stärkung des Knochens infolge starker Entwicklung der Nackeumnskulatur 
handelt, möchte ich zwar zunächst nicht ganz verwerfen, aber mich mehr 
dafür entscheiden, dass die Bildung eine atavistische ist, weil ich glaube^ 
dass die Vorsprüuge als Muskelaneatzpunkte eine bedeutend rauhere Ober- 
fläche aufwLMsen müssten, als es der Fall ist. Es dürfte Gegenstand einer 
späteren und umfangreicheren Arbeit sein, festzustellen, welche der beiden 
geäusserten Ansichten die grossere Wahrscheinlichkeit für sich hat. Ich 
schliesse. indem ich die Anwesenden freundlichst bitte, mir mitzuteilen, 
ob Sie die hier vorgezeigte Varietät schon frfther gesehen oder irgendwo 
beschrieben gefunden haben; Sie würden mir auf diese Weise die Möglich- 
keit verschaffen, mich rasch über einen Gegenstand zu orientieren, dessen 
Bearbeitung mir sonst un verhältnismässig viel mehr Zeit kosten würde. 

Nachschrift. Später sah ich bei Hrn. Prof. Dr. v. Luschan mehrere 
Schädel, welche den Processus asteriacus andeutungsweise oder in ver- 
hältnismässig geringer Entwickluug darboten. Es ist dadurch sicher ge- 
stellt^ dass es sich in dem vorliegenden Falle nicht um eine Abnormität 
handelt, sondern nur um die besonders starke Ausbildung einer bei den 
Melanesiern im allgemeinen wahrscheinlich gar nicht so seiteneu Varietät. 


I 



InfoUe der Anr^gvn^r^a Jurvh die ZeiiÄ^hrift fdr KihaoK>^ic uud de« 
Greifevalder Kon^ivä^ Iiabe ich aut moiuen ^VÄndo^ttM5^*u durv*h dio VI:* 
mirk die un We^ lie^ndeo Ki«K:$nibeii iMoh SiIo\ttuuuf;iV.tV'U uta^'r^ucht 
and I. R in Cl5ae« Arendsee. Brvwitt und Ki^*r ^rtuo Fuudt* ^m;ftchi. 

Besonders ukireich w;iren aber die:s^e iu dor oiw» l\ t^ uoi\{>t^^>«itu'h 
Ton S^wedel gelegenen Kiesgrube, iu dortni v^ber^nu Ksiudo itu xori^ni 
Herböte (in 1*^*« Tiefe) eine pr^isu^risohe llor\lgniW ^^ftiudeu wurxUv 

Diesse Kiesknhie besteht n^oh Urteil des llru« o^iud. ^^ndo^. Siii)^)^ou- 
beck ans trpisch nordischen Ablagerun^nt aus den Schuielivvj^oru der 
letzten Glazialperiode. Die FVage. ob V.r\^siousrt^io oder lUHamuiou- 
hängende Decke über das Ganze TorHeg\M\. soll eiu^^dioud bei besserer 
Jahreszeit untersucht werden. 

An einem Torspringeuden Keil der sohon stark iu Houuf<uu>; ije 
nommenen Gmbe zieht sich zwischen feineren S^m^lou und Kiesen iu etwa 
5 — 5Vt»« Tiefe eine 40— 50fm starke Kiesbank, die ^r^bort^s i^ontoin 
material enthält, dunkler gefärbt und meist eisenschüssig ist. 

In dieser fanden sich auf einer FUlche von etwa S w l.iin^^o und »^ m 
Breite^ die Ton Oktober t. J. bis Januar d. J. abgeninmt wnnlo, besomlor» 
zahlreiche Feuersteingeschiebe, die zum grosson Teil mit GebranohH- und 
Abnntznngsspuren Tersehen waren. Ich sammelte violo humlt^rte da\on, 
von der zierlichen Pfeilspitze bis zu Fäustlingen von iSiK^y Uewieht, 
Von diesen erlaube ich mir hier eine Auswahl zur Uegutachtnng vorzu- 
legen. Ausserhalb dieser Fhlche sind die bearbeiteten Stücke Ht»ltt»ner. 

Fossilien, Knochen und organische Keste fatulen sieh bis jet/.t nicht. 
Jedes Anzeichen einer längere Zeit andauernden Kinwirkung von Atmo- 
sphärilien, von Verwitterung oder einer Art Kultursciücht fehlten. Viele 
Stücke zeigen die Spuren von Abrollnng. Km ist daher un/unehmen, duNN 
sich die Stücke nicht mehr in primärer Lage befanden, Nondern von 
anderer Stolle weggeführt nnd hier wieder abgelagert sind. HemerktMi 
möchte ich noch, dass oft eine boHtimmte Art von (iegt«nH(jhid(Mi wie 
Pfeilspitzen, Schaber oder Fäustlinge zu mehrt^reii nuln« %UHamnu*ii higiui. 

Von den mit ihnen im Kies regellos zerstreutt^n (leHchitdieHlüeken 
habe ich etwa dreissig zur Untersuchung aufgtdioben (^KieNidschti^fer, Haek- 
steinkalk), um nach Kenntnis der Heinnit, in d(«r die <i(«Mt(Mn(t uhHtehend 
getroffen werden, vielleicht auf die llerknnft dieser Silexstücke Mrhlii'HHi-n 
zu können. 

(4) Hr. V. Landau spricht über 

pr&historisehe Fnnde nnweit Hidou und Gebell (IlybItiH). 

Ich möchte der üt^sellHrhaft (»ine Frage voili';:rii. um dmii l.nnim;.' 
sich die an den Ausgrabungen Beteili^^ten wie HunNti^:«' K<'iiimi dm iilioni 
kischen Altertums bisher vergebli('h verHiidit IuiIm'm. In Saidu und d<fn 
anstossenden Libanongebiet sind kleiix* Steine bekannt iin>l werden von 
Kindern den Reisenden zum Kauf angeboten, die hie ;(ew('dinlicli r 

Z«itMhrift ffir Ethnologie. JabrR. 1905. H«.ft 1. 1 1 


210 T. Lftndau: FrlhiatoHsche Fimde bei fiidon. 

methiale nennea, weil sie ähnlich ausaeheo wie die Amulette, welche die 
MetuaUs an der Stelle tragen, wo sie mit der Stirn anstoasen bei ihren 
Gebetefl, Es sind fast stete gewöhnliche Bachkiesel, welche Einschnitte 
tragen, über deren Bestimmung es bisher nicht möglich gewesen ist, zu 
einem Ergebnisse zu kommen. Die hier vorgezeigten können natürlich 
nicht genügen, ura über das Wesen dieser Einschnitte ein Urteil zuzu- 
lassen. Jedoch sind alle, welche melir davon gesehen haben, darüber 

reinig, dass es sieh nicht um regelmässige, beabsichtigte Figuren oder 
Zeichen dabei handeln kann. 

Die Steine aollen nach Angabe von Arbeitern immer dort gefunden 
werden, wo eine alte Grabstätte sich befindet Macridi-Bey fügt aber 
hinzu, dasa er stets gefunden habe, dass diese Grabstätten auch schon im 
Altertum geöffnet oder in römischer Zeit benutzt worden waren. Er möchte 
deshalb in den Steinen nur Gegenstände sehen, an welcher die Arbeiter 
die Schärfe ihrer Instrunionto versuchten. Dann bliebe aber auffallig, 
dass man sich dazu immer nur so kleiner Steine bedient haben sollte, 

'welche sich schwer festhalten lassen, wenn man einen Einschnitt machen 
will. Die Schärfe des Instruments, welches bestimmt war den Felsen zu 
bearbeiten, konnte doch wohl passender an diesem selbst versucht werden. 
Endlich möchte ich Ihnen noch einen kleinen Celt vorlegen, der ans 
einem Grabe in Gebeil (Bjblos) stammt; wahrscheinlich hat dieses Grab 
der klassischen Periode angehört, denn wenngleich nichts bestimmtes mehr 
darüber in Erfahrung gebracht werden konnte, so sind doch ältere sehr 
selten und in Gebeil kaum noch welche uneröffnet, welche etwa in vor- 
hellenistische Zeit zurückgingen. Das Stück wird also als Amulett ge- 
dient haben und ist deshalb dem Toten mitgegeben worden. Ähnliche 
Funde sind selten in Phönizien, wo die Altertümer überhaupt nicht sehr 
häufig und vorgeschichtliche Stücke etwas ganz aussergewöhnliches sind. 
Das Museum des American College in Beirut besitzt einige ähnliche Gelte, 
die wohl ans ähnlichen Funden hernlhren, jedoch ist mir nicht bekannt 
ob ihr Ort und Gelegenheit der Auffindung bestimmbar waren* In Syrien 
werden viele Antiken durch den Handel vertrieben, was die Feststellung 
des Fundortes meist sehr unsicher macht. Man wird bei Annahme gleich- 
artiger Herkunft dieser Stücke anzunehmen haben, dass man im Altertum 
diese prähistorischen Stücke als Amulette geschätzt und getragen hat. 
Mir ist von weiteren gleichartigen Funden auf phönizischem Boden nichts 
bekannt, 

Hr, Staudinger: Das vorgelegte Steinbeil hat die Form der kleineren 
westafrikanischen Steinbeile. Auch dort werden die jetzt aufgefundenen 
Steinbeile zum Fetischdienst oder mitunter auch als Amulette benutzt. 
Wir hätten also hier dann eine ähnliche Erscheinung. Interessant ist daa 
Vorkommen so ähnlicher Stücke schon ivegen der oft vermuteten Ver- 
bindungen von Westafrika mit alten Kulturgebieten. Was die runden 
Steine anbelangt, so möchte man sie beinahe auch als eine Art Schmuck- 
oder Amulettsteine ansehen, jedenfalls machen sie nicht den Eindruck, 
als ob sie zum Schärfen von Instrumenten gedient Haben, dann wären die 


» 


faldejer: 


^»e in AustmleB. 


311 


Billan wohl anders. Sehmuck- bezw. Ämuletoteme in einer ähnlichen 
(nutörlich nicht gleichen Form) sind übrigens ziemlich verbreitet, Dai 
Steinbeil ist In alter Zeit jedenfalla wohl als Beil praktisch benutzt 
worden. 

(5) Hr. Waldeyer gab ausführliche Mitteilungen aus einem an ihn 
Tom September 1904 aus Queensland gelangten Briefe des Professor Dr. 
H. Elaatsch, aus welchem besonders die folgende 

Übersieht aber den bisherigen Terlauf und die Errnngensehaften 
seiner Uei^e in Australien bis Ende September 1904 
wiedergegeben sei. 

9. Februar 1904: Abfahrt von Genua auf der „Gneisen au", 
7. Harz: Ankunft in Perth, Westaustralien. 

12. ^ Adelaide. 

15- „ Melbourne, 

18* „ Sydney. 

2L ^ Brisbane. 

22. März bis 17. Mai: Aufenthalt in Brisbane. Untersuchung der 
PriTatsammlung des Dr. W. E. Roth, Protektors der Eingeborenen 
Qneenslandd, an Schädeln (90) und Skeletten (ca. 10) von Eingeborenen 
Kord-Queenslands. Ethnographische Studien bei Dr. Roth. Paläonto- 
logische Studien im Museum. Vorbereitung einer Publikation über 
Queenslandsehädel för die Bulletins des Government. 

17,-20. und 23.-29. April: Exkursion in die Darling-D owns zum 
Kamnieln fossiler Säugetierknochen, Aufenthalt in Clifton unweit der 
klassischen Fnndstelleu am Kings-Creek. Gewinnung eine»* guten Materials 
isolierter Knochen und Schädelfragmente von fossilen 3Iarsupialiern, be- 
sonder» von ausgestorbenen Hai maturus- Arten, auch Dipratodeu, wovon 
ein grosses Kiefernstflck, in 25 Fuss Tiefe beim Graben eines Brunnens 
gefunden, mir geschenkt wurde, 

24. Aprih Entdeckung primitiver menschlicher Steinartefakte aua 
Homstein und Quarzit am Kings-Creek, zusammen mit Stücken grosser 
fossiler Röhrenknochen, welcho menschliche Bearbeitung zeigen. 

8, Mai: Finde unter Dr. Roths Material die Knochen eines neu- 
geborenen Kindes (von Princesse Charlotte-Bai), dessen Frontale die Arcua 
supraorbitdles als scharfe Leisten zeigt, au den Neaodertalzustand er- 
innernd. Neue Erkenntnisse in der Vergleichung der Anstraliersehädel 
mit Pithecanthropus und Anklänge der Wirbelbildung in der Stellung der 
Processus spinosi an die Anthropoiden. 

IT« Mai: Abreise mit Schiff von Brisbane. 

18. ^ Maryborough; Sammlung einiger fossiler Muscheln aus 
<lem Kretdematerial des städtischen Steinbruchs. 

19-— 2ä. Mai: Ro c h harn p ton. 

21. Mai: Finde in der ^School of Arts** einen Elephanten-Molar, den 
ein Btirger Rochhamptons am King«-Creek gefunden und der Schule ge- 
schenkt hat. Photograplrische Aufnahmen des wichtigen Objektes, welche» 

14' 



212 • • * Waideyeir: 

die fast unbeachtet gebliebeneil Angaben Owens über das Vorkommen 
von „Notelephas äustralis" in den Darling-Downs bestätigt. 

22. Mai: Erhalte vom Direktor der Sehool of Arts einen Australier- 
Schädel aus der Gegend von Cleimont (Central-Queensland) geschenkt. 
Untersuchung einiger im Privatbesitz befindlicher Schädel aus der Gegend 
ron Rochhampton. 

25. Mai: Abreise mit SchiflF von Rochhampton. 

27. Mai bis 1. Juni: Aufenthalt in Townsville. Sammlung von 
Conchylien and Brachiopoden-Schalen am^ Strande. Untersuchung und 
Sammlung von Material des amphibisch lebenden Fisches Periophthalmus 
(Blenniiden). 

3. Juni bis 4. Juli: Aufenthalt in „Sil ver -Valley** bei Herberton auf 
dem Gebiet derTin-Mining-Lancelot-Company alsGast des Hrn.P.E.Clotten. 
Untersuchung und Sammlung von Beuteltieren, auch Omithorhynchus. 
Erste Studien lebender Eingeborener. Auffindung alter Wohnplätze der 
Eingeborenen unter überhängenden Felsen, welche an die Abris des 
paläolithischen Frankreichs erinnern und Untersuchung der Tiermalereien 
an diesen Felsen. Entdeckung zahlreicher kleiner Messer aus Porphyrit 
an diesen Wohnplätzen. 

12. Juni: Entdeckung einer Menge eolithischer und paläolithischer 
grösserer Artefakte grösstenteils aus Porphyrit am oberen Herbert-River^ 
Sammlung von etwa 120 Stück dieser Artefakte, welche von verschiedener 
Technik und, nach dem Erhaltungszustand des Materials zu schliessen, 
von verschiedenem Alter sind. 

6. Juli: Townsville. 

8. „ Fahrt nach Charters-Towns. 

9. „ Entdeckung eines primitiven Steinartefakts am Burdekin- 
River bei Charters-Towns. 

14. Juli: Cairns. 

15. — 20. Juli: Aufenthalt auf der Missionsstation Jarrabach bei Cairns. 
Erste eingehende Untersuchungen und photographische Aufnahmen lebender 
Eingeborener aus der Gegend des Bellenden-Ker-Gebirges. 

21. Juli: Abreise von Cairns. 

22. — 24. Juli: Aufenthalt in Cooktown. 

25. Juli: Fahrt nach Thursday-Island. 

26. „ Ankunft daselbst. Finde das Regierungsschiff „Melbidir*'^ 
welches mich zu einer Fahrt in den Golf von Carpeutaria aufnimmt. 

28. Juli: Abfahrt der „Melbidir" von Thursday-Island. 
30. „ Ankunft am Batavia-River. 

30. Juli bis 2. August: Aufenthalt auf der Missionsstation Mapoon 
am Batavia-River. Untersuchung zahlreicher Eingeborener. Neue Methode 
der Messung und graphischen Darstellung des Gesichtsprofils. 

2. August: Abfahrt von Mapoon zusammen mit dem Missionar Richter, 
welcher am Archer- River eine neue Missionsstation zu gründen be- 
absichtigt. 

3. August: Ankunft am Archer-River. 


Klaatsch^s Reise in Australien« 213 

3. — 11. August: Aufenthalt daselbst Erste Begegnung mit wirklich 
wilden Eingeborenen. Zahlreiche Studien, Messungen und photographische 
Aufnahmen derselben. 

12. August: Abfahrt von Archer-River. 

16. 9 Ankunft an der Mündung des Norman -River an der 
Lotsenstation Earumba. 

18. — 20. August: Exkursion nach Norman ton. 

21. August: Abfahrt von Earumba nach den GoIf-Inseln. 

23. — 24. August: Aufenthalt bei Sweers-Island. Auffindung grosser 
Steinwälle, „Traps", deren sich die Eingeborenen zum Fangen der Fische 
bei Ebbe bedienten. 

25. August: Landung auf Bcnlinch-Island. Vergeblicher Yersucli, die 
scheuen Eingeborenen zu stellen. Finde deren Spuren und Camps. 

26. August: Ankunft vor Bailey-Island. 

28. — 31. August: Aufenthalt vor Bailey-Island und Besuch einer ganz 
wilden Horde von 20 Eingeborenen daselbst. Aufnahmen, Messungen und 
Erwerbung verschiedener sehr primitiver Kulturgegenstände, darunter der 
ausserordentlich einfachen Steininstrumente aus Quarzitsplittem. 

5. September: Ankunft auf der Lotsenstation Karumba. Erste Aus- 
grabung von Skeletten (eines jugendlichen $ und eines ?), sowie der 
Knochen eines sechsmonatlichen Kindes. Erwerbung von drei Speeren 
mit Quarzitspitzen, welche ein Fischer von McArthur-River (an der Ost- 
kQste des Golfes) mitgebracht hat. Die Steinspitzen entsprechen den 
paläolithischeu Steinlamellen Frankreichs. Ich erhalte einen jungen 
weiblichen Dingo, den Schwarze in einem hohlen Baume gefunden haben. 

9. September: Ankunft in Normanton. 

9. — 26. September: Aufenthalt in Normanton. Erwerbung zahlreicher 
Waffen, besonders Boomerangs. Ausgrabung von Schädeln und Skeletten. 

12. September: Exkursion nach Croydon. Ich erhalte dort von einem 
deutschen Kolonisten einen im Busch gefundenen Schädel eines Schwarzen, 
der manches Abweichende, besonders auffallig (an Tasmanier erinnernde 
Breite) in der Parietalregion besitzt. 

(6) Hr. Waldeyer berichtet femer über seinen 
Aufenthalt in St Lonis und die Anthropologische Abteilung 
der Weltausstellung daselbst, 

sowie über den Ausflug des internationalen Geographen-Kongresses nach 
dem Grand Canyon of Arizona und Mexiko, welchem er sich ange- 
schlossen hatte. 

Als Juror für die Ausstellung der höheren ünterrichtsanstalten hatte 
er Gelegenheit, mit dem Stande des Hochschulwesens in den Vereinigten 
Staaten bekannt zu werden. Offen muss man anerkennen, dass dasselbe 
sich auf bestem Wege, in rührigem Fortschreiten und in sorgfaltiger 
Pflege befindet; er verweist hierzu auf eine jüngst von ihm in der 
„Deutschen medizinischen Wochenschrift" 1005, Nr. 1, 2. 3 veröffentlichte 
Mitteilung. 


2^14 Wäldeyer: 

In der anthropologieeheD Abteilung zo^en Tor allem die Nieder- 
lasBungen vergchiedener nordamenkanisclier IndianerstÄmiiie, deren ßchulen, 
das Phüippintindorf und die Öiedeluug der Ainoa die Aufmerksamkeit auf 
»ich. Das Philippinendorf konnte geradezu als Muster einer derartigen 
Veranstaltung bezeichnet werden. Daseelbe zeigte die Wohnungen und 
Beschäftigungen der ziTilLsierten Filipinos, dann die mehrerinr noch wild_ 
lebender Stämme, wie der Negritos und Igoroten. Die dunkelfarbigen 
NegritOB gehören zn den Pygmäen-Völkern, welchen Ausdruck der Vor* 
trügende im Sinne J. Kollmanns gebraucht. Es fiel auf, dass ihre 
Physiognomien an die der Papua -Volk er erinnern. Als Bogenschützen 
zeigten sie sich sehr gewandt. Die zu den Malaien zu rechnenden 
Igoroten sind, was die Männer anlangt, prächtige Gestalten, denen auch 
ihre lichtbraune Hautfarbe gut steht; das Auge des Anatomen nicht 
weniger als das des bildenden Künstlers fand bei diesen muskulds-sehnigeii^ 
schlanken, geschmeidigen Menschen, die fast völlig nackt gingen, seine 
Weide. 

Bei den Ainos wurde man an den an einem unserer Sitznngsabende 
gehaltenen Vortrag von Baels erinnert, in welchem die Ähnlichkeit ihrer 
Physiognomien mit russischen erwähnt wnrde; dies ist nicht zu Ter- 
kennen. 

Die Fahrt nach Mexiko nahm bis zur Kflckkehr nach St. Louis 
17 Tage in Anspruch, Ton denen V2 in den 4 Pulman-Cars, die für die 
Beisegesellschaft gemietet worden waren, zugebracht werden mussten. 
Eine solche Falirt, namentlich in der Hochebene, welche von Neumexiko 
bis Stadt Mexiko führt und grossenteils Wüste ist, hat in manchen Be- 
ziehungen Ähnlichkeit mit einer Ozeanfahrt Wir fanden es ohne weiteres 
am Platze, dass man zum Einsteigen mit einem „An Bord" autgefordert 
wurde. Die Heise ging von St. Lonis nach Kansas City, Dodge City 
(in Kansas), A Junta (Colorado), Albuquerque (New-Mexico), Plag- 
st äff, Williams (Arizona) zum Grand Canyon, einem der Wissenschaft- 
üch merkwürdigsten und dabei schönsten Naturgebilde. Von da zurück 
nach Albuquerque, dann über Rincon nach EI Paso, wo man mit dem 
Eio grande die mexikanische üronxe überschreitet. El Paso gegenüber 
liegt die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juarez. Von da führte die 
Bahn über Chihuahua Jimeuez, Escalon, Torreon, Zacateeas, 
Aguas calientes, Irapuato, der berühmten Erdbeerenstadt — man hat 
diese köstliche Frucht dort fast das ganze Jahr — Queretärö und Tula 
nach Mexiko Stadt 

Der nönJliche Teil der Strecke hat wie das Gebiet von New-Mexico 
und Arizona, welches durchfahren wurde, Wüstencharakter — es ist eine 
5—7000 Fuas über dem Meere liegende Hochebene, in der sich nur wenige 
Dörfer, wenn man von solchen überhaupt sprechen kaun^ finden, und, 
weite Strecken auseinander gelegen, wie Oasen, die genannten grösseren 
Städte, von ferne ecbou durch die zum Teil schönen und interessanten 
Kirchenbauten kenntlich. Da einige von den genannten Orten nachts 
durchfahren wurden, kann nicht von allen berichtet werden. 



Afiffintlmlt nad 


515 


latereaBsiit erschieDea Celmyo and Queret^ro: hier srhoii der 
Zone (im «og»«!! Simie) nake, m 4ef iwbtropiseheti Zi>iie — 
der Wendekreifl Am K:mham siebt elvms aOfdliidi wmk Z«cttee«s hin — 
Wginnt ftnch in der Bocfaebene die flpptge TegttetioQ; die an &ieli tum 
Teil schon geformten Berge nehmen Wald au und man gewinnt den Kin- 
drnck^ dass man sich in einem Laude befindet, welches viele Menschen 
emfilureD kmnn und deshalb bei g^ier Verwaltung und Terständiger 
poUtiBcber EntwickluDg Torankommen muss. 

0er Zug fährt bei Qneretaro dicht an dem Hüg^el vorbei, auf welchem 
am 1^, Jnni t{$€7 Kaiser Maximilian von Mexiko mit seinen ihm treu 
gebliebenen Generalen Mejia und Miramon erschossen wurde; au der 
Stelle erhöbt sich jetxt eine Kapelle. Queretaro lag im Frühsounenglanie 
schan vor uns — man musste un willkürlich au Miramare, so reizend an 
der Trieeter Bucht gelegen, denken: Miraniare— Queretaro, ein Menscben- 
geschiek! 

Von der Stadt Mexiko, welche wir am selben Tage nachmittagt er* 
reichten» wurde noch eiu Ausflug nach Orizaba gemacht; die Eisenbahn- 
fahrt den jihen Eaudabsturz der Hochebene hinunter gehört %n den\ 
interesaanteaten, was man in dieser Betielmug inacheu kann* Hier befindet 
man sich im üppigsten Tropenlande. 

Die Rückfahrt ging wieder bis Celayo auf der früheren Strecke, daun 
wurde der Weg über San Luis Potosi und Saltillo genommen und der 
Rio grande hei Laredo überschritten. Die Strecke in den vereinigten 
Staaten ging durch gaui Texas (San Antonio, Austin), «lann durch das 
Indian Territory und einen Teil von Arkansas über Springfiel d nach 
St, Lonis; hierbei mussten der Red River und der Arkansas River über* 
fahren werden. 

Das Interesse der Fahrt war wesentlich ein geographisches und geo- 
logisches; unterwegs wurden von verschiedenen Fachniäirnerti» insln^sondere 
von Mr. Robert HilU Vorträge über interessante Abschnitte aus diesen 
Gebieten im Ausehlusse an das Erlebte und Gesehene gehalten, \oj\ 
amerikanischen Forschem, die die wiasengchaftliche Führung unternahmen, 
sei noch besonders des Hrn. W< M. Davis gedachte Mr. Dr. Day leitete 
mit xielbewnsöter Energie und Sachkenntnis die äusseren Angelegenheiten» 
Von deutschen Forschem seien die Herren Kollegen V^erworn (Göttingen), 
Oberhummer und Penck (Wien) sowie der Afrikaforscher Graf v. Pfeil 
und Klein-Ellguth genannt, letztere beiden mit Dank für manche dem 
Vortragenden gegebene freundliche Auskunft auf den ihm ferner liegenden 
Gebieten* Gern gedenkt derselbe auch der Begeguun«^ mit Sir John 
Murray, Director of the Challenger Expeiiition PuhlicHtiotiis, nnd seines 
Freundes und einstmaligen Institutslnhoranten aus der Strassburger Xett^ 
Prof. Dr. Ludwig Bremer (St Louis), welcher sicli der Expedition an- 
geschlossen hatte. 

Wen es interessieren sollte, iu kurzen klar gexeicimeten Zügen ein 
besseres Bild von den hochinteressanten geographischen und geologiieheQ 
Verhältnissen der grossen durchmessenen Strecke iu sich aufzunehmen, 
als es hier vom Vortragenden als Nichtfachmann gegeben werden kann 


2ir> ^^^^^^^^^ K, Brojaig: 

und als es hier an seinero Orte igt, der wolle die Artikel too Hofrat 
Prof- Pcnck: «Bilder aus Amerika** in der ^Neoeii freien Presse" Tom 
9. und ]i>. Januar 1905 und «Der achte internutionale Geographeukongress" 
in der „Wiener Abeudpost" vom 10. und 12, Januar 1905 nachleaeiL — 
In humoristischer Form hat Dn Bremer die Erlebnisse der Fahrt in 
einer St, Louiser Zeitung geschildert 

In wenigen Worten sei der antliropologischen und ethnologisehen 
Beobachtungen gedacht, die auf der Reise gemacht werden konnten. Wir 
erhielten Gelegenheit zwei Dörfer der Pueblosindianer zu besuchen und 
uns wenigstens für einige Btunden die Leute in ihrem jetzigen Zivilisations- 
leben anzusehen. In Älbuquerque fanden wir bei längerem Aufenthalte 
gleiehfalk mehrere dieser Leute; dort ist auch ein Yerkaufsbazar der von 
ihnen in Handarbeit gefertigten Sachen; manches Sehenswerte ist darunter. 
In 3Iexiko fand sich reichlich Gelegenheit, mit der eingeborenen Be- 
völkerung, die weitaus den grössteo Teil der Bewohner Mexikos — aucli 
der Hauptstadt — ausmacht, in Berührung zu kommen. 

Der Vortragende zweifelt nach dem Eindrucke, den er davon gewonnen 
hat, nicht daran, dass die gan^e grosse eingeborene Bevölkerung von den 
Kanadiaehen Seen an bis 'isum Isthmus, soweit er Vertreter derselben 
gesehen hat, ungeachtet der sprachlichen Verschiedenheitenj einem und 
demselben grossen Stamme angehört. Ober Südamerika kann hier natürlich 
nichts ausgesagt werden. Der Stamm weist, der Ansicht des Vortragenden 
nach, auf mongolische ürabkunft hin. Der Vortragende befindet sich hier 
in Cbereinstimmung mit Verworn, auf dessen weitere, gleichfalls im An- 
schlüsse an die Reise gemachten Ausführungen (s, Göttinger Zeitung vom 
2L Dezember 1904) Bezug genommen sei, 

Schliesslicli wird mit warmem Danke der in der liebenswürdigsten 
Weise dargebotenen Führung, welche Kollege Seier und dessen Gattin 
in dem grossen Museum der Altertümer der Stadt Mexiko übernommen 
hatten, gedacht. So wurde der Reisegesellschaft der Vorzug, den ein 
günstiger Zufall l>ot, von sachkundigster Seite an der Hand der wichtigsten 
Belegstücke, die überhaupt vorhanden sind, einen Einblick in die hohe 
und ganz eigenartige Kultur zu gewinnen, die das merkwürdige Azteken- 
volk gezeitigt hat. 

(7) Hr- Kurt Breyaig sprach über 

die Entstehung de§ Gottesgedankens insonderheit bei den 
amer j kauischen V rzei t völ ke rn . 

Die Untersuchung, die in vollem Umfange demnächst in einer be- 
sonderen Schrift veröffentlicht werden soll, geht aus von den Kolumbianern, 
insbesondere den Tlinkit der Nordwestküate. Bei ihnen liegen die drei 
ürbestandteile, aus denen sich gläubige Verehrung entwickeln kann, noch 
völlig getrennt von einander. Eine über gelegentliche Anrufungen nicht 
hinauskommende Beachtung der Naturgewalten, insbesondere der Sonne, 
die kaum besonderer Berücksichtigung wert ist, sodann ein mit Kult und 
Priestertum ausgestatteter Seelen- und Geisterdien st^ der indessen weit 


H 


I 



• 


Entstebuug dei GottesgedMliens. 217 

mehr auf Abwehr als auf Verehrung gegiüudet ist, endlich eine heilige 
Sage, di0 zwar Hochschätzuug^ aber nicht Yorehrung, ge&ebweige denn 
Anbetuug dea gefeierten Hehlen, überhaupt nicht (Haubeusdienst bedeutet. 
Der Rabe Jelch, halb Mensch, halb Tier, bringt seinem Volke Sonne, 
Mond und Sterne, und mancherlei änderen Segen, ist Ileil&pender, Heil- 
bringer, aber von übenuensclilichen Kräften und Eigenschaften, unver- 
Qndbar wie Siegfried, Feuer bringer wie Prometheus, ungeschlechtlich 
"empfangen wie Jesus, aber so sehr Mensch, dass ihm vielerlei lacherliche, 
ja dumme Streiche nachgesagt werden. Er ist am wenigsten ein Gott, 
ein Begriff, der endlich einmal scharf zu umgrenzen und dem des Heil- 
bringera als seiner K^im- und Vorform gegenüberzustellen ist. Die 
gleielio Vorstufe eine» Heilbringers weist der loskelia der heiligen Sage 
der Irokesen von 1650 anf. Nur die Tierheit ist verschwunden, er tritt 
im Verein mit seiner Grossnrntter Ataensic als Erd- und Menschou8cli5pfer 
auf und beschenkt die Neugeschaffenen mit vielen Wohltaten. Eine zwei- 
hundertjährige Entwicklung hat aus dem Heübringer der Jesuitenberichte 
den Grossen Geist der Morgan sehen Schilderung geschaffen (1850), d. h. 
einen wirklichen (Jott. Braderkampf, ürflut, ungeschlechtliche Geburt 
kennzeichnen die Eeimgestalt von 165Ü. Die Deutungen Br intens, als 
sei loskeha aus einer Verpersönlichnng der Sonne entstanden, wurden im 
einzelnen und Rllgemeinen als irrig erwiesen. Ebenso die gleiche Her- 
leitung Michabazos, des Heilbringer der Algonkin aus Sonne und Licht- 
Di© Nimeu, die in dem Fall der Irokesen sicher, in dem der Algonkin 
schwerlich von der Sonne herkommen^ sind späteren Ursprungs als die 
Oestalten, denen sie nur als eine fremdartige, ihre eigentliche Herkunft 
verbergende HQlle übergeworfen sind. Der Narae des Heilbringera der 
Wabanaki, insbesondere der Micmac beweist dies fast urkundlich; er 
heisst (Uuskap der Lügner, sein Bruder aber Wolf der Jüngere. Nichta 
liegt näher, als anzunehmen, dass der ursprüngliche Name Wolf der Ältere 
war. Keri, der Heilbringer der Bakairi, ist ein neues wohlausgeprägtes 
Seiten stück; die Tierherkunft lugt hier aus dem Pflegevater Jaguar hervor. 
Das Walam-Olum, das heilige Buch der Lenape, enthält Sintflut und 
Drachenkampf in besonders gut ausgeprägter Fassung Es ist aus zwei 
verschiedenen Überlieferungen zusammen gearbeitet, deren Durcheinander, 
das wohl zu entwirren ist, ein auffälliges Seitenstück zu der Verbindung 
von Priesterkodei und Jabvisten in den ersten Kapiteln der Genesis dar- 
bietet. Die tierische Grundnatur der anierikanisehen Heilbringer, die je 
nach ihrer Stufe ganz, halb oder gar nicht mehr hervorlugt, ist vielleicht 
durch die Alcberinga -Wesen einiger niittelaustralischer Vcdkcrschaften zu 
erklären. Sie sind noch fast ganz Tiere, vermögen aber Wunder zu 
wirken. Berge zu spalten^ Täler zu überschwemmen; aie gehören wie die 
Heilbringer der Vorzeit an. Vielleicht dass sie oder ähnliche Gebilde 
die Grosaväter der Heilbringer waren. 

Das Ziel aller dieser Ausführungen ist, einmal eine Entwicklungslinie 
d*r einzelnen Ür- und Koimformon des Gottesgedankes aufzustellen, 
zweitens aber die Auffassung zu bekämpfen, als hätte aus der abstra- 
hierenden und symbolisierenden Verpersönlichung der Naturkräftc. ins- 


4 


besondere der Soone, der Oottesgedankeii hergeleitet werden können. Er 

Ätammt vielmehr aus der lebens warmen erd* und menschhaften Persönlich- 
keit als wirkÜcli gedachter Wesen, Menschen oder Tiere. Ein Oberblick 
über die israelitisch -jüdische^ babylonische, ägyptischö, indiBche, grie- 
chisehe, germanische Glaubensgeschichte iuchte jene amerikanischen Er- 
gebniBse auch für sie fruchtbar ku machen und insbesondere den Heil- 
bringerkeim in ihren Uöttergestalten nachzuweiBen, entgegen der in fast 
allen diesen Forschungsgebieten unwidersprochen herrschenden Auffassung, 
ab sei der Öottesgedanke aus der Sonne oder anderen Teilen der Natur 
herzuleiten. 

Diskussion. 

Hr Gräbner: Ich stehe dem Hrn. VortragendeUj abgesehen davou, 
dass ich ihn persönlich gut kenue, auch als Historiker mehr als andere 
nahe. Selbstveritändlich ist es mir deshalb erfreulich^ wenn die kritische 
Schulung des Geschichtsforschers der Ethnologie zu gute kommt. Aber 
gerade als Historiker kann ich mich mit dem Grundgedanken der ge- 
gebenen Ausführungen nicht einverstanden erklären. Die Ansicht, dass 
die Naturvölker oder die Urzeitvolker, wie Hr. Breysig sich ansdrückt^ 
einen Urzustand auch unserer Kulturvölker darstellten, lässt sich doch 
nur in beschränktem Masse teilen. Wir müssen der Überzeugung Raum 
geben, dass auch die Naturvölker die Jahrtausende und Jahrzehntausende 
nicht spurlos an sich haben vorübergehen lassen, sondern sich selbst von 
einem etwaigen gemeinsamen Ausgangspunkt ebenso entfernt haben wie 
unsere Kulturvölker. Aber selbst unter benachbarten und scheinbar ver- 
wandten Völkern kann man doch nicht ohne weiteres einen Sprung von 
dem einen zum anderen machen; man kann nicht die Anschauungen des 
einen Volkes aus denen des anderen ergänzen. Es war von den austra- 
lischen Religionen die Rede, Gerade da finden wir — ich habe seinerzeit 
in einem Vortrage hier gewisse eigentümliche Unterschiede der australischen 
Kulturen beleuchtet — auch in religiöser und mythologischer Beziehung 
gewisse Unterschiede. Die Totemgötter oder, wenn man so sagen darf, 
die Götterwesen, die aus der Tiergestalt hervorgegangen sind, beschränken 
»ich auch in Australien ganz ausgesprochen auf das eine Gebiet, während 
in dem anderen, in dem von mir „ostpapuanisch" genannten Kulturgebiet, 
geringe Spuren von solchen Erscheinungen vorhanden sind, vielmehr da 
die höheren Geister, wo sie vorhanden sind, sich augenscheinlich direkt 
aus der Menschenseele, jedenfalls aus menschenähnlichen Gebilden ent- 
wickelt haben. So findet sich anseheinend selbst in noch älteren Schichten, 
die in vielen Kulturbeziehungen primitiver sind, als die, denen der Totem- 
kreis angehört, eine Form der Gdttergestalten in weiterem Sinne, die von 
dem Hm. Vortragenden auf eine weit höhere Stufe gerückt worden ist, 
und gerade da findet sich wieder die Verklärung und die Erhebung der 
Naturerscheinungen, Sonne, Mond usw. zu Göttern. 

Wenn wir solche Unterschiede, ja Gegensätze des Entwicklungsganges 
in einem scheinbar so einheitlichen Gebiete wie Australien vorfinden, so 
werden wir unmöglich die vom Hrn. Vortragenden hjrpothetisch au- 


I 



gfeDopunene Ausbildoog de8 Gottesgedankeiis als etwas (>emeiiigamea für 
lie Keuschheit hindtellaii könneii. Es mag seio, das« solche Entwicklungi^a 
IxoTpekoramen sind, ei mag das für die nordamenkanisch^n Indianer lu- 
I treffen; aber es muss in jedem Fall einzeln nachgewiesen werden. Und 
wenn Terwandte Gedankt^n in verschiedenen Erdteilen, etwa in Vorder- 
ftsien, Amerika und Nen-Holland, auftreten, so wissen wir Ton der Zu- 
sammensetznng der heutigen Kulturen, den Wanderungen und Völker- 
beztehutigen der Urzeit noch viel EU wenig, um zu entscheiden, wo ge- 
meinsamer Besitz der Menfehheit, wo Entlehnung, wo Kultumiischung 
Torliegt* 

Hn Archenhold (als Gast): Ich möchte zunächst dem Hm. Vor- 
tragenden für die intereäsanten Einsüelheiten danken^ die er in seinem 
Vortrag gebracht hat. Ich stimme mit ihm toIIs tändig uberein bis auf 
den Sehlussgatz, Dagegen muss ich jedoch sehr stark opponieren, dass 
^tlle diese 05t ter aus dem Menschen herausgeboren und dann an den 
imel gesetzt worden sind* Meines Erachtens ist das Umgekehrte 
richtig. Der Mensch hat von verschiedenen Punkten <ler Erde aus den 
Himmel beobachtet, und gerade als Naturmenschen viel mehr wie wir als 
Kulturmenschen, und da hat er eben diese einzelnen Dinge mit mensch- 
lichen Eigenschaften versehen. So erklärt sich auch der Rabe in der 
betreffenden Sage; der Rabe sitzt in der Sonne, das ist der grosse Sonnen- 
fleckj der schon mit uubewaffnetera Auge gesehen werden kann* Wir 
wissen jetzt j^auE sicher, dass Bonnenfieeke bestimmte Einflüsse ausüben, 
^daii sie z. B, grosse elektrische Strahlen auf die Erde sendeu. Wir 
finden diese Sage vom Raben in der Sonne auch bei den Chinesen. Wir 
finden ferner für den grossen Hasen eine astronomische Erklärung, man 
iieht die Löffel desselben noch heute im Mond. Da liegt es doch viel 
Q&her zu sagen: diese Dinge sind aus der Beobachtung der Sonne und 
de« Mondes, der dunklen Flecke auf ihnen, geholt, als umgekehrt. Es 
erklärt sieh auch der Kampf mit dem Drachen ganz natarlieh. Der 
Kampf mit dem Drachen j den der Rabe zu bestehen hat, ist die Sonnen- 
^finsternis. Es ist interessant, dass die Mayas diese Vorstellungen so 
I weit entwickelt hatten, dass dort «lelbst diese kleinen Drachen erklärt 
wurden; das sind Venusvorübergänge. Förstcmann hat in unserm 
„W\*ltall* diese .\strouomie der Majas auch besonders behandelt. Also 
diese Kämpfe der grossen Drachen mit den kleinen erklären sich auch 
völlig aus Himmelsbeobachtunj^en. Ich meine: der Wandel der Welt- 
anschauung vollzieht sich auf grund der Himmelsforsohung. Wir haben 
das im neueren Zeitalter gesehen. Als Kopernikus uns einen underen 
Standpunkt gab, da wandelte sich die W'eltanschauung; als Uionliina 
Bruno uns die Sterne ak Sonnen erklärte, da wandelte sich wiederum 
die Weltanschauung, 

Hr. von den Steinen: Meine Herren, wenn ich als Amerikani^^t 
einige wenige W^orte tu dem Vortrage sagen darf, so mos« ich aus» 
sprechen, das» wir uns gegenüber der schwierigsten aller Fragiin, wie dfti 
Verhältnis von niederer und höherer Mythologie zu deuten ist, m«inei 
Erachtcms in einer ganz besonders ungünstigen Lage befinden. Wir sind 


1 


220 K. Brejsijjt 

mit unserem Wissen nocl» zu sehr im Rückstand, tiamentiich in Sfld- 
amerika, sowohl für die Kenntnis der Sprachen als der Mythen, weil es 
überall noch im authentischen Textco mangelt, so dass sich mit guten 
und vortrefflichen Gründen je nach der Deutung für entgegengesetzte 
Theorien fechten lasst. 

Ich möchte nur auf einen einzigen Punkt hinweisen: der Vortragende 
hat gesagt, er glaube nicht an die Dekadenz der Naturvölker, und er 
glaube dorn altem Marti us nicht, dasa die heutigen brasilischen Natur- 
völker heruntergesunken seien aus einer früheren Höhe* Ich glaube das 
auch nichtj aber die Unteraucliungen der letzten Jahre erweisen oder 
scheinen — um mich ganz vorsichtig auszudrücken — ßcheiuen ein anderes 
wichtiges Moment genügend zu erweisen, dass nämlich von den alten 
Kulturvölkern in Peru wie von den Mexikanern oder den Maya eine 
Fülle von höheren Anregungen zu den Naturvölkern durchgesickert ist 
Die Menschen selbst sind nicht herabgesunken, aber das, was von den 
gebildeteren Völkern zu den kulturarmen gelangte, tritt bei ihnen unter 
verkümmerten Formen auf, und ist doch nicht ihr eigenes Erzeugnis, 
sondern stammt aus der anderen Quelle. Dergleichen können wir heute 
für eine ganze Anzahl von Gebräuchen, für die Ornamentik und für 
manches andere mehr als vermuten, und Sie sehen, das» damit die ganse 
Frage im Augenblick vollständig verschoben ist* Wenn auch solche 
Sagen, die in ganz Amerika einen durchaus einheitliclien Charakter 
tragen — nehmen Sie die der Zwillinge, die von einer jungfräulichen 
Mutter stammen, — auf einer höheren Stufe des Wissens und der Natur- 
anschauung entstanden wären, und dann auf langen Wegen in den Besitz 
niederer Völker gelangten, wo sie ihrem Zustand entsprechend appercipiert 
und verarbeitet wurden, so unterliegen sie einer anderen Beurteilung, als 
wenn sie von jenen tiefer stehenden Völkern selbständig erzeugt worden 
wären. Alles verschiebt sich vollständig, je nachdem wir eine Entwicklung 
vom Niederen zum Höheren oder eine Wanderung vom Höheren zum 
Niederen haben. Ich halte deshalb die Zeit für allgemeine Schlüsse 
folgerungen noch nicht für gekommen. 

Hr. Ehrenreich: Ich möcdite über das von Hrn. Breysig benutzte 
Material noch sagen; Wir haben in Nordamerika verschiedene, ziemlich 
von einander abweichende Kosmogonien. Davon gehört die eine der 
Irokesen-, die andere, die sich dann auch über alle Prärieatämme ver* 
breitete, der Algonkingruppe an. 

Eine dritte ist den sogenannten Pueblostämmen gemeinsam, von 
denen Navaho und Apaches viele Züge entlehnten, und endlich haben wir 
eine ziemlich unklare Kosmogonie in Kalifornien, Die nordwestamerika- 
nische ist rudimentär. An ihre Stelle tritt hier die Rabensage, die aber, 
wie die Untersuchungen der Yesup-Expedition lehren, in hohem Masse 
von Aeien her beeinflusat ist, wenn sie nicht überhaupt aus Asien 
stammt. Jedenfalls können wir diese verschiedenen kosmogonischen 
Mythen nicht in feste Beziehung zu einander bringen* Wir sind nicht 
berechtigt, die irokesische Mythe als eine Weiterentwicklung der Tlinkit- 
mythe zu betrachten, da beide gar keine Berührungspunkte haben. 



Diskussion. 221 

Ans den Nachrichten der Jesuiten, unserer Hauptquelle für die 
Kenntnis der irokesischen Traditionen älterer Zeit, lassen sich keine 
Anhaltspunkte dafür entnehmen, dass etwa jene beiden mythischen Heroen 
als Götter betrachtet und demgemäss durch Kultushandlungen ver- 
ehrt wurden. 

Wenn wir femer die unzähligen Zwillingsmythen Amerikas vom 
hohen Norden bis nach Brasilien hinab vergleichen, so ergeben sich immer 
die engsten Beziehungen zu Sonne, Mond und manchmal auch gewissen 
Sternen. Entweder .verwandeln sich diese Persönlichkeiten in jene 
Himmelskörper, oder sie holen Sonne und Mond herbei und regeln deren 
Lauf oder es lässt sich der zwischen beiden bisweilen hervortretende 
feindliche Antagonismus auf das gegenseitige Widerspiel dieser Gestirne 
zurückführen. Die einzelnen von ihnen ausgeführten Handlungen sind 
nur aus solaren, lunaren und astralen Beziehungen verständlich, sofern die 
Mythe überhaupt in primitiver Form überliefert ist. Anderenfalls ergibt 
sich das aus der vergleichenden Analyse. 

Was die Drachenkämpfe anlangt, so ist es fraglich, ob wir die der 
nordamerikanischen Mythe mit denen der semitischen ohne weiteres ver- 
gleichen können. Die letzteren bedeuten den Weltanfang, sofern aus 
dem zerteilten Drachen Himmel und Erde erst gebildet werden. Die 
amerikanischen Drachenkämpfe beziehen sich immer auf eine spätere 
Periode. Erst nachdem die beiden Heroen geschaffen sind, weist ihr 
Tater sie an, die ungeheuer, die sich mittlerweile auf der Welt gebildet 
haben^ zu vernichten. In der Regel wird eine ganze Reihe solcher feind- 
licher Wesen angenommen, die nacheinander getötet werden. Als ihre 
Cberreste gelten den Indianern die in der Erde gefundenen fossilen Ge- 
beine. Diese haben wohl überhaupt die Entstehung der Mythe ver- 
anlasst. 

Hr. Breysig begründete und begrenzte seine Ausführungen noch 
einmal in kürzerer Form. Er machte gegen Hrn. v. d. Steinen geltend, 
dass er sich nicht an der Einzelforschung der Amerikanisten beteiligen, 
sondern nur den augenblicklich erarbeiteten und ihm zugänglichen Stoff 
zu einer Gesamtanschauung verdichten wolle. Hierbei hat sich die Not- 
wendigkeit ergeben, die herrschende, von Brinton vertretene Meinung zu 
widerlegen. Hr. Ehrenreich hjit behauptet, ich hätte die Zwillinge als 
Götter aufgefasst; ich habe sie im Gegenteil für lleilbringer, d. h. Noch- 
nicht-Götter, erklärt. Ebenso liegen die Relations, auf die er mich hin- 
weist, schon der Brintouschen Darstellung zugrunde und ich habe aus- 
drücklich von ihnen als der Quelle dieser Nachrichten gesprochen. 


I. Literarische Besprechungen. 


1. 


Aodree, Richard, Yotivo und Weihegaben des katholischen Volkes in 
Süddeutsehkod. Ein Beitrag zur Volkskunde. Mit 38 Abbildungen im 
Text, 140 Abbildungen auf 32 Tafeln und 2 Farbendruck tafeln. Braun- 
echweig: Vieweg & Sohn 1904, 4^ VIII S., 191 S. 

E« kt eine wunderfoUe Gabe, dio uns der altbewäkrte Volksforfichcr, dessen 
70* üebiirteUp' die deutsche Wiasßiischaft in dkaen Tagen fekrt, in dem pr&chtig aus- 
gestatteten starken Bande bietet, der nnr dnrth eine Reihe besonders günstiger Um- 
stände ao scbön und so rnüh zustande kommen konnte. Einmal war die Bearbeitung 
dieses Gegenatandes ron so geübter Hand nur mdglieb durch die Übersiedlnng Andre es 
nach München, mitten in das betreffende Gebiet hinein. Auf der andern Seite wurde die 
Gründlichkeit der Schilderung- und der überwältigende Reichtum iia Einzelnen bedio^'t durch 
die engen Beziehungen de.s Verf. m einer langjährigen verdienstvollen Volksforscherin in 
demselben Gebiete, Fräulein Eysu, die jct^t dem V^erf. so nahe steht, dass ihr das Buch 
als Frau Andree-Ejsn gewidmet ist Ea ist ein enormer Reichtum an Einzelheiten und 
eine Fnlte von daraus abgegleiteten Anschauungen, die uns hier in aorgflkigster, aus* 
geglichenster und nach iiUcu Seiten hin anregender Darstellung geboten werden. 

Der Gedanke, dass man zu hohen Herren eigentlich nicht mit leeren Hunden kommen 
dürf, ist ja ao ziemlich durch die ganze Welt verbreitet. Dss ist eins der Motive, aus 
denen die Votive, Weiheg&ben ao die Gottheit, hervorgegangen gind. Sonst sh^r begegnen 
wir zumeist zwei urgpnlnglich weit verschiedenen Beweggründen. Das eine Mal sind es 
Gaben, die dem Wortsinn nach ei voto sind, d. h. der Hilfeheischende Üehto um die 
g5ttllche Hilfe und gibt nun seinem Gelübde gemäss seine Gabe ab zum Dank, dass ihm 
geliolfen. Das »weite sind Bittgaben. Ucr Weiheade wendet sich flehend an den gött* 
liehen Helfer und verdeutlicht und verstärkt seine Bitte, indem er eine Gabe hinzufügt, 
die die Gottheit dauernd an seine Bitte erinnern soll. Endlich kommt dazu noch eine 
dritte Art der Weihegaben, indem der Geher sich oder ihm nahestehende Persönlichkeiten 
abbilden lässt, entweder erhaltenen Schutzes froh oder sich der Gottheit zu empfehkn. 
So lieas der bekannte Begründer unserer modernen skeptischen Phüosüphie, Montaigne, 
für St. Loretto aus Silber ein Bild herstelleD, das ihn mit Frau und Tochter darstellte, 
denn er wollte, bei aller Skepsis, ein treuer Sohn der katholischen Kirche sein. 

Nach diesen drei Eichtungen hat nun Andree ein ungemein groaaes Material zumeist 
in Natur an zahlreichen LokaHtAten und in zahlreichen Sammlungen durchforscht; er hat 
aber auch, das ist sein besonderes Verdienst, ein kaum je in diesem Sinne benutztes, 
schwer erreichbares und sehr sprödes Material mit achtsamstem Fleiss herangezogen, das 
sind die katholischen Kalender, güldene Gnadcnverfassung (von Maria Plain z. B.) u, dgl. 
mehr, alles Dinge» die man wohl am kürzesten als Wunderregister bezeichnen kann. 

AJs Ergebnis des schönen Werkes kann ich wohl au erster Stelle hervorheben, das« 
Andre es kühle aber eingehende Kritik für wissenschaftlicbo Rreise wohl für immer alle 
Hoffnungen erledigt hat, man kdnne durch recht eifriges Stndium der verschiedenen 
Heiligen und ihrer Kulte jemals zu irgend etwas kommen, was uns eine Rekonstruktion 


I 

I 


i 


LlterAri&che Besprechangen. 223 

virklicb allheidiiiichcr Gebräuche und der altheidnbchen Religion mit irgcüdwekber 
Sidiefheit gestaltet. Obgleieh ätw ftgraisehe Charakter der Eeligion deg I^ndvolket 
iiDTcrkciuitiar ist (S, 7), obgleich der Höillgrenkult UEiweifelhaft die Eeligien des Volk«i 
in Bajreni Ist, na d&ss da£ Volk üch iolbst oft eigentümliche neue Heilige schaffte me 
1. B. die bi Kakiik&bina^ KakilU usw. &m dem hl Eolamban, idscb KokmciOef oko 
eiDem Heiligen, bervorgegtogeB ist^ m ist doch Ton der alten VolkfiTeligi0]i keine für 
iinaefe Fonchtmg brancbbnj^ Spttr mehr erii alten. So sind viele der Ütesten Waüfahrt«- 
kapellen in der N&he von Quallen erbaut und der Qaellkoltus iit in diesem Fall tin- 
Terkennbar der ältere, aber es lässt sich auch aus dieser sicheren Tat^sacfae für die wiiaeik- 
achaftliche For^dinng nicht« gewinnen. Wie schnell hier eine gajix neue Glaubens- 
sehieht tich über g&n» alUs wegdr&ngt, t^ehen wir gerade jetzt (8 23), wenn in Brken 
ayf dem Domhof gegendber dem Denkstein Oiwalds Ton Wolkeastein eine Lourdes- 
grotte eingerichtet ist, imd in der Pfarrkirche itt Gries ebenfalls die neue franxdsiscbe 
Heilige die alte deutsche „unsere liebe Frau im Keller^ verdrängt! Das ist ja Ihnlich 
wie der franxdsisch- nationale HeTx-JesuskultUtf von den offiEielien Kreisen im deutseben 
Katboliiisrous mit dem grössten Nachdruck eingeführt wird. 

Sicher würde man irren^ wenn man nicht dm Geben an die Gottheit, und wenn ei 
auch nur eine Erinnerungsgabe ist, fflr ein seoliBcbes Bedfirfnis erklaren würde, niid 
ebenso sind die Wallfahrten auf^^ufa^en, die wir ja in so vielen Kulten wiederfiDden und 
4ie EU einer so hervorragenden knlturgegchichtlieben Bedentung uiancbcr WallfAhrtsorte 
fefthrt haben. Aus iböen erkllrt sich nun der grosse Reichtum niancher solcher Orte, 
der die Wallfahrtskapellen tu ausserordentlich bequemen Mn^^een für Ültere und neue 
Volksforschung gemacht hat. Gelegentlich bietet übrfgenii Ändroe das Bild eines BQssers, 
wie ihn sich unser modemer Begriff nnr schwer als Zeitgenossen und Landsmann vorstellt, 
(Jochet der Büsser in Berchtesgadeu B. lM)i Aber wir müssen noch auf den sachlichen 
Inhalt eingeben und dürfen uns daher mit den aUgemeinen Anschauungen nicht zu lange 
aufhalten, io verlockend das ist 

Der Heilige, der nach dem Umfang der Gaben und nach der Eigenart derselben in 
Bajc^m und dementsprechend auch im Buch weitaus den grössteu Platz einnimmt, ist 
St. Leonhardf der altbajertsche Herrgott^ wie ihn Sepp einmal genannt hat, lu seinem 
Kult finden sich höchst eigentümliche Dinge, aus denen man auch olme weitergehende 
Tontölluugeu immer auf eine besondere mythologische Bedeutung seines Kultes sc hli essen 
kdnnte und misate. Dahin gehören die Ketten, die seine Kirchen oft (nicht immer) um- 
«liannen, die eisernen Figuren, die man zum Zeichen der Kraft und der Snndonlosigkeit 
^ichulKf^^ d. h. auf die Achsel hebt^ die Leonbardsfahrten, die ganz besonders ihm ge- 
weihten eisernen Opfertiere von sehr altertümlicher Gestalt u. a. m, — Bei näherem Zu- 
sehen erweist sieh aber, dass Leonhari] allerdings gansc gewiss ausgesprochene Beziehungen 
tmn Eisen hat, die freilich ihrer Natur nach rttscShaft sind, wenn sie nicht doch nur an 
die eiserne Kette anknüpfen, die sein Sjmbol ist^ weil er in der Legende einen Ge^ 
fangenen von der Kette löst. Ihm werden mit gani besonderer Vorliebe eiserne Votiv* 
gaben gewidmet, die aber auch bei andern Heiligen vorkommen und deren Verbreitung 
jedenfalls sehr eigentümlich ist, da sie sich auf den bajerischen Stamm be* 
gchrfinkin! Der verehrte Verf. möge mir verzeihen, wenn ich dabei doch an die Frau 
Eisen Aventins denke, die freilich jetzt gerade bei den Fachleuten noch durch Mann- 
hardt arg vernifen ist. 

Jedemlklls sind die grossen eisernen Figuren, die Leonfaardsklötze und Würdinger» 
Bo tigentümlich sie sind, von Andree in ihren Beziehungen völlig aufgekl&rt. Es sind 
du Figuren aus Eisen, die ursprünglich vielleicht in ganzer Gr&sse und nach dem Oe- 
Tricht des Stifters hergestellt sind, die aber jetzt Tom Landvolk in einem eigentimlich 
religiöff- athletischen Sport verwendet werden, wie ich schon oben erwlihnte, und dabei 
vielfach arg mitgenommen sind, besonders wenn sie was sehr interessant und vielleicht 
einmal noch (Br die Geschichte des Eisengusses wichtig ist, aus Gusseisen hergestellt 
siud. Auch aus den Leonhardifahrten oder -ritten haben andere Volksforschor sehr viel 
herausleaen wollen* Andree weist aber überzeugend nach, dass es sich hier um eine 
Neubildung handelt, die aus modernem Prunk bed&rfnis hervorgegangen und der die 
frühere einfachere fromme Übung erlegen iKt Immerhin hat der Leonhardsnage] (8. 5ö) 



Literarische Bcspreebmigen.' 

bei diesen Fahrten sich der Forschung Andre es noch entzogen. Freilich wärde es nun 
Gegnern ftls Aufgabe xnfatlen, daa ältere Auftreten diefles Niigels im Knlte St Lconhards 
nachssnwcifli'n. 

Daas die Vieh hei ligeiij sü sehr nahe eie doni Herzen des bfljeriachen Baneru steheD, 
doch nicht imnicr ciDheimiacb t\i sein brauchen und auch nicht sehr alt» beweist (S* S8) 
das Vorkommen des ungarische« Heiligen St. Stephan (f 1038) alü Patron der Rosäe. 
Ebenso tritt St Coloman imf, aber auch der irische Patrick und die weithergeh elteu 
St* Rochus, St, Sebastian und St. Theodul, bei denen doch an gennanisebe Abstummang 
nicht tn denken ist. 

Aber wir können aus der reichen F&Ue nur Einzelheiten noch hervorheben. Da wiU 
icli dann die Kopfurnen erwähnen^ die vielfach grosie Beachtung gefallen haben. Sie 
&bneln in der Form gau£ und gar Gesichtsurnen spätrJImischer Zeit vom Rhein ^ und daraus 
hat mau dann allerlei Schlöflse Eieheö wollen, die Andrec aber mit guten Gründen ab- 
weist Die Verwendung der ^ Kopfdreier* ist nämlich eine gauK ander e^ wie die der alten 
römischen Geaichtaumea Diese begleiten Leicbenbrand; die modernen Tonurnen werden 
mit Getreide gefallt uh Spende dargebracht oder dienen sogar tlazu, dasB man sie gegen 
Kopfschmerz auf den Kopf setzt und um den Altar trägt. Sollte dies aber nicht ein 
modernes Herabsinken gegen eine frohere höhere Bedeutung sein und gegen eine Mbere 
andere Bewertung? Denn es findet sich auch die Angabe, dass die Kopfdreicr gebraucht 
wurden, um Glück iu der Liehe und Ebesegen zu erflehen und dadurch gewinne dann 
die eigentümlich altertümliche Art der Spenden eine höhere Bedeutung, Mau bringt in 
ihnen entweder dreierlei Getreide dar, oder es muss aus drei oder gar neun Gemeinden 
msamraenge bettelt werden. Übrigens ist diese merkwürdige Kultform überall stark 
im Ruck ^' an g um! wird bald zu den gewesenen Dingen gehört haben. 

Da ist ea nun bocbiutereaauut und eins der grössten Verdienate des scböuon Werkes 
dasB Andre e hier der Forachuug einen neuen Weg nicht ntir gezeigt, sondern auch er- 
öffnet hat. Es ist das der Weg der Grabungen an allen Heiligtümern. Durch einen 
Zlllali wurde Andrec darauf aufmerksam^ daas bei dem alten Leonbardsheiligtum in 
Algen (S. 1^) grosse Mengen ehemaliger Weihgeschenke im Boden verborgen waren. Da 
die Kopfdrei her — es ist das die einzige Votivgabe, die aus Ton hergestellt i^st — 
Scherben hinterlassen haben, so wird es sich vielleicht lohnen, dch gelegentlich 
auch danach umzugehen. 

Unter den Weibegahen ist neben dem eigentümlichen Material, dfin das Eisen dar- 
stellt^ naturgemass das Wachs das gegebene Material, Es ist hoehinteressant und sehr 
verdiensthch, dass Andrea daraufhinweist, daas wir in den Wacb^ziebern dieser Gebiete 
ein Gewerbe haben, da^ ganz besonders geeignet war und ial, ^^hr alte Yerwendungs- 
weisen zu erhalten. Mehr als eine dieser Familien ist seit vielen Jahrhunderten im un- 
gestörten Besitz imd Betrieb geblieben und die hänerlicho Bevölkerung zieht unbedingt 
die alten Formen vor. 

Bei anderen Ojd'ergaben scheint dagegen Holz, ein sonst verhältnismäasig nicht häuäg 
verwendetes Material, der beliebteste Stoff zu sein, es sind das die sogen. Lungin. Nicht 
etwa bloss die Lungen, vielmehr ein mit bäuerlicher Kunst nach dem tierischen Vorbild 
oft freilieb nur ganz andeutend herge.^telttes Modell der inneren Eingeweide, das immer 
Luftröhre, Lunge und Herz darstellt, oft aber auch noch weiter geht ^^ B. bis 2uni Blinddarm, 

Werden die Lunglu zumeist aui^ HoU hergestellt, so ist, und auch das ist wieder höchH 
auffallend, das Eiaen das gcwissermaasen vorgeschriebene Material bei dem aeltsamsten 
Opfergegenetand, der dureb .4ndree wohl zunächst abschliessend behandelt ist, bei den 
j, Kröten'^' Es aind böcbst seitsame Schildkrüten- und Leguan^Jbnliche Gestalten, die 
nns die Tafeln zahlreich bieten. 

Ober die Bedeutung sind wir schon seit längerer Zeit einig, m seltsam ea nnü 
modernen Menschen ist^ daas diese merkwürdigen und in ihrem Bereich, namentlich in ihrent 
ehemaligen Yerbreitangsbezirk, noch nicht ausreichend festgestellten Gebilde die Gebärmutter 
des Weibes darstellen sollen. Mir ist dabei eingefallen, dass im anstossenden Gebiet, in 
TiroH), die Kröte seltsam genug die allerdings nnseüge Seele vertritt und zwar auch die 


l) Nach Zingerle, Sagen ans Tirol lunshmck 1H9L 8«. Nr, 327 f, S, 190f, 


I 


literatieche Besprecbungofi. 


225 


launes. Daiii Btiinint e» wiedar, daat fttach hier von MänQcrn Krdteti g^e opfert ivenlen 
Leiden, die irgendwie mit diesem Or^^aue in ZasammPiihang gebracht werden. 
Koch eiae absonderliche Weibj^abe it^t etifilich die Stachelknge!, Nach der Ei^ 
kläniög Höfiers haben wir anch hier wieder eine vom Tier und zwar diesmal Ton der 
Kuh ujtch der Gebart deji Kalbes critlehute Vorstellung und Abbildung. 

Das Schhisskapitcl bobiiodelt dii* Frage: Wa« wird aus all diesen zahlreichen Votiv- 
rgabetit* Nim wir sind wohl glücltlich zu preisen, dass eine ganz besonders günstige Kom- 
|bination das grosse, an Ort und Stelle ^elli!>t zusammen gebrachte Material einer so mm- 
1 gezeichneten Volksfarächerin in die Hände einer wissenschaftlichen Kraft von allererstem 
LEange brachte. So haben wir in den in groftsartij^cr Fülle und mit Meisterhand gruppierten 
Schätzen eine Ähnnng von dem greisen Reichtum, der hier anfgeliiinft int, und es lässt 
sich Ja immerhin die Hoffnung nicht ganz unterdrücken, dass wenigstens in manchen 
Fällen andere Sammler sich der vielversprechenden Materie nun mit ähnlichem Glücke 
bemächtigen werden. Der Verfasser bat mit ^utem Gründe und mit einer Sorgfalt, die 
dem gaozen Buch einen eigenen Charakter aufprägt, alles vermieden, was der katholischen 
Kirche und ihren Vertretern irgend welchen Grund zu berechtigter Verstimmung geben 
könnte* Er ist so nicht in den Fehler verfallen, den dfrige aber weniger vorsichtige 
I Forscher begangen habeOt die gerade da.s Gegenteil von dem erzielten, was sie erreichen 
wollten. So soll der alte Sepp um Unglück gehabt haben^ durch den iherschwengUchen 
Eifer, mit dem er die rätselhaften Scliimmelkirch*.^o, die sich bis dahin jedem Deutungs- 
Tersnch vollkommen entzogen haben, für das germanische Heidentum reklamierte, einen 
i iehr energischen und rerlustieiclien Feldzug der Geistlichkeit gegen diese interessanten 
Überbleibsel einer jedenfalls sehr entfi'rnten Zeit hervorgerufen zu halben. Unser Verfa^sser 
hat sich im Gegenteil alle miigliche Mühe gegeben, das Taterländische wie das bistoriache 
Jot^fieat aui-h der katholischen Geistlichkeit für diese Seite des iboeD unterstellten Be- 
fftsis« tuiBeres Volkes xn wecken und sie somit zur Mitarbeit heranzuziehen. Was liesse 
iticb t. Ti aus dem reichet) Schatze der Votivbilder für Volks- und Landeskunde auch der 
älteren Zeit noch alles gewinnen, wenn nur hier und da ein Körnlein der so reich aus- 
gestreuten Ssit nicht auf den Felsen gefallen wire! Ed. Hahn. 


Salin. Bernhard, Die altgerniä^ische Tif^rornameiitik, Typolögiache Studie 
Ober germaiiiäche MetaUgegenständü aus dem IV. — IX, Jahrhuudort nebst 
einer Studie über iriiche Or oameutik. Aus dem Scbwodisebon übersetzt 
Toii J, Uestorf. StockhoicL K* L, Beckmanns Buchdruckerei, 1904. 
In Komoiission bei Ä* Asher & Co. in Berlin. 

Der Verfasser hat aus 176 enroplischen Sammlungen ein umfangreiches, haupts&ehlicb 
In Fibeln, dann in Schild bück ein, Schwerlgrilfen, Ortbändem, Schnallen und Riemen* 
EUDgen bestehendes Material in 741 Abbildungen teils nach den Originalent t-eih naeh 
vorhandenen Fublikationen gesammelt, wozu noch stilgerechte Kopfleisten und Scbluss- 
Yignetten bei den einleben Kapiteln, sowie lahlreiche Teilieiehnungen tut Veranschau- 
Uehtmg der h&uftg komplitierten Omameute kommen. Diesen Stoff behandelt er im An* 
•ehlnw ftn die Arbeiten von Hildebrand, Mantelins, S. MflUer und Almgren auf 
'802 Sctten Quart in -2 Büchern, in denen er L die AniJjae der G er At formen nacli 
den Grund iltien der vou der schwedischen Schule begründe ten typologiachen Methode gibt 
und bei jeder Form ihr Ycrbreitungs gebiet feitstellt, 2, die Entwicklung der Ornamente 
formen aufgrund einer sorgflltigen Analyse der Einaelheiten behandelt 

Aus der Verbreitung der Fibelformen durch iwei von Sudrussland ausgehende Kultur- 
Strömungen lieht der Verfasser Folgerungen f^r Geschichte und Ethnographie (Buch 1 
Kap. IVj, die einen Beitrag KUr Geschichte der germanischen und mittelbar auch dej 
flayischeD Wanderungen, im besonderen der Besiedlung- der norwegischen Südküstc und 
Englands, bilden; auf diesem Wvjgc hftffi i'r auch Aufschlui* über den Urspnmg der 
Rnnenaehrtft £u gewinnen, den er in den L&ndem am schwarse'D Meere saeht (S. I40t). 
£oil>ehrift tOr BthaaloKlfl, Jabnt, m^ llefl L ^ 


^ 



[jitfirarleeh« Besprechniigeii^ 

Im iwßiten Buclic kommt *U>r VerfaBscr auf dem Wepe einer ins Ebtelne jfehendeii 
Analyse der ornamentÄk^u Formen [Tierkilpfe S. 175 fl", und kauernder Tiergcstaitan 
S- 2tXj ff., 291 ff.), deren SUleutwickUinj» an der Bildung von Auge, OborBchenkel und Fna» 
durch zahlreiche Beispiele (Fig. älüi— 517» 5^i'2 — fi44, ü(.iO— ÜiU) erlÄutert wird, lar UDter- 
sebeidung von drei Btilen für das nordgermaniiche Gebiet. 

Stil I geht vom naturalistischen Bilde ans und entwickelt lich durch Etitnaturalisieren 
der Körper formen, setat aber diese selbst initner neben einlud er, entaprechend dem 
verfü^'buren Räume, ohne freilich auf Natürlichkeit oder ribcrhatipt nur Naturmüglichkeit 
Uücksicht zu nehmen, um diesem Stile einen Natuen tu geben, würde ich ihn den 
para taktischen nennen. 

Den Übergang- tum folgenden Stil charakterisiert der Yersudi, die Glieder eines und 
deBselbcn Tieres ^u kreuzen and zu überschneiden. 

Stil LI. Das Wesentliche in bezng auf die Bildung der K6ri>erform ist nnntiiehr die 
Beschränkung auf die Konturlinien. Dadurch bildet sich das BandmotiT aus und 
mit dem systematischen IneinanderMcchten der einzeluen GliedmaÄsen eine ß an der na* 
mentik. Die Naturformen der Qlicdmaaaen verlieren ihre Bedeutung und werden geradezu 
naturwidrig, wenn z. B. Gpsieht^maskeu an den Oheri^chenkeln augebracht werden. Da- 
gegen wird der Haupt wert allm üblich auf die Komposition des Gesamtmasters gelegt, 
indem die Tiere eine reihenartigft oder antithetische Verbindung eingehen, ein Unter- 
schied^ der vom Verfasser nicht gehörig hervorgehoben wird. 

Bei Stil in macht ^lich zunächst wiederum der Versuch geltend, aus dem Gewirre 
Ton Band Ornamenten die ursprüngliche Tiergestalt wieder abzulösen; dadurch büsst aber 
die Komposition des Gesamtmnsters an Klarheit ein, und die hedeutnngsloaen End- 
verschlingungeu überwueheni allmählich die Daratelluuj* dcrnmasen, dass der gänilieb^' 
Verfall der Ornameate bald eintritt. 

Auf aödgcrmanischcni Gebiete kommt Stil III garnicht lur Eutwicklung, ebensowenig 
in England, wo der nord- und süd germanische Kulturstrom Eusammenstoseen. 

Die absolute Chronologie gibt der Verfasser im eagen Anschluss an Monte lins, 
Tischler, S. Müller und Almgren. 

Mit Absieht hat er Ausdrücke wie „merovingisch*', ^burgundisch", „alamannisch**, 
'„longobardiüch'* vermiedeiu Solche Differoniicrungen sind ebenso ^Zukunftamtisik*' wie 
die einfachere Aufgabe, die Fabrikationsreotren für die Parallelgruppen der vorschiodeneu 
Denkmälcrklassen zu bestimmen. „Fränkische* und p,alamannisclie ^ Grabbeigaben aaf 
EÜdwcpt^leutichem Gebiete aueeinaöder m halten, hat jüngst Schli/, als erster vcrsuclit, 
Auch in der Tieromamentik und überhaupt auf ornamentalem Gebiete werden sieb der- 
artige feinere Unterschiede machen lassen. 

Für solche stilistische Unters uchungeu wird Salius Aoaljtische Betrachtungsweise 
imuier ein Vorbild abgeben. Sein Werk ist nicht nur eine tjpologieche Studie, sondern 
wird tu einem nützHchen Nachadilagebucb für die Prfihistonc und Kunstgeschichte werden. 
In zweiter lieibe wird man dem Verfasser zu danken haben, dass er damit zur Vermehrung 
und Verbreitung des Verst&udnisses f&r dk kompliEierte germanische Tier Ornamentik 
wesentlich beitragt. 

In beiug auf die Betrachtungsweise und den wissenschaftlichen Standpunkt des Ver- 
fassers lä^st sich folgendes bemerken: 

Im eraten Buche scheint unter der Schwierigkeit« das weit schichtige Material zu 
gruppieren, die Darstellung ciaigermaiscn gelitten eu haben, Bei allen tjpolugischen 
Untersuchungen empfiehlt sich die s che mati sehe Gruppierung der Formen unter Zuhilfe- 
nahme von Zahleu und Buchstaben (Ansätie dazu finde ich nur in der Inhalt sangabe); 
so lösen sich Grundformen von den Variationen, das Wesentliche von dem üntergeordnoten 
und Nebensächlichen leichter ah. Xus dem Sclbstzwange, den sich der Bearbeiter dabei 
auflegt, entspringt für den Leser der Vorteil grösserer »Übersichtlichkeit" und leichterer 
Aufnahme des verarbeiteten Stoffes. 

Die vom Yerfass«r gewählte Disposition [L südgermanische, 2, nordgermaniscbc Fibeln) 
mnss EU Schwierigkeiten tlhren, weil sich in vielen Fällen die Formen auf beide Gebiete 
Verbreiten, und weil der nach Nordwesten gerichtete Kulturstrom Ülter ist als der west- 
liche und südliche oder wenigstens eher ansetzt, M* E. wSre die ganio ßeweiafuhrnng 



TJteraTiaclie Bagprechniigeii. 


227 


im Griten Bache klarer and schlmgender growesen, wenn ÄimÄchst rnn tyj*o logisch die 
Onrndformen mit den entsprechendeo VaiiationeD bcstinunl und dann erst im ^rnammtn- 
^ hange ibr Verbreitungsgebiet festgestellt worden wäre. 

In seiser ganzen Tendenz und GesamUiirfaisung unterscheidet sich dns Salinsche 
Werk von Alois Rieglt „SpätrOniisehc Kun&tindustrie nach den Fanden in 
Ost erreich -Ungarn^ (Bd. 1 Wien 1901), obgleich der Verfasser in den eiüschligigen 
Fragen nicht direkt Stellung tu dicÄeui ntmint (bis auf S. 357 Anm. 1). 

Da stehen sich schon die generellen Begriffsbestimmungen .,Völkerwandeninga«eit" 
nnd ^spätrömische Kunstindüstrie" gegenüber* Übor diese ^nachromiache*' Entrickluögfi- 
periode Klarheit nnd Einigkeit m erzielen, ist wirklich ein Bedürfnis nicht nur für die 
Frahistorie, sondern iiuch ffir die Kunstgeschichte. Im Grunde liegt ein kulturgeflchicht- 
Hches Problem Tor» nnd deswegen wate eioa indiiTerente Beieichnußg für diese Periode, 
wie „frühes Mittelalter'*, die mehrfach tou anderer Seite gewühlt worden ist, im all- 
gemeinen voranziehen, zumal sie ohne alle Voran^seteung bestehen kann, 

Jn manchen Fällen verminst man bei Salin ein Eingehen auf den Standpunkt des 
legn^ri. So %,B. wo e» sich uro den Ursprung de» KeilschoittB und der negativen 
OmAmcDto handelt, Mcrkivurdigerweise widmet der Verfasä*er dem Koilachniit nur einen 
nntcfgeordneteö Abficbnitt (S. 168 ff.), obgleich eine grosse Menge des einschlägigen 
Müterials im Keibchnitt verziert ist Rio gl hatte sich 8. I(i5 ausdrücklich gegen die 
auch ron äalin Tertretono Ansicht ausges pro eben ^ dass der Keilsehnitt in Bronze eine 
Überlragan-,^ von HoU auf Metall sei. Auf die Technik führt Salin auch die negativen 
Ornamente zurück (S. 1G2), indem er die Muster in Höh geschnitzt^ in Wachs abgeformt 
und dann gegossen sein l^t. 

In diesen Fragen stehen Theorien einander' gegenüber, Ihre Beantwortung ist nur 
ftaf historischem We^e möglich. In der Tat sind schon viele Jahrhunderte früher KeiU 
»chnittmuster auf steinieitlichen Tongeflsseii ungarischer und tnselägAischer HeTknnft 
ansgefuhrt worden. Freilich ist es ebenso theoretisch, wenn man diese ToDgef&SBe als 
Naclibildnngen von HohgefEssen ansiebt und so wiederum auf die Holztechnik kommt. 
Dass aber negative Ornamente gewiss nur dem „Sehen" der Dekorateure zu verdanken 
sind, beweisen bemalte und eingcritKte Gefässe ded jangneollt bis eben Kulturkreises in 
Mittel- und Südosteuropa, 

Nicht voll und ganz kann icb dem Verfasser beiGgltch der Frage: „Ursprung der 
germanischen Tier- und Pfl ans enorn amen dk** zustimmen. Hi^r betont er die klassisch 
antiken Eintlusse und kommt darin dem Standpunkte lUegls nahe. M. E. sind solche 
EinHüssi? auf ein Minimum zu redutteren; im wesentlichen m5gen üie sich nur auf An- 
TegnngGn beschränkt haben. Es fallt doch schwer ins Gewicht^ das» die in der klassisch- 
antiken Dekoration so beliebten Greife, Sphinxe und Löwen auf nordgenn an i schein Gebiete 
ginilich fehlen. Auch in älteren Epochen linden sich ja Ansätze zu Tierbildungen aller 
Art* auf die schon S. Möller seine Auffassung von der Selbsiandigkcit der germanischen 
Tieriimamentik gegründet hat. Und die Silberplatte aas dem Torsb erger Moorfan de (hei 
Salin Fig. 41!?i! ist ein rücksichtitoscr Ausdruck germanischen Selb^tbewusitseins gegen- 
über den fremden Scböp fangen* 

Gewiss gibt es gerade unter den dekorativen Tiürformen Entli.!haungen auii der 
rr^mischen Kunst, wie Seepferde, Seeböeke, Kentauren^ Delphim'^ u ä Aber für die Eut- 
wiellnng der germanischen Tieromamentik sind sie ohne Bedeutung^ das spricht dodi 
dafür, dass diese von indigenen Elementen ausgegangen ist. 

Dia engen. Pflanze nom am est e anf nord germanischem Gebiete denkt sich Salin unter 
dem Einllnsse der ,,Akanthnsranke" oder einer ^ Abart oder Schematisierung dieser herr- 
liehen Zierform*, Doch ist das Grundmoti? (Fig. SOG) nichts anderes als die einfache 
Hakenspirale, die zu allen Zeiten der ornamentalen Entwicklung das Grundelement der 
^ Spiralornamentik gewesen ist. Besonderen Wert legt der Verfasser auf die »Verästclougen'* 
lier an klassische Motive erinnernden Eankenmus(er [Fig. 175, 1T7, GDO)^ die er in der 
Spirilomamentik vermbst. Ich verweise nur auf eine tdneme Büchse mit aufgemalten 
Spiralinustem aus Troja (Kat. Schliem SammL 1739, 1T40): hier iat die ganze Kreisfläche 
d«i Deckels mit aneinander gesetzten grösseren und kleineren Spiralhaken ausgefüllt^ 


i 


Litei^riscbe BesprcchtingreB. 

Auf Mg diese Fragen kann ich im Rabmcn dieser Anzeige nicM weiter eingeben, 
mochte nur d&ranf hinweisen, wie dringend natw«?ndig eine nach A, Biegls Stilfragen 
erneute Behandlung der Spiral Ornamentik geworden ist, nachdem erwiesen iet, da^s die 
jungDeolithische Spirale rnBinentik Mittelenropas der ganzen ornamenta^on Entwicklung im 
MiUelmetJrgobiete Toraungeht Danach müsste aich auch gegenüber den jüngeren Epochen 
der Standpunkt bei Bourteihmg der Spiral- und Rankenomanientik auf ^nicht klassiGchein" 
Boden modifizieren lassen. 

Jedenfalls wird m, E« die altger manische Tier- und Fllanxenornanientik nur im Za- 
eammenhange mit der allgemeinen Entwicklung der europaiichen Tierformen ricTitig bc- 
urtoilt werden können. Was aber das Ton Salin verarbeitete Material betrifft, so kann 
jetzt das Erscheinen des II, Bandes von RiegU sp&trömiseher Knnstiudustric mit umso 
groaaerer Spannung erwartet werden. Hubert Schmidt. 


Köhler, Arthur, Verfasauug, soziale Gliederung:, Recht und Wirtechaft 
der Tuareg» ( Geschichtliche Untersuchungen» herausgegeben von Karl 
Lamprecht, 2. Band, L Heft) Gotha; F, A. Perthes, 1904. S\ 

Mit g^roaser Freude muss me Arbeit wie die Ttvrliegende begrüsst werden. Hier 
wird der richtige Weg ei u gesehlagen, auf dem Ergehnisso der cthnograpbiHchen Forschung, 
also Beobachtnngen an zeitgenos&i sehen ausserhalh unseres Kukturkreises stehenden Völkern, 
den Staate* und WirUchaftswisscn sc haften dienstbar gemacht werden können. Verf, sucht 
aus den Berichten verschiedener Eeiaender xuniebst ein Bild der »osialen Gliederung und 
der Organißation, in der die Befriedigung der Lebensbedürfnisse vor sich geht, «u ent- 
werfen, ohne mit geliuiigen Schlagworten, die so leicht auf diesem Gebiet Verwirrung 
stiften, und die gerne ancli von auf dem Gebiete der Staats- und Wirtschaftswissenschaften 
oft leider wenig sachkundigen Reisenden miäsbraucht werden, in operieren. Hedanerlieh 
ist, dass dem Verf. nicht ein Aufenthalt im Lande seihst verjfönnt war. 

Im allgemeinen treten auch hier für die verschiedenen Verfa^sungs typen die Kom- 
binationen von drei Hanptfaktoren hervor: 1 die Schichtung verschiedener ethnischer Tjrpen, 
vor allem die Beimischung de 8 Negerelements, 2, der Einfiuas fremder Kulturen, vor allem 
des Islam, 3. die Gesamtheit der ^uaseren geographiscli klimatischen Lebensbeding^ungen; sn 
letzteren gehören auch die eigenen traditionenen Knltunnittel, mit denen die Eiogeboreneö 
der örtlich sie umgebenden Natur entgegen antreten vermögen. Gerade bei dem Teil über 
dio Wirtschaft wird eine genaue Erörterung dieser technischen Mittel vcrmiiast, worüber 
ja bei Hamj tn den Comptes rendus do PAasociation frauq^jiiso pour Favaneement des 
Sciences hütte Rats erholt werden künuen. Denn auch hier «^rgibt sich dio bestimmte 
Wirtach aftsform ausser aus den obigen Faktoren noch besonders aus der Wechselwirkung 
zwischen socialer Organisation und Land (Bodenbeschaffenheit und KUma) mit der teeb> 
nischen Beherrschung der Natur. 

Sociale Verfassung und Wirtschaft fliessen umsomehr hier noch ineinander^ ak ja 
der Mensch als Sklave anch zu den Produktionsmitteln gehört. Interessant ist, wie die 
Sorge für eine reiche Nachkommensehafl der Sklaven gleichzeitig auch eine Schichten- 
verechiebung in Gunsten der Neger bewirkt und wie lett£tere *ut Sesshaftigkeit neigen. 
Trotz mannigfacher Verschiedenheiten im einzelnen macht die soziale Organisation den 
Eindniek einer sogen. „Uneitverfs issung**, in der die Stamme souverän iiebcneiTiander 
leben, nur von Fall lu Fall miteinander zur Verteidigung sich verbinden. Die Wirtschafl 
aber bietet den Charakter einer Geschlechterwirtschaffc, wenn auch ausnahmsweise bei 
einzelnen Gruppen, wo sich eine Art Stadtekultur mit Handel entwickelt hat, durch Be- 
rührung mit den Fremden die alte eingewurzelte Form durchbrochen wird. 

R Thurnwald. 



Literarische BesprechungeD. 229 

ürierson Hamilton, The silent trade, a contribution to the early 
history of human intercurse. Edinburgh 1903. 

Der stumme Handel, das einfache Hinlegen von Tauschobjekten an bestimmten 
Stellen, wobei beide Parteien sich verborgen halten, ist bei vielen Naturvölkern, besonders 
denen Südamerikas, Afrikas und Australiens, die einzige Form des Güteraustausches. Er 
bildet in der sozialen Entwicklung des Menschengeschlechts eine überaus wichtige Phase, 
sofern durch ihn zuerst friedliche Beziehungen zwischen den einzelnen sich ursprünglich 
feindlich gegenüberstehenden menschlichen Gemeinschafben ermöglicht wurden. Seine 
verschiedenen Formen und Abarten, seine allm&hliche Entwicklung zum Markthandel, die 
darauf basierende Ausbildung des Gastrechts und der Gastsitten und deren auf höheren 
Kulturzust&nden sich einstellenden Verfall legt der Verf. auf das Eingehendste dar. Die 
genauen Literatur-Nachweise erhöhen die Brauchbarkeit dieser trotz des geringen Um- 
fanges ausserordentlich inhaltsreichen Publikation. P. Ehrenreich. 


Prietze, Rudolf, Haussa-Sprichwörter und Haussa-Lieder. Herausgegeben 
vom Verfasser. Kirchhain N.-L.: Buchdruckerei Max Schmersow vorm. 
Zahn & Baendel. 

Rudolf Prietze, ein Neffe Dr. Nachtigals, dessen sprachlichen Nachlass er vor 
I&ngerer Zeit mit grossem Eifer bearbeitete, ging vor einer Anzahl von Jahren nach 
Nordafrika, um bei dazu geeigneten, aus dem westlichen und mittleren Sudan stammenden 
Negern in erster Linie Haussa, in zweiter Linie auch andere Sudansprachen z. B. Ranuri 
und Fulbe zu treiben. Prietze ist teilweise auch in ethnographischen Kreisen bekannt 
geworden durch die sehr hübsche Arbeit: Beitrage zur Ji^rforschung von Sprache und 
Volksgeist in der Togokolonie, die sehr günstig von R. Virchow beurteilt wurde. In 
dem vorliegenden kleinen Buche bringt er nun von ihm selbst in Nordafrika gesammelte 
und bearbeitete Haussa-Sprichwörter und Haussa-Lieder. 

Ist der Hauptzweck der Veröffentlichung auch ein linguistischer, so lohnt es doch 
auch gerade für den Ethnologen, sich damit zu befassen, denn durch Sprichwörter, 
namentlich aber durch die Kenntnis gewisser Lieder erhält man oft erst einen Einblick 
in das geistige Volksleben. Dem Dialekt nach stammen sie von Gewährsmännern aus 
verschiedenen Gegenden; die Schreibweise der Haussanamen geschieht in einem etwas 
ergänzten und dadurch veränderten Lepsiusschen Standardalpliabet, was natürlich für 
deutsche Nichtlinguisten immer zu einigen Schwierigkeiten in der Aussprache fuhrt. Nach 
brieflichen Mitteilungen besitzt Prietze noch das 10— 20 fache vom vorliegenden 
liateriaL Eine Veröffentlichung wäre gewiss wünschenswert. 

P. Staudinger. 


IV. Eingänge für die Bibliothek/) 


1. Sergi, Sergio, II soico di Rolando et il lobo frontale nelPHylobates Syndactylus. 

Firenze 1904. 8^ (Aus: Monitore Zoologico Italiano, anno XY.) 

2. Sergi, Sergio, Un cervcllo di Giavanese. Roma 1904. 8". (Ans: Atti della Soc. 

Rom. di Antropologia vol. X.) 

3. Schrader, Otto, Totenhochzeit. Jena: H. Costenoble 1904. 8^ 

4. Stönner, H., Zentralasiatischo Sanskrittcxto in Brähmischrift ans IdikutSahri, Chi- 

nesisch-Torkiatan. f. Nebst Anhang: Uignrischc Fragmente in Bifthmiscbrift. 
o. 0. 1904. 8^ (Ans: Sitzungsb. d. Kgl. Preuss. Akad. d. Wiss^ Bd. XLIV.) 
Nr. 1-4 Gesch. d. Verf. 

5 übiorj ludu polskiego. I. Krakau: Akademie 1904. 4^ Von d. Akademie d. Wissen- 
schaften in Krakan. 

(>. Sergi, Sergio, Le variazioni dei solchi cerebral! e la loro origine segmentale 
neirHjlobates. Roma o. J. 8^ (Aus: Ricerche lab. anat. Roma e altri lab. 
biologici vol. X.) Gesch. d. Hm. Prof. Li s sau er. 

7. Meyer, A. B., und Richter, 0., Celebes I: Sammlan^ der Herren Dr. Paul und 

Fritz Sarasin aus den Jahren 1893-1896 Anhang: Die Bogen-, Strich-, 
Punkt- und Spiralomamentik von Celebes. Dresden 1903. Gr.-2^ (Aus: Publ. 
des Kgl. Ethn. Mus. zu Dresden, Bd. XIV.) Gesch. d. Hm. Dr. Richter. 

8. Anatolc. Zeitschrift ffir Orientforschung ... in zwanglosen Heften herausgeg. ton 

Waldemar Belck und Ernst Lohmann. Heft L Freienwalde a. 0, U.Leipzig: 
M. Rüger 1904 4°. 

9. Bhandarkar, S. R, Report from the professor of sanskrit, Elphinstone College; to 

the director of public Instruction, Poona. Bombay 1904. 4*. 

10. Andree, Richard, Votive und Weihegaben des katholischen Volkes in Snddeutschland. 

Braunschweig: F. Vieweg u. Sohn 1904. 4^. 

11. Montgelas, Pauline, Gräfin, Ostasiatische Skizzen. München: Th. Ackermann 1905. 8*^. 

Nr. 8-11 Gesch. d. Verlegers. 

12. Stieda, L., Referate aus der rassischen Literatur. Braunschweig: F. Vieweg d Sohn. 

1904. 4«. (Aus: Archiv f. Anthropologie N. F. Bd. If, Heft 2 u. 3.) 

13. Stönner, H., Sanskrittexte in Brähmischrift aus Idikutiahri, Chinesisch-Turkistän. II. 

Berlin 1904. 8^ (Aus: Sitzungsber. d. Eönigl. Preuss. Akad. d. Wissensch. 
Bd. XLIX.) 

14. Bartels, Paul, Über die Nebenräume der Kehlkopf höhle. Beiträge zur vergleichenden 

und zur Rassen- Anatomie. Stuttgart: E. Nägele 1904. 8^ (Aus: Zeitschrift für 
Morphologie und Anthropologie. Bd. VIII.) 
Nr. 12-14 Gesch. d. Verf. 

1) Die Titel der eingesandten Bücher und Sonder- Abdrücke werden regelmässig hier 
veröffentlicht, Besprechungen der geeigneten Schriften vorbehalten. Rücksendung un- 
verlangter Schriften findet nicht statt. 


mr die Bibliothslt. 


231 


15. Ambro sfitti, JttMi B,^ El bronce en 1& regidn Cikhaquf. Htit^ous Aires 19l>4 4^ 
(Aas; ÄDatßs del Museo Nacionul (k Buenos Aire«, Torti XI j 

IGt HäThj, E, T., Egquisso anthropologiqua de la lÄgenc« de Tunk. P&ria: K R de 
Eudüval 1904. 8". (Äusr La Tuntsie «u diVbut du XX""^ aiecle.) 

IT, H am J« E. T,, Citea et necropoles berberes de TEniida, TimiBie moyenne. Paria 1!M)1 8^* 
^Aiis; Bulktio de g*'^ographie hiatoriquo et descriptiT*?;) 

18. Je titsch, Hugo» Wamltafeln rorgeschichtüchar Fuade. Gotha; F, A, Perthei* 1904, 8^ 
(Au«: ^Deutiche OoflchichUblätteT", Bd, V.) 

11». Lchmauu-Nitjclie, Robert^ Die Sammluiig Boggiani vou Indianertjpou aus dem 
Süutralen Südaitierika. Baenua Aires: It. Rosatier ll)Ok qu. 8* (t*i'*)* Da KU 
1 Supplement, 

2n. pernice, E., Untcrsucliungon «ur antiken Toreutifc. a. O. 19<>4* 4**. (Aus: Jahres- 
heften des oaterreichiaclien arcbäolo^* lust., Bd* VIL) 

21. Luacban, v, Hautfiirben-TafeL ßiidorf: Publ d Wagner ü. J. S\ 

"22. Kfamicrgert GorjanoTii', Die Variationen am Skelette de^ altdihivialoii Menschen. 
Ägram nm S«. (Ausj Glasnik.) 

'M. Keuue, J. B, Bericht fdes Musenmä der Sr&dt Metx] über die Geacb&ftBJ&hn^ 1902 
nndPJCJ. Trier J9ü4, B\ (Aus; Muscographie der Westd. Zostschr. Jahrg. XXU ) 

24. Dorsej, George A., Wiehit a Uleg. l-^a. o. 0, 1902— laM. S'\ (Aus: Journal of 

american folkJore, vol. XV— XV IL) 

25. Dorsej, George A.^ L T)ie Osage mourmng-war ceremonj. — 2, How the Piwuec 

captnred the Chej^enne uiedicine arrows. — :), An Ankara tstory-telling eantest 

New- York 11H)2-IVK>4 S\ (Aus: American Antliropologist. VoL 4—6,} 
IfCj, Dnrsej« George A.» Traditionfl of thti Skidi Pawneo Bostou and New- York; Uotigbton, 

Mifflin and Company löTH, 8^ 
Heierlif J.^ Arcbiiolngisehe Fumle in doo Kanton eu St Oalleu und AppeuieJL 

Zürich 1*104 i^^ (Aus; Anzeiger für Bchwciä£eriscbc Altertumskunde l!Xr2/l*i<ja,) 
Behleu, H, Glacialgeeehrammte Steine in den Mf*sbacher San den, Wiesbaden; 

J, F» BcTgroanu 11X^1. H'\ {Am: Jahrbüchern d, Naasauischcu Vor, f. Natur- 

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'Jil Behieo, H^ Daa Alter und die Lagerung des Weaterwäld«r Blmasand«}« und sein 

rhetniacher Ursprung. Wieshadei): J, F. Bergmiim 1905, R* (Aue: Jahrbüchern 

d, Nasaauiscbeu Ver. f. Nat Urkunde j 
31», Birkuer^ Ferdinand, Beitrage iut Itassenauatoroie der Chinesen. Mönchen ld(H. 4®. 
Hl, Birkner, F., Zur Authropologie der Mongolen, Berlin: ArchiT-GesoUachaa 1904, S* 

(Aus: Archiv für Easaen- und Ge^ellscbafta-Biologie, Jahrg. 1,) 
3% Atgier, Maare, Ibere et Berb^re. Origiue et significationi diTerses de cea ex- 

preasioui ethniqnes. Paris 19CU> 3^. (Aus: Bulletins et Memoires de la Soc. 

d'Antbrop, de Paris,) 
53* HrdltÖka^ Aleis, Directions for eoUecting Information and specimens for phjdeal 

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^U. Cerrinka^ J. L. [Öechisch], Funde an der Ziegelei bei Blanko wa. Brunn 1905. B\ 

(AnsL Casopis des Mährifchen LAndes-Mnseums 19c'0.) 
liä. Andree-Ejin, Marie, Die Perchteu im Sallburgischen. Branuachweig 11105, 4*. 

(Ans; „Archi? «r Authropologie^, N. F. Bd. IIL) 
Wilser, Ludwig, Die Urheimat des MensehengeiahlechLs. Heidelberg; Ls Winter 

1905. %\ (Aus: Yerhandl. d. Natiirhiat,-Medizin. Vereins. K F, TUL Bd.) 
Nr. 15-36 Qeech, d. Verf. 
37, Fi«per, Max, Die Könige Ägyptens iwiaeheu dem niMercii «od neuen Eeiek 

Berlin 19(M. 4^ (Diss.) 
88. Othmer, Wilhelm, Die V51kerst4mm^ ?ot» Hispauia Tiirjr4caneosii in der Kdmeneit 

(Kap, I-Vl). BerUn 1904. 8*» (Disa.) 
39. Eetitaff, Bruno, Üralcbtiebe Momente ^ die Stellnug rerkohlter Leichen. Berlm 

189T. 8^ (Diss.) 

Nr* 87— B9 ron Um. Prof, Magnus geschenkt 


232 Eing&nge für die Bibliothek. 

40. Wosinskj, Moriz, Die inkrustierte Keramik der Stein- und Broniaieit BerllQ: 

A. Asher et Co. 1904. 8«. Vom Verleger. 

41. Spediiionc Cancio nel ciaco Boreale (Alto Paraguay) Alla ricerca di Guido BoggianL 

Milano: A. Bontemplli 1903. 4^ Vom Verleger. 

42. Murraj, Margaret A., The Osireion at Abjdos. With sections bj J. Qrafton Milne. 

and W. E. Crum. London: B. Quaritch 1901. 4*^. (In: Egyptian research 
account. 1903.) Angekauft. 
'V\. Krause, Friedrichs., Anthropophytcia, Jalirbücher für folkloristische Erhebungen und 
Forschungen sur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral. Bd. I. 
Südslawische Volksuberlieferungen, die sich auf den Geschlechtsverkehr be- 
ziehen. I. Erzählungen. Leipzig: Deutsche Verlag- Aktien-Gesellschaft 1904. 4*. 
Angekauft. 

44. Lepsin s, Richard, Denkmäler aus Ägypten und Äthiopien. Text herausg. von Eduard 

Navillc unter Mitwirkung von Ludwig Borchardt, bearbeitet von Kurth 
Sethe. Bd. II Mittclägypton mit dem Faijum. Leipzig: J. C. Heinrich 1904. 4*. 
Angekauft. 

45. Spencer, Baldwin and F. J. Gillcn, Tho Northern Tribes of Central Ansfcnli«. 

London 1904. 8". Angekauft. 
4(). Bödikcr, Carl, Familien-Telegrapheuschlnssel für Deutsche im Auslande ... Dritte 

Auflage. Berlin: E. S. Mittler u. Sohn 1904. 8". Vom Verleger. 
47. Conwentz, H., Das westpreussische Provinzial-Muscum 1880— liK)0 nebst bildlichen 

Darstellungen aus Westpreusscns Natur und vorgeschichtlicher Kunst Danrig 

liK)5. 4^ Vom westprcuss. Prov.-Museum. 
'18. Branco, W., Fragliche Reste und Fussfährten des tertiären Menschen. Berlin 

1904. 8^ (Aus: Briefen der Monatsberichte der Deutschen geolog. Gesellsch.) 

Gesch. d. Hm. Prof. Li ss au er. 

49. Koeze, G. A., Crania ethnica Philippinica. Ein Beitrag zur Anthropologie der 

Philippinen auf grund von Dr. Schadenbergs gesammelten Schädeln. Mit Ein- 
leitung von J. Kollmann in Basel. II— V. Haarlem: H. Kloinmann A Co. 
IWl— 11K>4. 4^ Von Rijks ethnograph. Museum Leiden. 

r)0. Ameghino, Florentino, Paleontologia Argentina No. :2. La Plata 1904. 8^ (Ans: 
Publicaciones de la Universidad de la Plata) Von d. Universität de La PUta. 

T)!. Nagel, Karl, Die Aufstellung von Schädelkalottcn. Mit technischen Bemerkungen 
von Prof. Dr. Eugen Fischer. (Aus der anthropol. Sammlung des «nat Inst 
zu Freiburg i. B.) Braunschweig 190-1. 4^ (Aus: Archiv f. Anthropologie. N. F. 
Bd. III.) Gesch. d. Hm. Prof. E. Fischer. 

52. Smith, G. Elliot, Studios in the morphology of the human brain with special 
refercnce to that of the Egyptians. No. 1 The occipital region. Cairo 1904. 4^ 
(Aus: Vol. II of the Records of the egypt. Gov. Shool of Med.) Gesch. des 
Hm. Prof. Sch-weinfurth. 

50. Kenne, J. B., Die Flur Sablon in römischer Zeit. Ergebnisse der jüngsten Grabungen 

im südlichen Vorgolände von Metz. Metz 1904. 8^. Gesch. d. Verl 

54. Anales del inuseo nacional de Montevideo. Seccion histörico-filosofica. Tom. I 

Montevideo 1901. 8". Vom Museo nacional Montevideo. 

55. Müller, F. W. K., Handschriftenreste in Estrangclo- Schrift aus Turfan, Cbinesisch- 

Turkistan. Teil II. Berlin: G. Reimer 1904. 4*". (Aus: Anhang zn den Ab- 
handlungen der Königl. Preuss. Akad. d. Wissensch. vom Jahre 1904.) G^seh« 
d. Verf. 

5<i. Jeremias, Alfred, Babylonisches im neuen Testament. Leipzig: J. C. Hinrichs 1905. 8^. 

57. Hommel, Fritz, Grundriss der Geographie und Geschichte des alten Orients. I. Hälfte: 
Ethnologie des alten Orients. Babylonien und Chaldäa. München: C. H. Beck 
UX>4. K°. (Aus: Handbuch d. klass. Altertumswissensch. Bd. III.) 
Nr. 56 und 57 Gesch. d. Hrn. Dr. W. von Landau. 

(Abgeschlossen den 20. Januar 1905.) 



K ttr^chfc^ Pjttktb^ü 


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E. Bracht: J>jiti.rK/rr SH.yjriiir. ..,:< ... u Tnili.,,.;. . ,. ^ ..., \i . a .. 



Adolf Bastian 


Gedächtnisfeier 


am 11. März 1905 


Zettsehnlt f. Ethnohffie. Band XXXVH. 


Tuf. IV. 



Jfiu Ehren ihr&a am S, Februar 1905 in Port of Spain dahingesclnedenoii 
Ehren-PräöideDten Adolf Bastian veraoBtalteten die Berliner Gesellschaft 
für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte und die (äesellschaft filr 
P>dkundü zu ßerliu am 1 L März d. J, mittags 12 Uhr im Hörsnal fies 
KgL Miiaenms für Völkerkunde eine des grossen und edlen Toten würdigt» 
GerJächtnisfeier. 

Über der mit schwarsem Flor ausgeschlageneu KednertribÜne erhob 
sieh inmitten eines reichen Schmucks von Lorbeerbäumen, Palmen und 
immergriinen PHanzen die Marmorliüste des Verewigten, die im Auftrage 
von Freunden und Verehrern im Jahre 1893 durch den Blldbaui^r 
O. Büchting modelliert nnd bei der Feier des 70, üeburtstages Adolf 
ßiuttiflDi, am 'i6. Juni 18S:N1 dem Museum übergeben worden war, 

Eiue zahlreiche Trauerversammiung füllte die Aula, 

Gemäss einer Mitteilung des Ober-Hofmarschall-Anits Hessen «Seine 
Slajestät der Kais^er und König wegen der erat am \*2. d. Mts. abends 
erfolgenden Rückkehr von einer Reise sehr bedauern, an der Gedächtnis- 
feier nicht teilnehmen zu können.** 

Vor der Rednertribüne hatten mehrere aus Hamburg und Kiel herbei- 
geeilte Verwandte *lm Verstorbenen, die eingeladenen Ehrengiiste, unter 
Ihnen Seine Exzellenz der Hr. Kultusminister Dn Htudt, Seine Exzellenz 
der Hr Generaldirektor der Küniglichen Museen Dr* Schöne und Herr 
Kolonialdirektor Dr. StuebeL der Direktor des Museums für Völkorkunile 
jti Leipzig Hr. Dr. übst nnd andere auswärtige Freunde, nebst den Ver- 
den beider Gesellschaften Platz genommen. 

undgebuiigen der Teilnahme mit dem Bedauern, nicht erscheinen ^u 
n, hatten eingesandt; Seine Exzellenz der Staatssekretär des Reichs- 
Murine-Arats Admiral von Tirpitz, Seine Exsselleas der Staatsminister und 
Staatssekretär des Ausiwärtigen Amt» Dr. Freiherr von Rirlithofen, Seine 
Exzelleuz der Wirkliche Geheime Rat Dr. von Lucanus, Seine Exzellenz 
derWirklielie GeheimeRat Dr* von Neumayer in Neustadt a^dJlaardt, Herr 
Gell. Öber-Regierungt*rat Dr. Naumann, Hr. Prof* Conxe, Generalsekretär 
des Kaiserl. Archäologischen Instituts, Hr, Ministerialrat Frhr, von Andrian- 
Werburg in Wien, Hr. Geh. Regierungsmt Dr. Reias auf Sehloss 
Künitz, Hr. Senator Nielsen und Frb Fanny Traub in Bremen, die 
Geographische Gesellschaft in Hamburg. 




Z«liaelirift tat Ethootü)?!«. ^ährg. 1901 Soft a ii. 9. 


16 


i 



r 


Die Feier wurde eröffnet durch dne 

Ansprache 

des Vorsitzenden der Berliner Anthropologischen 

Gesellschaft! 

Hrn, Dr. Lissauer. 

^Hochgeehrte Anweseinie! 

Die Anthropologisclie Gesellschaft hat es für eine Pflicht der Dank- 
barkeit und Pietät gehalten, im Verein mit der GeseUschaft für Erdkunde 
die heutige GedÄchtniafeier für Adolf Bastian, den grossen Forschungs- 
relsenden und Völkerpsychologeii zu veranstalten, der den Grund gelegt 
httt zu dem atoken Bau dieses Museumg für Völkerkunde^ zu der heutigen 
Ethnologie und zu unserer Anthropologisclien Gesellöchaft! 

Mit tiefer Wehmut erfüllt uns der Gedanke^ dass dieser hochYerdiente 
Mann so fern von uns allen, die ihn verehrten, wie von aller Welt ver- 
lassen^ sterben musste; dass keiner von den vieh?n Freunden ihm die 
letzte Ehre erweisen konnte! Nur ein geringer Trost ist es für alle, die 
ihn näher kannten, zu vviseen, dass es sieher sein Wunech und Wille war, 
80 in aller Zuruckgezogenheit in die Ewigkeit hinöberzugehen. 

Die ganze Bedeutung des Manne» wird Hr, von den Steinen nneh 
mir zu schildern haben; meine Aufgabe ist es nur, der Verdienste 
Bastians um die Gründung der Anthropologischen Gesellacliaft und seines 
späteren Verhältnisses zu ihr zu gedenken. 

Bis zum Jahre 1868 fehlte in Berlin jeder Mittelpunkt für die För- 
derung der damals neuen „Wissenschaft vom Menschen"^ während in 
London, Paris und anderen grossen Städten des Auslandes schon frQher 
anthropologische Gesellschaften entstanden waren. Zwar hatte Karl Ritter^ 
der Stifter der Gesellschaft für Erdkunde^ sclion in den fünfziger Jahren 
beabsichtigt, eine ethnologische Oesellschaft in Berlin zu gründen, — aber 
es war damals leider Absicht geblieben. Erst nachdem mehrere Welt- 
reisende nach ihrer Rückkehr in die Heimat Berlin zu ihrem Aufenthalt 
gewählt und die prähistorischen Forschun|f:en auch in Deutsehland grosse 
Erfolge erzielt hatten, wurde diese Idee wieder aufgenommen, und da war 
es Adolf Bastian, der als Vorsitzender der Gesellschaft filr Erdkunde im 
Jahre 1868 die Gründung einer anthropologischen Gesellschaft anbahnte. 
Anfangs dachte man die neue Gesellschaft als Sektion der Gesellschaft 
für Erdkunde ins Leben zu rufen; da Bastian aber mit richtigem Blick 
Toraussah, dass die anthropologisch-ethnologischen Untersuchungen mit der 
Zeit eine grosse Ausdehnung gewinnen würden, so nahm er „Anstand, 
ein solches AbhängigkeitKverhältnis fest zu formulieren"', wie er sich aus- 
drückte, ftUnd GS verblieb bei der freien Vereinigung derjenigen Mitglieder, 
die sich besonders für diese Studien interessierten und die »ich ohne 
weitere Konstituierung im Lokal der Geographischen Gesellschaft zu be- 
stimmten Tagen zusammenfandenj ihre Zwecke zu verfolgen,** Dieses waren 
aber dieselben Männer, welche infolge eines Aufrufes der anthropologischen 


GedäelltiiiBfe]«r für A. BaatiaD. 


235 


Hektioii iler Naturforscher^Verfiammlung zu Innsbruck am U.November 1869 
tdi© Berliner Gesellschaft für Aüthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 
konatituiert**ii und Kudolf Virchow zu ihrem Vorsitzenden, Adolf Bastian 
und Alexander Braun zu dessen Stellvertretern wählten- So gehen wir 
in Adolf Bastian den eigentlichen Begründer unserer Gesellschaft, und 
ea ifit ein Gebot der Gerechtigkeit und Dankbarkeit, dieses Verdienst hier 
zu konstatieren. 

Auch die Zeitschrift für Ethnologie, welche jetzt bereits den 37. Jahr- 
gang begonnen hat, verdankt Adolf Bastian ihre Entstehung, Zwar hatt« 
sie gleich von Beginn an die Pflege der ethnologischen Studien^) zu ihrer 
Äiifgabr gemacht; allein zum Organ der Anthropologischen GeaeUsehaft 
wurde sie erst im zweiten Jahre ihres Bestehens gewählt. 


Ebenso 


regte 


BaBtiiin schon damals die Saminhiog von anthropo- 


logischen untl ethnogra|dnöchen Photographien an, welche sich im Laufe 
der Jahre zu einem kostbaren Besitz unserer Gesellschaft entwickelt hat. 

Wenngleich nun diese Schöpfungen erst durch die Leitung Rudolf 
Tire ho WS die hohe Anerkennung in dem Wettbewerb mit den gleichen 
Gesellschaften und Organen anderer Länder erlangten, deren sie sich noch 
heute erfreuen, so verdanken sie doch ihren Ursprung Adolf Bastian. 

Bastian gehörte unserer Oesellschaft bis zu seinem Tode an. Bis 
2um Jahre 1887 war er Mitglied des Vorstandes und schied aus demselben 
nur aus, um, wie er sagte, „fflr die bevorstehende Verband iung ilber die 
Aufnahiue der Gesellschaft in das Museum für Völkerkunde sich ilie nötige 
Freiheit bewahren zu können.'* Seitdem gehörte er dem beratenden Aus- 
schuß an bis li>0"j, da er wegen seiner langen Abwesenheit von Berlin 
jede Wiederwahl ablehnte. Die Gesellschaft und die Zeitschrift verdanken 
Ihm viele inhaltreiche Vorträge und Abhandlungen, welche hier zu wür- 
?n, die Grenze der mir gestellten Aufgabe überschreiten wurde. 

Die Gesellschaft hatte diese seine Verdienste dankbar anerkannt uud 
an seinen Jubeltugen, seinem ÜO. und 70, Geburtstage^ diesen Uefühlüu der 
Bewunderung uud Verehrung in feierlicher Weise Ausdruck gegeben/) 
Allerdings jedesmal iu seiner Abwesenheit und gegen seinen Wunsch, 

Denn ein echter Solm seiner Vaterstadt Bremen, dem das Navigare 
neeesse est, freilich zu höherem Zwecke, gleichsam im Blute steckte, 
duldete es ihn nicht lauge im Genüsse ruhigen Besitzes seiner wissen- 
üchaftlicben Schätze, uud wie er schon als jimger Doktor der Medizin 
im Alter von 25 Jahren eine Weltreise von achtjähriger Dauer unternahm, 
so bat es ihn später nach kurzer Rast immer wieder iu fremde Erdteile 
htnausgetrieben, seinen unstillbaren Forscherdrang zu befriedigen. 

Aber auch sicher gegen seinen Wunsch wurde die Feier jedesmal v^- 
anstahet. Denn der seltene Mann war jedem Kultus der Persönlichkeit 
abhold. So duldete er nicht, dass diese seine Büste, welche seine Verehrer 


1) Der Titd l&utotii luerst: ^Zdtsclirift für Ethnobirie ood ihre Hilfswissenschaft cn. 
Lehre vom Menschen la sciacn ni^iiehungcn tut Nattir und Gcüchichti** Heraus* 

[peg«b<;fi von A. H&istUn um\ JL Hartmunnr 

2) Vörhandlungea der «JeMcllfiih&ft für Autlifoi*., EIhnol and Orgewsh, I88ß S, 3ft6 
1 189S S. 3e& 


i 


236 ^^^^^^ Karl von den Stuinen: 

ihm gewidmet hatten^ in ileü Räumen der Aiithropologiaclien Gesellschaft 
neben der Büste Peter Campers aufgestellt Ijlieb und ruhte nicht früher, 
bis ilieselbe in einem Winkel zwischen den Schränken versteckt wurde. 
Er entzog sich jeder persönlichen Ehrimg, und, selbstlos wie er war, achtote 
er sogar seiner kör per liehen Pflege so wenige dass er wiederholt seine 
Existenz gefährdete, als wollte er den zweiten Teil jenes Bremer See- 
mannssprnches ^Virere non nee esse est"* erfüllen!'^ 

Trotz dieser grossen Entbehrungen, die er sich selbst auferlegte, und 
trotz der ununterbrochenen, geistigen und körperlichen Anstrengungen, 
welchen er sieh bei seinen Forschungen unterzog, erreichte dieser hewunderns- 
w^erte Mann das hohe Alter von 7y Jahren, ein leuchtendes Vorbild körper- 
licher uud geistiger Energie für alle Zeiten!* 



Hierauf folgte die 

Gedächtnisrede auf Adolf Bastian 
Ton Hm, Dr. Karl von den Steinen. 

jjHochverehrte Versammlung! 

Niemand könnte heute ein abgeschlossenes Bild von der wieaenschaft- 
lichen Tätigkeit und der Persönlichkeit Bastians entwerfen. Die von 
ihm geschriebenen Werke sind eine Bibliothek. In einer Obersicht der 
nur bis 1896 erschienenen Schriften, die im Internationalen Archiv für 
Ethnographie zosammengestellt wurde, nelimen die Titel der Bücher und 
selbständigen Publikationen 27» grosse Quartseiteu, die Titel der Aufsätze, 
Vortrage, BücherbcHprechungeu 14 solcher Quartseiten ein, Sie sind 
klassifiziert unter die Gruppen: Ethnologie allgemeinen Inhalts und ein* 
zelner Erdteile, Geographie und Reisen, Erwerbungen des Museums für 
Völkerkunde, Philosophie, Psychologie, Religion, Religionsgeschichte, 
Folklore, Recht, Koloniales» Anthropologie, Archäologie und Prähistorie, 
Linguistik und endlich Varia. Das zu überschauen, übersteigt die Kräfte 
eines Sterbliehen, 

Auch Bastians getreuer Landsmann Thoraas Achelis, der sich um 
seine Popularisierung unermüdlich beaiülit und seiner biographischen 
Skizze 1891 ein Heft der Virchow-Holtzendor ff sehen Vortrage ge- 
widmet hat, ist niemals zu einer erschöpfenden Würdigung oder um- 
fassenden Darstellung seines Lehrsystems gelangt, sondern konnte nur den 
Scheinwerfer über die weiten Oelände des Bastianschen Wissens spielen 
lassen. 

Niemand unter den Lebenden wäre auch in der Lage, uns über die 
Persönlichkeit Bastians alles das zu sagen, was wir erfahren möchten, 
um sie wirklich zu verstehen. In ihi* begegnen wir den stärksten Ab- 
weichungon von allem Gewöhnliehen und zuweilen ganz seltsamen Wider- 
sprüchen: wir erklären ihn also für ein Original und lauschen den zahl- 
losen Anekdoten, die von ihm erzählt werden, aber wir bekeunen damit 
auch unsere Verlegenheit, seinen psychischen Komplex zu zergliedern. Er, 


Gediditoisfeier für A. Bmstiui. 


der Jen Ausspruch des Arigtoteles^ dass der Mensch von Natur ein Zooo 
politikoti^ ein GeselbchafUwegen »ei^ zum Auisgangspurikt aller sehier Be* 
tniehtuiigea machte^ ist einsaui durch das Dasein gegangen und hat Nie- 
HKindeni eioen Einblick in sein innerstei Gefabltlebeu gewährt. Sein 
nächster Freund — Altersgenosse bis zu einem Abstand der Oeburtstaga 
von nur 5 Tagen — war wohl Exzi^llenz von Nenniayer, Dieser hat 
mich auf das liebenswürdigste mit wertvollen Angaben nnterstütxt und 
Wüilt heute, wie er schreibt, im Geiste unter uns* 

Ich meinerseits empfinde keine andere Rechtfertigung, der an mich 
ergangenen Aufforderung zu entsprechen, als die, dasa in Keinem die 
Stimme der Dankbarkeit und Verehrung gegenüber dem edlen und grossen 
Toten stärker reden kann, als in mir, der für immer tief in seiner 
Selinld steht 

Unser n beiden (iesellschaften ist Bastian schon seit Jahren ein 
Fremder geworden. Man hatte sich daran gewöhnt, dass er abwesend 
war, auch daran, dass man nicht wusste, wo in weiter Welt er weilte, nnd 
endlich daran, dass er wahrend seines Aufenthalts in Berlin sich mehr 
und mehr der Einsamkeit ergab und allein sein wollte. Die Bücher und 
Schrif tenj die einander bis 1901 noch in gewohnter, grosser Zahl ablösten, 
wurden — je nachdem — pietätvoll angezeigt oder kopfschüttelnd bei Seite 
gelegt, aber nicht mehr gelesen. 

LaBsen Bie mich zurückgehen bis auf die Feier semes 70, Geburts* 
tagea, die wir hier unter der Leitung des von ihm so unendlich verehrten 
Tirchow begingen, vor der er selbst sich bis zum Malaiischen Archipel 
geflüchtet hatte. Das war 1896. Schwer krank kehrte er zwei Jahre 
später, wahrhaft eine wandelnde Leiche, von Java heim. Doch in dem 
schmächtigen Körper wohnte unglaubliche Lebenszähigkeit. Er erholte 
gich wunderbar. Im Jahre 1901 ging der Fünfundsiebzigjährige noch 
einmal nach seinem Indien und kam im Sommer 1903 zurück. Nnr ftlnf 
Monate litt es ihn in Berlin. Am 28. November 1903 verüess er uns für 
fiüwner. 

Er hat den grössten Teil des letzten Jahres in Montego Bay auf Jamatca 
verweilt. Eines Tage® traf auch ein Lebenszeichen bei der Amerikanischen 
Abteilung des Musennie für Völkerkunde ein, in einem Kuvert ein kleines 
Nepbritbeil Dann kamen Briefe, die von seiner Frische und Rüstigkeit 
Zeugnis ablegten; er ««andte seine guten Wünsche für den Anierikanisten- 
kongress, er ging mit Eifer auf unsere Bitte ein, die ausserordentlich 
lückenhaften Bestände von den Antillen lu ergänzen und sicherte uns eine 
wertvolle Sammbmg von prähistorischen Fundstätten, namentlich aus den 
Höhlen Janiaicas, die der dnrt reisende Dr- Reiohard zu-sammenbrachte. 

Dieser ist der letzte, den Bastian tler Ethnologie gewonnen hat* Eine 
kleine Sammlung mit schönen Steinbeilen kam endlich von der Insel 
Grenada. 

Die Todesnachricht hat drei Wochen gebraucht um uns %\k erreichen. 
Bio wurde von dem Schreiber Bastians, Berthold Mehr er, per»*önlieh 
aberbracht. Nach sei neu Mitteilungen verliess Bastian Jamaica Mitte 



2S8 ^^^^^^ Karl Ton den Steinen: 

NoTembor 1904 und hielt sich dann je etwa 14 Ta^e in Trinidaii, in 
Grenada und in Macuto bei La Guaira auf veueEolanischem Festland anf^ 
um endlich tod hier nach Port of Spaiu in Trinidad zurückzukehren. Er 
hatte die Absicht, auf dem Weg über die Canarischen Inseln die Reise zu 
besehliessen. 

Schon in Macuto, wo er noch zweimal täglich Seebäder nahm, hatt© 
er gegen seine Gewohnheit wiederholt über Mattigkeit geklagt. Die eigent- 
liche Krankheit warf ihn erst in Trinidad nieder und nahm einen rajscheu 
Verlauf. Drei Tage war er bettlägerig im Hotel und drei Tag© im 
Hospital Er war äusserst schwach und vielfach somnolent. Der deutsche 
Konsul, der am Abend des 2. Februar berufen wurde und wieder am 
nächsten Tage erschien» um womöglich seinen letzten Willen aufzunehmen, 
konnte nichts erreichen, 

„Eine halbe Stunde darauf^, berichtet der Schreiber, ^um 3 Uhr nach* 
mittags am 3. Februar hat Herr Geheimrat seine Seele ausgehaucht. Am 
4. Februar morgens gegen 10 Uhr wurde er bestattet. Dem Sarge folgte 
niemand ausser mir, dem sein Tod nach I '/(jährigem Beisammensein sehr 
zu Herzen ging. Der Konsul, der ihn früher nicht gekannt hat und erst 
durch mich erfuhr, was für eine bedeutende Persönlichkeit er sei, er^ehien 
etwas verspätet am Friedhof, da er durch Berufsgeschäfte behindert worden 
war**. — „Was über eine Bestattungsfeier", heisst es auf meine Anfrage 
weiter, „durch die gesamte deutsche Kolonie und über eine Predigt des 
Pfarrers der Ilerrnhuter Gemeinde in den Zeitungen stand, ist reine Phan- 
tasie. Ein Wagen mit einem Maultier bespannt fuhr den Barg hinaus^ 
ich sass auf demselbeu Wagetj. Auf dem Kirchhof waren nur Totengräber. 
Es war weder die Kolonie da, noch ein Pfarrer, noch war eine Predigt. 
Wie bereits bemerkt, ich war der einzige andächtige Lei il tragende!* 

Wohl erscheint uns, die wir una in feierlicher Weise 2um Gedächtnis 
Bastians versammelt haben^ der Mangel gebührender Ehren unbefriedigend 
und tragisch* Dass der Verstorbene selbst aber sich niemals eine Be- 
stattung mit zeremoniellem Gepränge gewünscht haben würde, ist nur zu 
gewiss. Was lag diesem Wolkenwanderer schon an den Ausserlichkeiten 
des Lebens, die er nie eines Wortes, nie eines Blickes wünligte! Was lag 
ihm auch an den Äusserlichkeiten des Sterbens, dem die Ewigkeitsgedanken 
aller Völker und Zeiten nur eine Fata Morgana der Sehnsucht, die Weis- 
heit aller Religionen nur wogende, vor dem Sonnenglanz der Wissenschaft 
zerttiessende Nebelphantome w^aren! — Hören wir seine pro nietheischen 
Worte: ,,Wohl mag der Geist sich zurücksehnen nach jenen Tagen, wo 
ein festes Firmament sich unserm Haupte umwölbte, wo in ihm ein liebender 
Vater thronte; er mag sich gern versenken in die träumerische Morgen- 
dämmerung seiner Kindheit, aber wird es ihn jetzt befriedigen, wieder 
Kind zu werden?** . . . „Sollen wir, die wir jetzt im Vollgenuss des klären 
Tages atmen, uns die längst verblasi^ten Spiele vergangener Dämmer- 
stunden zurück träumen? uns aufs neue in die Sklavenfesseln imserer eigenen 
Phantasiegebilde schlagen? Lasst uns vielmehr wirken und streben, damit 
wir nach getauer Arbeit uns ruhig, wenn der Abend hereinbricht, zum 
erquickenden Schlafe niederlegen können. Der künstliche Horizont der 


^ 


Gedficbtaisteicr für A. ßistiaD, 


iMärchen und H3rtbo)ogie]i igt durch die Naturwisseüschaft Kerrisgeti. Unaer 
Luge blickt hinaus in die Uneodlichkeit, warum sie leugneu? Suche selbst 
unendlich zu werden, wenn dich die Unendlichkeit umgiebt Bald wirst 
du die Gedanken, die Ideeu ausströmen fühlen in die Ewigkeit des Alls, 
du wirst sie Wurzeln schlagen fühlen überall in den ltesetzf*n des haruao- 
ni»chen Kosmos^ du wirst mit ihm rerwachaen unauflöslich, ewig, un- 
endlich wie er und dich selbst erfüllen in bewusater Harmonie** . * . 

Das ist die Sprache Bastians aus dem Juhre 1860, Pathe tisch, 

schwärmerisch wenn Bie wollen, aber eine Sprache voll Kiihnheit und 

^ Tiefe, voll Kraft und Schönheit. Es ist die Sprache eines Reduüra, mit 

l.deni sich, wenn ihn der Geist erfüllt?, an hinreissendem Schwung und 

an plaatiBcher Pracht der Bilder nicht einer seiner Fachgenossen ver- 

^gleichen konnte. 

Freilich, der greiie Bastian war doch nicht mehr der alte Basrinn! 
löge für ihn der Satz, dass die Nachwelt das Bild eines grossen Mannes 
io bewahrt, wie es ihr im Augenblick des Abscheidens übermittelt wird» 
wenigstens in bezug auf seine Schriften und seine Schreibweise nicht zu- 
treffen, denn sie würde ihm bitter unrecht tun. Seine ausgesprochene 
Eigenart hatte er ötets — ihr verdanken wir seine Grosse — , aber die 
letzte Periode seines schriftstellerischen Schaffens ist durch einen Stil 
kgekennzeichnet, den tatsächlich kein unbefangener für normal halten wird. 
Das ist allzuhäufig nicht mehr die Dunkelheit der schwierigen Materie 
und die Vernachlässigung der äusseren Form allein, sondern ein Cher- 
t|nellou der Vors^tellungen ohne jede notwendige Hemmung, Durch zalil- 
losc Klammern nicht mehr abersichtlich geschieden, sondern labyrinthisch 
verbiiut bedrängen den Leser Namen und wieder Namen, Schhigworte, 
Kunstausdrücke, Sentenzen derart, dass er vom Schwindel ergriffen wird, 
der griecbiach-röniischen, mittelalterlichen, ägyptischen^ indischen, chine* 
isischen, mexikanischen Religiousphilosophie sowie der Mythologie samt- 
(licher Naturvölker, ob Neger oder Eskimo oder IndiRuer oder Polynesier 
oder Sibirier, einerseits — und Zitate, Anspieltingen aus der gesamten 
historischen, soziologisch en, naturwisseusehaftlicheii Weltliteratur anderer- 
seits. Und hunderte von Seiten wälzt sich diese Flut der (tedanken in 
regelloser Verästelung dahin, ohne andere Ruhepuiikte ab gewisse 
stereotype Betrachtungen und Wendungen, die in ganz mechanischer 
Weise überall auftauchen und wieflerkehren und uns klar beweiiiien. dass 
der Strom nicht mehr aus frischen Quellen und neuen Zuflössen gespeist 
wird, sondern in das breit zerteilte, alte Ablagerungen mitführende Delta- 
gewässer umgewandelt ist. das sich am Ende seines Laufs in da» ewige 
leer ergiesst. 

Wer die einsame und asketische Lebensführung des verehrten Mannes 
gekannt hat, wer da weiss, wie er, rein in geistiger Arbeit aufgehend und 
sich in unersättlichem Wissensdurst verzehrenil, Jahrzehute laug seinem 
Ki^rper eine wahrhaft elende Ernährung zumutete, kann sich nicht wundem^ 
».dais diese Sflnden stich rächten un/l die Spannkraft des Geistes beim 
-Schreiben und Schaffen ersehlalfte. In vollem Kontrast erschien nocli im 
leisten Jalire, obwohl auch da seine Lieblingsthesen ihre Monotonie nicht 


240 Karl ven Am Sternen: 

verleugnen konnten, die inüridJiche Unterhaltung einer guttun Stunde* Dann 
sprach er klar und anschaulich, und man musste bedauern, dass kein 
Stenograph die Worte festhielt. 

Im Kern seines Wesens war Bastian entschieden eine Kraftnatur^ 
iibereehäumend in der Jugend, ein flotter Korpsbursehe, innerlich jung, 
ein Fenerkopf noch im Alter. Sein grdsater Genuas war und blieb ihm 
immer, sich wie ein wilder Knabe im Schwimmbad zn tnmmeln oder in 
den Tropen einem brausenden Wasserfall den Rücken dars^ubieten. In 
Berlin fand er kein Bad, das seinen Angprüchen genügte, keinen Douche- 
strahl, der ihm stark genug war. 

Wirklich verhasst war ihm jede Bentimentalität , . . „die Albernheit 
des Weltschmerzes", Das Wort „Stimmungen" löste seinen heftigsten 
Widerwillen ans, „Was wollen diese modernen Maler? haben wir Zeit zu 
Stimmungen?'' Mit den Musen der Kunst stand er deshalb auf ge- 
spanntem Fuss. Im Jahre UX)3 noch fragte ich ihn, ob er denn über- 
haupt eine Kunstausstellung besuche? „Niemals" antwortete er energisch, 
^ünd wann waren Sie dos letzte mal ioi Theater?" Er besann sieh einen 
Augenblick und sagte „1859!" 

Alles, das NegatiTe wie das Positive, ging bei ihm ins Grosse und 
Phänomenale. Kein deutscher Gelehrter hat mehr gereist, keiner mehr 
gelesen, keiner mehr geschrieben. 



In Bremen war er am *26. Juni 1826 geboren, als Sohn eines an- 
gesehenen, rednerisch begabten Kaufmannes und einer allgemein hoch- 
geachteten, von ihm selbst innig verehrten Mutter, die als das Muster 
einer deutscheu Hsngfrau galt. Wohl nicht mit Unrecht haben wir es 
dem Genius loci der Hansastadt zuzuschreiben, dass der Blick sich früh 
über See wandte, und auch dass später bei den finanziellen Unternehniungeu 
des Museums — es ist dies einer der scheinbaren Widersprüche in seinem 
Charakter — der grüblerische Philosoph und weiten trnckte Denker oft 
eine ganz überraschende kaufmännische Gewandtheit und Zielbewusstheit 
an den Tag legte* 

Auf fünf UniTersitäten befliss er sich der Jurisprudenz, der Natur- 
wissenscliaften und der Medizin, und seine Studiengenossen wussten eben- 
eoriel xu erzählen von seinem Frohsinn auf der Kneipe und beim Karten- 
spiel als von seinem merkwürdigen Lerneifer uml seinen noch raerk- 
wtlrdigereu, der damaligen Zeit unverständlichen Reiseplänen, mit denen 
sie ihn gern zum Besten hielten. 

Seine Schlnsssemester brachten ihn nach Würzburg, Seltsam berührt 
es uns honte, dass der Kandidat Bastian bei dem Professor Virchow 
hörte, der kurz vorherj im Jahre 1849 dorthin gekommen war. Mit be- 
rechtigtem Stolze konnte Virchow darauf verweisen, dass in der be- 
lebenden Atmosphäre dieser Hochschule Bastian, Kohlfs, Nachtigal 
und Voss auf den Weg der wirklichen Naturforsichung geleitet wurden 


GodUchtniBfeter für Ä« DasÜad. 


241 


BastiE 


ierte 1850 als Medi 


ilarlurch iiiBtiind- 


promovierte inM als aieais^nior und w 
gesetzt beim Antritt seiuer ersten Reise die Überfahrt fiatb Atii^tralieti 
als Sühifl'sarzt zu maclien. 

In ungeheuren Zickzacktouren umfog er den Globus ganze acht 
Jahre lang. Die heiligen Tempelatätteii der Menschheit nuf den Hoch- 
ebenen von Perii und Mexiko, in China und in Hiuterindien^ am (langes, 
ani Euplirat, am Jordan wurden ihm ebenso vertraut, wie die Korroborri* 
tanze der Australier und die Fetischzeremonien der Negerstamme, 

Auf dieser Weltfahrt hatte er seine Lebensaufgabe schon klar erkannt: 
die Materialienbeschaffung für eine vergleichende Paychologiö auf natur- 
wissenschaftlicher Grundlage. Zwar ist sein erstes Buch von 18a9 ^Ein 
Besuch in San Salvador** noch eine echte Reisebe&chreibun*^ von Land 
und Leuten; aber dass es ilem Verfasser selbst auf die eingestreuten Be* 
obacljtungen über den Fetischdienst und den Volksglauben am nteisten 
ankam, beweist der geradezu auffällige Untertitel ^Ein Beitrag zur Mytho- 
logie und Psychologi©", Schon im Jahre 18W folgte ein Werk in drei 
Oktavbänden, das in nuce den ganzen Bastian der Zukunft birgt: „Der 
Mensch in der Geschichte**. Es beginnt mit scharfer Formulierung die 
Ära der induktiven Vrilkerpsychologie, Seine geschichtliche Stellung wird 
am klarsten dadurch bezeichnet, dess es eine Weihegabe am Grabe 
Alexander v. Humboldts war, und dass in goringem Zeitab&tand die 
gigantische „Anthropologie der Naturvölker** von Waitsi und Edw, 
B. Tylors: ^Forschungen über die Urgeschichte der Menschheit^ er- 
schienen. 

Die zweite, rein asiatische Reise dauerte fünf Jahre von 1861 bis 
lÄRj und führte durch die Länder Hinteriudiens, über den Archijiel und 
die Philippinen nach Japan, über Peking, durch die Mongolei, Sibirien 
und den Kaukasus. Sie zeitigte in sechs Bänden Bastians wertvollstes 
Reisewerk ^Die Völker des Östlichen Asiens", das mit seinen Stadien 
übcr'Birma und Siani die neue Kulturwelt eines durch seine altertümliche 
Reinheit überraschenden Buddhismus erschloss. 

Nun blieb er lange Zeit in Deutschland, Er habilitierte sich, er 
wurde Extraordinarius, er wurde Direktorial- Assistent bei den Königlichen 
Museen* Klein war das Reich (obwohl es schon manches seltene Kleinod 
barg), das der zukünftige Herrcicher der Völkerkunde übernahm. „Die 
RÄumliehkeiten", lieisst es in dem ersten Katalog, ,, zerfallen in zwei Sille: 
einen Quersaal und einen Läugssaal mit angeschlosaenem Hiüterzimnjer*^, 
„Der Lichtmangel erschwert die Besichtigung"*. 

Bastians Bedeutung war erkannt: kraftvoll trat er in die Reihen 
derer, die gleich ihm emporstrebten. Es war die grosse Zeit, in der es 
überall dort sprosste und keimte, wo wir heute unter ragenden Bäumen 
wandeln und die reifen Früchte ptlüeken. Untern Vorsitzendim kommt 
et sßu, hier Bastians Taten zu würdigen. Diu gewaltigste alk*r ilamab 
erkannten Aufgaben, die Entschleierung des inuem Afrika, führte ihn zu 
iteiner dritten Reise 1873 an die Loaugo- Küste. 

In diese Jahre fällt auch im Ansehluss au seine Lehrlttigkeit eine 
Reihe völkerpsychologischer Publikationen; er vertiefte sich in das 


KL 




Kirl von den Steinen: 

Tergleichende Studium der Rechtsverhältnisse bei den verschiedenen Völkern 
der Erde und baute seine Theorie von dem Völkergedanken aus, auf den 
ich noch ausführlich zurückkomme. 

Jetzt erst beginuen die Fahrten im direkten Interesse des Mnsenmg. 
Er durchzieht auf einer vierten Reise 1875 — 1876 „zum Sammelbehuf auf 
transatlantischen Feldern der Ethnologie^ die westlichen Kulturstaaten 
Südamerikas, Mittelamerikas, durchkreuzt Nordamerika von West nach 
Ost und besucht die Antillen. Die Frucht ist das dreibändig-e Werk: 
„Die Kulturländer des alten Amerika**, in dem er zum ersten IMale den 
ungeheuren Stoff ihrer Eutdeckungaliteratur zu einer Gesamtdarstellung 
verarbeitet Herrliche Sammlungen brachte er heim, 

Znm fünften Male brach er 1878 auf, ging über Persien nach 
Indien und Assam und durchfuhr die Siidsee über Neu-Seeland iiud 
Hawaii, wo er polynesische Texte sammelte nnd durch den Vergleich der 
ozeanischen Kosmogonie mit den tiefsten (redanken griechischer Philo- 
sophie in wahre Begeisterung versetzt wurde. Er hielt «ich einige Zeit 
in dem Nordwesten der Vereinigten Staaten auf und kehrte üher Yucatan 
zurück. 

Es folgt die längste Pause in seinem Reiseleben von 1880—1889. 
Am 18. Dezember 188t» wurde das Kgl. Museum für Völker knnde feierlich 
eröffnet! 

1889—1801 puternahm er die sechste Reise. Er be*,'ab sich nach 
dem durch die transkaspische Bahn erschlossenen russischen Turke^tan, 
versenkte sich in Indien in die Religionssysteme des Dschainismus und 
Buddhismus und machte einen Absteeher nach Ostnfrika, 

Auf der siebenten Reise 1896—1898 weilt er hauptsächlich in Java 
und auf dem kleinen Bali, wo interessante Reste der alten Hindukultur 
den Angriffen des Islam entgangen waren; auf der achten 11*01 — 190S 
studierte er noch einmal buddhistische Philosophie in Ceylon. — Von der 
neunten, letzten, habe ich berichtet 

So trieb ihn ntiersättlicher Wissensdurst immer wieder hinaus von 
Land zu Land. :i5 Jahre war er von der Heimat abwesend! 

£r reiste, ein freier Mann, aus eignen Slitteln und hatte Niemandem 
als sieli gelbst Rechenschaft zu geben. Ein einziges, aber ganz vortreff- 
liches Buch, das er selbst gering achätzte, die „Geograi>hischen und ethno- 
logischen Bilder"*, hat er in edlem Feuilletonstil gehalten. Sonst durfte 
iiian Schilderungen oder gar Erlebnisse nicht von ihm erwarten- Er 
sprach nie von seinen Reisen. Ja, er nahm es ausserordentlich übel, 
wenn man ihn rühmte und seine Bescheiden lieit störte. Als einst Professor 
Radioff aus Petersburg von seinen Reisewegen in SCtdsibirien den ge- 
sellig vereinten Herren: Neumayer, v. Richthofen, Jagor, Tietjen, 
Mar t he, Bastian, erzählte, wurde er von dem unverwandt zuhörenden 
Bastian unwillkürlich mit der Frage unterbrochen: „Aber von Kiachta 
können Sie doch unmöglich, so wie Sie hier augeben, weiter gezogen 
sein?** — Bastian war etwa ein Dutzend Jahre früher schon dort ge* 
^wesen. und der ihn leidenschaftlich bewundernde Jagor rief Radioff 


I 


Gcdächtniifeicr für A. Bastittn. 243^ 

zu: ^Aber, Herr Professor, dass Sie das nicht wisseti! wenn man alle der 
Anwesenden Reisen zusammenlest, so kommt nicht di»? Summe der 
Reisen unseres Bastian heratja!" Dieser jedoch fuhr in die Höhe: „Wie 
können Sie mir in Gegenwart von solchen Männern solche Redensarten 
gebrauchen!", schwieg und blieb för den Abend sichtlich verstimmt. 

Die Art seines Reisens war äusserst charakteristisch. Nur geringem 
Handj^epäck führte er mit steh; vor seiner Abfahrt nach dem sonnigen 
Ecuador an einem bitter kalten Apriltag des Jahres 1875 erschien er 
am Bahnhof ohne Überzieher und willigte nngem ein^ dass man ihn 
hole und nach Hamburg nachschicke. Er war absolut kein morlemer 
Forschungsreisender, der für seine Aufgaben eines grossen wissenschaft- 
lichen Apparates bedarf. Er ging hin, fragte, fragte^ schrieb und sammelte. 
Er studierte die Menschen draussen, wie seine Bücher daheim, und 
sein Leben daheim war nur eine andere, eine sesshafte Art des Reisens 
durch die gedruckte Welt des Geistes. Dieselbe Bewältigung stup ender 
Zahlen: der Bände in den Bibliotheken, der Meilen an Bord oder im 
Battel, der Erkundigtingen und Aufzeichnungen bei den Kennern des Landes. 

Er hatte ein ganz bestimmtes System grosszügigen Stils; er suchte 
die Autoritäten auf, die Jahre lang mit den Eingeborenen vertraut waren 
und in ihren Manuskripten oder ihren Sammlungen über ein durch- 
gearbeitetes Material verfugten, wie es der fremde, flüehtige Besucher 
niemals hätte zusammenbringen können; bei ihnen, wo immer sie rer- 
steckt Sassen, tauchte Bastian auf, und diese Männer, die sich nur zn 
häufig als die Propheten im eigenen Lande eingeschätzt wussten, und 
nun plötzlich bei dem Weithergereisten das tiefste Verständnis für ihre 
stille Arbeit und ihre Ideale fanden, sie waren beglilekt, von ihm zu 
lernen und ihm zu geben. 

ünvergesslich ist es mir, wie ich im August 1880 auf der Ostkädte 
Neu-Seelands, die Nordinsel über Land durchreisend, nach dem kleinen 
Hafenort Napier kam und an einen Engländer verwiesen wunle, der 
als langjähriger Maori^Doktor der genaueste Kenner der Eingeborenen 
sei. Ich traf ihn, eifrig schreibend, Vör einem mächtigen handschrift- 
lichen Papieratoas, zwischen einem Haufen Kiwimatten, GrQnsteinkeulen 
und Scbnitsereien. „Diese Sachen sind alle für Professor Bastian, der 
hier war und sie haben muss; diese Manuskripte sind Sagen und Genea- 
logien und auch för den Professor Bastian, für den ich sie aus dem 
Maori ij hersetze.*^ 

Vier Monate früher war ich selbst dem Seelenfischer unrettbar ver* 
fallen. Ich wäre einen vfdiig anderen Lebensweg gegangen, wenn ich 
nicht eines Tages — es sind nun gerade 'i5 Jahre — im Fremdenbuch 
lies Hotels von Honolulu den Namen „Dr Bastian-Berlin" gelesen 
hätte. — Er eroberte den Menschen sofort, indem er ihm hohe, seltene 
Aufgaben stellte, und zwar mit einem Vertrauen, einer Zuversicht, dass 
man sich förmlich selbst wachsen fohlte. Das Geheimnis seiner erstaiiu- 
liehen suggestiven Kraft war kein anderes, als dass er immer nur an die 
besten Instinkte appellierte und selbst keine anderen besnss. 



244 Karl von den Steinen: 

Wie sollte ich hier in gedrängter Kürze seiner wissenschaftlichen 
Bedeutung für die Lehre vom Menschen gerecht werden! Aber ein 
einziges Thema möchte ich doch herausgreifen, das ihm selbst besonders 
am Herzen lag. 

Yon allen seinen theoretischen Anregungen hat keine fruchtbarer 
gewirkt, ist keine mehr verteidigt und bekämpft worden, als der Begriff 
des Yölkergedankens. Yölkergedanke, Oesellschaftsgedanke, Elementar- 
gedanke waren aller Welt mehr oder minder unklare, aber fest mit dem 
wissenschaftlichen Bilde des Altmeisters assoziierte Schlagwörter. Die 
gewöhnliche Auffassung ist die, dass unter einem Völkergedanken merk- 
würdige, oft ganz verblüffende Obereinstimmungen in Mythus, Kultus, 
Recht, Gebrauch und Sitte, wie auch im Bereich der materiellen Kultur 
zu verstehen seien, die bei entlegenen, geschichtlich und geographisch 
von einander ganz unabhängigen Stämmen beobachtet und durch gleich- 
artiges Denken auf gleicher Entwickelungsstufe zu erklären seien, während 
die Angreifer eine Entlehnung und Wanderung annehmen — seien die 
Wege, die sie gegangen wären, auch verwischt und verloren. Völker- 
gedanken wären demnach mit einfacherem Ausdruck die „ethnographischen 
Parallelen" Richard Andrees. 

In dieser Frage ist Bastian unendlich oft missverstanden worden. 
Er hat aber auch selbst wohl einige Wandlungen erlebt, insofern als er 
neben dem Völkergedanken erst später den Elementargedanken genauer 
präzisierte. Ich will versuchen, ohne selbst irgendwie Stellung einzunehmen, 
kurz darzustellen, was ich nach manchem Privatissimum für seine eigent- 
liche Meinung halten muss. 

Woher stammt denn überhaupt der Ausdruck „Völkergedanke"? 
Einfach daher, dass die Ethnologie Völker-Psychologie, nicht Individual- 
Psychologie ist. Sie studiert nach naturwissenschaftlich vergleichender 
Methode an dem gewaltigen Material, das sich in aller Art Vorstellungs- 
komplexen, Institutionen und Kulturerzeugnissen darbietet, den Menschen 
als Gesellschaftswesen; hier erwartet sie die Entdeckung der Gesetze 
des Denkens, die sich der Selbstbeobachtung und der deduktiven 
Spekulation hoffnungslos verschliessen. Auf das Denken des Einzelnen, 
der für Bastian nur passiv wirksam ist, der nur sekundär denkt, indem 
ihn das Denken der Gesamtheit durchflutet, kommt es dem Ethnologen 
ganz und gar nicht an; sein Objekt ist der Mensch im Zustande der 
Gesellschaft, und seine Aufgabe ist deshalb nach allgemeinstem Ausdruck 
der „Gesellschaftsgedanke" oder — mit Bezug aut die räumliche und 
geschichtliche Begrenzung — der „Völkergedanke". 

„Ich sage Völkergedanke," erklärte mir Bastian, „andere sagen 
Weltanschauung". Je höher die Kulturstufe von der Horde aufwärts, 
desto komplizierter der Völkergedanke, in dem die Völker ihre idealsten 
Güter niederlegen. Wer hat denn die Verschiedenheit und Selbständig- 
keit wenigstens einer indischen, griechischen, chinesischen, mexikanischen 
Weltanschauung jemals bezweifelt? Und diese Weltanschauungen, ob 
nun der Naturvölker oder der Kulturvölker, nenne ich Völkergedanken, 
weil ich den Ausdruck genetisch fasse und sie untereinander vergleiche. 


Gedaehttitsrekr ftjr A. Bastian. 


Selbstverständlich treffen verschietloue Völkergedankon zuRämmein 
mir geschieht es nicht unter willkürlich gedachten Verkehrsboziehungen 
der Völker, sondern aiisschliesslieh in geographischer Bedingtlieit auf den 
10 die Kontinente eingeschnittenen Geschichts wegen; iiier durch die 
Völkertore der Gebirgspässe, dort den Flüssen, dort wieder der Küsten- 
entwieklußg folgend. Und diese Ge&ehicbtswege mögen sich addieren; 
was Alexander der Grosse nach Indien brachte, konnte über See nach 
dem Archipel gelangen. 

Kommen nun aber zwei Weltanschauungen oder zwei Völkergedauken 
SDsamnien, so reagieren sie aufeinander, so findet gegenseitige Absorption 
statt, Nichts ist unsinniger als eine Kontroverse „Entlehnung oder 
Völkergedanke*'. Eine solche Kontroverse — ich habe es hundertmal 
gesa^ift — existiert garnioht." 

Sie erselien also, dass sich der Völkergedanke keineswegs mit den 
ethnographischen Parallelen deckt Um Bastians Meinung hier genauer 
zu verstehen, muss man sich mit seinen j^Elementargedankeü** und seinen 
„geographischen Provinzen** auseinander setzen. 

Der Grundstein aller seiner Koustruktionen ist der^Satz, dass jeder 
Völker^ä*ilanke wie ein echter Organismus wachst Er hat sich aufgebaut 
und wächst aus seinen Einheitenj den ^Elemontargedanken**. Was 
dem Botaniker die Zelle, dem Chemiker das Atom ist — die Eins, mit 
der man rechnet und allein rechnen darf, um nicht in den Abgrund 
induktiv unlösbarer Ürsprungsprobleme zu stürben — , das sind dem 
Ethnologen die Elementargedanken. Am reinsten vermag er sie abzu- 
scheiden aus den psychischen Leistungen der Naturvölker (der Krypto- 
gamen des Jlenschengeschlechts) in Gestalt der einfachsten Elemente ihrer 
religiösen Vorstellungen, ihrer sozialen Einrichtnngen, ihrer Wirtschafts- 
formen, ihrer ästhetischen Regungen, ihrer technischen Fertigkeiten, Ihre 
Zahl ist relativ gering, weil die einfachsten Denkmöglichkeiten — man 
nehme t. B* die Urtypen der Waffen und Werkzeuge, «He sich durch 
Organprojektion beim Menschen mit gleicher psychologischer Notwendig- 
keit wie die Krallen beim Raubtier herausgebildet haben — bald er- 
schöpft sind. 

Ursprünglich müssen die Elementargedanken nach eisernem inneren 
Gesetz auf der ganzen Enlo gleichartig sein, gemäss der p.^yehischen Ein- 
heit des Mensch engeschlechtSj die aus seiner unverbrüchlich feststehenden 
physischen Einheit unmittelbar folgt Sie müssen aber variieren in ihrem 
Wachstum hier zu diesem, dort zu jenem Yölkergedankeu. Denn wie 
wächst ein solcher Zellenkomplex? Doch dadurch, dass er auf Süssere 
Reize reagiert So reagieren die Elementar gedanken auf ihre Umgebung 
in der jeweiligen ^geographischen Provinz**, wie die einzelnen 
grossen Areale gleichartiger äusserer Bedingungen von Natur und Klima 
j^enaunt werden* Die Kiemen targedanken {lassen sich an, genau so, wie 
sieh das Zellenleben der leiblichen Organe den klimatischen Bedingungen 
anpasst. 

Die Bedeutung der geographischen Provinzen ist Tjelfach verkannt 
worden, und dies bat manchen Schematismus verschuldet So hat man 



^46 K^fl ^^^ ^^^ Steinen t 

<?ine „Steinzeit" erfunden^ iler man eine „Knochen-, Muflchel- und Holz- 
zeit" an die Seite etelleii könnte — , so hat man die Folge der Wirt- 
Bchaftsformen des Jägers^ dea Hirten, des Ackerbauers erfunden — alles 
Krscheiuungen, ilie einfach von den geographischen Provinzen abhangen. 

Der Völkergedanke wurzelt also in seiner geographiachen Provinz, 
die er unserm Auge reflektiert: „auf den heitern Höhen des griechischen 
Olympos weilen die seligen Götter, in dm Nordens trüben Nebeltagen 
rast der Donnerer auf seinem Wagen durch die WolkeHj aus dem Dunkel 
dicht versclilungener Wälder tritt die wundersam gestaltete Dämonenwelt 
Indiens hervor, während dagegen wieder Polynesiens Heroen auf glatter 
Meeresfläclie im heiligen Kann dahiuschilfen*'^ 

So haben sich also die einzelnen Völkergedanken natnrnotwendij^ 
verschieden ausgebildet. In starrer Abgesclilosaenheit Hegt vielleicht — 
man gedenke Australiens — der Wildstamni. Bei ihm können sich die 
Reize allmählich so ausgeglichen haben^ dass er in Ruhe stagniert und 
dass keine Höherentwicklung mehr stattfindet. Aber das ist die seltene 
Ausnahme, Gewöhnliclj fallen aus einer andern geographischen Proviux 
ceue Reize ein.. Der Bann der physikalischen Natur wird durchbrochen 
und zwischen den geistigen Eigentümlichkeiten, die durch die Verschieden- 
heit beider Provinzen in jeder einzelnen erzeugt sind, tritt ein Kontakt 
ein. Mit dieser Bewegung und Berührung, die sich auf geographisch ge- 
gebenen festen Wogen vollzieht, beginnt dann erst dasjenige, was Ge- 
schichte und eigentliche Kulturentwicklung genannt wird, die 
Periode, in der das Agens geographischer Umgebung allmählich ganz 
zurücktritt und rudimontär wird. 

Das sind, wie ich glaube, die wichtigsten Gedankenformeln Bastians. 
Für ihn kommt die Entlehnung überhaupt erst dann in Betracht, wenn 
jede äclion aus allgemeiner Gesetzmässigkeit erklärbare Über- 
einstimmung vorher ausgeschult et ist, sie soll ausserdem in Jedem 
Einzelfall streng bewiesen werden. Hierfür galt ihm als klassisches Bei- 
apiel die Armbrust, das von den Mongolen einst nach dem Westen ver- 
breitete und von den Kremsfaiirern nach Europa gebrachte Kulturerxeuguis 
der Chinesen* Unmöglich konnte in der Tat die Armbrust als der 
elementar notwendige Gewinn eines Wildstammes aus seiner geographischen 
Provinz gelten. Dennoch beobachtete man ihr isoliertes Vorkoninien bei 
den Bewohnern der Nikobaren und bei den Fan des äijuatorialen Afrika. 
Aber die alten Geschichtsbahnen konnten aufgedeckt werden: vor Jahr^ 
hundorten hatten sie die Insulaner von den chinesischen Dschunken eines 
einstigen Handelsverkehrs und die Kongokuite sie bei den Küstenbesuchen 
-der noch mit ihr bewaffneten Portugiesen erhalten. 

Einen Gegensatz zwischen psychologischer und geographischer Richtung 
wollte Bastian überhaupt nicht anerkennen, da seine psychologische Er- 
klärung die geographische Bedingtheit voraussetzt. Ihm waren die Über- 
eiust immun gen nichts Auffallendes und Überraschendes^ sondern im 
Gegenteil das Natürliche und Selbstverständliche, und er bemuhte sich 
vielmehrj die Verschiedenheiten zu erklären. 



üedäcMiiisfeier für A- ß ist tan. 


247 


Wie immer die Zukiitift sich zum V^ölkergediinken nt^lUj sie darf 
niemals die ÜDgerechtigkeit begehBn, zweierlei zu verkejioen: erstens 
dasä Bastian auf das historisch verständliche, aber sonst flicht glfleklicho 
M'ort gar keiueu Wert legte, uud zweitens, das« er mit grösster Ent* 
schiedeuheit dem kostbare Zeit vergeudenden Streit wider8|>nich und die 
monographische Durcharbeitung der „Einzelfälle" durch geschulte Fach- 
mätuier als die wahre Aufgabe der Gegenwart an die Spitze i teilte. 

IDass es ihm mit diesem Ziele beiliger Ernst war, hat er bewiesen; mit 
genialem Blick wusste er die geeigneten Kräfte zu finden und fett- 
zuhalteUp 

Dasa er oft missverstanden wurde, hat uooh einen besondereii Urund, 
der dem Fernersteheuden paradox oder unglaublich klingen mag* Bastian 
war durchaus kein Ethnograph im engeren Hinne. Bei seinem un- 
geheuren Cberblick besais er den schärfsten Spürsinn für die Entdeckung 
wichtiger Stöcke imd eine sichere Kenntnis der Objekte; aber er war 
nicht imstande, sie zu beschreiben, zu messen, kurst deskriptiv oder morpho- 

rlögisch festzulegen. Er konnte entschieden nicht, was seine Volontäre 
konnten: eine Sanunlung methodisch katalogisieren oder in guter Ordnung 
«ind Etikettierung aufstdlöu. Er war der Beobachter der soziologischen 

'Pfianonifiue und Gesetze, aber nicht der Objekte und Formen, der 
perspektivischen Fernen, aber nicht der nahen Einzelheiten. 

Wie hätte er aber jemals das OrÖsste, wn^ er geleistet hat, so ge- 
schatten, wie er es sich zum dauernden Ruhme und unserui Vaterlande 
zur Ehre gescliatfeu hat» diesen herrlichen Tempel der Wissenschaft, 
wenn er wirklich der beste Ethnograph untreres Jahrhunderts gewesen 
wäre! Dann hätte er sich ein besonderes Forschungsgebiet in den 
Kontinenten ausgewählt uud dort vielleicht die vorzüglichsten Unter* 

|fiuchungen streng systematisch erledigt uud mustergültige Sammlungen 
augelegt — , dann wäre aber unser Völkermuseum in aeiner heutigen Be- 
deutung nicht erstanden! Wie wäre die unendliche Menge seiner Schätze 
üus allen Erdteilen zusanmiengeströnit, — und hiltte sein Leiter auch 
dieselbe rastlose Energie, dieselbe Kraft der Propaganda bei besserer 
methodischer Schulung besessen — , wenn er sich in dem Horizont des 
Spezialisten bewegt hätte? 

Wir haben ja einen ausgezeichneten Vergleich in Nordamerika. Dort 

[sieht die Ethnographie auf einem höheren Durchschnittsniveau als hei 
uns« wie auch leicht erklärlich ist, da sie aus dem Bedürfnis des Staates 
emporgewachsen, ein Erzeugnis der historisch-geographischen Provinz ge- 
wesen ist. Wenn aber dort dem Studium der amerikanischen Eingeborenen 
die reiehsten Mittel zufiiessen und die glänzendsten Arbeiten zu teil 
werden, wenn ihre sämtlichen Erzeugnisse in systematischem Cberblick 

fgesammolt werden, so sind doch aus den übrigen Kontinenten mit wenigen 
Ausnahmen nur die Schaustücke vorhanden, die von gelegentliohen 
Expeditionen und Reisen herrühren. Ein Bild der Menschheit wird nicht 
geliefert 

Warum haben in demselben Sinne Paris und London zwar Hamm* 
lungen, die^ soweit französische und englische Herrschaft reiebt, die 



248 


Kttrl VOM dt*B Stein t^JK 


BerHner weit übertrefftui mögen* aber keineswega ein Weltmiiseuni? Nach 
meiner Ansicht kann die Antwort nur lauten: sie hatten keine tt< 
Bastian! 

Nur ein Geist, der eich mit Ädlerflu^ über den Gesichtskreis der' 
einzelnen Erdteile einporBcljwaiig und doch nach den Gesetzlichkeiten im 
Kleinsten nnd Unacheinbarsten überall ausspähte, konnte die ungeheurej 
Aufgabe konzipieren, Tergleichbare Belegstücke für den Entwicklungsgang] 
der gesamten nionsehlichen Kultur auf allen seinen Stufen an eiuein Ortel 
zu vereinigen. 

Der gewaltige Aufschwung der geographischen Forschungstätigkolt, 
die Entwicklung des Verkehrswesens und des Handels, die Begründung 
der Kolonien kamen zu Hilfe, Wie aber war Bastian bestrebt, jeden 
Vorteil eiligst für die Etlinologie wahrzunehmen! War eine neue politische 
oder wirtschaftliche Konstellation im Schwange oder wurde über eine neue 
Kolonie diskutiert, flugs war ein neues Bastiansches Buch zur Stelle: 
Was ist der Diplomat, der Kaufmann, der Kolonisator ohne ethnologische 
Kenntnis?! Was nützt es ihm, wenn er selbsst die Lantsprache des Volkes 
lernt imd die Sprache der Gedanken nicht versteht! 

Mit lautem Weck* und Warnruf trat er Jahr und Jahr für das 
Sammeln bei den dahinsterbenden Naturvölkern ein: „der letzte Augen- 
blick ist gekommen, die zwölfte Stunde ist da! Dokumente von unerni ess- 
lichem, unersetzlichem Wert für die Menschheitsgeschichte gehen zugrunde. 
Rettet! rettet! ehe es zu spät ist." 

Und an seiner flammenden Begeisterung entzündeten sieh Alle! Die 
Forschungsreisenden eilien hinaus und kannten keinen grösseren Stoh 
als des Alten Glück und Freude zu sehen, wenn er sie nach erfolgreicher 
Heimkehr stürmisch umarmte. — Besitzer einer Sammlung, die sich 
bisher des Zimmerschmucks und der lieiseerinnernng gefreut hatten, 
empfanden plötzlich Gewissensbisse und schenkten ihm, was er nur wollte. 
— „Die Eis wand des Reichtums^, schreibt Neumayer, „schmolz vor 
seiner Wärme» seiner grenzenloseu Anfopfcrungsfähigkeit und seiner Be- 
scheidenheit.** 

Mit 70 Jahren arbeitete er noch fern der Heimat für sein geliebtes 
Museum. Es war ihm nicht vergönnt, den geplanten Ausbau zu erkdieu. 
Je mehr es sich aber in Zukunft vergrösseru und je reicher es sich mit 
Kostbarkeiten füllen möge, es wird nur beller den Ruhm seines genialen 
Schöpfers der Nachwelt künden! 

Aber wir, die wir ihn kannten und verehrten, müssen und wollen 
ihm vor allem in unseren Herzen ein Denkmal errichten; wir wollen nna 
an dem Adel seiner Gesinnung und an seinem Idealismus erheben! 

Was hat dieser MaiiUj der immer hilfsbereit, immer opferwillig war, 
jemals im Leben für sich gefordert? Freiheit für seine Arbeit! Aber 
Genusses Eliren, Auszeichnungen? Wann hätte er sich jemals seiner 
Taten und seiner Verdienste selbst gerühmt? 

„Und hinter ihm in wesenlosem Scheine 
Lagp was uns Alle bändigt, das Gemeine!" 


i_' 


GedÄcbfuJsfeier fir A* Bastian- T^^^ 249 

Eid Seher, den Blick gewandt zu den lichten Ätherhöheu der Wissen- 
schaft, und 111 seinem £rden wallen eine Idealgestalt reinen, selbstlosen 
Surebens, wird er fortleben in unserin Gedächtnis!'' 


Hieran schloss sich die nachfolgende 

Ansprache 

des Vorsitzenden der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin, 
Hrn, Dn Freiherrn von Richthofen. 

„Bei einem Nachruf für uneeren dahingegangenen Frennd und Meigter 
gebührt das erete Wort denen, welche das Gebiet seines eigensten Wirkens 
und Schaffens» die Kunde der Völker und ihres geistigen Lehens, in der 
von ihm selbst zu deren Pflege begründeten Änt]jropologischeu Gesellschaft 
vertreten. In doo Gefühlen hoher Trauer und Verehrung aber steht ihr 
die Geiellschaft für Erdkunde nicht zurück, welche in Bastian ihren ehe- 
maligett Vorsitzenden und nachberigen jahrelangen Ehren-Pr&sideuten ver- 
loren hat. Mit ihren Mitgliedern vereinigen sich — das glaube ich hier 
I aussprechen zu dürfen — alle Geographen Deutschlands in ilankbarenL 
Gedenken an die gewaltige, fördernde Anregung, die der Dahingeschiedene 
für die Entschleierung unbekannter Länder gegeben hat. 

An fünf deutschen Universitäten hatte Bastian seinen Heisshunger 
«aih Kenntnis befriedigt; kein Gebiet wnr ihm zu entlegen; in allen Fakul- 
täten hatte er Belehrung gesucht. Dann führte ein unwiderstehlieher 
Drang nach eigener Anschauung den 25jährigen jungen Mann hinaus in 
die Welt. Alle Länder wollte er rait eigenen Augen sehen^ mit allen 
Völkern durch persönlichen Verkehr vertraut sein. Als Schiffsarzt ging er 
1851 nach Australien. Mit Landreisen in diesem Kontinent begannen die 
Wanderjahre, die für ihn niemals geendet haben, aueh nachdem er längst 
ein Führer und Meister geworden war. Sein Weg führte ihn nach Neu- 
Seeland und über den Grossen Ozean naeh Peru, wo er nach Cuzeo, der 
damals nur innhevoll zu erreichemlen Stadt der Inka vordrang, um die Reste 
ihrer eigenartigen Kultur zu studieren; dann weiter nach den sütl- 
llchen Vereinigten Staaten, nach den aztekischen Kulturstätten auf dem 
Hochtande von Mexiko, und nach Kalifornien. Eine Segelfahrt brachte 
ihn wieder über den Stillen Ozean nach dem damals noch völlig verschlos- 
senen China* Von dort ging er nach Ilinteriudien, Indonesien und Indien. 
Ausgedehnte Bootfahrten im Ganges tal und Landreisen im Dekkan fnhrten 
ihn nach Bombay und, da Persien zur Zeit nicht zugänglich war, nach 
Mesopotamien und Syrien. Hier war er in der Nähe der Heimat, Aber 
unersättliches Verlangen trieb ihn weiter, zunächst nach Afrika. Denn von 
allen ehemaligen Mittelpunkten und Ansgaugsländem grosser Kulturen 
fehlte ihm noch Ägypten. Von Kairo fuhr er den Nil hLuaiit durchquerte 
das Uebirgsland nach Kosselr, und das Kote Meer nach Dschidda, um dann 

ZglttalirHt für EthnoloKls^ Jahrs. 1905. Uefl 2 u :S. XI 




250 ^^^? von RichtUafcw: 

mit einer Karawauo von Mokka aus den Laiulweg nach Aden eins^ti- 
schlugen. Weiter ging er nach den Seychellen, Mauritins und Kapstadt, 
von wo er das iniiere Sildafrika durchstreifte; eodaan an der Westküste 
von Afrika nordwärts. Er besuchte Loanda, drang nach der damals halb 
mythischen Hauptstadt des Negerkönigreichw Kongo, San Salvador, vor. 
besuchte die Insel Fernando Po, das Nigerdelta, Liberia, Sierra Leone, 
Beneganibien und betrat in Liseabon wieder den Boden Europas* Aber 
noch fehlte dieser Erdteil im Rahmen seiner Anschauungen. Ehe er in 
seine Heimat zurflckkehrte, dnrch^og er daher Portugal, Spanien, die 
Tilrkei, Rn^sland, Schweden und Norwegen, Nach achtjähriger Abwesen- 
heit traf er 1851) in seiner Vaterstadt Bremen wieder ein. 

In kurzer Frist war hier neben anderem ein dreib&ndiges Werk ver- 
fasst, in welchem gleichzeitig mit dem Ergebnis dieser ersten W'andemng 
das Ziel aller nachmaligen Reisen niedergelegt war. Es führte den bedeut- 
samen Titel: „Der Mensch in der Geschichte, zur Begi*iindung einer psycho- 
logischen W^eltanschauung'^, 

Schon 1861 ergriff Bastian wieder den Wnnderstab. Mächtig hatte 
ihn der indische Kultur bereich angezogen. Ihn wollte er genauer kennen 
lernen. Ober Madras ging er nach Birma, wo er sich ein Jahr aufhielt, 
sodann nach Siani, Kambodja und Indonesien. Über Peking, Kiakhta, 
Irkütsk, mit einem seitlichen Abstecher nach dem Kaukasus^ kehrte er 
nach fünfjähriger Abwesenheit nach der Heimat zurück, w^o er die geistige 
Verarbeitung seiner Erfahrungen in dem j^ossen, sechsbändigen Werk 
über die Völker des Östlichen Asiens niederlegte. 

Einem Ihn Batuta ähnlich, aber dem grossen mohammedanischen 
Periögeten des vierzehnten Jahrhunderts in der Höhe der Ziele und in der 
räumlichen Ausdehnung des Bereiches der Wanderungen weit überlegen, 
hatte Bastian fast alle Länder der Erde durchzogen. Im Jahr 1867, Im 
Alter von 41 Jahren, wählte er Berlin als Wohnsitz, und hier erschloss 
sich ihm ein Feld für grosse, fruchtbringende Tätigkeit Er trat sogleich 
als Mitglied in die Oesellschaft für Erdkunde ein. Eng war damals der 
geographische Gesichtskreis der grossen Mehrzahl auch innerhalb der ge* 
bildeten Kreise in Deutschland, klein die Zahl wissenschaftlicher Männer, 
welche zu Zw^ecken der Forschung andere Erdteile besucht hatten. Da 
war es ein Ereignis, als der Mann nach Berlin kam, der in persönlichem 
Verkehr so viele Völker kennen gelernt hatte, wie kein anderer Lebender. 
In begeisterter Rede gab Bastian der Art Ausdruck, wie die zahllosen 
Bilder sich in seinem Geist spiegelten, und suchte die grossen Probleme 
darzulegen, welche er daraus ableitete. Schon im folgenden Jahr, 1868^ 
wäliite ihn die Gesellachaft für Erdkunde zu ihrem" Vorsitzenden, und es 
bildete sich um ihn der engere Kreis der „kleinen (leographie''. Nachdem 
am L April 1871 die übliche dreijährige Periode seiner Amtsführung ab- 
gelaufen war, wurde er für das (feschaftsjalir 1872/73 wiedergewählt. Am 
1. April 1S73 fiel mir auf seinen Vorschlag die Ehre zu, an seine Stelle 
zu treten. 

Ausser lieh ist die Zeit des Vorsitzes von Bastian in der Geschichte 
der Gesellschaft für Erdkunde durch nichts ausgessei ebnet. Er war selbst 


Gedächtiiisfeier rOr A. Bastian, 


351 


[toii IjoispielloserBedörfriTslnsigkeit; es ist nioht «lenkbar, Aw eigene Person- 
liclikeit geringer eiDxuschäizen und ein bescheideneres Maas von Ansprüchen 
mi Am Leben tu stellen, ale es bei ihm der Fall war. Daher legte er 
ineh kernen Wert darauf, die Gee^Vbcbaft aus ihren kleinen und be- 

r^«chrankten Verhältnissen tu einem äiiaserlich höheren und würdigeren 
«Standpunkt zu erheben* Auch blieb die Zahl der Mitglieder auf ihrer 
jeringt^ü Höhe. Aber Bastians Name genügte, um der (Tesellschaft för 

[Erdkunde Glanz zu geben, und sein Streben war darauf gerichtet, ihr ein 

(hohes Ziel der Betätigung anzuweisen. 

Sein Auge überschaute »len Globus, Überall waren ihm Länder und 
Völker vertraut Nur dort, wo er die westlichen Kflsteuländer von Afrika 
besucht hatte, w^ar iler Blick in das Innere gehemmt. Ein dichter, noch 
niemals gehobener Hchleier lag über weite Landerstrecken ausgebreitet; 
ans Inner-Afrika war auf den Landkarten jener Zeit ein grosser, zusammen- 

^ hängender weisser Fleck, Einzelne portugiesliche Händler waren früher 
von Angola aus hineingekommen. Was man von ihnen erfuhr, waren Namen 

■ ohne Bedeutung. Diesen Schleier zu lüften, das war da« Ziel, dem er 

[«ich mit dem Feuer lieiliger Begeisterung widmete und für das er alle »u 
üebote stehenden Kräfte zu gewinnen suchte. 

Bereits waren die ersten Schritte der Entdeckung gescheiten* Heinrich 

'Bartlt und Vogel (IS^O — 56) hatten von Norden her, Livingstone 
(1852—73)700 Süden aus, Burton, Speke, Grant und Baker (1858-64) 
und Clans von der Decken (1861) von Osten her grosse Erfolge er- 
rungen: Nachtigal war auf seiner denkwürdigen Reise im Sudan 
^1870—74) begrifTon, und Schweinfurth unterwegs im Gebiet des (Tazellen- 
tlusses (1870). Aber noch hatte Keiner den Versucli gemacht, von Westen 
her in das Unbekannte einzudringen. Und gerade hier trennte nur ein 
schmaler, selbst nur au wenigen Stellen bekannter Küstenstreif da.s Meer 

pTon der inneren, weis<sen Fläche. Von hier ans, so durfte man RchHesseu, 

'müsse man am leichtesten das vielseitig erstrebte Ziel erreichen können. 
Bastian suchte in Deutschland die Herzen für den Plan zu ent- 
fhmunen. Seinem glühenden Enthusiasmus ist es gehingen, das Werk in 
die Wege zu leiten» Die materiellen Mittel freilich unterschätzte er 
ebenso, wie die Schwierigkeiten der Ausführung, Private Initiative allein 
sollte das Geld schaffen. An vielen Türen klopfte er an; bei einigen 
gelang es meiner von idealem Schwung getragenen Beredsamkeit, das Ei» 
^ler Oleichgültigkeit für geographische Forschung zu schmelzen und an* 
sehnliehe Einzelbeträge zu erhalten. In erster Linie aber vereinigte er 

Jn Berlin, als Vorsitzender der Geh*ellschiift für Erdkunde, lüe Führer der 

E<lanialigen geographischen Vereine Deutichlauds zu einer Afrikanischen 
4 lesellichaft, und er setzte die schwierige Aufgabe durehi allen Mitgliedern 

.dieser Vereine eine jährliche Kopfsteuer für das gemeinsame Ziel auf* 

fsuerlegen. 

Es war ein glücklicher Augenblick seines Lebens« als im Jahr 187Ä 

Wie erste Expeilition der Afrikanischen Oesellechaft unter ausgezeichneter 
Führung die Heimat verlless, um ihr Werk in Tschintechoscho, einem Platis 
nördlich von der Kongomündung, den Bastian selbst ihr als Ansgangs- 

\1* 


i 



I 


I 


von EJchthofen : 

punkt zugewiesen hatte, zu beginueii. Sein Eifer aber trieb ibo hinaus, 
ihr gelböt zu folj^eu, uud so kam es, dans er im Jahr 1873 tnm zweiten 
Mal die weatafrikanischen KüsteDläDder in diesen Breiten besuchte. 

Der Erfolg: hat den Hoffnungen nicht entsprochen. Die Mittel waren 
nicht ausreichend, um all »lie ungeahnten Scliwierigkoiten 2u überwiudeu, 
welche sich gerade entlang dieses Teiles der die Küste begleitenden 
Bodenscbwelle dem Eindringen entgegenstellen. Sie liegen in der klan- 
artigen Verteilung selbständiger kleiner StÜninie, deren jeder seinen un- 
abhängigen Häuptling hatte und von dem Weisenden besonderen Tribut 
erhob; ferner in der eiferÄÜchtigen Feindschaft der augestammten Träger 
des Handel», und in der Ungeeignetheit der Eingeborenen für den Die 
als Träger. 

Bastian bes^nügte sich damit, die Unternehinungen ssur Lösung 
grossen Probleme ins Leben zu rufen. Von der Führung trat er zurück. 
Wenn dann später unter anderer Leitung der Afrikanischen (ieselkcbaft, 
von anderen Ausgangspunkten aus, mit grösseren, vom Deutschen Reieb 
gewährten Mitteln grössere Erfolge erzielt, die südlichen Zuflüsse des 
Kongo der Reihe nach entdeckt wurden, und hierbei Forschungsreisende 
hohen Ranges, wie Wissmann, Kundt, Tappenbeck, Wolff und andere 
ihre Ausbildung für spätere afrikanische Forschungsarbeit erhielten, so 
bleibt doch Bastian allein das Verdienst, deo grossen Plan erdacht und 
seine Durchführung angebahnt zu liabon. Es war das erste, in grossem M 
Stil organisierte, der wissenschaftlich geographischen Forschung im Aus- ™ 
lande gewidmete deutsche unternehmen. Niemand konnte damals ahnen, 
dass der Schlüssel zur Erreichung des Westrandes des grossen weissen 
Fleckes in der Durchquerung des Kontinentes von dem ungleich leichter 
zu durchwandernden Osten her gelegen sei. Ein glückliches (legchick 
führte Henry Stanley auf diesen Weg. Mit eiserner Energie und un- 
begrenzten Mittein legte er ihn 1877 zurück, und luit dieser Grosstat war 
der tirnnd zur Lösung des Problems gelegt, welchem Bastian die ersten 
Jahre seiner Tätigkeit in Berlin gewidmet hatte. 

Diese mächtige Anregung ist Bastians bedeutendste Leistung auf 
geographischem Gebiet Seine eigenen Wanderungen aber waren damit 
keinesw^egs ubgescidossen; denn immer wieder trieb es ihn hinaus in die 
Ferne. Sein Leben zerfällt hinfort in Perioden emsigster Arbeit in Berlin 
und solche der Reisen, auf denen er Kenntnisse, Eindrücke und Ideen 
sammelt, auch wohl Bücher im Ausland schreibt und Schätze für sein 
Museum erwirbt. Ohne Benachrichtigung und ohne Abschied verschwindet 
er aus Berlin; ohne Anmeldung überraselit er nach Jahren durch plötzliche 
Wiederkehr* So sehen wir ihn in den Jahren 1875 — 7ü in Peru, Ecuador^ 
Columbia, Guatemala, von wo er über San Francisco, New York und die 
Antillen zurückkehrte. Dann geht er 187Ö— 80 tdme jegliches Reisegepäck 
durch Russland nach Persieu, Sansibar, Tndoneisien und triti't, naeh Besuch 
Pacifischer Inselgruppen, über Nordamerika, wiederum nach einem Ab- 
stecher nach den Antillen, abermals in Berlin ein. Am 28. April 1883 
wurde er zum Ehrenpräsidenten der Gesellscliaft für Erdkunde proklamiert. 
Drei Jahre später hatte er die Freude, dass in Gegenw^art des Kronprinzen. 


GedAchtoiBreier für A. Basti Hd, 


4t*s nachnialigeti Kaisers Priedrich, die feierliche Eröffmiiig des MuBeunis 
für Völkerkunde stattfand* Von da an wurden die Zeiten seiner lleiBen 
immt^r länger; man wusate kaum, wo er war. Mit Jubel wurde er begrüsst, 
wenn er nach jahrelanger Abwesenheit unerwartet in einer Sitzung der 
tieselbchaft für Erdkunde wieder erachien. Ata im letzten Jahr die Kunde 
Ton seinem Aufenthalt in Jamaica kam, hofften wir ihn bald wieder unter 
uns zn sehen. Er kehrte nicht zurück. Ein einsamer Weltwanderer, be- 
scheiden und zurückgezogen, fast unbeachtet, selbst von eeinen Lands- 
leuten, verschied er in der Fremde. 

Ein Leben rastloser, uneig^euniitziger Tätigkeit ist damit abgesehloasen ; 
ein Leben im reinsten Dienst tler Wissenschaft. 

Blicken wir zurück« so sehen wir einen Mann, klein von Gestalt, 
aber von grossem, wunderbar Hufnahmebedürftigem Geist, der, mit um- 
fa.sigendem wissenschaftlichen Rüstzeug versehen, ohne Rast die Länder 
der Erde durchstreifl, wie kaum ein Anderer jemals vorher und nachher 
Xetan hat und jede Ruhepause benutzt, um sein Rüstzeug aus der Literatur 
der Zeit zu vervollständigen und, tiefem innerem Drange folgend, der 
Mitwelt in bändereichen Werken dit? Eindrücke so darzureichen, wie sie 
sich in seinem Geist gestaltet haben« Vergegenwärtigen wir uns die Art 
dieser Gestaltung, so erkennen wir leicht, dass Bastian ein Geograph im 
heutigen Sinn nicht gewesen ist. Die landschaftlichen Gebilde, die an 
äeinem Blick vorübergezogen waren, zerflossen in nichts; Gestalt und 
^atur der Länder schienen sich in seinem Auge ebenso wenig zu spiegeln, 
wie er eine Erinnerung von Beschwernissen und Entbehrungen zurück- 
behielt Auf den Menschen allein war sein Augenmerk gerichtet; aber 
nicht auf die Einzelmenschen als physische Individuen, sondern auf die 
Völker; und auch auf diese nicht als wesenhafte Gebilde der menschlichen 
(lesellüchaft, sondern auf die Abstraktion der Vdlkerseele, wie sie sich in 
dem Denken und Empfinden der Gesamtheit, in Religion, Kultur und 
gesellschaftlichen Einrichtungen zu erkennen gibt; und wenn er sich in 
dem Anbahnen der Aufhellung des dunklen Kontinents hohe Verdienste 
erworben hat, 00 waren ihm doch Gebirge, Flüsse, Klima, Wälder, Meeres- 
bähen unwesentliche Begriffe; für ihn war der weisse Fleck der Karten 
nur ein grosses Gebiet, auf dem unbekannte Völkerschaften, oder, vielleicht 
richtiger, Volksseelen geheimnisvoll sich bewegten. 

Der gleiche Gesichtspunkt war ihm leitend, wenn er wie mit Seher- 
blick Erde und Menschengeschichte überschaute* Weite Perspektiven 
4>frneten sich ihm dann in den inneren Zusammenhang, die zeitliche 
Entwickelung und räumliche Ausbreitung der Formen des Denkens und 
religiösen Empfindens. Für das räumliche Moment suchte er einen Aus- 
druck in dem unbestimmten Begriff der geographischen Provinzen, in die 
er die Festländer zu teilen strebte. Das zeitliche führte ihn durch die 
geschieh tlichen Wandlungen hindurch in die Gegenwart, Unvergessen 
tnuss weiter bleiben, wie er die Schauplätze des W^eltgetriebes und die 
Bahnen des Weltverkehrs in grossen Zügen zusammenfasste und schon früh 
dasi östliche Asien als die Region erkannte, wo binnen Kurzem tler ge- 


254 ^^^ Eichthofoa: Gedächtnisfeier für A. Bastian. 

waltigste Wettbewerb der Natioiieu um den Vorrang iu der Welt- 
beherrBcbung statifiaden würde. J 

80 blieb das Ideal, das er in seinem erstoTi grossen Werk: „Der 
Meiiach in der Geßcbichte, zur Begründung einer psycliologi&eheu Welt- 
anschauung^ erstrebte, der Leitstern seinem Lebens und seines Handelns 
tmd Schaffensj, Die Erzeugnisse tler Völker in Kunst und Gewerbe waren 
ihm Äusserungen ibrer geistigen Tätigkeit und vor allem ihrer religiösen 
Anschauungen. Hohe Technik, ästhetischo Schönheit und künstlerische 
Vollendung spielten für ihn keine Rolle dabei; ihm standen sie hinter 
dem Ausdruck eines ursprünglichen oder überkommenen Gedankens in 
dem einzelnen Gegenstand an Bedeutung weit zurück. Diese Erzeuguissa 
als bleibende Dokumente zu sammeln, besonders soweit sie dem Bereich 
der Naturvölker und ursprünglichen, von Europa unbeeinflusst geblielieneu 
Kulturkreisen entstammen, war das Ziel, das er erstrebte und für das er 
mit dem Enthusiasmus eines Propheten die Mitlebenden fortzureissen nie- 
mals nachgelassen hat. 

In welch ausserordentlichem Mass er dies Ziel erreicht hat, davon 
zeugt seine Schöpfung, dieses herrliche Museum, in dem wir uns zu seinem 
Nachruf versammelt haben. Aber nicht an dieser Stelle allein wird 
Adolf Bastians Geist fortleben. Nie wird die Gesellschaft für Erdkunde 
aufhören, in Verehrung und Dankbarkeit der mächtigen Anregung ^u 
gedenken^ die er ihr und den Geographen des ganzen Deutschland in 
flammender Rede zu tatkräftiger Beteiligung an der Erforschung von 
Afrika gegeben hat; sie wird sich des von ihm am klarsten erkannten 
Bandes bewusst bleiben, welches Erdkunde und Volkerkunde vereint und 
seinen symbolischen Ausdruck in der Tatsache findet, dass aus der Gesell- 
Schaft für Erdkunde heraus Bastian die Gesellschaft für Anthropologie, 
Ethnologie und Urgeschichte ins Leben gerufen hat; und mit Stolz werden 
spätere Generationen in den Annalen der erste reu seinen Namen als 
ehemaligen Vorsitzenden und Khren-Prasidenten verzeichnet finden, 

ünvergesslich wird denen, w^elchen es vergönnt war» mit Adolf Basthiu 
zu arbeiten und zu verkehren, die Treue seiner Freundschaft, der Adel 
und die Lauterkeit seiner Gesinnung, die unendliche Selbstlosigkeit und 
Wahrhaftigkeit seines persöulichen Wesens, die geistige und begeisternde 
Anregung, die sie von ihm empfingen, und sein von idealem Schwung 
getragener Patriotismus sein* 

Ehre dem Andenken unseres grossen dahingeschiedenen unvergessliehen 
Meisters- 

Möge es uns gewährt sein, noch einmal zu seinem Gedächtnis luis 
zu versammeln, wenn, wie wir hoffen dürfen, die Gebeine des einsamen 
Weltwanderers in heimischer Erde ihre letzte ehrenvolle Ruhestätte finden 
werden.** 


F 


Waldeyer: Schlmswort 255 

Die Feier beendete das nachfolgende 

Schlusswort des stellvertretenden Vorsitzenden der Berliner 
Anthropologischen Gesellschafti 

Hrn. Dr. Waldeyer. 

„Sie Alle haben sicherlich mit tiefer Bewegung vernommen, wie unser 
Bastian, dessen Wanderstabe und umfassendem Gedankenfluge die Erde 
zu klein war, einsam dort im fernen Meere, auf Trinidad, fast ohne Zeugen 
bestattet worden ist. Erst jetzt, nachdem der Rastlose schon lange die 
ewige Ruhe in der Mutter Erde gefunden hat, konnten wir ihm hier Ton 
dieser Stelle aus, an der sich die Früchte seines Wirkens zusammen- 
gefunden haben, die letzte Ehre erweisen. Tief ergriffen blicken wir noch 
einmal, ehe wir scheiden, auf die lorbeerumschmückte Büste des schlichten, 
einfachen, selbstlosen Mannes, dem die Wissenschaft, das Vaterland und 
wir Alle so vieles verdanken. 

Aus dem Munde unseres ersten Vorsitzenden haben Sie vernommen, 
dass wir Adolf Bastian als Gründer dieses Museums und unserer Gesell- 
schaft anerkennen; unser zweiter Vorsitzender hat dann in ebenso inhalt- 
reicher wie formvollendeter und warm empfundener Rede die Verdienste 
des Verblichenen um die Wissenschaft und dessen Persönlichkeit geschildert, 
und der erste Vorsitzende der Gesellschaft für Erdkunde vollendete das 
Bild mit den umrissen der schier endlosen Fahrten des unermüdlichen 
Forschers um den Erdball herum und mit dem Hinweise der Bedeutung 
des von Bastian entworfenen Forschungsplanes für die geographische 
Erschliessung von Inner-Afrika. Schon jetzt stehen wir staunend vor 
diesem Bilde, staunend und verehrend zugleich, wenn wir uns des echten 
Forscher- und Gelehrtentums erinnern, welches den Hingeschiedenen 
beseelte, der für sich Nichts, für die Förderung der Wissenschaft im hosten 
und edelsten Sinne Alles erstrebte, treu bis zum Tode! Und gerade 
dieser Gedanke ist es, der uns heute hier besonders fesselt und zusammen- 
hält; Ehrfurcht empfinden wir vor der Wissenschaft und dem Mann, der 
ihr ein so lauterer Priester war. Wenn erst mit dem Vergehen der Jahre 
alles das Krause, Seltsame und oft kaum Verständliche verblasst ist, was 
die durch und durch eigenartige Persönlichkeit des Heimgegangenen um- 
gab, dann erst wird sich wie ein lichter Stern in unvergänglichem Glänze 
Adolf Bastians Lebenswerk vor uns aufrichten, ein Memento für alle 
Zeiten! 

Wir sind hierher gekommen, den teuren Toten zu ehren und sein 
Gedächtnis unter uns aufzurichten. Sicherlich wäre das nicht in doni 
Sinne Bastians und auch nicht in dem unsrigen, wenn es bei den hier 
gesprochenen Worten, seien sie auch noch so treu und warm (»mpfunden, 
verbliebe — nein, ehren wir den Mann durch die Tat, durch die Ft»rt- 
setzung seines Lebenswerkes! Er selbst hat mir, als ich die Elire hatte, 
das Rektorat der Universität zu führen, wiederholt von seinen Plänen 
gesprochen und mich ersucht, mich in deren Betreiben ihm anzuschliessen. 


256 Godiehtnisfeier für A. BastiaB. 

Es sind auch damals erste Schritte nach der von ihm ins Auge gefassten 
Richtung geschehen. 

Bastian erstrebte mit aller seiner Energie die Ausgestaltung dieses 
Museums und der Anthropologischen Gesellschaft im Zusammenwirken zu 
einem grossen, der Universität anzugliedernden Institut, in welchem die 
gesamten anthropologischen und ethnologischen Disziplinen planmässig 
gelehrt und auch selbständiger Forschung auf allen hergehörigen Gebieten 
Raum und Mittel gewährt werden sollten. Ein so grosser Plan lässt sich 
nicht rasch und mit einem Schlage verwirklichen; aber er muss zur Aus- 
führung kommen; schon steht leider Deutschland hierin anderen Kultur- 
völkern nach. Möge der Geist und der Wille Bastians in uns lebendig 
bleiben^ dass wir Alle, Jeder für seinen Teil, diesem grossen, würdigen 
Ziele unablässig zustreben: dann werden wir es auch erreichen und dann, 
an dem Tage der Eröffiiung dieser Anstalt, werden wir eine Gedächtnis- 
feier halten können ganz im Sinne des einzigen Mannes und seiner wert! 
Mit dieser Gesinnung lassen Sie uns, verehrte Anwesende, von dieser 
Stätte scheiden.** 


1. Abhandlungen und Vorträge. 


1. Beitrag zur Vorgeschichte des Picenums, Italien.*) 

Von 
Dr. S. Bafflioni (Göttingen). 

In einer früheren Mitteilung*) an die Accademia dei Linoei in Rom*) 
konnte ich über zahlreiche Ton-, Bronze- und Eisengegenstände der ersten 
Eisenzeit (Hallstattperiode) berichten, welche in der Gegend von Bel- 
monte-Piceno (einer kleinen Gemeinde im Kreisbezirk von Fermo, nicht 
weit von der adriatischen Küste) in Totengräbern gefunden wurden und 
welche einen Einblick in die eigentümliche Torrömische Kultur des alten 
Picenums dieser Gegend gestatten. 

Neuerdings bin ich in der Lage gewesen, eine weitere reiche Ausbeute 
von in manchen Beziehungen noch bedeutenderen prähistorischen Objekten 
aus demselben Fundorte und aus derselben Zeit zusammenzubringen, die 
imstande sind, unsere Kenntnisse über diese Kultur zu erweitem. 

Hier dürfte eine kurze Beschreibung dieser kulturellen, dem Picenum 
eigentümlichen Überbleibsel folgen. 

Leider lasst sehr oft die Art und Weise der Ausgrabungen (welche 
bisher fast ausnahmslos von den Bauern bei ihren Feldarbeiten gelegentlich 
ausgeführt wurden, von denen ich dann direkt die Objekte bekommen 
habe) den Zusammenhang der verschiedenen Fundstücke untereinander, 
ja zuweilen nicht einmal die äussere Form derselben infolge ihrer Zer- 
trümmerung beim Herausholen erkennen. 

Es wäre tatsächlich wünschenswert, dass einmal systematische und 
fachkundige Ausgrabungen dieses interessanten Gräberfeldes vorgenommen 
würden. 

Immerhin konnte ich folgende allgemeine Charaktere des Fundortes 
feststellen. Es handelt sich lediglich um Flachgräber und zwar um nicht 
allzu tiefliegende Skelettgräber, ohne unterirdische oder oberirdische Stein- 
setzungen oder Holzsärge, sodass kein äusseres Kennzeichen vorhanden ist. 


1) Vorgelegt in der Sitzung vom 22. Oktober 1904. 

2) Die vorliegende Mitteilung bildete das Thema eines Vortrags, den ich in Torigcm 
Jahre in der Anthropologischen Gesellschaft in Göttingen und lu Jena gehalten habe. 

3) Notifie degli Scari, mese di Aprilc 1%!. 


258 


S. Baglioni: 


Das Skelett liegt darin horizontal auf einer Seite (gewöhnlich auf der linken 
Flanke) und die Beine an den Leib hinaufgezogen. Eine bestimmte 
Orientierung der Skelette war nicht ohne weiteres zu erkennen. 

Wegen weiterer Einzelheiten in dieser Hinsicht möchte ich auf meine 
oben zitierte frühere Mitteilung verweisen, und ich gehe sofort an die 
Aufzählung und kurze Erläuterung der hier abgebildeten neuen Objekte. 

Die Gegenstände, von denen hier die Rede sein soll, sind fast aus- 
schliesslich aus Bronze, nur einige wenige aus Eisen, Knochen, Bernstein 
und Glas. 

1. Halsringe. Sie kommen sehr häufig vor, häufiger als gewöhnlich 
in anderen Grabstätten Italiens aus gleichzeitiger Kultur. Ausnahmslos 
aus Bronze zeigen sie jede beliebige Form, die von diesen Schmucksachen 


Fig. 1. V* nat Gr. 


Fig. 2. 




Fig. a. V4 n*t. Gr. 


Fig. 4. V4 nat. Gr. Fig. :>. V, nat. Gr. 





bekaont sind: dünn und massiv, glatt oder gewunden nach einer Richtung 
(Torques), verziert oder unverziert, manchmal von ungeheurer Grösse und 
ausserordentlichem Gewicht. Ihre Endigungen werden bei den massiven 
Exemplaren von zwei nach aussen gerichteten Knöpfen dargestellt, bei den 
dünnen Exemplaren von zwei Haken, die sich ineinander einhaken 
(s. Fig. -Aa und G der zitierten Mitteilung). Ich gebe hier zwei neue Hals- 
ringe ^) wieder, von denen dereine (Fig. 1) besonders interessant ist wegen 
der Verzierungen, die er an seinem Umfange (vier Anschwellungen, acht 
Schellen) aufweist, und wegen der eigentümlichen Endigungen (zwei Haken, 
die mit einem Ring verbunden sind, den man beim Anziehen des Ringes 
um den Hals herausziehen konnte). Fig. 2 stellt eine solche Schelle dar 
von grösserem Umfange, in demselben Grabe gefunden, wie der eben be- 


1) Sämtliche Gcgenständo siud, wenn kein anderer Massstab angegeben ist. auf 
Vs nat. Gr. verkleinert. 


Zur Vorgeschichte des Piceaums. 


259 


sprochene Halsriug, und welche offenbar einem anderen Schmuckstück 
von gleichem Eunsttypus zugehörte. Fig. 3 gibt einen glatten einfachen 
Halsring wieder, mit besonderen einfachen Hakenenden. 

2. Armringe. Sie treten auch sehr zahlreich und mannigfaltig auf. 
Fig. 4, 5, 6 geben drei verschiedene Formen dieser Sammlung wieder; 
Fig. 6a, b in der zitierten Mitteilung stellen andere Formen dar. 

Fig. 7 zeigt ein Exemplar der picentischen grossen Ringe mit vier 
Anschwellungen im Umfange, deren Bedeutung noch nicht entschieden ist 
(vgl. a. a. O.). 

3. Fibeln. Diese wertvollen Reste jeder prähistorischen Kultur sind 
ebenfalls im Gräberfeld Belmontes reichlich vertreten. Ich möchte hier 
die Haupttypen meiner Sammlung anführen, damit man von diesen hoch- 
interessanten Objekten eine möglichst genaue Vorstellung gewinnt. 


Fig. 6. V4 nat Gr. 


Fig. 7. V4 nat. Gr. 


Fig. 8. 



Die häußgste Form ist eine Bogenfibel, und zwar in einer charakte- 
ristischen Art. Fig. 8 zeigt den einfachsten Typus davon: ein meistens 
abgerundeter massiver Bügel, ein langes breitos Widerla*j:or mit tiefer 
Rinne für den Dom, und am Ende des Widerlagers ein senkrecht nach 
oben gerichteter Knopf ( Endknopf). Fig. 9 zeigt dieselbe Form aus 
Eisen. 

Diese einfache Form erfahrt eine weitere Entwicklung, indem sie 
verziert wird. Fig. 10 zeigt eine im Picenum ausserordentlich häutige 
Form solcher verzierten Bogenfibelu, weshalb sie den Namen ^picentisclie 
Fibel" trägt. Diese Verzierung besteht in drei Knöpfen, die auf «lem Boj::en 
in einer queren Richtung sitzen zwischen zwei Anschwellungen des Bogeus 
selbst Auch das Widerlager zeigt gewöhnlich auf seiner oberen Fläche 
geometrische Linien. 

Fig. 11 zeigt die dritte Variation der picentischen Bogenfibel, die 
ebenfalls ziemlich zahlreich vorhanden ist, jedoch ist sie nicht, wie die 


260 


S. Baglioni: 


vorangehende Form, für das Picenum eigentümlich. Auf dem Bogen sitzen 
drei Yögelchen in der Richtung der Fibeln selbst, und der Endknopf ist 
als Yogelkopf gestaltet. 

Fig. 12 gibt eine ebenfalls häufige Fibelform wieder, die ausschliesslich 
aus Eisen vorkommt: die sogen. SchlangenfibeL 

In Fig. 13 ist eine Fibelform (die einzige der Sammlung) abgebildet 
welche überhaupt sehr selten im Picenum vorkommt, die aber sehr inter- 
essant für die Forschung ist Ihre Gestalt schliesst sich nämlich direkt 
an die Geigenbogenfibeln der Terramaren an: sie stellt daher die älteste 


Fig. 12. 



Fig. 15 b. 


Fig. 17. 


Fig. 18a und b. 





Form unter den hier besprochenen picentischen Fibeln dar und beweist 
deutlich die engen Beziehungen zwischen der älteren Terramaren- und 
dieser picentischen Kultur. 

Eine andere im Picenum häufige Fibelform ist die Kahnfibel, die 
in reicher Mannigfaltigkeit auftritt Fig. 14 zeigt ein kleines Exemplar 
davon, dessen Bügel mit Perlen oder Steinen besetzt war. Fig. 15 und 16 
zeigen zwei grosse schöne Exemplare mit zahlreichen geometrischen Ver- 
zierungen. 

Eine besondere Bogenfibelform, welche durch die Grabstätte von 
Belmonte zum ersten Male bekannt geworden ist, ist die in meiner 
zitierten Mitteilung in der Fig. 5 abgebildete Fibel. Fig. 17 hier zeigt 
das Widerlagerstück eines grossen Exemplares dieser Fibelform. 

Fig. 18 zeigt eine Fibelform aus Glas mit geometrischen Verzierungen; 


Zur Yorgeachiehie des Piccnums. 


261 


diese Fibel ist bekanntlich fast ausschliesslich der gleichzeitigen Villanova- 
kultnr eigentümlich. 

Fig. 19a und 19b zeigen zwei Bernsteinfibeln, wie sie sehr häufig 
im Picenum Torkommen, und Fig. 19c zeigt den eisernen Kern einer 
solchen Bemsteinfibel, wo noch das eigentümliche kurze breite Wider* 
lager zu sehen ist 

Fig. 20 stellt einen sehr eigentümlichen Fibelbogen aus Knochen dar. 
Es handelt sich um einen Böhrenknochen mit einem eisernen Kem^ 
welcher mittels eines kleineren Knochenstückes in der Markhöhle be- 
festigt worden ist. Was aber hier eine besondere Erwähnung verdient^ 


Fig. 19 a und b. 


Fig. "20 tL und b. 




Fig. 21a, b und c. 



Fig. 24 a und b. 


Fig. 22. Fig. -ja. 



ist die besondere Verzierung: auf der äusseren Fläche sind zwei gegen- 
einander liegende Tierköpfe eingeritzt: auch auf der unteren Fläche er- 
kennt man feine geometrische Verzierungen. 

4. Ketten, Ohrringe, Gürtelschnalle. 

Fig. 21a, b, c zeigen die yerschiedenen Arten der sehr zahlreich vor- 
handenen Bronzeketten, die zum Tragen der Anhängsel dienten. 

Fig. 22 gibt eine Spirale aus Bronzodraht wieder, welche offenbar als 
Anhängsel getragen wurde. 

Fig. 23 zeigt einen typischen Ohrring» bei dem die herabhängende Scheibe 
aus Bernstein und der Ring aus Bronze besteht. 

Fig. 24a ist die Abbildung einer bronzenen gegossenen Gürtelschnalle, 
die insofern sehr charakteristisch ist, als sie eine roh gearbeitete mensch- 
liche Figur zwischen vier Ringen trägt: der Kopf ist leider abgebrochen. 
Diese menschliche Darstellung entspricht in ihrer Art und Weise ganz 
genau der gleichzeitigen Kultur anderer bekannten Gräberfelder Italiens. 
Fig. 24b zeigt zwei bronzene Eügelchen, die zusammenliängen, wie sie in 


262 


S. Baglioni: 


grosser Ancahl gefunden wurden, und die offenbar den übrigen Metall- 
schmuck der Gürtel darstellen. 

5. Anh&ngsel. Dieser Schmuck ist sowohl bezüglich der Anzahl 
wie der Mannigfaltigkeit der Bearbeitung der am reichsten vertretene Teil 
dieser Kultur des südlichen Picenums. Mit Recht konnte man behaupten, 
dass diese prähistorische Kultur wohl hauptsächlich durch ihre Anhängsel 
charakterisiert wird. Man findet hier in der Tat sowohl die bekannten, 
anderen Fundorten derselben Zeit gemeinsamen, wie auch ganz be- 
sondere isolierte, dem Picenum streng eigentümliche Formen dieser 
Gruppe von Objekten. Es sei mir gestattet eine reiche Anzahl solcher 
Überbleibsel hier wiederzugeben, um einen möglichst klaren vollkommenen 
Begriff ihrer Häufigkeit und Bedeutung im Leser zu erwecken. 


Fig. 25. 


Fig. 27. 


Fig. 26. Ve nat Gr. 
Fig. 21). V4 nat. Gr. 




Fig. 28. 




Ich möchte mit einer Art Anhängsel anfangen, welche für diese Kultur 
dos südlichen Picenums sehr typisch ist, weil dieselben, meiner Meinung 
und Erfahrung nach, in keinem anderen Orte vorkommt: ich meine die 
sogen. Tierdoppelprotome aus Bronze. Sie können alle mögliche 
Grössen erreichen, meistens sind mehrere davon in einem Grabe (z. B. 
waren drei gleiche Exemplare des in Fig. 28 abgebildeten Ochsendoppel- 
protoms zusammen in einem Grabe), gewöhnlich stellen sie Ochsen- oder 
Schafköpfe dar. 

Fig. 25, 26, 27, 28 geben die typischsten Formen dieser picentiachen 
Protome und ihre Grösse an, und ersparen jede weitere Beschreibung 
derselben. 

Eine vielleicht ebenfalls typische Anhängselform dieser Gegend ist die 
in Fig. 29 wiedergegebene. Es handelt sich um einen Rieseneberzahn, 
welcher kunstvoll durch Spiralen aus Bronzedraht geschmückt worden ist. 


Zar Vorgeschichte des PiceniiiDs. 


268 


Der Brach im oberen Abschnitt hat leider beim Herausholen einen Teil 
des eigentümliches Schmuckes zerstört. 

Fig. 30 zeigt eine Muschel (Cyprea tigris) die als Anh&ngsel getragen 
wurde, was das noch Torhandene Stück Eisen durch zwei Löcher in ihren 
oberen Partien deutlich beweist. Noch gewöhnlicher findet man aber eine 
andere kleinere Art dieser Muschel als Anhängsel, die ja sehr oft in 
Bronze nachgeahmt wurden, wie ich in der Nähe Ton Belmonte zusehen 
Gelegenheit hatte. 

Fig. 31 zeigt ein niedliches kleines Gefäss aus Bronze (Oinochoe 
trilobata), welches wieder als Anhängsel getragen wurde, was aus der 
Abnutzung des obersten Teiles des Henkels in diesem Falle zweifellos zu 
schliessen ist, eine Sitte, welche auch andere Bevölkerungen derselben Zeit 
zu lieben pflegten (vergleiche die oben zitierte Mitteilung). Die klassische 


Fig. 30. 


Fig. IM. 


Fig. 33. 


Fig. 34 a, b, c und d. 




Fig. 32. 


Fig. 37. 



ö 


ö 



Art und Weise der Bearbeitung dieses Geftsseb deutet aber darauf hin, 
dass dasselbe nicht einheimisches Kunstprodukt ist, sondern <lass es im- 
portiert wurde (aus Griechenland?). Fig. 32 zeigt in der Tat wieder 
ein solches Gefässanhängsel (in diesem Falle war die Benutzung als An- 
hängsel noch deutlicher, da beim Herausholen noch ein Stück eines eisernen 
Ringes im Henkel sass), welches der übrigen einheimischen Kunst genau 
entspricht; dasselbe ist ohne weiteres als eine lokale Nachahmung des 
oben besprochenen (griechischen?) Gefässes aufzufassen. Der Import aus 
fremdem Lande (Griechenland?) und die lokale rohe Nachahmung gilt für 
diese Kultur in einem noch grösserem Masse bei der Keramik, wie ich 
in einer späteren Mitteilung genauer ausführen werde. 

Fig. 33 — 37 geben andere häufige Formen von Anhängseln, welche zu 
ihrem Verständnis keine weitere Beschreibung brauchen. 

Eine besondere Art Halsschmuck ist Fip:. 38 wietlergegehen. In 
einem Grabe wurde um den Hals des Skeletts eine Anzahl kleiner Bem- 
steinstQcke gefunden^ welche abgeflacht und abgerundet sind, und ein Loch 
in ihrem obersten Teile aufweisen: sie stellen ofTenbar die (ilieder eines 


264 


S. Baglioni: Zur Vorgeschichte des Picenums. 


Halsbandes dar, indem eine Schnur durch ihre Löcher sie zu einem solchen 
zusammen verband, wie es Fig. 38 zeigt. 

Ähnliche Formen des Halsschmuckes treten hier sehr häufig auf, bei 
denen aber die einzelnen Glieder des Bandes aus verschiedenen Objekten 
und Stoffen (meistens Bronze und Eisen) bestehen. So wurde z. B. in einem 
Grabe um den Hals des Skeletts eine Anzahl (15) der in Fig. 39 abge- 
bildeten typischen Anhängsel gefunden, welche aus einem hohlen, inwendig 
mit Holz gefüllten Bronzezylinder und einem eisernen Kerne bestehen, 
der an seinem oberen Ende deutliche Reste eines eisernen Ringes trägt; 
oberhalb und unterhalb des Zylinders liegt eine eiserne, mit Kalkperlen 
besetzte Garnitur (Kette?). Sie gehörten auch offenbar zu einem solchen 
Halsband. 


Fig. 38. V* nat. Gr. 


Fig. 39. 


Fig. 40 a und b. 



Fig. 41a. 



Fig. 41b. 



Fig. 40a zeigt wieder ein Exemplar ähnlicher Anhängsel (14), die 
ebenfalls in einem Grabe gefunden wurden. Sie bestehen aber aus massiver 
Bronze und sind nicht alle gleich: die zwei, welche in der Mitte (?) lagen, 
bestanden aus geometrisch verzierten hohlen, mit Holz gefüllten Bronze- 
zylindern und aus einem eisernen Kern (Fig. 40b). 

Die Glieder eines anderen Halsbandes wurden von einer Reihe 
bronzener gegossener Ringe verschiedener Grösse dargestellt (Fig. 41 a, b, 
c, d). Fig. 42 zeigt daneben einen wirklichen geschmiedeten Fingerring. 

Zum Schluss möchte ich erwähnen, dass es mir gelang, inBelmonte- 
Piceno noch ein sehr interessantes Stück dieser Kultur zu entdecken, 
nämlich einen grossen Stein mit altpicentischer Schrift, welcher jetzt im 
archäologischen Museum zu Bologna mit anderen, von mir aus der in 
Rede stehenden Kultur gesammelten Objekten aufbewahrt wird. Die Mög- 
lichkeit, diese Schrift einmal zu lesen, würde unsere Kenntnisse über 
diese vorrömische Kultur des südlichen Picenums ein beträchtliches Stück 
fördern. 


2. Zwei Hieroglj^hem'eihen 
in der Dresdener Mayahandschrift. 

Ton 

E. Förstemaim. 

Päf den Drestleoib ist eine Anzahl aritlimetischer Reihen charakte- 
ristisch , welche Zeugnis ablegen von dem mathematischen Sinne, mit 
j^weleheni diese Handschrift geschaffen ist. 

Die Differenzen dieser Reihen pflogen sich an die Mayawoche von 
dreizehn Ta«ren als deren Vielfache atiÄUschliesseü. So erscheint die 91 
(7 ' 13) ak Differenz auf Blatt 31a— S'ia, 45a und (J4a, also dreimal, zwei- 
mal die 78 (G • 13) auf Blatt 43b— 44b und Blatt 59, einmal dagegen 
die 65 (5 < 13) anf Blatt 73, die 117 (9 ^ 13) auf Blatt 30c-33c* Nicht 
ein Vielfaches von 13 ist enthalten in der Differenz 54 auf Blatt 72 — 73 
,nad in 2920 auf Blatt 24, Reihen mit mehreren unter einander ab- 
^wechselnden Differenzen enthalten die Blätter 4*3—50 nud 51— 58j ich 
lasse sie hier unbeachtet 

In allen diesen Fällen sind die einzeLneu Glieder der Reihen durch 
Zahlen oder durch ihnen entsprechende Tageszeichen angegeben. Auf 
Blatt 58 dai^egen finden wir statt derselben Hieroglyphen, können aber 
aus mehreren Umständen entnehmen, dass deren Zahlen werte von einander 
»tet a um 52 (4 ■ 13) abweichen. 

Und ebenso nicht aua Zahlen, sondern aus Hieroglyphen gebildet sind 
li weitere Reihen, die ich hier zusammen behandtdu will, da sie mehr- 
fach einander ähnlich sind* Die erste von ihnen steht auf den Blättern 
51 — 58 (zuerst 53a— SSa, dann 51b — 58b), ist aber scharf zu scheiden 
von der oben aus denselben Blättern erwähnten Zahlenreihe, mit der 
sie nichts Zü tun hat: höchstens weist sie auf diese hin durch die Hiero- 
glyphe der Venus in iler vierten Gruppe, die da steht, wo in der Zahlen- 
reihe die Tage 502 — tv79 verfllesaen, zwischen denen ein scheinbarer Um- 
*lauf der Venus von 584 Tagen schliesat Die zweite dieser Reihen Ist 
tiagegen auf den Blättern 71—73 enthalten. 

Ich habe die erste Reihe in meinem Kommentar zum Dresd. S, 130 

bia 137^ die zweite S. 159—162 besprochen und stelle sie nun znr ge- 

Pmeinsamen Erwägung, durch die sich doch einiges ergibt, wodurch die 

IGrenze des Unsicheren etwas weiter hinausgeschoben wird, obgleich auch 

jetxt noch viel Zweifelhaftes Übrig bleibt, 

Z«ltaehnfl fOr EUmolofCl«, Jalifg. 190&. E«ft 3 iL 3- V^ 




266 ^^^^BP E. Förstematin: 

Das Geineiiisairie beider Reihen liegt seuiiächgt darin, dass die Diffe- 
renzen beider, aliweichend von deu oben genatiiiten Beispielen, nicht ein 
A^ieliachea von dreizehn Tagen, sondern bloss einfache dreizehn Tage 
sind. Das wird ToIIkomnien bewiesen durch die Stellung des Zeichens, 
in dem ieh die Bacabperiode Ton 91 = 7 * 13 Tagen, einem Viertel dei' 
rituellen Jahres^ gefunden habe* Dieses Zeichen 

wiederholt sich nämlich in jeder Ton beiden Reihen genau nach sieben 
Gruppen, in der ersten Reihe in Gruppe 39, 46» 53, 60, in der zweiten 
in 4, 11, 18, 25. Damit ist der Zahlenwert dieses Zeichens als 91 fest- 
gestellt. Und so müssen wenigstens viele Zeichen einen Zahlenwert 
haben, obwohl es ein Wagnis iatj hier mehr ergründen zu wollen. 

Ehe wir aber weiter fortschreiten, ist zunächst zu bemerken, dass die 
erste Reihe aus f)9 Gruppen Ton je zwei, die zweit© aus 28 Gruppen von 
je drei Hieroglyphen besteht. Da in der ersten die erste Gruppe nur den 
Nullpunkt bezeichnet, so erstreckt sie sieh bis zur 69. Stelle über 68 • 13 
=^ 884 Tage, die zweite aber, in der die erste Gruppe mitgezählt werden 
niuss, über 28 - 13 = 364 Tage, also über ein rituelles Jahn Die erste 
Reihe übertrifft die zweite um zwei Tonalamatl, also 520 Tage. 

Die grosse Ausdehnung der ersten Reihe nötigt uns, sie in ver- 
schiedene Teile zu zerlegen. Die ersten neun Gruppen, also 117 Tage, 
scheinen eine Unglücksperiode von 9-13 Tagen zu bezeichnen, denn die 
Nenn ist, wie ich im Kommentar zum Dresd. S. 174—175 erwähnt habe, 
eine Unglückszahl; man denke auch an die neun Herren der Nacht bei 
den Azteken, Dann folgen zwanzig Gruppen (10—30), die also grade 
20 • 13 = 260, da» heilige Tonalamatl, umfassen, hierauf in 30- 39 wieder 
9-13—117 Tage, dann in 39- 67 sogar, der zweiten Reihe entsprechend, 
28*13 = 364 Tage; zuletzt aber bleiben, wohl nur zur Ausfüllung des 
Raumes^ in 68 und 69, noch 26 Tage, also 2*13 übrig. Das Ganze er- 
streckt sich also über zwei Jahre == 728 Tage, vermehrt um 156 = 12 • 13 
= 3 * 52. Die Bacabperiodeu beginnen also erst mit dem Anfange des 
vierten Teiles in Gruppe 39 mit dem Tage 494 = 38 * 13. Eine genaue 
Parallele zis^ischen diesem vierton Teile und der zweiten Reihe ist aber 
nicht zu finden, denn letztere beschäftigt sich mehr mit Saat nnd Ernte, 
langen und kurzen Tagen, Regenzeit, Festen usw., hat also mit Zahlen 
weniger zu tun* 

Es liegt nun nahe, auch den zweiten Teil der ersten Reihe, das 
Tonalamatl von 2i\0 Tagen, näher zu betrachten, das sieh zwischen den 
Gruppen 10 und 30 erstreckt. Nun wisseu wir, dass der scheinbare Um- 
lauf des Merkur von 115 Tagen zuweilen, ungenau genug, auch dem 
^ halben Tonalamatl von 130 Tagen gleich gesetzt wird (vgl. Dresd. 35c 
und 38c) und dazu stimmt es, daas in der ersten Reihe die kauernde 


Bleroglj^h anreiben in der ]>fesden€r Majabandschrift. 


2r>7 


nackte Pereon (f\ü% Kind der Sonne) in den Gruppen 10, 20 und 30 (al^o 
den Tagen 117, 247, 377) erscheint^ in 10 (obgleich hier mit der Moan- 
hioroglyphe verbunden) wohl als Anfang «Jes Laufes mit dem Sinne roii 
Null, in *iO mit der Bedeutung Yon i:^"), in 30 mit der doppelten, also MO. 
Ja iu 31 wiederholt sich das Zeichen sogleich, denn wir werden nachher 
sehen, dass überhaupt beide Keihen oi Heben, eine Hieroglj'^phe gleich in 
der nächsten Gruppe zu wiederholen. 

Die zweite Reihe enthält den Merkur, wieder ganz passend, in der 
neunten Gruppe, also bei Erreichung dea Tages 117, aber nur an dieser 
einen Stelle, setzt jedoch daneben, was zu dieser oben erwähnten Un- 
^glöckeperiode passt, den Toten vogel. 

Doch kehren wir %n dem wichtigsten Zeichen beider Reihen, dem 
Baeab zurt\ek, so gehen wir, daBs es enge zusauimenbüngt mit einer be- 
kannten Hieroglyphe, dem Tageszeichen tmir. Und in allen vier Stellen, 
die in der ersten Reihe den Bacab haben, steht unmittelbar darüber dieses 
Zeichen imijt. Nehmen wir nun an, dass das erste Bacab 91, das zweite 
182, das dritte 273, das rierte 364 bedeutet, so bleibt für imir zur Er- 
rtillung der vier Zeitdauern von 494, 585^ 67ti, 767 die Dauer von 
103 Tagen übrig. Wie kommt aber imit zu dieser auffallenden Be- 
deutung? 

Wir kennen den Tag als den ersten der zwanzig Uinnltage im 

Aztekischen und zum Teil bei den Mayas, mit 403 aber endet die erste 

r Woche nach der ilitte eines Marsumlaufes von 780 Tagen; so könnte die 

^403 annähernd einen halben Marsnmlauf von 390 (30 * 13) Tagen oder 

auch (gleichfalls annähernd) die runde Zahl 40() (20 - 20) be^eiehnen^ 

die namentlich bei den Cakchiquel als Einheit höheren Grades angesehen 

wird. Es ist freilich schwer, an diesen Zusammenhang zu denken, doch 

^4JisBt er sich vielleicht auch von anderer Seite wahrscheinlich machen. 

Wie der Merkur wegen seiner geringen Entfernung von der Sonne 
und wegen seines raschen Umlaufes als nacktes kauerndes Kind aufgefasst 
wurde, so lag es nahe, den Mars als den Planeten mit dem längsten 
«eheinbaron Umlauf, auch wegen seiner dunkeln Farbe und seines geringeu 
OlsQze» als alten Jlann zu betrachten. Nun aber haben wir unter den 
HajAgdttern den von Schellhas mit L bezeichneten schwarzen Greis, uml 
dieser könnte grade in einem Verhältnis zum Mars stehen; im Dresd, 60 
oben glaube ich sogar den Mars gradezn in der Gestalt des L abgebildet 
%xi sehen* Das alles wird noch wahrscheinlicher dadurch, dass zu der 
Hieroglyphe des L deutlich das Zeichen tmtj? gehört, von ilem Punkte in 
«einen Mund führen, so im Dresd. IIb, 14b und c, auch 46 rechts Mitte, 
Erlifi ht Tf^ird diese Wahrscheinlichkeit noch durch die, nahe Beziehung 
loKars zum Toten vogel Moan, dessen eine Hieroglyphe gani oder fast 
gHMZ mit der des Mars übereinstimmt: ich habe über diese Beziehung im 
„W^eltall**, Jahrg. 4 S, 380 schon gesprochen. Auch könnte imix (nicht 
i^baln wie ich bisher meinte) grade der dem L geweihte Tag sein, /mir 
iber, dessen Hieroglyphe die Mutterbrust darstellt, geht zunächst auf das 
iietr&nk, und der berauschende Pulquetrank wird grade zuweilen in n&herc 
Beziehung zmn Tode gesetzt; vgL „die Tagesgötter der Mayns^ im Globus^ 


I 


268 ^^^^^^^ ^' Företemann; 

Band 73 Nr. 10; L könnte so der auch sonst bekannte Pulqnegott sein. 
Im Madridensis (Cort» 27 a— 30a), wo Tom Pulquetrinkon die Rede ist, 
erscheint das Zeichen imi^ sehr häufig und die Btelle endet mit einer 
Schlange, deren Auge deutlich auf dmi (Tod) hinweiat: s. Kommentar zur 
Madrider Mayahanduchrift S» 84—85. Wer aber mit Brinton den Gott L 
mit dem achwarxen Gotte Ekchuah vereint und in ihm den Gott der 
Kakaopflanze erblickt, setxt ihn gleichfalls mit einem Getränk in Ver- 
bindung* 

Kun aber beschränkt sich das Torkommen des imiis in der ersten 
Reihe nicht auf jene vier Fälle; wir sehen es auch als erste Hieroglyphe 
in den Gruppen 37, 38, 45, 52, 58, 64, wovon 38, 45, 52 den Bacab- 
gruppen benachbart sind. Es findet sich alao, was gleichfalls für seinen 
Zahlenwert 403 spricht, in den ersten 36 Gruppen gar nicht, in den 
folgenden 33 dagegen ÄehnmaL In 37 steht unter imi^ ein Kreuz, das 
eine Fläche in vier Teile zerlegt; geben wir ihm den Sinn von 65, einem 
Yiertel des Tonaianmtl, so ist 403 + 65 = 468 =^ 36 ■ 13, und diese Zahl 
wird ö^rade hier erwartet Das Zeichen darüber bedeutet durch die Gott- 
heit H^ welche beide Arme wie im Bignal in die Höhe streckt, nur den 
Anfang eines Jahres, das in Gruppe 65 (Zahl 832 = 64 • 13) mit derselben 
Figur endet. In 38 und 52 folgen auf imiv zwei anscheinend gleiche 
Köpfe, iü denen man leicht einen Moankopf finden kann, in 45 ganz 
deutlich der Moankopf; zwischen 38, 45 und 52 liegen wie gesagt stets 
wieder 7 • 13 Tage wie zwisclien den Bacabs. Nehmen wir nun an, der 
Sinn des ersten Moankopfes sei 78 = 6 • 13 (vielleicht wegen des Abstandes 
des ninal Moan vom späteren Jahresschlüsse im Cumku), so haben wir 
für Gruppe 38: 403 + 78 = 481, für Gruppe 45: 403 + 78 + 91 =. 572, 
für Gruppe 52: 403 -|- 78 + 182= 663, und das sind allerdings die drei 
für diese Gruppen bestimmten Zahlen. In Gruppe 58 wird die Zahl 741 
(=^ 57 * 13) erwartet; davon gehören dem imiv 403, dem Kopf darunter 
also 338; ist das auch ein Moankopf (52 liegt von 58 grade um 6 * 13 = 78 
entfernt), so haben wir hier von Gruppe 52 ab wieder 78 hinzuzuzählen 
und das gibt 663^ 78 = 741, wag von der fast ganz gleichen Gruppe 38 
um ein Tonalamatl = 260 abliegt, Endlich bleibt noch übrig die Gruppe 64, 
der die Zahl 819 zukommt. Ist hier das Zeichen a mix — 403, so haben 

wir in b die Hieroglyphe ^a.e, darunter die Figur: ^<^^^ Ist ?/a.r, wie 

ich glaube, = 104 (8 • 13), so könnte das Zeichen b das Vierfache davon, 
416 sein, und 403 -^ 416 ist wirklich 819* Doch werde ich die Ansicht 
y<Ls — 104 noch verteidigen müssen. 

Auch in der zweiten Reihe begegnet imix (3b, 5c, 6a, 28b und in 
allen drei Stellen von 27), doch kann hier von 403 nicht die Rede sein, 
denn erstens reicht die Reihe nur bis zum Tage 364 und zweitens be- 
ziehen sich hier die Hieroglyphen weniger auf den Zeitabstand als auf 
die Bedeutung und Vorbedeutung der einzelnen Teile des Jahres; dahin 
weist auch die gewöhnliche Zusammensetzung kan-imix in 7c, 10c, 27c, 
die ich auf feierliche Mahlzeiten deute* Dagegen ist hier mit den Bacab- 



Hi«rogljplienrdQien in der Dresdener Majaliandschrift 269 

Perioden ein anderer Tag verbanden, nnd zwar ik^ der im Kalender dem 
tmir unmittelbar folgt. Er findet sich, aber aus unbekanntem Grunde, in 
4e, lle, 18e, 25 c dicht unter dem Bacab, dann in 26 b und in 17 b, hier 
mit dem Praefix des Nordens verbunden. 

Oben sagte ich, ich müsse es noch verteidigen, dass ich dem yax die 
Bedeutung von 104 (8 • 13) gebe. Wir finden das Zeichen in der ersten 
Reihe an fünf Stellen: 1. Gruppe 16, Tagezahl 195; hier ist a ein Kopf 
mit Akbalauge, vielleicht dem Gotte D verwandt, dagegen ist b yax mit 



dem noch unbekannten Zeichen I '••.^^sl I darunter. Setzt man a = 91 


und b = 104, so passt hier die Zahl 195. 2. Gruppe 32, Zahl 403; a wie 

in Gruppe 16, nur mit dem Praefix f ^^y versehen, welches darauf 

hinweisen dürfte, dass hier nicht bloss a der Gruppe 16, sondern die 
ganze Gruppe = 195 anzunehmen ist. In b begegnet yajc zum zweiten 
Male; ich sehe darin 2 • 104 = 208. Dann ist 195 + 208 wirklich 403. 
8. Gruppe 61, Zahl 780. Hier sehen wir in a vielleicht ein Kreuz, da- 

runter yoor, davor das Zeichen ^•'^/'Jo Ich nehme, da yax hier zum 

dritten Male erscheint, 312 = 3 • 104 an, in dem Kreuze darüber jedoch 
die 104 zum vierten Male, letzteres freilich sehr unsicher. Dann ist die 
Gruppe 104 + 312 + 364 (Moanhieroglyphe) = 780. 4. Gruppe 62, also 
die gleich folgende, Zahl 793. Hier steht in a die Moanhieroglyphe = 364, 
in b ycuc = 812 wie in der vorigen Gruppe, darunter eine Schlange, der 
ich die ünglückszahl von 117 Tagen beilege, also 364 + 312 + 117 = 793. 
Noch leichter ist die Sache bei 5. Gruppe 64, Zahl 819. Hier ist twwr = 403 



(s. oben), b ycuc, darunter l^--^^-^ j wo ich, da das Zeichen hier aber- 


mals erscheint, 4 • 104 = 416 annehme; 403 + 416 ist aber wirklich 819. 

Suchen wir nun yax in der zweiten Reihe, so finden wir folgendes: 
In der Gruppe 2 kann von der Zahlenbedeutung nicht die Rede sein, da 
diese Gruppe sich nur auf den Tag 26 bezieht und i/a.r darin sogar zwei- 
mal vorkommt, in 2b und 2c. In Gruppe 23 ist die Zahl 299 (23 • 13) 
erreicht; hier ist in 23c ycur mit dem bekannten breitgezogenen Kopfe 
verbunden, den ich auf Unglückstage beziehe, darüber steht in 23 b das 
Jahreszeichen, in 23a ein schwarzer Adler; icli habe in meinem Konmientar 
8. 162 die Ansicht ausgesprochen, dass das lediglich auf den kürzesten 
Tag. des Jahres geht. 


270 


E. Füi-atemaan: 


IcL komme jetzt zur bekannten, yoiu Moankopfe zu scheidemleo 

Moanhieroglyphe: 


und darf wohl mit ziemlicher Sicherheit als ihren Zahlen wert H64 an- 
setzen, da die Beziehung des Moan znm Jahresschlnsse, der einst im Monat 
Moftn lag, wohl feststeht; vgl. meinen Aufsatz „die Plejaden bei den Mayas'^ 
im Globus Band 65, Kr. 15. 

In der ersten Reihe Gruppe 10 haben wir in a den Merkur verbunden 
mit dieser Hieroglyphe. Hier glaubte ich oben beiden noch keinen 
Zahlenwert zuweisen zu könneUj sehe vielmehr in dem Merkur einen 
Hinweis auf Gruppe 20, wo sein erster Umlauf vollendet ist, in dem Moan 
einen Hinweis auf Gruppe 38 (nach 13-28 Tagen) und Zd, wo eine 
Bacab- und Jabresperiode beginnt Gruppe 10, der die Zahl 117 zukommt^ 
scheint diese Bauer nur durch das in b enthaltene Zeichen wiederzugeben; 
davon weiter unten. Es folgt die Moanhieroglyphe in Gruppe 12b, Die 
Zahl der Gruppe ist 143, ihr Yerständnis aber unmöglich durch die Zer- 
störung des Zeiche US a, in dem man, b = 364 gesetzt, sogar einen Abzug 
von 221 (17 - 13) Tagen sehen müsste, was undeukbar ist Nun folgt 
unsere Hieroglyphe erst in Gruppe 34 b (Zahlen wert 429)» wo die obere 
höchst eigentümlich zusammengesetzte Hieroglyphe, b als 3*14 angenommen, 
65 == ein Viertel Tonalamatl bedeuten müsste. "Weiter blicken wir auf 
die Gruppe 48 (Zahlenwert 611), wo wieder b der Moan ist, a ein ühau 
mit einem Suffix zu sein scheint; diesem Zeichen müssten wir danach den 
Wert von 247 — 19 * 13 beilegen, was ich aber bis jetzt noch nicht be- 
gründen kann. Ebenso unsicher bin ich in Gruppe 54 (Zahlen wert 689) j 
wo die unbekannte schon ein Jahr vorher erscheinende und durch vier 
Linien in fünf Teile geteilte Hieroglyphe a 



i 


325 = 25 • 13 = 5 • 65 bedeuten müsste, um mit dem Moan hier zusammen 
689 zu bilden. Daun steht die Moanhieroglyphe in 61b, wo ich versucht 
habe bei Betrachtung des ^üj? dem oberen Zeichen den Wert von 416 
= 4 • 104 2U geben. Hier ist wirklich 416-1- 364 = 780; es seheint 
nicht zufällig zu sein, dass grade hier der Marsumlauf von 780 Tagen 
hinpasst, dessen Bezeichnung der Moanhieroglyphe gleich oder fast gleich 
ist. Endlieh haben wir den Moan in der gleich folgenden Gruppe 62, 
hier aber von den nieisten andern Stellen abweichend schon in a; das 
Zeichen b habe ich versucht bei Besprechung des yua- als 429 (312 -^ 117 
oder 83-13) zu deuten; dann ist 429 -(- 364 = 793, welche Zahl hier 
verlangt wird. 


Hierogljrphenreihen in der Dresdener Mayahandschrift 271 

In der zweiten Reihe, die ja nur bis 364 geht, finde ich diese Moan- 
hierogljphe gamicht (denn in 25 a nehme ich ein blosses Ejreuz an), 
sondern nur seine beiden Synonyme, den Totenvogel 



oder die blosse Andeutung des auf- oder herunter fliegenden Vogels, 

oder 




Beide Zeichen vereinigt erscheinen bei der Unglückszahl 117, der Toten- 
vogel sogar zweimal, in 9 b und 9 c. Der in der ersten Reihe fehlende 
Totenvogel findet sich hier sogar oft, in 9 b, 9 c, 13 b, 14 c, 17 c, 19 c, 26 c, 
aber gewiss nicht mit Zahlenbedeutung. 
Ich komme nun zu der Hieroglyphe 



und versuche ihr den Zahlenwert 117 beizulegen. Sie hat das merk- 
würdige, stets mit dem abgekürzten Zeichen des Nordens ^S verbunden 

zu sein, das auch für die Unglückszahl passt. Es erscheint bei ihr als 
Praefix oder als Suffix oder als Superfix. Dem Praefix möchte ich keinen 
Einfluss auf die Bedeutung, dem Suffix wenigstens einmal (in 36b) eine 
Verdoppelung, dem Superfix (in 57 b) eine Verdreifachung beilegen. 

Unser Schriftzeichen begegnet in der ersten Reihe zuerst mit Praefix 
iu Gruppe 10; der Merkur nebst Moan in 10a bezeichnet, wie oben ge- 
sagt, nur den Nullpunkt von deren Perioden, so hat also die Gruppe nur 
den Wert von 117 (9 • 13). Dann folgt Gruppe i>0 = 247, in a der Merkur 
= 130, in b mit Praefix die 117. In 35 = 442 ist a ahbal mit einem 
Kreuz; dem letzteren schrieb ich schon oben den Wert von 65 zu, wage 
nun aber dem akbal den von 260 zu geben, wozu dieser Tag als von kan 
ans der letzte sich gut eignet; dann ist a 260 -j- 65 = 325, b = 117, 
also 325 -|- 117 = 442, die verlangte Zahl. Am schwierigsten ist die 
folgende Gruppe 36 = 455. Gibt man dem b die 2 • 117 = 234, so bleibt 
für a fzwei Kreuze) 221 (17 • 13), was ich nicht zu deuten vermag. 

Vorher geht das öfters vorkommende noch unerklärte Zeichen ^'y x. 

sollte von einem Tonalamatl = 260 dreimal 13 abzuziehen sein? Emllich 
erscheint in Gruppe 57 = 728 in a akbal mit der Moanhieroglyphe; steht 
hier der Unglüeksvogel für die Unglückszahl, dann hätten wir hier 


272 £• Ftotemann: 

260 + 117 = 377, in b nehme ich des Snperfixes wegen 8 • 117 — 851 an. 
Es ist aber 377 + 351 wirklich = 728. 

Die zweite Reihe kennt diese Hieroglyphe nicht. 

Häufiger als die bisher besprochenen Zeichen mit Ausnahme des imir 
enthält die erste Reihe den Kopf 



Ich setze jetzt in die erste Zeile die Gruppen, in denen er sich, 
immer in der Stelle b, zeigt und füge in der zweiten den Zahlenwert der 
Gruppe hinzu: 

3 15 17 23 24 29 40 44 51 63 
26 182 208 286 299 364 507 559 650 806 
Der Kopf hat, besonders wegen der Einbuchtung an der Stelle der 
Nase, eine entschiedene Ähnlichkeit mit dem bekannten des Gottes C, 
obwohl dieser meistens ein wenig anders dargestellt wird; solche kleinen 
Abweichungen kommen in den Mayahandschriften öfters vor. C aber 
gehört dem Mittelpunkte des Himmels, dem Nordpol an, um den die vier 
Weltgegenden gelagert sind. Da ist wohl nichts natürlicher, als dass er 
den Zahlen wert 52 = 4 • 13 besitzt. 

Nun mache ich auf folgende Differenzen zwischen den oben erwähnten 
Zahlen aufmerksam: 

559 - 507 = 52. 

286 - 182 = 104 = 2 • 52. 

182 - 26, 806 - 650 = 156 = 3 • 52. 

507 - 299 = 208 = 4 . 52. 

559 - 299 = 260 = 5 • 52. 

650 - 26 = 624 = 12 • 52. 

806 - 26 = 780 = 15 • 52. 

Dazu kommt noch 208, welches schon allein 4 • 52 ist. 

Diese häufige Wiederkehr der 52 ist allerdings höchst auffallend, 
doch hat sie keine eigentliche Beweiskraft, da ja alle diese Zahlen 
wenigstens durch dreizehn teilbar sein müssen. Für den Nordgott C 
spricht übrigens auch das Praefix, welches in sieben von den zehn Fällen 
gradezu das Zeichen des Nordens ist; in den drei übrigen Fällen (Gruppe 3, 
51, 63) steht an der Stelle eine Art Haken oder Klammer, die vielleicht 
nur eine weitere Abkürzung des Nordpraefixes ist. 

Nun aber ist noch zu untersuchen, ob für die über dem C in der 
Stelle a stehende Hieroglyphe eine arithmetische Bedeutung zu finden ist. 
Ich kann eine solche durchaus nicht nachweisen. Zunächst scheiden die 
Gruppen 17, 23 und 24 aus, da hier die Zeichen in a bis auf unbedeutende 
Reste zerstört sind. In den Gruppen 3 und 44 finden wir den Kopf des A, 
was wohl nicht auf eine Zahlenbedeutung, sondern nur auf den Norden 
hinweist, da der Todesgott A auch dem Norden angehört. Auch das in 
Gruppe 51 mit einem kin verbundene Gitter kann auf die dunkle Welt- 
gegend hindeuten. Die Zeichen, welche in den Stellen 15 und 63 in a 


Hiefogljphenreihen in der Dresdener Mayahandschrilt 


273 


stehen, vermag ich nicht zu deuten, ebensowenig das in Gruppe 40; in 29 
deutet es auf den Ablauf eines Jahres. 

In der zweiten Keihe finde ich den Kopf des C gamicht, den A nur 
in 20b, wo die heilige Periode von 260 Tagen schliesst. 

Zu einem Zeichen, das ich sonst nirgend gesehen zu haben glaube, 
führt mich Gruppe 25. Hier finden wir in a das Kreuz, darunter (wie in 

.t 

68b) das Tageszeichen cahan. davor das Praefix .••' ,--*' Ich möchte hier 

bis auf Weiteres (ähnlich wie oben in Gruppe 61) ein^ Verdreifachung 
der Ereuzeszahl 65, also 195 sehen. In b aber folgt das Zeichen 



Es liegt nun nahe, hierin wie in einer oben besprochenen Hieroglyphe 
die Unglückszahl 117 zu sehen, wofür auch etwas das Nordzeichen als 
Superfix spricht. 195 + 117 aber ist die hier verlangte Zahl 312 = 24 • 13. 


Weiter hebe ich hervor das Zeichen 



in welchem ich 


den Uinal mac zu sehen glaube, mit dem als dreizehntem des Jahres 
ein Tonalamatl schliesst. In meinem Kommentar zum Dresd. S. 53 habe 
ich ihm für 8. 24 der Handschrift schon die Bedeutung von 260 ge- 
geben und sehe diese auch hier. Denn Gruppe 41 enthält es in a ver- 
doppelt und grade diese Gruppe bezieht sich auf 2 • 260 = 520. Dasselbe 
Zeichen kehrt in Gruppe 47 a wieder, obwohl ihr Zahlenwert jene um 
78 = 6 • 13 übertrifft, was vielleicht auf einem Irrtum des Schreibers 
beruht. Nicht verdoppelt, sondern einfach finden wir dieses mac in 
Gruppe 56a, haben aber damit verbunden ein kin und den breiten Kopf, 
in b dagegen die Moanhieroglyphe; ich weiss nicht, wie aus dieser Ver- 
bindung die verlangte Zahl 715 hervorgehen soll. 

Ich unterlasse es, hier in der Bestimmung oder bescheidenen Ver- 
mutung von Zahlenwerten weiterzugehen und stelle die bisher besprochenen 
in einer Übersicht zusammen: 

52 = 4 . 13, C. 
65 = 5 • 13, Kreuz. 

13, Moankopf. 

13, Bacab. 

13, Yax. 


78 = 6 

91 = 7 

104 = 8 


117 = 1) . 13, 


O 


der 


130 = 10 • 13, Merkur. 
260 = -iO • 13, Akbal o.ler Mac. 
364 = -28 . 13, Moanhieroglyphe. 
403 = 31 • 13, Iniix. 



274 E. FQrstemann: Hierogijphenreihen i, d» DresdeDet Mayahatidschrift. 

Wenn auch nur ein Teil dieser Gleichungen in Zukunft anerkannt 
wird, so brÄchte uns das schon ein gutes Stück weiter; ich verkenne 
hier aber durchaus nicht das teilweise Gefährliche dieser Aufs tellun gen. 

Zu erwähneu aber ist nötig, dass gewiss nicht alle diese 2 - 69 Zeichen 
der ersten Heihe eineo Zahlensinn haben. So habe ich dem Anfange der 
ersten Merknrperiode in Gruppe 10a und dem Anfange der ersten Bacab- 
periode in Gruppe S9b den Binu Ton Null geben müssen, und auch 
dem eimi in Gruppe 1 (die ja überhaupt den Nullpunkt bedeutet) und in 
den Gnippen 8, 11, 14, 30, i4 vermag ich keinen Zahlenwert beizulegen* 

Weiter bemerke ich, dass ich mehrfach das Zeichen ^d = Ende zu 
finden glaube, so iu Gruppe Üb = 130 als Schluse einer Merknrperiode^ 
in 28b = 351 bis 364 als Schluss eines Jahres, In 41b— 520 als Schiusa 
zweier Tonalamatl, in 69a ^ 884 als Schluss der ganzen Reihe, 

Die Schwierigkeit, sichere Schritte vorwärts zu machen, wird er- 
heblich vergrössort dadurch, dass von den 138 Hieroglyphen der ersten 
Reihe nicht weniger als 21 ganz oder fast ganz zerstört sind, wodurch die 
Gruppen 1, 2, 4—9, 12, 13, 17—19, 22, 23, 27, 28 sich der Deutung ent- 
ziehen, ausserdem dadurch, dasa der ursprüngliche Schreiber gewiss einige 
Fehler gemacht hat, endlich dadurch, dass in beiden Reihen öfters zwei 
benachbarte Gruppen ein gleiches Zeichen haben. So sind nämlich völlig 
gleich die Zeichen 18 b und 19 b, 21a und 22 b, 23 b und 24 b, 30 a und 31a, 
32a und 33a, 35 b und 36 b, 38a und 39a, 45a und 46a, 50a und 51a, 
52a und 53 a, 61a und 62b, 61b und 62b, 66a und 67 a. In der zweiten 
Reihe 7b und 8b, 13b und 14c, 14a und 15bc, 17a und 18c, 20a b und 
21c, 22 a und 23 b. 

Besonders auffallend ist es, dass trotz der doch jedenfalls zu Grunde 
liegenden verschiedenen Zahlenwerte die Gruppe 41 der ersten Reihe 
genau so mit Übereinstimmung beider Glieder in 47, also nach 78 Tagen 
wiederkehrt, in der zweiten Reihe sogar alle drei Glieder in den Bacab- 
gTUppen 4, 11, 18, 25, So bleibt auch hier noch des Rätselhaften genug. 

Als den völligen Schluss der ersten Reihe sehe ich die Hieroglyphe 
des Gottes K an, der, wie schon aus Dresd. 25 — ^2S hervorgeht, ein Jahres- 
gott ist, und zwar derjenige, welcher <len Cauacjahren vorsteht, also den 
Jahren des Südens im Gegensatz zu den Mulue oder Nordjahren, K als 
Vertreter des Hiramelsäqnators ist dem Nordgotte C entgegengesetzt (vgL 
Koninieutar zum Madridensis S, 102) und dazu stimmt auch das Sudzeich en 
in Gruppe 66 über dem b. Das Nordzeichen begegnet vorherrschend in 
der ersten Hälfte dieser Reihe, die sich also mit ihren 884 Tagen von 
einem muluc über ein t^-Jahr bis zu einem ca?;at^- Jahre hin erstreckt. 
Leider ist es mir nicht möglich, anzugeben, ob ein bestimmtes muluc-^ 
%£- oder cauac^Jahr gemeint ist- 


l 


Neue Funde aus dem Diluvium 
in der Umgegend von XeuhfUdensleben, insbesondere' 
Kiesgrube am Sehlosspark von Hundisburg.O 

Von 

Paul Favreau. 

Die engere, ^ie die weitc^re Umgebung der Ereisstftdt Keuhaldeos- 
leben an der Ohre sind reich an Schätzen für Geologen und Pdaeontologeti 
sowohl, wie für den Erforscher der Urgeschichte des Menschengeschlechtes, 
Ich erinnere nur an die Porphyre von Flechtingen und Dönstedt, und die 
Grauwacken von Hundisburg;, letztere mit den bekannten, vom Geh. Berg- 
rat Prof. Dr. Wahnschaffe beschriebenen Gletacherschrammen, die 
betrflcht liehen Manimiitfunde von Hnndisburg und Althaldensieben, und 
die bekannten megalithischen Bauten, deren Zahl und Grösse gerade im 
Xeuhaldenslebener ICreisa Beachtung verdient» Nun hat sich aber die 
Aufmerksamkeit auf einige FundsteHen jiielenkt, welche den Geologen und 
Palaeontologen ebenso intereüöieren, wie den Prahistoriker; Es sind dies 
die bei Neuhalden sieben belegenen Kiesgruben, die in ihren Ablagerungen 
teilweise ausgezeichnet klare Bilder der Eiazelten des UiluTiumä geben. 
erhebliche Mengen Ton Knochen diluvialer Tiere geliefert haben, und Siles- 
Hanufakte enthalten. Die hervorragendete Kieagrube in diesen BeÄiehungeo 
ist die am Schlosspark von Hundisburg gelegene. Eine andere Kiesgrube, 
Östlich vi>n Althaldenslebcn, südlich der Chaussee Althaldensleben- Wedringen 
gelegen, zeichnet sich durch ausserordentlichen Reichtum an Resten grosser 
Elefanten — soweit noch aus den geretteten geringen Resten festzustellen 
ist, des Mammut^ Elephas primigenius — aus. Leider ist das Meiste ver- 
schleudert, oder von den Arbeitern zertrtlmmert, doch sind noch Backen- 
zähne^ Stossstäline, Wirbel, sowie ein Unterkiefer vorhanden. Manufakte 
sind dort, bis auf ein kleines zweifelhaftes Stöckj noch nicht gefunden 
und deshalb kann diese, sonst wichtige Grube hier ausser Betracht bleiben. 

Die Kiesgruben, in denen Sile^nianufakte, bald mehr, bald weniger 
zahlreich vorkommen* sind drei; die Silex stellen eine Typenreihe vom 
ausgesprochenen Eolithencharakter bis zum unverkennbaren Charakter de» 
PaläolithikuniB dar. Von den Kiesgruben liegen zwei im Ohretai auf halber 
H5he des Berges, die dritte dagegen (ebenso wie die Mammut-Grube) im Tale 
der Beber, eines Nebenflüsschens der Ohre, die bei dem Dorfe Wedringen 
unweit Neuhaldensleben in die Ohre mündet. Von den Kiesgruben im 


1) Vortrag', gehalteo in der Sitiung vom 2U JaDUAT 1905« 



Im 


p 


276 ^^^^H P* Farreiu: 

Ohretal liegt die eine etwa 12 m, die andere 22 m über dem heutigee 
Niveau der Ohre, die im Bebertal dagegen 14 ni über der Beber und 
24 m über der Ohre. Diese Masse beziehen sieh nicht auf die Sohle» 
sondern auf den oberen Kand der Gruben. Yon den Kiesgruben liegt die 
im Bebertal südlich, yon denen im Ohretal die eine westlich, die andere 
nördlich der Stadt Neuhaldensleben. 

Von der Grube im Bebertal, am Sehlosspark %'on Hundisburg, die 
der Kürze halber mit Grube I bezeichnet werden soll, liegt die Kieegrnbe II 
(w^estlich von Nenhaldenslebeu an der Südseite der Chauösee Neuhaldens- 
leben— Süpplingen gelegen) in nord-nord westlicher Eichtung ca. 350CJ m 
in Luftlinie, Kiesgrube III dagegen (nördlich ¥on Neuhaldensleben an der 
Ostseite der Chaussee Nenhaldensleben— Satiielle dicht vor dem Walde 
gelegen) in genau nördlicher Richtung ca. 65()0 m in Luftlinie entfernt. 
Grube I und II liegen auf dem rechten, III auf dem linken Ufer der 
Ohre. 

Das gemeinsame Charakteristikum dieser drei Gruben ist im Gegen- 
satz zu den übrigen Sand* und Kiesgruben, in denen Silexmatmfakte bisher 
noch nicht festgestellt sind, eine starke Bank von grobem Schotter. Be- 
deutung, Zusammensetzung und Entstehung der Bchotterbänke in den drei 
Ctruben ist allerdings verschiedenartig. Das Material besteht in I und III 
lum gross ten Teil aus einheimischen Gesteinen, speziell Porphyr von 
Ddnstedt und Grauwacke von Hundisbnrg, in II dagegen meist ans 
nordischen Gesteinen, Stellenweise sind auch Hache und schmale Sand- 
bänke mit Schnecken und Muscheln eingesprengt Die Schichtung in den 
drei Gruben gibt folgendes Bild: 

Grube I; 

a) Oben eine etwa 1 in starke Humusdecke^ dann eine Sandschicht. 

b) Darunter eine etw^a 2—3 m mächtige Schicht entkalkter Lehm 
und intakt erhaltener Geschiebemergol, mit zahlreichen grösseren, z. T. 
nordischen Geschieben; es handelt sich um typische Reste einer Moräne, 

c) Unter der Moräne, völlig von derselben iiberdeckt und scharf von 
ihr getrennt, liegt die sehr starke, mehrfach erwähnte Schotterschicht. 
Dieselbe streicht fast horizontal von Westen nach Osten, mit ganz geringer 
Neigung; in ihr eingeschlossen liegen Kahlreiche Bänke feineu Sandes mit 
zahllosen Muscheln und Schnecken; bestimmt sind etwa 15 Arten, darunter 
Succineaj Limnaea, Pisidiuni, Das Material des Schotters besteht aus 
Porphyr und Grauwacke, welche nicht weit entfernten Gegenden ent- 
stammen; Grauwacke steht bereits wenige 100?/* entfernt in gewaltigen 
Massen au, Porphyr findet sich in ebenfalls geringer Entfernung bei 
Dönstedt. Beide Gesteine werden in Steinbrüchen industriell verwertet, 
und verdient einer der Gniuwacke-Steiubrüche bei llundisburg au der 
alten Dorfstelle Nordhnsen» etwa 1,5 km von Grube I entfernt, Erwähnung, 
weil die düuvialen Gletscher die Obertläche des Gesteines vollständig 
glatt geschabt und geschrammt haben (es sind dies die \V ah nscli äffe sehen 
Gletscherschrammen), Cber den Schrammen liegt Geschiebe mergel mit 
rielen nordischen Geschieben, darüber Saud mit schmnlen Einlagerungen 


Ins dem DOnriniit bei Neiilt«ld«Bdtt%^u 


171 


TOD Sehotter^ dagegen ketae starke Scbotterbank wie in Orub# t* obwohl 
ilia EntfernnDg kaum 1500 m betragt. Die Schottersehicht m Grube I 
enthält noch zablreicfae Feuersteine sowie Tereinxelte grfioiora ]|i»nli»ehe 
Geaehiebe: sie eothaU die Maßiirakte* 

d) Unter der Scbottenehicht liegen ferne Saiide in starken Sdiiehteti, 
auch Tereiozelte grosae nordkche Geschiebe; darunter »ohainen wieder 
lehmige und tonige Schichten sowie Geschiebemergel zu stehen* 

Die Fundschieht der Mannfakte ist geologisch ziemlich getiau bt*- 
stimmt; sie ist eine Süaswasserablagemng nnd gehört in das ietite luter* 

Fig. L 


Tig. 2, 




iMal, nnd zwar entstammt sie dem Ende desselben, da die in ihr ent- 
baUenen Schneekeii anf kaltes Klima deuten. 

In der Kieägrubo sind auch zahlreich© Reste von Elephasäi primigenins 
gefunden worden, von denen einige 2ür Abbildung gebracht sind. E» 
handelt sich nm das Bruchstück eines Ri^hrenknochens (einen femtup mit 
Oelpnkkopf) von gut 40 an Länge, mehrere Backenzilhne und idn Bruch- 
stück eines Unterkiefers mit darin steekendem Backenzahn (Eigentum des 
Kantors Laue in Hundisburg). Die Stück© sollen über der Schotterbank 
gefunden sein; da die Funde jedoch vor mehreren Jahren gemacht sind 
und die Finder auf die geologische Lagerung nicht geachtet haben, ist 
die Bestimmung der Fundschieht nicht durchaus sicher. 



278 


P. Favreau: 


Grube II gibt ein ganz anderes Bild, auch ist die Lagerung und Be- 
deutung der Schichten lange nicht so klar, wie in Grube L Die Schotter- 
bank ist nicht horistontal gelagert mit deutlich erkennbarer Schichtung, 
sowie Unter- und Überlagerung von Gesehiebemergel und Sand^ sondern 
gie bildet eineu^ von Sandlagerntigen umgebeneUj festen Block ohne er- 
kennbare ScMchtung. Leider ist die Schotterschicht soweit abgebaut (sie 
liefert ein vorzügliches Material zu Wegebauten), dass nur noch ein ganz 
kleiner Reat erhalten ist, der jedoch nach dankena wertem Entgegen- 
kommen des Besitzers so lange wie möglich erhalten werden »olL Wie 
der Aufbau der Schotterbank ein anderer ist als in Grube I, ao ist auch 
das Material ein anderes: er herrschen nor*üsche Geschiebe vor, deren 
grosse Zahl (speziell nordische Granite) sofort beim Betreten der Grube 
auffallt. Die einzelnen Steine des Schotters sseigen vielfach deutliehe 

Fig. B. 



m 


Spuren von Pressungen, manche Peuersteinknollen z. B* sind förmlich 
gescliält. Die ganze Schicht macht den Eindruck eines durch ungeheure 
Gewalt zusammengepressten Blockes. Gesehiebemergel habe ich nicht ge- 
funden, 

Eß handelt sich wohl um eine Endmoräne bezw» Reste derselben, die 
zum grossen Teil durch die Wassennaasen der abschmelzenden Gletscher 
hinweggewaschen ist. 

Die Schottermasse selbst führt so gut wie keine organischen Beste, 
während die sie um- und überlagernden Sande zahllose Bruchstücke von 
Muschcd- und Schneckenschalen enthalten. Die wenigen Bruchstücke von 
Schnecken und Muscheln im Schotter zeigen eine so starke Zertrümmerung, 
dass eine Bestimmung ausgeschlossen erscheint. Sie liegen augenschein- 
lich nicht, wie die Schnecken bau ke in Grube I mit ihren vorzüglich er- 
haltenen Schneckenhäusern, an primärerj sondern an sekundärer Lageratelle. 
Knochenreste sind bisher nicht gefunden. 


Aus dem Dilnvium bei Neiihaldetidebeii. 


279 


Die SilexmaDufakte IieRfon im Bchotter eingebettet 

Grube III ähnelt wieder mehr der Grube I, doch ist auch hier die 
Lagerung nicht ao deutlieh, wie bei Grube L 

Der Humus liegt fiist direkt auf der sehr mächtigen Schotterbank, 
doch finden eich an einigen Stellen schwache Reste von Sanden und Ge- 
«chiBbemergel zwischen Humus und Schotten Das Material, aua dem der 
Bchotter besteht, ist ungefähr identisch mit dem Ton Grube I, indem sich 
viel einheimisches Material (Porpliyr und Grauwacke) darunter befindet 
Das Material itt jedoch im allgemeinen feiner, d. Ih die den Schotter 
bildenden einzelnen Steine sind kleiner und mehr abgeschliffen, auch mit 
mehr sandigen Bestandteilen vermischt wie in Grube L 

^ach unten treten immer stärker werdende Beimengungen von Saiyi 
auf; was darunter lagert hat noch nicht festgestellt werden können. Be- 
stimmbare Schnecken und Muscheln sind noch nicht gefunden, ebensowenig 
Knochen. Die Schichtung des Schotters ist nioht horizontal, sondern um 
fast 30"* gegen den Horizont geneigt 

Auch hier liegen die Silex in der Schotterbank* 

Die Abhigerungen in den drei Gruben sind sicher diluvialen Ursprünge«, 
da sie unverkennbare Zeichen der grossen Vergletscherungen des DlluTiunis 
zeigen. Welcher Stufe des Diluviums aber die Fundschichten angehören, 
hat jedoch bis auf Grube I noch nicht mit Siclterheit festgestellt werden 
können. 

Ich werde deshaUi hauptsächlich auf diese Grube eingehen, die beiden 
anderen dagegen mehr nebenbei beriibren, behalte mir jedoch vorj später 
einmal auf dieselben eingehend ^zurückzukommen. 

Zunächst noch einige Worte über die Lage der Kiesgrube am Hundis* 
burger Schlosspark! 

Wandert man auf der Chaussee von Althaldeusleben nach Hnndisburg, 
00 gelangt man, bevor man die schöne Allee am Hundisburger Schlos^park 
erreicht, in der Mittt* zwischen beiden Dörfern au eine Talmulde, welche 
die Grenze zwischen den Schlossparks von Älthaldensleben und Hnndit- 
iKirg bildet. In dieser Talmulde läuft ein Schienenstrang entlang, der 
über die Beber 2u einem Granwackensteinbrucbe auf dem linken Heber- 
ufer führt Geht man an der Bahn entlang, so hat man rechts im Park 
des Klostergutes Älthaldensleben die kaum noch erkennbaren Reste der 
Wälle der uralten Burg Haldensleben, links dagegen einen sanft an- 
steigenden Höhenrücken, der sieh zu beträchtlicher Höhe erhebt und auf 
seinem steilabfallen den Hüdwestrande auf dem höchsten Punkte das Schluss 
(Burg) Hnndisburg trägt. Dies ist ein uralter, ursprünglich v. Alveiis- 
lebeuscher Bittersitz, jetzt den Herren v. Nathusius gehörend, in präch- 
tiger land&cbaftlicher Lage* Im nordwestlichen Abhänge des Hügels, der 
das Bebertal auf der rechten Seit© begrenzt, liegt tief in den Hügel ein- 
geschnitten die bereits stark abgebaute Kiesgrube, und zwar befindet sich 
di^ Scbatterschicht, d. b. die eigentliche Fundstelle, als steile Wand auf 
der Kordi*eite der Grube, in der Richtung der Abdachung des HügeU. 
Betritt man die Kiesgiiibe, so fällt auf dem abgebauten Teile sofort die 
grosse Menge von dort zurückgelassenen, nordischen Geschieben in nicht 


1 



71 







P 


ti\ n 


Der obere, etwa *2 ^ starke Teil der Schotterbatik fahrt keine Mann- 
fakte; dieselben liegen in der Hauptsache in der Mitte der Schicht, ein 
Teil aber auch verstreut in der unteren Hälfte. Die in Tafel la mit Nr» 1 
und Nr. 2 bezeichneten Stücke (blattförmige Spitze und prismatisches 
Messer) lagen z. B, in der Mitte der Schotterschieht, daneben fanden sich 
einige Knochenfragmente, die aber ihrer rudimentären Beschaffenheit wegen 


Aus dem Diluvium bei KeuhaldeDsleben* 


JHI 


i 


y 


I 


^ S/ 


ßulb« 


(•fet. 


Rfieisette 


YoTcientiite 

BlattflSrmJ^e Lamelle la Nr, 1. 


nach nicht baboD bestimmt werden können* In Grobe 11 und III liegen die 
(in Grube III sehr spärlichen) Mauufakte in der ganzen Schotterschiebt 
verteilt. 

Die Mannfakte lassen sich 
einteilen in lolcfae mit a) Eo- 
lithon-, b) Paläolithen-Charakter, 
oder aber in solche, die ad 1) 
Bcbrammungen, ad 2) keine 
Bcbrammungen durch Gletscher 
zeigen. Hierbei entspricht jedoch 
a) nicht ad 1) und b) nicht ad 2), 
es befinden sich vielmehr sowohl 
unterden EoHthen» wie den Palao« 
lithen geschrammte, wie nicht- 
gesehraitmite Exemplare, Die 
il der Hilex, die zweifellose 
h^ramoiuiigen durch Gletscher 
«eigen, ist zwar nur gering, doch ist ihre Bedeutung nicht zu unter- 
schätzen. Die geschrammten Silex liegen tief in der Sehotterschicht — 
wie scholl ensähnt^ liegen die höchstgelegenen Htüeke in Grube l etwa 
2 ifi unter den Moranenresteo, und zwar in ungestörter, durch den Gletscher 
nicht aufgewühlter Schicht ^, die äehrammungen können daher nicht 
dnrch die Gletscher der letzten Eiszeit hervorgebracht sein. Zeigt nnn 
ein Stück (wie Tafel Ib Nr, 13) auf der Rückseite eine Hchlagmarke und 
fiber diese hinweggehende Schrammung, so ist letztere you den Gletschern 
der Torletzten Vereisung bewirkt, und ist damit das Stück bereits im 
Torletzten Interglazial in Menschenhand gewesen. Es ist dann mit den 
Kiesen, in deuen es liegte von den Oewässeru an seine Stelle geführt. Die 
übrigen (nicht geschrammten) Stücke zeigen durchweg so scharfe RÄuder 
nnd Kauten, dass sie unmöglich vom Wasser weitergeschwemint sein 
können. Ich nehme vielmehr au, dass der dem letzten Interglazial an- 
gehörende Teil der Mauufakte von einer Bevölkerung stammt welche die 

lilfer der zu Diluvialzeiteu selir wasserreichen, heute nur nnbedeutenden 

FBeber bewohnte. 

Die hauptsächlichsten Typen der Manufakte in den drei Gruben sind 
folgende'): 

a> Eolithische Typen« 
J- Schläger aus ganzen, natürlichen Kieselknollen. 
Solche finden sich unter den zahlreichen, in allen drei liruben vor- 
kommenden Kieselknolteu in verschiedeuen Gestalten: kugelig zylindrisch, 
Ton nnregelmassiger Gestalt, mit durch Gebrauch entstandenen Äb- 
splei^Bungeu, sowie mit künstlichen Schär fungeu. Zwei Stücke^ eins von 
unregelmässiger Gestalt, mit Absplitteruugeu uu den Enden, und eins in 
der Form eines Hakens sind in Tafel III abgebildet» Sie entstammen der 


1) la d«n Abbildungen sind die susg'^sphtt orten (ret^^ucbierteD} KAntea durch romlt«, 
die Logo der Schlagmarke durch starke Kreuie bcieichnet 

X«lt>€taHft für Elhoolugie. Jalirg. 190^ H«ft 2 u. 1 l^ 



282 ^^H^ F. FftTreau: 

Grube IIL IntereBsant ht der hakenförmige Knollen^ dessen kürzerer Arm 
künstlich durch Absplittertmgen ^ugeschärft ist und Gebrauchsapuren 
erkennen läsgt. Das andere, starke Ende zeigt an den Rändern Ab- 
ßpleissungeti, die nicht nur auf den Gebrauch ale Klopfer zurückzuführen 
sind, sondern auch künstliche Schärf iing darstellen. Von diesem starken 
Ende aus betrachtet, zeigi das Stück eine Form, die auf gleiche Ver- 
wendung wie die sogenannten Hobelkratzer» grattoir-rabot, schli essen 
lassen. Die am Knollen behndlieheu Fortsätze, die beim Anfassen 
hinderlich waren, sind abgeschlagen bozw. glattgehamniert, und bietet das 
Stück ein sehr brauchbares Werkzeug* Stilcke derselben Typen finden 
sich überall in den drei Gruben verstreut, nicht nur in den Schotter- 
bänken; auch im Schotter der Grube I habe ich neuerdings Manufakte 
dieser Typen gefunden. 

2* Aus zufälligen^ bezw. natürüclien Absplissen hergestellte Werk- 
stücke sind in den Schottern aller drei Gruben vertreten. Die Porm ist 
meistens die des Schabers, sowohl des einfachen, mit einer geraden oder ge- 
bogenen Schärfe, als auch die des Hohlschabers und die des Schabers mit 
mehreren scharfen Kanten« Dahin gehören Tafella Nr, 11, ein mit einem 
natürlichen Griff und ringsherumlaufenden, teils auf Splitteruug durch den 
Gebranch, teils auf künstliche Hchärfung zurückzuführenden Abspleiseungen 
versehener Schaber, ferner Ib Nr, 14j 15, sowie II Nr. 8 und 10, In diese 
Gruppe einzureihen sind auch die Hohlschaher Ib 19 und 27, 11 Nr, 5 
(Doppelhohlschaber) und 10, Dann gehören hierher die bohrerförmigen 
Spitzen mit Aussplltteningen an der Kante zur Herstellung einer Spitze 
(11 Nr- 9). 

Alle diese Stücke zeigen auf einer Seite die Oberfläche des rohen 
Kieselknollens, auf der anderen die gesprungene Fläche, und an den 
Kanten Absplitterungen, teils durch den (Jebrauch, teils durch Gebrauch 
und künstliche Schärfnng hervorgebracht. 

3. Ans beabsichtigten Spreng&tücken hergestellte Werkstücke, ohne 
beatimmie Formgebung, sind sowohl in Grube I, wie in II häufig, sie 
stellen die Hauptmasse der Fundstücke dar. Teilweise ist die Schlag- 
marke stark ansgeprägt^ teilweise weniger deutlich kenntlich. Die eine 
Seite der Kieset zeigt die Oberfläche des rohen Knollens, die andere die 
glatte Sprengfläche mit der Schlagmarke; einige lassen erkennen, dass von 
einem Knollen mehrere Lamellen nacheinander abgesprengt sind, um sie 
zu verwenden. Die Formen sind wieder im wesentlichen Schaber, einfache 
und Doppelschaber, Hohl- und Doppel-Hohlschaber, sowie spitzen förmige 
Werkzeuge. 

Besonders hervorzuheben ist als Schaber la Nr. 6, Er besteht ans 
einem dreiseitigen Abapliss, dessen eine Seite die rohe Oberfläche des 
natürlichen Knollens zeigt, während die beiden anderen durch glatte 
Sprengüächen, die untere mit stark ausgeprägter Schiagmarke, gebildet 
werden. Die eine Kante ist als Hohlschaber bogenförmig ausgesplittert, 
die übrigen Kanten zeigen ebenfalls Absplitterungen zur Schärfung* Die 
Farbe ist tiefschwarz. 



Aus dem DilaviLim bei Neuh&ldeiislebeti. 


283 


Hierher gehört ferner der Uohlschaber la Nr. 8, sowie dej an allen 
JTier Kanten mit bogenförmigeü ÄasispHtteniiigen versehene Vier- Hohl- 
fachaber II Nr IL Eine Mittelform zwigcbeo Schaber und Spitze bildet 
'ib Nr. 18, Bpitzen sind Ib Xr, 16 und 17, sowie la Nr* 10, Alle diese 
zeigen Hehlagmarken, sowie künstliche Abaplitteningen zur Herstellung Ton 
, Schärfen. 

Besonders zahlreich sind in dieser Typengruppe die kleinen Schaber 
laoB geschlagenen Sprengstücken, mit Gebrauchs- nnd Schärfungs- 
»bspleissuugen, die bald nur auf einer Seitej bald auf mehreren Seiton 
langebrachtj bald einseloe Kanten, bald das gaiiie Stück ringsherum um- 
idien (Ib Nr. 21 bis 26). 

4* Die Typen dieser Gruppe bilden mit dem Beginne beabsichtigter 
[FormengebuDg den Übergang zu den paläolithiachen Typenreiheu. Die 
i Hauptformen sind auch hier wieder der Schaber und die (Schaber- oder 
»Bohrer-) Spitze, Hierunter befinden sich bereits einzelne Stücke, die tou 
kn Seiten so bearbeitet sind, dass von der Rinde des natürlichen Knollens 
iä^dits mehr zu flehen ist Ein solches Stück, mit Schlagmarke auf der 
[Köckseito, von allen Seiten behauen und ringsherum mit Schärfungen 
reraehen, ist Tafel II Nr. 12, Hierher gehören auch ebenda Nr 1 und 2, 
rm fehr haudliche, sowohl zum Schneiden, als auch zum Schaben geeig- 
nete Werkzeuge, an denen die Schneiden sehr geschickt behauen sind und 
die starke Abnutzung zeigen. Beide steigen auch unverkennbare Spuren 
einer Schrammung durch Gletscher. 

Als bohrerftrmige Spitzen sind hervorzuheben la Nr, 7 und Ib Nr, 13, 

, Ersteres besteht aus einer flünnen Platte mit sauber abgesetzter Spitze, 

letzteres ist mehr als Spitzenschaber zu bezeichnen, aus einem derben 

Hprengstttck hergestellt. Die Rückseite zeigt die Schlagmarke mit darüber 

hinweggehenden Schramniungen, 

b) FalHolJthiscbe Typen* 

Dieses sind Stücke, welche als wirkliche Artefakte bezeichnet werden 

können: absichtlich^ in einer bestimmten, absichtlich hergestellten Form 

gearbeitete Werkzeuge, Solche sind prismatische Messer mit den dazu 

gehörigen SteinkerDen(nnelei), blattförmige Spitzen und verschiedene Formen 

Itou Schabern* 

1. Die prismatischen Messersplitter (la Nr. 2, 4, 5 und II Nr* 7) zeigen 
die bekannte, dreieckige Form, am Ende die Schlagmarke. Die abgebil- 
deten Splitter sind nur klein (das grösste, la Nr, 2, ist nur 'cm lang), 
lasten aber die Spuren der Abnutzung erkennen, Sie sind von einem 
Feuersteiuknollen mittels kurzen^ scharfen Schlages abgetrennt; vom Knollen 
aind die bekannten prismatischen Steinkeme (nuclei) übriggeblieben, die 
bei der Kleinheit der verwendeten Knollen ebenfalls nur klein sind 
(H Nn 3 und 4), 

2. Blattförmige Spitzen (la Nr. 1 und U Nr, 13 und 14). 
Diese Spitzen sind aus einer grösseren, flachen Lamelle durch Behauen 

JTon allen Kanten (Drücken?) hergestellt, und zeigen auf der Rückseite die 
£chlagmarke* Die Rückseite ist tiach, dieVorseite zeigt niohrere Abspaltungen, 

1*^* 


i 


584 "^ !*■ raTrcau; Disbiswonr 

tind faat keine Spur der rohen Knolle mehr* Die blattförmige Spitze la 
Nr. 1 und das prismatiöche Meaaer la Nr. 2 sind vibrigona io Grube I neben-^ 
einander mit einigen, wegen ihres zu sehr fragmentierten Charakters leiderj 
nicht bestimmbaren Knochenresten gefunden, Sie bestehen aus demselben j 
schmutzig-honigfarbenen Feuerstein. 

3, Schaber. 

Die Form des Schabers la Nr. 3 ist nur einmal vertreten. Der Schaber 
hat eine gerade, sehr sorgfältig durch viele kleine Absplitterungen her- 
gestellte, steile Schneide, und ist aus einem dicken^ viereckigen, pris- 
matischen Stück hergestellt- Er ist eine Art Mittelform zwischen pris- 
matischem Messer und eigentlichem Schaber. 

Häutig ist dagegen die Porni la Nr. d und 12, die durch kreisrunde^j 
mit herumlaufender, durch Absplitterungen hergestellter Schneide ver- 1 
sehen e Scheiben, die nach allen Richtungen hin behauen sind, gebildet] 
wird. Nur etwa V, der Peripherie des Kreises ist nicht zugeichirft^j 
um das Instrument bequem fassen zu kennen. 

Dies öind die wesentlichsten Typen, welche in den drei Graben vor-^ 
kommen; zum SchluBs noch eine kurze Zusammenfassung der Lagerung 
der Manufakte* 

EoHthe der Type a. 1 Snden sich, mit Ausnahme der Schotterbönk in 
Grube I, überall in allen drei Gruben. 

Alle Übrigen Formen erscheinen nur in den beschriebenen Schotter- 
bänken; sie finden sich in Grube ITI nur sehr selten, häufig dagegen in 
l und IL In Grube 11 sind die Silexnianufakte durch den ganzen Schutt- 
kegel zerstreut; in Grube I dagegen reichen sie von unten herauf bis etwa 
Eur Mitte, und finden sich meistens zu mehreren dicht nebeneinander. 
Höher als die in Tafel la Nr, 1 und 2 (mit den Knochenfragmenteu gefun- 
denen) verzeichneten Stücke haben sich keine Manufakte gefunden, nicht 
weit davon in gleicher Höhe etwa lagen auf derselben Tafel Nr. 3, 5j 9 
und 12. Das Verschwinden der Manufakte in den oberen Teilen der 
Schotterschicht ist aus dem Herannahen des Eises, das ein Bewohnen der 
Gegend unmöglich machte, zu erklären. Dies stimmt auch dazu, dass die 
gehotterbank der Grube I als interglaziale Süsswasserablagerung aus dem 
Ende des letzten Interglazial bestimmt ist und die Moräne unmittelbar 
darüber liegt. Die aus dieser Bank stammenden Manufakte müssen des- 
halb notwendig interglazial sein; die geschrammteu Stücke gehören dem 
Torletzten Interglazial an. 

Diskussion. 

Hr, M. Blanckenhorn: Es sind nun schon wiederholt hier in der 

Gesellschaft norddeutsche Eolithenfunde von verschiedenen glazialen Fund- 
orten vorgelegt worden, so dass es wohl angebracht erscheint, einmal vom 
geologisch'Stratigraphischen Standpunkt aus einige kritische Bemerkungen 
über das eigentliche Alter dieser höchst interessanten Keste anzuknüpfen, 
sie gerade in Bezug auf das Alter mit den bekannten Stufen des Paläo* 
lithikums und Eolithikums in den klassischen Ländern der steinzeitlicben 
Forschung, Frankreich und Belgien, zu vergleichen und dabei namentltch 



M, Bknck^nhoni. 


[ die Frage aufzuwerfon, ob dies© deutaehen Funde denn wirklich, wie viel- 
[fach, speziell von dem bedeutendsten Eolithenforecber Rutot m Brössei 
|l>ehaDptet wurde, zeitlicli dem eogeDaniiteji Eolithikum entsprechen. 

Unter den eeinerzeit aus der Magdeburger Gegend vorgelegten Eolithen 
[hat Hr, Hahne nach eingehenden Studie« bereits naehrere, tiämlich vier 
I verschiedene Typen unterscheiden köniieOj die immer wiederkehren und 
ImngebHch %n Dutzenden gesammelt werden können (vgl, Zeitjschr. f. Ethno- 
logie 36, Jahrg. 1904, S. 306— 7). Wir haben es also nach Hahne im 
Interglazial der Magdeburger Gegend bereits nicht mehr mit den aller- 
[primitiTston Eolithen zu tun, die nur durch Abnutzung von Naturkieaeln 
[in der Hand des Menschen ohne weitere Intention entstanden sind, eonderu 
mit einer zweiten höheren (iruppe von Eolitbeu, die wenigstens auf einer 
I Seite, Ecke oder H&lfte schon absichtlieh zurechtgescblagen sind und so 
leine bestimmte Form annehmen, während die bekannten typischen PalÄo- 
'lithe desPuläoUthikunis ringsum auf beiden Hälften und allen Seiten einer 
bestimmten, gewollten Form entsprechen* Es ist selbstverstäudlieli, dass 
beide Gruppen von EoUthen auch bei entwiekelteren Feuersteinindustrien 
' neben den vollendeten Instrumenten gleichzeitig auftreten. Man hat immer 
nur ztt untersuchen, welclic relativ meist Tollendeten Formen in einem 
Lager vorkommen. 

Nach dem Zustand der Artefakte würde das Magdeburger und wohl 
auch das Neuhaldenslebener Lager in Rutots Hyetem etwa dem Mesvinieu 
entsprechen. lintot selbst hat nach Aussage Hahnes (a. a. 0, S. 304) die 
Funde von Magdeburg als Mischung von Reutelo-Mesvinien und Mesvinien 
pure bezeichnet. Diejenigen von Tanbach teilt Rutot*) nach ihrer Form 
und auch — wie ioh hier ganz besonders hervorhebe — nach der geolo- 
Lgiiehen Lagerung seinem Reutelo-Mesvinien oder Muffiien zu. 

Stimmt dieses Resultat nun mit der ilurch geologisch-stratigraphische 
Beobachtung gewonnenen Gliederung des Diluviums, die doch in aller- 
erster Linie massgebend sein muss? Nach Rutots Selienm'^) allerdings 
wurde das Mesvinien etwa in das Interglaziale zwischen der Groaeen 
oder Haupteiszeit und seiner quartaren zweiten Eiszeit fallen. Aber 
Rutot hat in seinem so sorgfältig ausgearbeiteten Schema leider nur 
die belgischen, französischen und englischen VorhÄltnisie berücksichtigt. 
Er hält eich dabei viel zu ängstlich an Geikies GUedernng der Eis- 
zeit und hat von dem wiederholten, einstimmigen Protest der nord- 
deutschen Geologen, insbesondere Keilhacks*), gegen letztere gar keine 
Notiz genommen, auch die heute vorliegenden Ergebnisse der Forschungeu 


1) Rutot, La Pr^historiqme duin rEurope eentmlc. Coup ä'oml snr Vekmt dm 
conaaiwaDcei relstiTGs aui Indutriee de Im Pieixo eo 19t)n, Najnar 19tM, p, 1*G. 

2) YgL unter anderem besonders did CberaichNtabelle bei Eutotr Esquiste d'uoe 
ecnoptraiion des coacbcfi piloceaea et quftteraaii-et de U Jklgiqiie avcc eelies da Sud^£«l 
de lAogleterre. BaU. Soc. Belize de Geologie, Briuelles, M«j l'J03, p. lOU; fenier Eflsai 
d^^TtlüJitiDii de la duree des temps qnatemsireSf ibidem Juin l^M. 

3) Die Geikieiclie Gtiederung der TiordemropäiAcben GlaiiaUblafemngeci, Jihrb. 
der kgl preuss. geoL iaadeissiut.. Bedio 13%, & 111; dehe auch Petcrmaaot Mitt 
1890, a 7a 



286 ^^^^ P* F&Tie&Q: Diskussion T 

der oberrlieiniBcheu und alpinen Geologen, insbesondere A. Peiicka, 
nicht in Keclinung gezogen. Von Rutots fünf Eissseiten, die den fünf 
ersten Geikies genau entsprechen, fällt eine noch ins Pliocän, die wir 
hier znnÄchst ^anz nnberückaichtigt lassen wollen, und vier ins Diluvium. 
Die erste quartäre Kutots, seine Moseenstufe, Geikiea Saxonian, ist 
nach Rutot identisch mit der Urossen oder HaupteisKeit, der Torletztan 
oder zweiten Eiszeit des Unteren Geschiebemergels der norddeutschen 
Geologen j sein zweites Glaciaire^ d. h. seine Stufen des Campinien und 
Hesbayen, Geikies Polandian, mit der letzten Eiszeit des Oberen 
Geschiebemergela in Norddeutsehland , sein drittes Glaciaire oder »ein 
Brabantien, Geikies Mecklenburgian soll dem Htadium der Baltischen 
Endmoräne entsprechen, seine vierte sogenannte Hchottische Eiszeit, die 
mit eetoeni Flandrien zusammenfallen soll, könnte allenfalls einem der 
späteren Rückzugsstadien der alpinen Gletscher, dem Dann- oder Gschnitz^ 
Stadium bei Fenck-Brückner parallelgestellt werden. Man ersieht sehn» 
daraus, dass Rutot s vier ([uartäre Eiszeiten nicht mit den vier quartären 
Eiszeiten Pencks und der Schweizer Geologen Übereinstimmen, ebenso- 
wenig wie sie mit den drei bisher in Norddeutsehland erkannten Yer- 
gletschernngen in enger Beziehung stehen. Es fehlt eben in Rutots 
Schema ebenso wie bei (Seikie t^ine ältere, altdiluviale Vergletscherung, 
während die beiden letzten Eiszeiten Rutots eigentlich nur halbe Eh- 
zeiten, d, h. Unterbrechungen oder oseillatorische Phasen des Rückzugs der 
letzten sind. 

Sehen wir nun zu, wie iÜese Eiszeiten und ZwischeneiszeLteu mit 
den menschlichen Industrien oder Arbeitsweisen zusammenfallen sollen. 
In seine erste quartäre Glazialzeit verlegt Rutot das Reutelien, in seine 
erste quartäre Interglazialzeit, also zwischen den Absatz der beiden Haupt- 
gesehiebemergel Xorddeutschlands, sein Keutelo-Mesvinien oder Möfflien 
und sein Hesvinieu, iu die zweite Eiszeit das Strepyien, Chelleen und 
Ächeuleen, in seine zweite Interglazialzeit, d, h. in die Abschmelzperiode 
unserer letzten Eiszeit, das Mousterien, in die dritte Baltische Eiszeit das 
Eburneen oder erweiterte Solutreen und in die vierte erst das Taran^lieu 
oder Magdalenien. Es würde zu weit führen, auf alle die Einzelheiten 
dieses Schemas näher einzugehen. Ich muss mir das für eine spätere, aus- 
führliche Darstellung vorbehalten, in welcher ich die Diluvial- und Pliocän- 
bildungen aller wichtigen Länder Europas^ Sordafrikaa und Vorderasiens 
vergleichend zu bi^handeln gedenke. Für heute will ich nur einige Punkte 
herausgreifen, die für uns namentlich zur Beleuchtung der deutschen Vor* 
kommnisse von Wichtigkeit sind. 

Das Rutotsche System au sich ist von den namhaftesten Geologen 
wie auch Anthropologen anerkannt; für Belgieu ist es geradezu muster-* 
gültig und bis in seine Einzelheiten genau und zuverlässig. Bloss bei der 
Übertragung dieses Schemas auf die Bildungen der deutschen und öster- 
reichischen Nachbarländer ist Rutot unter den Folgen des Geiki eschen 
Systems in IiTtümer verfallen. Das hat folgende Gründe: 

Zunächst gegenüber der Bevorzugung Geikies die zu geringe Be- 
untzung der deutschsprachigen geologischen Literatur und damit die Nichts 



M. BIiockcDhorn* ^^^^^H 2g7 

Verwertung der stratigraphiächen Ergebiii»fio der geologischen Forschung 
in den wirklich vergletscherten Gebieten Zentral europag. 

Zweitens die zu übertriebene^ scharfe Trennuog der nach den beiden 
Leitfogailien Elephas antiqmis und primigmim benannten Hanptstufen. Di« 
%Q oft wiederholte Tatsache, dass das Mammut auch ^ehon im älteren 
DilaTiuni neben dem Urelefanten existierte^ daas es zu wiederholten Malen 
in den kaiton Zeiten der VerglGtscheningen durch das Torröckende Eis 
nach Sfiden gedrängt wurde und auch im Altdiluviuiii am Haude des Eisea 
zeitwmse besser sein Fortkommen ßnden konnte als der Urelefaui, der 
. jedesmal mehr die warmen Interglazialzeiteu , insbesondere deren erste 
'Hälften^ die ^Waldphasen** Pencks, beherrschte, das übersieht Rutot. 
Die altpaläolithische Stufe des Chelleen im engeren Sinne fällt nach 
Kutots AuffiissuDg in eine kalte Gletscher- oder Eisxeitf ia der vermutlich 
oder sicher die damals nach existierenden, aber au warmes Klima ge- 
wohnten Urelefanten nnd Rhinüceros Mercki sich nur vorübergehend aus 
Belgien und Nordfrankreich gegen Buden zurückzogen nnd dem Mammut 
so das Feld überlieasen. Die Tatsache des ZusammenTorkommens von 
Mammutkuochen mit echten Chellesfänsteln in Belgien genügt nun für 
rButotf um die ganze Chellesstufe überhaupt in seine Jhimmutstufe^ 
speziell seine zweite qnartäre Eiszeit d, i, die letzte norddeut>Hcbe zu ver- 
legen. In vollem tiegensatz dazu finden wir bei A. Penck das Chelleea 
in eine frühere Zeit, noch weit vor dem Aussterben des Elephan antitpim^ 
in die Waldphase des vorletzten^ mittelsten oder jUindel-Riss-Intergla3cials 
d, h. vor die Ilaupteiszeit verlegt. 

Der dritte Fehler Rutots besteht in seiner allzustarken Betonung der 
Industrien oder Arbeitsweisen, die für ihn neben den genannten Elefanten 
das Alter absolut entscheiden, selbst wo es sich um weit voneinander ent- 
fernte Lander und verschiedene geologische Verhältnisse handelt. So erklärt 
Kutot') z.B. das berühmte Lager von Krapina in Kroatien, welches die 
Skelette des Neandertalmeuschen zusammen mit Knocheu von RJunoceros 
Mercki^ Höhlen bäi", Biber und primitiveu Stein Werkzeugen, etwa vom Typus 
Monstier oder Acheul, lieferte, für Eburneeu inferieur auf grund der von 
ihm gesehenen Artefakte Dass nach Schlossers Untersuchung die Fanna, 
besonders genannte Nashornart auf ein wärmeres Klima deuten^ welches 
sonst für die Zeit des Ebnrneen nicht angenommen wird, dass Bldnocerm 
Mercki sicher niemals über die erste Hälfte des letzten hiterglazials im 
Sinne der deutschen Geologen binausreiebt, gilt Rutot nebeusächlieh 
gegenüber dem für ihn bedeutenden Umstand^ dass sich kein Coup-de-poing 
chelleen oder aeheuleen vorfindet, welche fast alle Chelleen- und auch 
meist noch die Mousterienlager Frankreichs und Belgiens charakterisieren, 
dagegen einige Schaber (racluirs)» Seherben (eclatsj. Kerne (nuclei) nnd 
Disken usw., wie sie angeblich ilie unteren Niveaus der Höhlen 
Belgiens, nameutlich der von Spy charakterisieren^ welche zusammen mit 
dieser Eburneenindustrie auch die zwei bekannten Skelette der Xeandertal* 



1) Snr Ig9 guetnenti pal^Ütlnqmea de Locss Eolien de rAutnchu Hoiigrie. Mem. 
dd U Bq€, d'inthrop, de Broxellet 1904. 


^8g ^^^H^ F. Fsrreftu: Diskussion^ 

raiee lieferten. Auch die songtigeE Vorkommen des Neandertalmenäohen 
Bolkn Dach Rutot alle der Ebiirneensseit ani^ehöreo. Dazu ist zu bemerken^ 
dass nach anderen Forechenij m auch Klaatsch^), dii:* Spyfikeletta gar 
nicht in der Höhle gefunden wurden^ sondern in der TerraBse vor dieser 
Höhle in einer tiefen KnochenHchicht, welche neben den Skeletten primi- 
tive Silexme&ser vom Ächeul- oder Moustiertypus enthielt. Es wird trotx 
Rntot eher wahrscheinlich, daes sowohl der Spy mensch als der von La 
Naulette wie auch die Krapinaleute dem älteren Paläolithikum zufallen. 
Nur der eigentliche Neandertalmensch des Neaudertals scheint, soweit bei 
diesem Vorkommen überhaupt eine Altersbestimmung*) noch möglich ist, 
jünger zu sein und eher der letzten Eiszeit anzugehören, bezw- dem mitt- 
leren Paläolithikum oder Solutreen. 

In ähnlicher Weise bestreitet Rntot auch für die Schinkahöhle und 
die Certova dira in Mähren die Annahme von M. Kornea "^}, dass die 
dortige unterste Knlturschicht mit ihren primitiven Artefakten dem Chelleo- 
Mousterien zufiele, weil von dort kein Coup-de-poiiig chellt'^en gemeldet 
wurde und in Belgien die ältesten Höhlenfunde immer einer späteren Zeit 
angehörten. So würde Rutot wohl auch die beinahe typischen Mousterien- 
fande der neuen Baumannshöble bei Rübeland aus den gleichen Gründen 
dem Ebunieou anreihen* 

Andererseits erklärt Rutot auf grund Yon Klaatschs Untersuchnngeu 
das berülimte Vorkommen von Taubach für echt eolitfaisch speziell Reutelo- 
Me&vinien; deun dort lebte ja der Mensch mit dem Eiephn^ afitifpiu^ und 
Rhinotej-os Mereki, Castor fii&r zusammen und Chellesfäustel gibt es da auch 
nicht, die für älteres Paläolithikum sprechen könnten. 

Wie Taubach verfällt denn auch das Lager von Magdeburg, welches 
in seinem Bestand an Werkzeugen eine gewisse Ähnlichkeit mit Taubach 
aufweist, bei Rutot der Verweisung ins eolitbische Mesvinien oder Reutelo- 
Mesvinien und ebenso würde es vermutlich dem heute besprochenen Lager 
von Neuhaldensleben ergehen. 

Kurs&um die Industriestufen des Chelleen, Ächeuleen und Mousterien 
werden anseheinend von Rutot für Deutschland und Österreich ganz ge- 
leugnet, und was von anderen Autoren dafür gehalten wurde, wird entweder 
als eolithisches Reutelieu-, Mesvinien oder als mittelpaläolithisches Ebumeen 
bezeichnet. Wir ständen da also einer merkwürdigen, grossen Lücke gegen- 
über. Ein negatives Resultat geht allerdings aus allen vorliegenden Beob- 
achtungen hervor: Die Coup-de*poing scheinen auf DeutBchlands und Öster- 
reichs Boden nicht hergestellt worden ru sein* Ist dieser eine Umstand aber 
ein genügender Grund, die Existenz des Menschen in der Zeit des älteren 
PaläoUthikums in Deutschland zu leugnen? Ich meine: in Bezug auf die 
Artefakte steht es ähnlich wie mit der Fauna, speziell den Leitfossilien. 



1) Weltall and Meüschheit 11, 8,2%, 

2) H. Rauff, Über die Altorsbcsttmmaiig des Keandertalmeiischen und die geolo* 
logiichf^E Grundlu^ea dafiir. Eine literatkritische Studio (Y erhandle des uatiirh. Vereins 
d. pr. KhebL u* Westf. TJÖ), Ebenda: Über die NeaDdertalfrage, lÜÜi. 

B) Der Diluvial* Mensch in Europa, 19CK3« 


M. Bknckenhors* ^^^^ 289 

8ie hab^u nur für ein bestimmtes Gebiet die Bedeutuug als Leitformeii 
eines Zeitabschnittg und werden in anderen eben durch andere Formen 
ersetzt. Wir hatten eben in Deutschland zur Zeit den Chelleo-Mousterien 
eine andere Artefaktenfacies als in Belgien -Frankreich wahrend der 
gleichen Periode. In unserem Lande näher dem Haode des EiHee bozw. 
auf ehemaligem Gletaeberboden lebte auch in der luterglazialzeit eine 
numeriscb Tiel geringere Bevölkernng als in dem klimatisch begünstigten 
Frankreich, und diese Bevölkerung stand besonders in den nördlicheren 
Gegenden auch auf geringerer Kulturstufe, nämlich anfänglich nur auf der* 
jenigen des Mafflien und Mesvinien, welche die damaligen gleichzeitigen 
Bewohner Frankreichs und Südbelgiens schon längst hinter sich hatten, 
M. Hörnes gibt noch eine besondere Erklärung für das auffallige Fehlen 
iler ChellGsfäu&teL Er meint, daas sich hier keine geeigneten grosse« 
Feuer&teinblöeke zur Herstellung solcher Fäustel Torf^nden und der Mensch 
geKwungen war, sich mit anderen kleineren Werkzeugen zu begnügen. 
Das mag wohl auch für einzelne Vorkommnisse seine Geltung haben, aber 
kaum für alle und man muss nach allgemeineren Gründen suchen, die ich 
eben in der geringeren Kulturstufe erblicke, bedingt teils durch das Klima 
und die BodenbeschafiTenbeit, teils durch die niedrige BevölkerungszifiFen 
Ich möchte da zum Vergleich einfach auf die heutigen Verhältnisse hin- 
weisen: den grossen Gegensatz zvviachen den Knlturtölkern Europas uml 
den Lappländern und Eskimos in der {»olaren Zone am Rande des Inland- 
eiseSj die ja tL^ilweise noch in der SteiuÄeit zunickgeblieben sind. Es wird 
freilich vou namhaften Anthropologen die Ansicht vertreten, dass der Mensch 
erst im nördlichen Europa gerade infolge der hereinbrechenden grossen 
Vereisungen, bei dem durch ungünstige Lebensbedingungen erschwerten 
Kampf ums Dasein und der inteusiven natürlichen Auslese unter erhöhter 
Sterblichkeit vom Menscheuaf['en sich znm Meuscbeu emporgeschwungen 
habe oder auch, dass die llauptkulturrasse der Arier im hoben Korden 
nicht sehr weit vom Gletschereise entstanden und von da ihren wieder- 
holten Bieges^ug kulturbringend nach Buden angetreten habe. Ich für 
mein Teil habe dieser Auffassung nie Geschmack abgewinnen können und 
sehe auch in den berührten Vorhältnissen einen weiteren Gegenbeweis, 
Viel eher neige ich mich der Ansicht zu, dass in der älteren Btoinzeit die 
Kultur, wenn sie überhaupt gewandert ist, von Süd nach Nord oder besser 
von Südost nach Nordwest sich verbreitet habe, nftmlich von Ägy}iten und 
Bonialiland über Gibralüir nach Westeuropa, Schwein für ths und meine 
sich gegenseitig ergänzenden, allerdings noch lange nicht abgeschlossenen 
Studien im Diluvium und Pliocän des Niltals liefern vielleicht weiter** 
Grundlagen für den Aufhau dieser Hypothese, 

Bei der Altersbestimmung einzelner Kultursebtchten müssen alle in 
Betracht kommenden Momente richtig gegenseitig abgewertet werden. 
Unter ihnen aber spielen die stratigraphisch - geologischen die unbedingt 
ausschlaggebende Holle, Gerade in der DUuTialxeit haben wir ja in dem 
wiederholten Klimawechsel der nach unserer heutigen Kenntnis gleich - 
massig über die ganze Erde sich vollzog und in einigen Gebieten periodische 
Vergletscherungen, in an<leren gleichzeitig wenigstens perlodis'^ho Pluvial- 


p 


F. l^'avrciu: DiskussloD: 

selten mit Aüschwellungen aller Flussläufe hervorrief, das Tomüglichste 
Mittel zur Gliederung. Aber diese komplizierte, schwierige Gliedening 
in die verachiedeoen Eiizeiten kann kaum Ton Ländern ihren Ausgang 
nehmen j die überhaupt nicht vergletschert waren, wie Frankreich und 
Belgien, sondern kann wenigstens in Europa nur Ton den Gebieten des 
nordischen oder alpinen Inlandeises ausgehen. In das hier unter Über- 
einstimmung der massgebenden Geologen aufgestellte System von Eiszeiten 
und Intergla^iakeiten sind dann die einzelnen Vorkommnisse menschlicher 
Kulturstufen der Reihe nach vorsichtig einzureihen. Auf diesem einzig 
wahren Wege sehen wur namentlich in den Alpen die unermüdlichen 
Glazialforscher Penck und Brückner, sow^ie Richter und andere vor- 
gehen, in dem westdeutschen und norddeutschen Eisgebiet sind zahlreiche 
Geologen an der Arbeit Ist dieser Weg der systematischen von Ort zu 
Ort fortschreitenden Landesaufnahme auch langsam, so führt er doch am 
siehersten zum Ziele, zu einer richtii;;en Erkenntnis des Diluviums in allen 
Ländern und auf der so gewonnenen Grundlage auch zum richtigen Vet- 
stüudnis der Urgeschichte des Menschens, die für die verschiedenen Länder 
sicher verschieden ausfällt 

Es wird freilich noch einige Zeit vergehen, bis alle paläolithiachen und 
eolithischen Vorkommnisse in jedem Laude völlig sicher ihre richtige 
Stellung im Profil des Diluviums gefunden haben. Immerliin haben wir 
schon jetzt manchen zuverlässigen Anhalt. 

Um von einer ganz sicheren Basis auszugehen, müs^^en wir uns nach 
genau untersuchten Kulturschichten umsehen, deren stratigraphisehe Stellung 
etnigermassen geklärt ist und die zugleich in ihrer Fauna^ Flora und ihren 
Artefakten genügenden Anhalt zum Yergleich bieten. Solche Fälle liegen 
in Deutschland-Öster reich besonders vier vor, das Lager im Kalktuff von 
Taubach -Weimar, dass im Löss von Krems an der Donau und die zwei 
Magdalenienstationen am Schweizersbild und bei Schussenried. Die beiden 
ersten Lager gehören, nach dem übereinstimmenden Urteil der Geologen, 
die sie untersucht haben, der letzten, wirklichen Interglazialperiode im 
Sinne der deutschen, schweizeriaehen und östeiTeichischen Geologen an, 
die gelbe Kulturschicht der Magdalenienstufe am Schweizerabild und bei 
Schusaenried aber fällt nach 0. Praas, Nüesch und Penck in den Anfang 
der langen Röckzugsperiode der letzten oder Würmzeit^ etwa in deren 
erstes Stillstandsstadium, das sogenannte Bühlstadium. Wir wollen uns im 
folgenden nur mit den beiden ersten iuterglazialen Yorkommnis^en näher 
befassen. 

Die letzte grosse Interglazialzeit, welche auf die Grosse oder Haupt- 
eiszeit folgte, unifasst allem Anschein nach zwei klimatisch ganz verschie- 
dene Perioden: zunächst eine Zeit mit warmem, feuchtem Waldklima, iu 
welcher Efephm antiquus und Rhinocero» Mereki zum letzten Male in Deutach- 
land erscheinen^ während das Mammut eich offenbar nach Norden zurück- 
gezogen hat. Diese feuchtwarme Abschmelzperiode ist die Zeit des oberen 
fluviatilen oder Sandlöss in Westdeutschland und des Travertins von 
Taubachj SchTranebeck und Sudeuburg, 


Die zweite Hälfte des letzten Interglazials wird cliÄrakterisiert durch 
ein kontinentales, trockenes, speziell winterdürres und zugleich kühles 
Klima. E» iet die Steppenzeit des jüngereii äolischen Lösa mit der Steppen- 
fauna des Mammut, Wildpferd, Saigaantilope, Wollnashoni und 8teppen- 
KieseL Der grössere Teil des äolischen Löss, speziell des östen-eichisehen 
und rheinischen fallt ihr zu, wogegen z. B, der nicht äolische norddeutsche 
rdelös« einer noch spateren Zeit angehört. In diesem iuterglaitalen 
8s liegt als eins der reichhaltigsten, paläolithischen Lager das von Krems 
an der Donan, welches in seiner Stein Industrie nach übereinstimmender 
Auffassung aller Prilhistoriker dem mittleren Paläolithikum, dem 8olntreen 
inferieur oder Moustero-Holutreen entspricht. Auch Rutot stellt es tu 
seinem Kbumeen inferieur und Montaiglieu. Hier herrscht also einmal 
voükommene Einstimmigkeit der Auffassung und wir gewinnen somit einen 
vortrefflichen sicheren Ausgangspunkt, von dem aus wir besonders auch 
wieder nach rückwärts blicken können. Es folgt nämlich zunächst mit 
zwingender Notwendigkeit, da^s die nach dem oben Gesagten, wie auch 
nach direkten Beobaclitungen an den Profilen bei Taubaeh-Weimar in 
Thüringen, dem äolischen Löss unmittelbar vorhergehende Stufe der 
KalktuÜo von Taubach und des geschichteten Löss, d* h. die Waldperiode 
iei^selben Interglazials mit Elepkan antitpius (das Hesbayen mit dem limon 
atifie in Belgien), nur der dem äolutreen nach allgemeiner, überein- 
stimmender Auffassung direkt vorangehenden Industrieperiode, nämlich 
dem Mousterien oder, wie Penck meint, wenigstens dem Ende des 
Moufiterien von Frankreieli zeitlich entsprechen kann. Die Steppenzeit 
des jüngeren äolischen Lö&s fällt auch sonst überall mit der Soiutreen- 
oder Ebumeenindiistrie zusammen. In Österreich gehören hierher noch 
die Lager von Aggsbach und Willendorf, in Deutschland die von Mun- 
zingen bei Freiburg i* B,, von Achenlietm im Elsass und möglicherweise 
auch diejenigen von Tiede und Westeregeln* Diese kühle, noch inter- 
glaziale Steppenperiode, mit der die Vorherrschaffe des Mammut be- 
ginnt, leitete nun die letzte (tlazialzeit ein oder giug ihr unmittelbar 
vorher. 

Nach Rutots System, in welchem diese letzte norddeutsche Eiszeit, der 
Beginn der Mammutfauna im engeren Sinne als ^zweite tjuartare Eiszeit** 
erscheint» müssten wir uns bei deren Herannahen noch in seiner Campinien- 
aiiife befinden, %velche die Kulturstufen dos Strepyien, Chelleen und Acheuleeu 
mmfassL Tatsächlich aber entspricht dem jüngeren äolischen Löss und 
seiner zugehdrigen menschlichen Industrie seine Stufe des Brabantien (mit 
dem Ebumeen), welche aber Rutot in seine dritte, sogenannte Baltische 
Eiszeit versetzt, die bei uns nur ein Rückzugsstadium des letzten Inland- 
ettes darstellt So findet man sich in diesem Durcheinander schwer 
zarecht und vermag feststellende, wichtige Tatäacheni wie das Zasammen<* 
fallen des Solutreen mit der Hteppenperiode des letzten grossen Inter- 
glaziab schlechterdings in Rutots Schema nicht einzuordnen. Letzteres 
ist einer Revision bedürftig, wenn auch nur einer geringfflgigen, mehr 
üuBierliehen. Diese Revision bezieht sich nicht im geringsten auf die 
belgischen Yerhältni&Be, sondern wesentlich nur auf die Benennung det 



13 


P, Favroau^ Diikumon: 


Oberer Gescliiebemergel 0,5—2,5 

0,2-0,5 


m 


f 


2. Mergetsaiide und Sand^ mit düuoeB Kiesbänkeii 

3. Grobe Schotter mit Einlagorungeii von Sauden und 
MergeUandeii mit Land- und Öiisswasserschneckeni 
Wirbelt! erkiiochen und Feuerstein Werkzeugen . . 1,5 ji 

4. Sande mit Kiesbänken und Behuecken . . * . . 1 — 1,5 „ 

5. Gelber Mergelsand 0,10 „ 

6. Lehm (unterer Geachiebelehm?) ....... 0,6—1,0 „ 

7. Schwarzer, feiesandiger Ton, 

Von dem Alter der untersten Schicht, dem Ton (7), können wir hier 
absehen; der Lehm (6*) ist ein Gemenge von Ton, Grünsand und nordischen, 
nussgroesen Gerollen; seine Entstehung ist nicht ganz sieher; er kann 
lokaler Xatur, also z. B. Gehängelehm oder Flusslehm, er kann aber auch 
Geschiebelühm sein und für letztere Annahme spricht ein grosser erratischer 
Block von etwa 1 cbm lohalt, der oberhalb des Lehmes im feinen, tontgen 
Sand Hegt- Auf jeden Fall ist die Anwesenheit nordischer Glazial- 
Sedimente im Liegenden der Schotter erwiesen. Die Sande (4,) zeigen dis- 
cordante Parallelstruktnr, fuhren dünne Kiesbänkchen, enthalten Schnecken- 
schalen und bestehen zum grösstcm Teil aus nordigchem, zum geringeren 
aus einheimischem Material Dahingegen rekrutieren sich die nun folgenden 
Schotter (3,) fast ausaehliesslich aus ilen eckigen, meist scharfkantigen 
Culmgrauwacken, Porfyriten, Tuffen und Sandsteinen des liotl legenden, 
welche alle oberhalb Hundisburg im Oberlauf der Bever die steilen Tal- 
ränder bilden. Zwischen den Schottern, denen nur ein ganz geringer 
Prozentsatz nordischer GeröUe beigemengt ist, liegen Säugetierknochen, die 
freilich in der Regel zerbrochen sind; nur zwei Stücke sind Terhältnismässig 
gut erhalten geblieben, ein halbes Becken von Elephas (primlgenius?), jet^t 
im Museum der geologischen Laudesanatalt, und ein IVj ^ langer Stosszahn 
von Elephas, der inzwischen in einem Stall des Schlosses Hundisburg dem 
Veri'all preisgegeben worden ist Zwischen den Schottern, die horizontal 
geschichtet und festgepackt sind, liegen 1 — 1 Vi ^ lange, ^J^—^tm^ breite 
Schmitzen feinen Mergelsandee, in denen grosse Mengen von zerbrochenen 
und uözerbrochenen Schalen von Konchylien liegen, von clenen Kr Dr. Wüst 
in Halle etwa 18 Arten, 8 Land- und 10 Sösawaasersehnecken bestimmte 
(Arten von Helix, Cochlicopa, Pupa, Succinea, Buliminus, Liinnaea, Pla- 
norbis, Bythinia, Pisidium und Unio oder Anotionta). Das obere Drittel 
der Schotter war die Uauptfundstätte der Manufakte. 

Nach oben gehen die Schotter, ohne verlehmte, verwitterte oder humi- 
fizierte Rinde konkordant in feinere Sande und Mergelsande (2.) über, in 
denen das heimische Gesteinsniaterial wieder zurücktritt zugunsten des 
nordischen. Den oberen Abschluss bildet der Geachiebemergel (1.)» Wichtig 
für die Beurteilung ist der konkordante Übergang der Schotter zu den 
obersten Sauden, welche, fossil leer, als Abschmelzsande, als Vorläufer de» 
letzten Inlandeises angesehen werden müssen. Es kann also das Eis 
während der Bildung der Schotter schon nicht allzuweit — wenn auch keines- 
wegs in der nächsten Kahe — im Norden gelegen haben, und damit stimmt 


Wieg€i». 


295 


auch der paläontologische Befund, Unter den SehneckeD fehlen golehe, 
welche arktisches und solche, welches wamies Klima verlangen; die 
meisten sind tiergeographiach indifferent, weil sehr anpassungsfähig und 
nur drei (Bnli minus, Unio oder Anodonta und Plauorbia umbilicatus Müll.) 
lieben wärmeres Klima; d, h. während die Schnecken lebten, w^ar das wärmere 
KUraa der Interglazialzeit sensu stricto bereits im Schwinden, die typischen 
Tiergattungen dieser Zeit sind nicht mehr verhanden, es herrscht eine 
Misch- oder Übergangsfanna, welche una das bereits heranrückende, wenn 
auch seinen direkten Eiofluss durch Schmelzwasser bis hierher noch nicht 
geltend machende Eis anzeigt. Es fällt also die Ablagerungszeit der 
Schotter in ilas Ausgehende det zweiten Interglazials. Dass wir aus dieser 
Zeit nur so unvollkommene Manufakte gefunden haben, lässt vielleicht den 
Bcbluss zu, dass ein weniger entwickeltes Yolk in die ^äho des Eisraudes 
gedrängt worden war, um da ein mühseliges Dasein zu führen, — 

Was nau die beiden anderen Fundorte betrifft, so ist die Kiesgrube 
bei Batuelle (III*) die Fortsetzung der Ablagerungen des diluvialen Bever- 
lauf es, wie sich aus der mit Hundisburg übereinstimmenden petro- 
graphischen Zusammensetzung der Schotter ergibt* 

Die tirube an der Hüplinger Chaussee bei Neuhai denslebeti (IL) aber 
ist geologisch ganz auderswertig; die leitende Schicht dieser Gegend ist, 
wenn ich so sagen darf, der obere GeschiebeniergeL Dia Schotter von 
Hundisburg und Satuelle liegen unterhalb, die von der dritten Grube 
oberhiilb desselben; letztere sind aller Wahrscheinlichkeit nach Block- 
packung aus einer etidmoranenartigeu Aufschüttung der letzten Eiszeit. 
Die Fundschicht ist geologisch also weit jünger als die beiden anderen, 
die Manufakte können natürlich das gleiche Alter haben, wie bei der 
f rsteren, da sie leicht von den Schmelzgewässern des Eises umgelagert 
sein können, es steht aber auch nichts der Annahme entgegen, dass sie 
der Glazialzeit selbst entstammen; sicheres wird sich darüber nicht ent- 
scheiden lassen. 


4- Die Gottheiten der Tndier.*) 

Vau 
Gustav Oppert- 

Erstes Kapitel, 
Etnleiteiide ßetraohtaDgeD zui* BeurteilaDg der Bevlllkeriiiig Indiens* 

Daö von der Sage als Besitzerin unermessUelier Schätze und als Stätte 
menschlicher Glückseligkeit gepriesene Indien bildet innerhfilb seiner 
natürlichen Grenzen ein abgesehlossenes (ianze* Im Norden trennen es 
die höchsten (rebirgszüge der Erde von Zentralasien; ansehnliche, aber 
minder hohe Bergketten erheben sieb im Nordwesten, im Nordosten ist 
seine Grenze ebenfalls schwer passierbar, und im Süden umspielt der 
Ozean die Küsten seiner dreieckigen Halbinsel; so bildet Indien gewisser- 
massen einen von der Äussenwölt abgeschnittenen, besonderen Kontinent. 
Sein ausgedehnte» Gebiet nimmt Teil an dem Klima aller Zonen, seine 
mächtigen Flüsse entströmen den höchsten Gletscherbergen, befruchten 
unabsehbare Ebenen, bevor sie sich ins Meer ergiesseu. Ein© reichhaltige^ 
eigenartige Fauna und Flora beleben und zieren seine Wälder und Auen, 
und nützliches und kostbares Mineral und Gestein bergen seine Felsen 
und sein Erdboden. 

Der Einfall der Arier in die nordwestlichen Grenzlande des beutigen 
Indiens ist epochemachejid für die Geschichte des Landes, denn durch ihn 
gelangte eine den Urbewohnern fremdartige und feindliche Basse zur 
Herrschaft, welche durch ihre höhere Körper- und Geistesbildung seine 
Entwicklung umgestaltete und derselben ihren eigentümlichen Charakter 
verlieh. 

So tief eingreifende Folgen indessen die arische Einwanderung für 
Indien hatte, so wenig Genaues wissen wir über das Land, woher die 
Fremdlinge kamen, ob sie dem nördlichen Europa oder den Steppen Süd- 
russlauds, ob sie Armenien oder dem Hochlande um Pamir entstammten. 
Auch sind uns die Ursachen unbekannt, welche die Wanderang veran- 
lassten, der Zeitpunkt, wann sie stattfand, und die Ereignisse, die sie 
begleiteten. Ebensowenig sind wir unterrichtet über den damaligen sozialen 
und politischen Zustand Indiens, über seine einheimische Bevölkerung, 
ihre Sitten und Gebräuche, Verfassung und Verwaltung, über ihr Stadt- 
und Landwesen, über die Art und Weise, wie sie den Eindringlingen 
entgegentratj welchen Widerstand sie leistete, ob einen längeren oder 



1) Vortrag, gebalten in der Sitzung vom 25, Mirz li>05. 


O. Opperfet Gottheitej] der Indier. ffj 

kürzeren, ob sie gezwungen oder freiwillig ihren Scharen Eum Teil gich 
auBcbloss oder tereinzelt in ihre unzugänglichen Bergfeiten floh. Ihrer 
Abkunft nach gehörte »io im ganzen und grosöeu jeuer Menachenrass© an, 
welche an den beiden Abhängen des westlichen und nördlichen Gebirgs- 
zuges sesshaft, sich über das Innere des indischen Festlandes ausbreitete. 
MöglicherweiBe hielten schon ilanmls Angehörige eines anderen, nicht 
arischen Volksstamines Teile der nordöstlichen (Trenzgebiete Indiens^ 
seiner ostlichen Hochebenen und des zentralen Küstenlandes besetzt. 
Krstere Basse bildete die überwiegende Mehrzahl, die sieh später in xwei 
als Uaudier und Dravidier abgesonderte Hauptzweige teilte; letzterCj die 
sogenannte kolarische*) hat wegen ihrer geringen Anzahl und ihrer 
niedrigen Bildung auf die politische und geistige Ent%vicklung Indiens 
keinen verspiirbaren Einflnss ausgeübt und kann bei einem allgemeinen 
Überblick über die Kulturgeschichte Indiens ausser acht gelassen werden. 
Um die wirklichen Beziehungen dieser beiden nicht arischen Volksschichten 
zueinander fogtzustellen, fehlt es noch an dem dazu erforderlichen sach- 
lichen Material Es ist nicht einmal ganz ausgesch losten, dass, obgleich 
schwerwiegende, besondere linguistische üründe einen gemeinsamen Ur- 
sprung beider zweifelhaft erscheinen lassen, trotzdem verwandtschaftliche 
VerhäUnisse zwischen ihnen bestanden haben mögen, da Angehörige der 
beiden Stämme manchmal Ehebündnisse miteinamler eingehen, ein Umstand, 
welcher in Indien, wo strenge Heiratsvorschriften seit uralter Zeit bestehen 
und beobachtet werden, von grosser Bedentnng ist. 

Obwohl der Mangel an genügendem und zuverlässigem Material die 
Erforschung der Urgeschichte eines jeden Volkes wesentlich beeinträchtigt, 
so erschweren die in Indien seit den ältesten Zeiten bestehenden eigen- 
tümlichen sozialeu und religiösen Verhältnisse nicht nur dieselbe, sondern 
verhindern sie beinahe. Der indische Geist ist zudem nicht historisch 
Teranlagt^ ihn beherrscht das religiöse oder vielmehr konfessionelle Interesse, 
das in seinem Privatleben die Hauptrolle spielt* Seine Teilnahme kon- 
zentriert sich demnach auf seine Familie, seine Angehörigen und sein© 
Genossenschaft, was ausserhalb derselben liegt, berührt ihn nicht, so lange 
es ihn nicht persönlich betrifft oder seine Kaste in Frage kommt, alles 
übrige ist ihm gleichgültig, und er steht deshalb den Mitgliedern auderer 
Klassen der Bevölkerung, seinen eigenen Landsleuten^ teilnahmlos gegen- 
über; denn ihr Schicksal kümmert ihn nicht; sie existieren eben nicht 
für ihn, AVozu soll er auch das Leben seiner Landsleute, die Entwicklung 
nnd Geschichte seines Geburtslandes oder selbst die Lebensverhättnisse 
seiner fernerstehenden Verwandten beachten, wenn sie seiner Meinung 
nach auf seine Existenz in dieser und jener Welt keinen Einfluss ausüben, 
denn diese hängt von anderen Dingen ab: -won seinen eigenen Handlungen 
und, gemäss seinem Glauben an die Seelenwanderung, von denen der 
frflheren Vertreter seiner Persönlichkeit, nicht im geringsten aber anderer- 


L 


1) Siehe meine B^aprechnn^- über den Ursprunjt des Ausdnicks kolsriaeh, äet auf 
Druckfehler iq der Äoigabe Ptatarchs (Paris 16lM) inriickxiiführea ist: Oo tli« 
origiiyil tnhabitantfi of BhirfttaTur^a or Iiidi*, p. l^i^lt^, 

Ui1»chr\n mr Ethaolügje. Jnhrg. 190&. HeR 2 u. S. 20 


298 ^^^^^^P" ^^ Oppert^ 

geits von seiner Ahneukuude, wie ja doch der Brahmane zur Erlangung 
«einer endlichen Seligkeit vor allem die Namen seiner drei unmittelbaren 
Vorfahren, d- h- seines Yatersj Orossvaters und ürgrossvators kennen und 
deren Andenken deshalb hegen und ehren mnas; ein Ahnenkultus, welcher 
allerdings dem Glauben an die Seelenwauderung widerspricht, die dem- 
nach ursprünglich den Brahmaneo nicht eigentümlich gewesen zu sein 
scheint Ähnlich verhält es sich bei den übrigen Volksschichten der 
Hindus« Aus dieaem Beweggrunde schenken sie der Entwicklung ihrer 
Nation keine Teilnahme, und deshalb geht ihnen auch ein Patriotismus^ 
wie er sich bei anderen Völkern vorfindet, vollkommen ab. Hieraus er- 
klärt sich manches in der Geschichte Indiens, was sonst unbegreiflich 
erscheint; dass es einer Handvoll fremder, tatkräftiger Männer so hiufig 
gelingen konnte, nicht allein erfolgreiche Einfalle in Indien zu machen, 
sondern auch ganze Provinzen zn erobern und ihre Herrschaft gegen eine 
überwältigende Menge der Landeabevölkerung so lange zu behaupten, bis 
sie ihrerseits wieder beim Niedergange ilirer Dj-iiastie ähnlichen Gegnern 
Platz machen raussten. Das öffentliche politische Leben hat kein besonderes 
Interesse für die Mehrzahl des Volkes, das sich gern Grübeleien über 
abstrakte philosophische Probleme hingibt, und sich um so mehr diesem 
Hang überlasaen kami, weil es, von Natur in seinen Ansprüchen sehr 
genügsam, seine massigen Bedilrfnisse leicht befriedigt, und das im ganzen 
milde und gesunde Klima sein Leben erleichtert. 

Die von der englischen Regierung in Indien unternommenen archäo- 
logischen Forschungen und Nachgrabungen haben wertvolle Funde zutage 
gefördert und über wichtige Ereignisse und bedeutsame Zustände Kenntnis 
und Aufklärung gebracht* Allerdings sind die bisher erlangten Resultate 
nicht so epochemachend und staunenswert, wie man vielleicht sich ver- 
sprochen hatte, sie gehen nicht in weitentlegene Zeiten zurück und können 
in dieser Beziehung keinen Vergleich mit den Ergebnissen der ägyptischen 
und assyrischen Entzifferungen aushalten. Indessen darf man diese Ent- 
täuschung nicht dem Mangel in der Leitung der Inspektion oder der Un- 
fähigkeit der mit den Untersuchungen betrauten Personen zur Last legen ^ 
die VerhtUtaisse in Indien sind nämlich ganz eigentümlich, und die Ur- 
sache davon, das» diese mit vieler Mühe unternommeneu Forschungen 
nicht die erwarteten Ergebnisse gezeitigt haben, liegt anderswo. Yon den 
berahmten ResidenEeUj Palästen, Tempeln, Festungen und anderen Denk- 
mälern der Yorzeit ist nur sehr wenig oder vielmehr so gut wie nichts 
auf uns gekommen* Denn einerseits hat die grosse Hitze mit ihren 
periodischen Regengüssen und Unwettern auf die meistens noch aus Hob 
errichteten Bauten und Kunatdenkmäler einen vernichtenden Einfluee aus- 
geübt und unter ihnen gross© Verwüstung angerichtet, andererseits und 
zwar noch mehr^ haben Menschenhände, sei es bei feindlichen Einfällen, 
Aufruhr und Krieg oder im religiösen Fanatismus unsägliches Unheil ver- 
breitet und prächtige Bauwerke und ehrwürdige Heiligtümer zerstört und 
eutweiht Die innere Geschichte Indiens mit ihren unzähligen Reichen 
und Dynastien, deren Ursprung, Aufblühen und Verschwinden bietet der 
nichtindischen Auasenwelt nur wenig Interesse und hat für sie geringe 


GüttheiUii dtr Indjef* ggf 

oder gar keioe Bedeutuog, ebenso wie die wichtigaten Ereignisi^e des Au3- 
llaüdes fär Indien meiBtaiiä belanglos sind und deshalb nicht boachtni 
[werden. Hieraiii ergibt sieb, das^ nur solche Ereignisse beide Teil« 
tintere§sieren können, welche beide betreffen, und welche sie in nilhere Be- 
[rübrung miteinander brachten, wie z. B, im Altertum das Eingreifen der 
iGneeben la die politische und wiisenschaftlicbe Entwicklung Indiens, und 
Ifn der Neuzeit das Einmischen der Araber und Mongolen, und der eiiro- 
[päisDben Völker in die Geschicke der tranahinmlaj ischen Halbinsel, welche 
»nblicklich ganz und gar unter der segensreichen Verwaltung der Eng- 
[lander fiteht* 

I)l*i Urgeschichte eines jeden Volkes Terliert sich in undurL-hdringliehe 
[Finsternis. Wenn beim Verscliwinden historischer Dunkelheit der Nebel 
^Ton den Ebenen und Bergen eines Landes zu fallen beginnt, kommen 
ijiöe ßewohoer sowie deren SitsEe und Behausungen allmählich zum Vor- 
Ob diese so angetroffenen Ansiedler nun wirklich die ältesten 
Jewohner des Landes sind, bleibt eine offene, schwer zu beantwortende 
I Frage. So lange man indessen von einer früheren Bevölkerung nichts 
weiss und keine Beweise für die Ei^istenz einer solchen vorhanJen sind^ 
darf man die zuerst bekannt gewordenen Einwohner für die Urbewohner 
des Landes ansehen. So weit sich nun die geschichtlichen Spuren im 
[Labyrinthe des indischen Altertums verfolgen lassen, scheint eine und 
dieselbe Volksrasse, von der im Gaumen und Grossen die heutige Bevölkerung 
itammt^ schon frühzeitig den Boden Indiens bestellt und eeiue Minen 
rbeitet zu haben* Dies waren die vorhin erwähnten üaudo-Dravidier, 
lidaren gemeinsamen Namen ich den der Bharater vorschlagen m5chte, 
roraof ich später ausführlich zurückkommen werde. Letzterer, schon früh- 
zeitig mit dem der oben genannten arischen Stämme verknüpf t^ gehörte 
ursprünglich einer zahlreichen uriudischen, daher nicht arischen Volks- 
assenschaft an. 

So verschiedenartig und scheinbar von einander abweichend sich die 
tirrasse in ihren einzelnen Völkerschaften der äusseren Gestalt, Physiognomie 
und Farbe nach gruppiert, so lässt sich zur Genüge doch feststellen^ doss 
sich diese Unterschiede zumeist aus den physischen Eigenschaften der 
Ortschaften, welche sie bewohnten, aus den Beschäftigungen^ denen sie 
b»lagen und aus den politischen und somlen Zuständen, welche ihre 
«slichen Verhältnisse regelten» erklären lassen. Denn es ist eine 
allgemein anerkannte Tatsache, daas W'ohnuugsveränderung, Berufs^ 
und Stellungswechsel merkbare Umwandlungen in der körperlichen und 
geistigen Beschaffenheit einzelner Individuen, sowie grosser Massen her- 
vorrufen. 

Die jedem Volke ureigentümliche Sprache ist, so lange sie sich nicht 
nur in ihren WortlauteUj sondern vielmehr in ihrer geistigen Ausbildung 
und Konstruktion (der Syntax) erhalten hat und nicht durch eine andere 
fremdartige Mundart ersetzt worden ist, ein untrügliches Merkmal für dit 
verwandtschaftliche Zugehörigkeit einzelner Volkssätilnime, ein Kenn- 
zeichen, das nit? seine Zuverlässigkeit verliert und noch iu spätesten 

20* 



300 ^^^^™ ö' Oppeitf 

Zeiten seine Zengniekraft behält^) Neben der Sprache muss njan auch 
die geistige Auffassungaweise, wie sie sich in philosophischen oder viel- 
mehr religiösen Anschauungen offenbart, beachten. Denn um die Stellung 
zu ermitteln j welche ein Volksstamm oder eine Nation in der Menschheit 
ihrem Denkvermögen gemäss einnimmt, müssen wir die geistige Begabung 
beobachten, wie sie in der Gestaltung der Gedanken^ in sprachlicher und 
philosophischer Bessiehung, in der Bildung von Worten und Sätzen und 
in der Äusserung von Ideen hervortritt* An diese geistigen Eigenschaften 
müssen die physischen Eigenheiten, welche die Anthropologie und Ethno- 
logie bieten, gereiht werden- Die drei Wissenschaften; die Sprachkunde 
(Philologie), Deukkunde (Philosophie) und Volkskunde (Ethnologit^) 
werden, wenn erforscht, in ihren Ergebnissen übereinstimmen; es ist 
demnach von grosser Wichtigkeit zu konstatieren, dasa diese drei Wissen- 
schaften in dem Urteil übereinstimmen, dass ihrer physischen und 
paychi sehen Beanlagung gemäss die Urbewohner Indiens der überwiegenden 
Mehrzahl nach einer und derselben Basse angehören. 

Als die Arier an der nordwestlichen Grenze erschienen, fanden sie 
die Ureinwohner in ihren Weilern und Burgen sesshaft vor. Immer neue 
und grössere Zuzüge überfluteten das Land* den Horden der Eindringlinge 
hatten sich auch Scharen von Fremdlingen und einheimische Abenteurer 
zugesellt. Die meisten Festen der Urbewohuer im Nordwesten wurden 
eingenommen, und die Masse der Bevölkerung unterwarf sich dem Sieger, 
Nur wenige leisteten erfolgreichen Widerstand und behaupteten sich in 
ihren Sitzen, während viele aus ihrem Heim im Norden verdrangt, im 
Süden Zuflucht suchten und auch fanden. So kam Nordindien allmählich 
unter arische oder vielmehr brahmanische Herrschaft, aber man kann 
nicht behaupten, dass es jemals ganz von den Ariern erobert wurde. Noch 
viel weniger war dies der Fall im Süden, wo der brahmanische Eintiuss 
einen mehr priesterliehen und privaten Charakter annahm, der jedoch 
deshalb in seiner Art nicht minder dauernd und durchgreifend einwirkte. 
Selbst die arianiaierten Sprachen Nordindiens, so sehr sie auch die geistige 
Überlegenheit der Sieger durch die Annahme der arischen Denkweise^ 
z* B* in der Einführung des grammatikalischen Geschlechts, bekundeten, 
zeigen in ihren WörterbücHern und in vielen Redeweisen, dass die Unter- 
worfenen die Sprache ihrer Herren nicht nnmodifiziert annahmen. Viel- 
mehr amalgamierten sich die Sprachen der Sieger und Besiegten, und es 
entstanden neue Dialekte, hervorgegangen aus dem abstrakten und syn- 
thetischen Sanskrit und dem konkreten und agglutinierenden Urindischen.^^ 
Im Süden eigneten sich hingegen die Arier ihrerseits die verschiedenen 
daselbst vorherrschenden Laudesidiome ao. 

Die Sprache liefert uns den frühesten Beleg für die Anwesenheit der 
Bharater in Indien, Schon das alte Testament enthält drei unzweifelhaft 
indische Wörter^ welche höchstwahrscheinlich den gandodravidischen 
Idiomen angehören; dies sind die im I. Könige X, 22 und II. Chronik 


1] VeTgldeiiG hkrüber mfiue Schrift: On thü OlasstficAtioa of LaDgaages, 



JCI, 31 enthalteoeD Atisdrick# ftfaenbabbtm^ kapbim nod thukkijjim, welch«* 
bezw* Elfeiibeiii (ElaCmteozAha), Äffen nnd Hmuen bcNjeuten. In L K^ßige 
X, 22 beiast es uämlkli; ^Penn ©ioe Thareliiiii flotte hatte der K5nig auf 
dem Meere mit der Flotte Chirara's; einmal in drei Jahren kam die 
ThorsbishfloM nd Itracbte Gold und Silbei-, Elfenbein, Affen und 
PfauatL*' 

Über diese Bibektelie habe ich in meiner Schrift «Thanhuh und 
0[ihir'' ausführlich berichtet; sie befiehl Bich utssinttif auf Indien, dos 
aber nicht mit Ophir identisch ist, denn letzteres ist^ was die salomonischen 
£x[>0ditioneii anbekogi, das an der Ostkilsta Afrtkajs sieh bis nach Süden 
hin efitreekende Goldgebiet,'} 

Shenhabbim oder Elefantemtabti ist ans dem semstiäcbeo Wort sheii^ 
und habbim, der iqilriert ausgasprochenen hebraisierten Phi ralfarm 

indiftcben Anadmeka ibha (Elefant) ausammeug^Betst. Letzteres Won 
kam wahrscheinlich aus dem üriudiäehen ins Sanskrit^ denn die aritcJien 
Indier lemteii den Elefanten er^t in Indien kenoen. Das hebräische 
kopbim^ Affen, erinnert ebenfalls an das indische kapi. Auch im 
Ägyptischen findet sich das Wort kafu für Affe; dies ist aber nach Prof, 
Döraichen dem Indischen entlehnt Thukkijjim (Thökijjmi), die 
biblische Be^eichnoüg fflr Pfauen, entstammt dem dravidischen tdka (tökai, 
togai) in der Bedeutung von Pfau und Pfauenschwant. 

Der Umstand, dasg die 8eeleute^ welche Chtram und Salomo nach 
Indien entsandten, die draTidische BeKeichnung für I*fau und andere ur- 
indische Wörter heimbrachten, kann wohl für einen hinläuglicheu Beleg 
gelten, dass sie mit der dravidisch sprechenden Berdlkerung verkehrten 
und Ton dieser die einheimischen Naiuon annahmen. 

So E. B. entstammt das Wort Reis ebenfalls der urindischen Sprache 
tmd hat sich später in den eurDpäiechen Spracheu eingebürgert Die 
griecbiai^en Kauflente, welche dieses Korn nach Europa brachten, nannten 
ea orja& Es wurde ohne Hülsen vou Indien exportiert, und diet^er hülsen* 
lose Keis heilst noch heute in Südiudien ariSi, ein Beweis dafür, dait 
das griechische Wort draTidisehen ürspruni^ ist Die Bedeutung dieser 
sprachlichen Belege liegt in der Tatsache^ dass sich der Aufenthalt und 
HandelsTerkehr der gaudodrnyidisehen Berdlkerung in Indien i^chon früh- 
zeitig nachweisen lässt, während filr die Anwesenheit anderer einheiniisehen 
Rassen solche Beweise nicht existieren. 

Die arischen Eroberer zeigten keine Sympathie für die UrbeTÖlkeritng, 
welche sie an der Grenze und im Innern Indiens vorfanden. Die äusaete 
Erscheinung der Däaa oder Dasyu (Sklave) oder Auäryu, Niihtarier, 
deshalb Unedele, denn mit diesem Namen beehrten ilio Fremilen ihre 
Ctagoer, machte keinen günstigen Eindruck; man ventpottete sie wogen 
ihrer schwarzen Hautfarbe und platten Nasen, welche so klein aussahen, 
ah ob sie überhaupt nicht vorhanden wären, weshalb man die Eingeborenen 
aoeh Kasenlose*) nannte. 


1) Siehe tndse S^hntt.^ Thirshtsb uad OphIr, S.56— et. 

2) süSttp Rigf. V, 21», 10. 


d 


302 


G. Opi^ert: 


Die Bildnngsstufe, auf der sich beide Rassen bei ihrer ersten Be- 
gegnung befanden, mag wohl nicht sehr verschieden gewesen sein. In 
ihrer Bildlingsfähigkeit wichen sie allerdings Ton einander nb und hierin 
offenbarten sieh besonders die charakteristisehen EjgeutQmlicbkeiteu beider* 
Wenn auch Einzelne durch grössere Fähigkeiten, liöhere Geistesbildung 
und körjierliehe Vorzüge sich auszeichneten und eu Macht und Ansehen 
als Krieger oder Sänger sich eraporschwaugen, so war die Masse auf beiden 
Seiten, und die der Eingeborenen noch in höherem Grade, roh und bar- 
Imriseh. Die beutegierigen Eroberer spornten die vielgepriesene Frucht- 
barkeit und die sagenhaften Reichtamer Indiens zu weiterem Vordringen 
aUj während viele einheimische Häuptlinge sieh ihrer tapfer in den Berg- 
festen erwehrten, und die Arier können selbst der Tapferkeit der Dä8a 
ihre Anerkennung nicht versagen, wie denn auch Indra gelegentlich die 
Däsa beschützt, oder der arische Priester ihre Opfer annimmt, und die 
göttlichen Asvin Teil an ihren Nahrungsspenden nehmen, Sobalr) die 
Arier indessen das Land erobert und ihre Herrschaft einigermassen ge- 
sichert hatten, gerieten sie uuter sich in Zerwürfnisse und heftigen Hader, 
ja oflf^mer Kampf brach zwischen den bisher verbündeten Btänimen aus. 

In den Gesängen des Rigveda werden die in diesen Brüderkriegen 
verrichteten Heldentaten gelegentlich verherrlicht. Diese Kämpfe ver- 
mehrten sich, Je geringer der Widerstand der Ureinwohner wurde, und 
somit die Furcht vor denselben abnahm* Die zeitweilige Überlegenheit 
und der dadurch entstandene Übermut eines Stammes erregten die Be- 
sorgnisse und Eifersucht anderer und gaben oft den ersehnten Anlass und 
Vorwand zum Beistand gegeu die verhassten Rivalen, um der gemein- 
samen Gefahr auf diese Weise zu begegnen. Eina der bekanntesten und 
bedeutsaroeten Bündnisse dieser Art schlössen mit einander die fünf Ge- 
schlechter der Turva^a, Yadu, Anu, Druhyu und Püru. Von diesen 
Allianeen waren indessen fremde Stämme keineswegs auagetchlosaen. So 
kamen in den vielfachen Kriegen^ welche der berühmte König der Tritsu, 
Hndäs, EU führen hattOj häufig Bflndnisse zustande, infolge welcher Arier 
und Nichtarier auf beiden Seiten kämpften. Was übrigens die ^Nationalität 
der einzelnen Stämme anbelangt, so ist es zuweilen sehr schwierig, ja oft 
nnmöglich festzustellen, ob sie arischen oder nichtarischen Ursprungs sind, 
denn über diesen Punkt sind wir im allgemeinen nur mangelhaft unter- 
richtet. Ein eklatantes Beispiel bietet uns in dieser Beziehung das Bündnis 
jener fünf vorhin erwähnten Stämme, über deren Rasgenangehörigkeit 
mancher Zweifel besteh t, wie denn die Anu von vielen Gelehrten für 
Arier, von anderen dagegen für Nichtarier angesehen werden,*) In den 
Heifaen der Arier fochten die nichtarisehen Paktha, Bhaläna, Alina, Siva 
und Visanin gegen Arier und Nir^htarier; derartige Verbindungen haben 
wahrscheinlich schon frühzeitig stattgefunden, vielleicht sogar vor dem 
Einfall der Arier in Indien, Denn un zweifelhaft hatten sich, wie schon 
erwähnt^ freiwillig oder gezwungen, fremde Völkerschaften in kleinerer 
und grösserer Anzahl und urindisclie Krieger den Keihen der nach Indien 


1) Siehe: On the original iubÄtitaiits of Bharatavar^a or Indih, *p^ 577— 79» 


Gottbeitaii d«r Indier. 


sieh^fidan arischea Krieger aDgesehlasseii, wie dies bei Ydlkerwaiideniiigen 
der Fall eu sein pflegt, wetui schwächere Stamme aus ihren WehnsHzen 
Tertrieben, dem Zuge des Siegers folgen iiiüsse». Sobald indessen dcr- 
gleic'heD siegreich vordringende Horden sich in einem Lande festgeseti&t 
und ein staatliches Üemeinwesen begründet haben, verschmelzen sich auch 
die heterogenen Beatandteile zu einem nationalen Ganzen und treten als 
solches anderen Staaten gegenüber auf, selbi^t dann, wenn die Spuren ihres 
Ursprungs noch nicht völlig verwischt sind, und ihre staatliche Entwicklung 
der Mitwelt noch erinnerlich ist Hat sich aber ein derartig entstandenes 
Staatswesen erst endgilttg konstituiert und ist zu Macht und Ansehen ge- 
langt, dann ändert es bald seine Politik den Fremden gegenüber. Kieht 
mehr wie früher wird ihre Zolasi^uug erleichtert^ sondern Schwierigkeiten 
werden ihrer Einwanderung und Auisiedelnng entgegengesetzt, die Er- 
werbung det^ Bürgerrechts wird ihnen erschwert, eventuell sogar verweigert. 
Eine solche Staatenbildung vollzog sich in neuester Zeit bei der Gründung 
der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Am Scheidepunkte der alten 
und neuen Zeit bargen sich ängstliche Flüchtlinge in den nördlichen 
Lagunen des Adriameeres» gründeten di>rt mit den sich ihnen anschliessenden 
Abenteurern und anderen zweifelhaften Individuen die spätere Dogen^sitadt 
Venedig und wurden im Laufe der Jahre die Ahnherrn einer der stolzesten 
und exklusivsten Aristokratien, weUhe ihren Hochmut spater durch die 
Schliessung des goldenen Buches, in dem die 5fiur Regierung befähigten 
Familien der Adligen eingetragen wurden, vor aller Welt offen be- 
kundete. 

Der Mensch lelit inmitten der Natur auf der Erd*^ unter freiem HimmeL 
Über ihm scheint ani Tage die Sonne, und Mond und Sterne erienchteu 
die Nachu Wind und Regen, Donner und Blitz fallen und öchalleu über 
und auf ihn, Täler nud Berge. Flüsse und Seen durchziehen und be- 
wi#Aern das Land; Tiere und P&auseu mannigfacher Art bewegen und 
erheben »ich um ihn. Kein Wunder daher, dass der Urmensch den ihn 
umgebenden, sein Leben fördernden oder schädigenden Mächten und 
Existenzen s^ein Augenmerk zuwendet, üie zu erfassen, sich nutzbar zu 
machen und für sich zu gewinnen sucht. Deslialb haltt*n die Natur- 
Tölker alle auffallenden Naturerscheinungen und Naturkörper animistisch 
für belebte Wesen und Geister und verehren sie als solche* Hieraus er- 
klärt sich der über den ganzen Erdkreis verbreitete Kultus der tou den 
Sinnen walirgenommenen wunderbaren Phänomene, die Vergötterung der 
Himmelskörper, wie der Sonne, des Mondes und der Gestirne, der Berge, 
Ströme unil Widder, vieler Tiere, Pflanzen und iiesteine. Die diesen 
innewohnenden Geister verkörpern sich zu Ifestimmten Göttern, welche 
die (lebilde der Natur repräj^entiereu und beherrschen- Die Anffassun',^ 
indessen, mit welcher die eiuEelueo Völker and Individuen die Wesenheii 
und den Kinflues, das EntAtehen und Vergehen der irdischen und ikhep- 
irdischen Erscheinungen, die Körper und die Geister weit beurteilen, ist 
das charakteristische Merkmal ihrer Veranlagung» Die auimistischeu An-- 
»chauungen bilden die Grundlage der später sich entwickelnden religiösen 
äjrateme. 


{ 


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S04 G. Oppert: 

In der ^eißtigen Beanlagung, welche sich zum eist in der religiösen 
oder vielmehr philosophischen Anschauutig^weise zeigt, offenbart sich ein 
WBHeiitlicher Unterschied Äwiseheii den arischen Eindringlingen und rleu 
Urbe^i^ohiieni. Beiden erscheint die Natur in ihrer Gauzheit und ihren 
Einzelheiten als göttliches, der Verehrung wertes Gebilde, er«tere neigen 
sich indessen mehr einer spirituellen, letztere einer materiellen Auffassung 
zu, erstere verehren zumeist die in der Natur werdenden und wirkenden 
Kräfte, letztere die gewordenen und verkörperten Existenzen der Natur* 
Erstere Vorstellung gipfelt in der Annahme des Vorhandenseins eines 
abstrakten Prinzips, letztere in dem Urdasein der belebten Materie, welche 
»ich als weibliehe Energie offenbart. Beide von entgegengesetzten Grund* 
Sätzen ausgehende Systeme traten schon frühzeitig einander näher, eine 
Tatöache, die sich aus manchen vedischen Gesängen, deren Dichter un- 
arischer Herkunft sind, ergibt. In späterer Zeit ging aus ihrer Vereinigung 
rdas philosophische System des Kapila hervor, welches die schöpferische 
Natur (prakrti) mit der abstrakten Heele (purusa) vereinigt Eine noch 
engere Verbindung beider Anschauungsweisen bietet die Entwicklung des 
brahmanischen Hinduismus* 

Anfänglich lebten wohl beide Volksschichten gesondert Vön einander. 
Die ersten arisclten Einwanderer führten ein einfaches Familienleben. Der 
jeweilige Hausherr war zugleich der Herr und Priester in seinem Heim, 
später änderten sich die Verhältnisse, Das Priesteramt kam in die Hände 
einer bevoi-zugten Klasse, andere Beschäftigungen folgten diesem Beispiel 
und so spaltete sieh die Bevölkerung in zahlreiche Berufsklassen und Ab* 
teilnngen. Ein freier Umgang der vorschiedenen Schichten der Bevölkerung 
ward unmöglich, Absonderung und Abgeschlossenheit traten an seine 
Stelle, nicht nur fremden, sondern auch eigenen Stammesgenossen gegen^ 
über, sofern sie einem andern Wirkungskreise angehörten* Das Ansehen 
und die Macht der Priester nahm immer mehr zu, alle Klassen wurden 
ihnen unterwürfig und durch pfäffischen Einfluss entwickelte sich allmählich 
das schroffste und verderblichste Kastensystem, welches die Welt je ge- 
kannt hat. 

Nirgends ist wie in Indien der religiöse Trieb so tief in der Be- 
völkerung eingewurzelt und so eng mit dem menschlichen Leben verknüpft. 
Alle Handlungen von morgens früh bis abends spät, vom Erwachen bis 
zum Niederlegen zum Schlaf e^ erfordern bestimmte, vorgeschriebene und 
gewissenhaft zu erfüllende Beobachtungen und Gebete» Diesen religiösen 
Pflichten mannigfachster Art kann der fromme Hindu umso leichter nach- 
kommen, als ihm genügend freie Zeit ^nr Verfügung steht, denn ea fällt 
selbst den ärmsten Schichten des Volkes nicht schwer, ihrer Beschäftigung 
die dazu nötige Frist abzugewinnen, zumal die Gewinnung des Lebens- 
unterhalts in der Tat gewöhnlich nur verhältnismässig wenig Zeit in An- 
spruch nimmt So kann er sich denn mit Müsse einer beschaulichen 
Lebensweise hingeben und über die verschiedenartigsten philosophischen 
Systeme nachdenken und grübeln ♦ In Indien entstanden, bestanden und 
bestehen nebeneinander die widersprechendeten Extreme im raligiösen und 
politischen Leben* Neben dem erhabensten Idealismus schwelgt der sinn^ 


I 


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MamnK. iBiües wmr laid ist daher dm H<?iin utid der 
WirknsfftkraA der adalsten und bmmmaigBltm. Umkmt und Heirflchei-^ wt^ 

Kein Land hai «rf ätm GclM T*itiiiiiiiifciirf>qr WffMmm md ifl&^tmm 

Dogmeii so timwmaa^mim geletttbil, m-ie Indien, Dietier Hangxum Phito- 

qplMnn hat tihri^enit auf das G««ebick der Inder m 

BmAimg v e rhlagii igToll ein^wirkt indem sie i^ber dem Grübelü 

nadi dem C'berirdiacheo die berechtigte Existenz dse Irdtsefaen nicht ge* 

Bsft tiefe Odieimnia de« Entstehens, Werdaii«^ und Ve^ifehens, dm 
tMMch iiiiwaiidelbaz<6i] GesetEen sich in der Existenz des Einzelneti nnd der 
in der Verschiedenheit und T«nai^aif Am OMdile^ hts kund 
efflllh da« <Temüt de^ ]MeDB€han mit SAmmn. Es emp in ihm die 
ierde, die üehejinnia«e der X^ar m erfbtwiheii, wi© Aer Himmel imd 
£rde, die Sonne^ der Mond oitd die Sterne entstanden sind ood be- 
f?b der Tag der Iiacbt oder die Nacht dem Tage foj^ und ahn- 
Probleme zu lösen. Die Dunkelheit der Xachi, der das Firmanieni 
spaltende, die Atmosphire im Zickxack darchzuekenda und »iif den Erd- 
boden niaderfobrende Blitz^ das dnmpfe Rollen de« Donners, das Toben 
der I iitfaiwilinn Elemente äösst ihm Furcht ein. Denn er lebt und be- 
wegt sich in einer M^elt Ton Oegensätzen, wo die Tage«belle mit dem 
OnJbd dar Xacht wechselt, wo dem Lebenden das Leblose, dem Un- 

t^g^mm^i^^ i^ Organische, dem Unbeweglir^en ^m Beweg^lidie, der festen 
Materie die flüchtige Luft, dem grausen Sturm der heitere HimmeK dem 
goi^laalinge das Äbgegtorbeiiei dam Endliehen das Unendliche gegenüber- 
stdil. In allen diesen KosliMlao offenbaren sich ihm die ewigen, nn- 
mbinderlichen Geaetzea unterworfenen Michte der Natur, oder vielmehr 
die lalx&ere Tertretenden Gottheiten. Diese reprise&tiareii daaäalb in ihrer 
Oesamtbeit alle und nicht nur eine einzige beaandef» eiafinaareiehe Xatur- 
' kmft, wie das Licht oder die Sonne in ihren verschiedenen Phasen. Er 
erkennt tetne Abhtogigkeit Ton den ausserhalb seinea Bereidia und Ter- 
^H atäoiltiiaaeB befindlichen höheren H&chte* Er sinnt über ihren Dr»{irang 
^B n aA i wie er sie für sich gewinnen^ oder sie sich dienstbar machen kann, 
^^ dena da sie in sein lieben gewaltig eingreifen und es gestalten, ist es für 
ihn ein we^entlichet Isleraaae, sie zu kennen. Sie gestalten sich in seiner 
Einbildung zu luftifOT Geisterereeheiaungen, welche überall Zutritt haben, 
im Himmel wohnen, in der Luft sich bewegen und in der Erde *icb 
bat^D können und deren Höchste als Götter rerehrt werden. 

Da sich der (jesichtskreis dei Menschen von der Erde durch die Luft 
I zum Himmelsgewölbe erbebt und in diesen drei Sphären alle Natur- 

encheinungen sich ereignen, geboren auch letztere nnd die sie reprftsen* 
tiereoden Gottheiten zu den Sphären, in denen sie statÜuden. und nach 
ihrem Auftreten und Wirken entweder zu einer, zu zweien oder zu alJeu 
dreien, wie z. B. das Feuer. Solange die Welt besteht, haben auch iu 
I der Vorstellung der Menschen diese drei Sphären existiert Indasaeix er- 

scheinen nur zwei dieser Sphären dem menschlicheu Auge in materieller 
I Qetlalt, das Himmelsgewölbe mit seioen Gestirnen und der Erdkörpar^ 


i 


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306 G. Oppert: 

die dritte, die Atmosphäre, weil darchdthtig, ist formlos. Im Himmel 
weilen die mysteriösen Gewalten^ deren HandliiDgen das Staunen und 
Graugen der Menscldieit erregen, an ihm prangen die Sonne, der Mond 
nnd die Sterne, die hier oben ihren Kreislauf vollführen und durch ihn 
das Schicksal der irdischen Wesen beeiafluBsen, welche im Bereich des 
Erdballs als Menschen, Tiere und Pflanzen existieren, wälireud in der 
zwischen Himmel und Erde beÜDdlichen Luftschicht grelle Blitze zucken, 
schwarze Wolken dahinziehen und furchtbare Starme wüten, von der aber 
auch friiehtbringende Regenwolken ihre Wasser auf die durstige Erde 
ergiessen* Für den Menschen sind der Himmel und die Erde die sub- 
stantiellsten und wichtigsten Sphären, zumal wenn er die Atmosphäre nnd 
das Himmelsgewölbe als ein Ganzes betrachtet. In ersterem erkennt und 
verehrt er den Alles leitenden und schirmenden Vater, in letzterer die 
Alles ernährende und erhaltende Mutter. 

In diesen drei Sphären weilen die Götter und hausen die Geister. 
Der Glaube an das Dasein solcher Wesen, an gute, welche den Menschen 
wohlwollend beschützen, und an böse, welche sein Verderben erstreben, 
findefe sich bei allen Völkern* Tm Verlauf der Zeiten gestaltet sich diese 
Anschauung zu einer festeu unerschütterlichen Cberzeugung, die anfänglich 
von schwankenden Betrachtungen und Begrifl^en ausgehend und auf ihnen 
beruhend^ später die Grundlage für religiöse Glaubensartikel wird und 
die Form einer dogmatischen Religion annimmt. Au diese Erwägungen 
reihen sich die Theorien über die Schöpfung des Weltalls. Die ver- 
schiedenen Kosmogonien verdanken den hierüber vorherrschenden An- 
sichten ihre Gestaltung und nach derartigen individuellen Vorstellungen 
wird die Schöpfung des Kosmos bald einem geistigen Wesen, bald der 
Urmateriej bald dem vereinten Wirken beider zugeschrieben. 

In dem Entwicklungsgänge der arischen Bevölkerung Indiens lassen 
sich vier Perioden von einander unterscheiden. lu der ersteo urarischen 
Zeit lebten noch alle Angehörigen der Kasse im engsten Verkehr bei 
einander* Sie stimmten ü berein in ihren Anschauungen von der Allmacht 
der Xaturkräfte und der Ohnmacht der Menschen diesen gegenüber, in der 
Überzeugung, dass iler Mensch im Gegensatz 2u dem Tiere vornehmlich 
ein denkendes Wesen, Mann^ Manu^ya, Mensch (von der Wurzel man, 
denken) sei, und bedienten sich Alle derselben sprachlichen Ausdrucks- 
weise* 

In der scweiten Periode trennten sich die verwandten Volksschichten, 
und nur die beiden östlichsten Stämme, nicht unbeeintlusst von der höheren 
Zivilisation Babylonieus, blieben in Iran und in dem Indien benachbarten 
Gebiet in engerer Beziehung zu einander. 

In der dritten Periode verliessen die an der Grenze Indiens wohnen- 
ileo Arier ihre früheren Wohnsitze^ zogen nach Indien und Hessen sich 
dort nieder. Der Verkehr zwischen den iranischen uud indischen Ariern 
hörte allmählich auf, zumal letztere ihre Energie der Erwerbung, Be- 
hauptung und Benutzung der eroberten Lande zuwenden mussten, an die 
Stelle der Freundschaft trat Entfremdung. Ausserdem blieben die Ter* 
änderten klimatischen Verhältnisse der neuen Heimat nicht ohne Einfluss 


Gottheiten der Indier. 


307 


auf die Lebeusweise uod die religiöat'n Anaebauungeu der Ei o wanderen 
Die uralten, einer anderen Zone angepassten Gottheiten traten in den 
Hintergrund, andere den veränderten Ansichten melir Zusagende Vor* 
Stellungen von den göttlichen Mächten schnfen neue Oötter, so entstand 
2, B. anf dem Boden Indiens die Verehrung des Regen- und Gewitter- 
gotte& Indra. Die mehr oder weniger nahe Beröhning mit der Ur- 
bevölkerung modifizierten ebenfalls die religi5sen Ideen der arischen An- 
siedler. 

In der vierten Periode hatte dieser fremde Einflu^s schon festen Fus* 
gefaast und in Sitten, Gebrauchen und religiösen Anschauiingeu!, z. B. in 
der Personifikation der Allmutter Aditi, sich eingebürgert. Der Brahnia- 
nfsnius wurde umgestaltet und die Grundlage zum modernen Hinduismus 
gelegt. 

Cber den ersten Zeitabschnitt existieren keine eigentlichen historischen 
Data» doch vermögen wohl einige im Sprachschatz der stammverwandtini 
Völker sich findende Ausdrücke auf die geistigen Regungen nnd die 
materiellen Zustände der ürarier ein chaxakteristisches, wenn auch nur 
mattes Licht zu werfen* Solange n&mlich alle Stamm eü^genossen noch 
beisammen waren, wird sich auch ihre Sprache ffir die Bezeichnung der- 
selben Dinge derselben Wörter bedient haben; nachdem über Einzelne 
fartgezogen und eine Trennung stattgefunden hatte^ entstanden neu© nicht 
mehr Allen gemeinsame Bezeichnungen. Ein allen arischen Völkern ^o- 
meinsamei} Wort entstammt h5c [ist wahrscheinlich einer Zeit, da sie alte 
noch beisammen wohnten, wäbreml ein bei nur einzelneu Stummen sich 
vorfindender Ausdruck einer späteren Epoche nach ihrer Trennung an- 
gehört. Von diesem Gesichtspunkte aus ist die auffallende Überein- 
stimmung in den Verw^andtschafts Wörtern, die Gleichheit vieler auf die 
religiöse Auschauung, das Hauswesen, die Tier- und Pfianzenwelt bezüg- 
lichen Benennungen, die Identität der Fürwörter und Zahlwörter, die 
Ähnlichkeit in der Deklination und Konjugation, vor allem aber in der 
Syntax von hoher Bedeutung, ebenso wie im entgegengesetzten Falle Ab- 
weichungen von der üblichen Ausdrucks- nnd Denkweise beachtet werden 
müssen« So könnte z* B* ein bei allen arischen Stänmien sich vorfindender 
Tier- oder Pflanzen name lu dem Schluss berechtigen, dass dieses Tier 
oder diese Pflauzt* allen bekannt gewesen, solangi* dasselbe Tier oder 
dieselbe Pflanze damit gemeint war^ während sich dies nicht annehmen 
liesse, wenn er nur bei einzelnen Völkerschaften verkäme. Daher kann 
man die nicht allgemein verbreitete Erwähnung den Meeres für die Be- 
hauptung aufilhren, dass den Ariei-u in ihren Ursitzen das Meer unbekannt 
gewesen ist« 

Für das engere Verhältnis, das zwischen den beiden im fernen Osten» 
in Persien und in den Grenzländern Indiens sesshaften arif^cheu Stämmen 
weiter fortbestandj gewähren uns die Hymnen des Veda und der Text 
des irauischen Zend-Avesta einen belehrenden Einblick. Bei beiden 
Völkerschaften verwandelten sich allmählich die geheiranisvoUenf Ehrfurcht 
erregenden Naturkräfte in bestimmte vermenschlichte GöttergcäitiUlen, 
anter denen der vedische Himmebgott Varuna und der iranische Ahnra 



1 


f 


808 <3^ Opperti 

Mäzda die leitende Stellung über ihre sechs Oenosseu einnahmen, Yama^ 
der Sohn dea Sonnengottea Yivasvat und der Zwilliagabnider der Yami, 
ist im Veda der erste Sterbliche und wird der König der Toten, während 
Yinia im Zend Aveata als der König der Menschen erscheint« Gemeiuäam 
ist auch dem Yeda und Avesta die Yerehrung dea Feuera beim Opfer- 
dienst und der berauschenden Soma- (im Zend-Avesta Uaoma-) pflanze. 
Ehenfalls der Beachtung wert ist die Erscheinung^ dass dasselbe Wort im 
Iranischen und im Sanskrit zuweilen eine geradezu entgegengesetzte Be- 
deutung haben kann, wenn z. B. der indische Ausdruck für Gott (deva) 
im Iranischen zum Teufel (däeva, dem Persischen div) wird; dass der 
Käme des guten Geistes der Iranier, des Abura, dem des gpftteren 
indischen Unholdes Asura entspricht, kann hier nicht als Beispiel dienen, 
weil das Wort Asura*) im Sanskrit die Bedeutung wechselte und aus dem 
ursprünglich lebendigen guten ein vernichtender böser Geist wurde- Da- 
gegen wurde der altindische Lieblings- und Yolksgott Indra in Peraien 
zum Dämon. An Indra, den Yrtratödter, knüpft sich die beiden Yölkern 
gemeinsame Sage von Tri tu (Traitana), dem Sohne des Wassergebieters 
(Apäm napät), der dem zendischen Thrita oder Thraetona, dem Sohne 
des Athwya entspricht, aus dem in der iranischen Yolksaage der Zohäk- 
tödter Feridun wurde, wie sich aus Yinia (Y'ama) später der Held Jemshid 
und aus Kere^iäspa hernach Gershasp entwickelte. 

Ober die Ursachen , welche die Trennung der Iranier und der ansehen 
Indier veraulassteUj sind wir nicht unterrichtet^ wahrscheinlich lagen sie 
vorwiegend auf sozialpolitischem Gebiet und sind nicht lediglich religiösen 
Ursprungs. Die Iranier hatten eine Yorliebe für monarchische Institutionen, 
wihrend die Indier, das unabhängige Hirtenleben und den freien Grund- 
besitz vorziehend, in kleineren Gemeinden zusammenlebten und sich erst 
in späterer Zeit zu grösseren ätaatenbildungen, die sich zu Königreichen 
gestalteten, bequemten. 

Für die Anschauungsweise der damaligen Arier Indiens geben uns 
die Hymnen des Rigveda und die Zaubersprüche des Atharvaveda den 
besten, wenn auch einen beschränkten Aufschluss* Die ersten verworrenen 
Yorstellungen von dem Wesen und Walten der gewaltigen Naturmächte 
haben allnulhlich tieferen Betrachtungen über das Problem der Schöpfung 
Platz gemacht. 

Dagegen besitzen wir keine aus dieser Urzeit stammenden Angaben, 
welche uns über die Ansichten der Ureinwohner Indiens in ähnlicher 
Weise wie über die der arischen Bevölkerung berichten» Nnr wenige 
inhaltreiche Legenden und bedeutsame Gebräuche haben sich erhalten, die 


1) Dat Wort asars wird Terschiedentlich erklärt, es stammt nrsprünglkli von aiu 
Leben, van der Wunel &s sein; wird aber auch spüter abgeleitet fon fts, werfen (»i^TÄti 
d^van, er wirft die Götter), in der Bedeutung von Dämon, oder auch erklärt als Kieht^ 
gott (na snra) im Gegetiaati ku atira, Gott. Nach dera EUuiäya^a (Bätaka^da XLV, 
36 — 38) nahmen die Götter die beim Quirlen des Ozeans erschienene Väni^i (die Tochter 
dea Vani^a) oder 3arü, die Göttin des bemnscbenden GetrSnkes, an nnd hi essen deshalb 
Sarah, iräbrend die Söhne der Üiti sie nicht annahmen und deshalb Asuräb genannt 
wurden. 


1 


Gottheiten der Indier. 


M» 


uns tiber den Uriprung mancher inerkwtlrdig^n Au^chanungeti und Sitten 
Aiifklärang geben können, m dass es vielleicht fioch möglich ist, um ihnen 

.©Ine ungefähre Vorstellung über ihre Denkweise und ihr UrteilsTermögen 

Isieh zn bilden. 

Zweites Kapitel, 
Über die vedlsche Theogonie der arischen Indien 

Der Veda und insbesoodere der Rijj^veda enthält in seinen Gesängen 
lim Ganzen die älteHte und deshalb wichtigste Schilderung des häuslichen 
und öffentlichen Lebens, ans der sich ilie sozialen, politischen und religiösen 
Zustande der indischen Arier annähernd entnehmen lassen. Wegen des 
j heiligen Charakters, den man den Hymnen des RigTeda beilegt, hat man 
[ihnen, wie andere Völker dasselbe für ihre religiösen Schriften getan» 
einen Übern utiir liehen Ursprung beigelegt, welchen die Gesänge selbst 
für sich nicht beanspruchen, wie sie auch ihr Alter nicht in mysteriöser 
•Weise zu versctileiem oder zu erhöhen suchen. Viele HjTnnen sind 
Itbrigens, wie die an die Morgenröte (üsas) gerichteten, von hoch- 
Ipoetischem Geist durchdrungen und beknnden eine henor ragende dichte* 
fische Begabung ihrer Verfasser Indessen dürfen diese begeisterten Er- 
güsse enthusiastiseher Poeten j die im Laufe der Zeit für unanfechtbare 
göttliche Offenbarungen angesehen wurden^ als Muster poetischen Genius 
wnd religiöser Einsicht weder unterschätzt, noch auch als Kundgebungen 
geistiger Eingebung überschätzt werden. Die Mehrzahl der Dichtungen 
steht aber in poetischer Hinsicht nicht sehr hoch; sie offenbart vielmehr 
eine überwiegend prosaische Richtung, wie denn auch ihre Sprache und 
ihr Styl häufig einen manirierten Eimlruek macht 

Cbrigens wäre es ein verhängnisvoller Irrtum, sich alle Sänger der 
vedbchen Hymnen, die heiligen Risis, als einfache, kindlichgesinnte und 
gutherzige Wesen Torzustellen, der Mehrzahl nach zeigen sie sich vielmehr 
als schroffe Zeloten, die jede ihnen nicht zusagende Ansicht für verwerf- 
lich und gottlos verdammen. Nach ihrer Ansicht ist nur wahr, was sie 
sagen; ihre Gegner sind vermaledeite Kreaturen, und die von denselben 
verehrten Götter Dämonen und Teufel* So offenbart sich hier schon 
frühzeitig der harte, herrschsüchtige Sinn verfolgungssüchtiger Priester, 

Der Rigveda ist eine aus vielen einzelnen Hymnen und Gedicht- 
sammlungen zusammengostellte Auswahl alter Gesängo, die EU verschiedenen 
Zeiten und zu verschiedenen Zwecken verfasst worden sind. Ebenso ver- 
schieden waren die Dichter, welche sich häufig feindlich gegenüberstanden 
nnd nicht immcT Ton arischer Herkunft waren. Die Dichtungen derselben 
Beher und derselben Familie steheu nach den verschiedenen Gottheiten 
geordnet susammen in zehn Büehero oder Abschnitten (mandala). Bitten 
für Gesundheit, langes Leben, Nachkommenschaft^ Reichtum^ gute Ernten 
und Vieh, Sieg über Feinde und Schutz gegen D&monen bilden den 
llauptgegenstand der meisten Ges^ge. Zu diesem Zweck werden die 
(idtter angerufen, vor allen Agni und Indra^ der Ulmmel und die Erde, 
die Sonne, die Lichtgottheiten (Aditya^) und die Zwillinge (Aivitiau); 
neben den vergötterten Natur mächten und Elementen, denen sich die 


310 


Ö. Oppert; 


Vergötterung abstrakter Vorstellungen und Handkügen anreiht, werden 
auch niedrii^e Wesen, Haustiere and Pflanzen, selbst leblose Gesteine ver- 
ehrt; denn alles Existierende gilt für anbetungswert und somit für gött- 
lich. Daher kann auch Indien mit Recht für ein Land angesehen worden, 
in welchem neben dem Polytheismus zugleich der Pantheismus vorherrscht, 
da beide Vieles mlteinandor gemeinsam haben und sich nicht gegenseitig 
ausschliossen. Obwohl nun zuweilen einzelne Hymnen aussehHetslich 
einer Gottheit geweiht sinil, darf man hieraus nicht auf die Verehrung 
eines einstigen Gottes oder auf das Vorhandensein des Monotheismus 
iehliessen. Bei den Griechen erklärte schon mehr als 500 Jahre v. Chr. 
Xenophanes, dass ein Gott unter den Göttern und Menschen der höchste 
und weder der Gestalt noch dem Sinne nach den Sterblichen gleich sei, 
und in frommer und reiner Weisse verehrt werden müsse* Der Glaube 
an einen höchsten Gott setzt die Existenz anderer niederen Gottheiten 
voraus. Der wahre Monotheismus, der Glaube an einen einzigen Gott, 
ist dagegen unvereinbar mit der gleichzeitigen Existenz anderer Götter, 
und ebenso unverträglich mit dem phantastischen vedischen und anderen 
ähnlichen Göttersystemen, bei deneu bald die eine, bald die andere Gottheit 
präsidiert,^) Was übermenschlich ist, vermag der menschliche Geist über- 
haupt nicht zu fassen, noch viel weniger zu erklären. Es liegt ausserhalb 
seiner Sphäre und entzieht sich ßeinem Urteil. Für den monotheistischen 
Denker existieren keine dämonischen Gestalten imd Gewalten, auch wagt 
er nicht Fragen über das jenseitlicho Leben oder über die Unsterblichkeit 
der Seele aufzustellen und zu entscheiden. Nicht so der poetisih an- 
gehauchte Phantast, der allen Dingen eine eigene Existenz zuerkennt und 
sich eine unbegrenzte Götter-j Geister- und Dämonenwelt schafft, wie 
dies %. B. die Indier, Griechen und Kömer getan haben. 

CbrigeuB verhindert nichts den vedischen Sänger in einem Hymnus 
einem Gott und in einem andern einer anderen Gottheit zu huldigen, wie 
dies in der Tat die gefeierten Seher Vasi^^tha und Vi^^vämitra tun. In 
dem Moment, wo eine Gottheit angerufen wird, verschwinden alle übrigen 
aus dem Sinn des Andächtigen, aber er erinnert sich ihrer zu einer 
andern Zeit. 

Zum Unterschied vom Monotheismus wird dieser Kultus Henotheismus 
oder Kathenotlieismus genannt.*) Auch nehmen die Götter nicht immer 
dieselbe Stellung ein; derselbe Gott mag in einem Gesänge als höchster 
Gebieter erscheinen, während er in einem andern einen untergeordneten 
Hang einnimmt So wird bald Varuiia, bald Agni, bald Indra oder Sörya, 
ja selbst Soma als höchster Gott gefeiert, Obschon Agni, der Herr des 
Weltalls, der Gebieter und Vater der Menschen heisst (Bigv* II, 1), ist 
Indra an einer andern Stelle der grösste und stärkste aller Götter (Bigv. 


• 


1) Der moaotheiatiBche Glftube an eine abstrakte Oottheit hit im Altertum nie bei 
den Ariern existiert; deshalb ist weder der vediache Himmelagott Varnna, noch der per- 
Mscbe AhuraMa^da^ der griechische Zeui, der römische Jupiter, der g'ermanische Ziu und 
der slawische Bog ah solche aufzufasscD* 

"i) Siehe Max Müller» Chips of a German Workahop, Londott, 18li8, YoL I^ 
pp. 352, 35.'i 


Gottheiten der Indien 


811 


X, 86), während Yaruiia gebietend und allmächtig ak Herr des Hinmielä 
und der Erde thront, der Herr der Götter Aauras, sowohl wie der Menschen. 
(Rigv. 11^ 27, 10; 28), wird Soma ebeufalls König der Welt, Schöpfer des 
[Himmelg und der Erde, des Ägni^ Sürya, Indra und Vismi genannt (Rigr. 
IX, 90, 5, 10), In Wirklichkeit besteht zwischen den (i Ottern kein Rang- 
[nnterschied; allerdings werden junge und alte, kleine und grosse Götter 
einander unterschieden (Rigv. I, 27, 13), trotzdem gibt es keine kleinen 
jungen Götter, denn alle sind in Wirklichkeit gleich gros» (Rigv, 
VIII, 30, 1)3 deshalb können auch einzelne mit anderen identifiziert 
.werden, so z* B* Agni mit Taruna, Mitra, Indra, Visnu, Aditi, Bhärati usw., 
übrigens scheinen die Götter sich auch nicht immer vertragen zu haben 
(RigA. IV, 30, 3, 5; A. V. 111, 15, 5). Als Darstellungen von Natur- 
I erscheinnngen sind manche Göttersagen symbolisch aufzufassen, vorzüglich 
^Iche, welche einen zweideutigen und schlüpfrigen Charakter haben, 
fleich die alten Dichter solche Mythen nicht verschw^eigen, die z. B* 
F-ron Yaruna, Indra und seiner Gemahlin Indrünl erzählt werden*), oder 
[das Gespräch zwischen Yama und aeiner Schwester Yami und der Verkehr 
I zwischen Göttern und Göttinnen bisweilen darbieten, so vermieden sie 
[doch so viel wie möglich, auf solche Themata näher einzugeben. Im 
Gegensatz hierzu schwelgen die griechischen Dichter in der Beschreibung 
der Untaten der Götter, so dass Xenophanes z. B. Homer und Hesiod be- 
schuldigte, die Götter, als deren Vorbilder sich die Menschen ansahen, der 
gemeinsten Verbrechen, wie des Stehlens, Ehebrechens und des Betruges 
angeklagt zu haben. 

Die vedischen Gesänge liegen in vier verschiedenen Sammlungen 
(Sariihitä) vor. Diese vier Yeden sind der Rigveda, der Sämaveda, der 
Ynjurveda und der Atharvaveda. Die drei ersten als die ursprünglichen 
[und heiligsten heissen die Trayividyä, die dreifache Wissenschaft, als 
^Liedj Gesang und Opferspruch. Nach einer späteren brahmanischen Auf- 
fassung gehört der Rigveda den Göttern, der Bamaveda den Seligen (pitr) 
und der Yajurveda den Menschen. 

Der Rigveda ist der nach Dichterfamilien klassifizierte Veda der 
I Verse oder Sprüche* Seine ältesten Gesänge entstammen noch einer Zeit, 
da die Arier in die Grenzen des eigentlichen Indiens noch nicht ein- 
gedrungen waren. Die Hotrpriester rezitieren mit lauter Stimme diesen 
Veda. 

Der Sämaveda, der Veda des Gesanges, verwendet die einzelnen 
aus ihrem Zusammenhange gerissenen Yerse des Rigveda zum Gesänge 
beim Somaopfen Durch dieses eigentümliche Verfahren haben die Verse 
ihren ursprünglichen Sinn allerdings verloren, aber das Opferzeremoniell 
verleiht ihnen eine neue Bedeutung, Die Gesinge (Snmani) des Säma- 
veda werden von den üdgätip riestern beim Somaopfer gesungen. Die 
das ganze Opferzeremoniell umfassenden Gebetformeln (yajilmsi) des 
Yajurveda werden von den Adhvaryupriestern mit eigentümlicher Be- 


1) VfL auch Bi^. X, 86 Uezüglieh der Indrü^t tiad des Yr^akapi; X, 10 Gefiprich 
iwiichen Yama und YsebI usw* 


1 


312 


a Oppert: 


tonung beim Opfer g<^murmelt. Von diesem Yftjurveda gibt es xwel 
HauptabteiluDgeu mit jü verschiedenen Rezensionen, den ächwaizen odepi 
ungeordneten Krsna-yajurveda und den weissen oder geordneten Sukla-J 
yajurveda. Im ereteren folgen die dogmatischen Erklärungen und die 
Begchreibmtg des Zeremoniells gewöhnlich unniittelbar auf die Opfer- 
formelu^ im zweiten dnd beide Toneinander getrennt. 

Die einzelnen Verse, die Rcas, Sämäui und Yajümsi dieser drei Veden J 
heieseu M antra (Spruch), 

Der vierte Veda ist der AtharTa- oder Brahmaveda und enthält auaser 
Mautra auch Tantra oder volkatümliche Beschwönmgen, von denen einig^^ 
ins hohe AUertum zurückgehen und ebenfalls dem arischen Legenden- 
schatz angeliören. Er wird den Atharvans und Angiras zugeschrieben. 

Während die Hymnen des Kigreda und des Atharvaveda ausser ihrent] 
dichteristhen Wert auch als historische Dokumente von Bedeutung sind, 
überwiegt beim Sämaveda und beim Yajurveda das liturgische Interesse, 
Dieser letztere wurde indessen in späteren Zeiten so volkstümlich, denn 
die Mehrs&ahl der Brahmanen folgt der Liturgie dieses Veda und ist 
Ysjurvedakundig (Yajurvedin), dass die Taittirlyopaüi.sad tlie vier Veden 
mit einem Vogel vergleicht, dessen Kopf der Yajurveda, dessen rechter 
und linker Flügel bezw. der Rig- und Sämaveda und dessen Schweif der 
Atharvave<Ia bildet. 

Der volktändige Text jedes dieser vier Veden war in besonderen 
Rezensionen enthalten, von denen noch einzelne existieren. Ausführliche 
vedische Kommentare (Brähmana) geben erklärenden Aufsohluss über das 
Zeremoniell und enthalten wertvolle historische Andeutungen — ao weisen 
die Lehren des Vamsabrähmana des Sämaveda Professor Albrecht Weber 
zufolge nach Iran — , Legenden, theologische Betrachtungen und andern 
schätzbaren Inhalt, Die Texte der vier Veden zusammen mit ihren 
Kommentaren (den Brähmaiia) und den diesen zugehörigen mystischen 
Schriften, den sogenannten üpanisad, bilden die dem Gehör offenbarte 
Revelation, die Sruti. Im Gegensatz zu der Kevelation steht die dem 
Gedächtnis anvertraute weltliche Literatur, die Tradition, die Smrti, 

Während viele Gesänge des Rigveda, sowie einige Teile des Yajur- 
veda und des Atharvaveda sicherlich einer sehr alten Zeit augehören und 
vor dem Einfall der Arier in Indien datieren können^ reichen die jüngsten 
Lieder des Bigveda wohl in eine jüngere Zeit. Die Abfassung der 
Brähmaua geht wahrscheinlich bis ins fünfte Jahrhundert n. Chr., während 
manche Upanisad erst in neuerer Zeit abgefasst siml, 

Wie aus den Gesängen und Sagen der indischen Arier erhellt, waren, 
was schon hervorgehoben, ihre allmählich sich entwickelnden und er- 
weiternden religiösen Anschauungen aus der Betrachtung, Bewunderung 
und Verehrung der gewaltigen, aUea Irdische beherrschenden Naturmächte 
herTorgegangen . 

Die drei Sphären, die irdische, luftige und himmlische, welche dem 
Henschen vor Augen liegen, bieten seinem Denken eine materielle 
Grundlage. 


Gottheiten der Indier. 813 

Naeh der vedischeii Vorstellung weilen und wirken im Himmel, im 
Loftraam und auf der Erde (Rigv. X, 49, 2; 63, 2; 65, 9; Athar. V. X, 
9, 12) dreierlei, der Zeit nach ewige, dem Raum nach zum Teil beschränkte 
Crottheiten. In jeder der drei Regionen thront eine, allerdings nicht 
inuner dieselbe Gottheit. So heisst es einmal: Möge Sürya uns vom 
Himmel, Väyu von der Atmosphäre und Agni von den irdischen Gebieten 
aas beschützen (Rigv. X, 158, 1, vergleiche I, 164, 23, 44).*) Nach einer 
anderswo (Satapatha Brähmana lY, 5, 4, 1) berichteten Legende waren 
die Götter ursprünglich alle gleich und rein, aber drei von ihnen, Agni, 
Indra und Sürya suchten sich hervorzutun und erreichten auch ihren 
Wunsch durch anstrengende Andachtsübungen und Opferdarbringungen. 
Elf Gottheiten residieren in jeder Schicht, im Himmel, in den himmlischen 
Wassern und auf der Erde (Rigv. I, 139, 11; Taitt. Saihh. I, 4, 10, 1). 
Diesen 33 Manifestationen hatte die oberste Dreiheit zugrunde gelegen^ 
(Nirukta VH, 5), aus welcher sich hernach in modifizierter Form die 
aus Brahma, Visnu und Siva bestehende Trimürti entwickelte. 

Die meisten Gottheiten sind lediglich ein Gebilde der erregten 
Phantasie, andere müssen als ideale Vertreter gewaltiger Naturerscheinungen, 
oder leuchtender, das menschliche Leben beeinflussender Himmelskörper 
angesehen werden, manche auch als vergötterte Elemente und Materien. 
Schon Epicharmus, ein Schüler des Pythagoras, behauptete, dass die Götter 
eigentlich nur Wind, Wasser, Erde, Feuer und Gestirne seien. 

Ehe die einzelnen Gottheiten besonders besprochen werden, scheint 
es ratsam, über ihr Wesen, ihren Ursprung und ihre Stellung einige all- 
gemeine Bemerkungen vorauszuschicken. Wie es sich von selbst versteht, 
kann über ein unsubstantielles religiöses Tliema bei den schwankenden 
Auffassungen verschiedener Zeiten kein endgültiges Urteil abgegeben 
werden, vielleicht aber lässt sich in der Ilauptsaclie feststellen, welche 
Ansicht die Indier ursprünglich von den Asuras und Devas, ihren vor- 
nehmsten Gottheiten, gehabt, und wie sie dieselbe allmählich modifiziert 
haben. Ihrem Namen nach zu urteilen, repräsentieren die Asuras die 
lebendig existiereden, die Devas die leuchtend himmlischen Gottheiten. 

Soviel steht fest, dass die höchsten vedischen Gottheiten (Rigv. I, 91, 4; 
V, 10, 2; VII, 6, l; h, 2; ()3, 2; YHI, 25, 4; 27, 20), wie Dyaus (Rigv. 
I, 131, 1), Varuna (Mitra-Varuna, Rigv. I, 24, 14; 151, 4; II, 27, 10; 
VII, 36, 2; 65, 2; VIII, 25, 4; 42, 1; X, 132, 4; A. V. I, 10, 1), Aryaman 
(Rigv. V, 42, 1), PQsan (Rigv. Y, 51, 11), Indra (Rigv. I, 174, 1 : VIII, 86, 1), 
Agni (Rigv. IV, 2, 5; V, 12, 1; 15, 1; VII, 6, 1; X, 11, 6), Savitr (Hif^v. 
I, 35, 7, 10; 110, 3; IV, 53, 1), Soma (Rigv. IX, 74, 7), Rudra (Rigv. 
V, 42, 11), Marut (Rigv. I, 64, 2), die Adityas (Rigv. VIII, 27, 20) u. a. 
Asuras genannt werden. Man verehrte in ilinen die Urgötter, dii* 

1) Siehe Yüska, Nirukta VII, 5, wo dasselbe angegeben wird. Nach einer Klasse 
von Erklfirem des Yeda, den Nairuktas, existieren drei Gottheiten, d. h. Agni, der sich 
auf der Erde befindet, Yaya oder Indra, der sich in der Atmosphäre, und Sürya, der si( h 
im Himmel aufhält. Die irdischen, atmosphärischen und himmlischen Gottheiten werden 
beiw. Nirukta VJI, 14-IX, 43; X, 1— XI, 50 und XII, 1— 4G aufgexählt. 
ZeitMhrift für Ethnologie. Jahrg. 1905. Heft 2 a. 3. 21 


314 G. Oppert: 

lebendigen Urgeister, gewissermassen Personifikationen übernatürlicher, die 
Menschheit besonders beeinflussender Mächte, während die Devas, wie bei 
den meisten stammverwandten Völkern, mehr allgemein als Gottheiten 
aufgefasst wurden, was aus dem Ausdruck Visve Deväs, worunter sowohl 
alle Götter, als auch eine besondere Götterklasse zu verstehen sind, her- 
vorgeht. Im Lauf der Zeit schwand in Indien, worauf schon hingewiesen, 
die Macht und das Ansehen der gewaltigen Asuras dahin, Unfriede brach 
unter ihnen aus, Indra verdrängte Varuna, an die Stelle der Asuras traten 
die Devas, und die Asuras werden als gottlos (adeväs) (Rigv. VIII, 85 
[96], 9) geschildert. Die Asuras verloren indessen nicht nur ihren Ein- 
fluss, sondern auch ihre Kespektabilität. So kam der Ausdruck Asura als 
Unhold*) in Verruf, während er sich bei den Iraniem als höchster Geist 
Ahura Mazda in seiner Bedeutung erhielt. Da nun beiden arischen Völkern 
dasselbe Wort ursprünglich zur Bezeichnung der höchsten Wesen diente, 
und die Indier dasselbe in seiner Bedeutung ändernd, statt seiner sich 
später ausschliesslich des Ausdrucks Deva für Gott bedienten, so kann 
die religiöse Spaltung zwischen Iraniern und Indiem nur entstanden sein, 
nachdem bei letzteren die Namensänderung sich vollzogen hatte. Dieser 
Wechsel in der Stellung der Asuras lässt sich in der indischen Literatur 
ziemlich klar verfolgen. Zu bemerken ist hierbei noch, dass die Iranier 
hinfort das Wort div in böser Bedeutung als Teufel gebrauchten, dagegen 
bei ihren entfernteren Stammesgenossen, wie z. B. bei den Griechen und 
Römern die Ausdrücke &e6g und deus sich dem Sinne nach mit dem 
sanskritischen Deva decken. Das den alten Iraniern und vedischen Indiem 
in guter Bedeutung ursprünglich gemeinsame Wort Asura kann wohl als 
Beweis gelten, dass zwischen beiden Völkern in religiöser Beziehung 
Übereinstimmung herrschte, während die Herabsetzung der Asuras und 
die Hervorhebung der Devas bei den Indiem das Aufhören der früheren 
Intimität anzeigte. 

In den Brähmaiias wird das Verhältnis der Asuras zu den Devas 
häufig eingehender besprochen. Prajäpati, der Herr der Schöpfung galt 
als Vater der Asuras wie der Devas. Erstere erschuf er mit seinem 
Hauche (asunä), weshalb sie Asuras genannt wurden (Taitt. Brähmaiia 
II, 3, 8, 2); dieser Hauch wurde dann zum untern Hauch, durch den auch 
die Menschen entstanden, und der dem Hinterteil (jaghanät) entfuhr 
(Taitt. Br. II, 2, 9, 5; Satapatha Br. X, 1, 25, 1; Väyupuräna IX, 4, 23). 
Die Götter hingegen kamen vom obem Hauch, aus dem Munde (Satap. 
Br. X, 1, 3, 1; Väyupuräna IX, 8). Nach der Geburt der Asuras setzte 
Finsternis ein, mit der Dämmerung erschienen die Manen (Pitarah), und 
der Tag brach an, als die Götter erschienen (Taitt. Br. II, 2, 9, 5, 8, 9; 
Sat. Br. X, 1, 6, 8; Väyup. X, 11 — 15). Eine andere Legende lässt noch 
die Asuras, Räksasas und Pisäcas aus den Wassertropfen entstehen, welche 
von dem bei der Erschaffung der Götter, Menschen, Manen, Gandharven 
und Apsaras verwandten Wasser abwärts tröpfelte (Taitt. Aranyak. I, 23, 7). 
Auf diese Weise wurden die Asuras, trotzdem sie ursprünglich die älteren 


1) So wird Svarbhänu ein Asara genannt (Rigv. V, 40, 5, 9). 


Gotthdteii der Indier. 315 

und Tomehmeren Götter gewesen waren, wie denn das Mahäbhärata die 
Idteren und die Deras die jüngeren Brüder nennt (Mahäbhärata, ^nti- 
parva XXXTTT, 25) ^) immer mehr erniedrigt, bis sie zuletzt mit den bösen 
Räksasas und Pisäcas auf gleiche Stufe gesetzt wurden. Merkwürdiger- 
weise scheint eine allerdings unklare Stelle im Rigveda (VI, 59, 1) die 
Täter der beiden Hauptgötter des Yeda, Agni und Indra als Feinde der 
Gatter, nach dem Kommentator Säyana als Asuras zu bezeichnen, die Ton 
den Devas niedergeschlagen wurden. 

Zur Entkräftung und Erniedrigung der Asuras werden auch andere 
Gründe angeführt So gehörte ursprünglich den Asuras die Erde und die 
Götter besassen nur soviel davon, wie einer von seinem Sitz überschauen 
kann. Die Götter erbaten sich nun eine grössere Fläche von den Asuras 
und auf der Devas Begehr versprachen ihnen die Asuras so viel, wie eine 
Schakalin in drei Schritten beschreiten kann. Darauf nahm Indra die 
Gestalt einer Schakalin an und umging die Erde in drei Schritten. So 
erlangten die Götter die Erde (Taitt Samhitä VI, 2, 4).*) 

Den sittlichen Terfall der Asuras bekunden andere YorfUle. Der 
Yater der Asuras und Devas, Prajäpati, hatte beiden die Rede, die wahre 
wie die unwahre, verliehen, und beide bedienten sich auch anfänglich in 
gleicher Weise der wahren und unwahren Sprache. Im Lauf der Zeit 
nahmen indessen die Devas die wahre Sprache ganz an, und wurden 
aUerdings immer schwächer, während die Asuras der Lüge sich hingebend, 
wie Salzerde wuchsen. Schliesslich siegte jedoch die Wahrheit über die 
Lüge und die Asuras unterlagen (Sat Br. IX, 5, 1, 12 ff.). Aber auch ihr 
Hochmut wurde ihnen verhängnisvoll. Denn die Asuras steckten die 
Opfergabe^ welche sie keinem andern gönnten, sich selbst in den Mund; 
die Devas boten hingegen die ihrige sich gegenseitig an, worauf Prajäpati 
den Devas das Opfer zur Nahrung gab (Sat. Br. V, 11, 1—2; XI, 1, 8, 1—2), 
wodurch die Devas ebenfalls das Übergewicht erlangten. 

Die Stellung der Devas ist übrigens im Veda eine recht eigentüm- 
liche. Die Verschiedenheit und die Widersprüche in den betreffenden 
Angaben finden allerdings ihre Erklärung darin, dass den Ansichten der 
Verfasser der voneinander abweichenden Hymnen kein einheitlicher Ge- 
danke und Glaube zugrunde lag. So werden die Götter gewöhnlich als 
unsterblich geschildert, obwohl die Devas nach der Entstehung des Uni- 
versums (Rigv. X, 129, 6), oder von den luftigen Wassern, von Aditi und 
der Erde (Rigv. LXIII, 2), oder aber drei Yugas nach den Heilkräutern 
(Rigv. IX, 97, 1) geboren sein sollen. Andererseits verlieh ihnen der 
Genuss des Somasaftes Unsterblichkeit (Rigv. IX, 106, 8; 109, 2, 3; X, 53, 10), 
denn Soma wird wie Brahmanaspati (Rigv. II, 26, 3) und Agni (Rigv. 
rV, 23, 6; VI, 7, 4; Ath. V. IV^ 23, 6) als Vater der Götter gefeiert, und 
noch besonders (Rigv. IX, 96, 5) Vater der Prthivi (Erde), des Dyaus 


1) Idam ta ^rfijate Pärtha ynddhe deTäsure parä 
Asnrä bhrataro jje^ha deTäscäpi jariyasah. 

2) Im Taitt Br. III, 2, 9, G wird derselbe Vorgang mit der Variante erx&lilt, dass 
statt Indrm die Götter die Erde amfassten. 

21* 


316 ö. Oppert: 

(Himmels), Agni, Sürya, Indra und Visnu genannt. Auch Savitr ver- 
leiht den Göttern Unsterblichkeit (Rigv. IV, 54, 2); Usas, die Morgenröte 
heisst Mutter der Götter (Rigv. I, 113, 19) und die Götter wurden 
nach der ehrwürdigen Aditi, der Mutter der Ädityas (Rigv. 11, 27, 7; X, 63, 2) 
geboren (Rig. X, 72, 5). Wiederholt und selbst verschiedentlich werden 
die Eltern einzelner Götter erwähnt, wie z. B. von Indra, dessen Yater 
bald Dyaus bald ein Dämon ist, und dessen Mutter bald als Aditi bald 
als Nistigrl erscheint (Rig. IV, 17, 4, 12; 18, 5, 12; Vm, 45, 4; 66, 1; 
X, 101, 12; 134, 1). Was die Unsterblichkeit der Götter anbetriflft, so 
überwanden einige Devas den Tod durch Enthaltsamkeit und Bussübungen 
(Ath. XI, 5, 19), oder erwarben sich Unsterblichkeit durch Kasteiungen 
(Rigv. X, 53, 10; Mahäbharata, Asvamedha LI, 2P), wie denn Indra sich 
ebenfalls dadurch den Himmel eroberte (Rigv. X, 167, 1; Atharvv. XI, 5, 19). 
Oberhaupt sind Busse und Opfer hierzu unfehlbare Mittel; denn die Götter 
verrichteten ebenfalls Opfer. Dies waren die ersten Gebräuche; diese 
grossen Mächte erstrebten den Himmel, wo die Sädhjras, die früheren 
Götter, weilen (Rigv. I, 164, 50; X, 90, 16). Es ist unnötig, hier näher 
darauf einzugehen, was man ursprünglich unter Sädhyas verstand, aber 
soviel scheint festzustehen, dass man sich schon früh zwei verschiedene 
Göttergruppen dachte, deren eine von ihrer Geburt an (äjänadeväh) Götter 
waren, die andere, welche demnach einen niederen Rang einnahm, sich 
ihre Gottheit durch Handlungen erst erwarb (Mahidhara zu Väj. S. 31, 17; 
Muir [Original Sanskrit Texts] V, 17, 18). Nach der Ansicht der späteren 
Eosmogonien oder Puräiias waren die Götter überhaupt nur während einer 
bestimmten Periode, während eines Kalpa, unsterblich, am Ende desselben 
verschwanden sie und traten erst beim Anfang des neuen ins Dasein 
zurück. 

Nach diesen Bemerkungen über die Asuras und Devas folge nun die 
Besprechung der wesentlichsten Gottheiten, zuerst derjenigen, welchen eine 
materielle Existenz zugrunde liegt, und dann solcher, die lediglich Gebilde 
der Phantasie sind. Den Anfang mache: 

Dyaus und PrthivI (Himmel und Erde). 

Der unter dem Himmelsgewölbe und auf der Erdoberfläche wandelnde 
Mensch beobachtet zuerst Himmel und Erde. Erstereni entströmt Licht, 
Wärme und Regen, letztere gewährt Nahrung, Bekleidung und Be- 
hausung. Es ist deshalb sehr begreiflich, dass alle Naturvölker der 
Erde den Himmel und die Erde zum vornehmsten Gegenstand ihrer 
Verehrung machten. Wie die Indier den scheinenden, glänzenden Himmel 
(Dyaus [dyu] von div, scheinen) Vater und die breite Erde (Prthivi) 
Mutter und beide Eltern (Dyävä prthivi) Himmel und Erde (Väter), 
oder Mätarä (Mütter), oder Janitri (Erzeuger) nennen, so tun dies auch 
die Griechen und Körner, wie Hesiod, Äschylus, Sophokles, Euripides, 
Virgil, Lucretius und andere in ihren Werken bezeugen. Beiden Gott- 


1) Tapah parayaijia nityam sidhyanti tapasä sada 
tathaiva tapasä deva mahamaja diTam gatah. 


Gottheiten der Indier. 317 

heiten sind im Yeda spezielle Hymnen gewidmet (Rigv. I, 159, 160, 185; 
rV, 56; YI, 70; VII, 53; Atharv. IV, 26), ausserdem auch einer besonders 
der Erde (Rigv. Y, 84). Indessen sind der Himmel und die Erde nicht 
allein die Eltern der Menschen, sondern auch die der Götter (Devaputre, 
Rigv. I, 106, 3; 159, 1; 185, 4; lY, 56, 2 usw.), in der Tat aller Wesen, 
welche sie erhalten. Während hingegen Zeus und Jupiter (Diespiter) bei 
den Griechen und Römern die höchste Gottheit bleibt, und ihre Ober- 
herrschaft über Götter und Menschen unwandelbar fortbesteht, sinkt Djaus 
allmählich von seinem Thron, und Indra usurpiert seine Stellung. Ur- 
sprünglich hat dieser wohl auch als Sohn des Djaus und der PrthivI 
gegolten, aber er wird auch häufig ihr Schöpfer genannt (Rigv. YHI, 36, 4; 
X, 54, 3, usw.), wie denn Soraa und Püsan (Rigv. II, 40, 1), Dhätr (Rigv. 
X, 190, 3), Hiranyagarbha (Rigv. X, 121, 9), Tvastr (Rigv. X, 110, 9) und 
YiSvakarman (Rigveda X, 81, 2 — 4) ebenfalls so heissen. Nach Rigv.YII, 
34, 2 wissen die Wasser den Ursprung des Himmels und der Erde, 
anderswo wird gefragt, aus welchem Baum und Holz sie entstanden seien 
(Rigv. X, 31, 7; 84, 4), oder welcher von beiden zuerst dagewesen sei 
(Rigv. I, 185, 1); Fragen, welche auf die Kosraogonie hinführen. 

Merkwürdigerweise gilt Dyaus nicht immer als Gatte der Prthivi, 
sondern als solcher wird auch Parjanya erwähnt (Atharv. XII, 1, 12 und 42). 
In den homerischen Gesängen ist Gaia, die Erde, wie schon erwähnt, die 
Mutter der Götter, und die Gattin des Uranoa, des Grossvaters des Zeus. 
Ursprünglich waren, so berichtet das Aitareya Brähmaiia (IV, 27) Himmel 
und Erde mit einander verbunden, sie trennten sich aber von einander, 
was viel Unheil anstiftete. Deshalb brachten die Götter zwischen ihnen 
eine Aussöhnung zustande und verursachten ihre Heirat. Eine ähnliche 
Sage schreibt dem Dionysius von Halikarnass zufolge Euripides dem be- 
rühmten Anaxagoras zu. 

Agni. 

Agni, das Feuer, das für den Menschen so notwendige und unent- 
behrliche Element, das Licht und Wärme verbreitet und das Kochen er- 
möglicht, weilt als der erste und gefeiertste Gott im Veda in allen drei 
Sphären, als Sonne im Himmel (Rigv. YI, 8, 2; X, 88, 6, 11 usw.), als 
Blitz in den Wassern des Firmaments, d. h. in der Atmosphäre, weshalb 
er Apännapät, Sohn der Wasser, heisst (Rigv. I, 22,6; II, 85, 1, 11 usw.), 
und als Feuer auf der Erde, wo er residiert. Er gilt für den ältesten 
Gott, trotzdem ihn der Himmel und die Erde, die Wasser und Tvastr 
schufen (Rigv. X, 2, 7). Er wird mit vielen Göttern und Göttinnen 
identifiziert, mit Indra und Yisnu, mit Brahmanaspati, mit Yaruiia, Mitra, 
Aryaman, Aihsa und Bhaga, mit Tvastr, Rudra und dem Sonnengott 
Savitr, mit den (löttinnen Aditi, llotrii, Bhärati, Jlii und Sarasvati (Ri^v. 
n, 1, 3 — 11). Seine Yerehrung ist weitverbreitet, namentlich wird von 
den benachbarten Iraniem das Feuer heilig gehalten, sie nennen es aber 
nicht Agni, welchem das lateinische ignis wie das slawische ogni entspricht, 
sondern ätar, dessen Priester Ätarvan au den vedisohen Feueq>riester 
Atharvan erinnert. Überhaupt liegt die Bedeutung Agnis in seinem Zu- 
sammenhang mit dem Opfer und dem üblichen Opferzeremoniell. In sich 


318 G. Oppert: 

vereinigt er alle für das Ritual erforderlichen Verrichtungen. Er ist der 
gewissenhafte Priester im Hause von früh morgens bis znm Abend, der 
Freund der Menschen und Götter, der Vater nnd Leiter des Opfers. Dem 
entsprechend repräsentieren anch die drei Opferfeuer — das östliche, 
viereckig geformte, die Sonne vertretende und den Göttern zukommende 
Ähavanlya; das südliche, halbmondförmige, den Mond repräsentierende 
und den Manen geweihte Daksina^); und das kreisförmige, fortwährend 
vom Hausherrn zu unterhaltende, für die Menschen auf der Erde ein- 
gesetzte Gärhapatya — bezw. den Himmel, den Luftraum und die Erde. 
Wegen der mannigfachen Gestalt Agnis ist ebenfalls sein Ursprung und 
sein Wesen schwer zu erfassen, und die Form, unter der er zu verehren 
ist, nicht leicht zu bestimmen. Vom Himmel brachte ihn der heilige Bote 
Mätarisvan dem Bhrgu (Rigv. I, 31, 3; 60, 1; IH, 5, 10)") für die Sterb- 
lichen, nicht durch List entführt, wie Prometheus *) es einst getan, und er 
blieb als Gast bei den Menschen. Wenn Agni als Blitz durch die Wasser- 
wolke fährt, wird er, wie schon angeführt, als Sohn des Wassers gefeiert. 
Er wird in nicht von Menschenhänden erbauten Tempeln, sondern unter 
freiem Himmel verehrt. Durch das Reiben (Rigv. VIH, 48, 6) eines 
Aävattha- (Ficus religiosa) Reises (arani) an einem Stück Samiholz (Acacia 
suma) (Rigv. I, 31, 2; 68, 2; IE, 29, 1—6; X, 5, 1; 79, 4) wird er jeden 
Tag nach der Väter Weise (Rigv. I, 31, 7; 45, 3; VIH, 43, 13) von Alters 
her wie in der Jetztzeit auf dem Altar erzeugt; ein Verfahren, das König 
PurQravas zuerst einführte. Agni bringt Leben in die Welt, er verleiht 
Menschen, Tieren und Pflanzen das Leben, bleibt aber selbst ewig jung, 
weil er immer wieder erneuert wird. Er ist zugleich Erzeuger, Herr und 
Priester des Opfers, welches er als begeisterter Seher (Rsi) den Göttern 
darbietet. Er reinigt die Menschen, gewährt ihnen Reichtum, und macht 
den Leib der Frauen fruchtbar. Er beschützt die Menschen vor ihren 
Feinden, besonders vor den dämonischen Raksäs, die er verbrennt, und 
deren Schlösser er vernichtet. Deshalb ist er auch bei den Menschen so 
beliebt. Agni und Indra sind die Hauptgottheiten des Rigveda, sie galten 
für Zwillingsbrüder von demselben Vater (Rigv. VI, 59, 2). Die meisten 
Lieder dieses Hjmnenbuches sind an Agni gerichtet, sie stehen zumeist 
am Anfang der einzelnen zehn Abschnitte (Mandala). Die Verehrung des 
Feuers ist im Veda an die drei Priestergeschlechter des Angiras, Bhrgu 
und Atharvan geknüpft, erstere leiteten ihre Abkunft auf Agni, letztere 
beide auf Varuna zurück. 

Was nun die Stellung Agnis betrifft, so bleibt er trotz aller spiri- 
tuellen Umhüllung das materielle Feuer, dessen züngelnde Flammen und 

1) Siehe S. 321. 

2) Manu, Bhrgu, Augiras (Rigr. VIII, 43, 13), Athtrran, Dadhjafic (Rigv. VI, 16, 13, 14) 
und andere sollen luerst das Feuer angeiündet hahen. 

3) Die Sanskritinirxei math (manth) bedeutet Feuer (agnim) eneugen durch Reiben 
iweier Höher aneinander; pramantha heisst ein solcher lum Feuereneugen benutxter 
Reibstock; ein Wort« das, wie Kuhn bemerkt hat, stark an den Namen Prometheus er- 
innert; die 3. P. PL des redupliiierten Perfekts Par. und Ätm. sind benr. im Yeda 
wethns nnd methire. 


Gottheiten der Indier. 311> 

schwarzer Rauch (Rigv. I, 58) in der Vorstellung der Frommen die ver- 
schiedenartigsten sinnlichsten Vergleiche aufkommen Hessen, weil sich, wie 
oben bemerkt, das leuchtende und brennende Feuer auf der Erde in 
vielerlei Körpern birgt, und bald freundlich, bald feindlich, bald Ehrfurcht, 
bald Schauder erregend erscheint. 

Soma (als Pflanze und Getränk [Pflanzensaft]). 

Wie der heilige Mätarisvan das Feuer vom Himmel herabbrachte, so 
trug ein Adler oder Falke den Soma, den König der Kräuter, vom himm- 
lischen Berg Meru (Rigv.I, 93, 6; IV, 18, 13; 26, 6, 7; 27), denn der Soma 
der Indier wie der Haoma der Iranier entstammt dem Himmel. Sein Saft 
ist des Himmels Milch, welche die Götter stärkt und berauscht, ebenso 
wie die Menschen. Sowohl über die Pflanze wie über die Art des Getränks 
ist man noch unsicher. Bald hält man sie für eine Sarcostemma, bald für 
eine Asclepias. Soviel steht fest, dass man schon frühzeitig zur Bereitung 
des Somasafts, mag er nun dem Wein oder Bier ähnlich gewesen sein, 
die verschiedenartigsten Pflanzen verwendete, da es mehr auf das Getränk, 
als auf das den Saft liefernde Gewächs ankam. Prof. Max Müller hat 
die älteste Beschreibung des Soma zuerst veröffentlicht.^) Nach dieser 
dem Ayurveda entlehnten Angabe ist „die Schlingpflanze, welche den 
Namen Soma hat, dunkelfarbig, sauer, blattlos, milchig und fleischig auf 
der Oberfläche. Sie zerstört Schleim, verursacht Brechen, und wird von 
Ziegen gefressen.^ Allerdings darf dieser Bericht nur auf die damals be- 
nutzte Pflanze bezogen werden, was jedoch nicht ausschliesst, dass er auch 
auf die ursprüngliche passt. Nach dem Rigveda und dem Zend-Avesta 
wächst der Soma auf hohen Bergen, d. h. im Hochgebirge. In Persien 
findet man den Hom in den Bergen von Schirvan, Ghilan und Mazenderan, 
desgleichen wächst der Soma in den anstossenden Gebirgen Nordiudiens, 
es gelten aber jetzt in verschiedenen Gegenden Indiens verschiedene 
Pflanzen für den Soma. Im Rigveda (X, 34. 1) wird als seine Heimat der 
Berg Müjavat angegeben, über seine Lage ist jedoch nichts näheres bekannt; 
anderswo (Rigv. IX, 65, 22, 23) wird das Gebiet des Saryanävatsees, sowie 
das der Arjikas und Krtvans mit dem Somasaft in Beziehung gebracht.^ 
Der Soma ist eine sogenannte Mondpflanze und wird auf den Bergen 
bei Mondschein gesammelt. Um den für die Opfer notwendigen Bedarf 
zu verschaffen, wurde mit der Somapflanze ein ausgedehnter Handel ge- 
trieben, und bei ihrem Einkauf eigentümliche Gebräuche beobachtet. Als 
Somahändler werden die Panis speziell angeführt (Rigv. IV, 25, 7; VIII, 8(5 
(97), 2 usw.), und als habgierige, geizige und reiche Repräsentanten eines 
den Ariern abgeneigten feindlichen Volksstammes geschildert. Dr. II. Brunn- 


1) Vgl. seinen Aufsatz „Cber die Totenbesrattung bei den Brahmanen*^. Zeitschrift 
der deutschen morgenländischen Gesellschaft, Bd. IX, S. LIV: «iijamalämlä ca ni^patträ 
kfiri^i tvaci mamsAla, sle^mala Tämani Talli somäkhjä chagabhojanam." 

2) Die Parsis in Indien beziehen noch heute aus Persien die Ephedra distachja, die 
Tielleieht als die ursprüngliche iraniscrie Somapflanze gelten kann. — Über die Erklärung 
der Tedischen Stellen (Rigv. IX, 65, 22, 23) siehe die gelehrten Bemerkungen Prof. Pischels 
in «Yedisehe Studien*, II, S. 209—211 und 217—222 unter paru^^i ür^a und pastjä. 


320 ö. Oppert: 

hofer hat nachgewiesen (siehe Iran und Turan, S. 112—116), dass unter 
den Panis die Pamer zu verstehen sind, welche mit den ihnen stamm- 
verwandten Pärävatas (Rigv. VI, 6, 1, 2) erwähnt werden. Diese Völker- 
schaften sind indessen nicht iranischen Ursprungs, sondern gehören der 
Urbevölkerung Indiens an, und zwar derselben Rasse, zu welcher auch 
die Pariahs, wie wir später zeigen werden, zu zählen sind. 

Über -die himmlische Herkunft des Soma berichten viele Sagen. Indra 
bemächtigte sich des im Hause des Tvastr befindlichen Somatranks, worauf 
Tvastr entsetzt entfloh (Rigv. I, 80, 14; IIL 48, 4; IV, 18, 3). Die Tochter 
des Sörya filtriert den Soma (Rigv. IX, 1, 6; 113, 3), den die Mägde des 
Trita auf einem Stein auspressen (Rigv. IX, 32, 2; 38, 2), wozu auch Mörser 
verwendet werden. Pösan hat den die Götter stärkenden, in einer Höhle 
verborgenen Soma gefunden (Rigv. I, 23, 13—14). Übrigens ist der Ruhm 
des Soma weitverbreitet im Himmel, auf der Erde, in den Wassern, auf 
den Bergeu und unter den Pflanzen (Rigv. I, 91, 4). So werden ihm, als 
göttlichem Asura (Rigv. IX, 73, 1)^, wunderbare Kräfte beigemessen. Er 
hat das Firmament ausgebreitet (Rigv. I, 91, 22), den Himmel und die Erde, 
Agni, Sorya, Indra und Visnu geschaffen (Rigv. VI, 47, 34; IX, 96, 5); er 
heisst deshalb auch Vater und Erzeuger der Götter (Rigv. IX, 86, 10; 
87, 2), sowie der Brahmane der Götter (Brhaspati), das Oberhaupt der 
Dichter, der Weise der Weisen, Bulle der Tiere und Falke der Geier 
(Rigv. IX, 96, 6). An einer anderen Stelle (Rigv. I, 93, 5) steht, Agni und 
Soma hätten die leuchtenden Himmelskörper an den Himmel gesetzt. Die 
Götter verdanken dem Somatrank ihre Unsterblichkeit und ihre Stellung, 
zumal Indra, welcher demselben sehr zugetan ist, und durch seine Hilfe 
die Dämonen, insbesondere den Vrtra, besiegt. Auch den ihn trinkenden 
Sterblichen verleiht er Unsterblichkeit (Rigv. VIII, 48, 3) vornehmlich den- 
jenigen, welche ihn in der Behausung Yamas unter den Seligen trinken 
(Rigv. VIII, 48, 7; IX, 113, 7 — 11). Ausserdem verleiht er Nachkommen- 
schaft (Rigv. IX, 74, 5), verlängert das Leben (Rigv. VIII, 48, 7; 68, 6), 
heilt Krankheiten (Rigv. VIII, 48, 11; I, 91, 12), spendet Reichtümer 
(Rgv. I, 91, 1, 1. 19) und macht siegreich (Rigv. I, 91, 21). Es würde in der 
Tat zu weit führen, den dem Soma zugeschriebenen segensreichen Einfluss 
einzeln ausführlich berichten zu wollen. 

Viele der indischen Legenden über Soma als Gott und Getränk finden 
sich auch bei den Iraniern über den Haoma, so dass man sie als zu dem 
gemeinsamen Sagenschatz beider Völker gehörig ansehen kann. 

Die Farbe der Somasprossen wird bald als dunkelrot (aruna, babhru), 
bald als goldgelb (hari) angegeben, und diese Farbe dürfte auch das aus 
dem Soma gewonnene Getränk gehabt haben. Die Stengel der Pflanze, 
wie auch ihr Saft, waren hellfarbig. 

Soma (als Mond). 

Der Soma als Mondpflanze teilt alle Eigentümlichkeiten mit dem 
Mond, so bedeutet auch im Rigveda das Wort Soma sowohl die Pflanze, 
als auch das aus ihr bereitete Getränk und ebenfalls den Mond. Deshalb 
wird auch das Somagewächs ein vom Himmel auf die Erde gebrachter. 


Gottheiten der Indier. 321 

heUer Mondstrahl genannt. Die dem Soma zugeschriebenen Kräfte sind 
eigentlich dem Monde entlehnt, wie dies auch Prof. Hillebrandt zuerst 
in seiner Yedischen Mythologie über den Mondkultus nachgewiesen hat.^) 
Im Monde befindet sich die Götterspeise, der Nektar (das Amrta), welches 
die Götter unsterblich macht, und das, sich in einem halben Monat an- 
sammelnd, von den Göttern genossen wird. Den von diesem übrig- 
gelassenen sechzehnten Teil (Kala) trinken die Manen. 

Die Somapflanze ist gewissermassen der irdische Repräsentant des 
Mondes, wie aus den dem SomaPavamäna geweihten Liedern des neunten 
Mandala hervorgeht. Weil der Mond am Himmel dem goldgelben Tropfen 
des Somasaftes gleicht, heisst er Indu, Tropfen (Rigv. VI, 44, 21), und noch 
andere Bezeichnungen wie Ürmi (Welle), Utsa (Brunnen), Samudra 
(Meer) beziehen sich auf das himmlische Nass, das Amrta.') 

Das den Manen geweihte südliche Opferfeuer (Daksina) repräsentiert 
den Mond*), denn der Mond steht in inniger Beziehung zu der Toten weit, 
wie auch der Mond das Reich des Yama ist. Geisterhaft wie der Wind 
bewegen sich die Manen im Lichtraum, der Mond ist ihr Auge, wie die 
Sonne das Auge der Götter ist. Das Manenfeuer ist demnach Agni Can- 
dramas oder Mondfeuer. 

Snrya (die Sonne). 

Das grösste, einfiussreichste und wichtigste Gestirn für den Menschen 
ist unstreitig die Sonne. Ihr wird unter verschiedenen Xamen und Formen 
Verehrung erwiesen, besonders als Sür)'a und Savitr, sowie als Yivasvat 
(eigentlich die Morgensonne), der schon der indo-iranischen Vorzeit an- 
gehört und im Avesta Vivaühvat heisst. Im Rigveda (VIII, 57, 26) er- 
scheint er auch als ein Ädit)'a und als Vater des Yama und der YamI, 
und der beiden Asvins (Rigv. X, 17, 1, 2). Er jrilt später als der Urahn 
der Menschen, doch wird er den Lichtgöttern zugezählt und gilt als (lott 
der Morgensonne, obschon er im Rigveda eigentlich nicht als lebende 
Gottheit figuriert. Meistens erscheint Yivasvat in mythischer Verhüllung 
als Opferer und sein Name erhält eventuell diese Bedeutung.*) 

Nach einigen soll im Rigveda Savitr von Sürya derart unterschieden 
werden, dass ersterer die Sonne von ihrem Untergang bis zum Aufgang, 
letzterer umgekehrt von diesem zu jenem bezeichne*), aber diese Ansicht 
ist nicht allgemein anerkannt.*) Sürya nimmt im Himmel die herrschende 
Stellung ein, bald wird er als ein Äditya, oder als Sohn der Aditi verehrt 
(Rigv. 1,50, 13; X, 88, 11), bald von ihnen unterschieden (Rigv. VIII, 


1) Siehe Vedische Mythologie von Alfred Hillebrandt, Breslau 1801, Band 1. Der 
späteren Legende zufolge machte Brahma den Soma (Moud) zum Beherrscher der Sterne 
und Planeten, Brahmanen und Pflanzen, Opfer und Bussen (Vislnjupuräiia I, ±.\ 1—2 
IV, 6, «). 

2) Siehe Vedische Mythologie I, S.3U>-a3<J. 

3) Siehe oben S.318. 

4) Siehe Vedische Mythologie I, S. 474-488 über Vivasvant. 
o) Siehe Säya^as Kommentar zu Rigr.I, 123, 3. 

6) Siebe Y&skas Nirukta XII, 12. 


322 O. Oppert: 

35,13), bald wird er ein Sohn des Himmels (Rigv. X, 37, 1), bald der 
Dämmerung (Rigv. YII, 78, 3) genannt, während letztere anderswo als seine 
Gemahlin erscheint (Rigv. VII, 75, 5), neben welcher er allerdings noch 
andere Gattinnen, wie Süryä und Sanjnä besitzt (Rigv. X, 85, 6—17). Letz- 
tere gilt auch für seine Tochter, auch fQr die Schwester und Geliebte des 
Püsan, ebenfalls für die Gattin der Aävins, sowie für die des Soma. 

In einem von sieben rotgelben Rossen gezogenen Wagen durchfiährt 
Sörya den Himmel (Rigv. 1,50,8, 9; 115,5), auf einem ihm von Varuna, 
Mitra und Aryaman vorbereiteten Pfade. Sein Wagenlenker ist nach spä- 
terer Sage der beinlose Aruna. Auf seiner Fahrt bemerkt er alles, be- 
sonders die guten und schlechten Handlungen der Sterblichen, die er dem 
Varuna und Mitra berichtet (Rigv. VH, 62, 2), weshalb er das Auge des 
Varuna und Mitra, und zuweilen auch das des Agni heisst (Rigv. I, 115, 1; 
X, 37, 1). Er belebt am Morgen alles, was Leben hat, und sendet es am 
Abend zur Ruhe (Rigv. X, 37, 9); er erhält und beseelt alle Wesen. 

Savitr repräsentiert, wie schon sein Name besagt, die schaffende Kraft 
der Sonne (Rigv. II, 38 usw.). Er beobachtet feste Gesetze (Rigv. IV, 38, 3, 4). 
Er besitzt alles, was wünschenswert ist und versendet seinen Segen vom 
Himmel, von der Atmosphäre und von der Erde (Rigv. T, 24, 3); denn er 
ist der Herr aller Geschöpfe und der Erhalter des Himmels und der Welt 
(Rigv. IV, 53, 2). Er verdrängt Varuna schliesslich als Beherrscher des 
Himmels, und Savitr wird wie Varuna, als ursprünglicher, existierender 
Gott, als Asura (Rigv. 1,35, 7, 10) anerkannt. Mit Väyu (Indra) und Agni 
bildet Sürya später die vedische Drei-Götter-Gestalt (Trimürti). 

Viele Hymnen sind dem Sürya wie dem Savitr ausschliesslich ge- 
widmet. *) Im Atharvaveda wird ebenfalls der Sonnengott besungen (XHI, 2), 
sowie im Mahäbhärata (Vanaparva 2, 3) und im Rämäyana (Yuddha- 
kända 106). 

Jeden Morgen ertönt aus dem Munde von Millionen frommer Brahmanen 
und Inder die dem Savitr vom heiligen Seher Visvämitra (Rigv. III, 62, 10) 
geweihte Strophe, die berühmte GäyatrI oderSavitrI: „Mögen wir den vor- 
züglichen Glanz des Gottes Savitr erlangen, möge er unsern Geist er- 
wecken." ") 

Usas (die Morgenröte). 

Wenn der Mensch am frühen Morgen aus seinem Schlafe zu neuer 
Tätigkeit erwacht, begrüsst ihn die Morgenröte, die der grausen Nacht ein 
Ende bereitet. Kein Wunder, dass alle sie preisen, so auch der fromme 
vedische Sänger. 

üsas, die Morgenröte, die Tochter des Himmels (Rigv. I, 30, 22; 46, 1; 
48, 9; 49, 2; R', 52, 1; V, 80, 5, 6; VI, 64, 45; 65, 6; VII, 77, 6; 78, 41; 79, 3; 
VIII, 47, 14, 15), die Mutter der Götter (Rigv.I, 113, 19), die Schwester der 
Ädityas (Rigv. I, 123, 5) und der Nacht (Rigv. I, 92, 11; 124, 8), die ältere 
Schwester (Rigv. X, 172, 4), Geliebte und Gattin der Sonne (Rigv. I, 92, 11; 
VII, 75, 5; 76, 3), die Freundin (Rigv. IV, 52, 2, 3) und Schwester (Rigv. I, 


1) G dem Sürya und 7 dem Savitr- 

2) Tat SaTitur vare^yam Bhargo deyasja dhlmahi, dhiyo yo nah pracodayat 


Gottheiten der Indier. 32H 

180, 2) der Asvins, die Schwester und Geliebte des Pfisan (Rigv. VI, 55, 4) 
wird allgemein innig verehrt und in mehr als zwanzig herrlichen Oden 
ausschliesslich gepriesen. Sie erscheint zuerst jeden Morgen, und eröffnet 
somit auch das neue Jahr. Sie erweist dem Menschen nur gutes; sie treibt 
die bösen Träume fort (Rigv. VIII, 47, 18), erweckt ihn und alle Geschöpfe 
am Morgen zum Leben (Rigv. I, 92, 9; 113, 15; 124, 4; T\\ 61, 5; VI, 65, 1), 
sendet sie ihrem Beruf zu (Rigv. I, 48, 6), gewährt ihnen Hilfe, Reichtum 
und Glück (Rigv. I, 30, 22; 48, 1, 9, 13, 15, 16; V, 79, 4; 80, 3; 81, 1; VII, 
75,8; VIII, 47, 17) und verlängert ihre Tage (Rigv.I, 113, 16). Ihr Ge- 
spann wird bald von roten oder mannigfarbigen Rossen (Rigv. I, 49, 1 ; 

V, 79, 1; VII, 75, 6) oder von dunkelroten Rindern (Rigv. I, 124, 11 ; V, 80, 3; 

VI, 64, 3) gezogen; der Mond geht ihrem Gefährt als Herold voraus 
(Rigv. X, 85, 19), bis es Indra schliesslich mit seinem Blitz zerschmettert 
(Rigv.n, 15, 6; IV, 30, 8—10; X, 138, 5) und in die Bias (Mpäs) stürzt 
(Rigv. IV, 30, 11), der Morgenröte Glanz durch die Strahlen der Sonne 
ersetzend. 

In Wirklichkeit wird die üsas oder Morgenröte als Sinnbild einer 
glückbringenden Naturerscheinung mehr gefeiert, deon als Gottheit verehrt 
Sie veranschaulicht in ihrer regelmässigen Erscheinung den Portbestand 
der göttlichen Institutionen (Rigv. I, 113, 12). Dem Wortlaut nach ent- 
spricht die sanskritische Utas der griechischen 'Ilcog oder Avci^ und der 
lateinischen Aurora. 

Die Asvins. 

Die Asvins, die Zwillingssöhne des Sonnengottes Vivasvat und der 
Sturmwolke Saranyü (Rigv. X, 17, 2), auch die Söhne des Himmels (Rigv. I, 

182, 1; 184, 1; X, 61, 4) und die Nachkommenschaft des Ozeans (Rigv.I, 
46, 2) genannt, die Brüder der Morgenröte (Rigv. I, 180, 2), die göttlichen 
Wagenlenker erglänzen in ewiger Jugend und strotzen von Kraft und 
Stärke. Als Beinamen führen sie die Bezeichnungen wahrhaftig (Näsatya, 
nicht unwahr) und wundertätig (Dasra, Rigv.I, 34, 7, 9, 11; 46, 5 usw.). 
Auf einem goldnen, dreirädrigen (Rigv. I, 34, 5; 183, 1), dreisitzigen (Rigv. I, 

183, 1; Vm, 22, 5), von Rossen oder Eseln (Rigv. I, 38, 9; 116,2) ge- 
zogenen, von Savitr vor der Dämmerung entsandten Wagen (Rigv. 1,34, 12) 
fahren sie in Begleitung ihrer Gattin, der Sonnentochter Süryä (Rigv. I, 
34, 5; 117, 13; 1 18, 5; 119, 2, 5; 184, 3; IV, 43, 2, 6 usw.) auf rotem Pfade 
(Rigv. VIII, 22, 1) durch den Himmel und über der Erde hinter dem des 
Mondes (Rigv. I, 34, 2) her. Da sie so das Himmelsgewölbe Tag und Nacht 
bewachend (Rigv. I, 34, 8) mit ihrem Gefährt dreimal bei Nacht und 
dreimal bei Tage (Rigv. 1, 34, 2) durch den Himmelsozean sich wie ein 
Schiff auf dem Meer bewegen (Rigv. I, 46, 7, 8; V, 73, 8), nennt man sie die 
Söhne der See (Rigv. I, 46, 2). Sie erweisen sich häufig als Wohltäter der 
Menschen, und helfen Weisen, Helden und Königen aus Bedrängnis und 
Gefahr (Rigv.I, 112,5, 25; 116, 6-25; 117,3-24; 118—120; VIII, 9, 12—21; 
122, 7—12; X, 39, 4— 10; 40, 7—9), besonders werden sie gepriesen wegen 
des Beistandes, den sie dem schiffbrüchigen Bhujyu leisten (Rigv. I, 112, 6; 
117,4; 182, 5; VI, 62, 6; VII, 69, 7; X, 39, 4). Sie sind bei dem drei- 


324 G. Oppert: 

täglichen Opfer zugegen (Rigv. I, 34, 1) und erquicken sich an Meth und 
Somasaft (Rigv. I, 46, 15; 47, 1 — 6). Sie sind grossmütig, helfen dem 
Mangel ab und gewähren Nahrung, Reichtum, Glück und Ruhm (Rigv. I, 
34, 1, 3—5; 46, 2 usw.), langes Leben und Nachkommenschaft (Rigv. 1, 34, 12), 
früh morgens und spät am Abend greifen sie schnell hilfreich ein (Rigv. V, 
76, 2), vernichten die Feinde (Rigv. I, 34, 11) und helfen in der Schlacht 
(Rigv. IV, 87, 2). Sie heilen Kranke, denn sie sind Gesundheit bringende 
Ärzte (Rigv. X, 39, 5), und allen Leidenden, Blinden, Schwindsüchtigen und 
Krüppeln (Rigv. X, 39, 8) und Aussätzigen (Rigv. I, 117, 7, 8) gewähren sie 
Heilmittel, welche sie dem Himmel, der Erde und dem Wasser entlehnen 
(Rigv. I, 34, 6). Aber nicht nur körperliche, sondern auch geistige Ge- 
brechen unterliegen ihrer Pflege, denn sie tilgen auch Vergehen und 
Sünden (Rigv. 1,34, 11). Die den Menschen von den Asvins erwiesenen 
Wohltaten sind zu zahlreich, um alle erwähnt werden zu können.*) 

Besonders ist bei ihnen die Zahl drei beliebt. Da das Gestirn der 
Asvins in Wirklichkeit existiert, hat man astronomische Beobachtungen 
angestellt, um aus der vedischen Beschreibung des Zwillingsgestims histo- 
rische Feststellungen über die von den ürariern damals innegehabten 
Wohnsitze zu erlangen. Die Berechnung scheint nach Armenien und den 
üferländem des kaspischen Meeres zu weisen. 

Die griechischen Dioskuren werden mit den Asvins identifiziert. 

Schon dem vedischen Erklärer (Yäska) ist es schwierig, das Wesen 
und Wirken der Asvins festzustellen.^) Sie repräsentieren wohl den Über- 
gang von der Finsternis zum Licht. 

Allen diesen bis jetzt erwähnton vedischen Gottheiten war ein ge- 
wisses materielles Substrat, auf welchem ihre Existenz beruhte, leicht 
nachzuweisen, nunmehr aber wenden wir uns den bei weitem zahlreicheren, 
die drei Sphären des Weltalls erfüllenden Göttergestalten zu, deren Ursprung 
der den höheren Aussenmächten gegenüber befangenen menschlichen Phan- 
tasie beizumessen ist, nämlich den Adityas, Rudras und Vasus. 

Die Ädityas. 

Die Ädityas sind die unbeschränkten, unverletzbaren, ewigen in der 
himmlischen Sphäre (Nir. XII, 35) residierenden Licht- oder Sonnengott- 
heiten. Ihr Oberhaupt ist der ehrwürdige ürgott Varuna, der lebendig 
tätige Asura. Man zählte ursprünglich ihrer sieben (Rigv. IX, 114, 3), 
aber nur sechs, Mitra, Aryaman, Bhaga, Varuna, Daksa und Aiii^a werden 
im Rigveda namentlich aufgeführt (Rigv. II, 27, 1). Bei Erklärung des 


1) In späterer Zeit werden die beiden Asvins zu den Halbgöttern, speziell tu den 
Guhyakas, gezählt (Mahabharata, Ädiparva, LXVI, 41; A«Jvinau guhyakän viddhi sarvau- 
^adhyas tatba pa-^ün). 

2) Siehe NiruktaXII, 1: ^Sie werden die zwei Asvins genannt, weil sie alles dorch- 
dringen, der Eine darch Feuchtigkeit, der Andere durch Licht." Aurnaväbha behauptet, die 
Asvins hiessen nach den Rossen (asvaih). Wer sind denn diese Asvins? Einige sagen 
Himmel und Erde: andere Sonne und Mond; Legendenerzähler halten sie für zwei heilige 
Handlungen verrichtende Könige. Ihre Zeit fällt nach Mittemacht, wenn das Lichtwerden 
allmählich Platz greift, denn der mittlere nimmt Teil au der Finsternis, Aditya am Licht. 


Gottheiten der Indier. 825 

Textes nennt Yäska den Dhätr als siebenten.^) Anderswo werden der 
Aditi, der sagenhaften Mutter der Ädityas, acht Söhne zugeschrieben, aber 
nnr mit sieben, welche ihrem Leibe entsprungen wareu, trat sie vor die 
Götter, den achten, den Märtända, hatte sie bei Seite geworfen (Rigv. X, 
72, 8, 9).*) Märtända ist ein Name für die Sonne.*) Säyana, der Er- 
klärer des Rigveda, entlehnt zu dieser Stelle aus dem Taittiriya die Namen 
des Mitra, Yaruna, Dhätr, Aryaman, Amsu (Amsa), Bhaga, Indra und 
Vivasvat als die der acht Adityas. Nach dem Taittiriya Brahmäna (I, 1, 9, 1) 
kochte Aditi, welche sich Söhne wünschte. Reis (Brahmaudana) für die 
Götter (Sädhyas). Diese gaben ihr die Überbleibsel zu essen, und infolge 
dessen gebar sie hintereinander je zwei Söhne: Dhätr und Aryaman, Mitra 
nnd Yaruna, Amsa und Bhaga und zuletzt Indra und Yivasvat Die 
Adityas variieren sowohl der Zahl als auch den Namen nach. Im Rigveda 
heissen Sürya (I, 50, 13; 191, 9; YIII, 90, 11; X, 88, 11) wie Savitr 
(Rigv. Yni, 18, 3 und Atharv. Y. XII, 2, 9) Adityas und als solcher wird 
auch Yivasvat im Atharvaveda (XI, 6, 2) erwähnt. Daselbst zählt neben 
der Sonne auch der Mond zu diesen Lichtgottheiten (YIII, 2, 15), Indra 
erscheint im Rigveda ebenfalls als ihr (lenosse (YII, 85, 4). Im Atharva- 
veda (XI, 6, 2) werden ausser Dhätr, Mitra, Yaruya, Amsa, Bhaga und 
Yivasvat noch Yisnu, Savitr, Püsan und Tvastr als die zehn Adityas auf- 
geführt, mit diesen beiden beläuft sich ihre Zahl auf 12, eine Anzahl, 
welche ihnen später gewöhnlich zugeschrieben wird. So spricht das 
Satapatha Brähmana von 12 Adityas, an einer Stelle (YI, 1, 2, 8) ent- 
standen sie aus 12 Tropfen, die von dem mit der Sprache (Yäc) vermählten 
Prajäpati herrührten, an der andern gelten sie für Repräsentanten der 
12 Monde des Jahres (XI, 6, 3, 8). Das Mahäbhärata der Harivamsa und 
die Puränas behielten die Zwölfzahl der Adityas bei, stimmen aber in 
ihrer Benennung nicht überein; denn ausser den oben Erwähnten werden 
Sakra (für Indra), Jayanta, Bhäskara, Ravi, Parjanya, Manu und Purandara 
den Adityas zugezählt.*) 


1) i^r^otu Mitro Arjamä Bhago nas tuTijäto Yarono Dak^o Aihsah. Yäska erklirt 
(Nirokta XII, 3(>) oas tuvijato Vanii^o Dak$o Amsah durch babujätasca Dhätä Dak^o 
Vanugio' msasca, d. h. tuvijüto mit bahujätasca und sieht in ihm Dhätä. 

2) Siehe Atharv. YIII, 9, 21, wo Aditi erwähnt wird als a^tajonir Aditi a^^puträ. 

3) Märtä^ija von MrtäiKJa lebloses Ei. Zu Higv. X, 72, 9 bemerkt der Kommentator 
des Taittirija Ara^yaka I, 13, 2, 3, dass Märtäiiiia einen bedeutet, durch dessen Geburt 
das Ei abgestorben ist. Vergleiche über Märtä^iia auch Satapatha Brähma^a III, 1, 3. 
Über die Äditjas konsultiere besonders Dr. John Muirs Sanskrit Texts. Vol. IV, p. 14 f. 
nnd V, p. 18f.; 4Sf.; 54f. Siehe auch Dr. Emil Sieg, Sagonstofle des Rigveda, S. 8i), 
wo Yivasvat das mrtam ä9(}am wird. 

4) Vergleiche Taittiriya-Saihhitä, YI, 5, (>, 1 usw. 

5) Im Mahäbhärata, Ädiparva v. 2522, Kap. LXV, 1.') u. IG werden 12 Adityas auf- 
gesihlt, nämlich: Dhätr, Mitra, Aryaman, Sakra, Yaruna, Aihi^a, Bhaga, Vivasvat, Püsan, 
Savitr, Tva$tr und Vif^u. Sakra und Indra sind identisch. Anderswo, ebendaselbst 
Ädip. 2600 (Kap. LXYI, 37) wird Sakra der älteste und Vi?nu der jüngste Aditya genannt. 
Im Ann^äsanap. 7095 (Kap. CL, 14 u. 15) stehen Jayanta und Bhäskara für Yivasvat 
and Savitf. 

Im HarivaAsa IX, 46-49 und CCXXXI, 11—12 (bei Langlois I, p. 5c) und II, p. 407) 
sind Indra and Parjanya für Sakra und Savitr, und ebendaselbst Kap. CXCYII, 57—5^ 


326 G. Oppert: 

Was nun die Bedeutung und Ableitung des Wortes Äditya anbetrifft, 
so sind die einheimischen Erklärer hierüber verschiedener Ansicht. Man 
sollte meinen, dass die Derivation von dem Namen ihrer Mutter Aditi so 
nahe gelegen und als selbstverständlich angenommen wäre: aber dies ist 
keineswegs der Fall. Denn obwohl Äditya im Nirukta für den Sohn der 
Aditi erklärt wird, so wurde doch im Altertum die Ableitung von der 
Wurzel da mit der Präposition ä, in der Bedeutung von nehmen, bevor- 
zugt, ja sogar das Zeitwort dip mit ä, leuchten, als Stammwort vor- 
geschlagen.*) Vielleicht dürfte man aus dieser Tatsache den Schluss 
ziehen, dass man ursprünglich die Ädityas nicht mit der Aditi in Be- 
ziehung gebracht habe, und dass letztere Gottheit erst ihre Entstehung 
und Verehrung einer spätem Anschauung verdankt, wie ja auch Aditi 
nicht immer für die Mutter der Ädityas gilt; doch wird über diese Gottheit 
hernach noch ausführlich gesprochen werden. 

Yarana und Mitra. 

Die höchste und heiligste Sphäre ist der Himmel. In ihm thront in 
unwandelbarer Majestät Varuna über allen Göttern (Rigv. 1, 25). Er ist 
der höchste Gebieter, das Haupt der alten Götter, der Asuras, und als 
solcher identisch mit dem Ahura Mazda des Zend-Avesta. Er hat die 
unerschütterliche Grundlage des Himmels und der Erde gelegt, er umgibt 
das Firmament und entspricht dem Cranos der Griechen. Er herrscht 
unumschränkt über den Himmel, seine Gewalt erstreckt sich über den 


(Langl. ir, p. 197) Indra, Bavi, Mana und Parjanya für Sakra, Dhatf, YiTasyat und Savitr 
aufgeführt. Im Kap. CCXIX, 30-31 (Lan^l. II, p. 375) fehlt Vi§nu am Ende als iwölfter 
Äditja und Purandara und Parjanja stehen ffir ^akra und Vivasvat Nach den beiden 
letzterwähnten Stellen des Harivamsa sind die Ädityas Söhne des Kasjapa und der Aditi, 
während sie nach den ersteren aus der blutroten Gesichtsfarbe des Sonnengottes Marta9da 
entstanden, also nicht Söhne der Aditi sind, wie sie dies auch in der obenerwähnten Sage 
des Prajäpati nicht sind. Zudem sind Märtanda und Vivasvat als Gestalten des Sonnen- 
gottes eigentlich identisch und Tva^tf ist der Schwiegervater des Vivasvat. Nach dem 
HariTamsa III, 59—02 und dem Vi§nupuräna I, 50, 90fif. wurden die 12 Tu^itas (oder 
Paravatas) des zweiten Cük§usa Manvantara auf ihr Veranstalten im sechsten oder Vaivasvata 
Manvantara als die zwölf Söhne des Kasjapa und der Aditi, und zwar als die Äditjas: 
Visnu, Sakra, Aryaman, Dhatr, Tva§tr» Pö§an, Vivasvat, Savitr, Mitra, Varuna, Amsa und 
Bhaga wiedergeboren. 

1) Nach dem äatapatha B^ähma^a XI, 6, 3, 8 (Brhad Ara^y. Upan. III, 9, 5) re- 
präsentieren die 12 Aditjas die 12 Monate des Jahres und sie werden Ädityas genannt, 
weil sie alles dies nehmen (te yad idam sarvam üdadana yanti). 

Nach dem Taittiriya Brahmana III, 9, 21, 1 wurde Prajapati ein Äditya genannt, 
weil er die Welten den Asuras nahm (yad asuranam lokan adatta ti^mad Äditya näma). 
Nach dem Taittiriya Araijyaka 1, 14, 1 nimmt der Äditya, d. h. die auf- und untergehende 
Sonne den Odem aller Geschöpfe (sa sarvesäm bhütünam pränan ädäya udeti . . . mä 
mama pra^an adaya astam gah). 

Im Nirukta II, 13 finden sich die drei oben erwähnten Ableitungen von ä-da, 
nehmen, ä-dlp, leuchten und Aditi für Ädityas. Surya, die Sonne, nimmt die Feuchtigkeit 
sowie das Licht der Gestirne auf (adatte rasän, adatte bhasam jyoti§am), oder er ist durch 
Licht erleuchtet, (ädipto bhäsä iti vä), oder er ist ein Sohn der Aditi, (Aditeh putrah 
iti vä). Jedoch findet sich im Rigveda dieser Beiname der Sonne Sürya Äditya nur 
selten vor (alpaprayogam tu asya etad archäbhyämnäye süktabhak „süryam Äditeyam*' 
Aditeh putram)/ 


Gottheiten der Indier. 327 

Himmelozean, woraus sich wohl seine Machtstellung über das Wasser und 
über das Meer entwickelte, denn nach seinen Anordnungen fliessen auch 
die Ströme (Rigv. 2, 28, 4). Er hat die Sterne oben am Firmament be* 
festigt und der Sonne ihren Lauf zugeschrieben (Rigv. I, 24^ 8; VII, 87, 1); 
im Firmament stehend miast er die Erde mit der Sonne als Massstab 
(Rigy. Y, 85, 5). Der Mond bewegt sich nach seinen Gesetzen, die 
Morgenröte gehorcht seinen Anweisungen, und auf sein Geheiss folgen 
die langen Nächte den Tagen (Rigr. I, 24, 10). Von seinem goldnen 
Thron beobachtet er die Vollstreckung seiner Befehle. Die Sonne ist 
sein Auge, der Himmel sein Gewand, der Orkan sein Hauch (Rigv. VII, 
87, 2); er verfolgt den Flug der Vögel in der Luft und die Fahrt der 
Schiffe auf dem Meere (Rigv. I, 25, 7). Er ist allgegenwärtig, nichts 
bleibt ihm verborgen und entgeht seiner Kenntnis, denn seine Späher 
berichten ihm Alles (Rigv. I, 25, 13; VH, 87, 3). Daher wird Varuna 
der König aller Wesen genannt, der Götter sowohl wie der Menschen. 
Er richtet gerecht und straft hart die Vergehen der Schuldigen, die er 
in Schlingen fängt; den Reumütigen gegenüber aber erweist er sich 
milde. *) 

Als Aditya frei und unbegrenzt und erster der sieben Söhne der Aditi, 
ist er auch mit der bei vielen Völkern des Altertums, zumeist bei den 
Semiten so heiligen Zahl sieben verknüpft. Dem iranischen Ahura Mazda 
stehen ebenfalls sechs Gehilfen zur Seite. 

Am innigsten ist Varuna mit Mitra verbunden, gewöhnlich werden 
beide zusammen angerufen, Varuna häufig allerdings ohne Mitra, letzterer 
aber nur einmal allein.') 

Mitra präsidiert über den Tag und Varuna über die Nacht.*) Obschon 
Mitra im Zend-Avesta als Sohn des Wassers (Apäm napät) eine bevor- 
zugte Stellung einnimmt, so gehört er doch nicht zu den Gefährten des 
Ahura Mazda; aber das iranische Volk verehrt ihn als Sonnengott, wie 
denn die Adityas in Indien als Licht- und Sonuengottheiten, Sarya mit 
eingeschlossen, gelten. Varuna erscheint übrigens schon im Veda in Be- 
ziehung zu den Gewässern des Himmels wie der Erde (Rig^'. II, 38, 8; 
Atharv. IV, 16, 3), während er später besonders als der (lebieter des 
Meeres geschildert wird. 

Dem Varuna und Mitra werden dieselben Beinamen und dieselben 
Gewalten zuerkannt (Rigv. VII, 65, 2; VIII, 25, 4), ihren Anordnungen 
und Befehlen fügt sich die ganze Welt mitsamt den Göttern (Rigv. V, 
63, 7; 69, 4), wenn sie gemeinsam thronen in ihrer auf 1000 Säulen 
ruhenden Halle (Rigv. V, 62, 5, 6). Die Bösen entgehen ihnen nicht 
(Rigv. VH, 64, 3), und diejenigen, welche sie nicht verehren, werden von 
Schwindsucht befallen (Rigv. I, 122, 9). 


1) Yam^a straft auch zuweilen mit Wassersucht (Yarunapasa). 

2) In 20 Gesängen werden Mitra und Varuna gemeinsam, in 15 mit anderen Göttern 
angerufen, w&hrend 7 Hymnen dem Yaru^a allein und nur eine (^Rigv. III, 51); dem 
Mitra ausschliesslich gewidmet ist. 

3) Siehe Saya9a8 Kommentar tu Rigv. I, 89, 3; '141, 9; Rigv. II, 38, 8 und Kom- 
mentar lu Taittiriya-Samhitä I, 8, IG, 1. 


328 G. Oppert: 

Mit Indra teilt Yaruna die Herrschaft über den Himmel in der Folge- 
zeit, da beide gemeinsam alle Geschöpfe der Welt erschufen. Indra sind 
in der Tat mehr Hymnen gewidmet als dem Yaruna, die an letzteren ge- 
richteten Gesänge atmen dagegen die tiefste Inbrunst. In einem späteren 
Hymnus (Rigv. X, 124) kündigt der Feuergott Agni, nicht, wie man 
früher gemeint, dem Yaruna die Freundschaft, sondern dem Yrtra, ja 
Yaruna selbst tritt zu Indra über.*) Wie übrigens der Himmel Varunas 
nicht immer heiter, sondern auch trübe und stürmisch sich gestaltet, so 
ist auch seine Stimmung zuweilen ungnädig, was seinem Ruf schadet. 
In der vedischen Nighantu (XH, 21) steht Yaruna seinem Range ent- 
sprechend unter den himmlischen Göttern, aber an einer andern Stelle 
(X, 3) wird er nach der Atmosphäre versetzt. In der späteren Sage ver- 
liert Yaruna seine gebietende Stellung und sinkt zu einem der acht 
Himmelswächter herab, als welcher er im Westen residiert. 

Aryaman. 

Aryaman, der Gefährte und Freund, wird mit Mitra und Yaruna be- 
sonders zusammen erwähnt (Rigv. I, 26, 4; 41, 4; 90, 1; 136, 2; 186, 2; 
II, 27, 6, 8; Y, 67, 1, 3; YII, 38, 4; 51, 2; 61, 4, 5; 63, 6; 66, 11, 12; 
YHI, 19, 21, 35; 25, 13; 26, 12; IX, 64, 24; X, 61, 17; 89, 9; 92, 6; 
126, 4, 6; 185, 1). Sie sind die drei Könige (Rigv. I, 41, 3), die drei 
Götter (X, 185, 1), die in ihrem prächtigen Heim im Himmel residieren, 
von dem aus sich ihre von Menschen gepriesene Lebenskraft verbreitet 
(Rigv. I, 136, 2). Sie eröffnen der Sonne den Pfad (Rigv. YII, 60, 4), 
sie, die sonnenäugigen Gebieter, halten die Gerechtigkeit aufrecht, ver- 
fechten das Recht, hassen alle Falschheit und gewähren Sicherheit (Rigv. 
YII, 66, 10-13). 

Aryaman, welcher über das Zwielicht präsidiert (vgl. Säyana zu Rigv. 
I, 89, 3; 90, 1; 141, 9), vermittelt die Trennung zwischen Mitra und 
Yaruna, die den Tag und die Nacht bezw. vertreten. Aryaman zeigt sich 
gern als helfender Freund, besonders in Liebesangelegenheiten (Rigv. Y, 
3, 2; X, 40, 12), auch gewährt er Reichtum (Rigv. X, 151, 2); seinen 
Weg können indessen die Bösen nicht überschreiten (Rigv. I, 105, 6). 

Bhaga. 

Im Yerein mit den drei vorigen und auch mit den anderen Ädityas 
häußg augerufen, erscheint schon in der Morgendämmerung, denn üsas ist 
seine Schwester (Rigv. I, 123, 5), der gnädige, den ganzen Tag hindurch 
Glück und Reichtum spendende Bhaga (Rigv. II, 1, 7; YII, 42, 3—5; 
YIII, 38, 1; 41, 5). Wie Aryaman, vermittelt er ebenfalls Liebe und 
Ehe (Rigv. II, 17, 7), denn sein Pfad ist glückverheissend (Rig. III, 54, 14). 
Im höchsten Himmol thront Bhaga sogar als oberste Gottheit (Rigv. I, 62, 7), 
auch im Avesta kommt Bhaga als Gott vor, und das slawische Wort Bog, 
Gott, ist aus seinem Namen entstanden. 


1) Siehe Vedische Studien II, pp. 292-300 die Abhandlung Prof. Geldner8 über 
RV. 10, 124. 


Gottheiten der Indier. 329 

Die spätere vedische Sage lässt Bhaga, dessen Strahlen im Yeda das 
Auge erleuchten (Rigv. I, 136, 2), sein Augenlicht yerlieren, sei es, dass 
ihm die Augen beim Opfer ausgeschlagen oder ausgebrannt wurden. 
Hieraus entwickelte sich die im Mahäbhärata und in mehreren Puräiins 
sich Yorfindende Legende, in welcher der über den Tod seiner Gattin 
Sati ergrimmte Siva in der Verkörperung als Yirabhadra dem Bhaga 
die Augen ausschlägt. 

Daksa. 

Als fünfter Aditya wird der einsichtige, tüchtige Daksa (Rigv. II, 27, 1) 
aufgeführt. Ebenso heisst der mit dem Weltenschöpfer identische Prajä- 
pati als kosmogonische Kraft in Gemeinschaft mit der Göttin Aditi (Rigv. X, 
72, 4). So erscheint denn Daksa in den vedischen Liedern bald als Aditya, 
bald als Urwesen, bald wiederum zusammen mit den Ädityas, der Göttin 
Aditi und anderen Gottheiten (Rigv. I, 89, 3). Die Beziehungen Daksas 
zur Aditi erfordern eine besondere Besprechung. Der vielfachen, dem 
Daksa beigemessenen Stellung liegt unzweifelhaft die verschiedene Be- 
deutung des Wortes daksa zu gründe. 

In der nachvedischen Sage spielt Dak?a eine hervorragende Rolle. Als 
dem Geiste Brahmas, oder seinem rechten Daumen ontstaunnender Sohn 
ist er ein bedeutsamer Faktor in der Schöpfungsgeschichte. Er wird nicht 
nur als Prajäpati, sondern als das Haupt derselben betrachtet, anderswo 
erscheint er als der Sohn der zehn Pracetasas und der Nymphe Marina. 
Bald wird ihm die unmittelbare Schöpfung der Götter und übrigen Ge- 
schöpfe zugeschrieben, bald wird den Xachkomnien seiner 24, 50 oder 
60 Töchter die Bevölkerung der verschiedenen Welten beigemessen. Die 
vielfach einander widersprechenden Berichte über Daksa sucht man durch 
die Behauptung zu erklären, dass sie sich auf die verschiedenen Zeitalter 
beziehen, in denen Daksa gelebt hat. 

Die Töchter Daksas wurden die (Sattinnen des Mondgottes, des Dharma, 
des Kasyapa und anderer Patriarchen. Als Daksa zu einem grossen, von 
ihm veranstalteten Opfer seinen Schwiegersohn Rudra (Siva), den Gatten 
der Sati nicht eingeladen, und diese, die Schmach nicht ertragend, sich 
das Leben genommen hatte, unterbrach der hierüber aufgebrachte Gott 
das Opfer und der von ihm entsandte Unhold Virabhadra schlug dem Daksa 
das Haupt ab Indessen wird dieser Vorfall verschiedenartig erzählt. Nach 
einigen Püriuias wurde der Kopf Daksas ins Feuer geworfen und ver- 
brannte, sodass als Siva seinen Schwiegervater wieder ins Leben zurück- 
rief, er auf den Runij)f einen Ziegen- oder einen Widderkopf setzte. 

Amsa. 

Höchst selten wird des sechsten Aditya, des freigebigen An'isa (Aiiisu) 
gedacht, welcher an den Geschicken der Mensclien einen freundlichen 
Anteil (aihsa) nimmt (Rigv. II, 1, 24; 27, 1). 

Dhätr. 

Im Nirukta (XIL 3<>) winl zu Rigvoda II, 27, 1, wie schon erwähnt*). 
Dhätr als siebenter Aditya genannt, von dem es heisst: „Dhutr ersclmf 


1) Seite 325. 
Zeitschrift fOr Ethnologie. Jahrg. 1905. Heft 2 u. 8. 


330 ö. Oppert: 

wie vormals die Sonne und den Mond, den Himmel und die Erde, die 
Atmosphäre und dann das Licht." Dhätr wird in der Folgezeit als Schöpfer 
mit Brahma identifiziert und letzterer wird auch so genannt 

Pasan. 

Zu den ursprünglich sieben oder acht als Ädityas geltenden Gott- 
heiten gehört vor allen der bärtige, behäbige Püsan (Rigv. X, 26, 7), der 
Ernährer. Er reitet auf einer Ziege und seinen Wagen ziehen Ziegen 
(Rigv. 1, 138, 4; VI, 55, 4, 6; 57, 3; 58 2; IX, 67, 10; X, 26, 8). Als Beschützer 
der Herden zeigt er den Hirten ihre Lagerstätten, und treibt als Hirt das 
Vieh mit einem Ochsenstachel (Rigv. YI, 53, 9; 58, 2). Seiner Obhut unter- 
liegen die von Menschen betretenen Pfade (Rigv. 1,42, 2, 4; YI, 53, 1, 4), 
wie er überhaupt ganz besonders ein Begleiter der Reisenden ist, und so 
auch die Seele der Yerstorbenen in die andere Welt geleitet. Hienieden 
verleiht er Nahrung und Wohlstand. In seinem Benehmen und seiner 
Lebensweise gilt er nicht für fein und sittsam. Seine Lieblingsspeise ist 
Grütze und Brei (Rig. YI, 56, 1 ; 57, 2), da er keine Zähne hat (deshalb 
karambhäd genannt), sei es, dass er dieselben beim Essen einst ausbrach, 
oder dass sie ihm Rudra (Yirabhadra) der späteren Sage gemäss mit den 
Füssen ausstiess. Er ist verrufen als Liebhaber seiner Schwester Süryä 
(Rigv. YI, 45, 4, 5), ja ihm wird sogar sträflicher Umgang mit seiner Mutter 
vorgeworfen (Rigv. YI, 55, 5). 

Als Sonnengottheit ist ihm nichts verborgen; er sieht alles; er bewirkt 
den Wechsel von Tag zu Nacht, zusammen mit dem Mond (Soma) bescheint 
er die Welt (Rigv. H, 40, 2), mit Savitr und den A^vins assistiert er mit 
seinen Händen bei jedem Opfer (Rigv. X, 26, 5), und keins kann ohne sein 
Mitwirken von statten gehen. Er wird mit anderen Göttern häufig zugleich 
angerufen, besonders mit Indra, der sein Bruder heisst (Rigv. YI, 55, 5), und 
Bhaga (Rigv. I, 62, 2; lY, 30, 24 usw.). In acht Gesängen wird Püsan im 
Rigveda ausschliesslich besungen (Rigv. I, 42; 138; YI, 53 — 6,58; X, 26). 

Visna. 

Unter den späteren Ädityas, der im Yeda als Sohn des Agni (Rigv. IX, 
96, 6), hernach aber als Sohn Kasyapas und der Aditi erscheint, nimmt 
Yisnu noch keine hervorragende Stellung ein, obwohl er häufig mit Yaruiia, 
Indra, Yäyu, den Asvins, Rudras, Vasus und Maruts gemeinsam angerufen 
wird (Rigv.I, 155,2; 156,4,5; YHI, 35, 1). Erst in der Folgezeit erwirbt 
er sich eine dominierende Stellung im indischen Pantheon, worüber später 
zu berichten sein wird. Mit Indra, dessen Freund und jüngerer Bruder 
er genannt wird (Rigv.I, 22, 19; lY, 18, 11; YIH, 89, 12), da Agni ihr 
gemeinsamer Yater ist (Rigv. IX, 96, 5), ist er eng liirt. Er kämpft 
gemeinsam mit ihm gegen Yftra (Rigv. lY, 18, 11; YHI, 89, 12), zerstört 
die 99 Schlösser des Sambara (Rigv. YII, 99, 5) und trinkt mit ihm den 
Somasaft. 

Er durchmisst die sieben Regionen der Erde (Rigv. I, 22, 16), wie ein 
weitausschreitender Bulle geht er mit seinem Fusse in drei Schritten über 
die drei Sphären (Rigv.I, 22, 16—18; 154; YHI, 29, 7). Dieser That ver- 
dankt er seinen Beinamen Trivikrama, einer der drei Schritte macht. Sie 


Gottheiten der Indier. 


331 


werden vorschiodentlich erklärt, bald (enthalten sie eine Anspielung auf die 
<lreifach© Exi stanz der Sonne, auf der Erde, in der Ätiiiitgphäre und im 
Himmel^ bald aaf den Hügel, wo die Sonne aufgeht, auf döu Mittags- 
meridian und aaf den Hü^^elj auf dem sie unter£?:eht') Es werden luit 
den drei Schritten auch die drei Manifestationen des Lichts in Verbindung 
gebracht, d. h. das Feuer auf der Erde, der Blitz in der Atmosphäre und 
die Sonne im HimmeL Au» den Schritten des Sonnengottes Vifiiu ent- 
stand in der späteren Legende die Verkörjierung YisnuÄ als Zwerg (Väniana 
Avatära), der den mächtigen König Bali in die Unterwelt stiess. Visnn 
erhält die Erde, den Himmel und alle lebenden Wesen (Rigv. 154, 4); 
kein Sterblicher kann »eine Grösse erfassen, man vermag vielleicht seine 
zwei Schritte auf der Erde und in der Lufl zu verfolgen, aber nicht den 
dritten im Himmel (RigT. Ij 155, 5; Yn^99,2), 

Tvastr. 

Tvastr der göttliche Handwerker (Rigr. X. 53, 9) ist unstreitig eine 
der interessantesten und mysteriösesten Gestalten des indischen Panthenns. 

fEr schuf die beiden Welten, den Himmel und die Erde, sowie alle Ge- 
schöpfe (RigY. I, 99, 5; in, 7, 4; 55, 19; IV, 42, 3; X, 110, 9), er belebt und 
formt alle menschlichen und tierischen Wesen, schon im Mutterleibe ent- 
wickelt er den keimenden Samen und bestimmt den Manu für das Weib. 

'Soine Gebote sind unverletzbar (Rigv, I, 188, 9; X, 10, 5; 184, 1). Er, der 
Erstgeborne, kann nach Belieben alle Gestalten annehmen (Rigv* I, 13, 10). 
Er kennt alle magischen Künste, verfertigt mit seinem Beil die scharfe, 

^«iserne Axt für Brahmanaspati (Rigv. X^ b% 9), sowi© den Donnerkeil 
mit dem dieser den Yrtra erschlug (Rigv*L 32, 2; 52, 7; 61, ij; 
S, 9; 121, 9; V, 31, 1, 4; VI, 17, 10; X, 48, 3), Er schirrt die falben Roase 
an den Wagen Indras (Rigv. VI, 47, 19), fabriziert für die Götter die Soma- 
bowlen (Rigv. X, 53, 9), und kennt überdies jeden heiligen Gesang (Rigv. Ü, 
23, 17)* Die Rbhus sind seine Lehrlinge, die auf der Götter Geheiss aus 
dem von ihm verfertigten Opferlöffel deren vier machten (Rigv. 1, 20, ())i 
weshalb er sich beschämt hinter den Gattinnen der Götter verbarg (Rigv. I, 
ItM, 4), und die Rbbus im Unmut zuerst erschlagen will (Rigv, I, 161, 5), 
später aber Über ihre Geschicklichkeit erfreut ist und sie belobt (Rigv. IV, 
33, 6). Er befindet sich häufig in der Umgebung der göttlichen Frauen, 
der Gnas und Janayas (Rigv. Vll, 34, 21, 2'2), weshalb er auch eine nicht 
sehr geachtete Stellung einninmit. Tva?itr ist gütig und wohltätig, er ver- 
leiht seinen Verehrern mäDnliche Kraft und Nachkommenschaft {Rigw T, 
142, 10; III, 4, 9; VII, 2, 9), auch verlängert er ihr Leben (Rigv. X, 18, 6), 
In der späteren Sage wird er zu den Adityas gerechnet und mit 
Vi^vakarman und Prajäpati zuweilen identi&ziert» und ist als Werkmeister 
mit dem griechischen Hephaistos und dem römischen Vulcan zu ver- 
gleichen. 

Mit Indra^ dessen Geburt schon dem Tvantr ungelegen war, lebt Tvastr 


1) Siebe Niraktt XI f, 19; SäkapQni wir der erst^rua, Aufvavftbb« der letitf^rvn 
Aosicbt. 



332 G. Oppert: 

verfeindet.^) So hat Indra den Trita Äptya zum Kampfe gegen Trastra 
siebenstrahligen nnd dreiköpfigen Sohn Tridiras oder Yi^yaröpa aufgereizt 
(Rigy. II, ]1^ 19; X, 8, 8) und letzterem seine drei Köpfe abgehauen 
(Rigv. X, 8, 89) und seine Kühe geraubt. Tvastr bemächtigt sich deshalb 
aus Rache des Soma, aber Indra dringt in seine Behausung und trinkt aus 
vollen Bechern den Saft (Rigv. III, 48, 4; IV, 18, 3). 

Im ganzen nimmt Tvastr wegen seiner gewissermassen dienstlichen 
Stellung unter den göttlichen Wesen keinen hohen Rang ein, und so findet 
sich auch im Yeda kein ihm ausschliesslich gewidmeter Hymnus. 

Tvastrs Tochter Saranyü wurde die Gattin des Sonnengottes Vivasvat, 
und die Mutter des Yama und der Yami, sowie der beiden Asvins (Rigv. X, 
17, 1, 2). Auch Yäyu wird der Schwiegersohn des Tvastr genannt (Rigv. YIII, 
26, 21), ein Familienverhältnis, das sich schwer erklären lässt. Man Jiat 
die vielfachen verwandtschaftlichen Beziehungen Tvastrs als Yersinn- 
lichungen von Naturerscheinungen, wie Sturm, Gewölk und Blitz, erklärt. 

Die Rbhns. 

Als geschickte, sterbliche Gehilfen stehen die Rbhus, die Söhne des 
Sudhanvan, eines Nachkommen des Afigiras, dem Tvastr zur Seite. Es 
werden ihrer gewöhnlich drei erwähnt, Rbhu (Rbhuksan), Yibhvan und 
Yäja, und nach dem ältesten benannt. Mit ihren Gesellen bauten sie den 
Wagen der Asvins (Rigv. lY, 33, 8) und fabrizierten die falben Rosse 
Indras (Rigv. I, 111, 1). Aus dem Fell einer toten Kuh formten sie eine 
neue und führten sie dem durstigen Kalbe zu (Rigv. I, 110, 8; 111, 1; 
161,3,7; lY, 33). Ihre altersschwachen Eltern verjüngten sie; aus dem 
einen OpferlöflFel Tvastrs machten sie, wie schon oben erwähnt, deren vier 
(Rigv. lY, 33, 3, 4). Die Götter, über diese ihnen von den Rbhus ge- 
leisteten Dienste erfreut, verliehen ihnen auch den Antrieb des Sonnengottes 
Savitr, Unsterblichkeit und Zutritt zu der Yorsammlung der Götter (Rigv. I, 
110,2,4; 161, 1-5; IV, 35, 3, 8). 

Die Gottheiten der zweiten Sphäre. 

Vayu. 

Der Wind, Yäyu, auch Yäta genannt, ist der ursprüngliche Reprä- 
sentant dieser Region (Rigv. X, 158, 1), die er wehend durchzieht (Rigv. Y, 
41, 42). Er fährt auf einem von roten Rossen (Rigv. I, 134, 3) gezogenen, 
glänzenden und mit goldenen Sitzen versehenen Wagen (Rigv. lY, 46, 
4, 5; 48,2). Er gilt als Besitzer des göttlichen Amrta (Rigv. YI, 37, 3) und 
erquickt sich am göttlichen Somatrunk (Rigv. 1,2; 134; 135). Er gilt für 
den Schwiegersohn des Tvastr (Rigv. YIII, 2G, 21, 22) und wird mit dem 
altdeutschen Gott Wotan (Wodan) oder Odin identifiziert. Yor allen ist 
sein Genosse Indra, mit dem er häufig zusammen genannt wird (Indra- 
väyü, Rigv. 1,2; 135; IV, 4(), 47 usw.). Als Hinimelswächter figuriert Yäyu 
im Nordwesten. 


1) Vergleiche über die Beziehungen Tva^tj-s zu Indra das höchst belehrende Bach 
Dr. Emil Siegs „Die Sagenstoffe des Rigveda* pp. 81-81J. Nach Sieg ist Tva^fr als 
Grossvater Indras anzusehen (p. 81). 


Gottheiten der Indier. 333 

Indra. 

Indra, der das göttliche Nass tröpfelnde*) Regengott ist der eigent- 
liche Schatzgott der arischen Indier und wird mit der Zeit zur Haupt- 
gottheit, zum indischen Zeus, zum Beherrscher des Himmels und der 
Atmosphäre. Während der altarische Himmelsgott als Zeus (Zev nareQ) 
bei den Griechen und Jupiter (Diespiter, entsprechend dem sanskritischen 
Dyaus pitar) bei den Lateinern die herrschende Gottheit blieb, wurde, 
nachdem die Arier das heisse Indien betreten hatten, statt des ehrwürdigen 
Himmelsbeherrschers Dyaus^ der klimatisch wichtigere, Eegen spendende 
Gewittergott die Nationalgottheit der indischen Arier, zumal als auch der 
zeitweilig in den Vordergrund tretende Himmelsgebieter Varuna, der himm- 
lische Uranos der Griechen, von Indra ebenfalls bei Seite geschoben worden 
war (Rigv. IV, 42; 124,4). In seiner ursprünglichen Region, in der Atmo- 
sphäre, hatte er sich bald vor Väyu den Vorrang erworben, woselbst ihm 
später mit Väyu gemeinsam die zweite Stelle in der vedischen Trias gehört 
(Nir. VII, 5). 

Die Mutter Indras trug sich mit ihm 1000 Monate und viele Herbste 
(Rigv. IV, 18, 6). Die Geburt Indras bedrohte die Stellung der Götter, 
weil Indra die Oberherrschaft ad sich zu reisseu bestimmt war. Deshalb 
suchten sie seine Geburt zu verhindern. So schlugen Bhaga und Amsa 
schon im Mutterleibe auf Indra und seinen Zwillingsbruder Vivasvat los, 
zwar kam Indra mit dem Leben davon, aber Vivasvat kam als totes Ei 
(mrtam ändam) zur Welt. Nach einer anderen Legende hatte Aditi ihren 
Fötus mit eisernen Banden gefesselt und so auch zur Welt gebracht. Auch 
Tvastr suchte die Geburt seines künftigen Widersachers Indra zu er- 
schweren. Um sich einen Ausweg aus dem Leibe seiner Mutter zu ver- 
schaffen, beschloss Indra aus der Seite desselben herauszugehen.*) 

Aus Furcht und Schamgefühl verheimlichte Aditi die Geburt Indras, 
ihn seinem Schicksal überlassend (Rigv. IV, 18, 5, 10), deshalb macht sich 
dieser auch nichts aus seinem Vater und seiner Mutter (Rig. IV, 17, 12). 

Über seine Abstammung variieren die Angaben. Bald gilt der himm- 
lische Dyaus, welcher sich wegen der Heldenkraft seines Sohnes selbst für 
einen Helden hält (Rigv. IV, 17, 4; V, 59, 2), bald der Unhold Vyaihsa, 
der Indra zu töten trachtete, dem jedoch Indra zuvorkam, ihn erschlug 
und seine Mutter zur Witwe machte (Rigv. IV, 18, 1), 12), als sein Vater. 
Anderswo heisst Indra ein Sohn des Soma (Rig. IX, 96, 5). Agni heisst sein 
Bruder (Rigv. VI, 59, *J), denn beide kamen zu gleicher Zeit aus Puru>*as 
Mund (Rig. X, 90, 13). Nach Säyana (zu Rigv. VII, 20, 5) war Ka^yapa 
der Vater Indras, und das Mahäbhiirata (Adiparva LXXV, 10, 11) bestätigt 
die Annahme, und führt Däksäyaiii oder Aditi, eine Tochter Daksas, als 
Mutter Indras auf. 

1) Der Name Indra ist demnach herzuleiten aus dem Worte indu, Tropfen, oder 
Tielmehr Ton der Wurzel des letztem. Vergleiche hierüber Prof. Theodor Benfey im 
Orient und Occident, I, p. 48 (1802), Prof. Michel Breal in seinem Aufsatz „Hercule et 
Caens^S P- 101 und Prof. Max Müllers Lectures on Language. Vol. II, p. 4:k>. 

2) Siehe Rigr.IV, 13; sowie Siegs Sagenstoffe des Higveda, p. 8(>fr. 


334 


a Oppert; 



Als Sohn der Aditi ist Indra ein Aditya und (lligv. VIT, 85, 4) wird 
er mitVaruna zusammen ein Aditya genannt. Anderswo (Eigv. X, 101, 12) 
wird Nistigri Mutter dei Indra genannt Sie gilt für identisch mit Aditi; 
im Atharvaveda (DI, 10, 12) hoisst Ekä^takä die Mutter Indras, 

Gleich nach seiner Geburt ratft sieh Indra auf und erfüllt den Himmel 
und die Erde mit seinen Wasserfluten, welche der Atmosphäre, dem üigent- 
liehen Sitze Indras entströmen, sodass der Himmel vor ihm erzittert und 
die Erde ihm zu missfallen fQrchtet (Kigv, IV, 17, 2; 18, 5). 

Indras Liehliugsgetränk ist der Somasaft (Rigv, X, 119), er verleiht 
ihm Kraft im Kampf. Der Nengebonie sog schon in seines Yaters Be- 
hausung den Somasaft ans seiner Mutter Brust (Rig\% IHj 48, 2; VII, 93,2), 
ihm verdankt er seine Slego über die Feinde^ zumal über Vrtra, deshalb 
heiaat Indra wohl Soniaa Sohn. Aus dem Hause Tva^trs, mit dem Indra 
von seiner Geburt ab in Streit liegt (Rig. IIlj 48, 4), entnahm er den Soma 
und trank ihn aus zwei Bechern (Rigv. IV, 18, 3). 

Die Gattin Indras i^t die schöne, üppige, nach ihm genannte IndranT^ 
welche mit Agnajri und Yarunani, den Frauen Agnis und Varunas, zuweilen 
zusammen erwähnt ^ird ^Rigv. I, 22, 12; V, 46, 8). Im Aitareya 
Brähmana (III, 22) wird Präsahä nh zwjite Gattin Indrae erwähnt. 

Im Himmel weilt Indra in der Wohnung des Vivasvat (Rigv. I^ 53, 1). 
Hier drängt er Yaruna und die Aeuras bei Seite, erlangt allmählich die 
Oberherrschaft und erscheint an der Spitze der Götter (Rigv. I, 131, 12; 
III, 46, 2; X, 124, 4— ß). Einer Überlieferung zufolge erzwang er sich 
durch Kaateiungen den Zutritt zum Himmel (Bigv. X, 167, 1). Wie Zeus 
und Jupiter schleudert Indra den Donnerkoih Niemand, weder ein Gott 
noch ein Mensch, kann ihm im Kampf widerstehen, denn er ist der Ge- 
bieter aller Wesen (Rigv* I, 33, 15, III, 46, 1) und kann nach Belieben 
jede Gestalt annehmen (Rigr. III, 53, 8; VI, 47, 18). Seine Grösse über- 
ragt den Himmel, die Atmosphäre und die Erde (Rigv. I, 10, 8; 52, 14; 
61, 9; II, 15, 2; HI, 32, 7; IV, 16, 5; X, 89, 4). Er ist der Gott des 
glänzenden Himmelsj er setzt die Erde fest und stützt das Firmament. 
Die Dämonen bekämpft er im Himmel und in der Luft, ebenso wie auf 
der Erde. Er beschützt da& Menschengeschlecht, inabesondere seine ge- 
liebten hellen Arier; allen Geschdpfen, Menschen, Tieren und Pflanzen 
gewährt er erfrischenden Regen. Er vernichtet die Dämonen (Rigv. X\% 
28, 2), wie Vrtra und Ahi, welche die göttlichen Wasser hemmen (Rigv. 
I, 33, 13; 57/5; 61, 12; 80, 2—13; H, U, 8, 18; IH, 48, 5; IV, 17, 1, 3,8; 
X, 48, 2 usw.), und den Unhold Tala, welcher die mikhgeb enden Kühen 
gleichen Regenwolken in seiner Höhle einschliesat (Rigv* I, 11, 15; 13, 
1, 12; II, 12j 3 usw.), sowie den dörren Susna (Rigv. I, 33, 12; 55, 5; 
X, 49, 3). Er zertrümmert die Schlösser des gewaltigen Sambara (Rigv. 
I, 51, 6; 55, 4; H, 12, 11; IV, 26, 3; VI, 47, 21), des Ilibi^a (Rigv. I, 33 12), 
und vieler Anderen. Gegen die schwarzen Urbewohner richtet sich seine 
besondere Wut, und er tötet sie in Menge.*) Im Kampfe stets siegreich, 

1) Von Indra bekämpft wurden überdies noch: Arbuda (Eigv. I, 51, G), Aun^aräblift 
(RigT. II, 11, 18), Karaüja und l'arpaya (Rigv. J, 48, 8; 53, B), Smadibha, Tuifra, Vetasu 
(BigT» VT, 26, 4j X, -i^, 4), Mrgaya, Veg*. Padgrbhi (Rigr. X, 49, 5) u. a. m. 


Gotihetten der Indier. 


sss 


€ffostt ihn doch Furcht nach seiDem Siege über Vrtra. und er flüchtet 
tber H9 Flüssie (Rigv, I, 32, 14), Die Wasser nelimen iiulessen, wie seine 
Mutter Aditi vexsichert, die Schmach auf sich (Rigv, IV, 18, 7). N»eh 
der späteren Sage wäre Vrtra ein Brahmaue geweseti, und Iiidm hfitte «ich 
durch die Tödluüg Vrtras des Bralini an eii morde» schuldig gemacht, Ge- 
5vöhnlich kämpft ludra allein, aber zuweilen stehen ihm Agni und andere 
Gatter, besonders Visnu^ hilfreich tnr Seite- 
Wegen seiner Huld und Unterstützung ist Indra der Liebliugsgott 
der arischen Iiidier und wird deshalb von ihnen am häufigsten angerufen 
(Rigr. X, 103), Dagegen erscheint Indra als Andra im Zeud-A^fsla als 
böser Dämon, Wenn nun der Kultus des regenspendenden Indra nach 

uder Trennung der arischen Völkergruppe wahrscheinlich erst auf dem 
Boden Indiens entstanden ist, wie man auch seinen NameUj der sich weder 
im Griecbifichen noch Lateinischen und Deutgehen vorfindet^ mit dem Wort 
indu, Tropfen'), in Zusammenhang gebracht hat, so würden manche 
•ehwer rerständliehe Angaben aus der Geschichte Indras sich vielleicht 

^leichter erklären lassen. Denn wenn Indra, obgleich ein anerkannter Sohn 
der Aditi, als ein Eindringling io die Keihe der Adityas, als ein Be- 
seitiger der Oberherrschaft der alten Götter und als Usurpator urspröng- 
lich angesehen werden konnte, so mag er dies seiner seltsamen Geburt, 
welche allerdings bald vergessen wurde^ nachdem er sich zur volks- 
tümlichen Gottheit aufgeschwungen hatte, zu verdanken haben. Beachtens- 
wert ist seine dunkle Herkunft als Sohn eines Dämons (Vyanisa),*) auf- 
fallend seine Fesselung im Mutterleibs, befremdend^ dass sein Vater ihn 
tödten will und Indra ihn rödtet, und dass er im Rigveda (Vll, 85, 4) 
wohl als Aditya genannt wird, aber nicht als solcher besonders tiguriert, 
mit ihnen auch eigentlich nicht assoziiert Wenn nun seine Mutter Aditi, 
wie ich zu zeigen versuchen werde, ursprünglich nicht arischen Ursprungs 
ist, so mag auch die Regengottheit Indras in Indien, wo schon aus 
klimatischen Gründen das himmlische Nass von der höchsten Eiedeutnng 
ist, nach der Einwanderung der Arier bei diesen Wurzel gefasst haben* 
Vielleicht steht auch der Kultus Indras mit dem Antagonismus zwischen 
Iraniern und arischen Indiern in Zusammenhang. In späterer Zelt nach 
seiner Absetzung als Herrscher der Götter erieheint dann Indra als ilimmels- 
wächter im Oj^ten* 

Hudra. 

Indras und Väyus vornehmste Gehilfen sind Rudra und seine Söhne, 
die Rudras oder Maruts (Rigv. I, 43; 114; II, 33; VII, 46), Der Gott 
der Stürme wird bisweilen mit Väyu verwechselt und mit Agni, dem Gott 
des Feuers identifiziert. In seinem Ungestüm gleicht er einem wilden 
Eber (Rigv, I, 114, 4), denn er ist seiner Natur nach heftig und zornig. 
Sein Groll muse besänftigt werden; die Bösen aber straft er, und er be- 


1] Im S^upätha Btahm. VI, 1, ^2 wird der Nsme tadra ab ladh». dn Antilader, 
aofgefasst 

2) Siehe Eigv« IT, 18, 1^, 12 Mjm^m nenat Yfsmäa in seineiii l^nuiiiatir ta f* S» 
eiaen D&sa. 

1 



336 O. Oppert: 

kämpft die Dämonen. Er führt den Bogen und schiesst scharfe Pfeile 
(Rigv. Vn, 46, 1). Wie sein Name besagt, brüllt und tobt er.*) Er hat 
ein braungelbes Äussere, starke Backen (Rigv. II, 33, 5, 8) und ge- 
flochtenes Haar, deshalb heisst er Eapardin (Rigv. I, 114, 1, 4). Seine 
Verehrer schützt er und hilft ihnen im Kampf. Er ist wohltätig und 
wohlwollend, schirmt Menschen und Vieh, verleiht Gesundheit (Rigv. I, 
43, 2, 6) und heilt jede Krankheit (Rigv. VII, 46, 2), denn er ist ein 
vorzüglicher Arzt (Rigv. 11, 33, 4), auch kennt er alle Heilkräuter (Rigv. 
I, 144, ö; 11, 33, 2, 13) und reinigt durch den Wind die Luft von Miasmen. 
Später wird er mit Siva identifiziert, doch noch nicht im Rigveda, wohl 
aber im weissen Yajurveda.') 

Ausser Prsni, welche bald als gefleckte Kuh, bald als Sturmwolke, 
bald als Erde aufgefasst wird, erscheint Rodasi zuweilen als die Gemahlin 
Rudras.») 

Die Kndras. 

Die Rudras oder Maruts, die lärmenden, wie Löwen brüllenden 
(Rigv. I, 64, 8), unwiderstehlichen (Rigv. I, 64, 3), die Erde erschütternden 
(Rigv. II, 59, 1), Alles durchbebenden (Rigv. I, 64, 3) und deshalb all- 
gefürchteten (Rigv. I, 85, 8; 166, 4) Söhne des Rudra (Rigv. I, 43, 1, 4; 
64, 2, 12; 85, 1; II, 33, 1; 37, 7; VI, 66, 3; VII, 86, 2 usw.) und der 
Prsni (Rigv. I, 37, 4; 85, i>; 168, 9; II, 34, 2; 57, 2, 3; 58, 5; 59, 6; 
vi, 66, 1, 3; MI, 56, 4; VIII, 7, 17; 20, 3 usw ) haben ihren Wohnsitz 
im Himmel (Rigv. I, 85, 2). Ihr Wagen, an dessen Radfelgen sich scharfe 
Klingen befinden (Rigv. I, 166, 10), wird von Antilopen gezogen. Sie 
stürmen, unaufhaltsam und schnell wie Rennpferde (Rigv. II, 34, 1; 
VII, 56, 16) dahin, durchbrechen die Wolken (Rigv. I, 85, 10) und zer- 
stosseu Alles mit ihren Lanzen, den Blitzen (Rigv. I, 64, 4). Mit dem 
Wasser, das ihrer Mutter, der Regenwolke Prsni entströmt, überschwemmen 
sie die Erde und vordunkeln den Tag (Rigv. I, 38, 9; 39, 5). Selber frei 
und makellos, reinigen sie Alles (Rigv. I, 64, 2). Mit ihren goldnen 
Waffen, mit Blitz und Donnerschlag, vernichten und zertrümmern sie, was 
ihnen entgegentritt, indessen sind sie auch gütig und wohltätig. Ihre 
Gaben erstrecken sich über das Reich der Aditi (Rigv. I, 166, 12); ihre 
wertvollste Gabe ist der fruchtbare Regen, welcher gute Ernten, Wohl- 


1) Das Wort Rudra wird von der Wurzel ru, brüllen, abgeleitet. Den Puränas 
zufolge kommt es von der Wurzel rud, weinen und von dru, rennen (Rodanad drava- 
näccaiva Rudrah), weil Rudra weinte und hemmlief. Nach den puranischen Legenden 
fragt Brahma seinen weinenden Sohn Rudra, warum weinst du? und da er sich einen 
Namen wünschte, nannte ihn Krahmü Rudra, mä rodih, weino nicht. Nach einer andern 
Sage sprach dies Indra zu dem von ihm in Stücke geteilten Sprössling der Diti und des 
Kasyapa, den 19 Maruts (Vi§uupuräi^a I, VII 1 und XXI). 

2) Siehe Väjasaneji Saiiihita XVI und XXXIX. Das Vijnupuräijia berichtet, dass 
Brahma, als sein Sohn Rudra trotz seinem beschwichtigenden Zureden noch sieben Mal weinte, 
diesem noch sieben andere Namen gab, welche den sieben Manifestationen Rudras oder 
Sivas entsprechen sollten: nämlich: Bhava, Sarva, Isüna, Pasupati, Bhima, Vi^TA und 
Maliädeva. Den acht Rudras wurden auch Gemahlinnen, Kinder und Gebiete zugewiesen 
CVi§i;iupuraiia I, VIII). 

3) Als Dual bedeutet Rodasi Uimmcl und Erde. 


X. dSs. II. li^ W«^^B dtr TOB OmeB dem bHirm im Kampfe ^e$eci Vrtn 
peleEftiKefi HHIe «rbuten sie ÜDsterUiclikeit i Ri^. L 57. 5». AI$ wene 
Begleiter d» Gefol^ ladras bildend, sind sie nxeisxecs mit diesem Gv^n 
zswnme& (Risr. L lö^v 10^ nnd singen sein Loblied ;Ri$T. IIL S:L S: 
T. :?^. •>:. ^ 

Ihre Zahl wiid Terschiedenartig an^^ben. b;ild 7 ^. 7. bddd 7 \ ^: 
BigT. VILL fö. -^ stehen ^3 Mamts dem Indn bei. gewöhnlich wird aber 
die Zahl der Rndns anf elf beschrinki '^ Mann konstitmeit mit Jen 
MarntSw welche mit den Ra«lras des Teda identisch sind, eine besondere 
Tierte Gmppe. Indra. als Vi^nu wird dann der Führer der Mamts.^» 

Farjanva. 

Als donnernder Scurmgon figuriert Paijanva neben den Manits. Ur- 
sprünglich ein Asnra. ein Sohn des Dyaus v^Rigv. VII, 102, 1\ wirvl er 
selbst mit letzterem, dem HimmeL identifiziert und der Gemahl der Ei\le 
(Atharv. Xu. 1. 12. 42^. er wird aber auch den Adityas zugezahlt. Übrigens 
bedientet das Wort parjanya schlechtweg im Ve^la auch Wolke und 
Regen. Als rerkvrpertes Unwetter erzeugt Parjanya ^Rigr. V. S;>: VIL 
101, 1«>J^ den Regenguss: ror ihm erzittert *lie ganze Schöpfung yRigv. 
T, tfS, 2^. er herrscht über die Walser und über alle lebenden Wesen 
(RigT. VIL 101, 2\ Wie ein brüllender Stier zerstampft er die Baume 
and erschlägt die Dämonen; er entsendet aber auch erfrischenden Regen 
und macht Menschen. Tiere und Baume fruchtbar ^RigT. V. 83. 1: 
^T. 5?, l»i: VII. 101. L 2). Er ist identisch mit dem lithauischeu Donner- 
gott Perkunas.*) 

Die GoHheitni der dritten Sphire. 

Die Vasns. 

Den 12 Adityas und 11 Rudras stehen '"^ strahlende Vasus lur Seite. 
Letztere gehören der dritten Sphäre an und waren ursprünglich unter der 
Leitung des auf der Erde residierenden Feuergottes Agni*"^, später kamen 
sie unter die Aufsicht des eigentlich der zweiten Region angehC^rigen 
Indra in seiner Eigenschaft als Väsava. Die Vasus. deren Charakter und 
Wirkungskreis schwer definierbar sind, dürfen ebenfalls als Vertaner von 
Naturerscheinungen gelten. Ihre Xamen variieren. Im Mahabharata 


1> TaittiriTa-Sanihitä II. 2, 5. 7: 11. 1: Tmittir. Brähm. II, T. 2, 2 ttsw. w^rvlen 7x7 
erwilmt Über ihre Namen siehe Taittir. Samh. IV. 6, .'>. ö: V:oaneTi<amhiti XVII, *^» 
bis Sl usw. Vis^oparüna I. K> enth&lt die Namen der 11 Kutlras, anvloro abweicheiiiio 
Namen geben das Vüja-. MatjcTa- und BhägaTata-Puräna. 

2 Siehe Vi$nupuraua I, XXI L 

3) Im Lettischen ist perknns. Donner oder der Donnergott, ihm ent>prioht da> ah- 
preottische percunos. Donner, altslawisch pernn, polnisch pierun uuvi böhmi>oh 
perann. 

4) Nach VisQopuräi^a I, XXII ist TäTaka, der Feuerirott. auch ein Name für Aj;ni, 
das Haopt der Vasas. 


338 G. Oppert: 

(Ädiparva 66, 18, 19) heissen die acht Yasavas: Dhara, Dhruya, Soma, 
Ahas, Anila, Anala, Prafyasa und PrabfaäBa.^ 

Abstrakte GOttergebOde* 

Die älteren und ursprünglichen Götter waren, wie schon bemerkt» 
meistens verkörperte Elemente und Naturerscheinungen, ihre Stellung und 
Ansehen waren zudem beständigen Wandlungen unterworfen. Die ältesten 
und vornehmsten Gottheiten, die Asuras, traten mehr und mehr in den 
Hintergrund; ihr anfängliches Oberhaupt, der ehrwürdige Yaruna, musste 
seinem jüngeren Kollegen Indra weichen (Rigv. YIII, 21, 7); aber dieser 
hatte später wiederum anderen mächtigeren Nebenbuhlern Platz zu 
machen. 

Im Laufe der Zeit vollzog sich überdies ein anderer Wechsel. 
Dichterische Begeisterung wich grüblerischem Nachdenken; Lobgesänge, 
Danklieder und Bittlieder ersetzten Schöpfungstheorien, Gebete und 
Liturgien. Aus diesen Betrachtungen entwickelten sich abstrakte Götter- 
gebilde, die als Herrscher (pati) auf bestimmten Gebieten erschienen. 
So entstanden der Herr des Gebets (Brhaspati oder Brahmanaspati) auch 
der Herr der Rede (Yäcaspati) genannt, der Herr der Geschöpfe oder der 
Schöpfung (Prajäpati), der Herr des Feldes (Ksetrapati, Rigv. IV, 57), 
der Hort des Hauses (Västospati, Rigv. YH, 54, 55), auch als Beiname 
für Indra gebraucht, der Herr der Bäume (Yanaspati, Rigv. YIH, 23, 25), 
für dessen Sohn Agni gilt und andere mehr.*) Unter diesen Gottheiten 
genossen Brhaspati und Prajäpati das grösste Ansehen und die allgemeinste 
Yerehrung. 

Brhaspati. 

Brhaspati, als Herr des Gebets Brahmanaspati genannt (Rigv. II, 23, 2; 
YII, 1)7, 3), denn Brahman bedeutet in diesem Fall die den Göttern zu- 
kommende Andacht. In seiner Stellung als Oberpriester (Purohita) der 
Götter tritt er bei ihnen als Fürsprecher für die Menschen ein (Rigv. X, 
98, 1), und ist als göttlicher Beter und Opferer das besondere Yorbild der 
Priester (Rigv. I, 18; 40; 190; H, 23-26; IV (49); 50; YI, 73; YII, 97, 98; 
X, 71; 98; 182 usw.) und ihr Lieblingsgott, denn durch ihn erlangen sie 
Ansehen und sichern sich ihre Berufstätigkeit, da Brhaspati die Opfer ein- 
setzte und diejenigen schirmt, welche solche verrichten (Rigv. H, 24, 1). 
Die Konzeption des Gottes Brhaspati entstand übrigens erst auf dem 
indischen Boden. Wer Brhaspatis Himmel und Erde bindende Gebets- 


1) Die Namen der 8 Yasos laaten verschieden; im Mahabhärata, Ädiparva, (>6, 18, 19: 

18. Tasjä^t^u Yasayah paträs te^äm Tak^yämi vistararo 
Dharo Dhravasca Soma^ca Ahascaivänilo^ nalah 

19. Pratyü§asca Prabhavasca Vasavo' §taviti smrtah. 

Vergleiche auch Vi§i;inp!irai^a I, XV: 
Apo Dhruvasca Somasca Dharascaivanilo' nalah 
Pratyü^asca Prabhäsasca Vasavo' $tau prakirttitah. 

2) Z. B. Rathaspati, der über Wagen pr&sidierende Genius (Rigv. V, 50, 5; X. (>4, 10), 
Iijaspati, der Herr der Libationen, eine Bezeichnung für Püsan (Rigv. VI, 58, 4), Brhas- 
pati und Parjanya (Rigv. V, 42, 14). 


OottheitcD der Indier 


formell! ausspricht^ wird selbst zum Brahmaiiaspati* Äla Herr des heiligen 
Wor^ wie der zauberkräftigeu Rede (Yäc) ist Brhagjtati auch Väcaepati. 
Er ist der Herr und Führer der himnilischen Heerscharen; Terweilt im 
Himmel, im Äther und auf der Erde (Rigv. l\\ 50, 1 ; VII, 97. 8> Wie 
Agni erhebt er sich Tom Altar (Rigv, 11, 23. 3) zu den tidttern, und er ge- 
währt den Frommen Anteil an dem (iöttermahl {Rigv. 11, 23, 7), Brahma- 
iiaspati erschuf wie eiu Schmied durch Aublaseu und Schmelzen die Götter 
(Rigv. X, 72, *i), Brhaspati ist mit Agni und Indra eng verbunden, be* 
kämpft mit letzterm die unholde (Rigv. IV, 50, 1), verdrängt aber späterhin 
ludra aus seiner Stellung und übernimnit die Führung der Götter, [u der 
Folgezeit wird er mit dem Planeten Jupiter ideutifiEiert. 

Pra^iapati. 
Prajfipati, der Herr der Geschöpfe, erscheint, wie aus seinem Namen 
hervorgeht, in zweifacher Bedeutung schon im Rigveda, sowohl als beson- 
dere, aber nicht hervorragende Gottheit, wie auch als oiue Yerschiedenen 
Göttern gemeinsame Schöpfungskraft, aus der sich dann allmähli^ durch 
Abstraktion der monotheistische, mit Brahma identische fiottesgedanke ent- 
wickelte. In drei Stelleu iRigw X, 85, 43; 16^,-1; 184, 1) wird zu Prajä- 
pati um Nachkommenschaft und Vieherzeugung gefleht, während der Name 
Prajäpati sonst auch dem Saritr CRigv% IV, 53, 2), Hiraiiyagarbha (Rigv* X, 
121, 10) und Sonia (Rigv. IX^ 5, 9) beigelegt wird. Diese abstrahierende 
Hinneigung manifestiert sich zumeist in der dem Prajäpati als Ka (Wer?) 
geweiliten Hvnine (Kigv»X, 121), wie auch iu den beiden an Vii^vakarman^ 
den Alles tuenden, gerichteten Liedern (Rigv. X, 81, 82). Selbst Indra wird 
als der Schöpfer, als Vit^vakarman aller Dinge (Rigv. YIIl, 87 |98] 2) be* 
zeichnet Diese ünentschiedenheit über die Stellung des Prajäpati zeigt 
sich noch im weissen YajurTeda (Tajasan. S. XXXI, 19: XXXll, 5) und 
in Atharva^oda (X, 7, 7, 17, 40, 41; 8, Vi; XI, 3, 52; 4, 12 usw.); in beiden 
nimmt er noch nicht die t^rste Stellung ein. In einigen Abschnitten des 
Satapatha Bndimaiia wird Prajäpati als untergeordneter Mitwirker bei der 
Schöpfung, iu anderen aber als die Quelle der Schöpfung angesehen und 
sogar mit dem Universum identifiziert (8at. Bn 11, 2, 4, 1: Yll, 5, 2,6; 
Xr, 5, 85 1). Anderswo (Käthaka Xll, 5: XXVII, 1; PancAvimsa Br. XX, 
14, 2) wird Väc, die Rede, mit Prajäpati* der bald als ihr Vater, bald als 
ihr Sohn (Rigv, IX, 84) erseheint, bei der Schöpfung assoziiert. In Manns 
Rechtskodes (XH, 121) vertritt Prajäpati den Genius Her Erzeugung. Die 
Bedeutung Prajäpatis liegt demnach in dem Umstände, dat^s die einem 
gewissen abstrakten Monotheismus sich zuwendende Sinnesr ich taug der 
Inder in der Aufstellung des Welt^chöpfers Prajäpati zum Durchbruch kam. 
Ausser den oben erwähnten Bezeichnungen wurde im höchste Wesen auch 
Svayambhn CSelbst^eiend, Ätharva V, X, 8, 44; XIX, 53, 10), Paramesthin 
(der Oberste, Atharv. IX, 3, 1), Tat (das Das) nsw, genannt 

Vidvadeväh* 

Alle diese und noch viele andere vedischen Gottheiten werden im 
Veda unter dem Oesumtnamen Visvadeväh oder Visvedevah, d* h. alle 
Götter verehrt und sind ihnen unter dieser Bezeichnung fünfzig Gesang» 


H 



340 G. Oppert: 

im Rigveda gewidmet. Wie das Wort als Adjektiv auf einzelne Gott- 
heiten, wie Indra, Savitr, Brhaspati, Väyu und Soma angewendet wird 
(Rigv. Vm, 87, 2; V, 82, 7; IV, 50, 6; I, 142, 12; EX, 92, 3; 103, 4), so diente 
es auch schon in früher Zeit zur Bezeichnung einer besonderen Götter- 
gruppe*), welche späterhin, zumal bei der Verehrung der Vorfahren, zu 
grösserer Geltung kamen. Dem Visnupuräna gemäss waren die Visva- 
deväh die Söhne des Dharm'a und der Visvä, einer der 60 Töchter des 
Daksa und der Asikni.*) Die den Visvadeväh geweihte Zeremonie, das 
Vaisvadeva, gilt der Verehrung der Götter, Manen und Geister. Sie bildet 
einen beträchtlichen Teil der Sräddhas oder des Ahnenkultus, und nimmt 
durch die erforderlichen täglichen Opfer den Familienvater sehr in An- 
spruch. Die Zahl der die Visvadeva-Gruppe bildenden Gottheiten variiert 
gewö